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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 24
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Hiasl, der Spekulationsflößer.

Dort, wo die jugendliche Isar mit ihren lichtgrünen Wellen in munterem Laufe, die tirolische Heimat verlassend, bayerisches Gebiet berührt, dort liegt in entzückender Schönheit der uralte Ort Mittenwald zu Füßen des majestätischen Karwendelstockes, im Westen bewacht vom wildzerklüfteten Wetterstein, der seinen Namen nicht mit Unrecht führt, denn er bringt das Unwetter, alles Schlechte von seinen schauerlichen Schrofen herab zu den prächtigen Bewohnern Mittenwalds. Einst ein rhätischer Volksstamm, später von den römischen Legionen unterjocht, sind die Mittenwalder recht brave Bayern geworden und der Hiasl mit. Das hat er auch Anno 1870 kraftvoll bewiesen, so daß er mit dem eisernen Ehrenzeichen auf der breiten Brust heim kam. Da hat der sakrische Bursch dann gesungen im Wirtshaus, wie's draußen und in Frankreich g'wesen ist:

»Mir san (wir sind) die tapfern Bayern,
Sagt jeder, der uns kennt,
Waren stets die Flotten
In unserm Regiment.

Im Juli Anno 70
Da ging der Teufel los,
Da wollte uns verschlingen
Der stolze Herr Franzos.

Da riß er wie vom Zaune
Herunter einen Streit,
Weil er glaubte, Deutschland
Sei nicht einig, kampfbereit. 42

Diesmal hat er sich verrechnet,
Der schlaue Bonopart,
Die Deutschen haben sich
Gar schnell zusammeng'schart.

Und sind mit stolzem Mut
Gen Frankreich ausmarschiert,
Und haben die Franzosen
Gehörig regaliert.

Bei Weißenburg, ihr Leut',
Da gab es großen Streit,
Da ging's in Sturmeslauf
Den hohen Gaisberg 'nauf.

Wir gaben kein Pardon
Dem stolzen Wüstensohn,
Haben alles niederg'rennt
's ganze Regiment.

Wir denken unser Lebtag
An Hagenau und Wörth,
Was das für ein Gemetzel,
Das war ja unerhört.

Wie dort die Menschen lagen,
Wie Berge aufgeschicht',
Dennoch ging es vorwärts,
Das Frankreich ward besiegt.

Frankreich ist die Parole,
Paris das Losungswort,
Daß ihn der Teufel hole
Den großen Lügner dort.

Und immer Mann an Mann
Ging's immer drauf und dran,
Das hab'n ma uns ang'wöhnt
Beim Regiment.

So oft der Hiasl ins Wirtshaus kam, allemal mußte er das Lied singen und im Chorus sang dann alles mit. Seine Buben kannten das kernige Lied auch schon, weil der Vater es ihnen vorgesungen, wenn er abends heimkam von der Flößerarbeit. Der kraftvolle Hiasl war seines Zeichens 43 ehrsamer Flößer auf der Isar, ein kreuzbraver Mensch mit Fäusten wie Hämmer, ein stämmiger Bursch, der durch seiner Hände Arbeit das kleine Anwesen rüstig in die Höhe arbeitete und ganz nach Herzenswunsch 's Liesel heimführen konnte, als er Kronenthaler genug beisammen hatte. Sein Liesl war gar ein handsames Weibsbild, nicht groß, aber damisch fleißig und eine »Häuserin«, wie nicht leicht wieder eine zwischen Scharnitz und Walchensee. Das war auch notwendig, wie der Hiasl viel von Haus weg war, allweil unterwegs mit seine Flöß, die er bald als Floßknecht, dann aber auf eigene Rechnung isarabwärts nach München brachte. Und während der Kriegsjahre gar, da hat die Liesl ausg'standen grad g'nug. Der Mann fort, in Frankreich drin, keine Stund vor dem Zuaveng'sindl sicher und das Weib alloani, zwei Buben im Haus und einen unterm Herzen. Aber tapfer wie der Mann im Feld, so hielt sich das brave Weib wacker am häuslichen Herd und verzagte nicht. Mit einer Dirn ließ sich die Bauernarbeit schon bewältigen und ein Auskommen finden. Freilich Würst' und Fleisch kamen nicht zu viel auf den blankgescheuerten Tisch, aber das macht nix und den Buben war die Schmalzkost »eh'« (ohnehin) lieber.

