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Geschichte des Mädchens von Orlach (1)

Justinus Kerner: Geschichte des Mädchens von Orlach (1) - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleAusgewählte Werke
authorJustinus Kerner
year1981
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-003857-X
titleGeschichte des Mädchens von Orlach (1)
pages85-110
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1834
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Justinus Kerner

Geschichte des Mädchens von Orlach

(Aus "Geschichten Besessener neuerer Zeit", 1834)

Nachstehende Geschichte gehört in das Gebiet kakodämonisch-magnetischer Erscheinungen und bildet einen Übergang zu den darauffolgenden, mehr den Besitzungen im Neuen Testamente analogen Tatsachen.

In dem kleinen Orte Orlach, Oberamts Hall in Württemberg, lebt die Familie eines allgemein als sehr rechtschaffen anerkannten Bauern (der inzwischen zum Schultheißen seines Ortes erwählt wurde) namens Grombach, lutherischer Konfession. In dieser Familie herrscht Gottesfurcht und Rechtschaffenheit, aber keine Frömmelei. Ihre Lebensweise ist die einfacher Bauersleute und die Arbeit in Stall und Feld ihre einzige Beschäftigung. Grombach hat vier Kinder, die alle aufs eifrigste zum Feldbau angehalten sind. Durch Fleiß zeichnet sich auch besonders dessen zwanzigjährige Tochter, mit Namen Magdalene, aus. Dreschen, Hanfbrechen, Mähen ist oft wochenlang von Tagesanbruch an bis in die späte Nacht ihre Beschäftigung. Der Schulunterricht ging ihr nur schwer ein, ob sie gleich zu andern Arbeiten gute Sinne hatte, und so gab sie sich auch später nicht mit Lesen von Büchern ab. Sie ist, ohne zu vollblütig zu sein, stark, frisch, ein gesundes Kind der Natur, war in ihrem ganzen Leben nie krank, hatte selbst nie die geringste Kinderkrankheit, nie Gichter, nie Würmer, nie einen Ausschlag, nie Blutstockungen, und brachte auch deswegen nie das geringste von Arzeneimitteln über den Mund.

Im J. 1831 im Monat Februar geschah es, als Grombach eine neue Kuh gekauft hatte, daß man dieses Tier zu wiederholten Malen an einer andern Stelle im Stalle, als an die es gebunden wurde, angebunden fand. Dieses fiel Grombach um so mehr auf, als er sich völlig versichert hatte, daß bestimmt keines seiner Leute dieses Spiel mit dem Tiere getrieben.

Darauf fing es auf einmal an, allen dreien Kühen im Stall ihre Schwänze aufs kunstreichste zu flechtenDieses Flechten, besonders auch der Pferdsmähnen, findet man häufig als Geisterspuk. Siehe auch Horsts »Zauberbibliothek«. In einer andern, ganz von dieser unabhängigen Geschichte kommt es ebenfalls als Geisterspuk vor., so kunstreich, als hätte es der geschickteste Bortenmacher getan, und dann die geflochtenen Schwänze wieder untereinander zu verknüpfen. Machte man die Flechten der Schwänze wieder auseinander, so wurden sie bald wieder von unsichtbarer Hand geflochten, und das mit einer solchen Geschwindigkeit, daß wenn man sie kaum gelöst hatte und sogleich wieder in den menschenleeren Stall zurückgekehrt war, die Schwänze auch bereits wieder allen Kühen auf das kunstreichste und pünktlichste geflochten waren, und dies täglich vier- bis fünfmal. Diese Sonderbarkeit dauerte mehrere Wochen lang tagtäglich fort, und bei der größten Aufmerksamkeit und Begierde, einen Täter zu entdecken, gelang dies doch nie.

In dieser Zeit bekam die Tochter Magdalene einmal, als sie bei dem Viehe melkend saß, aus der Luft von unsichtbarer Hand eine so derbe Ohrfeige, daß ihr die Haube vom Kopfe an die Wand flog, wo sie der auf ihren Schrei herbeigesprungene Vater aufhob.

Oft ließ sich im Stalle eine Katze mit weißem Kopfe und schwarzem Leibe sehn, von der man nicht wußte, woher sie kam oder wohin sie bei ihrem Verschwinden ging. Von dieser Katze wurde das Mädchen einmal angefallen und in den Fuß gebissen, so daß man mehrere Zähne dieses Tieres in ihrem Vorderfuße sah.Daß man die Zähne dieses Tieres im Fuße des Mädchens sah, ist kein Beweis, daß diese Bisse von einer wirklichen Katze geschahen. So schreibt der von einem unsichtbaren Wesen verfolgte Superintendent Schupart: »Es hat mich mit Nadeln gestochen, gebissen, daß man utramque seriem dentium gesehen, die zwei großen Zähne stunden da« etc. S. Horst, »Zauberbibliothek«, T. 4, S. 252. Auch dort erscheint das Gespenst in Gestalt einer Dohle. Nie konnte man dieses Tieres habhaft werden. Einmal flog auch aus dem Stall, man wußte nicht, woher er gekommen, da alles verschlossen war, ein unbekannter schwarzer Vogel in Gestalt einer Dohle oder eines Raben.

