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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 75
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Die Regierung des erledigten Westreichs ging staatsrechtlich auf Kaiser Leo über, der auch außerhalb Italiens gewiß anerkannt wurde. In diesem Land aber große Verlegenheit Rikimers. Der Versuch mit dem Schattenkaiser war gänzlich mißlungen; die Not wuchs immer mehr. Wo anders eine Hilfe gegen Gaiserich zu finden, als bei dem Ostreiche, das noch eine Marine besaß und eine stärkere schaffen konnte, dessen Kaiser gewiß auch für das Westreich noch ein Herz und Pflichtgefühl hatte.

Diese Sachlage förderte und bedingte beinahe eine Vereinigung zwischen Leo und Rikimer. Am Hofe zu Konstantinopel lebte damals ein Schwiegersohn Marcians (Sidon. Apoll., Carm. II, v. 194–197), der Konsular und Patrizier Anthemius, aus dem Hause jenes den Konstantiern verwandten Prokop (der den Thron zur Zeit von Valentinian I. und Valens usurpiert hatte; s. Bd. I), der sich auch persönlich durch Staats- und Kriegserfahrung zur höchsten Gewalt empfahl.

Dies war ein auch für das Ostreich möglicher Prätendent, welchen Kaiser Leo vielleicht lieber in Rom regieren als zu Konstantinopel in seiner Nähe sah, während Rikimers Einwilligung zu dessen Erhebung durch die ihm versprochene Hand von des Anthemius Tochter erlangt wurde.

Die Verhandlungen müssen aber lange gedauert haben, da Anthemius, von Konstantinopel gesandt, erst am 3. April 467, also gegen anderthalb Jahre nach Severs Tode zu oder bei Rom feierlich zum Kaiser erklärt ward.

Gegen Ende des Jahres fand die Vermählung seiner Tochter, die Sidonius (v. 482) Euphemia, Johannes Antiochenus aber Alupia nennt, mit Rikimer statt, welcher der nach Rom berufene Sidonius beiwohnte: er hielt daselbst am 1. Januar 468 zur Feier des kaiserlichen Konsulatantritts das Lobgedicht.Pan. II. Von historischem Interesse darin ist nur die Besiegung der von Hormidax befehligten Hunnen durch Anthemius, v. 239–306, welche Thierry T. II, Kap. 1 in das Jahr 466 setzt. Anziehend ist die poetisch übertreibende Beschreibung der Hunnen v. 245–265, die im Wesentlichen mit der Ammians übereinstimmt. Deren vom scheußlichen Kopfe überragten Körper nennt Sidonius wohlgebildet, nur dessen obern Teil im Verhältnis der kurzen Beine auffallend lang.

Als geheimen Artikel der Verständigung der Machthaber müssen wir den großartigen Feldzug wider Gaiserich betrachten, der nach Priscus (2, 13, p. 221) demselben, wenn er sich nicht zum Frieden bequeme, gleich bei der Anzeige von des Anthemius Thronbesteigung angekündigt und im Jahre 468 ausgeführt, schon oben (vergl. Dahn, Könige I, S. 158) von uns berichtet ward.

Trefflich angelegt und glücklich begonnen scheiterte derselbe an der Untüchtigkeit des oströmischen Feldherrn Basiliscus.

Westrom wirkte dabei durch den tapfern Marcellin mit, der sich Anthemius unterworfen hatte und die Vandalen aus Sardinien vertrieb (Prokop, d. b. Vand. I, 6, p. 337), später aber im Monat August in Sizilien, nach Prokop, p. 339 und Marcellins Chron., durch Hinterlist der römischen Generale, deren Anstifter solchesfalls leicht zu erraten ist, ermordet ward.

Anthemius wollte im Verlauf seiner Regierung unzweifelhaft seine Pflicht erfüllen, daher Rikimers Übergriffe und Intrigen nicht dulden. Hieraus entsprang bitteres Zerwürfnis, das schon im Jahr 469Die Jahreszahl steht nicht unmittelbar fest, beruht jedoch auf wohlbegründet erscheinenden Folgerungen Tillemonts VI, 2. Anthem. Art. 6 zu Anfang. einem blutigen Ausbruche nahe schien. Da warf sich der ligurische Adel zu Rikimers Füßen und bat um Frieden, zu dessen Vermittlung der fromme, erst im Jahr 467 oder 468 ernannte Bischof von Pavia, Epiphanius, vorgeschlagen ward. (Ennodius, vita B. Epiphanii, Paris 1611, p. 367–370 und 373.) Darauf ging Rikimer ein und Epiphanius begab sich nach Rom, wo ihm der Kaiser erwiderte: »Wieviel Wohltaten habe ich nicht an diesen bepelzten Goten (pellito Getae) verschwendet, dem ich sogar, das eigne Blut dem Gemeinwohl nachsetzend, meine Tochter gegeben habe. Was ich aber auch für ihn getan – das alles hat ihn nur noch mehr gegen seinen Wohltäter erbittert. Wieviel Kriege hat er nicht gegen das Reich angeschürt, wie oft den Feinden Vorschub geleistet und, wo er nicht mehr offen schaden konnte, im Geheimen gewühlt! Gleichwohl will ich, wenn du als Vermittler und Bürge für ihn auftrittst, im Vertrauen, daß du als Gewissensrat auf ihn wirken kannst, den auch von dir erbetenen Frieden nicht versagen.« (Ennodius a. a. O., p. 377/8.)

So ward das Verträgnis, für den Augenblick wenigstens, scheinbar wieder hergestellt.

Der Schauplatz von Rikimers geheimen Umtrieben mag Gallien gewesen sein, dessen Präfekt Arvandus, in demselben Jahre 469 einer staatsgefährlichen Korrespondenz mit den Westgoten und Burgundern überführt, zum Tode verurteilt, jedoch zu Verbannung begnadigt ward. (Cassiodor Chron.) Daß derselbe nach seiner Verhaftung nicht zu Lande, sondern über See nach Rom gebracht ward (Sidonius Ap. ep. V, 1) läßt vermuten, daß man dabei den Bereich von Rikimers Gewalt, der in der Lombardei seinen Sitz hatte, umgehen wollte, wie es denn auch kaum glaublich ist, daß Arvandus ohne Anlehnung an diesen mächtigen Mitwisser (? D.) jene Schritte gewagt habe.

Gleichen Verrat, wohl unter gleicher Voraussetzung nebst größtem Mißbrauche der Amtsgewalt, muß der von Sidonius (II, ep. 1, V, 13 und VII, 7) erwähnte Seronatus, der eine Zeit lang als Präfekt Galliens auch in der Auvergne befehligte, getrieben haben, weshalb er im Jahr 470 die Todesstrafe erlitt.

