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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 73
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Nach dem 41. Kap. läßt nun Jordanis am Morgen nach der Schlacht die westgotischen Prinzen, Thorismund und Theoderich, ihren Vater suchen, dessen Abwesenheit im Siege sie Wunder nimmt. Endlich wird unter dem dichtesten Haufen der Erschlagenen die entseelte Hülle des Helden aufgefunden (inter densissima cadavera reperissent) und vor den Augen der Hunnen unter den Tränen und Gesängen seiner treuen Krieger auf das Feierlichste aufgehoben und fortgeschafft (abstulerunt: und: efferri inspiciebant). Sogleich hierauf ruft das Heer Thorismund zum König aus.

Dieser denkt zunächst nur, des Vaters Tod an den Hunnen zu rächen, holt aber darüber doch zuvor des erfahrenem Aëtius Rat ein, dessen politischer Kopf, die aus der gänzlichen Vernichtung der Hunnen durch die Westgoten zu besorgende für Rom so gefährliche Übermacht letzterer in das Auge fassend, Thorismund vielmehr schleunige Rückkehr nach Toulouse anrät, wo dessen Brüder im Besitze der väterlichen Schätze (die ja noch von Roms Eroberung durch Alarich herrührten) der Herrschaft sonst leicht sich bemächtigen könnten.Dazu hätte die Bemängelung von Thorismunds tumultuarischer Wahl vielleicht sogar einen legalen Vorwand bieten können (vergl. Dahn, Könige V, S. 82).

Der junge König folgt diesem Rat, Attila aber, Kriegslist fürchtend, traut dem Anscheine nicht, bleibt daher noch längere Zeit im Lager, bis die sichere Überzeugung von jenem Abzug ihn zu neuen Hoffnungen weckt.

So weit reicht des Jordanis im Wesentlichen, wenn auch nicht in allen Einzelheiten, gewiß richtiger Auszug aus Cassiodor, während das 42. Kap. wieder selbständiger mit den seltsamen, ungereimten Worten beginnt:

»Indem Attila nun die durch den Rückmarsch der Goten gewonnene Gelegenheit benutzt und das feindliche Heer, wie er so oft gewünscht, zerteilt sieht, marschiert er, nun sicher geworden, auf Bezwingung der Römer (ad Romanorum oppressionem) los und belagert sogleich Aquileja« (welches nur die Kleinigkeit von einhundertzwanzig Meilen vom Schlachtfeld entfernt ist).

Selbst im vorhergehenden 41. Kap. ist Jordanis vielleicht irrig; und der Abzug der Westgoten dem Attilas nicht vorausgegangen, sondern erst nachgefolgt, was an sich ungleich wahrscheinlicher. Dünkt uns aber diese Behauptung eine zu gewagte, so müssen wir doch mindestens annehmen, daß Aëtius seinem Verbündeten die Heimkehr nicht eher angeraten haben werde, als nachdem er die zweifellose Überzeugung von der Ungefährlichkeit der Hunnen, selbst für sein vermindertes Heer, gewonnen hatte.

Von den übrigen Quellen über Attilas Rückzug scheint uns nur Prosper Aquitanus beachtenswert, der kurz sagt: »Gewiß ist die Besiegung der Hunnen in so weit, daß nach verlornem Vertrauen zu Fortsetzung des Kampfes die Überreste derselben (qui superfuerunt) in die Heimat zurückkehrten.«Die andern, Gregor von Tours II, 7 und der soviel spätere Isidor von Sevilla, Chron. d. Goth. sind noch vager und kürzer. Ersterer sagt: Attila ad internecionem vatari suum cernens exercitum, fuga dilabitur und weiter unten: Attila cum paucis reversus est.