Unter solchen kleinern und größern Neckereien im Stalle verfloß das Jahr 1831. Den 8. Februar 1832 aber, als das Mädchen gerade mit ihrem Bruder den Stall reinigte, erblickten sie im Hintergrunde desselben ein helles Feuer.

Es wurde nach Wasser gerufen und die Flamme, die schon zum Dache hinausschlug, so daß sie auch die Nachbarn bemerkten, bald mit ein paar Kufen Wasser gelöscht. Die Hausbewohner wurden nun in großen Schrecken versetzt, sie wußten sich nicht zu erklären, woher die Flamme gekommen, und vermuteten nicht anders, als es sei ihnen das Feuer durch böse Menschen gelegt worden.

Dieses Entstehen einer Flamme und wirkliches Brennen in verschiedenen Teilen des Hauses wiederholte sich am 9., 10. und 11. Februar, so daß endlich auf Ansuchen Grombachs das Schultheißenamt Tag und Nacht Wächter vor und in dem Hause ausstellen ließ, allein demunerachtet brachen wieder in verschiedenen Teilen des Hauses Flammen aus. Wegen solcher Gefahr sahen sich Grombachs genötiget, das Haus völlig zu räumen; aber auch dies fruchtete nichts: denn es brannte dennoch und aller Wachen unerachtet wieder zu verschiedenen Malen bald da, bald dort in dem nun leeren Hause. Als die Tochter Magdalene einige Tage nach dem letzten Brande, morgens halb sieben Uhr, wieder in den Stall kam, hörte sie in der Ecke der Mauer (Grombachs Haus hat zum Teil eine sehr alte Mauer zum Fundament) das Winseln wie eines Kindes. Sie erzählte es sogleich ihrem Vater, er ging auch in den Stall, aber hörte nichts.

Um halb acht Uhr desselben Tages sah das Mädchen im Hintergrunde des Stalles an der Mauer die graue Schattengestalt einer Frau, die um Kopf und Leib wie einen schwarzen Bund gewickelt hatte. Diese Erscheinung winkte dem Mädchen mit der Hand.

Eine Stunde später, als sie dem Vieh Futter reichte, erschien ihr die gleiche Gestalt wieder und fing zu reden an. Sie sprach zu ihr hin: »Das Haus hinweg! das Haus hinweg! Ist es nicht bis zum 5. März kommenden Jahres abgebrochen, geschieht euch ein Unglück! Vorderhand aber zieht nur in Gottes Namen wieder ein, und das heute noch, es soll bis dahin nichts geschehen. Wäre das Haus abgebrannt, so wäre das nach dem Willen eines Bösen geschehen, ich habe es, euch schätzend, verhindert; aber wird es nicht bis zum 5. März kommenden Jahres abgebrochen, so kann auch ich nicht mehr ein Unglück verhüten und verspreche mir nur, daß es geschieht.«

Das Mädchen gab nun der Erscheinung dieses Versprechen. Vater und Bruder waren zugegen und hörten das Mädchen sprechen, aber sonst sahen und hörten sie nichts.

Nach Aussage des Mädchens war die Stimme der Erscheinung eine weibliche und die Aussprache hochdeutsch.

Am 19. Februar halb neun Uhr abends kam die Erscheinung vor ihr Bett und sagte: »Ich bin wie du von weiblichem Geschlecht und mit dir in einem Datum geboren. Wie lange, lange Jahre schwebe ich hier!! Noch bin ich mit einem Bösen verbunden, der nicht Gott, sondern dem Teufel dient. Du kannst zu meiner Erlösung mithelfen.«

Das Mädchen sagte: »Werde ich einen Schatz erhalten, wenn ich dich erlösen helfe?«

Der Geist antwortete: »Trachte nicht nach irdischen Schätzen, sie helfen nichts!«

Am 25. April mittags zwölf Uhr erschien ihr der Geist wieder im Stall und sprach: »Grüß dich Gott, liebe Schwester! Ich bin auch von Orlach gebürtig, und mein Name hieß Anna Maria. Ich bin geboren den 12. September 1412 (das Mädchen ist den 12. September 1812 geboren). Im zwölften Jahre meines Alters bin ich mit Hader und Zank ins Kloster gekommen, ich habe niemals ins Kloster gewollt.«

