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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Seppenbäuerin.

Der stattlichste Hof im Vorlande ist das Anwesen des Seppenbauern; ein mächtiger Bau von Ziegeln und Bimssteinen, aber blitzblank verputzt und blendend getüncht, mit grünen Fensterläden und – ein Luxus – mit Ziegeln gedeckt. Um das Gebäude stehen die gleichfalls massiv gebauten Nebengebäude, Ställe und Scheunen. Für die ganze Umgebung bis hinab zum See oder hinauf in die Berge, die den Horizont abschließen, galt der Seppenbauer für die schwerste Person, d. i. den reichsten Bauer der Gegend, und darauf war der Seppenbauer nicht wenig stolz. Wenn er zur Schranne in die Kreistadt fuhr, mußten vier Pferde vor den Wagen: »Mir (wir) ham's (haben es) ja!« lautete sein Sprichwort. War das Getreide gut verkauft, dann mußte ein Gelage den Schrannenbesuchern vom Reichtum des Bestgebers erzählen, der Hochmut des Bauern kannte an solchen Tagen keine Grenze.

Schwer betrunken fuhr der Seppenbauer spät abends nach einem Schrannentage der Heimat zu. Die vier Braunen kannten den Weg und liefen wie die Wiesel aus eigenem Antrieb, um früher zum heimatlichen Stall zu kommen. Nichtsdestoweniger hieb der Bauer wie rasend auf die Gäule ein, denn rückwärts zeigte sich eine herrschaftliche Equipage, deren Kutscher durch Peitschenknallen anzeigte, daß er vorfahren wolle. Ausweichen – der Seppenbauer ausweichen? – nicht um einen Sack voll Kronenthaler! Eine tolle Fahrt ward dieses Jagen und unerwartet schnell kam das Ende; an einer Wegbiegung schleuderte der Säulenstein den Wagen in den Straßengraben, der Bauer fiel und auf ihn stürzte 62 das Gespann. Wohl kam die Hilfe rasch, aber dem Bauer war nicht mehr zu helfen, mit klaffender Kopfwunde, die Schädeldecke eingedrückt, brachte man den Sterbenden ins nächste Dorf, wo er sein Leben aushauchte.

Auf dem Seppenbauernhof beweinte die Bäuerin und ihre einzige Tochter Kuni (Kunigunde) den Toten. Wo es früher durch das brausende Wesen des Bauern lärmend zuging, zog jetzt klösterliche Ruhe ein, es ward still auf dem Hof, Lust und Leben erstarb, nur wenn in vollen Wagen der Erntesegen zur Scheune gefahren wurde und zur Zeit der Sichelhenk' die Drischel von der Tenne ertönte, dann ward es lebhafter auf dem Seppenhof. Die Bäuerin, zur Frömmigkeit geneigt, war jetzt nicht mehr gehindert, die meiste Zeit mit Andachtsübungen zu verbringen, während Kuni, ein hübsches Mädchen mit blonden Zöpfen und voller Gestalt, sich um die Leitung des Hofes kümmern mußte. An Arbeit gewöhnt, übernahm sie diese Geschäfte gern und gab den Ehehalten (Hausgesinde) durch flotte Arbeit ein gutes Beispiel. Die erste auf des Morgens, kaum daß der Haushahn zum erstenmale gekräht, war Kuni die letzte zu Bette, wenn sie sich überzeugt, daß das Vieh versorgt, Thür und Thor verschlossen und jegliches Licht erloschen war. Hierin hatte das prächtige Mädel die Strenge vom Vater geerbt, der jeden Knecht zur Stunde vom Hofe jagte, den er mit glimmender Pfeife oder offenem Licht im Stalle oder in den Scheunen erwischte.

Kraftvoll und energisch zeigte sich die Seppenbauerntochter auch in der Wahrung der Handelsinteressen; Kuni fuhr, begleitet vom Oberknecht, zur Schranne, sie fand bequemere Absatzgebiete bei Großhändlern und Bräuern und konnte es dann ganz vermeiden, unter den feilschenden Händlern und Bauern den Vormittag über in der Schranne zu stehen. Mittags, wenn in der Kreisstadt mancher Bauer noch keinen Metzen Korn verkauft hatte, war Kuni oft schon mit der vollen Geldkatze (Ledergurt für Silbergeld) auf der 63 Heimfahrt. Das sprach sich natürlich gar bald herum und die Anrainer wie die Dörfler bekamen großen Respekt vor dem resoluten Mädel.

Der Bäuerin Frömmigkeit war im Laufe der Zeit in eine Art religiösen Wahnes ausgeartet. Geschäftige Menschen bestärkten das Weib in diesem Wahne, malten der Bäuerin alle Schrecknisse der Hölle in grellen Farben aus, wenn sie nicht thue, was Gottes Wille sei: die Tochter ins Kloster zu schicken, das Anwesen zu verkaufen, milde Stiftungen zu machen und selbst den Schleier zu nehmen. Den Einflüsterungen der Erbschleicher schenkte die Bäuerin williges Gehör, immer häufiger stellten dieselben sich als Gäste im Hofe ein, fast schien es, als wollte die eine oder die andere aus dieser Gesellschaft, die wie die Spinnen eine Fliege die Bäuerin eingesponnen hatten, sich häuslich auf dem Seppenhofe niederlassen, gleichsam als Wache für den Lebensgang der Bäuerin. Verwundert sah Kuni, die mit klaren, gesunden Augen in die Welt guckte, dieses Treiben, gar oft wollte sich eine Frage darob über die Lippen drängen, allein es war ja die Mutter und die Herrin des Hofes, die sich solche Gäste einlud, es stand der Tochter nicht zu, sich einzumischen. Kuni selbst blieb zunächst von dem Treiben der Erbschleicher unberührt und hatte jetzt selbst vollauf mit sich selbst zu thun, das kleine treue Herz war über Nacht rebellisch geworden und pochte so ungestüm, seit der hübsche Bertl (Dagobert) ihr in die schönen Augen geblickt.

Bertl war ein armer Bräuknecht, bedienstet in einer nahen Brauerei, der einige Male in der Woche den Bierbedarf auf den Hof brachte. Der Mensch war aber auch zu nett, kräftig gebaut, ziemlich groß, ein hübsches Gesicht, ein herrischer Schnauzbart, der ihm ein überaus fesches Aussehen gab, sodaß manch' Dirndl dem sauberen Burschen einen langen Blick nachschickte. Merkwürdigerweise machte sich Bertl verteufelt wenig aus den Weibern, er verachtete sie nicht gerade, aber er bewarb sich auch um keine Dirn, 64 so sehr ihm auch entgegengekommen wurde. Seit Bertl aber zum erstenmale als Bierführer auf den Seppenhof gekommen war, Kuni gesehen und gesprochen hatte, von diesem Augenblick an schien er verwandelt, es stieg ihm heiß zum Herzen herauf, der Kopf ward ihm warm und ob er mochte oder nicht, des Mädchens Bild hatte er immer vor Augen und er gab sich dem Zauber willig hin, da ihm das Kämpfen dagegen zu schwer ward. Kunis Wangen überflog jähe Röte, wenn Bertl zu ihr in die Küche trat und treuherzig »um Verlaub« bat, sich an das Herdfeuer setzen zu dürfen. Wenn er mit seinen Bierfässern da war, konnte Bertl freilich nicht lange zu Gaste weilen, aber an Fest- und Sonntagen war er ja frei und jeder Arbeit ledig, da sprach er denn fleißig im Hofe zu und Kuni war gar nicht böse darüber.

