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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 27
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XXV.

Wie sich Uterpendragon, Ulsius und Merlin verwandelten und die Herzogin damit täuschten. Wie König Artus gezeugt wurde und Merlin das Neugeborene für sich verlangte

Als der König einige Tage darauf nach der Messe in sein Zelt kam, fand er den Merlin daselbst. Groß war seine Freude, als er ihn erblickte, mit offenen Armen eilte er auf ihn zu, schloß ihn an sein Herz und küßte ihn. »Merlin«, fing er an, »ich sage Dir nichts von meinen Angelegenheiten, Du weißt sie besser als ich selber; aber ich bitte Dich um Gottes Willen, hilf mir von meinem Herzeleid, das Dir so wohl bekannt ist.« – »Laß erst den Ulsius kommen«, sagte Merlin, »dann will ich Dir antworten.«

Ulsius wurde sogleich gerufen, und als er kam und der König zu ihm sagte: »Sieh, hier ist Merlin!« wurde er vergnügt, begrüßte ihn und sagte zum König: »Nun dürft Ihr nicht mehr weinen, denn sicherlich bringt er Euch Trost und Hilfe.« – »Ach«, sagte der König, »könnt er Yguernes Gunst mir verschaffen, so gäbe es nichts, was ich nicht für ihn täte, wenn es nur in meiner Macht steht.« – »Wagst Du«, sagte Merlin hierauf, »mir das zu versprechen, was ich Dir anfordern werde, so will ich Dir Yguerne zu verschaffen suchen, so daß Du bei ihr in ihrer Kammer und in ihrem Bette schläfst.«

Ulsius lachte, als er dieses hörte, und sagte: »Jetzt wird man sehen, was eines Königs Herz wert ist.« – »Fordere, was Du willst«, rief der König, »es gibt nichts, was ich Dir nicht dafür gäbe, fordere nur!« – »Ich will dessen gewiß sein«, erwiderte Merlin, »Du und Ulsius, Ihr müßt beide mir einen Eid auf die heiligen Reliquien ablegen, daß ich von Dir bekomme, was ich Dir den Morgen abfordern werde, nachdem Du die Nacht bei Yguerne zugebracht haben wirst. Willst Du mit dem König schwören, Ulsius?« – »Mir währet die Zeit lang, ehe ich geschworen habe«, erwiderte dieser. Hierauf ließ der König die heiligsten Reliquien vor sich bringen, er und Ulsius legten die Hände darauf, und so schwuren beide, daß der König den Merlin das geben müsse, was Merlin am Morgen nach der Nacht, die er bei Yguerne zubrächte, von ihm fordern werde.

Nachher eröffnete Merlin ihnen die Art und Weise, wie er dem König Yguernens Gunst verschaffen wollte. »Du«, sprach er zum König, »mußt Dich dabei mit viel Weisheit und sehr klug betragen; denn Yguerne ist eine sehr tugendliche Dame, die Gott und ihrem Gemahl immer treu gewesen. Ich will Dir aber durch meine Kunst die Gestalt des Herzogs geben, so daß sie Dich für ihren Gemahl halten muß. Auch hat der Herzog zwei Ritter, seine und Dame Yguernens vertraute Freunde, sie heißen Bretiaux und Jourdains. Die Gestalt des ersten will ich annehmen, Du, Ulsius, sollst die des Jourdains haben. Wenn es dunkel wird, wollen wir in dieser Verwandlung auf das Schloß Tintayol reiten, die Wachen werden uns den Eingang nicht verwehren, da sie uns für die Ihrigen ansehen. Nur des Morgens müssen wir wieder früh uns fortbegeben, denn wir werden wunderbare Dinge hören. Dein Lager laß unterdessen wohl bewachen, und daß Deine Leute niemandem sagen, wo Du hingegangen bist. Vergiß von allem dem nichts, was ich Dir hier sage, und seid zwischen hier und morgen bereit, wenn ich Euch holen komme.«

Der König erwartete den Merlin mit der größten Ungeduld; endlich kam er wieder und sagte: »Jetzt ist alles in Bereitschaft und fertig, nun zu Pferde.« Sie ritten bis eine kleine halbe Meile von Tintayol; »hier müssen wir uns ein wenig aufhalten«, sagte Merlin, »steigt ab von Euren Pferden und erwartet mich hier.« Sie stiegen alle ab, Merlin ging etwas abwärts, pflückte Kräuter ab, rieb dem König das Gesicht und die Hände damit, dann dem Ulsius und sich selber, und sofort verwandelten sie sich alle drei; der König sah vollkommen wie der Herzog von Tintayol aus, so wie Merlin und Ulsius dem Bretiaux und Jourdains glichen, so daß sie sich einander ansahen und sich wirklich lange dafür hielten. Mit hereinsinkender Nacht kamen sie an das Schloßtor von Tintayol, wurden ohne Schwierigkeit eingelassen, und gaben der Wache den Befehl, es niemandem bekannt zu machen, daß der Herzog zu Tintayol da sei. Die Herzogin war schon zu Bette, als die drei in ihr Schlafzimmer kamen, die Ritter halfen ihrem Herrn sich entkleiden und in das Bett zur Dame Yguerne steigen, und entfernten sich alsdann. In dieser Nacht ward sie mit einem Sohn schwanger, der nachmals der gute König Artus genannt wurde. Der König genoß große Freude und Liebe die ganze Nacht hindurch von Yguerne, denn sie umarmte ihn und begegnete ihm mit herzlicher Freundlichkeit, wie sie ihren treugeliebten Gemahl umfing.

Mit Tagesanbruch hörten Merlin und Ulsius, die schon aufgestanden waren, das Gerücht in der Stadt, der Herzog sei erschlagen und seine Seneschalls gefangen. Sie liefen also gleich ins Schlafzimmer zu ihrem Herrn und riefen: »Herr Herzog, steht auf und begebt Euch in Euer andres Schloß, denn die Nachricht ist gekommen, das Eure Leute Euch für tot halten.« Ihr Herr stand auch sogleich auf, nahm zärtlichen Abschied von der Dame Yguerne, empfahl sie dem Schutze Gottes, küßte sie und ritt davon mit den beiden Begleitern. Niemand im Schlosse wußte darum, daß der Herzog die Nacht bei seiner Gemahlin gewesen, außer ihren Kammerfrauen und den Torwächtern.

Als sie glücklich wieder hinausgekommen waren, sich des gelungenen Anschlags freuten und sich fröhlich unterhielten, fing Merlin an und sagte zum König: »Ich habe, denke ich, Dir mein Wort gehalten, jetzt denke auch Du darauf, daß Du Deinen Eid hältst.« – »Du hast mir«, antwortete der König, »mehr Freude gegeben und einen viel größeren Dienst geleistet, als je ein Mensch dem andern leistete, und ich bin bereit, Dir mein Versprechen zu halten; jetzt sag an, was Du verlangst.« – »Wisse«, sprach Merlin, »daß Yguerne in dieser Nacht mit einem Kind männlichen Geschlechts ist schwanger worden, dieses Kind verlange ich von Dir.«

Der König entsetzte sich, durfte aber sein Wort nicht zurückziehen. »Ich legte einen Eid ab«, sagte er, »Dir zu geben, was Du verlangen würdest; es sei Dir also zu Deiner Willkür übergeben.«

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