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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 23
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XXI.

Wie ein übler Ritter den leeren Platz besetzen wollte und was dann mit ihm geschah

Einmal, als der König und sein Hof zu Kardueil waren, und die Ritter an der Tafel saßen, kam einer der Großen des Reichs, der dem Merlin im Herzen übel wollte, zum König. »Sire«, fing er an, »billig muß ich mich wundern, daß Ihr den leeren Platz an der Tafel nicht besetzen laßt, damit sie vollständig sei.« – »Merlin hat mir gesagt«, antwortete der König, »daß dieser Platz nicht während meiner Lebzeit besetzt werden kann, sondern daß der noch geboren werden soll, der darauf sitzen wird.« Da fing der falsche verräterische Mann an zu lachen und sprach: »Sire, glaubt Ihr wohl, daß es nach Euch Leute geben wird, welche mehr wert sind als Ihr?« – »Das weiß ich nicht«, sagte der König; »Merlin aber hat mir jenes gesagt.« – »Sire, nie wird ein Mensch mehr gelten als was er wert ist; Ihr seid kühn genug, es zu versuchen.« – »Nein, ich werde es sicher nicht versuchen, ich fürchte, daß Merlin darüber erzürnt.« – »Sire, wenn Ihr also meint, daß Merlin alles weiß, so weiß er sicher auch, was wir jetzt von ihm sprechen, und alsdann kommt er bestimmt, wofern er noch lebt, zum künftigen Fest. Kommt er aber nicht, so bitte ich Euch, Sire, um die Erlaubnis, den Platz besetzen zu dürfen, um Euch von der Lüge zu überzeugen, die er Euch vorgesagt. Ihr werdet dann sehen, daß ich so gut als ein anderer diesen Platz ausfülle.« – »Ich würde es Euch gern erlauben, wenn mir nicht bange wäre, Merlin zu erzürnen.« – »Lebt Merlin, so kommt er sicher noch ehe ich es versuche; kommt er aber nicht, so bitte ich Euch, erteilt mir die Erlaubnis dazu.« Der König gab sie ihm, und der Ritter meinte, etwas Großes mit dieser Erlaubnis erreicht zu haben.

Als nun das Pfingstfest kam, begab der König sich wieder mit allen Edlen, Rittern und dem ganzen Volk nach Kardueil. Merlin wußte sehr genau was vorging, sagte es auch dem Meister Blasius. »Ich werde nicht zur Hofhaltung hingehen«, sagte er, »sondern sie versuchen lassen, was sie wollen, damit sie selber die Wichtigkeit und Würde des leeren Platzes und meiner Worte inne werden. Denn was sie nicht sehen, das glauben sie nicht, und komme ich hin, so meinen sie durch mich gestört zu sein und glauben, ich sei Schuld an dem, was sich ereignen wird. Fünfzehn Tage nach dem Pfingstfest aber will ich zum König gehen.«

Der Ritter, welcher versuchen wollte, sich auf dem leergelassenen Platz zu setzen, sprengte das Gerücht aus, Merlin sei tot, ein Bauer habe ihn im Wald erschlagen, weil er ihn für einen Wilden gehalten. Der König glaubte endlich dem Gerücht, weil Merlin so lange ausblieb; auch hielten die andern dafür, daß er wohl tot sein müsse, weil man sonst dergleichen Proben nicht anstellen dürfe.

Die fünfzig Ritter saßen nunmehr um die Tafel, in Gegenwart einer großen Menge Fürsten, Herren, Damen und Fräulein, als der Ritter kam, der sich auf den leeren Platz setzen wollte, und mit keckem Mut rief: »Ihr Herren, ich komme, um Euch Gesellschaft zu leisten!« Die Ritter an der Tafel antworteten ihm nicht, sondern sahen demütig und still jeder vor sich nieder; auch der König sagte ihm nichts, sondern alle waren erwartungsvoll, was geschehen würde. Der Ritter setzte sich und streckte beide Beine unter die Tafel; in dem Augenblick versank er unter die Erde, wie ein Stück Blei, das ins Wasser fällt und nicht wieder zum Vorschein kommt. Voll Entsetzen sah der König und alles Volk dieses Wunder! Man durchsuchte jeden Fleck unter dem Tisch, aber man fand nicht die mindeste Spur, weder von dem Ritter, noch von der Art, wie er untersank. Der Hof und das ganze Volk geriet in Schrecken, besonders der König war in Leid versenkt, daß er solche Probe zugegeben und sich dazu hatte verführen lassen, da doch Merlin ihm gesagt, der sei noch nicht geboren, dem dieser Platz bestimmt worden.

Am fünfzehnten Tag nach Pfingsten kam Merlin an den Hof, und der König ging ihm entgegen. Merlin machte ihm Vorwürfe wegen dessen, was er hatte geschehen lassen. »Er hat mich betrogen«, entgegnete der König. »So geht es vielen«, antwortete Merlin, »sie meinen andre zu betrügen und betrügen am meisten sich selber. Du siehst nun ein, daß Du betrogen bist, weil Du es siehst; aber warum glaubtest Du ihm? deswegen wurdest Du mit Recht bestraft. Hüte Dich, diesen Versuch nochmals anzustellen oder anstellen zu lassen, denn ich sage Dir, viel Übel würde daraus entstehen. Denn dieser Platz an der Tafel ist von großer Bedeutung; es ist ein würdiger Platz und ein hohes Gut für das ganze Königreich.«

Der König fragte ihn nachher, ob er ihm nicht sagen könne, was aus dem Ritter geworden und wo er hingekommen sei. »Darum bekümmere Dich nicht«, antwortete Merlin, »es geht Dich nichts an, und Du wirst um nichts besser, wenn Du es weißt. Laß es nur Deine Sorge sein, die, welche an der Tafel sitzen, recht zu ehren und hochzuhalten, wie auch die vier Feste jährlich dort zu feiern und alles so zu halten und nichts zu verändern, wie ich es eingesetzt habe.« Der König versprach ihm, von nun an alles unverrückt zu erhalten bis an seinen Tod. Darauf nahm Merlin wieder von ihm Abschied und ging zum Meister Blasius zurück.

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