Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Dorothea Schlegel >

Geschichte des Zauberers Merlin

Dorothea Schlegel: Geschichte des Zauberers Merlin - Kapitel 12
Quellenangabe
typefairy
authorDorothea & Friedrich Schlegel
titleGeschichte des Zauberers Merlin
publisherEugen Diederichs Verlag
isbn3424008109
printrunZweite Auflage
year1986
firstpub1804
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081025
projectid9a57f13a
Schließen

Navigation:

X.

Von sieben ratlosen Astrologen und den Boten, die ausgesandt wurden, um Merlin zu töten

.

»Die Erlangung des heiligen Grals«, Rossetti, 1857

Die sieben Astrologen studierten jeder mit vielem Fleiß und großer Anstrengung; sie konnten aber nichts finden, was zu ihrer Absicht gehörte. Es war freilich etwas besonders Seltsames in der Constellation zu sehen, und jeder von ihnen fand es, aber dieses Seltsame paßte nicht und gehörte nicht in das, was sie suchten, und sie wußten es auf keine Weise damit zu verbinden. Als sie nun zusammenkamen und sich ihre Entdeckungen mitteilten, waren sie nicht wenig erschrocken darüber, daß sie alle nur dasselbe gesehen und also über den eigentlichen Grund der Sache nichts heraus gebracht hatten. Dazu kam, daß der König sie sehr drängte, und eiligst zu wissen verlangte, was sie gefunden. »Ach Herr König«, antwortete ihm einer der Astrologen, »wir können Euch eine so schwere Frage nicht so schnell lösen, wie Ihr wohl denkt; wir brauchen noch neun Tage zu unseren Studien.« – »Die sollt Ihr haben«, rief der ungeduldige Vortigern; »aber hütet Euch, wo Ihr nicht am Ende dieser neun Tage mir die wahre Ursache erklärt und ausfindig gemacht habt!«

Nun studierten die Astrologen wieder in den Sternen; und als sie erneut zusammenkamen und sich einander fragten, was sie wahrgenommen, sprach keiner von ihnen etwas, sondern sie sahen sich an und schwiegen still. »Wollt Ihr«, fing endlich der älteste und verständigste unter ihnen an, »mir lieber jeder besonders und heimlich Eure Meinung über die Sache sagen, so will ich bei meiner Treue Euch nicht verraten, und keiner soll von mir erfahren, was die andern mir offenbart.« Dessen waren alle zufrieden, und jeder sagte dem Ältesten insgeheim, was er wahrgenommen, und zu seinem Erstaunen sagten alle dasselbe, nämlich daß sie über die Sache mit dem Turm nichts gefunden; daß sie aber eine andre wunderbare Sache gesehen, nämlich ein Kind, welches jetzt sieben Jahr alt sei, von einer Frau geboren, ohne einen irdischen Erzeuger.

»Ihr habt eines und dasselbe gesehen und mir jeder das nämliche entdeckt«, sagte der Alte; »jedoch eines ist, was Ihr mir alle verschwiegt, und was Ihr doch eben so gesehen habt wie ich, daß nämlich dieses Kind vom Weibe geboren, aber ohne irdischen Vater erzeugt, Schuld an unserm Untergang und die Ursache unsers Todes sein wird. Ist es nicht so?« – »Es ist wahrlich so«, sagten die andern erstaunt und bekümmert. »Nun so hört mich«, fing der Alte wieder an, »wir würden in unsrer Kunst wenig taugen, wenn wir nicht dem, was uns kund getan, abhelfen könnten. Laßt uns nur einig sein und uns nicht in unsern Reden widersprechen, wenn wir vor den König kommen. Folgendes wollen wir ihm einstimmig sagen: ›Wisse, Herr König, daß Dein Turm niemals fest stehen wird und nie zu Ende gebaut werden kann, wenn Du nicht den Grundstein mit dem Blute eines Kindes netzst, das von einem Weib geboren, aber von keinem Mann erzeugt worden ist. Es lebt auch in der Tat ein solches Kind; wenn Du, Herr König, es nur finden kannst und sein Blut auf den Grundstein des Turmes vergießen läßt, so wird der Turm fest stehen und nie wieder fallen.‹ Auch müssen wir dem Könige verbieten«, fuhr der Alte fort, »daß er das Kind nicht selber zu sehen verlangt noch es sprechen hört. Diejenigen, die er aussendet, müssen es, sobald sie es gefunden, hinausführen und auf dem Grundstein töten. Auf diese Weise werden wir uns des Kindes entledigen, von dem wir in den Sternen gesehen, daß es an unserm Tode schuld sein wird.« Auf solche Weise verabredeten sich nun die Sterndeuter über jedes Wort, damit alle dieselben Worte vorbringen würden.