Wie der Hiasl wieder kam, da ging's dann gleich anders. Der fuhr ganz sakrisch drein in die Arbeit, z'erst z'Haus auf'm Lechen (Lehen = kleines Bauerngehöft), daß alles wieder völlig in d' Reih' kam, und dann drunten am Wasser. Langholz hatte das Forstamt genug schlagen lassen und harrte des Verflößens nach Tölz und München, und der fleißige Hiasl, der die »Mucken« der wilden Isar genau kannte, der fuhr wie der Teufel los und sicher brachte er die Flöße hinaus. Ihn genierte keine Stromschnelle, und das gefürchtete Winkelwerk, die »Reiben« (Wendungen) hätte er mit verbundenen Augen ausfahren können und die »Schuß« (Wehrfahrten) machten ihm mehr Vergnügen als Befürchtungen. War hier und da der Wasserstand niedrig, 44 er fuhr doch und nahm dann einen Flößer mehr mit wegen der Arbeit zum Flottmachen. Aber er fuhr nicht oft auf und wenn, dann ging's wie das leibhaftige Donnerwetter ins kalte Wasser, die Bretter flogen hinaus an den schweren Seilen und kraftvoll ward das Floß emporgehoben, bis die Wellen es wieder erfaßten und die Fahrt weiter ging.

G'rad unser Hiasl ist so einer von den Arbeitern auf'm Wasser, von denen ein berufener Kenner, wie Max Haushofer, schreibt: »Die Männer von Lenggries und aus der Jachenau stellen zu dem Geschäfte der Flößerei Arbeiter von erstaunlicher Kühnheit und Gewandtheit: Arbeiter, welche in Bezug auf Technik wohl von den berühmten Schwarzwaldflößern auf der Kinzig und Wolf, an Kühnheit aber nirgends übertroffen werden. Die Flößer aus dem Isarwinkel sind ein Geschlecht von Riesen, gewohnt, mit wilden Bergwassern zu kämpfen.« Ja einer von diesen, das war unser Hiasl, der einige Jahre hindurch durch die Flößerei einen guten Verdienst hatte, bis eine Stockung eintrat. Das Forstamt hatte wenig schlagbares Holz zum Verflößen, das wenige war bald weg und für die Isarflößer kam, da neue Flöße nicht zuzurichten waren, die verdienstlose Zeit des Feierns. Dem Hiasl paße diese Nichtsthuerei gar nicht, er zählte die Batzen und schob seine langen Beine nüber über die Grenze in die Scharnitz auf tirolischem Boden, wo die Römer (daher der Name Scarbia) einst geherrscht und die Franzosen unter Ney im Jahre 1805 die alten Befestigungen verwüstet haben. Noch war der Zoll auf Nutzholz nicht so hoch; der Hiasl spekulierte also auf Tiroler Langholz zum Verflößen auf eigene Rechnung nach München. Müßt' mit dem Teufel zugehen, wenn er sein Floß nicht gut anbrächte auf der unter'n Länd' zu München. Gelang ihm auch richtig ein paarmal und allemal brachte er in der Geldkatz' die profitierten Kronenthaler wieder 'rein in die Berg'.

