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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 36
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XXXIV.

Über Artus' und Merlins letzte Begegnung, die Chronik des Blasius und wie der Zauberer seine geliebte Nynianne alles lehrte, bis er selbst verzaubert wurde

.

Aubrey Beardsley: Merlin wird von Nimue unter einen Felsen verzaubert. (1893/94)

König Artus war zu London, mit seiner Gemahlin, der Königin Genevra, seinem Neffen Herrn Gavin, Merlin und den Rittern der runden Tafel. Sie brachten hier ihre Zeit auf eine so angenehme Weise zu, daß sie wohl inne wurden, wie ihnen nichts fehle. Weder Argwohn noch Feindschaft war zwischen ihnen, nichts als Feste, Spiele, Ergötzlichkeiten und freundliche Gespräche wechselten unter ihnen ab, bald im schönen kühlen Wald oder auf dem Fluß. Auch kamen von weit und breit Ritter und Herren an den Hof des Königs Artus, auch Damen und Jungfrauen die Menge, zu ihrer Ergötzlichkeit und um die Pracht des Hofes zu sehen, als auch die Damen, um sich Hilfe zu verschaffen gegen erlittenes Unrecht, denn König Artus erlaubte jedesmal einem Ritter seines Hofes, sich der Fremden anzunehmen, wenn ihre Sache gerecht war, und sie um Hilfe bat; wie auch die fremden Ritter oft zu Turnieren und einzelnen Lanzenbrechen die Ritter des Königs Artus aufforderten und ihre Waffen gegen sie erprobten. So lebten sie in hohen Freuden, die Tafelrunde und der Hof des Königs Artus war berühmt und allenthalben in der ganzen Welt sehr geehrt.

Unterdessen kam aber die Zeit heran, in der Merlin, seinem Versprechen gemäß, bei seiner Freundin Nynianne sein mußte; vorher aber wollte er erst zum Meister Blasius nach Northumberland ziehen. Er ging dafür zum König Artus und zur Königin Genevra und beurlaubte sich von ihnen; sie baten ihn in gar sanften und demütigen Worten, daß er doch bald wieder kommen solle, denn beide liebten ihn so sehr, daß sie nicht gern ohne seine Gegenwart waren. Der König sagte mit gerührter Stimme: »Ihr geht nun, Merlin, ich kann Euch nicht halten, auch will ich nichts, als was Ihr selber wollt; aber ich werde nicht vergnügt sein, bis ich Euch wiedersehe; darum eilt, ich bitte Euch um Gottes Willen, eilt, daß Ihr wieder herkommt.« – »Mein König«, sprach Merlin, »Ihr seht mich jetzt zum letzten Mal.« Bei diesem Wort erschrak Artus so sehr, daß er kein Wort hervorbringen konnte. Merlin ging weinend fort und rief noch: »Lebt wohl, mein König, seid Gott empfohlen.«

Weinend verließ er die Stadt London und wanderte zu seinem Meister Blasius nach Northumberland. Diesen ließ er alles aufschreiben, was an dem Hofe des Königs Artus geschehen, und alle Kriege und Gefechte, welche dieser gehabt, so wie alle seine Taten. Durch das Buch des Meisters Blasius wissen wir noch bis auf den heutigen Tag die Wahrheit aller jener Geschichten. Acht Tage blieb Merlin bei Blasius und lebte mit ihm wie ein Einsiedler, aß und trank auch nichts anders als dieser. Als er wegging, sagte Meister Blasius: »Ich bitte Dich, komm bald wieder, denn ich weiß nicht, welche Angst mich befällt, da Du gehen willst, noch was mein Herz so zaghaft macht, wenn ich Dich ansehe.« – »Auch ist es zum letzten Mal«, sprach Merlin, »daß Du mich siehst, denn fortan werde ich bei meiner Freundin wohnen und Du siehst mich nie wieder, weil ich weder die Macht noch die Kraft haben werde, von ihr zu gehen, noch zu bleiben oder zu kommen nach andrer als ihrer Willkür.«

Meister Blasius erschrak, und ihm ward weh bei diesen Worten: »O mein süßer Freund«, rief er traurig weinend, »wenn es dann so ist, daß Du nicht fortkönnen wirst, wie Du es so gut vorher weißt, warum gehst Du hin?« – »Gehen muß ich«, erwiderte Merlin, »denn ich habe es ihr versprochen, und hätte ich das auch nicht, ich liebe sie dermaßen, daß ich nicht von ihr bleiben kann oder mag; es war so vorherbestimmt, darum kann ich es nicht ändern. Viel hat sie von mir erlernt, noch mehr werde ich sie lehren, zu meinem Unglück; aber so muß es sein, drum lebe wohl, Du siehst mich nimmer wieder.«

Er ging und langte in kurzer Zeit bei seiner Freundin Nynianne an. Ihre Freude war groß, als sie ihn sah, denn immer noch ruhte ihr Geist nicht, verlangend mehr von ihm zu wissen und ihm ganz gleich zu werden. Er sagte und lehrte ihr auch alles ohne Widerstand, was immer sie fragte; darüber ward er von jeher, so wie auch noch zu unsrer Zeit geschieht, für einen Toren gehalten, da er doch gezwungen war, so zu handeln.

