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Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 20
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XVIII.

Wie Merlin die Schlacht gegen die Heiden vorausplante und welchen dunklen Todesspruch er fällte

Weil das Volk seine Reden alle wieder erfuhr, und jeder Mann ihn auf die Probe zu stellen gedachte, beschloß Merlin, nun nicht mehr so offen zu sprechen; alle seine Sprüche und Worte wurden nun dunkler und man verstand sie erst, nachdem sie eingetroffen. So kam Merlin eines Tages zu Pendragon und Uter, mit sehr niedergeschlagenem Gesicht: »Ihr werdet Euch«, sagte er, »wohl des Hangius erinnern, der durch Uter seinen Tod fand. Dieser Hangius war aus der adeligen und größten Familie des Heiden-Landes; seine zahlreichen Anverwandten haben geschworen, seinen Tod zu rächen, und nicht eher Ruhe zu halten, bis sie dies Land erobert haben. Von allen Seiten haben sie ihr Volk versammelt, auch haben viele Herzöge und Fürsten ihres Landes sich mit ihren Männern zu ihnen gesellt. Sie werden nun nicht lange mehr ausbleiben, sondern kommen in gewaltiger Menge und werden nicht eher nachlassen, bis sie das ganze Land unterjocht haben.«

König Pendragon und Uter, sein Bruder, erschraken über diese Worte Merlins. »Sind denn«, fragten sie, »die Anverwandten des Hangius so mächtig, daß wir ihnen nicht sollten widerstehen können?« – »Für einen streitbaren Mann, welchen Ihr stellt, haben sie zwei; und wenn Ihr nicht große Klugheit anwendet, so erobern und zerstören sie Euer Reich.« – »Wir tun nichts ohne Deine Zustimmung, Merlin; sage uns nur, wann werden sie ankommen?« – »Im Monat Juni werden sie bei den Flächen von Salisbury auf dem Fluß sein. Ihr müßt nun so viel Bewaffnete wie möglich haben, um Euer Land zu verteidigen.« – »Wie«, rief der König, »ich sollte sie ins Land kommen lassen?« – »Ja, das müßt Ihr, wenn Ihr mir glaubt. Laßt sie erst weit vom Fluß absein, ehe Ihr mit ganzer Macht gegen sie streift, und Ihr müßt es so einrichten, daß einer von Euch mit einer starken Macht sie vom Flusse abschneidet, damit es ihnen an Mundvorrat und allem Kriegszubehör fehle. So müßt Ihr sie zwei Tage lang drängen, und erst am dritten müßt Ihr es zur Schlacht kommen lassen; werdet Ihr meiner Weisung genau folgen, so ist der Sieg Euer.« – »Sage uns im Namen Gottes«, sagten die beiden Brüder, »wenn es Dir gefällt, ob einer von uns in dieser Schlacht fallen wird?« – Merlin antwortete und sprach: »Alles Irdische hat einen Anfang genommen, muß also auch ein Ende nehmen. Niemand erschrecke über den Tod des andern, denn sterben muß auch er; nehme also jeder seinen Tod hin, denn niemand ist unsterblich.«

»Merlin«, fing Pendragon an, »damals als Du jenem, der Dich prüfen wollte, seine Todesart so bestimmt vorhersagtest, da sprachst Du zu mir, Du wissest meinen Tod eben so gut als den seinigen; darum bitte ich Dich, entdecke ihn mir.« Merlin sprach: »Laßt die heiligen Reliquien herbringen, und schwört beide darauf, daß Ihr tun werdet, was ich Euch gebiete zu Eurem Vorteil und Eurer Ehre. Nachher kann ich sichrer Euch das entdecken, was ich will.« Die Reliquien wurden gebracht, und der König und sein Bruder schwuren einander, nach Merlins Vorschrift, Treue und gegenseitige Hilfe in der Schlacht, bis in den Tod. »Jetzt«, sagte Merlin, »habt Ihr einen Eid abgelegt, Euch tapfer zu unterstützen und einer dem andern in der Schlacht treu zu helfen bis in den Tod; seid Ihr also einer dem andern getreu, so seid Ihr es auch gegen Gott. Beichtet, und empfangt den Leib unseres Heilands, ruft den Herrn um Hilfe an und betet zu ihm um Stärke in der Schlacht gegen Eure Feinde. Denn Ihr sollt die Christenheit beschützen gegen die Heiden, darum wird Gott Eure Arbeit segnen. Wer in dem Streit für den Glauben fällt, der ist selig; fürchtet also den Tod nicht in dieser Schlacht, die größer und blutiger sein wird, als je eine gewesen. Einer von Euch wird darin den Tod finden, tut also beide Eure Pflicht, wie Ihr geschworen. Wer von Euch beiden übrig bleibt, wird eine Schlacht ausführen, und einen Begräbnisplatz errichten durch meine Hilfe, reicher und schöner als je einer war. In der ganzen Christenheit wird man von den Dingen reden, die ich dort ausrichten werde. Jetzt tut Eure Ehrenkleider an, geht zur Beichte und empfangt das Abendmahl des Herrn, dann seid gutes Muts, und fröhlich vor Euern Völkern, damit sie sich tapfer halten zur Ehre Gottes.«

