Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 8
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
Schließen

Navigation:

VI.

Über Begebenheiten, die Merlin dem Einsiedler Blasius in die Feder diktierte

Meister Blasius war ein frommer und sehr gelehrter Mann, der Gott von ganzem Herzen diente. Es erstaunte ihn, das Kind Merlin so weissagen zu hören und solchen übermenschlichen Geist bei ihm wahrzunehmen. Er war im Herzen über diese Seltsamkeit bekümmert und suchte auf allerhand Art Merlin hierüber auszufragen, um die Ursache davon zu erforschen. »Meister Blasius«, fing Merlin endlich an, »ich bitte Dich, gib Dir keine Mühe, mich zu erforschen, denn je mehr Du mich wirst reden hören, desto mehr Ursache wirst Du finden zu erstaunen; beruhige Dich, glaube mir, und tue was ich Dich heißen werde.« – »Wie soll ich Dir glauben«, erwiderte Blasius; »sagtest Du nicht selbst, Du wärst ein Kind des Teufels? Wenn ich dies nun glaube, so wie ich es wirklich glaube, muß ich dann nicht fürchten, daß Du mich täuschst und hintergehst?« – »Sieh«, sagte Merlin, »es ist die Macht der Gewohnheit aller bösen Gemüter, daß sie eher das Böse glauben und annehmen als das Gute. Der Böse sieht nichts als Böses, so wie der Gute nur das Gute sieht.«

Er erklärte ihm darauf das Geheimnis seiner Erzeugung, und wie der Teufel durch sich selber betrogen worden, indem er ihn in dem Leib einer gottgeweihten und reinen Jungfrau erzeugt habe. »Jetzt aber«, fuhr er fort, »höre mich und tue, was ich Dir sagen werde. Verfertige ein Buch, darin Du alle Dinge aufschreiben sollst, die ich Dir vorsagen werde. Allen Menschen, die künftig das Buch lesen werden, wird es eine große Wohltat sein, denn es wird sie bessern und sie vor Sünden bewahren.« – »Sehr gern«, sagte Blasius, »will ich das Buch auf Dein Wort, und nach Deinem Worte verfertigen, ich beschwöre Dich aber zuerst im Namen Gottes, der Dreieinigkeit und aller Heiligen, daß Du mich nichts schreiben läßt, was dem Willen und den Geboten unsers Herrn Jesu Christi entgegen ist.« – »Ich schwöre Dir«, sagte Merlin. »Nun so bin ich bereit«, erwiderte Blasius, »von ganzem Herzen und ganzer Seele zu schreiben, was Du mir befiehlst, ich habe auch Tinte und Pergament, und alles, was zu einem solchen Werke nötig ist.«

Nachdem er alles bereitgelegt, fing Merlin an, ihm vorzusagen; zuerst die Freundschaft von Christus und Joseph von Arimathia, wie auch von Adalam und de Perron und den anderen Gefährten, so wie es sich mit ihnen zugetragen, so wie auch das Ende des Joseph und aller anderen. Nach alledem sagte er ihm die Geschichte und die Ursache seiner wunderbaren Erzeugung vor, mit allen Umständen, so wie wir sie hier vor uns haben.

Blasius war immer mehr erstaunt über die wunderbaren Dinge, die er von Merlin vernahm; die Worte, die er schreiben mußte, dünkten ihm alle gut und wundervoll, und er schrieb eifrig fort. Als sie aber recht mit dem Werk beschäftigt waren, sagte Merlin eines Tages zu ihm: »Meister, es steht Dir große Not bei Deinem Werk bevor, mir selber aber eine noch weit größere.« – »Wie das?« fragte Blasius. »Man wird mich«, antwortete Merlin, »nach dem Abendland holen kommen; diejenigen aber, die von ihrem Herrn mich zu holen gesandt werden, haben ihm mit einem Eid zugesagt, mich zu erschlagen und ihm mein Blut zu überbringen. Sie werden jedoch, so bald sie mich gesehen und mich reden gehört, keine Lust haben, mir Übles zu tun; ich werde alsdenn mit ihnen gehen. Du aber begib Dich von hier weg, und zu denen hin, die das Gefäß des Heiligen Gral besitzen; sei aber stets bemüht, die Bücher weiter zu schreiben.

Diese Bücher werden immer und zu jeder Zeit gern von allen gelesen werden, aber man wird ihnen nicht glauben, weil Du kein Apostel Christi bist; denn diese Apostel schrieben nichts auf, als was sie mit eignen Augen sahen, mit ihren Ohren hörten, Du aber schreibst bloß das, was ich Dir sage. Und eben so, wie ich den Leuten jetzt verborgen und unbekannt bin, gegen welche ich mich nun rechtfertigen muß, eben so werden es wohl auch diese Bücher bleiben, nur wenige Menschen werden sie erkennen und Dir Dank dafür wissen. Auch das Buch von Joseph von Arimathia nimm mit Dir. Wenn Du einst Dein Werk vollendet haben wirst, muß dieses Buch von Joseph mit dazugehören; diese beiden Bücher zusammen werden ein schönes und herrliches Werk ausmachen. Diejenigen, die es künftig lesen und verstehen, werden uns für unsre Mühe segnen. Alle Gespräche und die eigentlichen Worte zwischen Christus und Joseph von Arimathia sage ich Dir nicht, die gehören nicht hierher.«

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.