Aëtius baute dem fliehenden Feinde goldene Brücken. Ob ihn dabei Erwägungen ähnlicher Art leiteten, wie sie Stilicho zu zweimaliger Verschonung Alarichs bestimmten, wissen wir nicht. Nicht zu bezweifeln aber ist, obwohl die besten Quellen darüber schweigen, daß er die abziehenden Hunnen zwar nicht mehr angreifend, aber doch beobachtend verfolgen ließ, um abschweifende Raubfahrt zu verhüten und die gewiß sehr zahlreichen Nachzügler, wo sie in größern Haufen erschienen – denn für Einzelne sorgte wohl das Volk selbst schon – niederzuhauen oder gefangen zu nehmen. Hierzu wandte er wohl die von der hunnischen Verwüstung betroffenen, daher rachedürstenden FrankenThierry, S. 195, hält die Worte Gregor von Tours II, 7: Simili (d. i. ebenso wie Thorismund) dolo et Francorum regem fugavit für irrtümlich. Es ist möglich, daß ein isoliertes, auf die Person eines fränkischen Häuptlings bezügliches Faktum dazu Anlaß gegeben. Daß Aëtius aber die Franken, die ihm gerade für die Verfügung so wichtig waren, damals im Ganzen fortgeschickt habe, können wir nicht wohl glauben. und Gallier an, namentlich auch wohl die Überreste der Burgunder.

Dies wird durch Fredigar ausdrücklich bestätigt, nach welchem Aëtius das feindliche Heer durch die Franken, unter Erteilung besonderer Instruktion dafür, bis Thüringen habe verfolgen lassen. Obwohl nun diese Quelle im Allgemeinen keine zuverlässige ist, so wird doch gerade diese Nachricht durch innere Wahrscheinlichkeit dringend unterstützt.

Sehr stark mag auf diesem Rückzug eines völlig demoralisierten Heers durch meist verwüstetes Land die Einbuße der Hunnen an Mannschaften und Pferden gewesen sein.

Groß hatte sich Aëtius in diesem Feldzuge bewiesen. Dessen glänzendstes Verdienst war, nächst der gesamten Vorbereitung, der rechtzeitige Entsatz von Orleans, den er gewiß nur durch die äußerste Anstrengung zu vollführen vermochte. Man müßte aber den Hof von Ravenna nicht kennen, um zu glauben, daß der Feldherr auch an diesem gerechte Anerkennung gefunden habe. Bot doch schon das Verdienst der Westgoten in der Entscheidungsschlacht, vor allem aber das Entkommen Attilas, in Verbindung mit des Aëtius alter Freundschaft mit ihm, dem Neid und der Verleumdungssucht Stoff genug zu Verdächtigung und Anklage dar.

Das Schwert des Kriegsgottes hatte eine tüchtige Scharte erhalten; dessen Träger mußte sie auswetzen, wenn er seine alte Machtstellung behaupten wollte.Gut sagt Haage S. 25: Attilas Herrschaft war nur auf die Gewalt seiner Person und den Glanz seines Glückes begründet; und rasch, wie die Pracht seiner hölzernen Paläste, mußte dies glänzende Reich von seiner Höhe herabsinken, sobald der Zauber des Glücks einmal von seinem Könige wich, ganz zerfallen aber mußte es, sobald die Hand, die es zusammenhielt, nicht mehr war.

Darum war erneute angestrengteste Rüstung nach der Rückkehr in die Heimat – und zwar unstreitig in seine alte, uns bekannte Residenz – Attilas erstes Geschäft.

Von speziellern Quellen sind wir wiederum verlassen: nur berichtet uns Prosper Aquitanus, daß der Gewaltige, nachdem er seine in Gallien verlornen Streitkräfte wieder ergänzt, im Jahre 452 durch Pannonien in Italien eingefallen sei. Dawider habe Aëtius nichts vorgekehrt, sogar die Alpenpässe nicht einmal besetzt, vielmehr daran gedacht, ganz Italien mit dem Kaiser zu verlassen, woran ihn jedoch der allgemeine Unwille behindert habe.

Das ist das Echo der nach des großen Mannes bald darauf erfolgtem Sturze vom Hofe wider ihn aufgewiegelten Volksstimme. (Die Wahrheit ist wohl: D.) Aëtius kannte die Hunnen gut genug, um zu wissen, daß sie sich durch Gebirge nicht aufhalten ließen, erachtete seine Streitkraft, der die gallischen Völker diesmal abgingen, dem frischen, beutedurstigen Heere für nicht gewachsen, mochte aber hoffen, das durch Raubfahrt und Klima geschwächte, beutebeladene seiner Zeit in günstigen Terrainverhältnissen angreifen und schlagen zu können. Auch erwartete er Hilfstruppen des Ostkaisers Marcian, die nach Idatius (zum 29. Reg.-Jahre Valentinians III.) wirklich eingetroffen sein müssen.