Nynianne war jedesmal, wenn er sie etwas gelehrt, wonach sie gefragt, immer so vergnügt und bezeigte ihm jedesmal eine solch herzliche Liebe, daß er ganz und gar und immer mehr von ihr entzückt und eingenommen wurde. Nachdem sie so nach und nach mehr erfahren, und weiser war, als je eine Frau vor ihr oder nach ihr gewesen, fürchtete sie immer noch, Merlin könnte sie verlassen wollen, und was sie auch ausdenken mochte, ihn zu halten, dünkte es sie doch nicht sicher genug. Über solche Gedanken verfiel sie in große Traurigkeit, und als Merlin sie nach der Ursache fragte, sagte sie: »O mein süßer Freund, noch eine Wissenschaft fehlt mir, die ich doch so gern erlernen möchte; erhöre meine Bitte und lehre sie mich.« – »Und welche Wissenschaft ist dies?« fragte Merlin, der aber schon sehr wohl wußte, was sie dachte. »Lehre mich, wie ich einen Mann fessle, ohne Ketten, ohne Turm und ohne Mauer, bloß durch die Kraft des Zaubers, so daß er niemals entweichen kann, wenn nicht ich ihn entlasse.«

Als Merlin dies hörte, seufzte er tief und ließ sein Haupt sinken. »Warum erschrickst Du, mein Freund?« fragte Nynianne. »Ich weiß«, antwortete Merlin, »daß Du mich so zu halten willens bist, und doch kann ich nicht widerstehen, es Dich zu lehren, so ganz bin ich von Deiner Liebe hingenommen!« Nynianne warf sich ihm in die Arme, küßte ihn zärtlich und sprach liebevoll an ihn gelehnt: »Willst Du Dich denn nicht mir ganz hingeben, da ich so ganz doch Dein bin? verließ ich nicht Vater und Mutter, um der Liebe willen, so daß ich nicht Ruhe fand, wo ich nicht bei Dir war? Ich lebe ja nur für Dich, und meine Gedanken, all mein Verlangen, meine ganze Seele lebt nur in Dir; keine Freude, kein Gut und keine Hoffnung blieb mir auf Erden, als in Dir nur allein; Du bist mir alles! und da ich Dich nun so liebe, und Du mich ebenso, ist es nicht recht und billig, daß Du meine Wünsche erfüllst, wie ich nach Deinem Willen lebe?« – »Jawohl, süße Geliebte«, sagte Merlin, »ich will alles für Dich tun, was Du wünschst; nun sage, was verlangst Du?« – »Nun«, sprach sie, »ich wünsche, daß wir uns einen bezauberten Wohnort errichteten, der nie zerstört werden kann, worin wir beide allein, ungestört von der ganzen Welt zusammen leben und unsrer froh werden.«

»Dies soll geschehen«, sprach Merlin. »Nein, mein Freund«, erwiderte Nynianne, »Du sollst ihn nicht machen, sondern sollst mich ihn machen lehren, damit er alsdann ganz in meiner Gewalt sei.« – »Es sei Dir gewährt«, sprach Merlin; fing darauf an sie zu unterrichten, und lehrte sie alles ohne Rückhalt, was zu einer solchen Verzauberung gehörte. Als sie es nun begriffen hatte, auch sich jedes Wort sorgsam aufgeschrieben – denn sie verstand die Schreibkunst, konnte auch sehr wohl lesen und verstand die sieben hohen Wissenschaften – als sie nun alles erlernt hatte, war sie voller Freude und Entzücken und bezeigte dem Merlin so viel Liebe, daß er kein andres Vergnügen mehr kannte als mit ihr zu sein.

Eines Tages gingen sie Hand in Hand im Wald von Broceliande lustwandelnd. Als sie sich etwas ermüdet fühlten, setzten sie sich unter einer großen Weißdornhecke, die eben süß duftend blühte, ins hohe kühle Gras nieder, scherzten und ergötzten sich mit süßen Liebesworten und Werken. Merlin legte dann seinen Kopf in den Schoß seiner Freundin, und sie streichelte seine Wangen und spielte mit seinen Locken, bis er einschlief. Als sie gewiß war, daß er schlafe, stand sie leise auf, nahm ihren langen Schleier, umgab damit die Weißdornhecke, unter welcher Merlin schlief, und vollendete die Bezauberung, ganz so, wie er solche sie gelehrt; neunmal ging sie um den geschlossenen Kreis und neunmal wiederholte sie die Zauberworte, bis er unauflöslich war; dann ging sie wieder hinein, setzte leise sich wieder auf den vorigen Platz und legte Merlins Kopf sich wieder in den Schoß.

Als er aufwachte und umherschaute, dünkte ihm, er wäre in einen entsetzlich hohen festen Turm eingeschlossen und läge auf einem herrlichen kostbaren Bett; da rief er: »O mein Fräulein, Ihr habt mich hintergangen, wenn Ihr jetzt mich verlaßt, und nicht immer bei mir bleibt, denn niemand als Ihr kann mich aus diesem Turme ziehen.« – »Mein Süßer Freund«, sagte Nynianne, »beruhige Dich; ich werde oft in Deinen Armen sein!« Dieses Versprechen hielt sie ihm treulich, denn wenig Tage oder Nächte vergingen, wo sie nicht bei ihm war. Merlin konnte nie wieder von dem Ort, an den er von Nynianne gezaubert war; sie aber ging und kam nach Wohlgefallen. Sie hätte nachmals ihm gern die Freiheit wiedergegeben, denn es dauerte sie, ihn in solcher Gefangenschaft zu sehen; aber der Zauber war zu stark, und es stand nicht mehr in ihrer Macht, worüber sie sich in Traurigkeit verzehrte.

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