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Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 24
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XXII.

Wie sich Uterpendragon in Yguerne verliebte und ihr durch ihren eigenen Mann einen Becher senden ließ

Der König ließ rings um Kardueil viele schöne Häuser bauen, ließ dann in seinem ganzen Reich bekannt machen, wie er die vier Feste, nämlich Weihnachten, Ostern, Pfingsten und den Allerheiligen Tag, mit seiner Hofhaltung immer in Kardueil sein würde. Auch sollte sich ein jeder zu der Zeit dort einfinden, und ihm zu Liebe sollte jeder Baron und jeder Herr seine Gemahlin und seine Fräulein mitbringen nach Kardueil, allwo der König ihnen jedesmal Feste geben wolle.

Am nächsten Weihnachtsfest kamen nun die Gemahlinnen, die Damen und Fräulein mit den Rittern und Baronen. Wer ohne seine Gemahlin kam, war nicht gut angesehen, und so brachten die, welche nicht verheiratet waren, ihre Liebste mit. Es kamen ihrer so viele an den Tag, daß man nicht sagen kann, wie stark ihre Anzahl war; und wir können nur vorzugsweise von denen reden, welche sich am meisten hervortaten. Dies war ein Herzog von Tintayol (Tintagel) und seine Gemahlin, mit Namen Yguerne (Igerne). Nach der gebenedeiten Jungfrau Maria ward nie eine Christin holdseliger und schöner geboren als Yguerne. Als der König sie zuerst erblickte, wurde er so entzückt von ihrer Schönheit, daß er alle Fassung verlor; die Dame merkte dieses wohl, tat aber, als sähe sie es nicht. Da sie aber gewahr wurde, daß der König immer sie ansah und seine Augen gar nicht von ihr wandte, zog sie sich zurück und vermied die Gegenwart des Königs, denn sie war eine sehr tugendhafte und ehrsame Dame, bewahrte auch die Ehre ihres Gemahls und war ihm treu. Der König sandte allen anwesenden Damen schöne reiche Geschenke an Schmuck und Kleinodien, und tat es um Yguernes willen, um ihr ein Zeichen senden zu können, das sie nicht ausschlagen dürfe, weil alle Damen von ihm beschenkt worden waren. Ihr gab er einen Schmuck, von dem er wohl wußte, daß sie ihn wünschte; sie mußte ihn annehmen, obgleich sie sehr wohl einsah, daß dies nur um ihretwillen angestellt sei; sie ließ dieses aber nicht merken. Als der Hof nun wieder von Kardueil sich wegbegeben wollte und das Weihnachtsfest geendigt war, bat der König seine Barone und Fürsten des Landes, doch ja zum nächsten Fest ihre Damen wieder mitzubringen, welches sie ihm auch alle zusagten. Er war in Liebe für die Dame Yguerne ganz entbrannt, so daß er seiner Sinne kaum mehr mächtig war; als sie mit ihrem Gemahl, dem Herzog von Tintayol, von ihm Abschied zu nehmen kam, gab er ihnen das Geleit und bezeigte ihnen beiden viel Ehre. Er sah sich dabei einen Augenblick ab, wo er leise zu ihr sagen konnte: »Dame Yguerne, Ihr nehmt mein Herz mit Euch, trüge ich auch das Eurige in meinem!« Dame Yguerne tat aber nicht, als hätte sie dies gehört, und zog mit ihrem Gemahl, ohne zu antworten, fort in das Land des Herzogs.

Große Pein erduldete der König im Herzen, bis das Osterfest herankam, wo alles sich wieder zu Kardueil versammelte, und er sie wieder erblickte. Gott weiß, wie groß da sein Entzücken war; er ließ sie und den Herzog, ihren Gemahl, an seiner Tafel essen und saß zwischen ihnen beiden; auf alle Worte, die er ihr aber zuflüsterte, und wie sehr er ihr auch seine Liebe schwor, gab sie ihm doch nie eine Antwort, obgleich sie alle seine Worte sehr wohl verstand, sondern reiste mit ihrem Gemahl wieder fort.

