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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Glücksschuß.

Die Carolin' von der Schwarzentenn-Alm drinnen in die Tegernseer Berg' grad unterm gigantischen Roßstein ist nimmer gar z'jung, aber auch nicht so alt, daß sie keinen Buam mehr haben sollt. Ja die verdrahten Stadtherrn karessieren oft sehr stark mit ihr, wenn's den Weg hineinfinden in die herrliche stille Bergwelt, zu der alten Almhütte, die der Großvater vom jetzigen Bauer im Jahre 1775 im Schwarzentenn erbaut hat. Es liegen in dem kleinen, abgelegenen Thalkessel mehrere Almen bei einander, aber keine ist so sauber gehalten, wie der Carolin' ihre Hütten. Alle Tag nach dem Melken reibt sie den Holzboden so blank, daß er wie gelbes Wachs erglänzt, und ihr Kammerl ist g'wiß und wahrhaftig grad nobel tapeziert, so gut es eben der Carolin' ihre schwieligen Finger fertig gebracht haben. Eine Hofdam' würde sich freilich über das geblümte, schreiende Muster der Tapete mokieren, der Carolin' und ihrem Schatz gefällt dies Kunstwerk aber und andere Leut' geht's eigentlich »nichts an nicht«.

Gar zu jung ist also die Carolin' nicht und übermäßig sauber auch nicht, dafür ist sie schier sechs Bauernschuh groß, grobknochig, unmenschlich fleißig, ein Sparkassabüchl hat sie auch, und ihr Schmarrn mit Kaffee, der darf sich im ganzen Tegernseer Landl »schmecken« lassen.

Mit einem »Retzel« (Schmarrn-Mehlspeise mit Butter und Milch angemacht) hat sie auch das Herz des Schmalzsepp gewonnen. Der Sepp hat eine besondere Vorliebe für recht schmalzige Kost, darum trägt er auch den Spitznamen 90 »Schmalzsepp«. Dabei ist er aber »kainzig« (mager, dürr) wie ein Steckerlfisch, der von Georgi bis Michaeli bloß eine Fliege verzehrt hat. Es schlägt nichts an bei ihm, wiewohl er für dreie ißt. Der Schmalzsepp ist ein himmellanger Bursch, sehnig und trotz seiner Magerkeit im Besitz einer ausgiebigen Körperkraft, die ihm bei seinem Geschäft im Holzschlag droben sehr gut zu statten kommt. Ein harmloser Bua mit einem Gesicht, als könnt' er nicht bis fünf zählen. Wenn er nichts im Kopf hat, ist es auch nicht so arg mit ihm, aber Feiertags, wenn er die »Abgeschabte« auszieht und mit der »Frischgewichsten« (kurze Lederhose) nach Tegernsee wandert und ihm nach Amt und Predigt das Klosterbier zu Kopf gestiegen ist, da dürfen ihrer fünfe oder sechse fest arbeiten, bis sie den Schmalzsepp vor der Wirtshausthür draußen haben. Buben unter sechs Fuß und mit weniger wuchtigen Fäusten gehen dem Schmalzsepp gewöhnlich aus dem Weg, die paar, die die Schneid zu arg geplagt hat, sind gehörig trischackt worden und ballen die Fäuste im Sack, wenn sie seiner ansichtig werden.

Recht viel Freund' hat der Schmalzsepp nicht, am allerwenigsten bei den »Herzoglichen«, denen er wieder ausweicht, wo es möglich ist. Sie und er wissen schon warum und der Amtsrichter auch. Seit dem letztenmale passen die herzoglichen »Grünspecht« dem Hirnknecht (Knecht, der das Holz »über Hirn« zuhaut,) höllisch auf, aber die fünf Wochen Zellengefängnis haben dem Schmalzsepp viel weniger zugesetzt als die dumme Fleischkost des Gefängniswärters. An einem Irta (Dienstag) haben sie ihn wieder auslassen müssen, weil die Sitzzeit um war. Die Mirl von Abwinkel hat ihn in der Zillen (kleines Boot) mit über den See genommen, und nicht lange darauf war der Sepp auch schon oben auf der Schneid. Im Aufsteigen hat der Sepp damisch stark an die Carolin' denken müssen, die er jetzt so viele Wochen nicht mehr, mit keinem Aug' gesehen hat. Was sie wohl g'macht hat in dieser langen Zeit außer Butter und Käs', 91 denkt der freigelassene Sepp. Gleich zu ihr »hinteri« (= hinten) hat er nicht gehen wollen wegen dem dalketen G'red' von die Leut und noch wegen was anderm.