In demselben Jahre 470 endlich schlug die von mehreren Seiten her angeschürte Kriegsflamme in Gallien mächtig auf, deren für Rom so verderbliche Wirkungen im folgenden Kapitel zu berichten sind. Dabei standen die Burgunder mit den Römern wider die Westgoten.

Ob auch der Hochverratsprozeß und die Todesstrafe, welche im Jahre 470 über den Patrizier RomanusVielleicht derselbe, den Priscus im Jahre 449 als Mitgesandten Westroms bei Attila traf. verhängt wurden, mit Rikimers Intrigen mehr oder minder zusammenhingen, vermögen wir nicht zu übersehen. (Cassiodor Chron. und Historia miscella XVI, p. 554.)

Gewiß aber, daß der Parteikampf zwischen Schwiegervater und Schwiegersohn, von denen ersterer in Rom, letzterer in MailandDas wissen wir vom Jahre 469 aus Ennodius vit. Epiph., es ist aber vorauszusetzen, daß er in der dortigen alten Residenz auch ferner seinen Sitz behielt. Daher muß, nach der Vernichtung des frühern Königs Gundicar oder Günther mit seinem Geschlechte, wie diese Prosper Aquitanus bestimmt versichert, eine fremde Dynastie, unstreitig unter römischer Mitwirkung zur Herrschaft über dies Volk gelangt sein, was sich durch weibliche Verwandtschaft erklären läßt. Für diese Annahme hat Waitz in der oben angeführten Abhandlung auch aus dem Gesetz der Burgunder III. gewichtige Gründe angeführt. Gundobads Vater, Gundeuch, der seine Stellung wohl durch Heirat zu befestigen suchte, muß hiernach mit einer, dem suebischen und westgotischen Königshause angehörenden, Schwester Rikimers vermählt gewesen sein. (Vergl. auch Tillemont VI, 2, Anthemius, Art. 9; aber auch Binding I, S. 305. D.) seinen Hof hatte, das ganze damalige Staatsleben durchdrang.

Die Krise war längst drohend, ward aber doch noch bis zum Jahre 472 hingehalten. Über deren Verlauf war früher die Historia miscella die einzige Quelle, neuerlich ist nun aber auch noch Johannes von Antiochien (Fragment 209) hinzugekommen.

Beide stimmen darin überein, daß der Angriff von Rikimer, unstreitig in den ersten Monaten des Jahres 472, ausging. Derselbe muß ohne Widerstand bis Rom vorgerückt sein, wo er sich des rechten Tiberufers mit dem Janiculus und Vatikan bemächtigte, auch den Fluß selbst beherrschte.

Auf seiner Seite stand die Masse der ihm stammverwandten Barbaren (τω̃ν οικείων βαρβάρων πλη̃θος), für den Kaiser war das Volk und der ganze Adel (εντέλοι).

Anthemius hielt sich (Hist. misc. XVI, p. 555) besonders durch die von Billimer, Rektor Galliens, ihm zugeführte Hilfe. Dieser scheint angreifend über die jetzige Engelsbrücke vorgedrungen zu sein, ward aber geschlagen und fiel.

Das entschied des Anthemius Schicksal; Rikimer nahm die jenseitige Stadt ein, der Kaiser geriet in seine Gewalt und ward sogleich getötet.

Damit läßt sich auch Johannes Antiochenus wohl vereinigen, welcher zwar nicht Billimers, wohl aber einer Schlacht gedenkt, in welcher ein großer Teil von des Anthemius Heer geblieben, der Rest aber von Rikimer durch List gewonnen worden sei. Der Kaiser sei noch entflohen, aber eingeholt und ihm von Gondubad, Rikimers Verwandtem, der Kopf abgeschnitten worden. Fünf Monate habe der Kampf gedauert, bis er durch das Weichen und den Abfall der kaiserlichen Truppen entschieden worden sei.

Würdig und tapfer der Widerstand; es war der letzte Kampf zwischen Römern und Barbaren; aber ein vergebliches Aufflackern des alten Geistes, dessen Erlöschen und Untergang für immer um diese Zeit schon vorbestimmt war.

Kommen hierin unsre Quellen annähernd überein, so gehen sie zwar nicht über die Person, aber doch über die Art und Weise der Erhebung von des Anthemius Nachfolger etwas auseinander.

Kein Zweifel, daß über die Wahl des Olybrius, des Gemahls von Valentinians jüngster Tochter Placidia und Schwagers des vandalischen Kronprinzen Hunimund, volles Einverständnis zwischen Kaiser Leo und Rikimer stattfand.

Hatte doch Gaiserich dessen Ernennung bereits früher wiederholt gefordert und dadurch die Hoffnung begründet, unter diesem Herrscher endlich sich zu dem Frieden bereit zu erklären, dessen das unglückliche Italien so dringend bedurfte.

Nach der Historia miscella aber soll derselbe, von Leo gesandt, noch bei des Anthemius Leben die höchste Gewalt angenommen haben, wogegen Johannes Antiochenus nach jenes Tode Rikimer zuvörderst das Andenken seines Schwiegervaters durch kaiserliche Bestattung ehren und darauf erst Olybrius erheben läßt. Indes wird die Angabe der Hist. misc. dadurch unterstützt, daß Olybrius nach dem unbekannten Chronisten schon am 22. Oktober desselben Jahres eines natürlichen Todes und zwar nach allen übrigen Chroniken im siebenten Monate seiner Regierung starb, also spätestens vor dem 22. April bereits zum Kaiser erklärt worden sein muß. Wir sind jedoch überzeugt, daß dies zunächst nur Eigenmacht Rikimers und Usurpation war, welche später erst durch die nach des Anthemius Tode erteilte förmliche Anerkennung Kaiser Leos legale Bestätigung erhielt, wodurch dessen früheres Einverständnis über die Person nicht ausgeschlossen wird.

Von hoher Wichtigkeit für die Folgezeit wird aber das gedachte Bruchstück des Antiochenus dadurch, daß es zuerst des Odovakar als Rikimers Streitgenossen und dessen Abkunft erwähnt, worauf wir bald zurückkommen werden.

Die Tat war vollbracht, der Täter Rikimer aber erfreute sich deren nicht, da er schon neununddreißig Tage nach seines Schwiegervaters Tötung an Krankheit selbst verschied.

Die Geschichte beklagt, daß ihr für die Charakteristik dieses merkwürdigen Mannes alle Quellen abgehen.

Rikimer war tot: aber seine Partei lebte noch, und Olybrius, ihr Geschöpf, mußte sich ihr dadurch verpflichten, daß er den Burgunder Gundobad, des Verstorbenen Neffen – wiederum ein vornehmer Barbar in römischem Dienste – durch dessen Ernennung zum Patricius als deren neues Haupt anerkannte und bestätigte, worauf er, wie bereits bemerkt ward, bald verstarb.