Das Mädchen fragte: »Was hast du denn verbrochen?« Der Geist antwortete: »Das kann ich dir noch nicht eröffnen.«

Sooft nun der Geist zu dem Mädchen kam, sprach er gegen sie nur religiöse Worte, meistens Stellen aus der Bibel, die sonst dem Mädchen gar nicht im Gedächtnisse waren.Herr Pfarrer Gerber schreibt von diesem Mädchen: »Das Mädchen selbst zeichnete sich in der Schule durch ihre guten Sitten und ihre Gutmütigkeit aus, hatte aber wenig Anlage zum Lernen und verließ daher die Schule mit ganz geringen Kenntnissen. Das Lob eines sittlichen Wandels erhielt sie auch nach der Schule und entzog sich zwar den Lustbarkeiten der jungen Leute des Dorfes nicht, war aber doch die erste, welche sich wieder zurückzog. Dabei sagte er: »Man wird meinen, weil ich eine Nonne gewesen, wisse ich nichts von der Bibel, aber ich weiß bald alles in ihr.« Er betete meistens den 116. Psalmen.

Einmal sagte das Mädchen zum Geist: »Vor nicht langer Zeit war ein Geistlicher bei mir, der gab mir auf, dich zu fragen, ob du nicht auch andern erscheinen könntest, man würde dann eher glauben, daß du nicht bloß ein Trug meines Gehirnes seiest.« Darauf antwortete der Geist: »Kommt wieder ein Geistlicher, so sage ihm, er werde wohl das, was in den vier Evangelien stehe, auch nicht glauben, weil er es nicht mit Augen gesehen. Es sagte auch ein anderer Geistlicher zu dir (das war wirklich so), du sollest sagen, wie ich (der Geist) beschaffen sei. Spricht einer wieder so, so sage ihm, er solle einen Tag in die Sonne sehen, und dann soll er sagen, wie die Sonne beschaffen sei

Das Mädchen sagte: »Aber die Leute würden es doch eher glauben, würdest du auch andern erscheinen!« Auf dies sprach der Geist seufzend: »O Gott! wann werd ich erlöset doch werden«, wurde sehr traurig und verschwand.

Das Mädchen sagt, sie dürfe die Fragen an den Geist nur denken, dann erhalte sie schon die Antwort. Bei etwas, das sie einmal nur gedacht und nicht habe aussprechen wollen, habe der Geist gesagt: »Ich weiß es schon, du hast nicht nötig, es auszusprechen, damit ich es weiß, doch spreche es nur aus.«So war es bekanntlich auch bei der Seherin von Prevorst.

Oft fragte das Mädchen den Geist, warum er so leide, auf welche Art er denn mit einem bösen Geiste noch verbunden sei, warum das Haus weg solle, allein hier gab die Erscheinung immer nur ausweichende Antworten, oder seufzte sie.

Vom Monat Februar bis Mai erschien dieser Geist dem Mädchen zu verschiedenen Tagen, sprach immer religiöse Worte und deutete oft mit Jammer auf seine Verbindung mit einem schwarzen Geiste hin. Einsmal sagte er, daß er nun auf längere Zeit nicht mehr kommen könne, dagegen werde das Mädchen durch jenen schwarzen Geist Anfechtungen erleiden, sie solle nur standhaft bleiben und ihm doch ja nie eine Antwort erteilen. Mehrmals sagte er ihr auch Dinge voraus, die dann eintrafen, z. E. daß die oder jene Person am andern Tage zu ihr kommen werde.

Als am 24. Juni, am Johannistage, da alles in der Kirche war, das Mädchen allein zu Hause blieb, um das Mittagessen zu besorgen, und gerade am Feuerherde in der Küche stund, hörte sie auf einmal einen heftigen Knall im Stalle. Sie wollte nachsehen, was geschehen sei; als sie aber vom Herde gehen wollte, so erblickte sie einen ganzen Haufen sonderbarer gelber Frösche auf dem Herde. Sie erschrak zwar, dachte aber: ich sollte doch einige dieser Tiere in meinen Schurz fassen, um meinen Eltern bei ihrer Heimkunft zu zeigen, was das für eine neue Art von Fröschen ist, aber als sie im Begriff war, einige derselben mit ihrer Schürze aufzufassen, rief jemand vom Boden herab (es schien ihr die Stimme jener weiblichen Erscheinung zu sein): »Magdalene! laß die Frösche gehen!« Und sie verschwanden.

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