Attila rückt, nach Jord. Kap. 42, zuerst, wohl früh im Jahre, vor Aquileja, das er vergeblich belagert. Schon beginnt das Heer zu murren und auf Abzug zu drängen, als der König, unschlüssig, ob er dem nachgeben oder beharren solle, plötzlich mehrere Störche ihre Nester auf den Hausdächern verlassen und mit ihren Jungen fortziehen sieht. Klug benutzt er dies, seinem abergläubischen Volk eine Weissagung der zukunftskundigen Vögel darzustellen, welche den Untergang der Stadt vorhersähen.(Vielleicht, aber nicht notwendig, Sage. D.) Das erneuert den Mut; das Spiel der Belagerungsmaschinen wird mit verdoppelter Anstrengung fortgesetzt und das unglückliche Aquileja wirklich genommen, rein ausgeplündert und so zerstört, daß kaum noch, wie Jordanis a. a. O. von seiner hundert Jahre spätem Zeit sagt, Trümmer dessen ursprüngliche Stätte verkünden. Über das ganze venetianische Gebiet und durch die lombardische Ebene ergießt sich nun die Verwüstung; alle Städte, selbst Mailand und Pavia, fallen in die Hände der sich in Blut sättigenden Barbaren.

Ja, noch weiter hinaus über die benachbarten Gegenden, fast über ganz Italien läßt Jordanis, Kap. 42, die Verheerung sich erstrecken und die Historia Miscella, die doch nicht selten auch uns verlorne Quellen benutzt hat, schließt hieran den wichtigen Zusatz: Nachdem Attila darauf noch die Städte Aemiliens vernichtet hatte, schlug er zuletzt am Einflusse des Mincio in den Po Lager. Hiernach ist also Attila auch über den Po gegangen, hat die Städte der auf dessen rechtem Ufer gelegenen Provinz Aemilia ausgeraubt und sich nachher wieder über den Fluß zurückgezogen.

Näheres hierüber findet sich nun in einem Schriftsteller des 16. (! D.) Jahrhunderts, in den zwanzig Büchern des gelehrten und gründlichen Italieners Sigonius Historiarum de occidentali Imperio XIII zum Jahre 452.

Derselbe erzählt: Im Winter (also 452/3) habe Attila den Po überschritten und die Städte Placentia, Reggio und Parma (in der Provinz Aemilia) zerstört. Da sei ihm Aëtius mit starker Streitmacht entgegengezogen und am 20. Januar eine Hauptschlacht bei Modena erwartet worden, als Attila sich plötzlich zurückgezogen habe und, von Aëtius verfolgt wieder über den Po zurückgegangen sei.

Sigonius beruft sich dafür lediglich auf Paulus Diaconus (d. i. die Historia miscella). Da aber bei dessen Leben nur erst die Ausgaben Venedig 1516 und Basel 1518 erschienen waren, in welchen sich so wie in andern ältern, namentlich der von Muratori, eben nur die obengedachte Stelle findet, die damalige Existenz einer vollständigeren Handschrift auch nicht anzunehmen ist, da eine solche gewiß von den Herausgebern benutzt worden wäre, so muß derselbe für jenes Detail noch eine andere Quelle gehabt haben.

Diese kann nur in der Heiligenlegende des St. Geminianus, Bischofs von Modena, bestanden haben. Aus beiden hat daher Sigonius seine spezielle Erzählung und zwar mit so unverkennbarem Scharfsinn zusammengesetzt, daß man, wenn auch nicht die Wahrheit, doch die hohe Wahrscheinlichkeit derselben gern anzuerkennen hat. (? D.)

In den Actis Sanctorum von Bollandus (Antwerpen 1643 II p. 1096 unter dem 31. Januar) findet sich nämlich im Vorwort zum Leben dieses Heiligen aus einer weit älteren Quelle die Nachricht, daß am 26. Januar jedes Jahres nach kirchlicher Verordnung (ecclesiastico edicto imperata) die Rettung dieser Stadt von Attila durch deren Bischof St. Geminianus gefeiert werde.