Wiederum unterzog sich Kaiser Leo der Besetzung des erledigten Throns, für den er den Neffen des verdienten Marcellin, Julius Nepos, bestimmt hatte, der als Erbe der fast selbständigen Macht seines Onkels in Dalmatien und Gemahl einer Nichte des Kaisers dazu wohl geeignet erschien. Wahrscheinlich suchte er auch Gundobads Einverständnis zu erlangen, der aber, abgeneigt oder ungeduldig, die Verhandlung abbrach und am 5. März 473 mit Zustimmung des Heeres den Glycerius, einen seiner in der Garde (doch wohl als Offizier) dienenden Krieger (domesticus) mit dem Purpur bekleidete.

Von dessen Regierung erfahren wir fast nur deren kurze Dauer. Gundobad, der ihm wohl die Ergebenheit des Heeres verbürgte, mag nach seines Vaters Tode zu Erstrebung der Königsgewalt im Vaterlande dahin zurückgekehrt sein. (Greg. v. T. a. a. O.) Das ermunterte wohl Leo und Nepos, den verlassenen Glycerius im Jahre 474 anzugreifen. Nepos landete mit einer Flotte bei Ostia, worauf Glycerius des Thrones entsetzt und zum Bischof in Salona ernannt ward, was uns mehr auf Vertrag als auf Besiegung schließen läßt. (Cassiodor, Marcellin, Marius, Jordanis, Kap. 45, derselbe de regn. p. 708 und Historia miscella XVI, p. 556.)

Die dringendste Gefahr für das Reich war um diese Zeit, wie wir im nächsten Kapitel sehen werden, der Westgotenkönig Eurich, der sich nun auch noch der bisher mit Erfolg verteidigten Auvergne mit der Hauptstadt Clermont (in Aquitania prima) zu bemächtigen suchte.

Um nun wenigstens noch den östlich der Rhone gelegenen Teil Galliens zu retten, schloß Nepos durch den uns schon bekannten Bischof Epiphanius von Pavia Friede mit EurichS. Eunodius, v. B. Epiphanii, p. 381–385. Es ist nicht ganz klar, um welchen Landstrich es sich damals handelte. Doch vermuten wir um das linke Rhoneufer, jedenfalls um ein ursprünglich zu Gallien gehörendes Gebiet auf der Westseite der Alpen. (Vergl. aber Dahn V, S. 95.) Bei dieser Verhandlung scheint Eurichs Minister Leo, ein Römer, Epiphanius unterstützt zu haben. und berief den tapfern und treuen Feldherrn Ecdicius, den Sohn des Kaisers Avitus, aus Gallien zu sich, indem er an dessen Statt Orestes als Magister militum in den bei Rom noch verbliebenen Teil Galliens sandte.

Dieser uns schon aus dem Leben Attilas bekannte Mann hatte nach dessen Tode und seiner Söhne Fall in Rom wiederum sein Glück gesucht, auch bei seiner unverkennbaren Tüchtigkeit gefunden, da er zuletzt, wohl erst durch Nepos, zum Patricius erhoben worden war. Auch mag er den Barbaren, unter denen er so lange gelebt und deren Sprache er kundig war, genehm gewesen sein.

Der hierin wurzelnden Macht aber sich bewußt wollte er nicht dienen, sondern herrschen, rückte daher, anstatt sich nach Gallien zu begeben, mit dem Heere, wohl unter dem Scheine des Friedens, in Ravenna ein, worauf Nepos, die Absicht merkend, zu Schiff nach Dalmatien entfloh.

Orest zog die eigentlich schon seit Majorians Tode gewissermaßen bestandene Teilung der Gewalt zwischen einem Zivil- und einem Militärherrscher der Vereinigung derselben in seiner Person vor, ernannte daher seinen noch ganz jugendlichen Sohn Romulus Augustus zum Kaiser, der merkwürdiger Weise die Namen der ersten Gründer sowohl der Stadt als des Kaiserreichs in sich vereinte, von welchen der Letzte jedoch, der Unreife des Trägers halber, in das Diminutiv Augustulus verwandelt wurde.

Unbestritten war nun die faktische Herrschaft der Barbaren im Lande, worin sie unter dem wohlklingenden Namen von Mitstreitern (σύμμαχοι) eine fast tyrannische Gewalt ausübten.Prokop, d. b. G. I. zu Anf.: ‘Όσω τε τὰ τω̃ν βαρβάρων εν αυτοι̃ς ήκαμασε, τοσούτω τὸ τω̃ν ‘Ρωμαίων στρατιωτω̃ν αξίωμα ήδη υπέληψε, καὶ τω̃ ευπρεπει̃ τη̃ς συμμαχίας ονόματι πρὸς τω̃ν επηλύδων τυραννούμενοι εβιάσοντο.

Eines nur fehlte ihnen: der eigne Herd. Frauen und Kinder waren, wie wir vom Jahre 408 wissen, in den Garnisonen der Männer oder deren Nähe untergebracht: und mochten auch seit dieser Zeit einzelne bleibende Wohnstätte und Eigentum sich erworben haben, so entbehrte doch die Masse sicherlich dessen. Da mußte besonders das Beispiel der Stammgenossen im Reiche, namentlich der Vandalen, Westgoten und Burgunder reizen, welche überall einen größern oder kleinern Teil des Grund und Bodens an sich gerissen hatten. Allerdings hatten diese auch ihre Nationalität bewahrt, während jene römischen Söldner – ein Gemisch aus allen germanischen Stämmen, großenteils West- und Ostgoten, aber auch Alanen, Vandalen, Sueben, Burgunder, Gepiden, Taifalen, Skiren, Heruler, Rugier u. a. m., ja selbst Hunnen und Sarmaten – in Sitte, Tracht und allem Äußerlichen wohl um so mehr romanisiert waren, da manche derselben wohl bereits im Lande geboren waren. Dies dürfte besonders von den schon zu Stilichos Zeit angeworbenen Goten gelten, während die Skiren, Rugier und Heruler vorzüglich erst nach Attilas Fall aus den germanischen Trümmern des Hunnenheeres hervor und in römischen Dienst getreten zu sein scheinen.

All diese wirre Masse aber vereinigte sich in dem einen Gefühle ihrer Besitzlosigkeit bei überwiegender Kraft und Macht, den Latifundien und der Schwäche der Römer gegenüber. Was Wunder, daß sich dies endlich in dem Verlangen der Abtretung eines Dritteils aller Ländereien Italiens Luft machte.(Dies Verlangen war übrigens keineswegs aus den Wolken gefallen, sondern nur folgerichtige Steigerung früher den Germanen gewährter Ansprüche; s. die Einleitung. D.) Orestes aber hatte, wenn auch unter Barbaren groß geworden, noch ein römisches Herz, das sich von solchem Gewaltstreich abwandte. Die Weigerung ward der Grund seines Sturzes. Der Söldnerhaufe suchte ein neues, ebenso tüchtiges als ihm willfähriges Parteihaupt und fand dies in der Person des weltgeschichtlichen Odovakar.