Eines Sonntages mußte Kuni die Hauswache halten, während alle Hausbewohner zur Kirche wanderten. Das Hofthor stand nur zur Hälfte offen und Tyras war heute von der Kette befreit, er lag sich sonnend auf der Gräd und überwachte, den Kopf auf die Pfoten gelegt, den Hofeingang. Er kennt die Hofbewohner alle, meldet aber jeden Fremden augenblicklich. Die Dorfglocken klingen leise herauf, der Gottesdienst wird begonnen haben. Kuni im stattlichen Sonntagsgewand, geschmückt mit der silbernen Halskette und mit einem seidenen Tuch auf dem silberverschnürten Mieder, trat beim Glockengeläut' auch heraus aus dem Hause, nahm Betbüchlein und Rosenkranz und setzte sich in die Gräd, auf deren Rand die vielen Nelken- und Geranienstöcke blühen, die den Häusern ein so frisches, freundliches und lebenswarmes Aussehen geben. Kunis Blick ging hinaus in den herrlichen Sonntagsmorgen, hinab die grünen Matten des Hügellandes, hinunter zum fernen Wasserspiegel des Weitsees und dann hinauf zu den schroffen Wänden des Hochgebirges, dessen Felszacken die Grenze bilden zwischen Bayern und Tirol. Wie dehnt sich die Brust bei solchem Ausblick, tiefer geht der Atem und ein Gefühl der Dankbarkeit gegen 65 Gott durchströmt den Menschen, daß der Allmächtige die Welt so schön und die Menschen in sie hinein erschaffen hat. Kunis Hände falteten sich bei diesem Anblick und die Kirchenglocken bestärkten die weihevolle Stimmung. Wie schön es doch ist in der Heimat, in den stolzen Bergen! – – Erfrischend kühl säuselt die Mailuft herauf zum Seppenhof, der Wind umflattert die prächtigen Flechten des Mädchens, als wollt' er um ein Küßchen schmeicheln als Belohnung vielleicht, daß er jemanden heraufgeweht. Tyras wittert etwas, schnuppert im Winde, springt auf und bellt freudig dem Ankommenden entgegen. Zwar ist es ein Fremder, der nicht zum Hofgesinde gehört, aber für Tyras ist es ein Freund und Bertl, das ist der Angekommene, ist über diesen freundlichen Empfang durch den sonst so mürrischen Hofhund sichtlich angenehm berührt. Und wie sauber der Bursch heute aussieht, er trägt das Berglerg'wandl seiner Heimatsgemeinde, das die kraftstrotzenden Söhne des Bergdistriktes so hübsch kleidet. Mit einem kecken Juhschrei, der in die Ställe große Aufregung bringt, wirft er sein Hütl mit den Spielhahnfedern in die Luft und dann springt er mit mächtigen Sätzen die Steinstufen empor in die Gräd, wo seine Adleraugen schon längst die schmucke Bauerntochter erblickt haben. Kuni nimmt die treuherzig dargebotene Rechte nicht.

»Stünd' ihm auch besser an, in der Kirchen z'sein, als einen ganzen Hof und ein einsames Madl z' überfallen.« Und dabei rollte das Mädel so zornig die Augen, als sei es fürchterlich bös, während im Herzerl ein ganz anderes Gefühl sich breit machte. Ganz verdutzt über diesen Empfang stottert Bertl nach einer Entschuldigung, aber er findet die rechten Worte nicht: »Ja, was waar denn hiatz dös?« Das war alles und verlegen drehte er dabei das Hütl zwischen den Fingern im Kreise. Aus Kunis Augen aber lachte der Schalk schon wieder heraus, wie die Sonne nach einem Gewitter durch das zerrissene Gewölk hindurchguckt, sie hält ihm jetzt die von harter Arbeit schwielige Rechte 66 hin mit einem warm gesprochenen: »Grüaß Gott!« Da sitzen sie nun nebeneinander schon lange Zeit, die Glocken unten im Dorfe haben die Beendigung des Gottesdienstes angezeigt und noch immer haben die Zwei auf der Gräd keine Worte zum Austausch ihrer Gedanken gefunden. Und doch haben sie beide das Herz so voll und sich gar viel zu sagen; es bedarf nur des Zündstoffes und die geladenen Herzen entladen sich. Es schien, als wollte Bertl einen Anlauf nehmen, aber er kam nicht dazu und völlige Verwirrung erfaßte ihn, als er sich selbst dabei ertappte, wie er Kunis Hand ergreifen wollte.

Nach Mädchenart überwand Kuni die Befangenheit doch noch rascher und mit hellem Lachen, das wie Vogelgezwitscher und Finkenruf klang, sagte Kuni: »I glaub' allweil, mir (wir) hätten uns eigentli 'was z' sagen, oder eigentlich Ös. Moant' s' Ös net aa?«

»Ich?« rief Bertl laut. »Und wia viel! Und wia gern, aber es hat mir halt do dengerst die ganz' Red' verschlag'n.«

Mit den blauen Äuglein zwinkernd sagte Kuni darauf: »Ah, da schaugt's her, a so a großer Bua und so patschi! Da wüßt' ich's schon besser!« In holder Verwirrung errötend erhob sich das Mädchen, dem Burschen pochte es in den Schläfen, die Worte jagend, sprudelte es endlich heraus: »Ich wüßt' es auch, aber mein' – es ist besser, wenn ich nichts sag' und wieder geh'« und tief betrübt richtete er den Blick ins Leere, fiel ihm doch in diesem Augenblick centnerschwer die bittere Armut aufs Herz und überkam ihn das Gefühl, daß er es gar nicht wagen dürfe, die Augen zu der Tochter des Seppenbauern zu erheben, er, der nichts weiter ist, als ein armer Bräuknecht.

Leise sprach das Mädchen nun, während die Heimchen zirpten, er möge doch bleiben, wenn er nichts besseres vor hätte.

Ob er was besseres vor hätte? Im Leben nicht, als in ihrer Nähe bleiben, auf den Händen tragen möchte er 67 sie und arbeiten für drei, aber es kann ja gar nicht sein – was die Mutter, die Bäuerin wohl sagen würde – ganz gewiß nein . . . Er, ein Mensch, so arm wie eine Kirchenmaus, der sich noch gar nichts ersparen konnte, weil . . .

»Arm, aber seelenguat,« sagte Kuni, ihm die Hand reichend. Tief erschüttert und bewegt schwor es Bertl nun zum Herrn der Heerscharen, daß Keiner es ehrlicher meinen und Kuni inniger lieben könne, als wie er. Und wieder frug er das errötende schöne Kind, ob es wirklich wahr sei, daß es ihn gern habe, wahr und innig, fürs Leben, bis in die Ewigkeit. Und in inniger Umarmung schworen sie sich treue Liebe bis ins Grab.

Seine Bedenken wegen der Mutter schwächte Kuni ab mit der Bemerkung, daß die Mutter ihr noch nie einen Wunsch versagt hätte und jetzt gelte es ja ihr Glück. »Wir wollen auf Gott vertrauen!« sagte Kuni zum Abschied, ihm ein Nagerl (Nelke) reichend, das er küßte und dann neben die Spielhahnfeder steckte.

Bertl verließ nun rasch den Hof, die Ehehalten mußten jeden Augenblick kommen, er wollte den Ruf des Mädchens schonen. Um die Ecke biegend stieß er auch schon auf zwei Weiber, die die Bäuerin wieder wegen des Hofverkaufes und der Legate bearbeiteten. Giftig über diese Störung lästerten sie sofort über den Burschen und begriffen im Nu, daß die Gelegenheit günstig sei, den Angriff nun auch auf die Tochter auszudehnen. Aufgehetzt fragte die Seppenbäuerin Kuni sofort, kaum, daß der Rosenkranz über dem Weihwasserkessel aufgehängt war, ob der Bursch im Berglerg'wand auf dem Seppenhof war und was er wollte.

»Was er gewollt, sag' ich der Muatter ohne Zeugen!« erwiderte Kuni mit einem nicht mißzuverstehenden Blick auf die Begleiterinnen der Bäuerin, die sich widerwillig auf die Gräd hinausbegaben, sie witterten den Beginn eines Kampfes, in welchem sie der Bäuerin zur Seite stehen wollten.

