Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 37
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
Schließen

Navigation:

XXXV.

Wie Gawin auf der Suche nach Merlin zwei seltsame Begegnungen hatte, Merlins Vermächtnis vernahm und schließlich heil zurückkehrte

.

Morris / Brown: Arthus und Lancelot (Glasgemälde1862)

König Artus war ganz sprachlos vor Schrecken und Entsetzen geblieben, als Merlin ihm die Worte gesagt, daß er ihn niemals wiedersehen würde; er konnte keine Worte finden und ließ Merlin gehen, ohne ihm Lebewohl sagen zu können. Angst- und trauervoll konnte er lange an nichts andres denken, und acht Wochen lang dachte er immer noch, er würde etwas von Merlin hören, und er könnte vielleicht doch noch wiederkommen. Als er aber nichts von ihm vernahm, wurde er ganz niedergeschlagen. Manchmal fiel ihm dann ein, er habe vielleicht Merlin auf irgend eine Weise erzürnt, und Merlin wolle ihn darum nie wiedersehen. Einen wahrscheinlicheren Grund konnte er nicht erdenken, und doch war dieser ihm der kränkendste von allen; so daß er nach und nach ganz tiefsinnig und betrübt wurde.

Endlich faßte sein Neffe Gawin Mut und fragte ihn um die Ursache seiner Betrübnis. König Artus erzählte ihm, wie Merlin von ihm geschieden und welche Worte er beim Abschied zu ihm gesagt. »Seit acht Wochen«, fuhr er fort, »erwarte ich ihn nun umsonst, so lange blieb er sonst nie aus; ich hätte ihn freilich nicht erwarten sollen, da er gesagt, ich würde ihn nie wiedersehen, denn er sprach nie eine Unwahrheit; aber ich konnte mich in seinen Verlust nicht finden, denn so wahr Gott mir helfe, lieber hätte ich meine Stadt London verloren als ihn. Ich bitte Euch, geliebter Neffe, so Ihr mich liebt, geht, erkundigt Euch nach ihm weit und breit und bringt mir Nachricht von ihm, denn ich kann nicht länger leben, ohne etwas von ihm zu erfahren.« – »Mein König«, antwortete Ritter Gawin, »ich bin ganz bereit, Eurem Befehl zu gehorchen; ich schwöre Euch bei dem Eid, den ich Euch ablegte, als Ihr mich zum Ritter schlugt, daß ich nicht eher ruhen will, bis ich Euch Nachricht von ihm bringen kann, und verspreche in einem Jahr wieder bei Euch zu sein, so Gott mir hilft, und Euch die Nachricht zu bringen, die ich bis dahin von Merlin erlangt habe.«

Dasselbe schwuren die Ritter Ywain, Sagremors von Constantinopel und noch dreißig andre Ritter, worunter die drei Brüder des Ritters Gawin, Gaheriet, Agravin und Gareheiz; sie schwuren alle, ein Jahr auszuziehen, um sich nach Merlin zu erkundigen. Sie ritten alle zusammen auf einem Weg aus der Stadt London hinaus; als sie aber im Wald an dem Kreuz anlangten, wo der Weg sich in drei Straßen teilte, nahm Sagremors nebst zehn andern Ritter einen Weg, Ywain wieder mit zehn den zweiten, so auch Gawin mit zehn den dritten Weg.

Ritter Sagremors und Ywain kamen mit ihren Haufen nach einem Jahr wieder zum König Artus, wo sie ihm die sonderbaren Abenteuer erzählten, welche ihnen auf ihren Wegen aufstießen, und deren wir an einem andern Ort Erwähnung tun werden, denn König Artus ließ alle die Abenteuer, welche seine Ritter bestanden oder erzählten, von vier gelehrten Schreibern, welche eigens dazu bestellt waren, sorgfältig aufschreiben. Von Merlin aber wußten sie nichts zu sagen, und keiner unter ihnen hatte etwas von ihm vernommen. Wir lassen sie, und kehren zum Ritter Gawin zurück.