Derselbe war seines Stammes nach Jordanis (de regn. Succ.) ein Rugier, nach dem glaubhaftem Johannes von Antiochien (Fr. 209) aber ein Skireγένος ων τω̃ν προσαγορευμένων Σκίρων., Sohn des Aedeco (Anon. Valesius) oder Idico (Johann. Ant.) und Bruder (nach letzterem) des Onoulf.In der betreffenden Stelle des Johannes von Antiochien hat sich eine sinnentstellende Interpunktion eingeschlichen. Dieselbe lautet:

’Οδόακρος etc. καὶ αδελφὸς ’Ονούλφου καὶ ’Αρματίου, σομοφύλακός τε καὶ σφαγέως γενομένου.

Hiernach würde es heißen: »Odovakar sei der Bruder des Onoulf und Armatius, auch Leibwächter und Mörder (man weiß nicht von wem?) geworden,« während der Sinn vielmehr der ist: »Odovakar sei Onoulfs Bruder gewesen, welcher letztere sowohl der Leibwächter, als der Mörder des Armatius (Zenos mächtiger Feldherr und scheinbarer Günstling) geworden sei,« eine Tatsache, die nach den Quellen, besonders Suidas unter Arm. und Malalas zweifellos feststeht. (Vergl. Tillemont IV, 3. Zeno, At 10.) Dieser richtige Sinn wird nun auch sogleich hergestellt, wenn man nur das Komma nach Armatius entfernt und hinter Onoulf setzt.

Ob der als Attilas Gesandter im Jahre 448/ 9 uns bekannte Edeco dessen Vater war, ist mit Sicherheit nicht zu bestimmen, aber höchst wahrscheinlich, mindestens die geringe Verschiedenheit der Schreibart der Namen dawider nicht anzuführen, weil letztere bei Barbaren fast nie völlig gleichlautend in den Quellen wiedergegeben werden. Daß jener Edeco wenigstens kein Hunne, sondern ein Germane war, glauben wir a. a. O. ausgeführt zu haben.

Mutmaßlich war er aber auch derselbe Edeco, den Jordanis Kap. 54 nebst Hunnulf (vielleicht dessen Sohn Onulf) in der Zeit von etwa 470 bis 471Die Berechnung ist unsicher. Die von Jordanis Kap. 55 berichtete Niederlage der Sueben und Alemannen fällt in die Zeit, wo Theoderich das achtzehnte Jahr erreichte, also, da dieser nach Kap. 52 im Jahre 454 oder 465 geboren ward, in das Jahr 472 oder 473. Da nun jetzt nur eine nachträgliche Ahndung des Angriffskrieges dieses mit den Skiren verbündeten Volkes gegen die Goten gewesen zu sein scheint, es im vorhergehenden Kapitel berichtet wird, so können wir letztern, bei dem die Skiren eine so schwere Niederlage erlitten, füglich auf das Jahr 470 oder 471 setzen. (S. aber Dahn, Könige V, S. 64.) als einen der Führer oder Fürsten (primates) der Skiren aufführt.

Da Priscus (p. 171) dessen Auszeichnung in Attilas Kriegen von 434 bis 447 gedenkt, so scheint derselbe im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts geboren zu sein, daher bei Attilas Tode 453 kaum schon einen erwachsenen Sohn gehabt zu haben.

Hiernach ist zu vermuten, daß Odovakar noch als Kind seinem Vater folgte, nach der letzten schweren Niederlage aber, welche die mit den Sueben und Sarmaten verbündeten Skiren nach Jordanis, Kap. 55 durch die Goten erlitten (s. weiter unten), wobei er vielleicht den Vater verlor, entweder gar nicht in die Heimat zurückkehrte oder dieselbe hoffnungslos, vielleicht sogar angefeindet, wo nicht gar vertrieben, wieder verließ, um im Auslande sein Glück zu suchen.

Dies wird um so wahrscheinlicher, weil auch dessen Bruder Onoulf, arm und verlassen, von dem oströmischen Feldherrn Armatus aufgenommen und mit Wohltaten überhäuft worden war, was er diesem freilich durch dessen im Jahre 477 auf Antrieb des Kaisers Zeno vollzogene Ermordung schlecht vergalt (S. Suidas s. v. ’Αρμάτος)

Aus dem von Eugippius, dem Schüler St. Severins, im Jahre 511 geschriebenen Leben dieses Heiligen, der im östlichen Noricum unfern Pannonien an oder in der Nähe der Donau wohnte (Kap. 6 und 7), ersehen wir nun, daß einige nach Italien ziehende, also über diesen Fluß gekommene Barbaren den frommen, im Rufe der Wundertätigkeit stehenden Mann zu Erbittung seines Segens aufsuchten.

Darunter befand sich auch Odovakar, ein Jüngling von hoher Gestalt in höchst unansehnlicher Kleidung (vilissimo tunc habitu), der nachherige Beherrscher Italiens. Da dieser mit gebeugtem Haupt in die für ihn zu niedrige Hütte trat, erfuhr er vom Manne Gottes, daß ihm Ruhm bevorstehe. »Geh,« sprach derselbe beim AbschiedeDer Anon. Valesii, der die ganze Stelle in den Exzerpten de Odoacre, Theodorico etc. wörtlich aus Eugippius nachschreibt, setzt hier noch hinzu: Vade, inquit, ad Italiam, vade etc., »geh, der du mit den schlechtesten Fellen bekleidet bist, bald aber vielen reiche Spende gewähren wirst.«

Die Zeit dieser merkwürdigen Weissagung ist nicht genau zu bestimmen. Da Severin jedoch nach dem vorhergehenden Kap. 5 dem Könige der Rugier Flaccitheus, der ihm seine Bedrückung durch die Ostgoten klagte, prophezeite, er werde durch deren Abzug bald sicher werdenQuia cilo securus iis discendentibus., dies sich aber offenbar (? D.) auf die von Jordanis (Kap. 56) berichtete Auswanderung Videmers nach Italien bezieht, die unter Glycerius im Jahre 473–474 erfolgte, so dürfte jene Weissagung der Erfüllung etwa 2–3 Jahre vorausgegangen und das spätere Zusammentreffen mit Odovakar hiernach in die Jahre 470–471 zu setzen sein, was sich sowohl der Zeit der vorerwähnten Niederlage der Skiren durch die Goten, als des ersten Auftauchens Odovakars in Italien zu Anfang des Jahres 472 anschließt.

