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Geschichten aus den Bergen

Arthur Achleitner: Geschichten aus den Bergen - Kapitel 10
Quellenangabe
typenarrative
booktitleGeschichten aus den Bergen
authorArthur Achleitner
yearca. 1910
publisherPhilipp Reclam jun.
addressLeipzig
titleGeschichten aus den Bergen
pages495
created20140410
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Der neue Waldmeister.

Das niedliche Gebäude mit einem mächtigen Hirschgeweih an der Stirnseite am Ende des kleinen Marktfleckens ist das Haus des fürstlichen Waldmeisters, aus dessen Fenstern Geranien und Nelken überreich in die stolze Bergwelt gucken. Die Bewohnerin des Hauses liebt diese Blumen über alles. Frau Rosa, die bildschöne Witwe des Waldmeisters, pflegt ihre Lieblinge mit zärtlicher Sorgfalt. Bei Lebzeiten ihres Mannes trug ein einziges Fenster im Hause keinen Blumenschmuck, das war das Arbeitszimmer des Gestrengen, durch dessen Fenster man den gewaltigen Felsenkegel erblicken konnte, der wie der breite, himmelanstrebende Rücken des Kammgebirges das Hochthal beherrscht. Der alte Waldmeister war kein Freund von Zärtlichkeiten, ein brummiger, alter Geselle, dem ein Tannenast weit lieber war, als ein Röslein oder Nagerl. Und wehe den Holz- und Wildfrevlern, wenn er hinter ihre Schliche kam, wehe aber auch seinen Gehilfen, wenn sie ohne die Diebe heimkamen. Dann gab es Sturm im Waldmeisterhause, daß die Nachbarn aus den Häusern liefen und Schönröschen, das zierliche Frauchen, helle Thränen der Angst und Sorge weinte. Ihren bittenden Augen vermochte der grimmigste der Jagdgehilfen nichts abzuschlagen, auch der bärbeißige Waldmeister selbst fügte sich für gewöhnlich, wenn diese Prachtsterne ihn anstrahlten, allein, wenn er einmal fuchtig geworden, dann nutzten Thränen und Ermahnungen, Bitten und Flehen gar nichts.

Da kam einmal der hohe Jagdherr auf Besuch und logierte sich im Waldmeisterhause ein. Das war eine böse 4 Zeit für den Waldmeister, denn kein einziger Bursche konnte einen Bock ausrichten, keiner hatte eine Gemse gespürt, wie verhext schien das ganze Revier zu sein. Drüben am anderen Flußufer wär's viel besser, aber der Prinz hatte seine »Mucken« und wollte just im Zinkengebiet jagen. Der Waldmeister ward ganz rabiat, als der letzte der Jägerburschen am Abend mit einem Gesichte heimkehrte, daß ein Blinder die Kunde aus den Mundwinkeln hätte lesen können. Von Standwild keine Spur, verdammt wenig Gemslosung, rein zum Verzweifeln. Aber etwas hatte der jüngste Bursch doch eräugt: eine Wildererbüchse schlecht verwahrt in einem hohlen Baum. Kaum war dem Burschen die Meldung aus dem Halse, war der Waldmeister auch schon oben beim Gewehrschrank, rasch erfolgten mehrere Befehle und noch am selben Abend wurde das Revier revidiert. Der Fürst mochte indes Frau Röschen unterhalten, bis er später Gelegenheit bekam, sie zu trösten, denn gegen Morgengrauen brachten die Burschen den Waldmeister tot nach Hause. Der Schuß war durchs Herz gegangen, aber keiner wußte anzugeben, wie die Büchse sich entladen. Ein unselig Verhängnis.

So jung und schon Witwe. Frau Rosas Schmerz war fürchterlich. In ihrem Gatten hatte sie den besten Freund verloren, fast einen Vater, alles verloren, und nun stand das zarte Weib allein, verlassen. Was bieten die Worte heuchelnder Teilnahme für einen Trost im jungen, herbsten Schmerze!

Der Waldmeister war begraben, der hohe Jagdherr abgereist, im Markte das Ereignis gründlich durchgesprochen, alles sank wieder in seine altgewohnte Ruhe zurück.

Frau Rosa saß allein im Hause, um das sich Epheu rankte, trauernd trotz der herrlich blühenden Natur. Oft stand sie am Fenster und blickte wehmütig hinüber auf den Felsenkegel, in dessen Schluchten ihr Teuerstes das Leben ausgehaucht. Mehr wie sonst übte die Witwe stille Wohlthätigkeit, kein Wanderer bat an ihrer Thüre vergeblich um 5 ein Almosen, die armen Dörfler dankten ihr mit Thränen für die stille Hilfe.

Mit rauhem Ungestüm kündigte sich der Herbst im Hochthale an. Die Berge hüllten sich tagelang in dichte Nebelschleier, raschelnd fiel das Laub von den Bäumen, im Gärtchen standen nur noch die Astern, die Blumen des Todes und bald ließen auch sie die Köpfchen trauernd hängen, als der erste Reif sie überfallen und ihr Leben geknickt. Regenschauer gingen über das Land, in die sich wirbelnd große Schneeflocken mischten, unergründlich wurden die Wege, immer seltener kamen die Bauern herab von ihren Gehöften. Trostlos öde ward es im Orte. Wer nicht mußte, verließ das schützende Haus nicht mehr. Nur die Karriolpost kletterte mühselig das Sträßlein in vielen Windungen herauf, sie brachte das wenige Leben zur winterlichen Höhe und vermittelte so den Verkehr mit der Außenwelt. Auf wenige Augenblicke wurde es dann lebhafter im Gasthause zur »Post«, die Knechte schirrten die dampfenden Gäule aus und brachten den mageren Postbeutel in das kleine Gelaß, wo ein dürres Männlein sein Leben als dürftig besoldeter Postbeamter vertrauerte. Die paar Briefe waren rasch verteilt, Zeitungen waren es auch nicht viele und selten fand sich ein Kistchen darunter. Dann ward es wieder still im weiten Gebäude, schläfrig schlichen die Dienstboten hin und her, und hinterm Ofen saßen die wenigen Bauern beim »Schilcher«, die aufs Bezirksgericht mußten oder zum gestrengen Herrn Bezirkshauptmann (Amtmann) und nun die Stunde abwarteten, bis sie in Gnaden vorgelassen wurden.

Nur Sonntags äußerte sich im kleinen Marktflecken einiges Leben. Zu Amt und Predigt in der verwitterten Kirche kamen, wenn es nicht gar zu arg stürmte, die Bauersleute herab, die Männer vermummt, den Spenserkragen in die Höhe geschlagen und die Hände tief in die Taschen vergraben, die Weiber den Oberrock von rückwärts über den 6 Kopf gezogen, kurzgeschürzt, die Füße in unförmlich großen grobgenagelten Bergschuhen. Alle dampfend und Dunst verbreitend durch die nassen Kleider. Nach der Messe umstanden die Männer und Burschen, den ordinären Tabak rauchend, das Wirtshaus, indes die Weiber zum Krämer gingen, um den Wochenbedarf zu decken. Reichere Bauern gingen wohl in die große, qualmige Wirtsstube und tranken das teure, herzlich schlechte Bier. Schlug dann vom Kirchturm die zehnte Stunde, dann kamen würdevoll die wenigen Beamten über den Marktplatz geschritten, mürrisch begrüßt vom wartenden Volk.

