Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Achleitner >

Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 19
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Der Schmeißrinnbock vom Gamskarspitz.

Wer mit der Selzthalbahn durch das Oberennsthal eilt, weiß nicht, welch' stolze Hochlandsgegenden sich in den stillen Seitenthälern zwischen dem reizenden Schladming und dem einsam-schönen Gröbming rechts der Enns aufbauen in voller Majestät des Hochgebirges, manchem Teil der Schweiz vergleichbar, nur wilder noch in wuchtigen Felspartien und weniger betreten vom Fuße des neugierigen Touristen.

Ins stille Sattenthal kommen nur der Jäger von Beruf, die »Schwarzgeher« und die Almleute. Einige Stunden lang dehnt sich das schmale Hochthal, bis der Gamskarspitz und der Rücken der majestätischen Hochwildstelle nebst Dependenzen es mit starren Felsblöcken abschließen.

In dieser Felswüste haust der steirische Zlatorog, der Schmeißrinnbock vom Gamskarspitz, der seine eigene Geschichte hat. Seit beinahe einer Decade schont ihn des Jägers Rohr, nach unendlich schwierigem Anstieg in eine fürchterliche Rinne unter dem gigantischen Gamskarspitz hat der Jäger noch stets den Stutzen abgesetzt, wiewohl der alte Gemsbock in sicherer Schußlinie stand. Trifft ihn die Kugel, so wird der Schütze nie von diesem Bock einen ganzen Knochen erhalten, denn überschlagend muß der Bock im Absturz in Atome zerschellen. Alle Versuche, ihn aus seinem waidmännisch gesicherten Einstand herauszutreiben, sind bislang gescheitert, der schlaue Kamerad geht augenblicklich hoch, und seinen Einstand zu übersteigen, haben einige Wildpratschützen bereits mit dem Tode gebüßt. Das »Bauchwehgassel« heißt im Volksmunde jene Rinne, die schräg unter dem Gamskarspitz zu dem Einstand des Bockes 107 führt, weil nach Ansicht der Sattenthaler jedem vor Angst übel wird, wenn er mit Menschenfüßen die gräßliche Felsenstelle passieren soll. Und die Rinne, in welcher der Bock steht, heißt die Schmeißrinne, weil es den Gams »derschmeißt« (schmeißen = werfen), wenn er zu Sturz kommt.

Den Jagdherrn reizte es, diesem sagenhaften, langjährig geschonten Bock endlich einmal energisch auf den Leib zu rücken. In der »Schwoagerstuben«, einer großen aufgemauerten Alm im Sattenthale, ist die Gesellschaft zum morgigen Trieb auf den steierischen Zlatorog versammelt. Hinten am offenen Feuer prasseln die Holzscheite und verbreiten nebst Rauch angenehme Wärme, am Tisch auf den grobgehobelten Bänken haben wir uns zum Abenddiskurs niedergelassen, der Jagdherr, trotz der abgebrauchten »kurzen Wichs« eine aristokratische Erscheinung, der Jagdleiter, unter dessen wuchtigem Tritt die Felsen erzittern, der sehnige Forstmann und Schrecken aller Wildpratschützen und meine Wenigkeit. Für das morgige »Riegeln« sind alle Dispositionen getroffen, nur für das heutige Übernachten noch nicht. Zwei Betten im oberen »Gaden« sind frei, dann die »Kreister« der Sennerinnen, aber letztere finden bei uns »Wissenden« keine Liebhaber. Lieber ins Heu!

Wie lange es trotz der Müdigkeit dauert, bis der ersehnte Schlaf kommt! Würzig duftet das frische Heu in der Scheune, fast wird der Geruch betäubend. Die Liegerstatt ist nicht hotelmäßig, durch den Wettermantel hindurch sticht das Heu auf die nackten Kniee so kitzlig, als wäre ein Regiment brauner Blutsauger in Attacke begriffen. Links liegt es sich schlecht, auf der rechten Körperseite nicht gut, das Heu ist zusammengedrückt, man spürt den harten Tennboden in allen Knochen. Durch die Holzfugen streicht der kalte Nachtwind, das Scheunenthor schließt schlecht, wozu auch, gestohlen wird ja nichts und kann auch nichts werden, ab und zu kommt aus dem Stall nebenan ein Laut, von fern bimmelt die Blechglocke einer Almkuh, die ihr spätes 108 Futter sucht. Ein heiliger Friede ringsum, nur der nahe Brunnen plätschert, fleißig und munter eilen die Wellen des Bergbaches vorbei. Mein Schlafkamerad ist hinüber ins Reich der Träume, nicht lange dauert 's und er »orgelt« in mächtigen, tiefen Tönen, die sich allmählich zum Getöse einer Dampfsäge steigern. Prachtvolle Gutturaltöne, wie sie in Tirol und Steiermark so schön gedeihen, wilde Weisen, die so schwer in Worte zu fassen sind. Eine Zeitlang gab ich mich ganz dem Genusse des Zuhörens hin, aber es waren gar schreckliche Lieder ohne Worte.