Daß letzterer edler Geburt war, ist unserer Überzeugung nach nicht zu bezweifeln. Die Germanen, wenn auch römische Söldner, hätten, einem tief eingewurzelten Nationalgefühl zufolge, einen Krieger niedriger Abkunft kaum an ihre Spitze gestellt. Auch dessen, sowie seines Bruders Eintritt in die kaiserliche Leibgarde (vergl. Anm. 4[?]) spricht dafür, da in diese nur alte verdiente Krieger zur Belohnung oder vornehme junge Leute zu ihrer Ausbildung aufgenommen wurden, Odovakar von Eugippius aber ausdrücklich Jüngling genannt wird. Jordanis Kap. 46 bezeichnet ihn irrig als einen König der TurkilingerDer verdiente Zeuß hat sich durch seinen Scharfsinn verleiten lassen, S. 155 die Turkilingen in den ‘Ρουτικλει̃οι des Ptolemäus wiederzufinden, obwohl er selbst zugibt, daß alle Handschriften an zwei Stellen Rutikleien schreiben. Es ist aber kaum denkbar, daß in den zahlreichen Völkerkatalogen der Quellen, namentlich der Dichter seit des Theodosius des Großen Zeit, der Name der Turkilingen nie vorkommen sollte, wenn wirklich ein Volk unter solchem bestanden hätte. – (Die erste Ausgabe hielt die Turkilingen fälschlich für das Königsgeschlecht der Skiren und sind auffallend, daß die doch gewiß in römische Numeri (Kohorten oder Legionen) einrangierten Söldner nicht nach diesen, sondern nach ihren Volksnamen bezeichnet werden: allein dies kam ja schon seit Jahrhunderten vor. D.): unserer Ansicht von Odovakars Abkunft hat man freilich entgegengesetzt, daß derselbe nach zwei Stellen in des Ennodius Lobrede auf Theoderich (C. 6, 3) nur niederer Geburt gewesen sei: man darf aber nicht vergessen, daß man den Phrasen dieses Schmeichlers des Vernichters von Odovakar nicht trauen darf, derselbe auch dessen Geburt wohl nur relativ, d. i. dem Amaler Theoderich gegenüber, herabsetzen wollte, endlich dabei auch die Niedrigkeit, in welcher derselbe zuerst auftrat, vor Augen gehabt haben dürfte.

So war denn der junge Mann spätestens zu Anfang des Jahres 472 nach Italien gekommen, wo er, vielleicht das Gefühl einer höhern Bestimmung eben so in sich tragend wie andern einflössend, bald zu einer solchen gelangte. Als Orestes den Fremdtruppen die geforderte Landteilung verweigert hatte, erbot sich nach Prokop (d. b. Goth. I, 1) Odovakar zur Gewährung, wenn sie ihm zur Gewalt verhelfen. Da mögen sich diese, ersterm den Gehorsam weigernd, letzterem unterworfen haben, worauf Orestes nach Pavia entfloh, wo ihn Odovakar belagerte: er nahm den Platz unter grauser Plünderung, Brand, Zerstörung, also wahrscheinlich durch Sturm, ein und ließ Orestes, der in seine Hände fiel, im August 476 bei Piacenza töten (Ennodius, V. St. Epiph., p. 386/7). Dessen Bruder Paulus, der noch anderwärts Gegenwehr versucht haben mag, fand am 4. September ein gleiches Ende zu Ravenna.

Schon am 22. August war Odovakar durch sein Heer zum Herrscher, d. i. zum Inhaber der Militärgewalt, da dasselbe eine andre nicht verleihen konnte, ausgerufen worden. Als solcher nahm er, nach Cassiodor, dessen Chronik nun zuverlässig wird, den Titel König an(Vergl. aber die vorgängige Verhandlung mit Byzanz, wohin er die Kaiserinsignien schickte, im Folgenden und bei Dahn, Könige II, S. 38 f.), ohne sich jedoch des Purpurs und sonstiger Zeichen dieser Würde zu bedienen.

Augustulus entkleidete sich, wohl gleich nach seines Vaters Tode, der Hist. misc. zufolge, freiwillig derselben, ward von Odovakar seiner Jugend halber geschont und nach Campanien verwiesen, wo ihm die Villa des Luculi unfern Neapel mit einem Jahrgehalte von 6000 Solidis, ungefähr 72 000 Mark, überlassen ward.

(S. sämtliche Chronisten, Jordanis Kap. 46, Anonym. Valesii, Prokop, d. b. Goth. I, 1 und Historia miscella.)

Es gehört zu den gröbsten historischen Irrtümern, Odovakar als einen an der Spitze seines Volks über die Alpen ziehenden Eroberer Italiens zu betrachten, obwohl dies durch die Unklarheit der schlechten QuellenDie Quellen lauten wie folgt: Marius: His coss. levatus est Odovacer rex. Incert. Chron. Basilisco II. et Armato coss. Levatus est Odoacer rex X Kal. Sept. Marcellin: Odoacer rex – Gothorum Romam obtinuit. Cassiod:. His coss. ab Odovacre Orestes et frater ejus Paulus exstincti sunt nomenque regis Odovacer adsumpsit, cum tamen nec purpura nec regalibus uteretur insignibus. Anonymus Valesii: Augustulus a patre Oreste Patricio factus est imperator. Superveniente Odoacre cum gente Scirorum occidit Orestem Patricium in Placentia. Weiter unten aber sagt er: Odoacer vero, mox deposito Augustulo de imperio, factus est rex. Cujus pater Aedico dictus, de quo ita invenitur in libris vitae beati Severini Monachi intra Pannoniam. Hierbei berichtet er aus dem Leben St. Severins: Quidam barbari, cum ad Italiam pergerent, promerendae benedictionis ad eum intuitu diverterunt, inter quos et Odoacer, qui postea regnavit Italiae, vilissimo habitu juvenis usw. wie am genannten Ort im Texte steht, Jordanis, Get. c. 46: Odovacer Turcilingorum rex habens secum Scyros, Herulos diversarumque gentium auxiliarios Italiam occupavit et Oreste interfecto Augustulum – exilii poena damnavit etc. Und in regn. p. 709: Odovacer genere Rogus Thorcilingorum Scyrorum Herulorumque turbis munitus Italiam invasit etc. Hist. misc. XVI, p. 557, 558: Ingresso Italiam Odoacre statim ei apud Liguriae terminos Orestes occurrit etc. Odoacer itaque – statim regiam arripuit potestatem. Procop. d. b. Goth. I, 1, p. 308: η̃ν δέ τις εν αυτοι̃ς ’Οδόακρος όνομα, ες τοὺς βασιλέως δορυφόρους τελω̃ν, οι̃ς αυτὸς τότε ποιήσειν τὰ επαγγελλόμενα ωμολόγησεν, ήνπερ αυτὸν επὶ τη̃ς αρχη̃ς καταστήσωνται. ούτω τὴν τυραννίδα παραλαβὼν άλλο μὲν ουδὲν τὸν βασιλέα κακὸν έδρασεν εν ιδιώτου δὲ λόγω βιοτεύειν τὸ λοιπὸν είασε. καὶ τοι̃ς βαρβάροις τὸ τριτημόριον τω̃ν αγρω̃ν παρασχόμενος τούτω τε τω̃ τρόπω αυτοὺς βεβαιότατα εταιρισάμενος τὴν τυραννίδα ες έτη εκρατύνετο δέκα. Theophanes, p. 102 D: η τη̃ς εσπέρας βασιλεία – μετὰ τοσούτους επαύσατο χρόνους, ’Οδοάκρου λοιπόν Γότθου μὲν τὸ γένος εν ’Ιταλία δὲ τραφέντος χειρωσαμένου δυνάμει βαρβαρικη̃ τὴν αρχήν.

