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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 26
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XXIV.

Von einer langanhaltenden Belagerung und dem Liebeskummer des Königs

Der König zog mit seinem Heer in das Land des Herzogs von Tintayol und nahm alle Städte, Dörfer und Burgen, wo er durchzog, ohne Widerstand ein. Hier erfuhr er, daß Dame Yguerne zu Tintayol geblieben, der Herzog aber zur Verteidigung einer anderen Burg fortgezogen sei; er versammelte also seinen Rat und fragte, ob er besser täte, erst Tintayol zu erobern und alsdann das andere Schloß, oder ob er erst den Herzog daselbst belagern solle. Seine Räte waren alle der Meinung, er müsse erst den Herzog in seinem festen Schlosse belagern; wenn er ihn selber erst in seiner Gewalt habe, so würde alles übrige von selbst kommen. Der König mußte diesen Gründen nachgeben, zog mit seinem Heer vor das feste Schloß und belagerte den Herzog. Als er nun vor dem Schlosse lag, sagte er heimlich zu Ulsius: »Was wird aus mir, so ich nicht Yguerne sehe?«-»Sire«, erwiderte Ulsius, »Ihr müßt jetzt Geduld haben: denkt darauf, den Herzog zu bezwingen, so sind dann alle Eure Wünsche erfüllt. Ihr würdet Eure Gesinnungen zu früh verraten haben, wenn Ihr gleich zuerst nach Tintayol gezogen wärt, ohne erst den Herzog zu belagern; also faßt Euch, und seid guten Mutes.«

Die Belagerung ward mit großer Hitze betrieben und mancher Sturm auf das feste Schloß gelaufen; der Herzog aber verteidigte sich tapfer, so daß die Belagerung sehr lange dauerte, worüber der König sehr mißmutig war, denn er erkrankte ganz in Sehnsucht nach Yguerne.

Als er eines Tages traurig in seinem Zelt saß, überfiel ihn eine solche Schwermut, daß er heftig anfing zu weinen; und als seine Leute ihn so weinen sahen, entfernten sie sich erschrocken aus seinem Zelt und ließen ihn allein mit Ulsius. »Warum weint mein König?« fragte der ihn mitleidig. »Ach! Ulsius«, sprach der König, »ich sterbe vor Sehnsucht nach Yguerne! Ja der Tod ist mir gewiß, schon habe ich Eßlust und Trinklust verloren, und in der Nacht finde ich keine Ruhe mehr, weil der Schlaf mich flieht; und kein Mittel sehe ich, wie mir Heilung würde!« – »Faßt Mut, mein König, Ihr sterbt sicherlich nicht aus Liebe für eine Frau! Wenn Ihr doch den Merlin haben könntet«, fuhr er fort, »laßt ihn aufsuchen, vielleicht gibt er Euch guten Rat.« – »Gewiß weiß Merlin, was ich leide«, sprach der König, »aber ich habe ihn erzürnt, als ich den leeren Platz an der Tafelrunde versuchen ließ, und nun läßt er nichts von sich hören; auch glaube ich, findet er es wohl übel von mir getan, daß ich für Dame Yguerne in Liebe entbrannt bin, denn ich sollte wohl nicht begehren das Weib meines Untertanen, meines Lehnsmannes. Es ist Sünde, das weiß ich wohl; und dennoch muß ich sie begehren, ich bin nicht Schuld daran, kann mich dessen doch nicht erwehren.«

»Ich bin sicher«, sagte Ulsius, »Merlin liebt Euch so sehr, daß er nicht ausbleiben wird, wofern ihm Euer Leid und Euer Schmerz bekannt ist, sondern er kommt gewiß und bringt Trost für Euch. Faßt nur Mut, mein König, habt nur noch Geduld, seid etwas fröhlicher, versucht Euch mit guten Speisen und Getränken zu stärken, laßt Eure Barone oft um Euch sein und vertreibt Euch in ihrer Gesellschaft auf eine ergötzliche Weise die Zeit, damit Ihr in etwa Euer Leid vergessen mögt!« – »Gern tue ich, was Du mir sagst«, antwortete ihm der König; »doch werde ich nicht meine Liebe, und nicht mein Leiden vergessen können.«

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