Wenn nun die Historia miscella Attila nach der Einnahme von Mailand und Pavia auch die Städte Aemiliens plündern läßt, so muß er von jenen lombardischen Städten aus über den Po gegangen sein und hierauf, der ämilischen Straße folgend, zuerst auf Placentia, dann auf Reggio und Parma, zuletzt aber auf Modena gestoßen sein, welches letztere aber nach der durch jenes Kirchenfest bestätigten Nachricht verschont blieb. Wir können daher insoweit dem Sigonius nur verständige Ergänzung nicht Erfindung beimessen. Wenn derselbe aber die Rettung der Stadt Modena nicht einem durch deren Bischof bewirkten Wunder zuschreibt, wie dies das von einem Unbekannten zu Anfang des achten Jahrhunderts geschriebene, zuerst durch Mombritius herausgegebene Leben dieses Heiligen tut, sondern dem Anzuge des Aëtius mit seinem Heere, so müssen wir dies freilich, weil er sich auf keine Quelle dafür beruft, für Willkür erklären, aber wiederum für eine durch die dringendste Wahrscheinlichkeit unterstützte.

Die Legende dieses Lebens selbst ist übrigens handgreiflich ohne allen historischen Wert(Also! D.) vermischt sogar, wie das Vorwort selbst zugibt, die Geschichte zweier Geminiane mit einander, von denen der erste unter Kaiser Jovian, der zweite ein Jahrhundert später noch unter Majorian lebte. Die Erzählung des darin berichteten Wunders aber ist, wie Thierry in seinem Anhang über die Attila-Sagen mit Recht bemerkt, nichts weiter als eine sklavische Kopie von der Legende des h. Lupus in Troyes, welche nun auch Italien sich aneignen wollte.

Diesem allen zufolge steht also nach der Historia miscella, welche des Jordanis Phrase zur Bestätigung gereicht, fest, daß Attila den Po überschritten und das jenseitige Land verwüstet hat; nach allen sonstigen Quellen aber, daß er über diesen Fluß wieder zurückgegangen ist und sich bei Ambulejus (nach der Clossischen Ausgabe des Jordanis) am Einflüsse des Mincio in den Po aufgestellt hat.

Daß letzteres jedoch erst Ende Januar 453 geschehen sei, beruht freilich allein auf der Tradition von jenem modenesischen Kirchenfest, das aber, wenn auch dessen Anlaß durch die Sage ausgeschmückt und entstellt worden sein sollte, in der Hauptsache doch kaum erdichtet sein kann, zumal es auch durch des Sigonius gewichtige Autorität verbürgt wird, der ja in der Nähe von Modena lebte.(Auf all das ist nichts zu bauen. D.)

Was bewog nun den Gewaltigen, der bereits am Fuße des Apennins stand, zu jenem plötzlichen Rückzuge?

Er hatte, wie Jordanis sagt, die Absicht, nach Rom zu ziehen, als die Seinigen, wie Priscus anführt, Schwierigkeiten erhoben und ihm Alarichs Beispiel vorhielten, der ja nach Roms Eroberung seinen Tod gefunden, wobei übrigens des Heeres Wunsch, die reiche Beute in Sicherheit zu bringen, die Haupttriebfeder gewesen sein mag.

Waren aber jene Schwierigkeiten grundlos und beruhten sie allein auf Aberglauben?

Wahrlich nicht: vielmehr war Attilas Lage zwischen den Apenninen und Po, wo nicht eine verzweifelte, doch mindestens eine höchst gefährliche.

Noch hatte er nicht von einem äußern, desto mehr aber vom innern Feinde gelitten, wie derselbe aus der Zuchtlosigkeit eines raubfahrenden und von Krankheiten, besonders während des italienischen Sommers heimgesuchten Heeres notwendig hervorgehen mußte.

Unfern Mantua erschien eine Friedensgesandtschaft aus Rom vor Attila.

Diese bestand aus dem römischen Bischofe Leo, einem auch in den schwierigsten Staatsgeschäften bewährten Manne, den die römische Kirche den Großen, die griechische den Weisen genannt hat, dem Konsular Gennadius Avienus aus dem erlauchten Geschlecht der Valerier und Corviner, den Sidonius (I, ep. 9) fast einen gebornen Fürsten nennt, und dem Expräfectus Prätorio Trigetius.

Mit Freuden und Ehren nahm Attila solche Männer auf, bewilligte ihnen sogleich den verlangten Frieden und ging über die Donau in seine Heimat zurück.

Raffael hat diese Verhandlung durch eine seiner herrlichsten Fresken in Vatican verewigt: demjenigen aber, welcher ohne Phantasie Geschichte zu schreiben hat, gehen doch, ohne dem immerhin großen Verdienste des Papstes Eintrag zu tun, über das den König bestimmende Motiv erhebliche Zweifel bei.