»Was der Bursch wollen hat auf dem Seppenhof will 68 ich wissen?« rief erregt die Bäuerin, der eine Ahnung des Kommenden aufdämmerte und die die Aufregung wachsen fühlte.

»Mich will er zum Weib!« erwiderte ruhig Kuni, den Blick fest auf die Mutter gerichtet.

Ein pfauchender Laut entfuhr dem Munde der Bäuerin: »Was? der Habenichts, der Lump, ein elendiglicher Tagdieb, freilich, das wär' bequem, sich in den schönen Hof hineinsetzen als Seppenbauer. Daraus wird in dem Leben Nichts, in aller Ewigkeit net, und daß du es gleich weißt, der Hof wird verkauft und du wirst ins Kloster eing'kauft und ich sorg' für mein Seelenheil.«

»Muatta, um alle Heiligen willen, den Prachthof verschleudern, den Erbschleichern in den Rachen werfen!« rief entsetzt Kuni.

»Glaub' 's, daß 's dir net paßt, hast ja ehender glaubt, Seppenbäuerin z' werden mit deinem Haderlumpen! Sperr' di' net gegen dein' Mutter, ich bin die Bäuerin, mir gehört der Hof, ich hab' da zu reden und zu handeln. Nächste Woche wird verbrieft und du marschierst ins Kloster, so war ich in'n Himmel kommen will.«

Angelockt von dem erregten Wortwechsel waren die Weiber nähergekommen und schließlich ins Zimmer getreten, wo sie sofort dem Schlußsatz der Bäuerin beifällig zustimmten.

Dem schönen Sonntagsmorgen folgten trübe Regentage die Woche hindurch, die zur Seelenstimmung Kunis paßten. Im Seppenhofe war der Frieden gewichen, Mutter und Tochter fanden sich nimmer zusammen, sie wichen einander aus. Alle Versuche, die auf ihren Plan versessene Bäuerin umzustimmen, mißlangen und von einem Einwilligen, einem Verzicht auf des Herzens erste, heilige Liebe wollte das Mädchen nichts wissen. Mechanisch ward die Tagesarbeit gethan, oben aber im Stübchen weinte Kuni heiße Thränen über den geknickten Herzensfrühling. So fromm und gottesfürchtig sie war, konnte der Mutter Gebahren und Absicht 69 ihr nicht einleuchten, sie betete unter Zähren zum Herrn, der die Geschicke der Welt leitet und sie fand Trost und Stärkung im Gebete.

Gegen Ende der Woche fuhr die Bäuerin, begleitet von den zwei Weibern, die ihr wie ein Schatten folgten, vom Hofe, ohne Abschied von der Tochter. Bleigrau hing der Himmel über dem Lande, unheildrohend ballten sich die Wolken zusammen. Bang war es Kuni an diesem Tage ums Herz. Noch hatte sie keine Gelegenheit gefunden, Bertl von dem Widerstande der Mutter Kenntnis zu geben.

In raschem Tempo fuhr die Bäuerin der Kreisstadt zu. Kaum konnten die Begleiterinnen der Bäuerin ihre Freude verbergen, so nahe am Ziele zu sein. Ihr Opfer konnte nun nicht mehr entrinnen, der Kauf mußte stattfinden, den Vermittlerinnen blühte reicher Lohn, wenn es ihnen gelänge, den wertvollen Hof so billig zu veräußern. Außerdem gewärtigten sie von der Bäuerin selbst ein Handgeld für den vermittelten Einkauf ins Kloster. Sonst plapperten ihre Mäuler wie Mühlenräder, jetzt so nahe dem Ziele, fanden sie es nicht mehr der Mühe wert, die Sprechorgane nochmals anzustrengen, das Wild war ja gefangen und die Bäuerin konnte es kaum erwarten, die Klosterschwelle zu überschreiten.

In der Kreisstadt angekommen, eilten die Weiber nach kurzem Imbiß zu dem Käufer, einem Grundzerstückler und Häusermarder schlimmster Sorte. Ein dürres, katzenbuckliges Männchen, das der Volksmund einen »Krawattelmacher« und »Halsumdreher« nannte und das die Bauern fürchteten und ihm auswichen, wo sie konnten. Nichtsdestoweniger drängte der Häuser- und Hofmarder sich an sie und wer je mit ihm Bekanntschaft geschlossen, hat es bereut, so oft und so lang, als dem armen Opfer Haare auf dem Kopfe wuchsen.

Der Wucherer lieh verteufelt wenig Geld zu ungeheuren Zinsen, habgierig krümmten sich ihm die Finger, wenn in 70 höchster Not nach Hagelschlag, Viehseuchen oder Abbrand ein Bauer bei diesem Landvampyr Hilfe und Bargeld suchte. Rettungslos war Der verfallen, der mühsam die Unterschrift oder unter Zeugenassistenz die drei Kreuze unter den Schuldbrief hinkritzelte, die wenigen Thaler einsackte und nun das Drei-, Vier- und Sechsfache schuldig war. Konnte am Schuldtage der Bauer nicht zahlen – und gewöhnlich war das der Fall, dann holte der Vampyr die letzte Kuh aus dem Stalle und trieb die um alles gebrachte Bauernfamilie von Grund und Boden.

Wohl kannte die Behörde das gefährliche Handwerk dieses Blutsaugers, allein es hielt schwer, den Burschen abzufangen. Die geprellten Bauern scheuten den Weg aufs Landgericht und wanderten lieber aus, als sich auch noch der Rache des Krawattelmachers auszusetzen und so konnte der Landrichter wenig oder gar keine Beweise zum Einschreiten sammeln.

Gierig funkelten des Blutsaugers Augen, als seine Kreaturen die Bäuerin in seine Behausung brachten und diese nur auf ihr Klosterleben erpicht sich bereit erklärte, für die genannte, lächerlich kleine Summe das ganze Besitztum abzutreten. Der große Gewinn bei diesem Verkauf ließ das dürre Männchen erzittern, es durchschauerte die krumme Gestalt vor Habgier, bebend drängte der Wucherer zur Verbriefung.

In widerlichen Verbeugungen näherte der Wucherer sich dem Notar der Kreisstadt, dem der Kaufvertrag unterbreitet werden mußte. Höchlich erstaunt besah dieser sich die seltsame Gruppe; er kannte den Blutsauger und Bauernschinder, wie er auch das einst so stattliche Weib des Seppenbauern kannte, das in seiner jetzigen Gemütsverfassung und absonderlichen Kleidung wie in Haltung und Sprache kaum mehr zu erkennen war.

»Ja, Seppenbäuerin, was fällt Euch denn bei,« meinte verwundert der Notar, »den Prachthof wollt Ihr verkaufen 71 ohne zwingenden Grund? Hat Euch der Hagel die Fechsung verschlagen? Von einem Brand bei Euch habe ich auch nichts gehört; wohl aber weiß ich, daß nicht die kleinste Hypothek auf Eurem Hof lastet! Bedenkt doch, wie stolz der Bauer auf seinen Hof war, ein Herr auf dem besten Grund und Boden des Hügellandes! Und Ihr habt doch auch noch eine Tochter, Bäuerin!«

Dem Wucherer ward es bei dieser Ermahnung des Beamten grün und gelb im Gesicht, seinen verkrüppelten Körper durchrüttelte es vor Wut. Mit bebender, krächzender Stimme unterbrach er die Rede des humanen, allverehrten Beamten: »Mit Verlaub, Herr Notar, die Bäuerin hat das alles erwogen und überlegt, ehe sie mit mir aufs Amt gekommen!«

