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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 17
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Schneckengangerl.

Das einzig schöne Berchtesgadner Landl ist die Heimat des Schneckengangerl, eines stämmigen Burschen, so wild wie seine engste Heimat, rings umschlossen von himmelanstrebenden Felskolossen im Schoß der wuchtigen Alpen. Schon von klein auf äußerte sich in dem Kaserbuben ein Trotz und Stolz, der ihn mit den Jahren völlig isolierte. Ein mildthätiger Bauer hat das Büawerl aufgenommen an Kindesstatt, als die armen Eltern rasch nacheinander weggestorben waren. Es waren»Zuag'roaste« (Zugereiste, Fremde) gewesen, der Vater ein Flickschneider, der zu den Bauern in die »Stör« (auf Tagesarbeit mit Verpflegung) ging, die Mutter eine Hausiererin mit Geschirr, brave, aber schauerlich arme Leute. Im Landl ließ sich ein Geschäft machen, und so blieben sie, bis alle Gehöfte abgegangen waren. Wie sie aus dem Jammerleben schieden, besaß der Woaselbua (Waisenknabe) außer seinem rupfenen Hemdchen und der Leinenhose nur noch ein Paar abgetragene Holzschuhe. Der Rest an Geschirr und die paar Kreuzer vom Vater reichten kaum für die »Leich'« hin, und so mußten die Leutln auf Gemeindekosten begraben werden.

Die schönsten Tage verlebte der kleine Gangerl (Wolfgang) gerade nicht auf dem Hof seines Gutthäters, die Bäuerin wie die Knechte und Dirnen sahen den kleinen Buben für einen überflüssigen »Hoangast« (Heimgast) an der Suppenschüssel an und ließen ihm deutlich genug fühlen, daß er ein »Ang'nummas« (angenommenes, adoptiertes Kind) war. Das verhärtete das Gemüt des Woaselbuben gar bald und machte ihn rasch selbständig, für die häufigen 97 Püffe und Bosheiten der Eh'halten wußte sich der Gangerl jederzeit zu rächen, der Kuhdirn legte er heimlich Tannbuschen unters Betttuch, wenn sie ihn gachlings beim Milchnaschen erwischte und dafür gründlich beim Schopf nahm, den Knechten mischte er Nußblätter unter den Tabak und ähnlichen Schabernack mehr, wofür er natürlich Hiebe mehr wie Knödel bekam.

Auf der Alm that der Bub auch »kein gut«, er lag lieber auf dem Rücken und guckte in das Firmament und ließ die Gaisen äsen, wo sie wollten. Die Sennerin konnte sie dann zusammen suchen, wenn sie sich verstiegen hatten. Dafür interessierte sich der Bub umsomehr für das Fischen im Königsee, für das Vogelstellen, und Wildschlingen konnte er legen besser wie die Raubschützen. So wild der Bursche war, so zutraulich wurde er bei den Holzern, die ihn zu allen schlechten Streichen abrichteten. Wenn er für sie Saiblinge und »Oabasseln« (eine mindere Fischart im Königsee) fangen sollte, da entwickelte er eine staunenswerte Findigkeit im Nichterwischenlassen und eine Schnelligkeit, während er Aufträge des Bauern so langsam ausführte, daß man ihn kurzweg den Schneckengangerl nannte. Dieser Name blieb ihm fortan, auch bei dem neuen Bauern, als er endlich wegen seiner nichtsnutzigen Streiche davon gejagt worden war. Dann verschwand er eines Tages auch da und es hieß, er sei ins Österreichische hinüber.

An zwanzig Jahre mochten ins Land gezogen sein, da kam auch der Schneckengangerl wieder über die Tauern herüber. Er war im Landl, aber kein Mensch wußte, wo er haust und wovon er lebt. Im Forstamte spürte man seine Anwesenheit bald, aber es gelang trotz erhöhter Wachsamkeit nicht, den Burschen abzufangen. Auch der Bauer am Brandkopf hatte keine Ahnung, wo des Gangerls Liegerstatt war, wiewohl der hagere, schier zaundürr gewordene Bursche öfter auf dem Gehöfte zusprach. Aber für den Handelsartikel des Gangerl hatte der Brandhofer ziemliches Verständnis. Der 98 Bursche verkaufte nämlich geheimnisvolle Mittel zum Wettervertreiben, Schußsichermachen, Unsichtbarmachen, Verlorenes wieder zu beschaffen u. s. w., die reichlichen Absatz fanden.