Als sie nun vor König Vortigern gerufen wurden, baten sie sich jeder Gehör bei ihm aus, was er ihnen sogleich bewilligte. »Ist es möglich«, rief er, nachdem er sie alle vernommen und sie ihm alle dasselbe gesagt, »ist es möglich, daß ein solches Wunder auf Erden lebt? Ein Kind ohne Vater erzeugt? Wenn dies sich wirklich so verhält, so seid Ihr sehr weise und gelehrte Männer.« – »Wenn es sich nicht so verhält«, sagten die Astrologen, »so tue der König mit uns nach seinem Wohlgefallen, wir sind in seiner Hand.« – »Aber wie kann es möglich sein?« fragte Vortigern noch einmal. »Niemals«, antworteten jene, »haben wir vorher so etwas gehört; dieses Kind ist ohne Vater erzeugt, lebt, und ist jetzt sieben Jahre alt.« – »Ich will es aufsuchen lassen«, sagte der König wieder, »aber bis es gefunden ist, bleibt Ihr in der genauesten Verwahrung.« – »Es geschehe so, wie der Herr unser König befiehlt«, sagten jene; »doch hüte sich der König, den Knaben zu sehen oder sprechen zu hören; die Boten, die ihn suchen, müssen ihn sogleich töten, wenn sie ihn gefunden haben, und das Blut auf den Grundstein des Turmes ausgießen.«

Hierauf wurden die Sterndeuter von dem König entlassen und in einem festen Turm wohl verwahrt, wo ihnen Speise und Trank gereicht ward, nebst allem, was sie sonst zum Leben bedurften. König Vortigern aber sandte sogleich zwölf Boten, denen befahl er, auf der ganzen Erde nach einem Knaben zu suchen, der sieben Jahre alt und ohne Vater erzeugt von einem Weibe geboren sei. Niemals sollten sie wieder zurückkommen, wenn sie ihn nicht gefunden. Er ließ sie einen Eid ablegen, daß sie ihn sogleich erschlagen würden, sobald sie ihn hätten. Die Boten verteilten sich je zwei und zwei und suchten den Knaben Merlin nach der Vorschrift des Königs Vortigern. Nicht weit von dem Ort, wo Merlin sich aufhielt, begegneten sich vier Boten und beschlossen, eine halbe Tagreise zusammen zu machen. Sie waren noch nicht lange geritten, da sahen sie einen Haufen Knaben, die spielten und den Ball schlugen. Merlin war unter ihnen und wußte sehr wohl, daß die Boten an diesem Tage kommen würden, und auch, wen sie suchten; als er sie daher kommen sah, nahm er den Schlegel, womit er seinen Ball schlug, und hieb damit einen andern Knaben so derb gegen das Bein, daß dieser anfing zu schreien und zu weinen und den Merlin ausschimpfte. »Du Hurensohn«, schrie er, »hast gar keinen Vater, Deine Mutter hat Dich ja ohne Vater geboren!« Als die Boten dies hörten, standen sie still; »hier ist er«, sagten sie, »nun haben wir ihn endlich gefunden!« Merlin stellte sich zwischen die andern Knaben und lachte als er sah, wie die Boten den weinenden Knaben ausfragten, er solle ihnen den zeigen, der ihn geschlagen. »Hier ist der, den Ihr sucht«, sagte er, »dessen Blut Ihr geschworen habt dem König Vortigern zu überbringen.« – »Wer hat Dir das gesagt?« riefen die Boten voll Erstaunen aus. »Ich will Euch auch sagen«, fing Merlin wieder an, »warum Ihr mich erschlagen sollt, und warum der Turm nicht stehen bleiben will; wollt Ihr mir schwören, mir nichts zuleide zu tun, so gehe ich mit Euch.« Merlin sagte dies bloß, um sie immer mehr in Erstaunen zu setzen, er wußte es sehr wohl vorher, daß sie ihm nichts zuleide tun noch ihn umbringen würden. »Dieses Kind spricht Wunderdinge«, sagten die Boten; »wahrlich, es wäre sündlich es zu töten. Wir schwören Dir«, sagten sie zu Merlin, »Dich nicht zu töten noch Dich töten zu lassen, geh aber mit uns.« – »Ich will wohl«, antwortete Merlin; »vorher aber kommt mit mir zu meiner Mutter, damit ich sie um Urlaub zur Reise bitte und sie mich vorher segne; auch muß ich den frommen Mann, der bei ihr wohnt, noch sprechen.« Er führte also die Boten in das Kloster, wo seine Mutter lebte, ließ sie gut bewirten, auch für ihre Pferde Sorge tragen, dann führte er sie hinein zu Meister Blasius.