Fußhoher Schnee ist gefallen über Nacht, das Postwägelchen trägt Schlittenkufen an den Rädern und drei Pferde werden vorgespannt. Schellengeläute erklingt fröhlich, wenn die Gäule sich schütteln. Heute sitzt neben dem Postillon gar ein Passagier. Das ist ein Ereignis, welches der Schwager zu würdigen weiß und deshalb bläst er auf seinem Horn einen jämmerlich klingenden Einzugsmarsch. »Der Nazl thuat blasen!« rief's Katherl beim Unterkramer in die Küche, und was Beine hatte, lief heraus auf die verschneite Straße und guckte neugierig auf die einfahrende Post. Aus allen Häusern laufen die Leute, der Postnazl hat die ganze Ortschaft alarmiert mit seinem schauerlichen Geblase. Er blickt vom Bock herab mit seinem stumpfsinnigen Lächeln, als wollte er sagen: »Gelt, da guckt ihr!« Dem Fremden aber ist es unbehaglich auf seinem luftigen Sitze, dieses Anglotzen wird ihm peinlich. Noch einige Häuser weit, dann ist die Marterfahrt vollendet. Auf der Post ist Nazls Signal natürlich auch gehört worden und hat das ganze Haus rebellisch gemacht. Der Posthalter steht unter dem Thor, sein dickes Weib hat den Kochherd verlassen und grinst dem Fremden entgegen; Dienstboten und Knechte stehen neugierig umher und selbst das dürre Expeditionsmännchen ist aus seinem Verschlage hervorgekrochen, um die heutige Post einfahren zu sehen. An den Fenstern des 7 Gerichtsgebäudes, wo die Ämter untergebracht sind, stehen die Beamten und besehen sich den durch das Posthorn angekündigten Fremden. Erst als die Leute sich satt gesehen, wird der Ankömmling begrüßt. Mit einem Satze ist er herunter vom Bocke, er schüttelt sich den Schnee vom Mantel, stampft mit den erstarrten Füßen, indes die Postknechte seinen Koffer herabholen. Eben will die Leni, die kropfgesegnete Kellnerin, dem Fremden die Thür des Extrastübchens mit der Versicherung aufschließen, daß gleich Feuer gemacht werden würde, doch der Fremde, ein junger, blondbärtiger Mann, schüttelte den Kopf, fragte nach dem Waldmeisterhaus und befahl, man solle ihm seinen Koffer dorthin schaffen. Sprachlos vor Erstaunen hält die Kellnerin den weiten Mund offen, die Posthalterin schlägt die Hände überm Kopf zusammen und der Posthalter ist nahe daran, vor Verwunderung die Pfeife fallen zu lassen. Die Dienstboten wispern zusammen, der Nazl vergißt die Gäule auszuschirren. Unwillig macht der Fremde der unerquicklichen Situation ein Ende; da niemand ihm antwortet, tritt er, einige Gaffer zur Seite schiebend, hinaus auf die Straße und sucht auf eigene Faust das Ziel seiner Reise.

»Kurzan'bunden, der junge Herr!« meint schnippisch die Posthalterin, die fetten Hände in die Hüften steckend, dann trottet sie auf Nazl zu und fragt ihn, ob der Fremde nichts gesprochen habe auf der Fahrt den Berg herauf. Der Postillon brummt ein mürrisches »Nix«, packt den Handgaul und führt ihn in den Stall. Er ist in seinen schönsten Hoffnungen bitter getäuscht, denn der Fremde hat seine Fahrtaxe entrichtet, aber keinen Kreuzer Trinkgeld dazugelegt. Daher auch Nazls Rache mit dem Einzugsmarsch auf dem verbogenen Posthorn.

Kaum ist die Post verteilt, da kommen heute merkwürdig viele Leute, um nachzufragen, ob Briefe angekommen seien. Sie wissen recht gut, daß nichts gekommen ist, allein die Nachfrage ist nur ein Vorwand, man will erfahren, wer 8 und was der Fremde ist, was er im Orte will u. s. w. Der vom Stalle in die Wirtsstube eintretende Nazl wird umringt von den neugierigen Weibern und Gewerbsleuten, ihm schmeichelt es nicht wenig, so den Mittelpunkt des allgemeinen Interesses zu bilden. Das giebt eben eine prächtige Gelegenheit, sich an dem »schmutzigen« Fremden, der kein Trinkgeld giebt, zu rächen. »Ein Stummerl ist er,« sagt der Nazl, »und Geld hat er g'wiß aa koans.« »Ah, ah!« fährt es den erstaunten Leuten aus dem Munde. Diese Verwunderung giebt dem Nazl neuen Mut. »Net amol a Sechserl über die Tax hat er,« versichert der Postillon mit erhöhter Stimme. Das Erstaunen der Leute wächst zur Verblüffung, als sie erfahren, daß der Fremde nach dem Waldmeisterhaus gefragt und bereits dorthin gegangen ist. Das muß die Frau Bezirkshauptmännin sofort erfahren, dann die Frau Richterin, die Frau Notarin, auch die Frau des Finanzaufsehers wird sich für diese wichtige Neuigkeit interessieren. Die Weiber schwärmen wie die Bienen aus, tritsch, tratsch geht es flüchtigen Schrittes durch den Schnee, Thüren fliegen auf und zu, treppauf, treppab rennen die Neuigkeitsboten, wie Flugfeuer verbreitet sich die Kunde. Sie dringt in die Amtsstuben, in die kleinen Wirtshäuser, bis zur Mittagsstunde giebt es keinen Menschen im Orte, der über die Ankunft des Fremden nicht alle Details weiß. Die geschäftige Fama hat ihn schon zum Bräutigam der Waldmeisterswitwe gemacht, er wird als hochnäsig, grob, arrogant geschildert, als ein Mensch, mit dem nicht auszukommen ist, ein Menschenfeind, Gott weiß was alles. Dann kommt auch gleich die Waldmeisterin unter die Hechel. Eine Duckmäuserin ist sie, heißt es unisono, die Heimlichkeiten und sich einen Liebhaber von der Stadt verschrieben hat. Also sind ihr die Marktbewohner zu schlecht; darum hat sie auch von dem Bezirkskommissär nichts wissen wollen, der doch ein stattlicher, lediger Mann ist, weiß ein anderes Gerücht zu erzählen. Bis die Abendschatten sich herabsenken 9 auf das winterliche Gefilde weiß jedes andere Neuigkeiten, man ist geneigt, den Fremden bereits für einen Verbrecher zu halten und glaubt auch von der sonst so geachteten Frau Waldmeister nichts Gutes mehr.

Im stillen Waldmeisterhause hat der Fremde die Glocke gezogen und der alten Nandl aufgetragen, ihn der Frau Waldmeister zu melden. Erstaunt empfängt diese den Herrn in der Gaststube, wo er sich als vom fürstlichen Forstamt neuernannter Jagdleiter und Nachfolger des seligen Waldmeisters vorstellt. In verbindlichster Form bittet er die Dame um Entschuldigung, daß er so plötzlich in das Haus komme und unterbreitet mit höflicher Verbeugung das Dekret des Forstamtes. Dann durch die Trauerkleidung der jungen Witwe an den Tod des Waldmeisters erinnert, spricht er teilnahmsvoll sein Beileid aus, so innig und herzgewinnend, daß der jungen Frau die Thränen von den sanften Augen perlen. Sie dankt es dem jungen Manne herzlich und heißt ihn willkommen im Hause, in dessen Anbau er seine Dienstwohnung beziehen wolle. Fritz, der Oberbursche, welcher interimistisch die Leitung bisher inne hatte, werde sofort nach seiner Heimkehr vom Dienstgange verständigt werden, versichert die Hausfrau und weist dem Herrn seine Wohnung an. Die alte Nandl setzt sie in Stand, heizt das Stübchen des Herrn Jagdleiters warm und sorgt in mütterlicher Weise für die allerdringendsten Bedürfnisse.

Am nächsten Morgen findet die Vorstellung des Forst- und Jagdpersonals statt, der neue Jagdleiter fordert zu gewissenhafter Pflichterfüllung auf und sichert sein Wohlwollen jedem zu, der sein Amt zur Zufriedenheit ausführe. Die Jägerburschen sind über den jähen Wechsel allerdings erstaunt, doch die Wiederbesetzung der Vorstandsstelle ist zu selbstverständlich, als daß man darüber viel zu grübeln hätte. Nur dem Fritz paßt sie nicht, die Ernennung des jungen Beamten durchkreuzt zu schroff seine ehrgeizigen Pläne. Er vermag auch seinen Ärger darüber kaum zu verbergen und 10 nur widerwillig übergiebt er die Journale und das Abzeichen des Waldmeisters dem neuen Chef.

Den grimmigen Ärger, die jähe Enttäuschung muß Fritz im Schilcher, dem rötlich schimmernden säuerlichen Wein ertränken. Dies geschieht am besten auf der »Post«, wo sein Erscheinen hochwillkommene Sensation erregt, denn nun kann man doch erfahren, was sich im Waldmeisterhause zugetragen und was es mit dem Fremden für eine Bewandtnis hat. Vorsorglich schickt der spekulative Posthalter auch gleich zu den Honoratioren die Nachricht, daß der Jägerfritz auf der »Post« sei, um über das »Ereignis« zu referieren. Während sonst an den langen Abenden kaum drei Gäste gegen den sauren Schilcher ankämpfen, giebt heute Abend ein Gast dem andern die Thüre in die Hand, bald ist der Tisch voll besetzt und noch immer kommen neue Gäste, der Bierbrauer, der Bäcker, der Seiler und Rauchfangkehrer, der Metzger, der Lebzelter, der böhmische Schneider finden sich ein, es muß ein zweiter Tisch an den Beamtentisch gereiht werden und die Leni hat alle Hände voll zu thun, um die vielen Gäste zu bedienen. So voll war es auf der Post seit dem letzten Feuerwehrball nicht mehr, sagte sich der schmunzelnde Posthalter und postierte sich in der Nähe des Jägerfritz, um ja kein Wort zu verlieren. Dieser verstand es, die Situation auszunützen. Absichtlich schwieg er und weidete sich an der von jedem Gesichte abzulesenden Neugier der Anwesenden, deren Gemurmel sofort verstummte, wie einer der Beamten anhub über das Wetter zu sprechen. Es wußten alle, daß es Winter geworden und die nahen Berge eine Schneemütze über die Ohren gezogen haben, aber in der Vorahnung, daß das Wettergespräch nur die Einleitung sei, drückten einige durch bekräftigende »Ah« und »So ist es« ihre Zustimmung zum Wintereintritt aus. Wie der Redner nun meinte, daß der Schnee auch eine Neuigkeit für den Ort mitgebracht habe, wußten alle, daß es jetzt losgehe und enger rückten sie 11 zusammen. Nun wurde das »Ereignis« der Ankunft des Fremden in der »Post« rekapituliert, sein Gang zum Waldmeisterhaus konstatiert, die Aussage des Nazl über das verweigerte Trinkgeld zur Kenntnis gebracht und dann eine Trinkpause gemacht, damit jeder seinen Weinvorrat ergänzen könne. Wie auf Kommando wurden die Seidel geleert, Leni füllte sie wieder und wurde dann zu ihrem großen Verdruß in die allgemeine Wirtsstube verwiesen. Der Redner nahm wieder das Wort: »Wir gehen wohl nicht irre in der Meinung, daß der Herr Fritz in der Lage sein wird, uns über die der Aufklärung bedürftigen Vorgänge im Waldmeisterhause zu informieren. Insbesondere erscheint es dringendst geboten, zu erfahren, wie es kommt, daß der Fremde seit seinem gestrigen Eintritt in das Haus dasselbe nicht wieder verlassen hat. Wir geben daher das Wort Herrn Jägerfritz.«

