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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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's adrahte Nandl.

Der heurige Sommer ist also richtig genau so niederträchtig schlecht wie sein Vorgänger im vorigen Jahre. Seit zehn Tagen regnet es Bauernbuben (große Tropfen), daß man nicht einmal die paar Schritte ins nahe Wirtshaus thun mag, und das will bei einem Isar-Athener was heißen. Nachgerade wird mir aber die Geschichte zu bunt, die Bergschuhe ermöglichen es, den Sumpf, von einer Straße kann man nicht reden, zu durchwaten, und so geht es denn im Sturmschritt der Wirtschaft zu, wo Grazer Bier ausgeschänkt wird. Die erste Frage ist natürlich, wann der Banzen angezapft wird. Die prompte Antwort lautet: Sobald der Herr Kaplan kommt! Hm! Wann kommt der? Nach dem Abendessen. Wann ißt er zu Abend? Nach sieben Uhr. Und jetzt ist es halb sechs Uhr. Hm! O Hofbräuhaus!

Was thun? Ein Gedanke! Ich gehe zum Herrn Kaplan im Pfarrhof, stelle mich als durstigen Münchner vor und lade ihn ein, mit ins Wirtshaus zu gehen, damit angezapft wird. Läuft einmal der frische Quell, dann kann Hochwürden ja wieder zu den Penaten zurückkehren. Gedacht, gethan! Und richtig, der Herr Kaplan lacht, daß sein Bäuchlein wackelt und meint: Auf so eine Idee kann auch bloß ein Münchner kommen. Die Hauptsache ist, daß die Frau Wirtin richtig den frischen Banzen anzapft, wie sie des Talars ansichtig wird. »Gut dressiert haben Hochwürden Ihre Leute!« sagte ich respektvoll und trinke dem würdigen 41 Benediktiner-Expositus ein Prosit zu. Da auch noch der Notar und der Wildmeister im Extrastübel sitzen, die über das frisches Bier bedeutende Erscheinen des Kaplans höchlich vergnügt sind, so kommt auch bald die richtige feucht-fröhliche Stimmung in die Gesellschaft. Jetzt kann es draußen meinetwegen Tropfen wie der Dachstein so groß regnen, ich sitze und trinke. Prosit, meine Herren!

Kaleidoskopartig wechselte das Gespräch. Jeder hat nun schon was zum Besten gegeben aus fröhlicher Jugend- und Wanderzeit, bloß der Wildmeister pafft gewaltige Wolken aus seiner Pfeife und hüllt sich in Qualm und Schweigen. Nutzt ihm aber nichts, 'raus muß er aus seiner olympisch-obersteierischen Ruhe und eine stoasteierische Geschichte muß er erzählen, er weiß deren genug, versicherte der Kaplan . Der wackere Graubart läßt sich auch nicht lange bitten und er erzählt:

»Wie ich einmal von einer Schwoagerin (Sennerin) ang'führt worden bin.«

»Ist jetzt lang' genug her, daher kann man schon davon erzählen, und solche Dummheiten habe ich nicht mehr verübt seit jener Zeit.

Vor etwa dreißig Jahren war ich hier als Forst- und Wildmeistergehilfe thätig und das Kemmathgebirgsrevier gehörte noch in unseren Bezirk. Wie jetzt, hat es auch damals schon Wildpratschützen gegeben und besonders am Stoder wurde den Gemsen arg zugesetzt, sodaß ich alle Augenblicke dem stattlichen Felsenkoloß meinen Besuch abstatten und das Revier nach den Spitzbuben absuchen mußte. In diesem Revier lag und liegt noch heute die Stoderalm, die jetzt von einer Tochter unserer Wirtin bezogen ist. Damals hauste als Brentlerin (Sennerin oder Schwoagerin) 's saubere Nandl auf dieser Alm, sicher das schönste Deandl im ganzen Oberennsthal. Na, weil die Alm in mein' Revier war, hab' ich auch's Nandl öfter zum 42 Sehen 'kriegt, und was nutzt das Leugnen, ich hab' mich nie satt sehen können an den mudelsauberen Madl. Wer ihr Schatz war, hab' ich natürlich auch gewußt, und daß er einer der Hauptwildpratschützen war, dito. Aber zum Abfangen war der Kerl nie, ich hab' es anstellen mögen, wie ich wollte.