Oben im Latschenhang weiß der Sepp ein Fleckel mit einem großen Stein darauf, unter welchem er seinen größten Schatz heimlich aufbewahrt. Ein Abschraufstutzen liegt mit einer Gamshaut umwunden drunter, und diesen muß er zuerst wieder begrüßen, nachher erst die Carolin'.

Wie es halt schon so geht in der Welt. Die Freud' über die neugewonnene Freiheit war beim Sepp unmenschlich groß, ganz selig hat er den Stutzen an die Brust druckt, mit dem Hahn hat er spielen müssen, das Kapsel ist noch gar nicht grünspanig g'wesen, der Schneller steht auch noch. Natürlich hat der Sepp 's Zielen auch probieren müssen, ganz gut sitzt die »Fliegen« vorn am Lauf, schad' daß mer (man) nicht schießen darf. Er will auch gar nicht schießen, weil sonst der Amtsrichter so mörderlich schimpft bei der Einlieferung. Aber die Büchs wird man doch noch in der Hand halten dürfen, und wenn der Sepp die fünfzehn Mark beinander hat, dann kauft er sich ganz g'wiß auch noch die dumme Jagdkarten oder a seidenes Kopftüchel für die Carolin'. Das letztere wird eigentlich g'scheiter sein, denn was nutzt die Jagdkarten, wenn er sie überhaupt kriegt, ohne Erlaubnis zum jaagern. Und wie der Sepp so vergnüglich und harmlos sein'n Stutzen probiert, da steigt so a schwarz-brauner Teufel durch die Latschen herauf, daß dem Sepp 's Herz pumpert und die Händ' zittern, und im Kopf wird ihm von der rauhen Bergluft so heiß, es dreht sich alles im Hirn und bums – der Schuß ist draußen und der schwarzbraune Teufel bricht im Feuer zusammen. Bloß ein kleines, weißes Wölkchen steigt auf, dann ist es wieder ruhig und still im Revier.

Auf der anderen Seite des weiten Graben hat es den »Herzoglichen« schier zu Boden gerissen, wie der Schuß in den Wänden widerhallte. Bewegungslos sitzt der Jaager 92 auf seinem Platz und äugt mit dem »Spektivi« jedes Steinchen drüben in der Schußgegend ab. Schier zwei Stunden spekuliert er schon, aber es rührt sich nichts. Muß ein verdammt schlauer Kamerad sein da drüben, der sein G'schäft versteht. Wenn die Sonne nur grad heut um ein paar Stunden länger heroben bleibet; aber so wird es schon ganz dusterig (dunkel) und das Abfangen des Burschen sehr schwer.

Wie der Schuß aus dem Lauf war, ist auch dem Sepp siedheiß der »Herzogliche« vom Tagdienst eingefallen und »frei letz« (fast übel) ist ihm bei dem Gedanken worden. Aber nur den Kopf nicht verloren. Die paar Schritt kriecht der Sepp am Boden so ruhig wie eine Blindschleiche zum Versteck und birgt den abgeschraubten Stutzen wieder ins geheime Platzl und thut den Stein wieder drauf. Jetzt müßt einer den Stutzen riechen, denn sehen kann er nichts. Dann kriecht der Sepp vorsichtig unter den Latschen weiter bis zu einem wilden Gestrüpp, dort ist er gedeckt und da bleibt er nun liegen, bis es völlig Nacht geworden ist. Das ist eine höllisch langweilige Arbeit, dieses Nichtmucksen bei zusammengezogenem Körper. Wenn er nur wenigstens rauchen könnte dabei, aber das geht nicht, sonst sieht und riecht ihn der schlaue Jaager. So vergehen unendlich langsam die Stunden und die Sterne sind schon über die schwarzen Bergzacken heraufgekraxelt und senden ihr Silberlicht in die majestätische Nacht. Jetzt wird es Zeit, den Gams zu holen. Still flaxelt der Sepp die Ständer auf, wirft die Beute über den Rücken und schiebt dann in lautlosen Schritten unter der Schneid hinüber zu der Carolin' ihrer Hütten, wo er im Heuboden den Gams versteckt. Dann schleicht er zum Kammerthürl und drinnen ist er. Die Carolin' hat es geahnt, daß er heut noch kommt, und deswegen hat sie das Thürl offen lassen.

War das eine Freud und ein Halsen.

»Weilst nur wieda da bist,« frohlockte die Carolin' und dann stellte sie den Kaffeehafen auf und fachte die 93 verglimmende Flamme am offenen Herd aufs neue an. Wie die Spreißeln aufprasselten und roten Schein verbreiteten, erblickte die Carolin' den »Schweiß« an der Joppe des Burschen und im selben Augenblick verrammelte sie auch schon die Hüttenthür mit dem hölzernen Querriegel. Dann aber putzte sie ihren Buam herunter in einer saftigen Strafpredigt, daß ihm schier Hören und Sehen verging. Kaum aus'm »Häusl« raus, muß er schon wieder nauf! Als wenn er 's net erwarten könnte, bis er wieder eing'locht wird! Der Loder, der sakrische!