Dieser sah stolz sich um in der Runde, räusperte sich, machte, um den Effekt zu erhöhen, eine Kunstpause und hub an: »Der ins Haus geschneite Fremde ist – der neue Waldmeister!«

»Ah, o!« hieß es in der überraschten Tafelrunde, die Köpfe wackelten vor Erstaunen und alle Schleußen der Beredsamkeit schienen nun gezogen, alle äußerten auf einmal ihre Meinung, jeder rief und schrie auf den anderen ein, daß ein Chaos voll Stimmen durcheinander klang und die Fenster klirrten. Dieser Spektakel gab der Leni hocherwünschten Anlaß, die Posthalterin zu holen und mit ihr ins Extrazimmer zu treten, um nachzusehen, was los sei. Die Wogen des entfesselten Redestroms brandeten noch eine Weile weiter, bis die Thatsache der Nachfolgerschaft gebührend besprochen schien und niemand mehr was Neues und Ergänzendes hinzuzufügen hatte. Dann kam Fritz wieder zu Wort und tiefe Stille trat abermals ein. Er erzählte nun, wie die Waldmeisterin den neuen Jagdleiter vorgestellt und ihm seine Dienstwohnung angewiesen habe, wie sie 12 freundlich, fast zu freundlich mit ihm gewesen und es überhaupt gar nicht passend sei, einen ledigen Waldmeister in ein Amt einzuführen, wo vom vorigen Jagdleiter noch eine junge Witwe vorhanden sei. Das war Öl ins Feuer und dem Jägerfritz ward förmlich leichter ums Herz, daß er seinem Ärger Luft machen konnte. Dazu riefen einige aus der Versammlung: »Sehr richtig,« was dem Jäger noch mehr Mut zum Lästern gab. Und dann fuhr er fort: Bei dem Wildstand in unserem Revier sei es überhaupt lächerlich, einen eigenen Waldmeister herzusetzen, da er ja doch nichts zu thun habe, offenbar sei das wieder so ein Protektionskind von der fürstlichen Kanzlei, wo kein Mensch einen Dunst vom praktischen Jagddienst habe, so ein Grünschnabel, der kaum das ABC hinter sich habe und schon kommandieren wolle. Und von der Waldmeisterin sei es alles, nur nicht schön, gleich bei der Ankunft eines hochnäsigen Fremden so dickfreundlich zu sein und ganz zu vergessen, daß ihr Mann erst ein Halbjahr in der Grube liege.

Eine neue Kunstpause hatte eine verfehlte Wirkung, denn kaum, daß der Jägerfritz sein Lästermaul zuklappte, ging die Erörterung des eben Gehörten in betäubender Weise wieder los und steigerte sich dieselbe rasch zu einem wahnwitzigen Gebrüll, in dem jeder den anderen zu überschreien bemüht war, sodaß keiner den anderen verstand.

Inmitten des Heidenspektakels öffnete sich die Thüre und herein trat der Arzt des Ortes, dem nun alle zugleich die eben vernommenen Neuigkeiten mitteilen wollten. Lächelnd wehrte derselbe die Leute ab und versicherte mit kräftiger Stimme, daß er alles dies bereits aus authentischer Quelle wisse. Nun gab es neues Staunen, neue Verblüffung, das den Menschenkenner nicht wenig ergötzte. Auf ein schnippisches: »Von wem denn, Herr Alleswisser?« gab der Arzt trocken zur Antwort: »Vom neuen Waldmeister selbst.«

»Ah, o, nicht möglich!« hieß es nun. »Gewiß!« versicherte der Doktor, satirisch lächelnd, »ich habe vor wenigen 13 Augenblicken des neuen Waldmeisters, eines sehr feinen, gebildeten Herrn, Bekanntschaft gemacht.«

»Wo denn, wenn man fragen darf?« fragte springgiftig die Posthalterin. »Beim Bergwirt, der Frau Posthalterin zu dienen,« antwortete der Doktor. »Was? Ist dem gnä' Herrn die »Post« z'schlecht? Ah, da schaugt's her, kaum an Tag da, sucht der sich schon a anders Wirtshaus aus und geht nit auf d' »Post«. A sauberer Herr dös, muß i schon sagen.« Und fuchsteufelswild über diese Eigenmächtigkeit des neuen Waldmeisters schlug die Posthalterin die fette Hand auf den Tisch, daß die Gläser in die Höhe hüpften.

Nun ging's wieder los, und der Abwesende ward rethorisch zerzupft und ihm vorneweg bittere Feindschaft zugeschworen. Je ärger es zuging, desto vergnügter wurde der Doktor. Wie er merkte, daß die Leute sich immer mehr in die Hitze schwatzten, wozu der massenhaft vertilgte heimtückische Schilcher nicht wenig beitrug, beschloß er eine Radikalkur, in deren Ausführung er zunächst zahlte und dann ohne Aufsehen ging. Der biedere Arzt lenkte seine Schritte sofort zum Bergwirt zurück und verständigte den Waldmeister von der Sachlage und lud ihn ein, zunächst der Posthalterin durch ein persönliches Erscheinen den Mund zu stopfen. »Den übrigen ein Sturzbad zu bereiten, dürfte auch nichts schaden.« Bereitwillig schloß der Waldmeister sich an.

Vor der Thür des Extrazimmers auf der »Post« angekommen, sagte der Arzt zu seinem Begleiter: »Hören Sie, wie sie toben und einen Abwesenden lästern. Das wird eine Überraschung geben. Nun vorwärts, mein Lieber.«

Die Thür flog auf und Totenstille trat ein. Mit wahrem Entsetzen blickten die Leute auf die Eintretenden. Vielen erstarb das Wort auf der Zunge und vor Schrecken vergaßen sie den Mund zu schließen, andere warfen im ersten Schrecken die Gläser um, daß der Wein sich über die Kleider ergoß. Verlegen blickten die Beamten sich an und die 14 Hauptschreier schienen nicht übel Lust zu haben, unter die Tische zu kriechen. Der Arzt, dies bemerkend, rief nun laut in die verstörte Versammlung:

»Ich bitte die Herren, die eben unter den Tisch kriechen wollen, heroben zu bleiben, damit ich ihnen den neuen Herrn Waldmeister vorstellen kann, den Seine Durchlaucht hierher gesandt hat. Der Nachfolger unseres seligen Waldmeisters ist durch die Amtsübernahme gestern behindert gewesen, sich sofort auf der »Post« einzufinden, wo man bekanntlich verkehren muß, wenn man nicht in Acht und Bann erklärt werden will. Den heutigen Tag über mit der Einrichtung der neuen Wohnung beschäftigt, nahm der Herr Waldmeister der Nähe wegen ein kurzes Abendbrot im Bergwirtshause, wo ich ihn eben verständigte, daß die verehrten Anwesenden den dringenden Wunsch geäußert hätten, die persönliche Bekanntschaft womöglich heute noch zu machen. So, nun sprechen sich die Herren aus!« sagte der Arzt mit feinem Lächeln und nahm mit seinem Begleiter am ersten Tische Platz. Der Gesellschaft hatte sich die äußerste Bestürzung bemächtigt, viele schienen geradezu ratlos, stammelten ein: »Sehr erfreut!« nach dem andern und drückten sich unter Rücklassung der Mützen, Hüte und Kappen heimwärts, so daß die zornige Leni aufbrauste, über die Durchbrenner schimpfte und die Kopfbedeckungen bis zur Auslösung konfiszierte. Am sichtlich unbehaglichsten war es dem Jägerfritz zu Mute, der seine Leute zu genau kannte, um nicht zu befürchten, daß jetzt die Stimmung umgeschlagen habe und zu erwarten stehe, daß man ihn direkt als Lästerer an den Pranger stelle. Er war daher im argen Zweifel, ob er bleiben oder gehen solle, entschloß sich aber doch zum ersteren in der Voraussetzung, daß in seiner Anwesenheit ein Desaveu doch weniger wahrscheinlich sein dürfte.