»Meister«, redete er ihn an, »hier sind die, von denen ich Euch sagte, daß sie kommen würden, mich zu erschlagen. Höre jetzt, was ich ihnen sage, und schreibe es auf.« Darauf wandte er sich zu den Boten: »Ihr seid einem König untenan, dessen Name ist Vortigern. Dieser König Vortigern will einen Turm erbauen lassen ...« und so sagte er den Boten alles aufs Haar, wie es dabei herging, was der König gesagt, und was die weisen Räte und Sterndeuter; auch wie sie vier nebst noch acht andern geschickt worden seien, ihn aufzusuchen und sein Blut dem König Vortigern zu bringen. »Ich selbst«, fuhr er fort, »wollte mich von Euch finden lassen, darum schlug ich den Knaben gegen die Beine, daß er schreien und schimpfend mich Euch verraten mußte.« Hierauf entfernte Merlin sich, und Meister Blasius fragte die Boten: »Verhält alles sich so, wie der Knabe hier sagte?« – »In Wahrheit«, antworteten sie, »es ist alles genau so wie er sagt, oder unsere Seele komme nie zu Gott.« Meister Blasius bekreuzigte sich und sprach: »Es wird ein sehr weiser Mann aus ihm, wenn er leben bleibt, und sehr sündlich wäre es, und gar Schade, wenn Ihr ihn umbringen wolltet.« – »Lieber«, erwiderten die Boten, »wollten wir in Ewigkeit unser eigenes Leben missen und dem König alle unser Hab und Gut überlassen. Er, der Knabe, der so vieles weiß, wird auch, daß dies Wahrheit ist, sicher wissen.« – »Ihr habt Recht«, antwortete Meister Blasius, »ich werde ihn in Eurer Gegenwart darum fragen.« Als nun Merlin wieder zu ihnen kam, sagte ihm Meister Blasius: »Du hast in allem wahr gesagt, jetzt aber antworte mir auf eine andre Frage: Haben diese Boten die Macht und sind sie Willens Dich zu töten?« – »Sie haben wohl die Macht dazu«, antwortete Merlin lachend, »und waren es freilich Willens; jetzt aber haben sie, Gott sei Dank, die Lust dazu verloren, und ich darf wohl mit ihnen ziehen. Schwört mir aber vorher, daß Ihr mich nicht erschlagen und mich wohlbehalten vor den König bringen wollt; hat dieser mich erst reden hören, so bin ich gewiß, daß er mein Blut nicht weiter verlangen wird.«

Die Boten legten den Eid ab, den Merlin von ihnen gefordert. Darauf sagte Meister Blasius: »Ich sehe nun wohl, Merlin, daß Du mich verlassen mußt; sage mir aber vorher, was aus dem angefangenen Buch werden soll?« – »So bald ich von hier weg bin«, antwortete ihm Merlin, »so mache Dich auf und gehe nach der Gegend und in das Land, welches Northumberland genannt wird. Dieses Land ist voller großer Wälder, so daß die Einwohner selbst es nicht genau kennen, denn es gibt da Wälder, wo niemals ein Mensch hingekommen. Dort halte Dich auf, ich werde Dich schon zu finden wissen und Dir alles bringen, was zur Vollendung unseres Werks notwendig ist. Wisse, dieses Werk wird Dir viel Mühe und Arbeit verursachen; sei aber guten Mutes und arbeite mit Geduld, Du wirst am Ende hohen Lohn davon tragen. Es wird dieses Werk von Jahrhundert zu Jahrhundert fortleben, und der Lohn wird dem gleich sein, den Joseph von Arimathia erhielt, als er den heiligen Leib des Herrn vom Kreuz abnahm. Wisse auch, daß ich in dem Königreich, wohin ich jetzt gehe, es dahin bringen werde, daß Männer und Frauen für einen Menschen von gottgeliebter Abkunft tätig sind. Aber erst bei dem vierten König wird dies so sein. König Artus wird er heißen. Geh Du nur dahin, wo ich Dir sagte, ich werde oft zu dir kommen und Dir sagen, was Du schreiben sollst. Alle Lebensbeschreibungen vom König Artus, und aller, die gleichzeitig mit ihm leben, werde ich Dich schreiben lassen, so wie alles, was zu seiner Zeit geschieht; es wird ein wundervolles Werk werden. Du aber wirst alsdann dieselbe Gnade erlangen, welcher alle jene aus der Gesellschaft des heiligen Gral teilhaft werden. Nach unserm Tode wird dieses Buch gefunden werden, und es wird ein ewiges Denkmal sein.«

Meister Blasius sagte: »Ich tue mit Freuden alles, was Du mir befiehlst.« Darauf ging Merlin, in Begleitung der Boten, zu seiner Mutter und beurlaubte sich von ihr. »Ich muß mich von Euch mit diesen fremden Boten entfernen«, sagte er; »es geschieht im Dienste des Herrn, daß ich mit ihnen gehe; auch Meister Blasius muß zu diesem Ende in ein anderes Land ziehen.« – »Sei Gott empfohlen, mein Sohn«, sagte die Mutter, »ich kann Dir nicht den Urlaub vorenthalten, denn alles, was Du beginnst, ist weise und nach dem Willen Gottes. Könnte aber Meister Blasius bei mir bleiben, würde das in meinem abgeschiedenen, der Betrachtung geweihten Leben mir von großem Nutzen sein.« – »Es kann diesmal nicht sein, Mutter«, erwiderte Merlin, nahm Abschied von ihr, und machte sich in Begleitung der Boten auf den Weg. Meister Blasius aber ging, so wie ihm befohlen worden, nach Northumberland.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.