Vergleicht man diese Zeugnisse kritisch, so sind es nur die der schlechtesten Quellen, des Jordanis und Hist. misc, die den Gedanken an eine Invasion Italiens durch Odovakar begründen könnten. Von entscheidendem Gewicht aber ist das negative (und positive D.) Zeugnis der übrigen, unter denen Marcellin und Prokop, vor allem aber Cassiodor, die bedeutendsten sind.

Wie ist es denkbar, daß der Einbruch eines über die Alpen gezogenen Barbarenheeres in Italien den Chronisten unbekannt geblieben und von ihnen verschwiegen worden sein könne?

Der positive Beweis für unsre Meinung aber beruht auf den im Wesentlichen übereinstimmenden Zeugnissen des Eugippius, der beinahe Zeitgenosse war, des Anonym. Valesii, Prokop und Johannes von Antiochien. Daß Odovakar vorher unter den Leibwächtern gedient habe, beruht zwar allein auf Prokop, liegt aber in der Natur der Sache, da es für einen jungen zugewanderten Abenteurer eine höhere Stellung kaum geben konnte. Wenn der so viel spätere Theophanes den Odovakar in Italien erzogen nennt, so ist dies zwar gewiß nicht genau richtig, bestätigt aber doch die richtige Ansicht, daß er bereits vor seiner Erhebung in Italien lebte. (Vergl. Dahn, Könige II, S. 36 f.)

Noch ist zu bemerken, daß die persönliche Bekanntschaft des Orestes mit Odovakars Vater Edico, wenngleich deren Verhältnis zur Zeit von Maximians Gesandtschaft (vielleicht nur vorübergehend) ein feindliches war, den Eintritt des jungen Mannes in römischen Dienst erleichtert haben kann.

einigermaßen unterstützt wird. Diese stimmen jedoch selbst nicht einmal miteinander überein, indem Jordanis ihn einen König der Turkilingen, Marcellin aber der Goten nennt.

Ebenso ist es nicht streng richtig, wenn man des Augustulus Abdankung und Odovakars Erhebung zum Herrscher Italiens im Jahre 476 als den Untergang des weströmischen Reichs bezeichnet, da dessen legitimer Kaiser Nepos ja in Dalmatien noch herrschte, dessen Gewalt unstreitig auch in den noch römisch verbliebenen Teilen von Gallien und Spanien fortwährend anerkannt ward.

Jedoch die Welt konnte sich kein römisches Reich des Abendlandes als noch lebend denken, dessen Haupt, Herz und Rumpf, Rom und Italien, in Barbarenhänden waren. Regte sich in einzelnen, überdies unzusammenhängenden Außengliedern, losgerissen von dem innern gemeinsamen Lebensquell, kurze Zeit hindurch noch ein römisches Dasein und Wirken, so war dies richtiger nicht als ein Hinhalten, sondern nur als ein teilweises Überleben des Untergangs zu betrachten.

Darum haben wir das Jahr 476 als verhängnisvolles Epochenjahr um so mehr festzuhalten, da es für jede Annahme irgend eines andern an festen Anhalten fehlen würde.

Nur im Morgenlande daher lebte damals das römische Reich noch fort: und da die Provinzen des Westens niemals staatsrechtlich von dem Gesamtkörper getrennt worden waren, so gehörten sie diesem (theoretisch D.) auch jetzt noch fortwährend an und kehrten, wenn nur den Barbaren entrissen, sofort (auch praktisch D.) wieder in die Stellung von Gliedern des gemeinsamen römischen Reichskörpers zurück.

Für uns verliert das Ostreich, nach etwa einem Jahrhundert wenigstens, das frühere lebendige Interesse.

Fast noch ein Jahrtausend lang das westliche überlebend, fiel es nicht durch Germanen und Christen: ja nicht einmal durch die ihm so gefährlichen Altaivölker: Bulgaren, Avaren usw.: oder durch des Islams, der freilich dessen Tod ward, erste Träger, die Araber: sondern erst durch dessen zweite Phase, als der neue Glaube den von der großen Wüste und deren Gebirgsrändern her zugewanderten türkischen Nomadenstämmen seinen Fanatismus der Glaubensverbreitung und Eroberungssucht eingehaucht hatte. Die wunderbare Zähigkeit des Widerstandes aber, die das Ostreich in ganz anderm Maße als das westliche noch bewies, wurzelte, abgesehen von einzelnen bedeutenden Herrschern desselben, vor allem in der unvergleichlichen Lage Konstantinopels, welche samt ihrem Einfluß auf die Entwickelungsgeschichte der Menschheit schon früher (Bd. I) hervorgehoben ward.

Doch hat die Stadt Constantins des Großen überhaupt nur 1123, die des angeblichen Romulus aber nach der gemeinen Rechnung 1229 Jahre lang bestanden und geherrscht.

Odovakar suchte, gleich allen germanischen Fürsten vor und noch lange nach ihm, einen Rechtstitel für seine Herrschaft, worüber ein wichtiges Fragment des griechischen Historikers Malchus uns Aufschluß gibt, welcher, Priscus fortsetzend, mindestens die Geschichte der acht Jahre von 473 bis 481Nach Photius umfaßten des Malchus sieben Bücher nur obige Zeit, während er nach Suidas sein Werk bis zu Anastasius (491) fortgesetzt haben soll. mit eingehender Gründlichkeit niederschrieb. (Dieses Bruchstück befindet sich im Corp. Script, hist. Byzant. I, p. 235 unter 3 der Bonn. Ausg. v. J. 1829.)

