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Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 18
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XVI.

Wie durch Merlins Rat das Land von den Heiden befreit wurde

Merlin beurlaubte sich hierauf vom König Pendragon und seinem Bruder Uter und ging nach Großbritannien, wo er lange blieb, ehe er wieder kam. Unterdessen führten Pendragon und Uter beständig den Krieg gegen die Heiden, die sich sehr im Lande vermehrt hatten, fanden aber kein Mittel, sie zu vertreiben, bis nach vier Monaten Merlin wiederkam. Die alten Räte des Königs Vortigern waren dessen sehr froh und meldeten ihn dem König Pendragon; sie wußten nicht, daß dieser wie auch Uter den Merlin schon kannte. »Merlin«, riefen sie dem König zu, »ist gekommen, dies ist der weiseste von allen lebenden Menschen, und was er Euch zu tun rät, dürft Ihr sicher tun, denn ihm ist das Verborgenste bekannt.« Pendragon tat wie Merlin es ihm empfohlen, freute sich über diese Nachricht, tat aber, als kennte er ihn noch nicht und sagte, er wolle dem weisen Mann entgegengehen. Auf dem Wege erzählten die Räte ihm alles, was Merlin dem Vortigern prophezeit und was er bei ihm ausgerichtet hatte; der König hörte diesen Geschichten von den Drachen und all diesen Prophezeiungen mit Vergnügen zu, bis Merlin ihm begegnete. Die Räte stellen ihm denselben vor, und er erzeigte ihm alle Ehre und Höflichkeit, als sähe er ihn zum erstenmal, führte ihn darauf in seinen Palast, wo die alten Räte dem Könige insgeheim sagten: »Herr König, da Ihr nun den Merlin habt, laßt Euch nur von ihm raten, wie Ihr den Krieg glücklich beendigt und den Sieg über Eure Feinde davon tragen mögt; was er Euch sagt, dürft Ihr sicher befolgen.« Sie verließen darauf den König, und er blieb mit Merlin allein.

Nachdem er drei Tage lang sich mit ihm ergötzt und ihm alle Ehre und alles Vergnügen erwiesen, berief er eine große Ratsversammlung ein und ging in Merlins Begleitung dahin. Er redete den Merlin an und sagte ihm alles, was die alten Räte ihm von seiner Weisheit gesagt; bat ihn auch darum, ihm zu raten, wie er die Heiden wohl aus dem Lande treiben könnte. »Wisset«, antwortete Merlin, »seit Hangius ihr Anführer tot ist, wünschen sie nichts so sehr, als nur aus dem Lande zu sein. Meine Meinung ist, Ihr sendet ihnen Boten, mit dem Auftrag, einen Waffenstillstand von drei Wochen von ihnen zu begehren. Sie werden zur Antwort geben, daß dieses Reich ihnen zugehöre, daß sie es von Euch zurück verlangen, und werden Euch keinen Waffenstillstand verstatten. Darauf laßt ihnen nur zur Antwort wissen, daß, wenn sie nicht sogleich die Schlösser und festen Plätze ausliefern würden, Ihr sie alle umbringen wolltet.«

Der König sandte sogleich den Ritter Ulsin, einen sehr verständigen Mann, nebst noch zwei anderen Rittern als Abgesandte zu den Heiden, mit dem Auftrag, wie Merlin ihm vorgeschrieben. Die Abgesandten kamen vor die obersten Anführer und Hauptleute der Heiden, die in einem der festesten Schlösser des Landes saßen. Diese nahmen die Boten des Königs ehrenvoll auf, und der Ritter Ulsin trug ihnen das Verlangen des Königs vor, daß sie ihm nämlich einen Waffenstillstand von drei Wochen gestatten sollten. Die Heiden verlangten bis den andern Tag sich zu beraten, worauf Ritter Ulsin und seine Begleiter sich entfernten. Die Heiden beratschlagten sich nun die ganze Nacht hindurch und bedachten: wie sie erstlich durch Hangius' Tod den großen Verlust erlitten, hernach wie es ihnen an allen Lebensmitteln in ihren festen Burgen und Schlössern fehle und das Volk im Lande sie nicht gern sehe; bedachten aber auch andrerseits wieder, daß, da der König um Waffenstillstand ersuchen lasse, es doch mit ihm schwach bestellt sein müsse. Obgleich sie nun auf jeden Fall nur wünschten, ihr Leben und ihr Gepäck zu retten, weil es nicht gut in einem Lande bleiben ist, wo man nichts zu essen hat, ließen sie dem Könige dennoch folgendes zur Antwort wissen: »Der König überlasse uns das Land, die Städte und die festen Schlösser in Frieden, dafür wollen wir ihm jedes Jahr dreißig wohl gerüstete und wohl berittene Ritter geben, nebst zehn Jungfrauen, zehn Damen und zehn Fräulein, nebst den zugehörigen Dienern und Dienerinnen, wie auch hundert Falken, hundert Rosse, und hundert Zelter.«

Die Abgesandten kamen mit diesem Bescheid wieder zum König Pendragon und erzählten ihm alles bei versammeltem Rat, was ihnen bei den Heiden widerfahren war und welchen Bescheid sie gegeben. König Pendragon wandte sich zu Merlin, und fragte ihn, was er nun zu tun habe. »Gestattet Ihr ihnen dieses«, antwortete Merlin, »so tut Ihr dem Reich großen Schaden in der Zukunft. Laßt ihnen sagen, daß sie sogleich ohne Aufschub das Land räumen, und Ihr sollt sehen, daß sie es recht gern tun, denn sie haben keine Lebensmittel mehr und sterben Hungers; schenkt ihnen ihr Leben, sie werden nichts mehr verlangen.« Es geschah so wie Merlin es verlangte, und der König ließ ihnen des andern Tages durch dieselben Boten befehlen, sogleich abzuziehen. Die Heiden waren froh, diesen Befehl zu hören, sie versammelten sich sogleich und zogen samt und sonders ab, der König schenkte ihnen Schiffe, und sie gingen alle übers Meer fort aus dem Lande.

So ward durch Merlins Rat das Land von den Heiden befreit, wodurch er beim Volke zu großen Ehren und Ansehen gelangte. König Pendragon regierte lange Zeit in Frieden, und sein Volk liebte und ehrte ihn über die Maßen. Er drückte auch sein Volk auf keine Weise und tat ihm keine Art von Zwang an. Merlin war stets bei ihm, und er tat nichts ohne Merlins Beistimmung, keines andern Rat galt bei ihm als der seinige.

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