An einem Nachmittag wanderte ich gerade über der Assacher Scharten aufwärts, als ein Schuß fiel drüben in der Nähe vom Haasenstrich. Das ist g'wiß der Nandl ihr Bua, denk' ich mir und kalkulierte so: Der Wildpratschütz wird jetzt 's Wild verstecken und dann der Brentlerin zueilen, damit diese weiß, wo der Braten liegt zum Abholen in der Nacht. Also ist's am g'scheitesten, wenn ich gleich auf die Stoderalm zuwatschle und die Brentlerin ausfratschle. Ich geh' also stramm auf die Hütten zu, aber die Brentlerin hat mich schon lang' gesehen und juchzt mir zu, als wär' i ihr Bua und nicht der Jaager, der ihn sucht. Gleich wart' sie mir auch auf mit einem Vogelbirenen (Vogelbeerbranntwein), und statt daß ich sie ausfrage, fratschelt sie mich aus, wo ich 'rauf wär' und wo's wieder heimzu ging. Trotz ihrer prachtvollen Augen, in die zu schauen eine Seligkeit an und für sich war (na, na! räusperte sich der Kaplan), merkte ich die Absicht, doch kam es nicht bis zur Verstimmung. Ich frug endlich doch direkt, obs Deandl keinen Schuß g'hört hätt', aber Schnecken – nix hat's g'hört, dös narrische Deandl, und vom Schießen will's überhaupt nix wissen, beim Wildpratschützen nit und beim Jaager nit. Ja vom Jaager schon gar nicht, weil ihre Mutter schon g'sagt hätt':

Diandl nit, nit,
Koan Jaager liab' nit,
Denn sie woll'n ja nia schlafen
Und geben a koan Fried'.

Weiß der Teufel, wie's gangen ist, ich hab' mich von die schönen Augen nicht losreißen können, der Arm war 43 um die schlanke Taille des Prachtmädels gelegt – ich weiß auch nicht, wie der dahin gekommen ist – und während dem spielt's Madel alleweil mit mein' Gwehr, redet vom schweren Gewicht, fragt, ob's auch geladen ist und ob's auch recht laut tuscht. Und ich geb' auf all das G'schwatz gar nichts, hör' nichts, seh' nichts, und wie ich dem Prachtmadel g'rad einen tüchtigen Schmatz auf den rosigen Mund 'naufpappen will, da druckt das Herrgottsakramentsdeandl los und der Kugelschuß fahrt mit lustigem Knall in die Luft.

Wie zu Tode erschrocken wirft das Deandl das G'wehr weg mitten in den »Sumpf« vor der Hütten und flüchtet mit einem Satz ins Milchkammerl.

Das g'scheiteste Gesicht, glaub' ich, hab' ich in selbem Augenblick g'rad nicht g'macht, aber hängen laß i' mi' noch heut', daß die adrahte Nandl selbigsmal hinterm Kammerthürl g'standen ist und hat sich 'denkt: Für heut' bist g'warnt, liaber Bua, und woaßt jetzt, daß da Jaager heroben ist.

Natürlich haben alle Wildpratschützen im ganzen Revier g'wußt, wie sie dran sind, und ich hab' mit langer Nase abziehen können von der Stoderalm in der Überzeugung, daß mich die adrahte Nandl nicht schlecht derbleckt hat. Ein hörbarer Beweis dafür war das Schnaderhüpfl, das mir das sakrische Deandl nachg'schickt hat beim Abmarsch von der Hütten:

»Und a Jaager siacht guat.
Aber d' Liab macht 'n blind;
Und do fangt oft den größten
A kloans Deandl geschwind.«

Daß der Jaager, der Wildpratschützen fangen will, jeder Brentlerin auf gut a Stund' ausweichen muß, hab' i' mir von dieser Stund' an g'merkt und danach gehandelt.


44 So, meine Herren, das ist die Gschicht von der adrahten Nandl.«

Damit schloß der Wildmeister seine Erzählung.


Eine Viertelstunde später patschten wir durch den Straßensumpf in stockfinsterer Nacht der Sommerfrisch – (Risum teneatis!) Behausung zu. 45

 


 

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