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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der Daaschdodl.

Ein herrlich Land, diese grüne Steiermark mit ihren Felsriesen, Bergkuppen und Matten. Grün ist die Landesfarbe: ein unvergleichlich Grün tragen die Bergwiesen, auf denen das Almvieh das würzige Futter findet, grün ist das Band, das um die Steierer Hüte gewunden ist und ihnen das fesche Aussehen, den steierischen »Chic« giebt. Grün und weiß sind die Grenzpfähle und Wegweiser des prächtigen Landes angestrichen und grüne Seidenbänder flicht sich das echte steierische Deandl in die Zöpfe. Das Herz lacht einem beim Anblick eines echt steierischen Paares!

Schön ist das Land, das Auge weilt trunken auf der Fülle alpiner Naturreize, die dem Touristen ein Eldorado bieten. Aber wie jedes Hochland hat auch die grüne Steiermark in ihrem nördlichen »oberen« Teile eine Kehrseite. Karg ist das Erträgnis der alpinen Landwirtschaft, je höher das braunverwitterte Bauernhaus liegt, desto mühsamer und weniger lohnend die Arbeit. Nur die Viehzucht blüht, sie ist in Obersteiermark zu Hause und für den wirklichen Bauer eine wichtige Erwerbsquelle. Nicht aber für den Keuschler, den Bewohner einer kleinen Blockhütte mit bescheidenem Grundbesitz, der kaum Futter für eine Kuh und ein paar Gaisen abwirft. Hier wird das Leben zum erbitterten Kampf ums elende Dasein und gar oft ist der billige Schnaps Tröster, bis der Fusel zum Verderber wird. Wer wahrhafte Armut finden will, steige empor und dringe in Obersteiermarks Bergwelt ein. Erhaben die Natur, 36 nichtig der in ihr kämpfende Mensch, der nicht immer ein Ebenbild Gottes ist. Liegt es im Wasser, ist die Ernährung Ursache, der Cretinismus ist für das herrliche obersteierische Land eine Beigabe, die zunächst das Mitgefühl anregt für die bedauernswerten Geschöpfe, Menschen genannt, wiewohl sie dem Tiere näherstehen, dann aber das Interesse des Beobachters beansprucht.

Hoch droben am Bergrücken, wo die letzten Fichten stehen und die Latschenregion beginnt, wo sich die Felsschrofen aufbauen zur Steinwüste, steht eine Keuschen, umfriedet von wenigen Quadratfuß Wiesengrund und einem steinigen Haferfeld. Schwere Balken, grob gehauen und ineinandergefügt, bilden die Wohnung für eine mit Kindern reich gesegnete Keuschlerfamilie. Zwei mit Heu gefüllte Holzpritschen sind die Ruhestätte für Eltern und Kinder, ein aus Backsteinen zusammengesetzter offener Herd, der Rauch entflieht durch die Thüre, darüber der geschwärzte Kochkessel und wenige Geschirre zum täglichen Bedarf bilden die Einrichtung. Ein Verschlag ist zur Milchkammer bestimmt, während rückwärts ein kleiner Stall nebst Futtertenne angebaut ist, in dem das wenige Vieh bei schlechter und rauher Witterung Unterkunft findet. Der Keuschler arbeitet als Holzknecht, das Weib besorgt die kleinen landwirtschaftlichen Geschäfte, die halbwüchsigen Kinder hüten das Vieh, bis sie auf stundenweitem Wege zur Schule müssen, nicht gerade zum Vergnügen der Eltern, die die jungen Kräfte zur Arbeit brauchen. Roggen- und Hafermehl mit Wasser angemacht und mit Fett geröstet, bildet nebst der Schottsuppe, einem Erzeugnis aus geronnener Milch mit Schwarzbrot aufgekocht, jahraus, jahrein die Nahrung dieser armen Gebirgler. Getränk ist Wasser und wenn etwas Kupfergeld im Hause ist, greifen die Keuschler zum Schnaps. Wild wie die Natur werden die heranwachsenden Kinder, rauhe Kehllaute, dem Städter unverständlich, vermischen sich in die Sprache, der Hals verdickt sich, bald ist der Kropf da, stier wird der Blick, blöde 37 der Gesichtsausdruck, das Fassungsvermögen schwindet, es degeneriert der Mensch.