Dieser war kaum aus dem Wald heraus, als er zu seinen zehn Begleitern sagte, er wünsche, sie ritten einen andern Weg und ließen ihn allein; die zehn, worunter seine drei Brüder sich befanden, verließen ihn ungern, denn sie wünschten sehr in seiner Gesellschaft zu reiten, aber seinem Befehl durften sie sich nicht widersetzen und mußten gehorchen. Ritter Gawin fand sich bald allein und suchte im ganzen Land umsonst nach Merlin. Als er nun eines Tages ganz schwermütig und in tiefe Gedanken versenkt in einen Wald ritt, begegnete ihm ein Fräulein, auf einem der schönsten schwarzen Zelter reitend; der Sattel war von Elfenbein und die Steigbügel von Gold; die scharlachrote Decke mit goldnen Fransen besetzt, hing tief, beinahe bis an die Erde, so auch waren die Zügel und Buckeln von getriebenem feinem Golde und auf das herrlichste verarbeitet. Die Dame selber war in weißen Atlas gekleidet und ihr Gürtel von Seide und sehr reich gestickt; den Kopf hatte sie in einen dicken Schleier gehüllt, um sich gegen den Sonnenbrand zu schützen.

Ritter Gawin war aber so tief in Gedanken, daß er sie nicht wahrnahm, als sie vorbei ritt, und sie auch nicht begrüßte. Als sie nun an ihm vorbei war, hielt sie an, wandte sich um und sprach: »Gawin, Gawin, es ist doch nicht alles wahr, was gesprochen wird. Von Dir geht das Gerücht im ganzen Königreich London, Du seiest der tapferste Ritter in der Welt, und das ist wirklich wahr; das Gerücht sagt aber auch von Dir, du seiest der artigste und höflichste; aber darin lügt das Gerücht. Du bist der unhöflichste Ritter, den ich je gesehen, so lange ich mich in diesem Walde aufhalte; denn Deine Grobheit und Unart erlaubt Dir nicht einmal, mich zu grüßen und höflich anzureden. Wisse aber, es soll Dir übel bekommen, Du sollst noch die Stadt London, ja das halbe Reich des Königs Artus darum geben wollen, dich besser betragen zu haben.« – »Schöne Dame«, rief Gawin ganz beschämt und erschrocken, indem er gleich beim Anfang ihrer Rede sein Pferd Gringalet angehalten und sich gegen sie gewandt hatte. »So wahr Gott mir helfe, es ist wahr, daß ich sehr unhöflich gewesen bin, daß ich vorbeiritt, ohne Euch zu grüßen; aber ich war in tiefen Gedanken und dachte an etwas, das ich suche; ich bitte Euch deswegen sehr um Verzeihung, vergebt mir, schöne Dame!« – »Mit Gottes Hilfe! doch hast Du Strafe verdient, und die mußt Du tragen, bis Du es ein andresmal nicht vergißt, die Jungfrauen zu begrüßen, sonst muß Du die Strafe ewig tragen. Im Königreich London findest Du nicht, was Du suchest, sondern in Klein-Britannien möchtest Du wohl Nachricht davon haben. Reite Deines Weges, und mögest Du dem ersten, dem Du begegnest, ähnlich werden, bis Du mich wiedersiehst.« Hierauf ritt die Dame fort, und Ritter Gawin empfahl sich ihr voll Angst und Schrecken.

Er war nicht lange geritten, als er einen entsetzlich häßlichen Zwerg auf einem Maultier begegnete, hinter ihm saß ein wunderschönes Fräulein; sie war die Geliebte des Zwerges, der vorher ein schöner Ritter gewesen. Als er dreizehn Jahre alt gewesen, verliebte sich eine Zauberin in ihn, als er sie aber nicht wiederlieben wollte, verwandelte sie seine schöne Gestalt in die eines häßlichen übelgestalteten Zwerges, auf die Art, daß er neun Jahre lang verzaubert blieb; während dieser ganzen Zeit verließ ihn die schöne Prinzessin, seine Freundin nicht, die auch mit ihm an König Artus Hof ging, und ihren Zwerg vom König Artus selbst zum Ritter schlagen ließ; sie blieb ihm treu, obwohl man sie von allen Seiten wegen ihrer Liebe zum Zwerge verhöhnte. Sie aber wußte, wer er war, und kannte seine Tapferkeit und seinen Edelmut, obgleich seine äußerliche Gestalt verächtlich schien, und wartete geduldig die Zeit seiner Schmach ab. Diesen beiden, wie gesagt, begegnete Ritter Gawin; sobald er sie gewahr wurde, grüßte er sie höflich, der ersten Dame eingedenk; jene grüßten ihn ehrerbietig wieder, und als sie eine Strecke aneinander vorbei waren, fand es sich, daß gerade die Zeit und die Stunde der Verzauberung des Zwerges um war, und er wurde plötzlich so schön und wohlgebildet, wie er vorher gewesen, und er war gerade zweiundzwanzig Jahre alt; sogleich mußte er die Waffen von sich werfen, die ihm nicht mehr paßten, und nun umarmte er seine treue schöne Geliebte, die so voller Freuden war, daß sie vor übermäßiger Freude beinahe gestorben wäre. Und nun kehrten sie freudig und Gott dankend zu ihrer Heimat und glaubten dieses Glück dem Herrn Gawin schuldig zu sein, der sie so freundlich gegrüßt und Gott empfohlen.

