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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 22
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Grenzregulator.

Drei Jahre wird's beiläufig her sein, daß der bayerische Oberzollaufseher von Kiefersfelden im Unterinnthale den langgehegten Wunsch, seine Junggesellenstube mit einer Pendule zu schmücken, damit er, wie das Grenzaufseherpersonal, stets weiß, wie viel es geschlagen hat, zur Realisation zu bringen sich entschloß. Früh morgens ließ er seinen Gaul vor das Wägelchen spannen und eine Viertelstunde später stellte sein Kutscher das »Zeugl« beim »Auracher« in Kufstein ein, während der Oberzollaufseher sich zum Uhrmacher begab, wo Regulatoren in reicher Auswahl vorhanden waren. Das Herz that einem weh und die Ohren sausten einem, wenn die Uhren alle zu schlagen begannen. Für zehn österreichische Gulden war eine Pendule endlich erstanden, doch halt! Just im Augenblick, wie der »Zehner« in die Tasche des Uhrmachers glitt, fiel es dem Käufer ein, daß der Regulator ja zollpflichtig sei beim Eintritt in königlich bayerisches Land.

»Wenn der Herr Oberzollaufseher sonst keine Schmerzen hat, das zollfreie Hineinbringen wär' das wenigste,« meinte der tirolische Uhrmacher lachend.

»So?« erwiderte der Aufseher.

»Ja ganz genau. Ich wette um fünf Gulden, daß der Regulator über die bayerische Grenze kommt und wenn Sie selbst mit allen Grenzern aufpassen, wie die Haftelmacher.« »Na, das möchte ich doch sehen,« erklärte der Oberzollaufseher und hielt die Wette, die am nächsten Sonntag bei Pauli in der »Klause,« eine der berühmtesten Tiroler 34 Weinkneipen hart an der Grenze der »gefürchteten« (Scherzwort für »Gefürstete«) Grafschaft Tirol und dem Königreich Bayern, ausgetragen werden soll.

Gegen Abend ließ sich der Oberzollaufseher heimfahren und gleich nach der Ankunft wurde das Grenzpersonal zusammengerufen und von der Wette mit dem Bemerken verständigt, daß der Oberzollaufseher zehn Mark als Preis für denjenigen aussetze, der den Regulator samt den Schmuggler »abfängt«.

Nun ging's mit Feuereifer hinaus in die finstere Nacht; eine lebendige Zollkette wurde aufgestellt bis zum Inn und den Thierberg hinauf, mit Luchsaugen durchbohrten die Grenzer die rabenschwarze Nacht. Hart an der Grenzgemarkung hatte der Chef selbst sich postiert und lauerte auf den Überbringer des Regulators. Müßt' mit dem Teufel im Bunde stehen, wenn ein gewöhnlicher Sterblicher ungesehen über die Grenze käme. Der Kufsteiner Uhrmacher muß die Wette verlieren; ist doch sehr einfältig von dem Tiroler, eine aussichtslose Wette zu parieren. Der Mensch muß eine kuriose Meinung von der bayerischen Grenzwache haben, daß er so 'was riskiert. Na, der soll am Sonntag im »Terlaner« (Tiroler Weißwein) schwimmen, aber auch die ganze Zeche berappen.

Von der Kufsteiner Kirche schlägt es bereits vier Uhr, sachte beginnt es zu dämmern und noch immer ist nichts, absolut nichts zu sehen. »Durch« ist der Regulator nicht, wenigstens auf der Landstraße nicht. Der Oberzollaufseher wird »springgiftig« und giebt das Signal zum »Sammeln.« Keiner der Grenzer hat etwas wahrgenommen, trotz der gespanntesten Aufmerksamkeit nicht das Geringste. Bis auf die gewöhnliche Wache wird das Personal entlassen, mit dem Bedauern auf den nicht erwischten Zehnmarkpreis kriecht alles in die Federn zur verspäteten Nachtruhe. Am ärgerlichsten der Oberzollaufseher, der schon im Bett dem Kufsteiner furchtbare Rache schwört. Mitten im Sinnieren, 35 wie er den Tiroler »schlenken« (uzen) kann, schlägt es im Zimmer deutlich fünfmal und fröhlich tickt es dann weiter im gleichmäßigen Tempo.

Schockschwerenot! Mit einem Satze ist der Oberzollaufseher aus dem Bette. Richtig, in der Ecke hängt eine Pendule, ein Regulator, sein Regulator von Kufstein, vollständig aufgezogen und auf die Minute die richtige Zeit anzeigend. Der Aufseher greift sich an die Stirn, er zwickt sich in die Ohrläppchen, um sich zu versichern, ob er wacht oder träumt. Nein, es ist kein Traum, der Regulator ist wirklich da. Wie der aber über die Grenze kam? Die Erklärung dafür muß er augenblicklich haben. Das ganze Haus wird alarmiert, die erschrockenen Grenzer fahren aus den Federn und greifen nach den Waffen, als wäre die Station überfallen.

Kein Mensch weiß, wie der Regulator hereingekommen ist. Eine ganz unfaßbare Geschichte.

Alle Hausbewohner werden vernommen, zum Schluß auch der Kutscher. Der war nicht wenig erstaunt, daß wegen des Regulators so ein Spektakel verursacht wird.

Wie der Regulator ins Zollhaus kam? Ganz einfach. Der Kufsteiner Uhrmacher übergab dem Kutscher die Pendule für den Herrn Oberzollaufseher, und ohne weiter was zu denken, schob der Kutscher die Uhr in den leeren Futtersack und fuhr mit dem Herrn und der Uhr im Wagen gemütlich heim. Zur Abendfütterung fand der Kutscher den Regulator wieder, hing ihn im Zimmer seines Herrn auf und dachte weiter an nichts, als an Roß und Stall.

Das ganze Grenzpersonal lachte, wie es den Sachverhalt erfuhr. Nur der Oberaufseher nicht, der selbst zum Schmuggler geworden war.

Er verzollte die Pendule ordnungsgemäß, zahlte die verlorene Wette, und seit jenem Tage trägt er den Spitznamen: der »Grenzregulator«. 36

 


 

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