Ruhig und ernst erwiderte der Notar: »So, so! Alles erwogen und überlegt! Was Ihr nicht sagt . . . Also wohl erwogen, daß der Seppenhof, der schönste im Hügellandl, um einen Schleuderpreis in Eure Hände übergehen soll, ohne daß auch nur der leiseste Grund vorhanden ist! Das scheint wohl nur Ihr genau erwogen und überlegt zu haben.«

Den versuchten Einwand des Häusermaklers schnitt der würdige Beamte mit der Bemerkung ab: »Ich würde gewissenlos handeln, sollte ich nicht einer Witwe und Mutter das Bedenkliche eines solchen Verkaufes vor Augen führen. Bedenkt doch, Bäuerin, was Ihr ohne Not aus der Hand gebt! Euer Hof mit allen Äckern, Wald und Wiesen ist gut das Dreifache wert, was Euch, wie ich aus dem Anbot ersehe, geboten und wahrscheinlich kaum bar bezahlt wird!«

Nun war der Marder nicht mehr zu halten, die biederen, wohlmeinenden Ermahnungen des Beamten brachten den gierigen Güterzerstückler um die Fassung, giftig und heftig nahm er das Wort, um den Notar zu bedeuten, daß es seines Amtes sei, über gewünschte Verkäufe Verträge zu schließen und sich hierfür bezahlen zu lassen, die Ermahnungen könne er sich schenken.

»Gewiß,« erwiderte der Notar mit gemessenem Tone, 72 »ist es meine Pflicht, dies zu thun, aber Menschenpflicht ist es auch, zu fragen, ob ein sichtlich nicht in seiner Tragweite ermessener Entschluß auch gründlich überlegt ist. Seid Ihr, Bäuerin, wirklich entschlossen, fest entschlossen, Euer Besitztum an diesen – Herrn um den Preis zu verkaufen?«

Stotternd antwortete die Bäuerin: »Ja, ich muß, um meines Seelenheiles willen.«

Darauf sagte der alte Beamte mit eindrucksvoller Stimme: »Um Eures Seelenheiles wegen? – – Habt Ihr denn, Bäuerin, auch den Seelsorger, Euren Pfarrer dann befragt? Wenn es Euer Seelenheil gilt, dann ist der geistliche Herr der richtige Mann, Euch zu raten und beizustehen. Habt Ihr, Seppenbäuerin, den Herrn Pfarrer gefragt?«

»Tod und Teufel!« wollte der Makler aufbrausen, aber der Beamte winkte ihm so energisch ab, daß der Krawattelmacher erblassend verstummte. »Die Bäuerin hab' ich gefragt,« sagte der Notar. Und zögernd, mit leiser Stimme, sich vor der Wirkung der eigenen Worte fast fürchtend, antwortete die Seppenbäuerin: »Na, sell' hon i net!« (Nein, das habe ich nicht gethan.)

Die eindringlichen Ermahnungen des Notars hatten die eine Folge, daß der Kaufvertrag nicht verbrieft wurde. Dem Krawattelmacher war es nun hauptsächlich darum zu thun, die Bäuerin nicht aus den Krallen zu lassen. Zu diesem Zwecke nötigte er dem Weibe Bargeld auf, das mit fürchterlichen Zinsen gegeben wurde. Die Bäuerin hatte – den Weg zum Pfarrer des Heimatsdorfes scheute sie, weil sie den gediegenen Charakter dieses Ehrenmannes kannte und befürchten mußte, daß er ein Veto einlegen würde – in ihrem grenzenlosen Eigensinn und Wahne, sich das Himmelreich nur durch den Eintritt in ein Kloster zu erwerben, worin die Maklerinnen sie natürlich nur noch bestärkten, nur dieses Endziel im Sinne. Hierzu seien tausend Karlin notwendig, versicherten die Weiber und diese Summe mußte 73 der Krawattelmacher geben und er gab sie auch gern. Als der Schein mühselig unterschrieben war, schuldete die Seppenbäuerin das Doppelte. Ungezählt wanderte dieses Geld in die Hände der Vermittlerinnen, die es den Klosterfrauen überbringen sollten. Geschäftig schilderten die Weiber nun das still beschauliche Klosterleben, wie die Bäuerin ihre eigene Zelle bekommen werde, wo sie ungestört ihren Andachtsübungen obliegen könne, wie die geweihten Klosterfrauen sich freuen werden, die Bäuerin aufnehmen zu können unter sich und wie sie, wenn sie noch weitere Spenden dem Kloster verschriebe, vielleicht selbst noch Klosterfrau werden könnte. Die Spekulation auf die Eitelkeit der Bäuerin erwies sich als schlau berechnet, der Köder lockte und das verblendete Weib ging den Wucherer um weitere Summen an, die sofort ausgehändigt wurden.

Auf den Hof heimgekehrt, wartete die Bäuerin in wachsender Aufregung auf den Wagen der Klosterfrauen, der sie und all' ihr bereits zusammengepacktes tragbares Hab und Gut zum Kloster bringen sollte. Gegen Kuni schwieg die Bäuerin mit der Starrheit des bäuerlichen Eigensinnes. Sie saß, vor sich hinbrütend, auf ihren im Hausflur aufgestapelten Kisten und Truhen, lauschte auf jedes Geräusch und trotz Zugluft und Nässe war sie nicht zu bewegen, diesen Platz aufzugeben. Kuni ward immer besorgter um der Mutter Zustand, im Gesinde wurde gezischelt und in Ställen und Scheunen sprachen die Ehehalten offen die Meinung aus, daß die Bäuerin »spinne« (= verrückt sein).

Je mehr die Zeit verstrich, ohne daß der Klosterwagen kam, desto wirrer wurde der Geisteszustand der Bäuerin. Aus der dumpfen Lethargie verfiel das Weib in Raserei, daß alles vor ihr ausriß. Alles Bemühen, das unglückliche Weib zu beruhigen, war vergeblich, im Gegenteil steigerte sich die Aufgeregtheit, je mehr auf die Bäuerin eingesprochen wurde. In der Küche fand sich bald kein Gegenstand mehr vor, der nicht zertrümmert war, im Hause herrschte ein 74 wüstes Durcheinander, das die Tochter nicht mehr zu entwirren vermochte. Kuni mußte nun einen Entschluß fassen, der Zustand der Mutter, die auch körperlich von Kräften kam, ließ das Ärgste befürchten.

Bertl hatte von seinem Herrn die Erlaubnis erhalten, auf einige Zeit zu seinem Mütterchen zu reisen. Beseeligt von Kunis Liebe schritt er tapfer aus, daß bald die Berge näher rückten. Wohl quälten ihn des Öfteren schwere Zweifel, ob er die Kuni zur Hochzeiterin werde bekommen, wenn die Bäuerin dagegen sei, allein er hatte felsenfestes Vertrauen zu den Worten des Mädels, die junge Brust durchströmte süßes Hoffen auf eine glückliche Zukunft. Und ein braver Mann will er der Kuni sein, arbeiten für drei und den Hof will er in Stand halten, daß die Bauern auf weit und breit es sagen müssen, die beste Wirtschaft sei auf dem Seppenhofe. Und seine Bäuerin, die soll es so gut haben auf Erden, wie die Engel im Himmel, von denen ihm sein liebes, altes, gutes Muatterl so schön erzählt hat, als er noch mit dem Zuknöpfhoserl zu ihren Füßen saß und für eine schöne G'schicht das größte Butterbrot im Stiche ließ. Was wohl das alte Muatterl drinnen im Zellerlandl sagen wird, wenn er mit der Neuigkeit kommt, daß er das sauberste Mädel vom Hügelland und den schönen großen Hof dazu kriegt. Es kann ja gar nicht so viel Glück geben, sagte er sich dann wieder selbst, wenn er aufatmend eine Höhe erklommen hatte, von der aus am Horizont der See und die ihn umrahmenden Hügel zu erblicken waren. Aber Kuni hatte ihm Treue gelobt, sie nimmt gewiß keinen andern als ihn, die Mutter wird schließlich doch nachgeben, wenn sie erst erfährt, wie kreuzbrav der Tochtermann ist. So schritt Bertl wacker aus und wie er in die Bergwelt kam und ihm der scharfe, frische Ost entgegenwehte, da jubelte es in ihm, helle Juhschreie sandte er hinauf zu den Almen, daß die Sennerinnen aus den Hütten liefen und verwundert hinabblickten auf das Thalsträßlein. Endlich war das Häuschen zu erblicken, in 75 dem er auf die Welt gekommen und wo sein Mütterchen die alten Tage einförmig verbrachte, seit der Vater so jäh ums Leben gekommen. Wie wehe es ihm auf einmal ums Herz wird! Die Füße wollen nicht mehr weiter, der Atem stockt, weg ist alle Fröhlichkeit, bange Ahnung erfaßt den kernigen Burschen. Zögernd steigt er den Hang hinauf, der Juhschrei, mit dem er sein Muatterl begrüßen will, bleibt in der Kehle stecken. Beklommen öffnet er die Thüre, wie mit einem Nebel umflort sich der Blick – Weihrauchduft und Kerzenflimmer erfüllt die Luft, sein liebes Muatterl liegt im Sterben, der Geistliche betet zum Himmel, daß Gott der Allmächtige der Armen die letzte Stunde erleichtern möge. Der brechende Blick der Sterbenden fällt auf den Sohn, freudig hellen sich noch einmal die Augen des Mütterchens auf, wie ihr einziger Bub zum Bette hinstürzt und im tiefsten Schmerze ihre Hände küßt.