Mit einem Raffinement sondergleichen wußte der Schneckengangerl zu sondieren, ob bei den Bauern der Aberglauben groß genug war, daß er mit seiner Handelschaft beginnen konnte oder nicht. Beim Brandhofer gelang es gleich in der ersten Minute durch ein drastisches Mittel. Der Bursche entnahm einem Blechbüchschen etwas Fett und bestrich des Bauern Stirne damit. »So Bauer, hiazt gehst dreimal ums Haus, na' gehst auf mi zua und giebst mir, wennst net unsichtbar bist, a sakrische Watschen,« sagte der Schneckengangerl.

Richtig, der Bauer marschiert um das Haus rum und geht dann schnurstracks auf den Gangerl zu, der ihn allerdings kommen sieht, aber thut, als wäre der krummbeinige Bauer leere Luft.

»No, siahgst mi oder net?« fragte der Bauer. Der Gangerl versicherte ernsthaft: »Na, nix, wo bist denn?« und dabei griff der listige Bursche immer neben dem Bauern in die Luft.

»Jeß', bin i wirkli unsichtbar,« frohlockte der Bauer und versetzte dem Buben einen Backenstreich.

»Ah, da bist ja!« rief der Gangerl und setzte dem erstaunt zuhorchenden Brandhofer auseinander, daß die Wirkung der Salbe mit dem Augenblick aufhöre, wie der Bestrichene jemand anderm eine Ohrfeige versetze oder selbst eine erhalte.

An jenem Tag kaufte der Bauer vom Gangerl das »Schmalz der Cappelsberger Glocken«, welches das Gewitter vertreibt, einen Hasenlauf von einem am 1. Freitag im März geschossenen Hasen, der Kraft giebt und die Lenden stärkt, und etwas Samen vom Bilsenkrant zum Regen machen. Wie eben der Schneckengangerl die drei Kronenthaler einschieben will, kommt die Sennerin von der Brandalm 99 heruntergerennt, um dem Bauern zu vermelden, daß 's ganze Vieh durch den gestrigen Sturm versprengt sei. Der Bauer flucht, daß die kleinen Fenster scheppern, aber er weiß für den ersten Moment auch keine Hilfe und kratzt sich hinter'm Ohr. Ob der Gangerl 'was wüßt' zum Wiederfinden der versprengten Vieher? Freilich, mit dem Stecken da, den der Gangerl nun in die Höhe hob, mit diesem Hexenstecken könnte er das Almvieh schon wieder zusammenbringen, aber »umensunst« ist der Tod und der kostet 's Leben. Für einen Preußenthaler extra will der Gangerl die Wunderkraft des Stockes zu gunsten des um sein Vieh besorgten Bauern erproben, doch muß der Bauer mit der Sennerin, die das Vieh genau kennt, mit einer großen Almglocke schellend und laut rufend sieben Stund, sieben Minuten und sieben Sekunden, um keinen Schnaufer weniger oder mehr auf die Suche gehen.

So geschah's, und richtig schon nach wenigen Stunden war das durch die Rufe der Sennerin und das Geläute herbeigelockte Vieh wieder bei einander. Nur eine Kalben (Jungvieh) hatte sich so verstiegen, daß das frierende, zitternde Rind auf dem Felsblock einer Gemse gleich die Füße unter dem Leibe zusammengezogen hatte und den Kopf weit vorstreckend ängstlich brüllte, indes der Schweif wagrecht vom Leibe gereckt war. Der scharf loosende Gangerl hatte das Angstgeblök des Rindes bald vernommen und sich über seinen Stand in den Wänden orientiert. Die Frage war nur, wie das Rind herunterbringen, denn im Sprung geht es nicht und durch das Latschengestrüpp auch nicht gut. Aber der Gangerl mit seinem geschmeidigen Körper kroch katzengleich durch das Gestrüpp und brachte auf diesem selbstgeschaffenen Pfade das Tier herab, das willig dem Retter folgte. Dem über diese Rettung des wertvollen Rindes hocherfreuten Bauer sagte der listige Gangerl, der geheimnisvolle Stock sei Ursache, daß alles Vieh wieder heil bei der Hütten sei, und das glaubte der Bauer steinfest.

