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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 14
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XII.

Vom weißen und roten Drachen unter dem Turm, ihrem fürchterlichen Kampf und dem weiteren Schicksal der Astrologen

König Vortigern ging hierauf mit Merlin gerade auf den Platz, wo der Turm gebaut werden sollte, und ließ die gefangenen Astrologen vor sich kommen. Merlin ließ sie durch einen der Boten fragen, warum der Turm immer wieder einfiele. Die Astrologen sagten: »Wir wissen nicht, warum er einfällt, aber dem König haben wir gesagt, was geschehen müsse, damit er stehen bleibe.« – »Ihr habt«, sagte Merlin, »den König für einen Narren gehalten, daß Ihr ihm auftrugt, einen Menschen zu suchen, der ohne Vater geboren sei; Ihr Herren tatet das um Eurer selbst und nicht um des Königs willen. Denn so viel habt Ihr wohl herausgebracht durch Eure Bezauberungen, daß Ihr wißt, ein solcher Mensch würde die Ursache Eures Todes sein. Darum ließt Ihr den König diesen Menschen suchen und trugt ihm auf, sein Blut auf den Grund des Turmes zu gießen, damit, wenn er tot sei, Ihr nicht durch ihn umkommen könnt.«

Die Astrologen waren so erschrocken, als Merlin ihre geheimen Absichten entdeckte, daß sie nicht ein einzig Wort vorbringen konnten. »Nun sieh, mein Herr König«, fuhr Merlin fort, »daß diese Männer mein Blut bloß um ihretwillen forderten und gar nicht, weil es zum Bau des Turms notwendig war; Ew. Majestät frage sie, ob ich wahr geredet, sie werden nicht die Frechheit haben, mich Lügen zu strafen.« Die Astrologen gestanden, daß Merlin die Wahrheit geredet, baten aber den König, sie leben zu lassen, bis sie gesehen, ob Merlin wisse, warum der Turm nicht stehen wolle. »Ihr werdet nicht eher sterben«, sagte Merlin, »bis Ihr es mit Euren Augen gesehen.«

Nachdem die Astrologen für diese Gnade gedankt, wandte Merlin sich wieder zum König Vortigern: »Jetzt höre, warum der Turm nicht stehen will, und tue, was ich Dir sage, so wirst Du es selber sehen. Nicht sehr tief unter der Erde, auf dem Fleck, wo der Bau angefangen wurde, ist ein großer Fluß. Unter dem Bett dieses Flusses liegen zwei Drachen, die sich einander nicht sehen, der eine ist weiß, der andre rot; sie liegen unter zwei sehr großen wunderbaren Felsen. Diese Drachen nun fühlten die Last des Gebäudes zu schwer auf sich, darum bewegten sie sich und schüttelten die Last, die sie drückte, von sich. Der König lasse nachgraben, und wenn sich nicht alles Wort für Wort so befindet, wie ich gesagt, so will ich sterben; findet es sich aber so, müssen die Astrologen für mich sterben.« – »Ist es so, wie Du sagst«, erwiderte König Vortigern, »so bist Du der weiseste aller Menschen; aber sage mir, wie muß ich es anfangen, um die Erde fortbringen zu lassen?« – »Auf Wagen und mit Pferden«, antwortete Merlin, »und mit Hilfe vieler Menschen, die sie weit fortführen.« Der König ließ nun alles, was arbeiten wollte, zusammenkommen, worauf sich viele Menschen versammelten, die alle den Tagelohn verdienen wollten, und man fing an, den hohen Berg, worauf der Turmbau angefangen war, abzutragen; die Leute hielten ihren König für töricht, daß er den Worten eines Kindes Glauben beimesse, jedoch durften sie dem König nicht ihre Meinung sagen. Nachdem lange gearbeitet und die Erde weit fortgeführt worden, entdeckten die Arbeiter den großen Fluß und meldeten es sogleich dem König. Dieser, sehr erfreut, nahm Merlin mit hinaus, wo sie denn wirklich den Fluß so fanden, wie Merlin es vorher gesagt. »Wie sollen wir es aber nun anfangen«, fragte ihn König Vortigern, »um unter den Fluß zu sehen?« Merlin ließ sogleich große Gräben und Kanäle machen und leitete so den Fluß weit hinaus in das Feld. Während man daran arbeitete, sprach Merlin zum König: »Wissen sollst Du auch, daß, sobald die Drachen unter den großen Steinen hervorgekommen, sie miteinander kämpfen werden. Berufe also der König die Angesehensten und Geehrtesten seines Landes ein, damit sie diesen Kampf ansehen, der von großer Bedeutung ist.« Sogleich gab der König Befehl, daß man die adeligsten Herren, die achtbaren Männer und Bürger samt den Gelehrten und Geistlichen aller Orden aus seinem Land zusammenrufen solle. Diese versammelten sich auch sogleich und waren sehr verwundert und erfreut, als der König ihnen die Ursache verkündigte, warum sie zusammenberufen wären. »Dieser Kampf wird ein sehr schöner Anblick sein«, sagten sie; einige aber erkundigten sich bei dem König, ob Merlin prophezeit habe, welcher von den beiden Drachen den Sieg davontragen würde. »Dies hat er nicht«, antwortete Vortigern.

