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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 16
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XIV.

Über den Sieg der Prinzen Pendragon und Uter und die Verwandlungskünste Merlins

Vortigern aber ließ gleich, nachdem Merlin ihm die Ankunft der Söhne des Constans prophezeit, durch sein ganzes Reich ausrufen, daß ein jeder sich und seine Waffen auf den Tag über drei Monde bereit halte; versammelte alsdann alle Gewappneten und ließ sie nach dem Hafen von Winchester ziehen, um ihn zu verteidigen; sagte ihnen aber nicht, gegen wen sie diesen Hafen verteidigen sollten, auch nicht, warum sie versammelt und in Waffen wären; niemand wußte es, als die in seinem Rat saßen.

König Vortigern ging selber mit seinem Heer an den Hafen, und an demselben Tag, den Merlin ihm vorhergesagt, erblickte er im Meere die Flaggen der Schiffe, auf welchen die Prinzen waren; sogleich gab er Befehl, daß ein jeder sich rüste und den Hafen verteidige. Die Söhne des Constans landeten im Hafen, nicht fern von einem Turm, den sie hernach belagerten; als aber die, welche den Hafen bewachen sollten, die Standarten und Flaggen in der Sonne leuchten sahen und das Wappen des Königs Constans darauf erblickten, waren sie so erstaunt darüber, daß sie sich nicht verteidigten, und so lief das erste Schiff, worauf die Söhne des Constans sich befanden, glücklich in den Hafen.

Und als diese nun aus den Schiffen ans Land stiegen, fragten jene sie, wem denn diese Schiffe, diese Standarten und Flaggen zugehörten. »Pendragon und Uter, die Söhne des Königs Constans sind wir«, antworteten sie, »Aurelius Ambrosius ist mit uns, wir kommen dieses Land wieder zu erobern, das uns eigentlich gehört und das der falsche verräterische Vortigern, der unsern Bruder höchst ungerecht hat ermorden lassen, uns vorenthält. Nun kommen wir, unser Recht von ihm zu fordern.«

Als die im Hafen vernahmen, daß es die Söhne des Constans waren, wollten sie nicht gegen sie fechten, bedachten auch, wie es ihnen wohl Schaden bringen könnte, da jener Macht viel stärker war als die ihrige; sie gingen zu Vortigern und verkündeten es ihm. Da nun Vortigern sah und erfuhr, daß die meisten seiner Leute ihn verließen und zu den Prinzen übergingen, überfiel ihn Angst, und er befahl seinen treuesten Männern, den Turm zu besetzen, was auch geschah. Nun liefen die übrigen Schiffe in den Hafen ein, und die Ritter und die andern, die darin waren, stiegen ans Land. Als nun die Herren des Landes sahen, daß es ihre Fürsten waren, gegen welche sie kämpfen sollten, seufzten sie im Herzen, wollten sich auch nicht gegen sie verteidigen; die meisten unter ihnen gingen zu ihnen über und waren erfreut, sie wieder zu sehen, wurden auch von Pendragon und von Uter, seinem Bruder, mit Freuden aufgenommen; und nun gingen sie alle zusammen, den Turm zu belagern, in welchem Vortigern und seine treuen Anhänger sich verschanzt hatten. Die verteidigten sich mit aller Macht gegen die Angreifenden und taten ihnen mit häufigen Ausfällen und tapferer Gegenwehr vielen Schaden. Als endlich Aurelius einsah, daß er den Turm nicht mit dem Schwert erobern konnte, ließ er Feuer herum anlegen und verbrannte den Turm, nebst allen, die darin waren, worunter auch Vortigern der so verbrennen mußte, wie Merlin es vorher gesagt.

Nachher kamen alle und ergaben sich dem Pendragon und seinem Bruder Uter, als ihren rechtmäßigen Herren, halfen ihnen auch, das ganze Land wieder zu erobern, denn Hangius und seine Heiden hielten noch die meisten Städte und festen Plätze. Das Volk aber war voller Freuden, seine rechtmäßigen Herren zu sehen, und aus allen Orten kamen sie ihnen entgegen, und empfingen sie mit großer Freude und vieler Ehre. Nunmehr ließ Aurelius den Pendragon, den ältesten Sohn des Königs Constans, zum König krönen, und ihm von allen Edlen des Landes huldigen und Treue schwören, und so hatte Aurelius den König Pendragon und seinen Bruder Uter wohl zum Ziele geleitet.