Dann aber kam's gach (jäh) anders. Wieder hatte der Hiasl Flöße, und zwar diesmal eine große Anzahl, am 45 Isarufer zu München liegen, aber kein Holzhändler ließ sich blicken. »Holz g'nug!« hieß es überall, wo der geängstigte Hiasl auch anfragte. Wär' aus'm bayerischen Wald so viel Holz mit der Ostbahn kommen! Von Tag zu Tag wartete der Hiasl auf Käufer, das Ländgeld machte dieses Warten bereits kostspielig, der Ländmeister verlangte den üblichen Lagerzins (Ländgeld). Der Hiasl rannte wie verzweifelt herum, bis er endlich einen Käufer fand, aber der gab kein Bargeld. Bloß ein Handgeld, das andere in drei Monat. Der Hiasl biß in diesen sauern Apfel, denn was wollte er machen; das Ländgeld zwang ihn, die Flöß' zu demontieren und aus dem Wasser zu ziehen. Der Holzhändler ließ die Langhölzer holen und der Hiasl schlich trübselig auf der Landstraße heim. Was ihm schwante, traf ein, die Spekulation mißglückte, der Mann zahlte nicht und das schöne Langholz war pfutsch. Arbeit unten an der Isar gab es auch nicht mehr, kein schlagbares Holz vorhanden, also auch keine Zurichtarbeit. Dazu der Winter vor der Thür. Vorbei schien die Zeit des Verdienstes, wie jene für immer geschwunden ist, als die Mittenwalder Flößer Bozener Wein und Südfrüchte zum Wassertransport übernahmen, da der Handelszug von Augsburg, der Fuggerstadt, von Nürnberg über Mittenwald nach Tirol und Italien führte und von Florenz und Venedig mit Kostbarkeiten wieder heraus über Bozen und den Brenner auf Saumrossen in die Scharnitz und nach Mittenwald, von wo die Straße über Partenkirchen hinaus ging in das weite Gebiet deutschen Gewerbefleißes. Eine glückliche Zeit damals, von der den Mittenwaldern die schwungvolle Geigenindustrie geblieben ist. Wie das Dampfroß über den Brenner kam, war's vorbei mit der glücklichen Zeit. Dem Hiasl sein Großvater und dieser wieder vom Ahnl, die wußten noch zu erzählen von der Pracht und Herrlichkeit zu Mittenwald, als Haupthandelsplatz zwischen Venedig und Nürnberg. Die Venetianer wurden vom Herzog Sigmund beleidigt und deshalb 46 verlegten sie ihren Bozener Markt nach Mittenwald, wo sich die Stallungen und Warenlager immer mehrten. So bauten Richter, Rat und Gemeinde zu Mittenwald im Jahre 1470 ein eigenes, großes Warenhaus und an der Lände unten für den Wassertransport einen Stadel mit einer Stube. Sie zeigten dies dem Bischof Johann von Freising als Landesherrn an mit den WortenJ. Baader, Chronik des Marktes Mittenwald. Nördlingen 1880. C. H. Heck.: Sie hätten ein gemeines Haus für Ballen und anderes Gut erbaut, damit die Güter und Kaufleute vor Unrat verhütet werden. Jeder Wagen, der beim Ein- und Ausfahren der Straße mit Trockengut ankommt und dieses im Ballenhaus niederlegt, soll dafür ein Kreuzer Hausgeld zahlen. Wird aber anderes Gut darin niedergelegt, so soll von demselben wie von den Ballen ein Hausgeld gegeben werden. Liegen Güter länger als eine Nacht, so sollen sie von jeder weiteren Nacht zwei Pfennig oder einen halben Kreuzer geben. Dafür aber soll solche Kaufmannschaft den Kaufleuten getreulich bewahrt werden.

In den damaligen Warenhäusern wurde großes und kostbares Gut niedergelegt. Aus der Levante und Italien waren aufgestapelt alle Gewürze und Südfrüchte, Ballen mit Baumwolle, Pfeffersäcke, Lageln mit Kamlit, Säcke mit Zitwar, Büschel Filetseide in Löschen, Truhen mit Kanel, Säcke mit Johannisbrot, Büschel mit Löschen, schwarze und weiße Poccaschyn enthaltend, Lageln mit Muskatblumen, Säcklein mit Safran, Säcke mit allerlei Gewürzen und Fastenspeisen, Säcke mit Ingwer, Nägelein und Zibeten, Taffata und Joppenseide, Schreibpapier, Weihrauch u. s. w. Aus Schwaben, Franken, Bayern, Sachsen und den Rhein- und Niederlanden wurden nach Tirol, Venedig und noch weiter verladen: Fässer mit Kupferdraht, Viertelfässer mit weißen Blechen und Messing, Bodenfässer mit schwarzem Eisen, Schocke mit Stürzen (Sturzhauben), Säume mit 47 Gewand, Tücher von Aachen und Putzbach, Frankfurt, Friedberg und Seligenstadt, Säume mit Gewand von Köln, blaue Tücher, rote und weiße Kyrsaten, Speyrer und Herrnthaler Tuch, Ballen und Fässer mit Barchant, Pansern, Hundskappen, Haarbändern, Nadeln, Fingerhüten und Messern, Buchsbaumkämme, Kröpf-, Geiß- und Luchsfelle, Lädlein mit Gold und Silber, und Häftlein, mit Abenteuer gezeichnet u. s. w.

Das Leben und Treiben in Mittenwald vermehrte das Geleite der Kaufleute, Krämer, Pilgrime und anderes fahrendes Volk, reitende und laufende Boten, die von den Kaufleuten des deutschen Hauses in Venedig und aus den großen deutschen Handelsstädten mit ihren Geschäftsbriefen hin- und hergesendet wurden. Die Augsburger Boten, die durch Mittenwald kamen, waren von Venedig bis Augsburg oft dreizehn und vierzehn Tage auf dem Wege; die Nürnberger Boten liefen diesen Weg gewöhnlich in kürzerer Zeit. Der Bote Balthasar Nagler aus Nürnberg legte denselben im Jahre 1473 in zehn Tagen zurück.

