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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Almstummerl.

Zu Füßen des mächtigen Gebirgsstockes des Hochrisses dehnt sich eine große Hochebene aus, welche der Samerberg genannt wird. Es ist dies ein wenig gekanntes, wenig besuchtes romantisch schönes Gebirgsgebiet im oberbayerischen Hochlande, von kleinen Ortschaften besäet, von einem braven Volksstamm bevölkert.

In einem Dörflein dieses uralt besiedelten Gebietes ist es ein altes schwaches Männlein mit dünnen Silberlocken und weißen Bartstoppeln, das von Jung und Alt verehrt und geliebt wird. Man nennt ihn schlankweg den »Almstummerl«; der biedere Alte in der abgewetzten ledernen Hose spricht durch die Hände, da die Zunge den Dienst ihm schier seit einem Menschenalter versagt. Als der Hans noch in der Vollkraft des Mannesalters stand, gab es keinen schneidigeren und kernigeren Burschen auf dem ganzen Samerberg, und unten im Innthal auch nicht und ganz berechtigt war dem Hansl und seiner Dorfgenossen ständiger Spruch: »Herrgott san mir Leut!« (sind wir [respektable] Leute!)

Ein uralter Erwerb der Bewohner dieses Hochplateaus ist das Geschäft des Säumens gewesen, dem fast ständig ein Viertel der männlichen Bevölkerung oblag. Auf struppigen Pferden führten die Säumer, nach deren Beschäftigung der Gebirgsstrich den Namen »Samerberg« erhielt, von den Salinen der Städte Rosenheim und Traunstein Salz auf engen Saumwegen das Gebirge entlang bis zur Isar nach dem heilkräftigen Tölz und weiter bis zum Lech. Wurde der Schritt von Tier und Säumer heimwärts gewendet, brachten sie Hammerschlag und Zunder mit für die Eisenschmelzer 46 von Bergen und Aschau, auch Getreide zur Schranne im lieblichen Rosenheim. Zur Mitte unseres hastenden Jahrhunderts verminderte sich bereits dieser Transport und die Säumer mußten auf eine neue Art der Verwertung ihres Pferdematerials bedacht sein. Aus dem Säumer ward der Fuhrmann und Schiffreiter, der zur Gegenfuhr (Bergfahrt auf Donau und Inn) mit thalwärts zog und guten Lohn gewann aus der neuen Beschäftigung.

Hans war in seiner Jugend Schiffreiter und hochgeschätzt ob seiner Tüchtigkeit und Verlässigkeit. Trug eine Plätte ihn und sein Roß, durfte der Eigentümer des Fuhrwerkes der glücklichen Heimkehr Aller sicher sein. War Hans in der Fremde, so schaffte wacker am häuslichen Herd sein treffliches Weib, und lieblich erblühte den kernigen Eltern ein blondes blauäugiges Mädchen zu ihrer und des ganzen Dorfes Freude.

Von einer langen Fahrt, die sich bis Wien erstreckte, kam der gute Hans zum Entsetzen seines Weibes stumm zurück, seiner Brust entstiegen nur unartikulierte, unverständliche Laute. Bei den Greiner Strudeln war es, daß ein Kahn mit Weibern, von den Wirbeln erfaßt, zur Tiefe fuhr. Der von schwerer Bootsarbeit erhitzte Hans besann sich, als er das Unglück ersah, keinen Augenblick; kopfüber sprang er in die eiskalte Donau und mit Heldenmut und Herkuleskraft brachte er ein bewußtloses Weib ans Land. Und noch einmal tauchte der brave Hans in die Tiefe, das angebotene Seil wies er lächelnd zurück. Doch für eines Menschen Kräfte war diese Arbeit im eiskalten Wasser zu viel, seine Riesenkräfte ließen nach; schon schien der Retter selbst verloren, da gelang es ihm, die Arme aus der Umschlingung des geretteten zweiten Weibes frei zu bringen und mit letzter Kraftanstrengung strebte er dem Ufer zu. Aus tiefer Ohnmacht und starkem Fiebertraum erwachte der Retter aus Todesnot stumm, der Schrecken, der Sprung in das eiskalte Wasser hatten ihm die Sprache geraubt.

47 Wohl ertrug er diesen schweren Schicksalsschlag mannhaft, seinem treuen Weib aber ging diese Prüfung Gottes arg zu Herzen. Sie härmte sich ab und weinte bittere Thränen. Sie fluchte dem Wasser, das ihren Mann unglücklich gemacht, und vermochte schließlich den Gatten, den Schiffreiterdienst aufzugeben. Der Hochwald bot lohnenden Verdienst, für das Abholzen wurden kräftige Leute gern genommen. Hans stieg in die Wildnis und führte still ein hartes Leben als Holzfäller. War die Woche um, dann kam das treue Weib mit Lebensmitteln für die nächste Zeit, so reihte sich Woche an Woche.