Die Beamten nun ergriffen die Gelegenheit, dem Waldmeister Willkommen zu sagen im neuen Domizile und der Hoffnung auf ein angenehmes Zusammenleben, auf das 15 man in so kleinen Orten angewiesen sei, Ausdruck zu geben. Der Waldmeister bedankte sich hierfür mit dem Bemerken, daß er nicht verfehlen werde, demnächst seine Antrittsvisite bei den Herren zu machen. Dann trank man aus, zahlte und verabschiedete sich.

In den nächsten Tagen stattete der neue Waldmeister in seiner schmucken Galauniform den Honoratioren in ihren Amtsstuben die Antrittsvisite ab. Im Markte hat man sich an seinen Anblick bereits etwas gewöhnt, nur der Umstand, daß der neue Waldmeister eine Uniform trug, während der alte auch bei den festlichsten Gelegenheiten keine hatte, fiel auf und gab Veranlassung, tiefsinnige Vergleiche zwischen sonst und jetzt zu ziehen. Natürlich mußte man im Verfolg dieser Gespräche auch darauf kommen, daß der Herr Fürst einen »studierten« Jagdleiter in das, wie der Jägerfritz versichert, wildarme Revier setzt, während der alte Waldmeister von Pik auf gedient hatte. »Lauter Neuerungen!« rief die Richterin, die sich schnell ein Pfund Salz holen mußte, als sie den neuen Waldmeister die Straße heraufkommen und in das Gerichtsgebäude treten sah, zu den beim Krämer versammelten Frauen. »Mein Gott, wie lang wird's dauern,« meinte dann die Frau Schestak, die Gattin des Oberlehrers, »dann kommt a no das Telegraph herauf, was 's jetzt haben bei Eisenbahn unten.«

»Aber plauschen S' doch nit, Frau von Schestak,« sagte hierauf die Steuerkontroleurin, »zu was brauchen denn wir heroben einen Telegraphen. Glauben Sie vielleicht, daß die Leut' die schuldigen Steuern per Telegraph auf dem Steueramt abliefern werden?«

»Soll das vielleicht Anspüllung sein, Frau von Kontrollor? Wir haben Steuer schuldiges schon 'zahlt bei pane (Herr) Kontrollor! Brauchen wir uns nicht gefallen zu gelassen, daß man ausgerichtet wird öffentlich, wenn Steuern bezahlt sind. Werd' ich meinem Schestak sagen, der wird Ihnen klagen bei pane Bezirksrichter. Schamste Dienerin! 16 Ma uzta, porucim se (Meine Verehrung, ich empfehle mich)«. Sprachs und ging entrüstet ab.

Nun wurde die Schestak natürlich Gegenstand hitziger Erörterung. Die Kontroleurin äußerte ihre Entrüstung, von der böhmischen Gans, der die paar »Flörln« (Guldenzettel) in die Nase gestiegen seien, so mißverstanden worden zu sein und die Richterin beeilte sich zu versichern, daß sie ihren Mann schon so bearbeiten werde, daß die Ehrenbeleidigungsklage ins Wasser falle. Inzwischen schlug es zwölf Uhr vom Turme, die Mittagsglocken ertönten und mit jähem Schrecken flohen die Frauen auseinander, es war höchste Zeit die Suppe aufzutragen, denn schon leerten sich die Kanzleien und schneller als herzu, stapften die würdevollen Beamten ihren Wohnungen zu, wo die Frauen zwischen Suppe und Rindfleisch die Neuigkeit erfuhren, daß der neue Waldmeister (seinen Namen wußte niemand) »auf der Kanzlei« seine Visite gemacht habe. Dies machte bei den Honoratiorenfrauen böses Blut und gab neue Entrüstung, sie erblickten hierin eine absichtliche Kränkung, eine Zurücksetzung und Nichtbeachtung, für die man Rache nehmen werde.

Das Gefühlsbarometer schien auch bereits nach Tisch Sturm anzeigen zu wollen, denn Bezirkshauptmanns Zenzi rannte mit Briefchen zur Richterin, dann zur Steuereinnehmerin, zur Kontroleurin und nachher zur Notarin, die zur »Jause« (Vesper) eingeladen wurden. Die »Jause« bei der Amtmännin bedeutete von jeher, daß die Dogaressa etwas zu besprechen wünsche, wozu viele Täßchen Kaffee getrunken und ein Gugelhupf gegessen werden mußte. In der That besprach die »Jausen«-Gesellschaft die »Ignoranz« des neuen Waldmeisters und kam zu der Überzeugung, daß er ganz genau von der Frau Rosa aufgehetzt worden sein müsse. Einstweilen aber müsse man auf dem Observationsstandpunkt stehen bleiben, schloß die Frau Amtmann ihre Ausführungen und schob den Rest des Gugelhupfs in den zahnlosen Mund.

17 Auf dem Heimweg begegnete die Notarin der Doktorin, welche, die Tratschsucht in kleinen Orten hassend, sich so viel wie möglich zurückzog und nur für ihren Mann lebte. Brühwarm mußte diese natürlich erfahren, daß die Waldmeisterin schuld sei an dem beleidigenden Verhalten des neuen Waldmeisters und daß daher beide gestraft werden müßten. Ihn wird keine Frau jemals ins Haus lassen und sie wird schon erfahren, was es heißt, die Amtmännin zum Feind zu haben. Die Doktorin trachtete von der »Ratschen« (Spottname für Klatschweib) so rasch wie möglich fortzukommen und nach einiger Anstrengung gelang es, die Notarin abzuschütteln. Zu Hause informierte die Arztensgattin ihren Mann von dem Komplott und dieser sprach noch am Abend beim Waldmeister vor, um auch diesen zu instruieren. Der Waldmeister schäumte freilich auf, allein einstweilen war nichts zu wollen. Bei einer Flasche Luttenberger blieben die Herren dann sitzen und besprachen emsig, wie dem Komplott zu begegnen wäre und wurden auch endlich einig über einen Plan. Der Waldmeister solle sich aus Wien Schwechater Lagerbier und aus Thüringen Wurstwaren verschreiben, auf der »Post« ein Picknick arrangieren und die Beamten nebst Gattinnen hierzu einladen. »Ich wette ein Faßl Sauerkraut,« lachte der Doktor, »daß alle kommen, aber ohne die Weiber, ja – gilt es fünf Gulden für den Deutschen Schulverein? Topp – daß die Egoisten von dieser Fête den Frauen kein Wort verraten. Dann bringen Sie, Herr Waldmeister, bei passender Gelegenheit Ihr Bedauern an, daß die Frauen trotz dringender Einladung das Fest nicht verschönerten durch persönliches Erscheinen.«

Der Plan gefiel dem Waldmeister ausnehmend. Bis die Honoratioren, ohne Frauen natürlich, die Visite erwiderten, war alles zum Feste bereit und grinsend vor Vergnügen acceptierten alle die Einladung und richtig kamen alle ohne die Frauen, die kein Sterbenswörtchen 18 davon wußten. Selbst der Amtmann, der sonst fast nie Gasthäuser besuchte, drückte sich an dem vereinbarten Kneipabend aus dem Hause und schlich im trüben Schein der einzigen Öllampe, die den Marktflecken zu erleuchten bestimmt war, nach dem Extrastübchen der »Post«.