Als nun der Fluß abgeleitet war und man die beiden Felsen, unter welchen die Drachen lagen, erblickte, fragte der König den Merlin, auf welche Art man nun diese ungeheuren Steine wegschaffen müsse. Merlin sprach: »Sobald die Drachen die äußere Luft empfinden, werden sie von selber hervorkommen, der König lasse also die beiden Felsen durchbohren, damit die äußere Luft hinzu kann.« Es geschah, so wie Merlin es angab; die Felsen wurden einer nach dem andern durchbohrt, und sogleich kamen die Drachen hervor. Sie waren entsetzlich anzusehen, furchtbar groß und von scheußlicher Gestalt, so daß alle Anwesende Furcht und Abscheu vor ihnen hatten. Der König selber erschrak sehr bei ihrem Anblick und fragte den Merlin, welcher von den beiden den andern besiegen würde. Merlin sprach: »Dies will ich dem König und seinem geheimen Rat besonders vertrauen«; ging darauf mit ihnen beiseite, wo er ihnen folgendes entdeckte: »Der weiße Drache wird den roten nach schrecklichem Kampf und nach großer Mühe und Anstrengung besiegen. Dieser Sieg ist von fernerer großer Bedeutung, die Ihr aber erst nach dem Kampf erfahren sollt, vorher kann ich Euch nichts mehr sagen.« Nun gingen sie wieder hin zum Platz, wo die Edlen und das Volk versammelt waren, dem Kampf zuzusehen. Die Drachen waren blind und sahen einander nicht, wie Merlin auch prophezeit hatte; sobald sie sich aber rochen, fielen sie übereinander her, verschlungen ihren Leib in vielfachen Ringen und Knoten, und bissen sich. Sie hatten auch Klauen, mit diesen zerrten sie sich, so daß es schien, als wenn sie spitze eiserne Haken gebrauchten und sich damit voneinanderreißen würden. Niemals hatten Löwen sich härter und reißender angefallen als diese zwei Drachen. So wie reißende Tiere kämpften sie wütend den ganzen Tag und die folgende Nacht durch. Keiner von den Anwesenden entfernte sich, alle sahen mit großem Eifer dem mächtigen Kampf zu. Der weiße Drache schien beim Volk schwächer als der rote, denn dieser setzte ihm hart zu, und er litt gar viel von dem roten, auch meinte das Volk allgemein, da es den weißen so leiden und schon sehr ermattet sah, daß er unterliegen würde. Auf einmal aber strömte ihm flammendes Feuer aus dem Rachen und aus den Nasenlöchern, so daß der rote Drache davon verbrannte und tot auf dem Platze liegen blieb. Darauf legte der siegende weiße Drache sich neben dem roten, und nach drei Tagen starb er gleichfalls. »Nun«, sprach Merlin zu Vortigern, »magst Du Deinen Turm aufbauen lassen und sicher sein, daß er nicht wieder einfällt, wenn er anders nach der Wissenschaft eingerichtet und gut ausgeführt wird.« König Vortigern ließ die vortrefflichsten und kunstvollsten Baumeister seines Landes zusammenkommen, und befahl ihnen, den Turm so fest und stark zu errichten, als sie zu tun vermöchten, was auch die Baumeister zu tun versprachen. Darauf wurden die Astrologen herbeigeführt, um ihren Urteilsspruch von Merlin zu empfangen, so wie der König es ihm zugesagt. »Ihr seht nun«, sprach Merlin, »wie schlecht Ihr Euch auf Eure Kunst verstanden, Ihr wolltet den Grund finden, warum der Bau einfiel, und da Ihr nichts finden konntet, als meine Geburt und daß Ihr selber durch mich in Todesgefahr wäret, so habt Ihr fälschlich angegeben, mein Blut müsse auf den Grundstein vergossen werden, damit der Turm stehen bleibe. Alsdann wäre freilich Euer Leben nicht mehr in meiner Hand gewesen; aber wäre denn der Bau wohl besser bestanden? Ihr habt also, anstatt das Wohl des Königs zu betrachten, nur Euer eignes beherzigt; eben darum, weil Ihr nur dies vor Augen hattet und große Sünder seid, konntet Ihr auch nicht die Wahrheit in den Gestirnen durch die Wissenschaft finden. Ihr habt mein Blut vergießen wollen, und dafür steht Euer Leben jetzt in meiner Hand; ich will es Euch schenken, und Ihr sollt frei ausgehen, wofern Ihr mir nur Eines versprechen wollt.«

Die Astrologen, als sie hörten, daß Merlin ihnen das Leben schenken wolle, versprachen alles gern zu tun, was er ihnen gebieten würde. »Nun«, sprach Merlin, »so versprecht und schwört mir, Eure Kunst, an der Ihr Euch versündigt habt, nicht mehr zu treiben; geht, bereut es und tut Buße Euer Leben lang, versöhnt Euch mit Gott, damit die Seele in Euch noch Rettung hoffen darf, und somit seid Ihr entlassen und dürft frei ausgehen.« Die Astrologen schwuren voll Freuden alles, was Merlin von ihnen verlangte, und entfernten sich. Als der König und die Edlen des Volks sahen, wie sanftmütig Merlin den Astrologen verziehen und welche Worte der Weisheit er zu ihnen geredet hatte, bekamen sie eine noch höhere Meinung von ihm. »Er ist der weiseste, der beste Mensch auf Erden«, sagten alle einstimmig, ehrten Merlin und hielten ihn sehr hoch.

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