Diesen Wandlungsprozeß machte auch der Daaschdodl durch. In der Jugend verschoppt, d. h. mit der oben erwähnten schweren, groben Kost verfüttert, blieb der Keuschlerbub in der geistigen Entwickelung zurück, während sein Körper eine Höhe von fast zwei Meter erlangte. Vater und Mutter waren längst von Holzknechten auf den Friedhof im Thale getragen worden, die übrigen Geschwister bei Bauern in Dienst getreten, der Älteste von ihnen hat die Keuschen übernommen, für den Jüngsten war kein Platz. Wozu auch, er ist ja ein Dodl, d. h. ein Schwachsinniger, den der steirische Dialekt auch »Trottl« oder »Tepp« nennt. Heimatlos, ohne Obdach fristet der Dodl ein für städtische Begriffe entsetzliches Leben. Er bettelt sich von Bauernhof zu Bauernhof, klettert, notdürftig bekleidet, an den Füßen wahre Ungeheuer von massig beschlagenen Schuhen, thalwärts und vertrinkt die erhaltenen Kreuzer in Schnaps. Im Sommer in Heuschuppen übernachtend, flüchtet der Dodl zur rauhen Jahreszeit zu mildthätigen Bauern, von denen einer ein menschlich Rühren verspürte und ihm für Lebenszeit eine »Daasch« überließ. Eine Flachsbrecherhütte, Daasch genannt, wird das Heim des einsamen Bettlers. Eine Liegerstatt aus Holz, mit Heu gepolstert, in einem kleinen Holzraume ohne Fenster, das ist die letzte Zuflucht. Ein Herd ist nicht darin, der Dodl könnte unachtsam mit dem Feuer umgehen, und den roten Hahn fürchtet man im Gebirge noch mehr wie auf dem Flachlande. 's Unglück ist hussig (schnell), sagt man in Obersteiermark. Jahre verlebte der Dodl in diesem dürftigen Heim, harmlos und stumpfsinnig, bis er auf seiner Bettelwanderung oben auf der Alm von einer bösartigen Kuh »angenommen«, d. h. verfolgt und aufgespießt wurde. Das eine Horn des Tieres drang dem Ärmsten mit Vehemenz in den Leib, die Gedärme quollen heraus, gräßlich zugerichtet blieb er hinter einem Zaun 38 liegen, bis der Senner ihn am Abend fand. Zum Landarzt unten im Dorfe gebracht, wurde der Daaschdodl, wie er fortan hieß, in Behandlung und ihm die schier entzweigestochene Milz herausgenommen. Die »Kur« gelang, der Cretin kam davon und lebte ohne Milz jahrelang weiter, nur haßte er fortan den Tabak. Vor Tabaksqualm flüchtete er in rasender Schnelligkeit, Schnupftabak, ihm scherzweise in die Nase gesteckt, brachte den Dodl außer sich.

Für Wohlthaten hatte der Halbstumme ein ziemlich gutes Gedächtnis, lallend, die riesigen Beine mühsam schleppend, eilte er auf seine Gutthäter zu und suchte die Hand derselben zu haschen. Vielfach enteilten die Bewohner des Marktfleckens diesem Dank, schlugen dem Dodl die Thüre vor der Nase zu. Sein Anblick war allerdings nicht gerade vertrauenerweckend.

Ich kannte den Burschen mehrere Jahre durch meinen Sommeraufenthalt im steierischen Hochland, und habe noch eine Reminiscenz an ihn im Gedächtnis.

Wir saßen eines schönen Sonntagmorgens im »Postgarten« beim Frühschoppen, indes eine der Damen mit dem Amateurphotographen aus den um das Wirtshaus rumstehenden Bauern Gruppenbildchen entnahm, sie durch Momentaufnahmen fixierte, ohne daß die Bauern die geringste Ahnung hatten. Plötzlich kündigte ein Geschrei die Ankunft des Daaschdodls an, der richtig auf die »Post« zusteuerte mit seinen Spinnenbeinen. »Ach, wenn ich den fixieren könnte,« rief unsere Photographin. »Das kann bald geschehen,« meinte ich, fing den Dodl ab, um ihn für eine Momentaufnahme aufzuhalten. Mit einigen Kreuzern auf der Hand gelang dies, nur zeigte der Krüppel ein gewisses Mißtrauen. Plötzlich erblickte er den Photographenapparat, die Mündung auf sich gerichtet: ein grauenhafter Schrei und mit unbegreiflicher Schnelligkeit entfloh der Daaschdodl. Aber sein Bild war schon auf der Platte. Nach acht Tagen hatten wir alle ein Exemplar von Daaschdodls Photographie 39 und einer von uns zeigte sie ihm. Neugierig warf der Dodl einen Blick auf das Bild, dann packte er es und machte eine Geste, die für den Ausdruck gründlichster Abscheu gelten konnte.

Auf meine Frage im vorigen Sommer nach dem Daaschdodl wies man nach dem Friedhof. Der Ärmste war im Februar oben im Gebirge tot aufgefunden worden. 40

 


 

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