Wie sie alle jetzt gut Freund waren mit dem neuen Waldmeister. Der lange Wachszieher prüfte mit Kennermiene das braune Naß, zu dessen Vertilgung natürlich die Posthalterischen eingeladen werden mußten, um ihren Schmerz über Entgang des Verdienstes an ihrem eigenen Bierausschank zu erleichtern, und hielt dann eine Ansprache, die in einer Lobeserhebung für den Spender, der es so rasch verstand, sich beliebt zu machen, endete. Auch der Bürgermeister hielt eine Rede, aber erst nach reichlichem Genuß des Wiener Bieres. Als Vorstand einer politischen Gemeinde glaubte er eine politische Rede halten zu müssen und toastete auf den Deutschen Schulverein, zugleich eine Kollekte für denselben einleitend. Damit war ein Erisapfel in die Gesellschaft geworfen, denn der Kontroleur und Herr Schestak opponierten augenblicklich, weil sie Söhne der großen böhmischen Nation seien. Da platzten denn die Geister aufeinander, scharf und leidenschaftlich. Der Kaminfegermeister wollte Frieden stiften, erntete aber schnöden Undank, ja sein Nachbar, der Bäcker, bewarf ihn mit Grobheiten, nannte ihn einen verkappten Czechen, der früher seine Schulden für die Semmeln bezahlen solle, ehe er den Leuten Vorschriften gebe. Das wirkte wie der Funke im Pulverfaß. Der Kaminfeger wurde nun ebenfalls böse und schrie, der Bäcker solle vor seiner Thüre kehren und nicht beim Metzger monatelang das Fleisch schuldig bleiben. Immer unerquicklicher wurde die Situation, der Amtmann verließ das Lokal, mehrere andere Beamte folgten seinem Beispiel, auch der Waldmeister hatte sich erhoben und wollte nach Mantel und Mütze greifen. In diesem Augenblick platzte noch der Bäcker mit einem neuen Vorwurf heraus, daß der 19 Schornsteiner gestohlenes Wild vom Jägerfritz gekauft habe, das ganz gewiß dem Fürsten nie gebucht worden sei. Das war eine böse Beschuldigung, die den Waldmeister dienstlich zum Eingreifen veranlassen mußte. Der Kaminkehrer konnte nicht leugnen, gab aber in seinem Ärger noch weitere Personen an, die vom Jägerfritz weit unter dem Preise lange Zeit Wild bezogen hätten, sodaß der Waldmeister noch am selben Abend ein Protokoll aufnehmen mußte.

In schriller Disharmonie endete der Kneipabend, bittere Feindschaften waren wieder einmal heraufbeschworen worden. Mit aller Energie betrieb der Waldmeister die Untersuchung, welche den Jägerfritz schwer belastete. Die Betrugsanzeige wurde bei Gericht erstattet und der Jägerfritz plötzlich des Dienstes entlassen. Seine Verurteilung erfolgte gerichtlich ziemlich rasch. Nach mehrwöchentlicher Gefängnisstrafe verließ er Rache schwörend den Ort. Die der Hehlerei überführten Personen kamen mit kleinen Geldstrafen davon und waren, wenn auch mit Unrecht, sehr erbittert auf den Waldmeister, der ihnen nach ihrer Meinung diese Suppe eingebrockt hatte.

Die Frauen des Ortes erfuhren bei dieser Gelegenheit, wie sie von ihren Männern um den Kneipabend düpiert worden waren und verschiedene Hausarreste der Männer waren die Folge der schnöden That.

Langsam verliefen sich die Wellen der Erregung über diesen Vorfall. Der Fasching mit dem üblichen Liedertafelkränzchen und Feuerwehrball brachte neue Gesprächsstoffe. Dann versank der Ort wieder in seine alte Lethargie, und Langeweile gähnte von Haus zu Haus.

Still lebte Frau Rosa im Forsthause ein eintönig Leben. Dem Getratsche abhold, sah sie wenig Besucher bei sich, nur die gemütvolle Doktorin sprach mitunter vor und einmal die Woche versammelten sich die Doktorsleute und der Waldmeister in der behaglichen, mit Rehkrickeln und Jagdinsignien geschmückten Wohnstube der Frau Rosa zum Thee. Nach 20 anmutigem Gespräch wurde dann musiziert, des Waldmeisters klangvoller Bariton und Frau Rosas heller Sopran verbanden sich zu herrlichen Duetten, klassische Musik und edles Schachspiel wurden gepflegt und erheiterten die langen Stunden des schier ewig dauernden Winters in diesen starren Bergen. Beseligend wurden diese trauten Stunden dem Waldmeister, der sich von Woche zu Woche nach dem einzigen Tage sehnte.

An einem der nächsten Abende waren Frau Rosa und der Waldmeister allein, Doktors hatten sich entschuldigen lassen, weil ihre Kinder erkrankt waren. Traulich summte der Theekessel, in dem das Wasser brodelte, leise tickte die Uhr in der Ecke. Das volle Lampenlicht fiel auf Frau Rosas zartes Gesicht und beschien das volle blonde Haar, das wie Gold erglänzte und die Anmut der holden Frauengestalt noch mehr erhöhte. Mit bezauberndem Liebreiz reichte sie ihrem Gaste die Tasse würzig duftenden Thees und bot ihm die kalte Platte zum Imbiß. »Wie schön sie ist,« dachte der Waldmeister, ganz in ihren Anblick versunken, und wie wenn sie seine Gedanken erraten, errötete Frau Rosa bis hinauf in die Schläfe und suchte ein harmloses Gespräch in Fluß zu bringen. Munter quollen die Worte über ihre Korallenlippen, dann wartete sie auf eine Antwort, die dem Waldmeister nur mit Mühe abzugewinnen war. Beim Schachspiel zeigte er sich zerstreut, machte Fehler auf Fehler, mußte sich die Königin nehmen lassen und gar bald tönte ihm das »Matt« entgegen. Besser ging's später am Klavier, mit Ausdruck und Hingebung sang er die herrlichen Lieder von Schubert und Mendelssohn, die Frau Rosa meisterhaft begleitete. Eben hatten sie ein neues Lied aufgelegt, voll klangen die Töne des Vorspieles auf dem prachtvollen Blüthner-Flügel, »Hast du mir denn kein Wort zu sagen« sang der Waldmeister, da ward jäh die Hausglocke gezogen, daß sie gellend durch die weiten Räume schallte. Erschrocken unterbrach Frau Rosa das Spiel, auch der Waldmeister 21 horchte erstaunt auf. Die alte Nandl hatte bereits die Hausthüre aufgeschlossen und kam eilenden Laufes heraufgetrippelt in die Wohnstube. »Ein dringendes Telegramm für den Herrn Waldmeister, das von der Bahnstation heraufgeschickt worden ist,« meldete das alte Frauerl und übergab die Depesche dem höchlich erstaunten Forstmann, der sie unter einer Verbeugung gegen die Hausfrau öffnete.

»Sonderbar,« murmelte er, nachdem er das Telegramm gelesen und überreichte es Frau Rosa, die es halblaut ablas: »Begeben Sie sich sofort mit dem Akt Jägerfritz hierher. Fürstliches Forstamt.«

»Was soll denn das bedeuten?« fragte erstaunt Frau Rosa.

»Mir fehlt jedes Verständnis, gnädige Frau,« antwortete der Waldmeister und zog die Uhr. »Wenn ich mich beeile, kann ich noch den Nachtzug erreichen. Ich bitte mich gütigst zu entschuldigen.«

»Reisen Sie mit Gott und kommen Sie gesund und bald wieder.«

Der Hausfrau artig die zum Lebewohl gereichte Hand küssend, verabschiedete sich der Waldmeister und schritt rasch in die bitterkalte Nacht hinab zur Thalsohle, durch welche die neue Bahn ihre Schienenstränge gezogen.

In wehmütiger Stimmung bleibt Frau Rosa allein. Sie fühlt sich vereinsamt, nun der Freund, den sie schätzen gelernt, sie verlassen. Eine bange Ahnung erfaßt sie, daß er einen schweren Gang angetreten habe in heutiger Nacht, es zittert ihr Herz, daß er dem Unglück entgegenfahre. Seltsam, wie warm sie für ihn fühlt, wie das Blut pocht in den Adern, so heiß und wild. Sie erhebt sich vom Stuhl und schreitet ans Fenster, an dessen Scheiben sie die heiße Stirne kühlt. Wie schwarz es draußen ist, kein Sternlein erhellt die Nacht, dumpf braust der Bergwind herab und rüttelt an den Dachsparren. Krächzend dreht der Blechhahn sich auf dem nahen Kirchturm, die Fenster klirren leise . . . 22 Schwere Tritte ertönen im knirschenden Schnee und dumpf klingt herauf, wie der Nachtwächter in die Nacht mit rauher Stimme singt.

»Ihr Herren und Frauen,
Laßt euch sagen:
Der Hammer hat zehn Uhr geschlagen.
Gebt acht auf Feuer und Licht,
Daß kein Unglück g'schiecht.
Gelobt sei Jesus Christus!«

»Gelobt sei der Herr, er wende alles zum besten!« flüsterte Frau Rosa und begab sich zur Ruhe.

Am nächsten Morgen brachte Nazl, der Postknecht, die Neuigkeit von der Bahn herauf, die ihm der Stationsdiener knapp vor Abfahrt der Post noch zugeraunt hatte, daß der Waldmeister telegraphisch abberufen worden und auch gleich mit dem letzten Zuge abgereist sei. Nicht lange darauf, kombinierte der ganze Ort das Unmöglichste zur Wahrscheinlichkeit, zur Gewißheit und Thatsache.