Ehe noch der Sepp versprechen kann, es nicht wieder zu thun, klopft es an der Thüre und ein Hund giebt Standlaut. Jessas, der Herzogliche! Hiazt geiht's schiaf! Mit einem Ruck druckt die Carolin' den Buam unter den Kreister (Bett) im Tapetenkammerl, vergißt aber 's Thürl zuzumachen.

»Wer draußen waar?« fragte dann die Carolin' an der Thüre. »I, der Lenz,« brummte es zurück und die Thür war offen. Mit einem »Grüaß Gott!« trat der Jäger ein und hart an seinem Fuß auch der Dackel. Ein starker, schöner Mann, von dem a Watschen für drei langen kunnt. Er setzt sich zum Herdfeuer, grad als wenn er da zu Haus wär, und legt die Büchsen über die Knie. »Is wer da g'we'n bei dir, Carolin'?« fragt dann der Jäger.

»Bei mir?«

»Ja.«

»Na.«

»So, nacha halt net. – Hast a koan Tuscher g'hört uma sechse?«

»Na, g'wiß net.«

»Bist wohl terret (gehörlos) word'n sitter heunt? (seit heute)«

Die Carolin' ward rot und blaß vor Angst und Verlegenheit. In größter Seelenruhe verlangt der Jäger ein Glasl Enzian und geschäftig holt die Carolin' den 94 Magenstärker, indes der Dackel am Kreister rumschnurrelt und seine Entdeckung durch Winseln seinem Herrn anzeigt.

»Dackel, da herein!« ruft der Jäger. »Laß den Sepp nur liegen unterm Kreister.«

»Jeß', Maria!« schreit die Carolin' und läßt die Enzianflasche fallen.

»Schad' um den Schnaps,« sagt trocken der Jäger. Dann ruft er dem unter dem Bett versteckten Sepp zu, herauszukommen.

»Hiazt is' 's aus,« murmelte die Carolin', indes der Sepp hervorkroch.

»So Sepp, hiazt g'hörst mein, leugnen nutzt nichts, den Gams draußt im Heu wirst woltern net ableugnen wollen, oder eppa do? (etwa doch)«

»Na.«

Dann rauchte der Jäger still vor sich sinnend weiter, daß man die Paffer hören konnte. Der geängstigten Carolin' perlten die Thränen herab und ganz zerknirscht stand der Seppel vor dem Herzoglichen. Kaum heraußen, muß er morgen wieder ins Loch, das wär noch 's wenigst, aber der Amtsrichter, der wird weiters nicht losdunnern, wenn der Sepp schon wieder eing'liefert wird.

Nach einer Weil' sagt der Herzogliche, es wär eigentli doch schad um den Sepp. Gar so dumm hat er seine Sach' nicht einmal g'macht, das Stillschweigen hätt' den besten Jaager täuschen können. Nur beim »Aufbrechen« hat der Sepp z'wenig auf'paßt und den »Schweiß« z'wenig z'ruck'g'halten. Mit einer kleinen Anleitung wär so ein Bursch wie der Sepp ganz gut z'brauchen, und eine Hauptsach' wär, daß er alle Schlich' von die Wilderer kennt. Der Forstmeister will zwei Burschen einstellen, hm, Sepp, wennst ehrli bleibst furtan, na' vergiß i den Gams draußt im Heu und nimm di als herzoglichen Jaagerknecht mit.

Rein narrisch wurde bei diesen Worten der Sepp und die Carolin' flennte Freudenzähren. Ans übervollem Herzen 95 dankten beide dem Herzoglichen, und der Sepp ließ einen Juhschrei los, daß das Almvieh völlig rebellisch wurde.

»Na, na, net so hitzi,« wehrte der Jaager ab.

»Ganz g'wiß,« versicherte der glückliche Sepp, »dös war heut mei glücklichster Schuß, seiti leb!«

»Waar net aus?« bemerkte trocken der Jaager.

»Ja, und hiatzt soll'n sich die Herrgottsakra-Wilddieb' g'freu'n, deni wir (werde) i anderscht auf die Schlich' kemma (kommen).«

»Ja,« sagte der Jäger, »sell is ganz recht und für heunt macht hiazt die Carolin' ein'n Retzel für zwoa Jaager.«

Das war eine glückliche Mahlzeit. Dann krochen die Männer ins Heu zum Gams, und die Carolin' schloß sich in ihrem Tapetenkammerl ein, wo sie bei einem geweihten Wetterkerzel ein Gebet flüsterte für diese Wendung durch Gottes Fügung. 96

 


 

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