Herr Gawin aber fühlte, kaum daß er an den beiden vorbei war, wie ihm seine Kleider und seine Rüstung auf einmal zu lang und zu weit wurden; die Ärmel hingen ihm weit über die Hände, auch wurden die Beine ihm kürzer, seine eisernen Schuhe sah er in den Steigbügeln stecken, aber seine Beine reichten kaum über den Sattel weg. Das Schild ging ihm an zwei Ellen hoch über den Kopf hinaus, so daß er nicht drüber hinwegsehen konnte; auch schleifte sein Schwert ihm nach an der Erde, um so viel war das Gehänge ihm zu weit worden. Kurz, er merkte und sah ein, daß er ein Zwerg geworden, woraus er schloß, daß die Dame es ihm angewünscht, welche er nicht gegrüßt. Er war außer sich vor Zorn und Schrecken, und wenig hätte gefehlt, daß er sich das Leben genommen.

Ergrimmt ritt er schnell bis an den Ausgang des Waldes, wo er ein Kreuz fand auf einer Erhöhung; hier kletterte er hinauf, machte seine Steigbügel kürzer, sein Wehrgehäng und die Handhabe des Schildes enger, befestigte die Ärmel des Panzers aufwärts an den Schultern und machte alles so gut für sich zurecht, als es gehen wollte, aber unter beständigen Verwünschungen und Grimm, denn der Tod wäre ihm jetzt erwünschter gekommen als das Leben. Dann setzte er sich wieder auf und ritt betrübt weiter, unterließ aber doch trotz seiner Verunglimpfung und seines tiefen Grams nicht, allenthalben, an jeder Burg, in jeder Stadt, in allen Dörfern, in Wäldern und auf Feldern sich nach Merlin zu erkundigen; bei jedem Menschen, den er antraf. Viele von denen, die er traf und anredete, hielten sich über ihn auf und verspotteten ihn, denen erging es aber übel; denn wenngleich er an Gestalt ein Zwerg geworden, war es doch sein Mut und seine Tapferkeit nicht; er war wie vorher kühn und unternehmend, und manchen Ritter besiegte er unter seiner häßlichen Zwergengestalt.

Als er nun das ganze Königreich London über Berg und Tal allenthalben vergeblich durchsucht, erinnerte er sich, wie die Jungfrau, die ihn so schimpflich verunstaltet, ihm gesagt, er solle nach Klein-Britannien ziehen, dort würde er Nachricht finden von dem, was er suche. Er ritt also ans Meer und ließ sich nach dem Gallischen Land übersetzen, nach Klein-Britannien, und ritt sehr lange hier umher, ehe er etwas vernahm.

Als nun die Zeit nahte, daß er wieder zum König Artus sollte, sagte er zu sich selber: »Ach, was soll ich tun? die Zeit, daß ich zurückkommen soll, ist nahe, ich habe es meinem Oheim geschworen, zurück zu sein in dieser Zeit; ich muß es also tun, sonst wäre ich meineidig und unredlich. Zwar meineidig wäre ich nicht zu nennen, denn der Eid lautete: Wenn ich mein eigen sein würde. Und bin ich denn nun wohl mein eigen? ist diese schimpfliche Gestalt die meinige? und darum kann ich mich wohl von der Pflicht am Hofe zu erscheinen lossagen ... Wahrhaftig, diesmal habe ich übel geredet, denn steht es nicht immerdar in meiner Macht, zu gehen oder zu bleiben? Da ich nicht eingeschlossen bin und gehen kann, wohin es mir beliebt, so wäre es allerdings Meineid, wenn ich nicht meinen Schwur hielte. Habe ich den Leib gleich zeitlich verloren, so will ich doch meine Seele nicht verlieren und zu Gott bitten, daß er ihr gnädig sei, denn mein Leib ist schändlich zugerichtet.«