100 Von nun an glaubte der Brandhofer überhaupt alles, was der Gangerl wollte. Er kaufte dem Burschen für sündteueres Geld die Unsichtbarkeitssalbe ab, durch die er Geld verdienen will, viel Geld. Nicht etwa, daß der Brandhofer sich Geld durch Diebstahl beschaffen will, wie der alte Holzer am Arzbach, der mit anderen die Rentamtskassa zu Tölz stehlen und sich durch den zweiten Finger eines unschuldigen Knäbleins »unsichtbar« machen wollte. Sie hatten einen »Erdspiegel« bei sich und hielten ihn vor sich, da aber der Teufel vor ihnen gestanden und ihnen aus dem Spiegel zugeschaut hatte, so haben sie die Flucht ergreifen müssen und haben so von dem Gelde aus der rentamtlichen Kassa nichts erhalten.»Volksmedizin und Aberglauben in Oberbayerns Gegenwart und Vergangenheit« von Dr. M. Höfler, München, Ernst Stahl, 1888. – Nein, stehlen will der Brandhofer nicht, aber »schwirzen«; wenn er sich unsichtbar machen kann, dann können die Grenzer aufpassen, wie sie wollen. Dann braucht er auch nicht mehr den beschwerlichen Weg übers Torrennerjoch auf seinen Paschgängen zu machen, sondern kann auf der Landstraße beim Mauthamt, beim Drachenloch und bei Schellenberg bequem vorbeigehen.

Der Schneckengangerl hat sich nach dem Handel mit der Salbe für die Unsichtbarkeit auffallend rasch vom Brandhof entfernt und ist nicht mehr zu dem Bauern gekommen. Das machte den Brandhofer nach einigen Wochen stutzig, und wie neben dem krassesten Aberglauben stets das größte Mißtrauen wächst, so traute der Brandhofer auch der Wundersalbe nicht recht und beschloß, eine Probe zu machen. Samstag war es just, der Bauer drückte sich nach dem Mittagessen den einsamen Steig durch das Stangenholz hinab ins Dorfwirtshaus. Inmitten der Holzknechte, Bauern und Schiffleute gedachte der Brandhofer die Probe zu machen. Er entnahm der Blechbüchse unter dem Tisch etwas von der Salbe und bestrich sich die Stirne, wobei er that, als 101 wäre ihm fürchterlich heiß. Dann wartete er auf eine günstige Gelegenheit.

Just hat der Schiffmeister, der neben dem Brandhofer sitzt, ein frisches Glas Bier erhalten. Der Brandhofer denkt sich, als Unsichtbarer kann ich ganz gut dem Schiffmeister jetzt die Halbe Bier austrinken, ohne daß mich jemand sieht. Gedacht, gethan – keiner sagt was, nur guckt der Schiffmeister seinen durstigen Nachbarn recht spöttisch an, als wollt' er sagen: Du bist mir amal a Notniggel! Aber gesagt hat er nichts. Durch den Erfolg kühner geworden, ißt der Brandhofer dann dem Sägmüller die besten Brocken Kalbfleisch vom Teller und wieder sagt keiner was am Tisch. Das macht den Brandhofer völlig sicher. Er will jetzt die Generalprobe machen.

Bloß zum Spaß, bei Leib nicht aus Ernst will er dem Schiffmeister den dicken Geldbeutel rausstibitzen aus dem Hosensack und ihm selben dann in die Tasche der Lodenjoppe stecken. Richtig hat der Brandhofer die Finger in der Hosentasche des Schiffmeisters, aber dieser hat auch den Brandhofer fest beim Kragen gefaßt und auf die Lederne des Brandhofer regnet es Hiebe.

»Wart' Lump, i wir dir 's Geldbeutelstehlen vertreiben,« hieß es und dann trischackten die Schiffsknechte erst den »Unsichtbaren«, bis ihnen die Arme vom Zuschlagen müde wurden. Mit einem Fußtritt des Dorfwirtes flog der Brandhofer, dem ganzen Dorfe sichtbar, auf die Chaussee hinaus.

Der Schneckengangerl ist wieder verschollen. Am Drischübel will ihn einer gesehen haben, aber man weiß es nicht gewiß. 102

 


 

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