Von irgend welcher Gegenleistung Roms ist bei diesem Frieden zuvörderst nicht die Rede, woraus freilich auf Nichtgewährung einer solchen in Gelde mit Sicherheit nicht zu schließen ist, wenngleich Jordanis den Römern Ungünstiges sonst nicht zu verschweigen pflegt. Dagegen läßt dieser Schriftsteller Attila nach dem Friedensschlusse sein Verlangen nach Honorias Hand und Erbe, unter der Drohung, noch Schlimmeres über Italien verhängend dahin zurückzukehren, wiederholen. Hat er hierbei nicht die dem Kriege vorausgegangene Drohung mit einer nachfolgenden verwechselt, so wäre es doch eine fast zu große Naivität gewesen, dasjenige, was er bereits am Fuße des Apennins stehend fordern konnte, erst nachträglich von der Donau her noch durchsetzen zu wollen.

Attilas Lage und Beweggründe bei diesem schnellen Frieden waren wohl andere. Der kühne Eroberer, der in seinem Siegeslaufe plötzlich schwankend stillsteht, muß seine Sache selbst für bedenklich ansehen.

Vor allem tritt in diesem Falle die Unfähigkeit eines wilden Nomadenvolkes zu Eroberung eines hochzivilisierten Landes und Militärstaates recht schlagend hervor. Hätte Attila die festen Plätze, statt sie zu zerstören, behauptet, das Land teilweise wenigstens, statt es zur Wüste zu machen, verschont, so konnte er im Venetianischen seinem Heer Erholung, Pflege, wohl auch Verstärkung verschaffen, vor allem aber, was für die Hunnen die Hauptsache war, die lustbare Beute in Sicherheit bringen, und dann mit einem neugekräftigten Heere den zweiten Teil des Feldzuges beginnen.

Mit einem geschwächten, von Seuchen befallenen, unwilligen aber noch sechzig Meilen weit nach Rom marschieren, Tage lang durch den Apennin ziehen, wo er des Übergewichts seiner Hauptwaffe, der Reiterei, beraubt gewesen wäre, dabei in der Flanke oder im Rücken einen großen Feldherrn mit noch frischem Heer, der gewiß nur erst da und dann, wo er des Sieges fast sicher sein durfte, geschlagen haben würde, nach diesem allen endlich noch die Schwierigkeit vor Rom selbst, welches, nicht Alarich, sondern den Verwüster des Erdkreises vor sich, mit der Verzweifelung der Todesangst widerstanden haben würde:(Lauter Kombinationen ohne feste Anhaltspunkte. D.) – wäre unter solchen Umständen des Krieges Fortsetzung nicht sehr gewagt gewesen?

Glücklicher aber war diese Gottesgeißel als die spätere: Napoleon I. vor Moskau, dem die Friedensbotschaft ausblieb, die er mit unaussprechlicher Freude begrüßt haben würde.

Ob die römische damals mit oder ohne des Aëtius Zustimmung erfolgte, wissen wir nicht, zweifeln aber nicht, daß die mächtige, ihm feindliche Partei am Hofe den Krieg ohne sein weiteres Zutun beendigt zu sehen wünschte, er selbst aber auch einem durchaus günstigen Frieden ohne wesentliches Opfer nicht entgegen sprach.

An diesen Krieg knüpft sich der Anfang Venedigs, der stolzen Lagunenstadt, die in 1300 Jahren aus armseligen Fischerhütten zur Beherrscherin der Meere erwachsen ist.

Das nackte Leben zu retten, flohen die Bewohner des Festlandes auf die unbewohnten Inseln, erhielten sich zunächst dürftig von der Fischerei, erfreuten sich aber in den Stürmen der Folgezeit dieses Asyls, schufen sich künstlich immer mehr festen Boden und fanden allmählich in Fischerei, Salzbereitung, Handel und Reederei einen Erwerb, der stets blühender wurde und schon zu Cassiodors Zeit, nach dessen denkwürdigem Rescript an die dortigen Tribunen (tribuni maritimorum), bedeutend gewesen sein muß (Cassiod. variar. XII, 24).