Wo der Mann nur diese vollendete Kunst erlernt hat? – Ihn aufzuwecken nützt gar nichts, denn im Mondenschein, der sich durch die Ritzen der Holzwandung stiehlt, sehe ich deutlich, daß der Gute nicht einmal auf dem Rücken liegt. Und dennoch diese mächtigen Orgeltöne!

Ich zwinge mich zum Schlafen und endlich fallen doch die müden Augen zu.

Wache oder träume ich, es wird mir so feuchtkalt und dabei weht mir doch ein warmer Atem ins Gesicht. Soll das dem Jägerfranzl sein Dackel sein, der uns aufzuwecken kommt? Schlaftrunken heiße ich das Vieh weggehen, aber das Schnüffeln dauert fort. Himmelkreuzdonnerwetter, mach' daß du weiter kommst! Und ein Fausthieb fährt auf das Vieh. Ein grausender Laut und das Biest hüpft im Fackeltrab davon. Weg war der Schlaf. Gleich darauf kommt auch schon der Franzl zur Tagreveille.

Das »Riegeln« hat begonnen, langsam steigen die Treiber, eine Schar kerniger Burschen, die in einigen Jahren fesche »Belgier« abgeben werden, an; mit dem »Spektiv« lassen sich die Bewegungen der Treiber genau verfolgen, wie sie geschmeidig, ohne viel Bedenken, Klüfte überspringen und immer höher klettern die Wände hinan auf kaum handbreitem Steigl. Jetzt wird 's auch für die Schützen Zeit zum Anstand, in längstens einer Stunde muß der erste Treiber ins »Bauchwehgassel« eingestiegen sein und wenn's 109 glückt, ist der sagenhafte Schmeißrinnbock heute unser. Waidmanns Heil!

Langmächtig sitzen wir schon am Stand, aber es riegelt sich nichts. Sollte unser Zlatorog vorzeitig hochgegangen sein? Wie die »Lichter« auch arbeiten, nichts zu sehen, kein Laut zu hören; doch von ferne ertönt ja das »Duhliä«, deutlich ist bereits das »Wallerzen« (Jodeln) zu hören. Heiliger Baumbach! Wenn jetzt der Zlatorog vom Gamskarspitz schußgerecht herabsausen würde! Wär' das ein Glück! Der Beschreibung nach muß ja der Schmeißrinnbock auf den ersten Blick erkennbar sein.


Vergeblich, unser Zlatorog ist nicht gekommen. Die Treiber sind heil herunter, aber nicht um einen Leiterwagen voll neue Guldenzettel gingen sie noch einmal ins Bauchwehgassel, versichern die Burschen, die vor dem Verdacht, zu wenig Schneid zu besitzen, erhaben sind. Der Schmeißrinnbock wär' eben zu flink und augenblicklich hochgegangen, wie er den ersten Treiber gespürt. Und der Treiber habe viel zu viel auf seine »Haxen« (Füße) aufpassen müssen. Ja, aber die andern?

Ja, beteuerte der Kaschthaler Hans, 's war a Böhmischer unter uns, wie der »Pozor« (Achtung) g'schrieen hat, hat der Bock Reißaus nehmen müssen.

Trotz des Ärgers über den mißglückten Trieb lachten wir aus vollem Halse und wirklich, weiß der Kuckuck, wie der Bursch in das stille, wildromantische Sattenthal Obersteiermarks gekommen ist, es war ein veritabler Böhmak, ein Gegenstand allgemeinster Heiterkeit bei Brentlerinnen und Holzern, deren stoa(n)steirisches Deutsch der radebrechende Czeche gottvoll übertrumpft. Aber Kraxeln (Klettern) kann er trotz seiner Angehörigkeit zur heiligen czechischen Nation so famos, als hätte seine Wiege auf dem – Dachstein gestanden.

Unser Zlatorog äst inzwischen ruhig weiter. Wer ihn wohl herabbringen wird?? – – 110

 


 

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.