Endlich konnte der König seine Liebespein nicht länger verhehlen, sondern entdeckte sie zweien seiner Günstlinge und fragte sie um Rat, wie er es anfangen müsse, sich Yguernes zu erfreuen und ihr seine Liebe zu klagen, da er sonst vor Leid vergehen müsse. Der König, sagten jene, gebe ein großes Fest zu Kardueil und lasse bekannt machen, daß ein jeder sich dahin begebe, weil es ein großes Fest sei und der König seine Krone tragen und auf dem Thron sitzen würde; auch, daß ein jeder sich auf einen Monat oder sechs Wochen mit allem Notwendigen versehen müsse, weil das Fest so lange dauern solle: »Auf diese Weise habt Ihr dann Zeit, mit der schönen Yguerne so viel zusammen zu sein, als es Euch beliebt.« Der Rat gefiel dem König wohl, und er tat so. Auf den bestimmten Tag kam alles in Kardueil zusammen, und jeder von den Herren kam mit seinen Damen und Gefolge, auch der Herzog von Tintayol mit Dame Yguerne, worüber der König im Herzen sich erfreute, wieder fröhlich wurde, aß und trank. Nach einigen Tagen wurde er wieder traurig und sagte endlich zu einem seiner Vertrauten, namens Ulsius: »Die Liebe tötet mich, ich sterbe für Yguerne, es ist kein Leben für mich, wenn ich sie nicht sehe; und erhört sie mich nicht, muß ich sterben.« – »Sire«, erwiderte Ulsius, »wollt Ihr um einer Frau willen das Leben lassen? Nie hörte ich, daß eine Frau Geschenken widerstehen könne; ich bin nur ein armer Edelmann, glaube dennoch nicht aus Liebe für eine Frau sterben zu müssen. Und Ihr, ein so mächtiger König, wie könnt Ihr ein so verzagtes Herz haben und es nicht wagen, um eine Dame zu werben?« – »Du hast wohl sehr Recht«, sagte der König, »Du weißt besser als ich, wie man sich benehmen muß; hilf mir, ich bitte Dich, und tue Du an meiner Stelle alles, was zu tun ist. Nimm aus meiner Schatzkammer alles, was Du willst, mach' ihr Geschenke, gib auch allen ihren Leuten, die sie umgeben, suche einen jeden zufrieden zu stellen, mache nur, daß ich mit ihr sprechen darf.« – »Ich will schon machen«, sprach Ulsius.

Die Hofhaltung dauerte nun schon acht Tage in großer Freude und schöner Ergötzlichkeit. Der Herzog von Tintayol mußte immerwährend beim König sein, und er gab ihm und seinen Gefährten schöne, reiche Geschenke. Ulsius suchte indessen mit der Dame Yguerne zu reden, ihr mit süßen Liebesworten zu schmeicheln, und brachte ihr Geschenke, von denen eines immer reicher und herrlicher war als das andere; sie aber schlug alles aus und nahm nichts davon an.

Eines Tages, als er ihr mehr noch zusetzte und einen überaus prachtvollen Schmuck ihr anbot, nahm sie ihn beiseite und sagte: »Ulsius, warum und zu welchem Ende bietest Du mir alle diese reiche Kleinodien an?« – »Dame, um Euer großen Schönheit und Eurer hohen Eigenschaften willen! Wisset, der ganze Reichtum des Königreichs ist Euer Eigentum und die Menschen nur da, Euern Befehlen zu gehorchen!« – »Ei, wie mag dies wohl sein?« – »Ja, denn Ihr besitzt das Herz dessen, dem das Reich zugehört, das Herz des Königs.« – »So ist des Königs Herz ein verräterisches und falsches Herz, weil es meinem Herrn und Gemahl so viel Liebe und Freundschaft erweist, während es mich zu verderben und zu entehren trachtet! Ich sage Dir, Ulsius, hüte Dich, so lieb Dir Dein Leben ist, mir jemals von diesen Dingen wieder ein Wort zu sagen, wenn ich nicht alles dem Herzog meinem Gemahl wieder hinterbringen soll. Du wirst wohl wissen, daß er Dir das Leben nicht lassen würde, wenn er solches wüßte; sei aber gewiß, daß dieses das letztemal ist, daß ich ihm solches verschweige.«

»Stürbe ich für den König«, erwiderte Ulsius, »so gereichte es mir zu großer Ehre! Habt Gnade mit dem König, Dame Yguerne, warum wollt Ihr nicht, daß er Euer Freund sei, da er Euch mehr liebt als sein Leben selbst; seid ihm gewogen, oder er stirbt aus Liebe zu Euch.« – »Ihr spottet meiner, Ulsius.« – »Um Gotteswillen, habt Mitleid mit dem König und mit Euch selber; wenn Ihr ihm nicht günstig seid, so habt Ihr Euch selbst alles Unglück zuzuschreiben, welches daraus entstehen wird, denn weder Ihr noch Euer Gemahl könnt Euch seinem Willen widersetzen.« – »Wohl würde ich mich seiner erwehren«, sagte sie schmerzlich weinend; »denn nie will ich, ist dies Fest einmal beendet, mich wieder an des Königs Hof einfinden noch in seine Gegenwart begeben; mag er auch Befehle ergehen lassen, wie er wolle, ich komme sicherlich nicht mehr.«