Thierry (S. 222) läßt Attila nach ungarischen (! D.) Schriften aus dem zwölften und sechzehnten (! D.) Jahrhundert über den Brenner durch Noricum zurückkehren und auf diesem Wege sogar, des Friedens unerachtet, Augsburg plündern, von wo er durch eine Frau mit den Worten: »zurück, Attila«, abgetrieben worden sei.

Obwohl wir nun jenen Büchern allen Wert absprechen müssen, so gewinnt doch jene Angabe durch des Idatius Notiz zum neunundzwanzigsten Jahre Valentinians Wahrscheinlichkeit, worin derselbe sagt: »Die in Italien eingefallenen Hunnen seien von Gott durch Hunger und Krankheiten geschlagen worden; worauf sie in ihren Sitzen (wohl im weitern Sinne für das Land jenseits der Alpen (?? D.) sowohl durch himmlische Plagen, als durch Marcians Truppen bedrängt worden seien (subiguntur). Hierauf hätten sie Frieden mit Rom geschlossen und seien in die Heimat zurückgekehrt.«

In dieser Stelle sind wahre Ereignisse offenbar unchronologisch durcheinander geworfen: an der Tatsache von Marcians Mitwirkung aber ist, nach diesem Zeugnis eines sonst zuverlässigen Zeitgenossen, nicht zu zweifeln. Für diese aber konnte in Verbindung mit des Aëtius Kriegsplan kaum eine zweckmäßigere Operation erdacht werden, als ein auf dem nächsten Wege vom Ostreiche her gegen Attilas Rückzugslinie durch die julischen Alpen gerichteter Angriff, welcher dann dessen Wahl der Brennerstraße vollkommen erklären würde. Dabei mag nun, wenn wir Idatius folgen dürfen, Marcians General an den Frieden mit Westrom sich nicht gebunden erachtet, daher die Nachhut der Hunnen gedrängt haben, wodurch, in Verbindung mit dem viel weitern Wege, deren Verluste, sowohl durch Mangel und Krankheiten, als durch das Schwert wesentlich zugenommen haben mögen.

Mit vorstehender Annahme ist freilich die einzige Stelle, die wir noch in den Auszügen aus Priscus (1. Samml. 9, p. 153) über Attila finden, schwer zu vereinigen, wo derselbe nur sagt: »Nach Italiens Verwüstung kehrte Attila in seine Heimat zurück und kündigte sogleich dem Ostreich Krieg und Landesverheerung an, weil der mit Theodosius geordnete Tribut nicht bezahlt worden sei.« Offenbar nämlich würde nach dem Angriff durch Marcians Heer die unterlassene Entrichtung des Tributs kaum noch als Grund zur Erklärung eines Krieges, der ja bereits begonnen hatte, angeführt worden sein.

Indes gewährt ein aus einem Geschichtswerke herausgerissenes Bruchstück von nur vier Zeilen kein sicheres Anhalten: die Wahrheit bleibt uns sonach unerforschlich(Und obige Kombination grundlos. D.), obwohl es uns schwer fällt, des Idatius Zeugnis gänzlich zu verwerfen.

Jordanis sagt im Beginn seines 43. Kap. fast wörtlich dasselbe, wie Priscus, setzt aber hinzu, diese Drohung sei nur Maske gewesen, Attila vielmehr sogleich wieder gegen die Alanen und Westgoten nach Gallien gezogen. Diese hier eingeflickte Unmöglichkeit ist schlechterdings nur dadurch zu erklären, daß des Schriftstellers Einfalt aus zwei Erzählungen desselben Krieges vom Jahre 451, die er in verschiedenen Quellen gefunden, eine Wiederholung desselben gemacht hat. In der Tat verläuft auch dessen zweiter Feldzug im Wesentlichen genau so, wie der erste, nur daß dabei der Römer nicht gedacht wird.

Auf eine Widerlegung dieser handgreiflichen, von allen neuern Forschern anerkannten Ungereimtheit hat sich mit Recht keiner derselben eingelassen; nur Thierry (S. 223) versucht ihn durch Verwechselung mit einigen im Jahre 452 gegen die aufständischen Alanen im Kaukasus gelieferten Schlachten zu erklären. Er läßt aber dabei auffälliger Weise außer Acht, daß Jordanis ja nicht die Alanen, sondern den Westgotenkönig als Attilas Hauptgegner und als in einer großen Schlacht von ihm besiegt anführt, nach welcher letztern, die fast auf ganz gleiche Weise, wie die catalaunische verlief, Thorismund, wie er ausdrücklich hinzufügt, in seine Residenz Tolosa zurückgekehrt sei.