Bertl hat sein Muatterl begraben drunten im kleinen Friedhof. Nun steht er allein in der weiten Welt, der herbe Schmerz hat seine Zukunftshoffnungen geknickt, er wagt nichts mehr zu hoffen. Das Häuschen mit all' den Erinnerungen an eine glückliche Kinderzeit wird verkauft, der Anrainer Bauer nimmt es dem Bertl ab, billig freilich, wie er auch für die Kuh und die paar Geisen nicht viel zahlt. Dann wird das Begräbnis bestritten und trüben Sinnes wandert der Bursch, bemitleidet von den biederen Dörflern, die ihn alle gerne hatten, wieder hinaus dem Hügellande zu, das er so glücklich und frohgemut verlassen.

Von Hof zu Hof hatte sich die Kunde vom ausgebrochenen Irrsinn der Seppenbäuerin verbreitet. Die Ehehalten auf dem Seppenhofe verweigerten weitere Dienstleistung, verlangten von der unglücklichen Tochter, welche mit schier unmenschlicher Aufopferung und Geduld die Geisteskranke pflegte und dabei den Ausgaben der Wirtschaft, die auf ihren Schultern nun ganz allein ruhten, gerecht zu 76 werden hatte, die Ablohnung und schickten sich an, vor der Ernte den Hof zu verlassen. Fast wollte das arme Mädel unter diesen Schicksalsschlägen zusammenbrechen, allein inbrünstiges Gebet und starkes Gottvertrauen richteten Kuni wieder auf, ist ja doch Gottes Hilfe am nächsten, wenn die Gefahr am größten ist.

Kuni verlangte energisch Gehorsam von den Ehehalten und schickte einen reitenden Boten nach der Kreisstadt, der den Bezirksarzt herbeiholen sollte. Den Ehehalten war der Respekt vor der Seppenbauerntochter doch noch so tief eingewurzelt, daß es niemand wagte, treulos den Hof zu verlassen und mit praktischem Sinn hielt Kuni die Geldtruhe verschlossen. Ohne den Lohn wollte dann auch Keines abziehen. Noch ehe der Arzt kam, fand sich aber der ehrwürdige Pfarrer ein, der es an der Zeit hielt, persönlich in die zerfahrenen Verhältnisse Einsicht zu nehmen. Die Bäuerin hatte sich tagelang in ihrer Stube eingeschlossen, notdürftig bekleidet, kaum irgendwelche Nahrung zu sich nehmend, verbrachte sie die Tage bald in wilden Ausbrüchen unbändiger Wut, bald verfiel sie in teilnahmloses Hinbrüten, sich dabei sinnlos kasteiend und Gebete brüllend. Tief erschüttert hörte der Dorfgeistliche den schluchzend erzählten Bericht der Tochter, der ihn veranlaßte, sofort Erkundigungen im Frauenkloster am See einzuziehen. Dem erfahrenen Seelenhirten deuchte es sicher, daß die Erbschleicherinnen im Verein mit dem Krawattelmacher die Hauptursache an dem schlimmen Zustande der Bäuerin sein mußten. Sofort klärte er die geängstigte Kuni darüber auf, daß unter den geschilderten Umständen nie und nimmer der Eintritt in ein Kloster erfolgen könne und daß das lichtscheue Gesindel den Hang der Bäuerin zu unnatürlicher Frömmelei für sich ausgenützt habe.

Strengen Tones ermahnte der alte Seelenhirt das herbeigerufene Hofgesinde zur strengsten Pflichterfüllung, zum Ausharren wie in guten Tagen so jetzt in Zeiten der 77 Prüfung. Dann aber wandte der Pfarrer seine Aufmerksamkeit der Bäuerin zu. Sein Verlangen, die Thüre zu öffnen, fand kein Gehör, das unglückliche Opfer vermochte nicht mehr zu erkennen, wer Einlaß begehrte, im Gegenteil, je energischer an der Thüre gepocht wurde, desto mehr steigerte sich die Wut der Bäuerin zur Tobsucht, sodaß der Geistliche den Versuch, persönlich einzuwirken, aufgeben mußte. Entsetzt standen die Ehehalten im Hofe, die Dirnen bekreuzten sich, die Knechte harrten erschüttert, ihnen galt es gewiß, daß die Bäuerin verhext sein müsse und das glaubten auch die Anrainer, die neugierig herbeigeeilt waren, wie sie den Geistlichen den Gangsteig hatten heraufkommen sehen.

Die dumpfe Stille unterbrach das Rollen eines Wagens, der trotz der Steigung des Sträßleins schnell dem Hofe zufuhr und den Arzt nebst handfesten Wärtern brachte. Von dem Boten, der zur Stadt gesendet war, unterwegs von dem Zustande der Bäuerin unterrichtet, nahm der Arzt sofort Rücksprache mit der Tochter und dem Geistlichen. Das gellende Geschrei der Irrsinnigen drängte zum Handeln.