Mit diesen Worten ließ sie den Ulsius stehen und entfernte sich. Ulsius begab sich zum König und erzählte ihm alle ihre Worte. »Wohl wußte ich«, sagte der König, »daß sie Dir so antworten würde, denn so muß eine jede tugendhafte, sittsame Frau sprechen; doch, Ulsius, laß es noch nicht dabei, sondern bringe ihr meine Bitten immer wieder, keine Dame wird so leicht besiegt.« Eines Tages saß der König an der Tafel und der Herzog von Tintayol neben ihm; vor dem König stand sein reicher goldner Becher, woraus er trank, da kniete Ulsius vor ihm nieder und sagte ihm leise, so daß der Herzog es nicht hören konnte: »Sire, sagt dem Herzog, daß er Euch zu Liebe aus dem Becher trinke und ihn dann seiner Gemahlin zuschicke, damit auch sie Euch zu Ehren daraus trinke und ihn behalte.« Der König nahm den Becher, trank daraus auf die Gesundheit des Herzogs, reichte ihn alsdann dem Herzog und sprach: »Trinket, Herr Herzog, auf das Wohlsein Eurer Frauen, Dame Yguerne, und sendet ihn ihr dann mir zu Liebe.« – »Ich danke Euch, Sire«, sagte der Herzog, der sich nichts Übles versah, »sie wird ihn mit Freuden annehmen«; rief dann einen seiner Ritter, den er liebte, und übergab ihm den Becher, daß er ihn seiner Gemahlin Yguerne brächte und daß er ihr dabei sage: der König sendete ihr den Becher, und sie solle ihm zu Liebe daraus trinken. Als Dame Yguerne dieses hörte, errötete sie aus Scham, durfte aber den Becher nicht ausschlagen, weil ihr Gemahl ihr daraus zugetrunken. Sie trank also, und als sie ihn zurücksenden wollte, sagte der Herzog: »Dame Yguerne, es ist des Königs Wille, daß Ihr ihn behaltet.« Sie mußte also den Becher behalten. Der Ritter ging zurück und grüßte den König in ihrem Namen, sie aber hatte ihm diesen Gruß nicht aufgetragen. Nach der Mahlzeit sagte der König zu Ulsius: »Gehe zur Dame Yguerne ins Zimmer und höre, was sie spricht.« Ulsius fand sie trauernd und gedankenvoll, und als sie ihn kommen sah, sprach sie: »Euer König hat mir auf eine verräterische Weise seinen Becher gesandt, und ich war gezwungen, ihn anzunehmen; aber dessen wird er keinen Gewinn haben, denn ihm zur Schande will ich dem Herzog meinem Gemahl erzählen, mit welchem Verrat Ihr und Euer König mir zusetzt.« – »Ihr werdet nicht so töricht sein«, sagte Ulsius, »ihm solches zu erzählen.« – »Eines schändlichen Todes sterbe die«, rief Yguerne, »die solches zu tun sich weigere.«

Ulsius ging fort; als aber der Herzog auf den Abend vom König zu seiner Gemahlin zurückkam, fand er sie weinend und in große Betrübnis versenkt. Er erschrak, nahm sie in seine Arme und fragte sie liebevoll, was ihr fehle. »Ich wollte, ich wäre tot«, rief Yguerne weinend. »Warum dies, meine geliebte Gemahlin?« – »Weil der König mir mit Liebe durch Ulsius nachstellen läßt. Alle diese Feste, sagte er, und diese Hofhaltung, zu welcher er die Damen des Landes einladen ließ, wären nur um meinetwillen, damit ich kommen müsse, und er mich in seine Gewalt bekäme. Lieber aber will ich sterben, als Euch untreu werden, mein Gemahl: denn ich liebe Euch, obgleich Ihr mich damit erzürntet, daß Ihr mich zwangt, seinen goldnen Becher anzunehmen. Bis dahin hatte ich mich aller seiner Geschenke erwehrt und nahm nichts an, aber auf Euern Befehl mußte ich nun den Becher annehmen, dies verbittert mir mein Leben. Das kann nicht länger so dauern, es geschieht sicher noch ein Unglück daraus; darum flehe ich Euch an, mein Herr und Gemahl, laßt mich zurück nach Tintayol reisen, denn unmöglich kann ich länger es hier erdulden.«

Der Herzog erschrak, als er seine Gemahlin, die er über alles liebte, so reden hörte, er konnte lange kein Wort vorbringen, vor Zorn und Leidwesen. Nachdem er endlich wieder sich erholt, ließ er alle seine Ritter, welche mit ihm in der Stadt waren, zu sich kommen. Als sie sich bei ihm versammelten, sagte er ihnen, daß sie sich sogleich und in der Stille in Bereitschaft setzen sollten, ihm zu folgen, weil er abreisen wolle; niemand in der Stadt müsse aber etwas davon erfahren: »Laßt Gepäck und Kasten zurück, das können die Diener morgen uns nachführen, nehmt nichts als Eure Waffen und folgt mir still.« Darauf ließ er sein Pferd vorführen, stieg auf, Dame Yguerne setzte sich hinter ihn, und so ritt er mit ihr aus der Stadt nach Tintayol; die Ritter folgten ihm einzeln nach, und so erfuhr denselben Abend der König nichts davon, daß sie fort waren.

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