Dasselbe beginnt mit den Worten: »Als Augustus, des Orestes Sohn, vernahm, daß Zeno wiederum zur Herrschaft im Ostreiche gelangt sei, zwang er den Senat, eine Gesandtschaft an ihn abzuschicken.« Diese kann hiernach erst in die zweite Hälfte des Jahres 477 fallen. Nach dem Tode Kaiser Leos im Januar 474 nämlich hatte dessen Schwiegersohn Zeno den von des Vorgängers Enkel seinem eignen noch unmündigen Sohne Leo d. J. überlassenen Thron bestiegen, war aber im Jahre 475, frühestens nach dem 11. Oktober, durch seine Schwiegermutter Verina, die Kaiserin-Witwe, und deren Bruder Basiliscus von demselben gestoßen worden und erst im Jahre 477 nach etwa zwölf Monaten, also nicht vor dem Juli, wieder zu dessen Besitz gelangt, wie sich dies aus den in Clintons Fastis Romanis für diese Jahre umständlich angeführten Quellen zweifellos ergibt.

So wunderbar es nun erscheint, daß Augustulus fast ein Jahr nach seiner Absetzung noch als Herrscher verhandelt haben könne, so müssen wir doch nach dem Inhalt jener Botschaft annehmen, daß sie unter dessen scheinbarer Firma, d. i. in dessen angeblichem Auftrage vom Senate ergangen sei. Dieselbe lautete nämlich dahin: »Es bedürfe keines besondern Kaisers weiter für das Westreich: ein Kaiser genüge für beide Reichsteile. Für den Schutz des diesseitigen sei Odovakar von ihnenυπ' αυτω̃ν, was sich des Plurals wegen auf den Senat beziehen muß. angestellt worden, der dazu ebenso politisch als militärisch befähigt sei. Diesen möge nun Zeno zum Patricius ernennen und ihm die Verwaltung Italiens anvertrauen.«

War nun Augustulus der letzte im Westreich mit Ausnahme von Dalmatien anerkannte Kaiser gewesen, niemand auch bisher (was Odovakar sorgfältig vermieden) an dessen Stelle getreten, so war es ganz konsequent, daß die nötig befundene neue Einrichtung auch in dessen Namen und Einverständnis beantragt wurde, worin nun selbstredend die amtliche Bestätigung seiner bereits vorher faktisch erfolgten Thronentsagung lag.

Gleichzeitig mit der Überbringung dieser Botschaft trafen aber auch des Nepos Abgeordnete in Konstantinopel ein, welche des Kaisers Hilfe zur Wiedereinsetzung ihres Herrn in sein Reich erbaten.

Zeno erwiderte den römischen Gesandten: »Von den aus dem Ostreich empfangenen Kaisern hätten sie den einen getötet (Anthemios), den andern vertrieben; was jetzt zu tun, möchten sie selbst ermessen. Da sie aber noch einen Kaiser hätten, sei dessen Zurückberufung das einzig richtige. Odovakar werde daher angemessen handeln, wenn er das Patriziat vom Kaiser Nepos annehme. Er selbst aber werde ihm, wenn letzterer ihm nicht darin zuvorkäme, die gedachte Würde verleihen. Loben müsse er übrigens Odovakar, daß er in der übernommenen Gewalt die Ordnung und Rücksicht, welche er den Römern schuldig sei, beobachte. Darum vertraue er auch, derselbe werde, wenn er recht handeln wolle, den ihn also (d. h. mit dem Patriziat D.) ehrenden Kaiser (Nepos) baldigst an- und aufnehmen.«

Der Kern dieser diplomatischen Erwiderung, bei welcher Zeno, unstreitig in einem zweiten an Odovakar selbst erlassenen Schreiben, diesem sogar den Titel Patricius schon beilegte, ist dessen Anerkennung als Gewalthaber in Italien unter dem Namen eines römischen Würdenträgers, wiewohl unter Wahrung der Rechte des legitimen Kaisers des Abendlandes, Nepos.

So hatte denn Odovakar (aber nur teilweise D.) was er gewünscht. Zu der faktischen Macht, die er an der Spitze der Fremdtruppen usurpiert hatte und deren Fortdauer die Ergebenheit derselben ihm verbürgte, gesellte sich nun eine mindestens stillschweigende Anerkennung und Bestätigung durch das Staatsoberhaupt, welche zugleich den Gehorsam seiner römischen Untertanen wesentlich förderte und sicherte.Will man auch hiernach Odovakar nicht als Selbstherrscher, sondern nur als einen Beamten des oströmischen Kaisers ansehen, wenngleich dessen Unterwerfung nur eine scheinbare war, so kann doch in dessen Herrschaft immer nicht eine Fortdauer des weströmischen Reichs erkannt werden. (Siehe aber Dahn, Könige II, S. 40: er nahm den Königstitel, wie es scheint, erst jetzt an, nachdem eine rückhaltlose Anerkennung von Seite Ostroms nicht zu erlangen war. D.)

Dessen hat er sich gewiß auch vollkommen erfreut; wenn daher Marcellin und Jordanis Kap. 46 berichten, daß derselbe im Jahre 477 den Comes Brakila hinrichten lassen, was nach Jordanis geschehen sei, um den Römern Schrecken einzuflößen, so haben wir doch in diesem nach dem Namen einen Goten, von dem er wahrscheinlich Umtriebe unter den Fremdtruppen besorgte, zu vermuten.

Dem Kaiser Nepos freilich hat sich Odovakar, trotz Zenos Anraten, nicht untergeordnet, ersterer aber wahrscheinlich auch nicht einmal einen Anspruch darauf erhoben, vielmehr seine unabhängige Stellung in Dalmatien sich genügen lassen, andrerseits aber in dieser auch von Odovakar, dem jedes Eroberungsgelüst(Wohl aus dem Gefühl der inneren Schwäche seiner Macht, welche zwar zu tapferster Verteidigung, wie wir sehen werden, ausreichte, aber nicht zu weit ausgreifenden Angriffskriegen. D.) überhaupt fremd gewesen zu sein scheint, keinerlei Angriff erfahren. Am 9. Mai 480 ward jedoch jener letzte legitime Kaiser Westroms durch die Hinterlist zweier seiner Beamten (comites) Victor und Ovida ermordet, wovon nun Odovakar, mit dem Zweck oder unter dem Vorwande der Ahndung dieses Frevels, Anlaß nahm, im Jahre 481 nach Dalmatien zu ziehen, woselbst er jenen Ovida, der dem Namen nach ein Gote gewesen zu sein scheint, besiegte und tötete, diese Provinz aber nunmehr unzweifelhaft seiner eignen Herrschaft unterwarf. (S. den Chron., Marcellin und Cassiodor.)

Von weitern Waffentaten desselben berichten die dürftigen Chronisten, fast unsere einzigen Quellen über ihn, nichts als einen Krieg mit den Rugiern im Jahre 487.