So sich beklagend, schlug er einen Weg ein, der ihn nach London zurückführen sollte, und hier kam er durch den Wald von Broceliande. Als er traurig vor sich hin ritt, hörte er auf einmal zu seiner Rechten eine Stimme, er wandte sich dahin, sah aber nichts als einen leichten Rauch, der sich in der Luft verlor, durch den er aber doch nicht hindurch konnte. Und da hörte er die Stimme wieder, welche rief: »Gawin, Gawin, gräme Dich nicht, denn alles geschieht, was geschehen muß.« – »Wer spricht mit mir«, rief er, »und wer nennt hier mich beim Namen?« – »Wie? kennt Ihr mich nicht mehr, Herr Gawin, ehedem kanntet Ihr mich doch sehr wohl; so ist das Sprichwort doch wahr, welches sagt: Entfernst Du dich vom Hofe, so entfernt der Hof sich auch. Als ich dem König Artus diente und den Hof und die Barone besuchte, da war ich von allen gekannt und geliebt, jetzt aber werde ich verkannt und sollte es doch nicht werden, wenn Treue und Glaube auf Erden wäre.«

Da erkannte Gawin den Merlin und rief. »O Meister Merlin, jetzt erkenne ich Deine Stimme, komm aber hervor, ich bitte Dich, daß ich Dich sehe.« – »Nie wirst du mich sehen«, antwortete Merlin, »auch werde ich nach Dir mit keinem Menschen sprechen, und Du bist der letzte, der meine Stimme vernimmt; auch soll künftig niemand hier nahen, selbst Du wirst nie wieder hierher kommen. Ich kann nimmer hier hinaus, wie weh es mir auch tut, muß ich doch ewig hier bleiben; nur die, welche mich hier hält, hat Macht und Gewalt, ein- und auszugehen nach ihrem Wohlgefallen, und sie ist die einzige, die mich sieht, und mit mir spricht.« – »Wie«, rief Gawin, »mein lieber süßer Freund, bist Du so fest gehalten, daß Du niemals wieder loskommst? wie kann Dir, dem Weisesten der Menschen, solches begegnen?« – »Ich bin auch zugleich der Törichtste«, antwortete Merlin, »denn ich liebe eine andre mehr als mich selbst; ich lehrte meine Liebste, wie sie mich fesseln könne, und nun kann keiner mich befreien.« – »O«, rief Gawin, »dies macht mich sehr betrübt, und es wird auch den König Artus sehr betrüben, der Dich in allen Ländern suchen läßt, weswegen auch ich hier bin.« – »Er muß sich darin finden lernen«, sagte Merlin, »denn er wird mich nie wieder sehen, so wie ich ihn nicht. Jetzt reite zurück, grüße die Königin von mir, den König und alle Fürsten und Barone, erzähle ihnen, wie es mit mir steht; Du wirst den Hof zu Kardueil finden. Gräme Dich auch nicht wegen dem, was Dir begegnet ist; Du wirst der Jungfrau wieder begegnen, und sie wird Dich entzaubern; vergiß aber nicht, sie zu grüßen.« – »Nein, sicher nicht, so es Gott gefällt«, rief Gawin.

»Gehabe Dich wohl«, sagte Merlin, »der Herr segne und behüte den König und sein Reich, samt allen Fürsten, und auch Dich, Gawin; Ihr seid die besten Menschen, die jemals wieder auf Erden leben werden.«

Herr Gawin ritt halb traurig, halb fröhlich fort, denn obgleich es ihm lieb war zu hören, daß er entzaubert werden würde, war ihm doch sehr betrübt zu Sinne, daß Merlin so verloren sei. Er setzte wieder übers Meer, begegnete der Jungfrau, grüßte sie mit lauter Stimme im Namen Gottes und fühlte sich auf der Stelle entzaubert, indem sie ihm den Gruß wiedergab; ritt darauf heitern Mutes in seiner vorigen schönen Gestalt nach Kardueil, wo König Artus Hof hielt, und alle Großen und Fürsten des Landes um ihn her versammelt waren. Groß war die Trauer und das Leid, als Ritter Gawin erzählte, wie niemals jemand Merlin wieder sehen oder hören würde, und in welcher Gefangenschaft er immerdar bleiben müsse; und alle weinten, als sie vernahmen, wie er die Königin, den König und die Barone gegrüßt, und sie alle nebst dem ganzen Reich noch gesegnet.

 << Kapitel 36 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.