Hangius aber hielt mit seinen Heiden noch immer viele feste Plätze und tat dem Lande vielen Schaden. Da versammelte König Pendragon den geheimen Rat und die Edlen des Landes, und befragte sie, wie man sich von diesen Heiden wohl befreien möchte. Einige der Räte erinnerten sich des Merlin und wie dieser dem Vortigern mit solcher Weisheit geraten, und alles vorher gesagt hatte; sie erzählten also dem König Pendragon die Wunder, die sie Merlin hatten verrichten sehen und sagten ihm, wenn er diesen fragen könnte, würde er gewiß die beste und weiseste Antwort auf seine Frage erhalten; denn Merlin, sagten sie, sei sicher der weiseste Mensch in der Welt. »Und wo soll ich ihn aufsuchen lassen?« fragte Pendragon. »Er muß noch im Lande sein«, sagten sie, »denn es ist noch nicht lange, daß er von Vortigern wegging.« Der König schickte sogleich Boten aus im ganzen Land, mit dem Befehl, nicht eher zurückzukommen, bis sie Merlin gefunden. Man wisse, daß Merlin, sobald der König diesen Befehl gegeben, es sogleich wußte, und zum Meister Blasius sagte: er müsse sich sogleich nach einer nicht weit abliegenden Stadt begeben. Er sagte ihm nicht die Ursache davon, wußte aber sehr wohl, daß er dort die Boten des Königs Pendragon treffen würde, die ihn zu suchen ausgingen. Unterwegs nahm er die Gestalt eines alten Hirten an; an seinem Hals eine große Keule, ohne Schuhe an seinen Füßen, ein altes ganz zerrissenes Kleid um sich herhängend, auch trug er einen langen ganz struppichten Bart. So kam er in die Stadt und in das Wirtshaus, wo die Boten saßen, er fand sie gerade beim Mittagessen. Die Boten, als sie ihn hereinkommen sahen, sagten: »Seht, das ist ein wilder Mann.« Merlin aber sah sie an und sagte: »Ihr Herren Abgesandten seid eben nicht sehr bekümmert, Eure Botschaft auszurichten; Ihr bringt Eure Zeit sehr gut mit Essen und Trinken zu, sucht aber den Merlin nicht. Wäre es mir aufgetragen ihn zu suchen, so wie Euch, ich würde ihn besser zu finden wissen.«

Da erhoben sich die Boten von ihren Sitzen, redeten ihn an, und fragten ihn, ob er wisse, wo Merlin sei, und ob er ihn gesehen habe. »Ja, wahrlich ich kenne ihn und weiß auch, wo er sich verbirgt. Er selber sagte mir, daß Ihr ihn zu holen gekommen seid, daß er aber nicht mit Euch gehen würde, wenn Ihr ihn auch wirklich fändet, daß Ihr aber dem König sagen solltet, er würde die Schlösser nie erobern, so lange Hangius noch lebe. Wisset auch, daß von denen, die dem Könige rieten, Merlin holen zu lassen, nur noch einer im Lager des Königs ist. Es sind überhaupt nur noch drei vom großen Rat des Königs am Leben, diesen und dem König selbst dürft Ihr sagen: daß, wenn sie selber herkommen wollen, den Merlin zu suchen, sie ihn im Feld das Vieh hütend finden werden. Kommt der König nicht selber, so wird er gar nicht gefunden.«

Die Boten sahen erstaunt einander an und wußten vor Erstaunen nicht, was sie sagen sollten; als sie sich wieder umsahen und den Mann mit ihren Augen suchten, um weiter mit ihm zu reden, war er nicht mehr da, und sie wußten nicht, wo er hingekommen. »Laßt uns gehen«, sagten sie »und dem König diese merkwürdige Geschichte erzählen.«

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