Gefolgt von den Wärtern, die sich Werkzeuge verschafft hatten, begleitet von der vor Aufregung und Schmerz stöhnenden Tochter und dem Pfarrer, schritt der Arzt der Thüre zu, welche zur Schlafstube der Bäuerin führte. Der Aufforderung zum Öffnen antwortete ein nervenerschütterndes Gebrüll, daß die Ehehalten schreckerfüllt zurückwichen. Mit der Ermahnung zur Vorsicht befahl der Arzt nun, die schwere, eisenbeschlagene Thüre einzuschlagen. Kaum erdröhnte der erste Schlag auf das Thürschloß, da erfolgte auch schon ein furchtbares Getöse, mit einem Gebrüll, das die stämmigen Knechte erzittern machte, warf das sinnlose Weib, was es erwischen konnte, gegen die Thüre. Immer schneller erfolgten aber die Schläge der Wärter, schon gab das Schloß etwas nach, da verstummte plötzlich das Gebrüll der Wahnsinnigen. Die Wärter hielten inne und lauschten. Bevor noch der Arzt den Befehl zum völligen 78 Einschlagen der Thüre gegeben, drang Rauch und Brandgeruch durch die Ritzen der Thüre, der immer stärker ward. »Sie legt Feuer,« rief der erfahrene Arzt, »schnell vollends die Thür eingeschlagen!« Und zu den Ehehalten gewendet, befahl er die Hofspritze herbeizuschaffen, Wasser zu pumpen und die Feuerhacken bereit zu halten. Noch ein paar Hiebe und die Thüre wich in ihren Angeln, dichter Rauch erfüllte die Stube, dann züngelten einzelne Flämmchen auf, die der Luftzug rasch vergrößerte, das Bett brannte bereits und rasch verbreitete sich das Feuer weiter. Mutvoll sprangen die Wärter ins Zimmer, sie warfen den Knechten die Einrichtungsgegenstände zu, während der Arzt und der Geistliche im dichten Qualm nach der Irrsinnigen suchten. Kuni folgte den beiden angsterfüllten Herzens, sie drohte zusammenzusinken, aber sie raffte sich immer wieder auf und rief gellend nach der Mutter, die verschwunden schien. Immer ärger ward der Qualm, es drohte die Gefahr des Erstickens, der Arzt gebot: »die Fenster einschlagen!« klirrend fielen die Scheiben zu Boden, etwas Rauch zog ab, dann brannte es auflodernd weiter. Die Wahnsinnige mußte sich weiter geflüchtet haben durch eine zweite Thüre, die bereits zu kohlen anfing. Die Aufregung unter den Verfolgenden wuchs. Während man das Feuer in der Schlafstube löschte, ließ der Arzt die zweite Thüre einschlagen, die, wie Kuni hastenden Atems versicherte, zur Tenne führt. Noch ehe diese Thüre unter den hageldichten Hieben in Trümmer ging, erscholl es vom Hofe her: »Feuer, Feuer, 's Heu brennt!« Ein Weiterdringen der Tenne zu war bereits unmöglich, lichterloh flammte das Feuer den Anstürmenden entgegen, immer weiter leckten die Flammen, da, ein Schrei des Entsetzens: auf dem Dach der Scheune erscheint die Wahnsinnige, sie klimmt hohnlachend empor zum First, dem Blitzableiter zu, an den sie sich klammert, indes das Feuer gierig das Dachgespärre ergreift.

Der Schrecken lähmt den Leuten die Arme, aber schon 79 sind der Arzt und der Pfarrer aus dem Hause in den Hof zurück, die Spritze beginnt aufs neue zu arbeiten, Wasserstrahl auf Strahl wird hinaufgesendet, die Dorfglocken wimmern herauf, Hilfe fordernd von den Nachbarn, die bald heranstürmen.

»Leitern her!« befiehlt der Doktor, eiligst werden solche herbeigeschleppt, allein alle erweisen sich zu kurz. Die Flammen haben den Dachstuhl durchgefressen, ein Funkenmeer prasselt empor, nur wenige Meter mehr und das Feuer hat die Wahnsinnige erreicht . . . Kuni ist bei diesem entsetzlichen Anblick ohnmächtig zusammengesunken. Spritzen rasseln heran, Hilfe kommt von allen Seiten, niemand aber bringt eine genügend lange Leiter mit, die Bäuerin hoch oben am brennenden First ist verloren, das Feuer muß sie in wenigen Augenblicken erreichen. Starren Blickes, mit stockendem Atem blickt die entsetzte Menge empor zu dem grausigen Schauspiele; da drängt jemand kraftvoll mit den Armen die Menge auseinander, ein Bursche ist's im Berglerg'wandl, mit einem Satz erfaßt er die dicke Blitzableiterstange und klettert behend an ihr empor, wenn auch das Blut von den nackten, aufgerissenen Knieen herabrieselt. Immer höher klimmt der Bursche empor, aber immer näher lecken die Flammen weiter; noch ein Schwung, er ist auf dem glimmenden Dache. Der Arzt unten ahnt, was der Kühne vor hat, rasch läßt er aus den Ställen, durch deren Hinterthüren das geängstigte Vieh ins Freie gelassen worden war, Strohbünde herausschleppen und vor der brennenden Scheune ausbreiten. Der Bursche oben, den die Bauern unten auf sein Winken mit Wasser bespritzen, ergreift mit kraftvollem Arm das zusammengekauerte irrsinnige Weib, hebt es auf und eilt dem Dachrande zu – ein Blick in die Tiefe – er sieht das hochaufgetürmte Stroh und nickt – dann ein Sprung – ein vielhundertfacher Schrei – er fährt mit der Bäuerin in den Armen sausend zur Tiefe. Hunderte von Armen reißen ihn und das gerettete Weib aus dem Stroh empor, krachend stürzt 80 auch schon die Scheune ein, nicht eine Minute später hätte der Sprung erfolgen dürfen und sie wären beide ins Flammenmeer gestürzt . . .

Den vereinigten Bemühungen der herbeigeeilten Feuerwehren gelingt es, das Feuer auf die Scheune zu beschränken, das Wohnhaus ist gerettet. Dorthin hat der Pfarrer die ohnmächtige Kuni bringen lassen. Der Arzt aber hat mit seinen Wärtern die Bäuerin in Empfang genommen, aus den Händen des wackeren Retters aus Todesgefahr. Die Irrsinnige, die verständnislos ins Leere starrt, wird in Kunis Stube zu Bette gebracht und von den Hausmägden bewacht, indes die Wärter sich nebenan einquartieren. Ehe die Sonne hinter die Berge sinkt, ist alle Gefahr beseitigt, mit den Abendschatten kehrt die Ruhe auf dem Hofe ein. Die Ehehalten fangen das Vieh von den Feldern wieder ein, das blökend zum Stalle zieht, und begeben sich dann selbst zur Ruhe, nur eine Wache bleibt für diese Nacht auf dem Brandplatze.

Der Arzt besucht abwechselnd Mutter und Tochter. Während Kuni fassungslos erwacht, umfängt wohlthätige Ohnmacht den zerrütteten Geist der Bäuerin. Die fürchterliche Angst um die Mutter lindert der Arzt mit der trostreichen Versicherung, daß die Mutter gerettet sei, von wem kann der Arzt freilich nicht sagen. Der Pfarrer wüßte es, aber der sei schon fort. Still bricht die Nacht an, sanfter Mondenschein bestrahlt die rauchende Stätte des Unglückes.

Der neue Tag brachte Scharen von Neugierigen auf den Hof, die die Kunde der schrecklichen Ereignisse angelockt hatte. Dann aber fuhren altem Gebrauche gemäß die Dörfler zur Hilfe an; wohl wußten sie, daß der Seppenhof zu den besten des Vorlandes gehörte, aber die biederen Dörfler ließen sich es doch nicht nehmen, Holzbalken und Bretter zum Wiederaufbau der Scheune und Heu für das Vieh herbeizufahren, woran ja augenblicklich Mangel sein mußte. Seit Kuni wußte, daß die Mutter gerettet war aus 81 Todesgefahr, war das feste Mädel auch wieder stramm auf den Beinen, sie dankte herzinnig den Bauern für den bethätigten guten Willen, ließ von der Hausdirn Schottsuppe kochen und bewirtete die Leute nach Kräften. Dann kam der Brigadier vom Gendarmenposten des nahen Marktfleckens herauf, um den Thatbestand aufzunehmen. Er konnte nach der Auskunft, die ihm der Bezirksarzt bereitwillig erteilte, der hartgeprüften Tochter des Seppenbauern nur sein herzliches Beileid aussprechen, zum Einschreiten gegen die irrsinnige Brandstifterin, die selbst Feuer an das eigene Anwesen legte, hatte er ja keinen Anlaß. Aber es sollte noch anders kommen.