Einhundertundzweiundneunzig Jahre hielt trotz mancher Störungen diese Blütezeit an, dann wurde 1679 der Markt von Mittenwald wieder nach Bozen zurückverlegt und Handel und Wandel und Industrie verfiel bis auf die Geigenindustrie.

Von der Geigenmacherei versteht schier jeder Mittenwalder was, seit Mathias Klotz am 11. Juni 1653 geboren ist. Auch der Hiasl, freilich nicht so viel wie jener Hiasel, der nach seiner Lehrzeit beim Geigenmacher Amati sein Heimatsdorf zum bayerischen Cremona machte, in dem es klingt und singt und von dem aus liebliches Saitengeschwirr durch die Welt klingt.

Dem Hiasl sein braves Weib war's, das zuerst den Gedanken bekam, es solle der Hiasl, weil jetzt eine gar so notige Zeit 'kommen sei, probieren, ob mit der Geigenmacherei was zum Verdeanen sei. An einem stillen Winterabend war's: 48 dem Hiasl sein Weib saß mit den drei Buben beim Ofen und erzählte ihnen die alte Sage von den zwei Jungfrauen, die vor Zeiten in der Judengasse zu Mittenwald lebten und von denen niemand wußte, von woher sie waren. Da ging einmal ein Holzknecht in den Rain an den Karwendel hin und da hörte er aus dem Wald schreien: »He, Jochmann! sag zu den seligen Jungfrauen in der Judengasse: ›Der Strutzi mutzi ist tot!‹« Der Jochmann richtete das aus, die Jungfrauen gaben keine Antwort, aber von jenem Tage hat sie kein Auge mehr gesehen und niemand hat mehr was von ihnen gehört.

Dem Hiasl sein Weib seufzte dabei und meinte, wenn doch die seligen Jungfrauen noch da wären, die könnten schon helfen in dieser Zeit der Not.

Der Hiasl sagte nichts, machte sich aber eine ganze Menge von Gedanken. Mit der Geigenmacherei war's nichts, das sah er bald selber ein, seine Fäuste paßten zum Schneckenmachen nicht, auch nicht für die Wirbel und Stege, höchstens zur Not zum Korpusmachen, aber auch da hätte es viel zu langer Zeit bedurft, um die notwendige Gewandtheit zu erreichen. Den wackeren Verleger dauerte der kreuzbrave Hiasl, wie er so demütig vor ihm stand und um Verdeanst bat. Vom Holz thät der Hiasl ja was verstehen, das könnt' also gehen beim Einkauf von Fichten- und Ahornholz und dann könnt' der Hiasl Aufseher werden in der Sägmühle, wo das klingende Holz zu Deckeln, Böden, Zargen und Hälsen zerschnitten wird, bis die Stücke nach langem Lagern völlig getrocknet den Geigenmachern zur Bearbeitung übergeben werden.

Wie dem Hiasl die Augen glänzten bei dieser Eröffnung! So rührend war der lange Kerl in seiner Dankbarkeit, daß dem Verleger ganz weich wurde ums Herz. Mit einem Handgeld für den Anfang schob der Hiasl auf sein Lechen zu, glückselig wie noch nie.

Einen besseren Aufseher und Arbeiter hätte der Verleger 49 gar nimmer kriegen können; der Hiasl erlangte das vollste Vertrauen seines Brotherrn, der von Zeit zu Zeit sich erkundigte, ob's jetzt wieder aufwärts ginge beim Hiasl. »Freili, gelt's Gott tausendmal!« meinte dann der Hiasl. Nach Jahr und Tag bekam der Verleger auch heraus, wie's dem Hiasl mit seiner Spekulation übel erging und der wackere Mann wußte auch da Rat. Er forschte der Sache nach, ermittelte den Holzhändler in der Stadt und seinem Einfluß gelang es, für den Hiasl den größten Teil der Forderung einzubringen. Jessas dös Glück!

Mit Erlaubnis seines Brotherrn durfte der Hiasl, wenn es in der Sägmühle stiller mit der Arbeit wurde, wieder flößen und auch dadurch etwas Geld verdienen. Nur vom Spekulieren wollte der Hiasl nichts mehr wissen, auf eigene Rechnung fuhr er nimmer. Und wie's dann wegen der Eisenbahn allweil magerer wurde mit dem Floßverdienst, da steckte der Hiasl die Flößerei ganz auf und blieb Sägmüller für den Geigenmacher schlicht und recht. 50

 


 

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