Der Stern des Welterschütterers war seit dem Tage von Orleans im Sinken: er starb nicht lange darauf. Es war im Jahre 453 (welches von den Zeitgenossen Prosper Aquitanus, Prosper Tiro und Idatius einstimmig als dessen Todesjahr bezeugt wird), als Attila, wie Jordanis Kap. 49 unter ausdrücklicher Beziehung auf Priscus berichtetQui, ut Priscus historicus refert., dem dichten Reigen seiner Frauen eine neue in der Person der schönen Jungfrau Idilko beigesellte. Nachdem er übermäßiger Freude, wohl auch dem Becher, am Hochzeitsmale sich hingegeben, lag er in der Brautnacht wein- und schlaftrunken auf dem Rücken, mit nach hinten herabgesunkenem Haupt, als ein plötzlicher Andrang des Blutes, das sich bei ihm sonst durch die Nase zu ergießen pflegte, mittelst gewaltigen Blutsturzes seinem Leben ein Ende machte.

Als er am Morgen nicht erschien, erbrach man endlich die Türe und fand den Entseelten in seinem Blute, neben ihm, unter ihrem Schleier in Tränen schwimmend, die junge Gemahlin.

Marcellin allein, der ein Jahrhundert später schrieb, läßt ihn durch diese getötet werden, fügt aber selbst hinzu, daß er nach andern an einem Blutsturze verschieden sei. Derselbe irrt auch darin, daß er, im Widerspruch mit den Zeitgenossen, Attilas Tod erst in das Jahr 454 setzt, noch mehr aber Prokop, der ihn d. b. Vand. I, 4, p. 330 sogar erst nach Aëtius sterben läßt.

Nicht durch Tränen, die der Hülle eines gewaltigen Kriegsfürsten nicht geziemt haben würden, sondern durch Männerblut, Zerfurchen des Gesichts und Abschneiden des Haars bekundete das Mongolenvolk seine Trauer.

Mitten auf der Steppe ward die Leiche zunächst in einem seidenen Zelt ausgestellt, vor welchem die edelsten und erlesensten Hunnen, nach Art der Zirkusrennen, im Kreise umhersprengten.

Dabei ertönte folgender Trauergesang:

»Attila, Mundzucs Sohn, der erlauchte König der Hunnen, Herr der tapfersten Völker, der in vorher unerhörter Macht allein die skythischen und germanischen Reiche beherrschte, schreckte beide römische Reiche, deren Städte er einnahm und zwang sie, die Schonung des Rests derselben durch einen jährlichen Tribut zu erkaufen.

Auf dem Gipfel solchen Glücks verschied er: nicht durch des Feindes Schwert oder der Seinen Hinterlist: sondern, während diese im Taumel der Freude schwelgten, schmerzlos, auf seinem Lager.«

Darauf ward über seinem Grabhügel ein ungeheuerer Leichenschmaus gefeiert, bei dem in schroffem Gegensatze Klage und Lust ineinander flossen.

Die Bestattung selbst erfolgte erst im Dunkel der Nacht, wobei zuerst ein goldner, dann ein silberner, endlich ein eiserner Sarg den Körper umschloß, dem erbeutete Waffen, Pferdeschmuck und andres kostbare von Edelsteinen glänzende Geräte beigelegt wurden.

Die Totengräber wurden – zu Bewahrung des Geheimnisses – sofort umgebracht.

Attila starb (nach der auch durch Wahrscheinlichkeit unterstützten Angabe des Calanus, Kap. 26, S. 157) im sechsundfünfzigsten Jahre seines Alters.

Wir stehen am Grabe eines großen Mannes, eines jener weltgeschichtlichen Schreckensmeteore, die sich nach Jahrtausenden oder vielen Jahrhunderten plötzlich einmal, einem grausen Ungewitter gleich, in Blutströmen und Vernichtungshagel über der Menschheit entladen.

Aus demselben Altaistamme folgte ihm nach acht Jahrhunderten Dschingis-Khan, nach einem Jahrtausend Timurleng.