Daß mit dem Jägerfritz etwas vorgefallen sei, konnte dem zur Stadt fahrenden Waidmann nicht zweifelhaft sein, das Telegramm sprach sich hierin klar und deutlich genug aus. Was also ist es? fragt er sich immer wieder, indes der Zug klirrend und stoßend durch die Nacht rast. Morgen wird er es ja erfahren, aber er möchte jetzt zur Stunde schon Gewißheit, Klarheit haben. Er nimmt den Akt aus der Tasche und quält seine Augen bei dem trüben Licht der Öllampe an der Decke des Coupés mit der Lektüre, ohne einen beruhigenden Gedanken fassen zu können.

Wie entsetzlich lange die Fahrt dauert! Er versucht es, sich durch einen Ausblick auf die tiefverschneite Landschaft zu zerstreuen, allein so oft er sich ein Guckloch durch die das Coupéfenster bedeckenden Eisblumen gehaucht hat, immer wieder ließ der scharfe Wind, den der rasende Zug sich selbst erzeugt, Eisblätter über das kaum Aufgethaute schießen. Von Zeit zu Zeit huscht durch die beeiste Glastafel warmer 23 Lichtschein aus den Stationslaternen, an denen der Zug vorbeisaust. Der ersehnte Schlaf will sich nicht einstellen, unwillkürlich lauscht das Ohr auf das Geräusch des Zuges, bald klirren die Weichenwechsel, wenn der Zug durch Stationen rast, Terraineinschnitte, Gitterbrücken kündigen sich durch verschiedene Töne an. Endlich beruhigten sich die aufgeregten Nerven doch, die Gestalt des Jägerfritz verließ ihn, dafür stieg vor seinem geistigen Auge das bezaubernde Bild Schönröschens auf, nach dem er sich sehnte, das er liebte, wenn er es bisher auch selbst noch nicht wußte. Innig und ehrlich liebt er das zarte Weib, das als ein Kind noch an den alten Waldmeister verheiratet wurde. Er wußte es aus dem Munde der alten Nandl, wie Röschen zum Altar mußte. Eine alltägliche Geschichte vom geopferten Kind.

Ein milder Traum umfängt seine Sinne. Doch nicht lange darauf ertönt ein langer Pfiff der Lokomotive, das rasende Gerassel mindert sich zum langsamen Klappern der Räder, bis die lange Wagenreihe stoßend, kreischend und knisternd hält und der bereifte Zug steht. Erschrocken fährt der Reisende aus dem kurzen Schlummer empor, der Kondukteur reißt die Thüre auf und ruft: »Wagenwechsel«. Bitterkalt dringt die Luft in das behaglich durchwärmte Coupé, der Reisende muß heraus in den grauenden Morgen. Es knirscht der Schnee und Reif unter seinen Tritten, öde und leer ist es auf der Station, deren Restaurant er aufsucht. Ein kurzes Läuten und davon fährt der Zug.

Die ganze Unbehaglichkeit, das Qualvolle seiner Situation erfaßt ihn aufs neue, wie er das Lokal betritt, vor dessen muffiger Atmosphäre der an freie Bergluft gewöhnte Waidmann fast zurückschreckt. Eine Öllampe erleuchtet mit trübem Schein das düstere Zimmer, die Stühle stehen auf den Tischen, ein verschlafener Junge bespritzt den Fußboden in Zickzacklinien und rüstet sich, ihn zu kehren, das Büffet mit seinen verdächtigen Likören und gefälschten Weinen und Speiseresten wirkt eher widerlich als einladend. Lange 24 dauert es, bis der Kaffee kommt. Fürchterliche Langeweile erfaßt den Wartenden, er versucht im Zwielicht des Morgengrauens und des Lampenscheines zu lesen, langweilige Provinzialblätter und längst abgestandene abgegriffene Wiener Zeitungen hängen an der Wand. Draußen zwischen den Geleisen Schnee, weiß die ansteigenden Berglehnen. Endlich kommt der Kaffee und bald darauf weiß wie ein Wickelkind der pustende Zug, der ihn zur Stadt bringt.

Für den Waldmeister ist es zu früh, auf dem fürstlichen Forstamt sich zu melden. Fröstelnd sucht er ein Café auf, in welchem er die Zeit abwarten kann.

Gegen neun Uhr sucht er die Kanzlei auf. Der gestrenge Chef ist natürlich noch nicht da, aber der Waldmeister kann in der Schreibstube der Diurnisten warten. Die wußten von seiner Angelegenheit nur so viel, was sie aus den Flüchen des Oberforstmeisters erraten hatten, als die Denunziation des Jägers Fritz einlief.

»Ob denn eine gemeine Denunziation, noch dazu von einem Individuum, das wegen Diebstahl und Unterschlagung gerichtlich abgestraft ist, in derselben Angelegenheit Beachtung finden könne?« fragte der Waldmeister die Diurnisten. Diese zuckten die Achseln und schrieben emsig weiter.

Gegen zehn Uhr kam der gestrenge Chef, devot von den Beamten und Schreibern begrüßt. Bald darauf wird der Waldmeister gerufen. Knapp, kurz und kalt fällt die Begrüßung aus, auf der Stirne des Chefs lagern düstere Falten, die Sturm zu verkünden scheinen, alle Freundlichkeit im Gesichte des alten Weißbarts ist verschwunden.

»Sie sind rasch hierher gekommen,« hub der Oberforstmeister an, »das ist noch das einzig Gute in der leidigen Angelegenheit. Geben Sie mir den Akt über den Jägerfritz, der Sr. Durchlaucht persönlich unterbreitet werden wird. Ich muß Ihnen bemerken, daß Ihr Vorgehen nichts weniger als glücklich ist, um keinen schärferen Ausdruck zu gebrauchen.«

25 »Halten zu Gnaden, Herr Oberforstmeister, ich wüßte nicht warum?« entgegnete fest der Waldmeister.

»So, Sie wissen das nicht!« höhnte der Chef. »Sie wissen gar nicht, warum Sie hierher citiert worden sind? Sie haben wohl auch keine Ahnung, warum Sie den Jägerfritz seines Dienstes entlassen haben? He?«

»Gewiß, das weiß ich, denn ich habe selbst die Untersuchung geführt und bin streng pflichtgemäß vorgegangen. Außerdem bestätigt das Urteil des Bezirksgerichts vollinhaltlich das Ergebnis meiner gewissenhaften Untersuchung.«

»Ei, ei, Sie haben sich den Geist zur Untersuchung dieses Falles ja ganz besonders geschärft. Keinen Einwand, wenn ich bitten darf,« rief der Chef, als der Waldmeister ihn unterbrechen wollte. »Für uns ist es eine große Enttäuschung, zu sehen, welch unglückliche Hand Sie haben. Ist es schon recht unerquicklich, einen Jäger, der das specielle Vertrauen Sr. Durchlaucht genießt, in so barbarischer Weise zu behandeln, so ist es noch kurioser, zu sehen, wie Sie lästige Zeugen für Ihren, wie es scheint, etwas freien Verkehr im Forsthause zu beseitigen verstehen.«

»Herr, das wird zu viel,« brauste der Waldmeister auf.

»So, zu viel, uns wird es gleichfalls zu viel,« zischte der Alte, richtete sich dann würdevoll auf und erklärte mit fester nachdrücklicher Betonung: »Bis die Untersuchung gegen Sie und die neuerliche Prüfung der Akten des Jägerfritz beendet ist, sind Sie nach X. versetzt und zwar treten Sie diesen Posten nach vorheriger Übergabe des Amtes an Ihren zweiten Burschen sofort an. Habe die Ehre.« Sprach's und drehte sich um.

Unschlüssig blieb der abgekanzelte Waldmeister einen Augenblick stehen, er kämpfte mit sich selbst, es empörte ihn, so verdächtigt zu werden und schon wollte er seiner Entrüstung lauten Ausdruck geben ohne Rücksicht auf die Folgen, da durchzuckte der Gedanke an Frau Rosa sein Gehirn mit Blitzesschnelle und er verließ schweigend, gesenkten Hauptes 26 das Zimmer. Ihren Ruf muß er schonen, selbst wenn er darunter leiden soll.

Verbittert lenkte der Waldmeister seine Schritte wieder dem Bahnhof zu und verließ mit dem nächsten Zuge die Stadt.

