Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 9
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
Schließen

Navigation:

VII.

Wie Vortigern durch Ränke und Listen zur Macht kam

Zur selben Zeit regierte ein König, namens Constans. Wir erwähnen nichts von den Königen, die vor ihm regierten; wer aber ihre Anzahl und ihre Geschichte zu wissen verlangt, der muß die Historia von Bretagna lesen, welche Brutus genannt wird; Meister Martin von Glocester hat sie aus dem Lateinischen in die romanische Sprache übertragen.

König Constans hatte drei Söhne, die hießen Moines, Uter und Pendragon. Auch lebte in seinem Lande ein Mann, namens Vortigern, ein sehr tapfrer und mächtiger Ritter von großem Ansehen. Als König Constans starb, beratschlagte das Volk sich, wen es zum Nachfolger erwählen sollte; der größte Teil des Volkes wie die meisten Edlen waren dafür, den Moines, ältesten Sohn des verstorbenen Königs, zu erwählen, ungeachtet er noch ein Kind war; ihm aber, und keinem andern gehörte das Reich von Rechts wegen; Vortigern, als der Mächtigste und Verständigste im Lande, war derselben Meinung. Der junge Moines wurde also zum König und Vortigern einstimmig zu seinem Seneschall ernannt.

Damals war das Reich im Kriege mit den Heiden; sie kamen von Rom und von anderen Seiten her, verheerten das Land und bekriegten die Christen. Vortigern aber regierte das Reich nach eigener Willkür, ohne sich des jungen Königs anzunehmen; der war noch zu unverständig und zu kindlich, um sich selbst raten zu können. Nachdem Vortigern sich nun des ganzen Regiments bemächtigt, so daß ihm niemand entgegen sein durfte und das ganze Reich nur von ihm abhing, wurde er hochmütig und geldgeizig, bekümmerte sich weder um den König noch um das Land, denn er wußte wohl, daß niemand als er etwas unternehmen oder ausführen konnte; er zog sich von allem zurück und lebte bloß für sich. Die Heiden versammelten, als sie diese Nachricht über den Seneschall erhielten, sogleich ein großes Heer und fielen damit in das Land der Christen ein. König Moines ward sehr bestürzt, daß sein Seneschall das Regiment wie auch das Heer verlassen und sich zurückgezogen hatte; in seiner Bestürzung begab er sich sogleich zu ihm hin und bat ihn flehentlich, doch das Heer wieder gegen den Feind anzuführen. Vortigern aber entschuldigte sich mit seinem hohen Alter, das ihm nicht mehr erlaube, in den Krieg zu ziehen noch sich der Regierungsgeschäfte viel anzunehmen. »Nehmt«, sprach er zum König, »einen andern zu Eurem geheimen Rat; Euer Volk haßt mich, weil ich stets zu sehr auf Euern Vorteil bedacht war; erwählt also einen unter ihnen und übergebt ihm mein Amt, denn ich will nichts mehr damit zu schaffen haben.« Die, welche mit dem König bei Vortigern waren, beschlossen, als sie ihn so reden hörten, der König selber solle sich an ihre Spitze stellen, und mit ihm wollten sie gegen den Feind ziehen. Hastig wurde also ein Heer zusammengerafft, und sie zogen ins Feld, König Moines an ihrer Spitze; er war aber viel zu jung und zu unerfahren in Kriegssachen, zudem war das Heer der Heiden viel stärker als das ihrige, auch ihre Anführer sehr tapfer und verständige Männer, daher kam es, daß das Heer des Königs Moines geschlagen ward und floh; er selber entfloh mit ihnen. Nun jammerte und klagte das Volk um seinen Seneschall. »Hätte Vortigern«, riefen sie, »das Heer angeführt, nimmer hätte er die Schlacht verloren, nimmer hätten die Heiden so viel Christen erschlagen!« Auch murrten viele der Großen und Edlen des Reichs gegen den König; er hatte sie durch unvorsichtiges Betragen und durch allerlei Zumutungen sich zu Feinden gemacht. Es entstand also eine große Empörung unter dem Volk, und die vornehmsten und mächtigsten darunter gingen zu Vortigern und riefen ihn zu Hilfe. »Wir sind ohne Oberhaupt«, sagten sie, »denn unser König tut seine Pflicht nicht, wir bitten Euch, nehmt Euch um Gotteswillen unsrer an, seid Ihr unser König und unser Herr; kein Mann auf Erden ist weiser und tapferer als Ihr, also gibt es auch keinen, der dieses Amt besser als Ihr bekleiden könnte, und darum verlangen wir keinen andern als Euch.« Darauf antwortete Vortigern: »So lange Euer rechtmäßiger König noch lebt, kann und werde ich niemals Euer König sein.« »Ach«, riefen die andern, »wir wünschten ihn lieber tot als lebendig zu sehen.« – »Nun«, sagte Vortigern, »dann bringt ihn um, denn solange er am Leben ist, kann ich nicht Euer König sein.« Bei dieser Rede blieb er, was jene auch sagen mochten. Sie gingen also wieder fort, beratschlagten sich und hielten eine Versammlung, zu welcher sie ihre besten Freunde und nächsten Verwandte zogen; hier beschlossen sie, den König Moines wirklich ermorden zu lassen, in der Hoffnung, daß, wenn Vortigern durch ihren Verrat König würde, er ihnen diesen Dienst wohl belohnen werde, und sie durch ihn die eigentlichen Herrscher des Landes sein würden. Sie erwählten zwei der stärksten und gewandtesten Männer unter ihnen; diese gingen hin und ermordeten den jungen König Moines auf eine schändliche verräterische Weise, denn er war noch ein schwacher, wehrloser Knabe und hatte keinen Menschen um sich, der ihn bewachte oder verteidigte.

Nach vollbrachter Tat eilten die Mörder zu Vortigern und erzählten ihm, was sie getan hätten, um ihn zum König zu erheben, und daß sie den jungen König Moines erschlagen haben. Vortigern stellte sich äußerst erschrocken und bis zum Tode betrübt. »Ihr habt übel getan«, rief er, »daß Ihr Euern Herrn, Euern gesalbten König erschlagen habt; Ihr sollt auch dafür bestraft werden; erfährt das Volk Eure Tat, so müßt Ihr sterben. Darum flieht, flieht, meidet dieses Land und das Reich, denn wenn sie Euch fangen, müßt Ihr alle sterben! Warum mußtet Ihr hierher zu mir kommen, um mir eine solche Botschaft zu bringen! Weh Euch! Geht, kommt nie wieder vor meine Augen!« Die Mörder entfernten sich schnell und meinten, Vortigern wäre im Ernst sehr betrübt und erzürnt wegen ihrer Tat.

 << Kapitel 8  Kapitel 10 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.