Der Arzt war längst wieder am Bette der Bäuerin, als diese gegen Mittag die Augen aufschlug und merkwürdig hellen Blickes ihre Umgebung musterte. Ein Augenblick des Nachdenkens und schon wollte die Kranke sich erheben, allein sanft drückte der Arm des Arztes das Weib in die hohen Kissen zurück und mit sanfter Stimme ermahnte er sie zur Ruhe. Verwundert gehorchte die Kranke. Leise sprach der Arzt nun auf sie ein, er hatte raschen Blickes erkannt, daß die Katastrophe überstanden, die Nacht des Wahnsinns durch die furchtbare Erschütterung gebrochen und der klare Verstand zurückgekehrt war. Nun galt es, jede neue Aufregung, den Rückfall zu verhindern und der Kranken die neue Situation zu erklären. Zitternd vernahm die Bäuerin, was mit ihr geschehen, schonungsvoll verschwieg der erfahrene Arzt, daß die Irrsinnige selbst zur Brandstifterin geworden war.

Gegen Mittag fand sich auf dem Seppenhofe, der ein Bild wüsten Durcheinanders bot, der Pfarrer ein. Ihm war am Morgen durch ein Schreiben der Oberin des Seeklosters die Gewißheit geworden, daß an der Bäuerin ein schändlicher Betrug verübt worden war. Die Oberin verwahrte sich entschieden gegen die Zumutung, Leuten aus Eitelkeit oder religiösem Wahnsinn gegen Geld Aufnahme im 82 Kloster zu gewähren und gab die Erklärung ab, keinerlei Summen zu diesem Zwecke empfangen zu haben. Der Arzt, von diesem Schreiben durch den Pfarrer in Kenntnis gesetzt, riet zur Anzeige beim Landgericht, die Bäuerin selbst davon zu verständigen, konnte der Arzt nicht gestatten, da ihr geschwächter Zustand jede Aufregung verbot. So wurde der Brief denn dem Gendarmen übergeben. Die Namen der Schwindlerinnen erfuhr der Brigadier von Kuni, nur wußte diese nicht, wo die Weiber sich für gewöhnlich aufhielten. Sofort begab sich der Gendarm in die Stadt.

Die Ereignisse auf dem Seppenhofe hatten ihren Wiederhall natürlich in dem Kreisblättchen gefunden, auf allen Bierbänken wurde darüber gesprochen, kannte doch jedermann den verunglückten Bauer und seine kreuzbrave, energische Tochter. Auch der Krawattelmacher erfuhr davon in seinem Hamsterbau und vergnügt rieb er sich die hageren Hände.

Besser hätte es ja gar nicht gehen können für seine Zwecke. Jetzt, wo die Bäuerin Abbrändlerin geworden, brauchte sie zum Wiederaufbau Geld, jetzt war sie in der gewünschten Klemme, jetzt mußte er das geliehene Geld zurückverlangen und da die Seppenbäuerin ihn kaum befriedigen werde können, müsse der Hof auf die Gant kommen. Gewissensbisse empfand der Krawattelmacher nicht, mochten seine Opfer sich vor ihm krümmen, ihm war nur der Gelderwerb Lebenszweck. Die zwei weiblichen Agenten mochte er diesmal nicht auf den Seppenhof schicken. Sie hatten das von der Bäuerin erhaltene Geld geteilt und auch einen großen Teil an ihn selbst wieder abgeliefert, sie scheuten die Öffentlichkeit und rüsteten zur Abreise in eine andere Gegend, wo ihr Betrug weniger bekannt werden konnte. So machte der Krawattelmacher denn seine Klage zurecht.

Zusehends besserte sich der Zustand der Bäuerin unter der sorgsamen Pflege des Arztes und der Tochter. Wie sie soweit gekräftigt war, um Kenntnis von dem verübten Betruge zu erhalten, bereitete der ehrwürdige, 83 menschenfreundliche Geistliche sie vor. Mit milden Worten setzte er dem aufhorchenden Weibe auseinander, wie es dem Allvater im Himmel viel lieber sei, wenn das Menschenkind fromm und gottesfürchtig dem Erdenberufe nachgehe und seine Pflichten allda erfülle, statt überlauter falscher Frömmelei sich hinzugeben, die einer Sünde eher gleichkomme als einem Gott wohlgefälligen Werke. Andächtig, oft schluchzend hörte das Weib den väterlichen Ermahnungen des Seelenhirten zu, bis unter Thränen die Bäuerin gelobte, fromm und gottergeben als brave Mutter auf dem Hofe zu bleiben. Nun erzählte der Pfarrer der Bäuerin auch von dem Schreiben der Klosteroberin und dem verübten Betrug. Entsetzt schlug sich das Weib die Hände vor das Gesicht, jetzt ward ihr mit erschütternder Gewalt klar, daß all das vom Wucherer genommene Geld verloren sei. Bittere Reue erfaßte das Weib, das jetzt nach Kuni verlangte, um vor der Tochter das übervolle Herz auszuschütten. Und wie Kuni vor dem Bette der genesenden Mutter auf den Knieen lag und zu Gott betete für diese Schicksalswendung, trat der Pfarrer leise aus der Stube.

Goldig und heiß lachte die Sonne herab auf die wogenden Kornfelder, deren Ähren goldgelb sich färbten, die Sonnenstrahlen zitterten in der Luft, im Garten blühte und prangte alles in sommerlicher Pracht. In der Laube hatte Kuni heute festlich gedeckt, das geblümte Kaffeegeschirr auf weißes Linnen gestellt, heute wollte ja die Bäuerin zum erstenmale seit jenem Schreckenstage wieder an die freie Luft. Beseligt kam das sichtlich altgewordene Frauerl auf den Arm der blühenden Tochter gestützt heran und behaglich ließ es sich in der von üppigem Geisblatt überwachsenen Laube nieder. Gleich darauf fand sich auch der Pfarrer ein, den Kuni eigens zu Gaste gebeten hatte und der die herzliche Bitte nicht abschlagen mochte. Die Bäuerin nahm auch gleich Veranlassung, dem hochwürdigen Herrn innigst zu danken für all' seine Güte und Hilfe, doch der Pfarrer 84 wehrte sachte ab, noch sei nicht alles überstanden, sagte er und tief aufseufzend nickte die Bäuerin, der die Sorgen vor dem Wucherer wie ein Schreckensgespenst vor den Augen erschienen.

Da schlug Tyras, der sich sonnend auf der Gräd lag, laut an und sprang in großen Sätzen dem Hofeingang zu, wo sich die bucklige, dürre Gestalt des Krawattelmachers zeigte. Rasch eilte Kuni dem Hunde nach und rief ihn gerade noch rechtzeitig zurück, ehe er den Wucherer erfaßte. Widerwillig ließ der Hund von dem Manne ab, aber er ging ihm nicht mehr vom Fuße weg. Mit widerlicher süßlicher Freundlichkeit, zu der sich die Angst vor den Zähnen des Hofhundes gesellte, fragte der Krawattelmacher Kuni nach der Bäuerin und schritt, als diese nach der Laube wies, sogleich, begleitet von dem argwöhnischen Hunde auf diese zu. Erdfahl ward die Bäuerin im durchfurchten Gesicht beim Anblick des Gütermarders, der nach einem Kratzfuß mit einem giftigen Blick auf den ihm unbequemen Geistlichen sich auf der Bank niederließ. Zitternd suchte der Blick der Bäuerin das edle Auge des Priesters, hilfeflehend, um Rettung bittend vor dem Wucherer, der sein Opfer musterte.

Tiefe Stille trat ein, man hörte die Käfer in der Luft schwirren, die Heimchen zirpten im Getreide, schläfrig summten die Hummeln vorbei, Heuschrecken wetzten beim Sprunge die Flügel. Den Wucherer kümmerte die sich ihm bietende Fernsicht hinab über die grünen Matten und wogenden Felder bis an den silberglitzernden See wenig, sein Blick ruhte stechend auf der Bäuerin, er schien sich an ihrer wachsenden Unruhe und Angst zu ergötzen wie die Katze mit der gefangenen Maus spielt, ehe sie sie frißt. Endlich aber mußte doch gesprochen werden. Mit süßlicher Miene begann der Krawattelmacher der Freude Ausdruck zu geben, die Bäuerin wieder wohlauf zu sehen. Dann aber fing er zu jammern an, wie schlecht die Zeiten wären, wie 85 notwendig es werde, die Außenstände einzuziehen. »Ich muß halt auch zu Euch kommen, Bäuerin, von wegen dem geborgten Geld, mit dem Ihr Euch ins Kloster habt einkaufen wollen. Ich brauch' mein Geld recht notwendig und weil Ihr nicht ins Kloster gegangen seid, so kann ich wohl mein Geld gleich wieder haben. Oder net?« fragte der Wucherer die Augen verdrehend.