An einem Sonnabend aber kam Hanseis Weib früher als gewöhnlich, die Fäller waren noch bei der Arbeit. Ein mächtiger Fichtenstamm sollte noch zur Erde, ehe Feierabend wurde. Neugierig trat Hanseis Weib näher, ungeachtet der Warnungsrufe der Holzknechte. Da, plötzlich ein furchtbarer Krach, ein schmetternd Bersten und sausend stürzt der Koloß zu Boden, alles knickend und zerbrechend, was in den Bereich seiner Äste und des Stammes gerät. Mit einem Weheruf war auch Hanseis Weib von einem Ast des stürzenden Baumriesen zu Boden gerissen worden. Schwer verwundet wurde das Weib von den entsetzten Holzknechten auf einer rasch aus Tannenzweigen hergestellten Tragbahre den weiten Weg zu Thale getragen. Kaum mit geistlichem Zuspruch versehen, hauchte die Ärmste ihre Seele aus.

Der arme Hans. Der Sprache beraubt, das Weib verloren, mochte er seines Kindes wegen nicht mehr in den Hochwald. An seinem Töchterchen hing er ja mit allen Fasern seines Herzens; sein Kleinod, das ihm für das Leben noch geblieben, mochte er nicht fremden Händen überlassen. Ihn sah kein Wirtshaus, kein Vergnügungsort mehr; Hans lebte düster vor sich hin in Entbehrung, fast in Not.

So kam der Herbst und mit ihm die Not ins Haus. Die Sparpfennige waren aufgezehrt, neue Arbeit mußte neuen Lohn bringen, wenn Vater und Kind nicht 48 verhungern sollten. Ein Schiff sollte noch einmal in diesem Jahre nach Wien, ein Führer des Transportes ward gesucht, und Hans, der vom Schicksal schwer gebeugte Stumme, übernahm die Leitung. Doch eine Bedingung stellte er: sein Kind mußte mit. Davon ließ er sich nicht abbringen; kein Vorhalt, daß das kleine Mädchen die Strapazen einer langen Flußfahrt bei rauher Witterung nicht ertragen könne, erschütterte den halsstarrigen Gebirgler in seinem Entschluß. Begleitet von den Segenswünschen der Dörfler, stieß Hans mit Miadei vom Ufer ab und rasch trug der brausende Inn das Schiff thalwärts.

Der Frühling kam ins Land, Matten und Hänge kleideten sich in frisches Grün, vom Turme des Dorfkirchleins zwitscherten die Schwalben, da ward weit unten ein Schiffzug sichtbar und scharfe Augen erkannten die Nußdorfer Plätte, die langsam von Samerberger Pferden aufwärts gezogen wurde. Jung und Alt strömte an den Ländplatz, den heimkehrenden Hans zu begrüßen, nahm doch die ganze Gegend treuherzig Anteil an seinem Geschick. Doch nicht Hans führte als erster Schiffreiter den Zug. Er lag krank im Schiff in wilden Fieberphantasien und allein – Miadei, sein herzig Kind, fehlte an Bord.

Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Kunde, daß der Stummerl in der großen Stadt sein Kind verloren. Die Schiffknechte wußten zu erzählen, daß Hans, sein Kind an der Hand, die Straßen Wiens durchwandert und glücklich dem Dorfkinde die Herrlichkeiten der Weltstadt gezeigt, bis plötzlich Miadei verschwunden war. Schreckensbleich durchsuchte der unglückliche Vater die Stadt, die Landsleute halfen mit, doch nirgends eine Spur des kleinen, kaum schulpflichtigen Mädchens. Der neue Schicksalsschlag drohte den Ärmsten völlig zu vernichten. Lange Zeit lag er todkrank im Spitale, und willig schob man die Heimkehr hinaus, man wollte den Zugführer nicht allein zurücklassen in der großen, fremden Stadt.

49 In stiller Ergebung, gebrochen an Leib und Seele, fristete Hans ein kärglich Leben. Der Großbauer seiner Heimatsgemeinde nahm ihn zu leichter Arbeit ins Haus, im Sommer hantierte der Stummerl auf der Alm zur Unterstützung der Sennerin, den Winter über machte er sich auf dem Hofe nützlich, und wer es konnte, unterstützte den Armen. So zogen die Jahre ins Land, Schienenstränge durchfurchten die Gegend und veränderten das Kulturbild. Doch das stille Alpendorf blieb unberührt von den neuen Zeiten, nur der Erwerb seiner Bewohner ward durch die neuen Verkehrswege verringert, sodaß die Viehwirtschaft und der karge Ertrag des Ackerbodens die Leute ernähren mußte.