Frau Rosa harrte in wachsender Aufregung der Wiederkehr des Waldmeisters. Sie hatte gebangt um ihn und gelitten unter den quälendsten Mutmaßungen. Am späten Abend war er heimgekommen und hatte sofort seine Behausung aufgesucht. Wiewohl Frau Rosa sich selbst sagen mußte, daß sein Besuch zu so später Stunde den Anstand schwer verletzen müßte, so empfand sie es doch peinlich, in Ungewißheit noch weiter bleiben zu müssen. Mit pochendem Herzen und fliegenden Pulsen sagte sich die Waldmeisterin, es müsse ihm etwas widerfahren sein, weil er sie meide und nicht einmal auf brieflichem Wege ihr eine Botschaft, eine Erlösungskunde aus bangen Zweifeln sende. »Allmächtiger Gott, es wird doch meine Existenz im Forsthause nicht schuld sein!« schrie entsetzt Frau Rosa auf und wie lähmend wirkte dieser jähe Gedankenblitz auf das gequälte, zarte Weib. Verstört, außer Stande, einen anderen Gedanken weiter fassen zu können, saß sie am Fenster lange, lange Zeit, bis linde Thränen über die zarten Wangen perlten und der herbe Schmerz sich löste. Je mehr Frau Rosa darüber nachdachte, desto überzeugter wurde sie, daß ihr Verbleiben im Forsthause schädlich für die Existenz des Freundes sein müsse. Sie fragte sich jetzt plötzlich nach der Berechtigung, im Hause zu schalten und zu walten, nachdem ja ihr Mann nicht mehr lebe. »Habe ich ein Recht, hier zu wohnen oder nicht?« stellte sich die Waldmeisterswitwe selbst die Frage. Seltsam, daß sie früher nicht auf diesen Gedanken gekommen ist. Auch hat niemand hierüber auch nur ein Wort geäußert! Aber es kann noch anders kommen. Vielleicht verdankt sie es nur der Gnade des Fürsten, unbehelligt geblieben zu sein. Sie will aber keine Gnade, sie will wissen, 27 ob das Recht auf ihrer Seite stehe oder nicht. Darüber will sie, muß sie Gewißheit haben. Aber wie? Sollte nicht ein Vertrag zwischen ihrem verstorbenen Mann und der fürstlichen Kanzlei existieren? Jawohl, so wird es sein, Merkwürdig, daß sie in der langen Zeit auch nie daran gedacht hat, den alten Schreibtisch ihres Gatten zu durchsuchen. Sie weiß selbst nicht, warum? Sie hat in frommer Pietät alles so gelassen, wie es bei seinen Lebzeiten gewesen. Sie will aber sofort nachsuchen, sie nimmt die Lampe und begiebt sich in das Arbeitszimmer ihres Gatten.

Wie dumpf und modrig es hier riecht, es fröstelt sie, sie schauert zusammen – was wird sie aus den Papieren erfahren? Mit zitternden Händen sucht sie die amtlichen Papiere auseinander, Jagdscheine, Holzzettel, Ausweise über verschiedene Lieferungen, alles mit Staub überzogen, der ihr in den Fingern ein unbehaglich Gefühl erzeugt. Sie öffnet ein neues Fach. Hier liegen Papiere mit Bindfaden zusammengebunden. Sie löst die Schnur – ihr Trauschein liegt vor ihr – ein harmlos Papier und doch welcher Kummer, welches Leid war vor und nach dessen Ausfüllung in ihr Herz gezogen! – Sie sucht weiter, unheimlich rascheln die Papierrollen in der schweigsamen, lautlosen Nacht; die Lampe knistert, Frau Rosa friert trotz der fiebernden Aufregung, der Kopf glüht und dennoch sind die Finger eiskalt.

Hastig sucht sie weiter, Lade auf Lade wird hervorgezogen und ihres Inhaltes entleert. Es muß doch ein Vertrag existieren – da, was ist das? Ein vielfach bestempeltes Schriftstück, richtig ein Kontrakt, schnell durchfliegen ihn die Augen – Gott sei Dank, es ist der Vertrag, der der Witwe des Waldmeisters, sofern sie sich nicht wieder verehlicht, auf Lebenszeit das Recht sichert, im Forsthause zu bleiben, wie wenn das Haus ihr Eigentum wäre. »Ich habe also ein Recht zu bleiben,« sagte Frau Rosa aufatmend zu sich selbst, »wie kann dann meine Anwesenheit im Hause folgenschwer sein für den Waldmeister? Sollte 28 man ihn verleumdet haben? Aber wer dann? Halt, ich hab's, der Jägerfritz, der ist an allem Unheil schuld, das den Freund betroffen.«


Am nächsten Morgen übergab der Waldmeister dem zweiten Burschen interimistisch die Leitung der Waldmeisterei mit dem Beifügen, daß dieses Provisorium nicht lange dauern werde. Der Jäger horchte aufs Höchste verwundert zu, fragte aber mit keiner Silbe weiter, wiewohl ihm der Verstand stille zu stehen drohte vor Erstaunen. Nachdem dieser schwere Schritt für den pflichttreuen Beamten geschehen, begab sich der Waldmeister zu Frau Rosa. Sein finsterer Blick, das ungewöhnlich ernste Wesen in seiner Erscheinung erschreckte die Witwe sichtlich, kaum vermochte sie ihrer wachsenden Aufregung Herr zu werden. Förmlich, fast steif, kühl, um das Beben der Stimme zu verdecken, teilte er der Dame seine Versetzung mit. Überrascht fuhr es Frau Rosa aus dem Munde: »Nicht möglich!«

»Gewiß, gnädige Frau, versetzt nach X. Ich komme, um Ihnen zu danken für jedes gute, freundliche Wort, das Sie zu mir gesprochen, zu danken für die gemütvollen, genußreichen Stunden, die ich in Ihrer Nähe verleben durfte; ich komme, um Abschied zu nehmen, denn der Ordre gemäß muß ich noch heute fort.«

»Ich fasse es nicht,« entgegnete Frau Rosa verwirrt.

»Zu gütig, aber der Befehl ist nicht mißzuverstehen.«

»Aber um Himmels willen, warum hat man Sie denn versetzt?«

»Das scheinen nur die Herren in der Kanzlei zu wissen.«

»Wie? man hat Ihnen nicht einmal die Gründe genannt?«

»Gründe?« lachte der Waldmeister bitter auf.

»Keine Gründe? Dann sind es nur Verdächtigungen . . .« rief Frau Rosa empört.

Nach einer kleinen Pause sagte der Waldmeister: »Ich 29 kann und will mich hierüber nicht aussprechen, bis die nochmalige Untersuchung des Falles mit dem Jägerfritz abgeschlossen ist.«

»Sie verheimlichen mir etwas, werter Freund,« rief angstvoll Frau Rosa, »Sie dürfen sich mir gegenüber nicht in Schweigen hüllen, besonders nicht, da Sie scheiden wollen. Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie um Klarheit, ich kann nicht in dieser fürchterlichen Ungewißheit weiter leben . . .«

»O, gnädige Frau, nicht diesen Ton der Sorge, der mich schmerzt. Ich kann nicht wiederholen . . .«

»Also betrifft es mich . . . Ja, ja, Sie schweigen und senken das Haupt, man hat mein Verbleiben im Forsthause Ihnen zum Vorwurf gemacht, ja, ich ahne es – widersprechen Sie nicht. O meine Ahnung . . . Eduard!« rief aufschluchzend die gequälte Frau.

»Rosa!« Thränenüberströmt hielt er die junge Witwe in den Armen.

»Du liebst mich, göttliches Weib,« rief Eduard mit bebender Stimme, »und ich liebe dich wieder, treu, ehrlich.«

»Ja, innig, du geliebter Mann!« flüsterte errötend Frau Rosa.

Dann hob sie das sanfte Auge zu ihm empor und seufzte: »Diese Liebe ist unser Unglück, sie hat dich unglücklich gemacht, du Armer.«

»Nein, Rosa, innig Geliebte, deine Liebe macht mich glücklich, sie beseligt mich und giebt mir Trost und Mut für die kommenden Tage.«

»Nein, ich fühle es, sie ist dein Verderben. Ich will dich aber nur glücklich wissen, Eduard, und darum entsage ich dem Glücke. Wir müssen scheiden für immer.«

»Rosa!« schrie es in ihm auf.

»Ja, scheiden, Eduard, so wehe es thut. Ich weiß jetzt erst, was heilige wahre Liebe ist und fühle den Schmerz der Entsagung. Geh, Geliebter, geh und vergiß mich. Es muß sein.«

30 »Einen einzigen Kuß, Rosa, zum Abschied, dann will ich schweren Herzens scheiden.«

Hold errötend gewährte sie seine letzte Bitte, eine innige Umarmung, dann schied er vom Hause, das sein ganzes Glück in sich barg.


Wie der Lenz eingeläutet wurde von den Blümelein auf Flur und Feld, Gentianen blühten auf den Bergen und das junge Grün auf den Matten sproß, verließ Frau Rosa die Stätte ihres Schmerzes. Sie besuchte das Grab ihres Gatten, schmückte es mit den ersten Boten des einziehenden Frühlings und nahm Abschied vom Dahingeschiedenen. Dann sagte sie mit wehmütigem Lächeln ein freundlich Lebewohl den Leuten, die sich vergebens mühten, den Grund der Trennung vom Orte zu erfahren. Frau Rosa sagte nur, sie gehe zu Verwandten in die Stadt. Das war alles, was aufdringliche Neugier erfahren konnte. Für die Bewohner des Ortes wenig genug, daher sie sich fast erschöpften in Vermutungen.

