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Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 13
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
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XI.

Wie Merlin weitere Proben seiner Hellsicht und Prophetengabe ablegte

.

Illustration: Aubrey Beardsley, 1893/1894

Merlin kam mit seinen Begleitern durch eine Stadt, wo Markt gehalten wurde; als sie jenseits der Stadt waren, trafen sie einen jungen Mann, der sich auf dem Markt ein Paar neue Schuh und ein großes Stück Leder gekauft, weil er eine lange Wallfahrt zu tun gelobt hatte. Merlin lachte laut, als er an diesem Mann vorbei war; die Boten fragten um die Ursache seines lauten Lachens. »Fragt den Mann«, sagte Merlin, »was er mit dem Leder zu machen gesonnen sei. Er wird Euch sagen, daß er seine neuen Schuhe damit flicken wolle, wenn sie zerrissen sind, denn er hat eine große Reise vor; ehe er aber seine Schuhe nach Hause getragen, wird er tot sein.« – »Wir wollen sehen«, sagten die Boten, »ob Du die Wahrheit gesprochen; zwei von uns werden Dich begleiten, zwei sollen den Mann anreden und mit ihm gehen.« Sie taten dies, bestimmten aber vorher einen Ort, wo sie sich wieder treffen würden.

Als die zwei an den jungen Mann herangingen, fragten sie ihn, was er mit dem Stück Leder machen wolle, und der Mann sagte ihnen dieselben Worte, die Merlin ihnen vorher gesagt, worüber sie sehr erstaunten; als sie aber noch ein Stück Weges mit ihm gegangen waren, fiel der Mann vor ihnen hin und war tot. Die beiden waren verwundert und erschrocken über diese Begebenheit und machten sich sogleich auf den Weg, Merlin und die andern Gefährten aufzusuchen. Indem sie ritten, unterhielten sie sich von dem wundervollen Kind und seiner Weisheit. »In Wahrheit«, sagten sie, »diejenigen, die seinen Tod verlangten, sind sehr töricht; wir selber möchten viel lieber sterben, als ihm ein Leid zufügen lassen.« Hierauf trafen sie den Merlin wieder an, der, so bald er ihrer ansichtig ward, sich bei ihnen bedankte, daß sie so Gutes von ihm geredet: »Ich weiß jedes Wort, was Ihr von mir gesprochen.« – »Sag es uns, wenn Du es weißt.« Hierauf wiederholte Merlin ihnen alle Worte, die sie von ihm geredet, worüber sie nur immer mehr erstaunten.

Als sie ungefähr eine Tagreise weit im Lande des Königs Vortigern gekommen waren, begegneten sie in einer Stadt einem Leichenzug. Ein Kind wurde zur Erde bestattet, und Männer und Frauen folgten der Leiche in großer Betrübnis und in Trauerkleider gehüllt, wie auch der Prior nebst vielen Geistlichen, die mit Gesänge dem Zuge folgten. Merlin stand stille, und als der Zug vorbei war, fing er wieder an zu lachen. Die Boten fragten ihn erneut, worüber er lache. »Über diese wunderlichen Dinge lache ich«, sagte Merlin; »seht doch, wie dieser gute Mann klagt und trauert, und wie der Prior so brav singt! Umgekehrt sollte es sein, der Prior sollte trauern und der gute Mann könnte singen; denn das Kind, das der Mann beweint, ist nicht sein Kind, wie er wähnt, sondern der Prior ist sein Vater.« – »Wie«, sagten die Boten, »sollte dies wahr sein?« – »Geht hin«, erwiderte Merlin, »zu der Frau des Mannes und fragt sie, warum der Mann solch Leid trüge? Sie wird antworten, weil ihm ein Kind begraben wird. Darauf sagt Ihr nur keck: Ei, Frau, das Kind gehört nicht dem Manne, sondern dem Prior, alle Geistlichen wissen das auch sehr wohl, leugnet es also nur nicht; der Prior hat Tag und Stunde aufgeschrieben, als er bei Euch geschlafen.« Die Boten richteten alles so aus, wie Merlin ihnen vorgeschrieben. Als sie nun der Frau das so dreist sagten, wurde sie über und über rot. »Habt Barmherzigkeit mit mir«, bat sie; »es ist so, wie Ihr sagtet, aber sagt es nur nicht meinem Herrn wieder, er bringt mich sonst ums Leben.« Die Boten kehrten nun wieder zu Merlin zurück. »Du bist«, riefen sie noch lachend über diese Begebenheit, »der vortrefflichste Wahrsager. Jetzt aber, Merlin, nähern wir uns der Stadt, in der wir den König Vortigern antreffen. Nun unterrichte uns nach Deiner Weisheit, wie wir dem König antworten sollen; denn Du weißt wohl, daß wir einen Eid abgelegt, Dich zu erschlagen und ihm Dein Blut zu überbringen.« – »Ihr habt Recht«, erwiderte Merlin; »folgt mir aber, so wird Euch meinetwegen kein Leid widerfahren. Geht zum König und erzählt ihm treulich, was Ihr von mir gehört und gesehen, auch wie Ihr mich gefunden. Sagt ihm auch, ich wolle ihm wohl sagen, warum sein Turm nicht fest stünde; sagt ihm nur, meine Meinung wäre, er müsse mit denen, die er im Gefängnis verwahre, so tun, wie sie ihm geraten mit mir zu tun. Wenn Ihr ihm über alles die Wahrheit von mir berichtet, dann tut, was er Euch befehlen wird.« Zwei von den Boten gingen zum König, der sich freute, als er sie sah; sie baten sich geheimes Gehör bei ihm aus und erzählten ihm alles mit treuer Wahrheit, was sie von Merlin gehört und gesehen, wie er sich ihnen selbst kund gegeben, obgleich er wohl gewußt, daß sie gekommen seien, ihn zu töten; wie er darauf so vielfältig gewahrsagt, und wie er dem König auch sagen wolle, warum sein Turm nicht stehen will. »Ihr müßt mir«, erwiderte der König, »mit Eurem Leben für die Wahrheit dessen stehen, was Ihr mir berichtet!« – »Das wollen wir, Herr König«, sagten die Boten. »Nun, so will ich ihn sprechen«, sagte der König. Die Boten gingen hinaus, Merlin zu holen, der König war aber so voller Begierde, ihn zu sehen, daß er ihnen auf dem Fuße nachritt.

Die Boten kamen zu Merlin, der ihnen entgegenrief: »Ich weiß schon, was zwischen Euch und dem König vorgegangen; Ihr habt mit Eurem Leben für mich gutgesagt, aber Ihr sollt nicht für mich zu zahlen brauchen.« Er ritt mit ihnen, und begegnete dem König Vortigern, der ihnen entgegenritt. Merlin grüßte ihn, sobald er ihn ansichtig wurde; der König gab ihm seinen Gruß wieder, nahm ihn bei der Hand und sprach mit ihm in Gegenwart der Boten. »Du wolltest mich fangen«, sagte Merlin, »um mein Blut zu haben, damit Dein Turm feststünde; versprichst Du mir, mit denen, die Dir diesen Rat gegeben, so zu verfahren, wie sie verlangten, daß mir geschehen solle, so will ich Dir in ihrer Gegenwart zeigen und sagen, warum Dein Turm nicht stehen kann.« – »Bei meinem Leben«, rief der König, »ich schwöre Dir, zeigst Du mir die Sache, so wie Du sagst, dann soll mit jenen geschehen, wie sie wollten, daß es mit Dir geschehe.«

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