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Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1

Friedrich Maximilian Klinger: Geschichte Giafars des Barmeciden - Band 1 - Kapitel 1
Quellenangabe
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typefiction
authorFriedrich Maximilian Klinger
titleGeschichte Giafars des Barmeciden - Band 1
publisherVerlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung
seriesF. M. Klingers Ausgewählte Werke
volumeDritter Band.
year1879
firstpub1791 - 1793
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Erstes Buch

1.

Giafar war der geliebteste Sohn des berühmten Vizirs Jahiah Saffahs, den der Khalife Hadi durch einen Machtspruch erdrosseln ließ, weil er es zu oft wagte, ihm mit Vorstellungen über das Glück seiner Unterthanen Langeweile zu machen. Besonders fiel er ihm mit dieser Zudringlichkeit in Persien, wo damals der Khalife sein Hoflager hielt, beschwerlich, weil er sich als Perser und Minister und, was noch unerhörter ist, als Abkömmling der alten Herrscher dieses Landes, dreifach dazu verpflichtet glaubte. Natürlich beförderte er dadurch nur schneller seinen Fall. Sollte dieses unpolitische und ungewöhnliche Betragen eines Staatsministers gleich Anfangs dieser so wahrhaften Geschichte das Ansehen eines morgenländischen Märchens geben, so mögen es unsre hohe Kultur und verfeinerte Denkungsart entschuldigen. Mit allem Recht gibt der Umstand: daß Jahiah Saffah für das Glück eines Throns arbeitete, auf welchem einst seine Vorfahren mit großem Ruhm gesessen hatten, daß er sich, zufrieden mit dem Guten, welches er thun durfte, der Ansprüche seines Hauses auf denselben kaum erinnerte, dieser Meinung bei uns verfeinerten Europäern viel Gewicht. Der Vizir empfing den Befehl zu seiner Hinrichtung, als er sich eben mit seinem Sohne über die dunkeln Geheimnisse des Schicksals und der Bestimmung der Menschen unterhielt. Ein Gegenstand, wovon die Sterblichen um so mehr und um so lieber reden, je unbegreiflicher er ihnen ist; auch lassen es ihnen die Beherrscher der Erde selten an Stoff zu solchen traurigen Unterhaltungen fehlen. Giafars Vater stand einige Augenblicke, in seinem Innern tief bewegt, vor seinem Sohne, dann hob er die Augen gen Himmel, umarmte ihn und sagte:

»Giafar, in einem Nu wird diese Finsternis; verschwinden, alle Zweifel werden mir hoffentlich gelöst werden, und ich werde erfahren, woher, warum und wozu der dümmste und grausamste Mensch das Recht hat, deinen Vater, den seine Unterthanen den Gerechten nennen, ungestraft durch einen Wink zu vernichten. Ich werde erfahren, ob es zur Ordnung der moralischen Welt gehört, daß unsre edlen Väter von Persiens Thron gestoßen werden mußten; daß ich, ein eifriger und treuer Diener der Verdränger unsers Hauses, einem Andern gewaltsam Platz machen muß, damit er das wenige Gute zerstöre, welches ich auf Kosten meiner Ruhe, auf Gefahr meines Lebens bewirkt habe. Sei ein Mann und vergiß nicht, daß du ein Barmecide bist – sieh hier einen derselben,« setzte er mit edler Begeisterung hinzu, »um der Tugend willen, ohne Murren gewaltsam sterben.«

Nach diesen Worten verhüllte er sein Haupt, die Sklaven des Khalifen traten näher, zogen ihm den seidenen Strick um den Hals, und Giafar sank auf die Leiche seines Vaters. Als seine Lebensgeister wiederum erwachten, schoß wilder Unwillen in seine Seele; er sagte in glühender Wuth:

»Bei Ahermen, dem Urheber des Bösen, dem Beherrscher dieser Welt, ich will dir folgen, mein Vater, um mit dir zu erfahren, ob und warum dies der Lohn der Tugend ist!«

Schon griff er nach einem Dolche, als seine Mutter mit den übrigen Weibern und der kleinen Nichte Fatime hereindrangen, den Leichnam mit ihren Thränen benetzten und Giafars Herz mit Klagen und Jammern zerrissen. Ihre Lobeserhebungen des ermordeten Gerechten drangen tief in seine Seele. Die kleine Fatime war auf ihre Knie gesunken, hielt ihre Hände auf ihrer Brust über einander geschlagen, sah auf Giafar, und die in ihren unschuldigen Augen glänzenden Thränen stimmten seinen bittern Schmerz zu sanfterm Leiden.

Ein Verschnittener vom Hofe trat ein und verkündigte Giafarn: der Khalife überließe ihm aus besonderer Gnade den dritten Theil der Reichthümer seines Vaters! Giafar ward in der Betäubung von der Gewohnheit so hingerissen, daß er niederfiel und dem Khalifen, nach Hofsgebrauch, für die besondere Gnade dankte. In dem nämlichen Augenblicke fühlte er das Scheußliche seiner That, er stand auf und schlug sich ergrimmt vor die Stirne:

»Sind wir unsers Schicksals nicht werth, da wir es so tragen? Was ist der Mensch und was machen Diejenigen aus ihm, welche Armozd, der Geist des Guten, zu seinen Herrschern bestellt haben soll.«

Es war ein Glück für ihn, daß sich der Verschnittene schnell entfernt und ihn die Gewohnheit so weit bemeistert hatte, sonst möchte er ihre Verabsäumung oder seine Bemerkung mit seinem Kopfe bezahlt haben. Indessen brachte ihn die Sorge für seine Mutter und die kleine Nichte von dem Entschlusse, seinem Vater zu folgen, zurück, um so leichter, da er in dem entscheidenden Augenblicke in der Vollziehung gestört ward.

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