Einer der ersten Schritte der Frau Rosa in der Stadt war ein Besuch beim Oberforstmeister, der sie zwar höflich, doch mit fühlbarer Kälte empfing und ein eisiges Verhalten zur Schau trug, als Frau Rosa nach den Gründen der Versetzung des Waldmeisters fragte. Statt einer offenen Antwort, erhielt sie ausweichende Redensarten, und je dringender sie fragte, desto hartnäckiger verschwieg der Oberforstmeister die Wahrheit. Und als sie nicht nachließ in ihrer Bestürmung um Klarheit, da wurde der Weißbart nahezu grob und ließ Andeutungen fallen, die die edle Frau geradezu empörten. Entrüstet sprach Frau Rosa ihren Verzicht auf das Recht ihres Bleibens im Waldmeisterhause aus und ließ den Beamten in völliger Verblüffung zurück.

Einmal eingetreten für den Mann ihres Herzens, war sie fest entschlossen, seine Sache zu verteidigen. Frau Rosa suchte demgemäß um eine Audienz beim Fürsten nach, die ihr rasch bewilligt wurde.

31 Mit gewinnender Liebenswürdigkeit empfing sie Se. Durchlaucht. Der Fürst, ein wahrer Edelmann, fragte die Waldmeisterin, womit er ihr gefällig sein könne und brachte daher das Gespräch sofort auf den Kern der Audienz.

Lieblich errötend begann Frau Rosa zu sprechen von dem Provisorium im Waldmeisterhause nach dem Tode ihres Gatten bis zur Versetzung des neuen Waldmeisters, die ohne Angabe der Gründe den Charakter einer Strafe habe. Mutvoll verteidigte Frau Rosa den verleumdeten Waldmeister, züchtig errötend, als sie des Vorwurfes gedachte, daß der ehrenhafte Waldmeister durch Entlassung des Defraudanten Fritz nur unbequeme Zeugen beseitigen wollte. Innig bat Frau Rosa den edeldenkenden Fürsten um Gerechtigkeit, nicht um Gnade, um vorurteilslose Prüfung.

Sinnend saß der Fürst eine Weile und sagte dann zur Waldmeisterin, daß er selbst den Akt über den Jägerfritz studiert habe und zu der Überzeugung gekommen sei, daß derselbe bauend auf die Selbständigkeit seiner Stellung wie auf das allzulang genossene Vertrauen nur eine verdiente Strafe erlitten hätte. In diesem Sinne werde die Kanzlei auch die Sache erledigen. »Was den Vorwurf der Zeugenbeseitigung anlangt, so wird er,« sagte der Fürst sich vor Frau Rosa verbeugend, »durch Ihr persönliches Erscheinen mehr als hinreichend widerlegt. Indes wird es doch nicht wohl thunlich sein, daß der Waldmeister wieder im Forsthause einziehe,« meinte der Fürst mit seinem Lächeln.

»Durchlaucht gestatten, ich sehe kein Hindernis,« erwiderte Frau Rosa, »da ich dem Herrn Oberforstmeister bereits meinen Verzicht auf das Recht der Witwenwohnung im Waldmeisterhause ausgesprochen habe!«

»Ah! Wie edel von Ihnen! Aber ist diese rührende Aufopferung, diese heroische Selbstverbannung nicht ein Beweis, daß der, für den Sie sich aufopfern wollen, Ihrem Herzen näher steht? Sie erröten, verzeihen Sie, ich will Ihnen nicht zu nahe treten. Aber mir scheint, ich habe ein 32 Herzensgeheimnis erraten,« sagte der Fürst und drohte der in reizender Verlegenheit vor ihm sitzenden Frau mit dem Finger. »Dem ganzen Dilemma ist leicht abgeholfen,« fuhr dann der Prinz fort. »Wir erneuern den Vertrag und Sie ziehen wieder als Waldmeisterin in das alte Haus, ja?« »O nicht doch,« rief der Fürst aus, als Frau Rosa in überfließender Dankbarkeit für so viel Güte dem Prinzen die Hand küssen wollte, »ich will dieses reizende Händchen an die Lippen drücken, wie es sich so schönen, so edlen Frauen gegenüber gebührt.« Galant küßte er Frau Rosas Hand und geleitete sie durch den Salon. »Darf ich zur Hochzeit kommen?« fragte der Fürst lächelnd, »Sie nicken unter Freudenthränen, bon, ich komme und es soll eine flotte Waidmannsfeier werden. Also ziehen Sie ruhig heim, Frau Rosa, in vier Wochen kommt unser Waldmeister zur Trauung und bleiben Sie glücklich und zufrieden in Ihrer Abgeschiedenheit wie bisher. Nun reisen Sie mit Gott heim in die schönen Berge.«

Glückdurchströmten Herzens eilte Frau Rosa zu ihren Verwandten, die über diese günstige Wendung natürlich nicht wenig erstaunt waren. Wie ihre Cousinen aber von baldiger Hochzeit hörten und gar vernahmen, daß Durchlaucht selbst zur Trauung käme, da wollten sie Frau Rosa schier in Stücke reißen vor Freude und dann ging's ans Einkaufen von neuen Toiletten, denn die Mädchen wollten doch alle Frau Rosas Kranzeljungfrauen sein. Wie sie alles besorgt hatten, fuhren Frau Rosa und die Mädels heim in die herrliche Bergwelt . . .

Unten im Thale an der Bahnstation harrte heute ein viersitziger Wagen der Ankunft der Damen, den Frau Rosa sich vorher bestellt. Das war bereits ein Alarmschuß für die guten Leute im Orte. Wie aber dann der offene Wagen mit Frau Rosa und den bildhübschen Mädchen durch die Straße über den Marktplatz nach dem Waldmeisterhause fuhr, da wurden die Männer vom ledigen Notariatsschreiber 33 bis zum alten Amtmann hinauf völlig verrückt, denn so viel hübsche Mädels auf einem Fleck bei einander hat ja noch gar keiner gesehen. Das war eine Neuigkeit, fast so groß wie jene, als der Lebzelter einen Teil seiner Wachsbleiche zu einer veritablen Kegelbahn umgewandelt hatte, auf welcher jetzt im Sommer die Beamten täglich spielen und Bier dazu trinken. Durch die Mädels, die nächsten Tags mit der ganzen Einwohnerschaft bekannt waren, war es auch am anderen Morgen publik, daß Hochzeit gefeiert würde. Das war eine Neuigkeit! Rein zum Ofen einschlagen!

Wie die Amtmännin davon erfuhr, wurde sie fast krank vor Überraschung, im ersten Augenblick war ihr zu Mute, als ob der Schlag sie träfe. Am Nachmittag wurde alles, was von Honoratioren einen Weiberrock trug, zur »Jause« befohlen und Gnaden, der Herr Amtmann, ließ auf den Abend alles, was zum Tragen einer ärarischen Mütze berechtigt ist, auf die »Post« einladen. Das gab Tage hindurch ein Getratsch, die Mäuler liefen wie Windmühlen, aber Frau Rosa kümmerte sich rein gar nichts darum, sie lächelte glückselig und dankte im Stillen Gott und dem Fürsten, daß es so gekommen.

Richtig kam zur Hochzeit der Fürst in höchster Gala in eigener Equipage – und was Frau Rosa selbst nicht zu hoffen wagte – er trug sich als Brautführer an, der Braut ein herrliches Diamantenkollier überreichend.

Das war ein Hochzeitstag! »Rein narrisch kunnt' ma wer'n!« riefen die Leute. So lang die Bergriesen stehen, ist es nicht erlebt worden, daß ein wirklicher, lebendiger fürstlicher Prinz eine bürgerliche Waldmeisterin als Brautführer zur Trauung begleitet.

Bei den Beamten war die hellste Verzweiflung ausgebrochen, denn sie mußten, da der Fürst in Galauniform erschienen war, doch auch in Gala zur Kirche kommen. Wie aber soll der dicke Aktuar in einen Frack gelangen, der ihm schon bei seiner eigenen Hochzeit vor sechsundzwanzig 34 Jahren zu eng war! Und der Landrichter erst, von dessen Uniform nichts mehr da ist, als ein Sturmhut und selbst diesem hatte sein Jüngster bereits die Gockelfedern ausgerupft! Selbst der Amtmann mußte sich rasch die Uniformknöpfe vorsetzen lassen. Aber dabei waren sie doch und so ein schönes vierzehngängiges Diner mit fürstlichem Gratischampagner hatte Keiner je erlebt und gegessen.

Er brachte also doch Glück in den Ort, der neue Waldmeister. Er lebe hoch! 35

 


 

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