So endigte Merlin seine Rede, und die Brüder taten alles, wie er ihnen befahl. Als alle ihre Kriegsmänner versammelt waren, verteilte der König viel Gold und Geschenke unter sie, wie auch viele Pferde, und hielt ihnen eine Rede, wie er von ihnen erwarte, daß sie mit aller Macht und aus allen Kräften das Land verteidigten. Sie versprachen alle ihm ihre Hilfe, versammelten sich in großer Menge und waren, sowie der König ihnen Befehl gab, in der letzten Woche des Monats Juni am Ufer der Themse. Am Pfingstfest hielt der König offnen Hof, an dem Ufer der Themse, und gab jedem seiner Kriegsmänner große Geschenke, damit sie ihre Pflicht in Verteidigung des Landes desto williger täten. Sie teilten sich darauf in zwei Lager, das eine, welches Uter anführte, lagerte sich auf der Fläche von Salisbury, und das andre, Pendragon an seiner Spitze, zog sich zwei Meilen ungefähr davon.

Die Heiden kamen auf den bestimmten Tag an; da ließ Uter in seinem ganzen Lager ausrufen, daß ein jeder zur Beichte gehe, und einer dem andern etwaige Beleidigungen verzeihen möge. So geschah es dann auch. Die Heiden stiegen ans Land, und ruhten acht Tage lang aus; währenddem sandte Uter zu Pendragon und ließ ihn wissen, daß sie angekommen, und daß ihre Zahl nicht zu zählen sei. Pendragon fragte den Merlin, was er nun tun müsse. »Laß dem Uter wissen«, antwortete dieser, »daß er sich verborgen halte, und sie vorüber, tiefer ins Land ziehen lasse; dann muß er ihnen mit seiner ganzen Macht folgen, bis sie zwischen Dir und ihm eingeschlossen und umringt sind.«

Uter tat pünktlich, was Pendragon ihm befohlen, ließ die Heiden vorüber ziehen und folgte ihnen hart auf dem Fuße mit solcher Macht und mit so schnellen Pferden, daß die Heiden, die keinen Hinterhalt vermuteten, erschrocken anhielten; jetzt rückte Pendragon ihnen von seiner Seite näher, so daß sie sich auf einmal umringt sahen. »Zwei Tage bleibt so stehen«, sagte Merlin zu Pendragon; »am dritten Tage, der schön und hell aufgehen wird, wirst Du einen Drachen in der Luft fliegen sehen; bei diesem Wahrzeichen, das auf Deinen Namen sich bezieht, darfst Du sicher kämpfen, und die Deinigen auch, und der Sieg wird Euer sein.« Von diesem Zeichen des Drachen wußte niemand im Lager etwas, außer Merlin und der König; dieser ließ seinem Bruder Uter davon Nachricht geben, der sich darüber sehr freute. Nun sagte Merlin zum König: »Ich muß Euch jetzt verlassen, ich bitte Euch, denkt an alles, was ich Euch gesagt habe, seid wacker und mutig, wie es einem edlen Ritter ziemt«; nahm dann Abschied von ihm und begab sich zu Uter ins Lager. Merlin sagte ihm dasselbe, was er dem Pendragon gesagt: »Halte Dich tapfer und ritterlich, in dieser Schlacht fällst Du nicht.« Uter war im Herzen froh, als er dies hörte; dann nahm Merlin Abschied von ihm und ging nach Northumberland zum Meister Blasius, um alles dieses aufschreiben zu lassen.

Am dritten Tag, der hell und klar aufging, ordnete Pendragon sein Heer in Schlachtordnung. Die Heiden, die mit Schrecken sich von beiden Heeren eingeschlossen und ihre mißliche Lage einsahen, stellten sich auch in Ordnung, weil sie nicht anders konnten als sich so lange als möglich zu verteidigen. Nun erschien der Drache in der Luft, den Merlin dem König prophezeit hatte. Er war wunderbar anzuschauen, und Feuer strömte aus seiner Nase und aus dem Mund, so daß alle sich entsetzten, die ihn sahen. Der König ließ sogleich die Trompeten ertönen und rief, daß man den Feind anfalle und alles ohne Gnade niedermache. Uter ließ dasselbe in seinem Lager geschehen, und so fielen sie beide mit ihren Heeren zu gleicher Zeit in den Feind. Uter und die Seinigen fochten so tapfer, daß endlich die Heiden unterlagen. König Pendragon aber wurde erschlagen, nebst vielen andern Herren des Reichs mehr. Keiner konnte sagen, welcher von beiden sich tapferer gehalten, ob Uter oder Pendragon; wir finden aber, daß Uter und sein Heer alle Heiden erschlugen, daß er das Feld behielt, und diesen Tag den vollkommensten Sieg davontrug.

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