Diese saßen nördlich der Donau in Österreich, etwa von Linz abwärts bis in die Nähe von Wien, was bereits zu Pannonien gehörte, beanspruchten aber auch eine Art von Gewalt über das rechte römische Ufer, da nach dem Leben St. Severins sogar mehrere jenseitige Städte denselben tributpflichtig waren, was jedoch mehr ein Friedenspfand, als ein Zeichen der Unterwerfung gewesen sein mag. Gegen deren König Feletheus, auch Feva genannt, Sohn des früheren Königs Flaccitheus, zog nun Odovakar im Jahre 487Das von Eugippius a. a. O. p. 76 angeführte Motiv, Odovakar habe die Tötung von Ferderich, des Feletheus Bruder, durch des letztern Sohn Friederich rächen wollen, ist sehr unwahrscheinlich. Unstreitig war es ein politisches, wohl wegen Übergriffen der Rugier in römisches Land. (Vergl. über die berichtigten Namen die Ausgabe der vita s. Severini in den Monumenta. D.), fiel in dessen Gebiet jenseits der Donau (Rugiland) ein, überwand ihn am 14. November in einer Hauptschlacht und führte ihn mit einem großen Teile seines Volkes gefangen nach Italien ab. (Chron., Cassiodor, Eugippius, v. St. Sever. c. 44 und Paulus Diaconus de Longobard. I, 19.)

Im folgenden Jahre 488 kehrte jedoch des Feletheus der Niederlage entgangener Sohn, Friederich, in die Heimat zurück, worauf Odovakar sogleich seinen Bruder OnoulfOnoulf mag sich nach des Armatius Ermordung im Jahre 477, nachdem inzwischen seines Bruders Glücksstern aufgegangen war, um so lieber zu diesem begeben haben, da er wohl auch die Rache der Angehörigen des Ermordeten zu fürchten hatte. mit starker Heeresmacht wider ihn sandte, vor welchem Jener zu Theoderich nach Nova (bei Sistova in Bulgarien) floh, was auf des letztern Zug nach Italien nicht ohne Einfluß war. (? D.)

Odovakar gedachte aber nicht, das Donauufer zu behaupten, befahl vielmehr, alle Städtebewohner römischer Abkunft, wenigstens die an der Donau seßhaften, nach Italien abzuführen, was der Comes Pierius vollzog, wobei denn auch der Sarg des am 6. Januar anscheinend 483(Vielmehr am 8. Januar 482. D.) gestorbenen frommen Severin mit weggeführt wurde. (Eugippius a. a. O., Kap. 44, über St. Sever. Tod, Kap. 43 u. 44.) Dazu mag ihn die Schwierigkeit, Noricum gegen die Markomannen, Quaden, Alemannen und Heruler, deren Raubfahrten es ausgesetzt war, zu schützen, bestimmt haben.

Das Land der Rugier ward darauf von den Langobarden besetzt.

Vom der innern Verwaltung Italiens unter Odovakar wissen wir sehr wenig.Siehe Dahn, Könige II, S. 35–50.

Daß Odovakar den Truppen die verlangte und versprochene Länderei wirklich zuteilte, ersehen wir aus Prokop, d. h. Goth. I, 1, nichts aber über die so schwierige Art der Ausführung, die doch unstreitig mit einer gewissen Ordnung vollzogen wurde.

Von diesem einmaligen Gewaltstreich abgesehen dauerte das römische Staatsregiment mit seiner Bürokratie, selbst mit einem Präfectus Prätorio Italiens, unverändert fort. Der Senat, der ja seit fast einem halben Jahrtausend allen Herrschern das willigste Werkzeug gewesen, ward von Odovakar wahrscheinlich noch mehr als von den vorhergegangenen Kaisern für seine Zwecke benutzt.

Vom Jahre 476 bis zu des Nepos Tod erscheint nur ein Konsul in den Fasten; von 481 bis 490 fungieren deren in der RegelIn den Jahren 483 und 485 nur einer, was in besondern, auch früherhin bisweilen vorgekommenen Verhältnissen seinen Grund gehabt haben kann. wieder zwei, von denen einer unstreitig von Odovakar (oder dem Senat) ernannt und vom Kaiser des Ostreichs anerkannt wurde.

Odovakar herrschte im Allgemeinen gewiß weise, gerecht und milde, was aus dem Mangel an Klagen und Beschuldigungen gegen denselben abzunehmen ist (die sonst in den römischen Quellen gegenüber einem barbarischen Tyrannen nicht zu fehlen pflegen. Auch in der ostgotischen Zeit erheben Cassiodor und die andern Quellen, ja nicht einmal Ennodius bestimmte Anklagen der Mißregierung. D.).

Das Volk muß, von den unmittelbar Beraubten abgesehen, unter ihm sich weit besser als unter den letzten legitimen Kaisern befunden haben, was freilich hauptsächlich auch dem schon gegen Ende des Jahres 475 mit dem hochbejahrten Gaiserich geschlossenen Frieden zuzuschreiben ist. Von dem größten Vorteil für Italien und Rom insbesondere war die bereits erwähnte Abtretung des für die Getreideversorgung so wichtigen Siziliens an Odovakar.

Das Bild dieses gewiß bedeutenden Mannes, für dessen genauere Zeichnung es uns leider an Quellen gebricht, ist in der Geschichte dadurch getrübt worden, daß derselbe nach fünfzehnjähriger Herrschaft und nahe fünfjährigem Kampfe durch einen unzweifelhaft weit Größeren, den Ostgoten Theoderich, gestürzt ward.

So schließen wir denn dies letzte der Geschichte Westroms, die nun aufhört, gewidmete Kapitel mit der wiederholten Bemerkung, daß es Irrtum sein würde, Odovakars Herrschaft als den Beginn der germanischen Eroberung und Niederlassung in Italien zu betrachten.

Die Männer, die ihn erhoben, waren römische, zum Teil gewiß schon im Reiche geborne Soldaten. Es war keine Eroberung: noch weniger ein Umsturz der bestehenden Staatsverfassung: nur ein nach kurzem Kampfe zwischen zwei Usurpatoren, einem römischer und einem germanischer Abkunft, vollbrachter Wechsel in der Person des Regenten. Schon früher hatten in Arbogast und Rikimer Barbaren unter römischem Titel die höchste Gewalt im Reiche geübt: aber nur eine vorübergehende und immer noch neben einem Scheinkaiser des Abendlandes.

Daß nun ein solcher nach Augustulus nie wieder ernannt ward und Odovakar allein, wenn auch dem Namen und Scheine nach nur als Beamter des Ostkaisers, den Rest des Westreichs regierte, – war der einzige Unterschied zwischen der früheren und der mit ihm beginnenden neuen Zeit.

Die Geschichte dieser aber, selbst die der ostgotischen Übergangsphase, gehört nicht mehr in dieses Buch.

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