Die Bäuerin, die bei den ersten Worten zusammengezuckt war, faßte sich doch bald so weit, um den Gütermarder anhören zu können. Statt der Bäuerin nahm aber zum Mißbehagen des Wucherers der Pfarrer das Wort, um ihm zu sagen, wie unchristlich er gegen die Bäuerin vorgegangen sei und wie gerade das Einziehen der Forderung jetzt zur Zeit des Hofbrandes von allem anderen eher als von christlicher Nächstenliebe zeuge.

Der Wucherer hatte darauf nur ein höhnisches Lächeln, für ihn war nun kein Zweifel mehr, daß die Seppenbäuerin zahlungsunfähig war und die Freude darüber vermochte der Häusermarder nicht zu verbergen. »Ich möcht' halt von der Bäuerin no' hören, ob s' den Schuldschein einlösen will oder net?« sagte er dann und langte nach seiner dickbäuchigen Brieftasche, aus welcher er sorgsam den Schuldschein der Seppenbäuerin heraussackte. »Ihr kennt doch noch dös Papier?« höhnte der Wucherer und hielt der Bäuerin den Schuldschein halb über den Tisch entgegen. Mit sichtlicher Anstrengung brachte nun das geängstigte Weib die Worte hervor: »Habt doch noch Geduld und Erbarmen, bis 's Troad (Getreide) eing'fahren ist!« Harten Tones erwiderte der Blutsauger aber darauf: »Kann i net, Hoferin, kann i net. Hättest 's die Karlin net nehmen sollen! Verkauft doch den Hof, wie es früher Enka Absicht war. I steh' mit mein' Anbot net um und 's Kloster wartet noch allwei auf d' Hoferin.«

Jetzt erhob sich unwillig der Geistliche und sagte dem verdutzt aufblickenden Buckligen die Meinung derb ins 86 Gesicht. Bevor noch der Blutsauger den Haupttrumpf ausspielen konnte, rief aber Kuni von der Gräd herüber: »'s Landgericht kommt!« Wie vom Blitz getroffen zuckte der Bucklige zusammen, erdfahl ward sein Gesicht, fassungslos starrte er den Pfarrer an, der ihn nicht mehr aus den Augen ließ. Mit zitternden Händen packte der Krawattelmacher die Brieftasche und ließ sie in seinem Rock verschwinden. Dann erhob er sich und wollte schlotternden Ganges durch das Gartenthürl den Gangsteig hinaus. Aber der geistliche Herr gebot das »Halt!« so kräftig, daß es den Buckligen schier umriß und im selben Augenblick waren auch schon die Herren vom Landgericht im Garten. Der Landrichter sah kaum den Buckligen, als er auch schon den Gendarmen, der unten im Hofe geblieben war, heraufwinkte.

Freundlich begrüßte der Richter den Geistlichen und die elend aussehende Bäuerin, zu der er scherzend sagte: »Mir scheint, wir sind ja gerade recht gekommen!« Ein Wink und der herbeigeeilte Gendarm legte die Hand auf den Rücken des Buckligen, der krächzend gegen die Vergewaltigung protestieren wollte. Solche Scenen gewohnt, bot der Landrichter barschen Tones Ruhe und verlangte dem Verhafteten die Brieftasche ab. Während der Landrichter nun den Inhalt derselben durchsuchte, sagte er zum Pfarrer: »Vielen Dank, Hochwürden, Sie haben es uns ermöglicht, das Gaunernest endlich auszuheben. Die Schwindlerinnen, bei denen das meiste, der Seppenbäuerin abgenommene Geld gefunden wurde, sitzen hinter Schloß und Riegel und haben bereits recht saubere Geschichten von diesem Biedermann gestanden!« Dabei deutete der Landrichter auf den erblassenden Wucherer. »So, da ist ja die Hauptsache, der Schuldschein! Der genügt ja fürs erste. Den übrigen Inhalt werden wir zu Hause prüfen,« und zur Bäuerin gewendet, sagte der Richter: »Euer Hof ist diesmal glücklich noch für Euch gerettet, welche Lehre Ihr aus der ganzen Geschichte ziehen sollt, das wird Euch der Herr Pfarrer schon gesagt 87 haben oder noch sagen! Dankt unserm Herrgott, daß es so ausgegangen ist. Und jetzt wollen wir den sauberen Biedermann mit in die Kreisstadt nehmen. Wir haben ihn lange genug gesucht.«

Freundlich verabschiedete sich die Kommission, der Landrichter bestieg seinen Wagen, während der Gendarm dem Wucherer und Dokumentenfälscher die Hände mit einer kleinen Kette schloß und dann den Gefangenen die Straße hinab zur Kreisstadt eskortierte.

Dankerfüllten Herzens aber sank die Bäuerin in die Knie und dankte in inbrünstigem Gebete dem Allvater im Himmel für diese Wendung ihres Schicksales. Bewegten Herzens küßte sie dann dem Seelenhirten die Hand, der sie ermahnte, den Dank an den Weltenlenker nie zu vergessen. Und mit mildem Lächeln meinte der ehrwürdige Priester dann noch: »Und ein Dankeswörtlein dürftet Ihr, Bäuerin, auch noch demjenigen sagen, der Euch vom brennenden Dach herabgeholt hat mit eigener Lebensgefahr. Wo Ihr den findet, wird Euch die Kuni sagen!« Sprach's und ging den Wiesensteig hinab ins Dörfchen.

Seit Bertl die Bäuerin so mutig gerettet, war er nicht mehr auf dem Seppenhofe gewesen. Er wollte in seiner Bescheidenheit dem Danke ausweichen. Was er gethan, that er gern und freudig, galt es ja doch, die Mutter seiner Kuni zu retten. Ein echter Sohn der Berge, machte er gerade in entscheidenden Augenblicken des Lebens nicht viel Worte, zur rechten Zeit handeln kraftvoll und zielbewußt, das war sein Charakter. Die Risse an den Händen und Knieen waren bald verheilt und mit innerer Befriedigung ging er seiner Arbeit im Bräuhause nach. Was sich auf dem Seppenhofe ereignete, erfuhr er von dem Oberknecht, wenn dieser auf eine Maß Bier einsprach. Eine Extramaß aus dem Mutterfaß aber kredenzte Bertl dem Erzähler, als er erfuhr, daß der Blutsauger endlich abgefaßt worden war. Vergnügt sprachen die beiden dem Gerstensaft zu, als Bertl 88 plötzlich zu seinem Herrn befohlen wurde. Fast prallte er zurück, als er dort die Seppenbäuerin mit Kuni im Sonntagsstaate erblickte, die sofort auf ihn zuging, ihm die Hand reichte und herzlichst für die Rettung aus Todesgefahr dankte. Verlegen stammelte der überraschte Bursche einige Worte, dann trat auch Kuni auf ihn zu und bot ihm die Hand, die er zaghaft ergriff. Schalkhaft lächelnd, sagte dann die Bäuerin. »So, hiazt habt 's Enk, mit Gott, Amen!«

Bertl wurde Seppenbauer, hielt sein Weib in Ehren und brachte den Hof zu neuer Blüte. Als seine Buam zu laufen begannen und die ersten Höschen zerrissen heimbrachten, verließ der Blutsauger das Gefängnis und verschwand für immer aus der Gegend. 89

 


 

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