So kam auch wieder das fröhliche Kirchweihfest, das die Gebirgsbewohner so gerne feiern. Wie eine Braut wird das Kirchlein geschmückt mit dem frischen, jungen Grün des Waldes und dem Blumenflor der Gärten, Haus und Hof wird gescheuert, der Maibaum aufgerichtet und mit Fähnlein geziert, das Hühnervolk muß Federn lassen, wie dann auch Braten von allerlei Getier im Ofen schmort.

's Fruajahr is kemma,
Schon blühen die Au'n,
Hiatzt müssen ma uns wohl
Z'weg'm Maibaam umschau'n.

Jung und Alt steht auf dem Kirchplatz; nach beendigtem Gottesdienste wird Rücksprache gepflogen, die Bauern sehen sich selten und haben nur wenig Gelegenheit, die Zeitläufte zu erörtern. Dazwischen wird Handel getrieben, der schmucke Bursch spendet dem drallen Schatz, was der Kramladen bietet, und zu dieser Zeit stehen die Dienstboten bei ihren neuen Brotherren ein und treten aus. Ist alles abgesprochen, dann fordert die Fröhlichkeit ihre Rechte, es kreist der Becher und Maßkrug, und der bäuerliche Appetit zeigt, was er zu leisten vermag. Im lachenden Sonnenschein drehen sich die Paare bis zur sinkenden Nacht, der tiroler Wein erhitzt das 50 junge Blut, Trutzliedel fliegen hin und her, bis die Burschen mit den Fäusten aneinander geraten. Ein Kirchtagfest, an dem nicht gerauft wird, ist nicht lustig, sagt die Oberländertradition. Freilich wird mancher Hieb zu wuchtig und sitzt mancher Stich zu tief und die Kirchweihfröhlichkeit endet gar oft mit Blut und Elend.

Am fröhlichsten ging es im Hofe des Großbauern zu. Banzen auf Banzen braunen und schäumenden Bieres wurden geleert, die Bauernschaft wie das Gesinde tafelt und zecht, wie es der Stolz des reichen Bauern fordert, der sich am Kirchtag nicht lumpen läßt. Unter dem schrillen Klang der Schwiegelpfeife, der Fidel und des Hackbrettels stampfen die derbgenagelten Schuhe der Buam und Madeln den Boden; was Füße hat, muß tanzen. Während nun alles lebt und jauchzt in ungebundener Lust, tritt des Großbauern neue Dirn, in einem Päckchen Hab und Gut am Arm, ins Haus. Ein schmuckes Ding mit Augen wie Vergißmeinnicht, mit Backen so rot wie die Äpfel im Herbst, züchtig und bescheiden. Flink nimmt sie ihre Arbeit auf, sie achtet nicht des lauten Festes draußen im Hofe.

Roter Feuerschein flammt plötzlich auf, und wie rasend ergreift der Brand die Futterscheune, ein Funkenmeer sprüht auf zum abendlichen Himmel. So rasch es möglich, werden die Balken niedergerissen und Wasser in die Glut gespritzt. Mit schweren Brandwunden bedeckt, findet man den Almstummerl an der Brandstätte. Der unglückliche Alte ist aus Unvorsichtigkeit zum Brandstifter geworden. Beschenkt mit einem Päckchen Tabak, hatte Hansei sich mit glimmender Pfeife zur Scheune zurückgezogen nach des Tages Mühen, und wohl übermannt vom Schlaf, mochte ihm die Pfeife ins Heu entfallen sein. Man brachte den vor Schmerz wimmernden Stummerl in die Küche, sein brechend Auge fällt auf die junge Dirn, da durchzuckt ein Schlag den alten Körper, in furchtbarer Aufregung richtet er sich in die Höhe, er achtet nicht der gräßlichen Schmerzen, keuchende 51 Laute entquellen seiner Brust und mit zitternden Händen deutet der Sterbende auf das junge, fremde Mädel. Wie von banger Ahnung erfaßt, eilt die Dirn auf den Alten zu, sie nennt ihren Namen, da öffnen sich Hanseis Augen groß, Thränen entströmen denselben, übermächtig arbeitet seine Brust, er ringt nach Atem, da plötzlich kehrt die Sprache dem Alten wieder, »mein Kind!« ruft er und sinkt entseelt zu Boden. 52

 


 

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