Jordanis schildert Attila Kap. 35 in Folgendem:

»Er war zur Erschütterung der Welt geboren: die, man weiß nicht wie, verbreitete Meinung von seiner Furchtbarkeit setzte alle Lande in Schrecken. Stolzen Schrittes, die Blicke um sich her werfend, trat er auf: sein Machtgefühl leuchtete aus jeder seiner Bewegungen hervor; Krieg und Schlachten liebend, mäßigte er doch gern das Blutvergießen; unerschütterlichen Ratschlusses gab er doch Bittenden willig Gehör und war für diejenigen, welche er als treu erkannt hatte, voll Wohlwollens.

Im Äußern war er von kurzer Gestalt, breiter Brust, großem Kopfe, kleinen Augen, ein wenig graueingesprengtem Barte, platter Nase und dunkler Farbe« – so, wie wir hinzusetzen, die Merkmale seiner Rasse bekundend.

Dieser guten, offenbar Cassiodor angehörenden Charakteristik lassen wir die eigne folgen.

Es ist unmöglich, Attila zu begreifen, wenn man nicht festhält, daß er ein Asiate und das geborne Haupt eines wilden Nomadenvolkes war. Nicht, daß sein Tiefblick über den Nationalinstinkt nirgends hinausgegangen sei; davon losreißen aber konnte er nicht einmal sich selbst, noch weniger sein Volk.

In Attilas Person muß etwas unbegreiflich, fast auf übernatürliche Weise Imponierendes gelegen haben. Stummes Zittern erfüllte seine Umgebung. Dies aber war nicht die Furcht eines Orientalen vor seinem Pascha, sondern die fast religiöse Ehrfurcht vor einem höhern Wesen.

Seine Rechtssprüche, Worte, ja nur Blicke, denen selbst die Vornehmsten lauschten, wurden wie Naturgesetze unabänderlichen Waltens schweigend aufgenommen und blind vollstreckt.

Er war ein Despot: aber nur in der für sein Volk naturnotwendigen Form, übrigens wohlwollend und gerecht. Wie hätte er sonst, selbst bei Römern und Germanen, so viel treue Liebe und Anhänglichkeit finden können? Sein strenges Rechtsgefühl tritt besonders in dem Verhalten gegen Maximin und Bigila hervor, wo er, ohne sich von der Leidenschaft eines gerechten Zornes blind fortreißen zu lassen, den Schuldlosen sorgfältig von dem Schuldigen unterscheidet, auch im Verbrecher aber das Völkerrecht achtet.

Auch ein roher Barbar war er keineswegs, sondern gewiß voll Sinn für Kultur: daher den Verkehr Gebildeter suchend, deren einer sein erster und vertrautester Minister war.

Seinen Hof, bei dem ein sehr ausgebildetes Zeremoniell herrschte, umgab er mit fürstlichem Glänze, während er für seine Person an der alten Einfachheit des Steppenlebens festhielt und nur unverzierter Kleider und hölzerner Geräte sich bediente.

Attilas Gebote und Verbote waren durch furchtbare Strafen gesichert, da, bei Priscus wenigstens, eine geringere als der Kreuzestod nicht erwähnt wird. Der Kreis aber, innerhalb dessen die Freiheit seiner Untertanen dadurch beschränkt ward, mag ein enger gewesen sein, außerhalb dessen man sich dieser ganz unbelästigt und dabei doch in gesicherter Ordnung erfreuen konnte.

Das ist es ja, weshalb selbst geborne Römer das patriarchalische Hunnenregiment dem römischen enthusiastisch vorziehen.

In dem diplomatischen Verkehr mit den römischen Herrschern war der König hart, ungerecht, ja brutal; dies entsprang aus der Verachtung, mit welcher er im Stolze seines Machtbewußtseins auf deren Schwäche und Jämmerlichkeit herabblickte.

Ebenso verfuhren gegen die Schwachen das alte Rom und – nach Rom – andere Mächtige in neuerer und neuester Zeit.

In seiner Politik zog unser Held, echter Asiate, List und Verstellung stets den Waffen vor, die er nur als letztes Mittel in Anwendung brachte.

Zwei Züge nur sind es in Attilas Charakter, welche unserm Begriffe von Fürstenwürde unverständlich, ja widerlich erscheinen – : wir meinen den Wert, den seine Eitelkeit kleinlich auf vornehme Gesandte legte, und seine Gier nach Gold.

Wir haben oft gesagt, daß Roms Namen und historische Größe einen unbeschreiblichen Zauber auf die ganze Barbarenwelt ausübte, der sich mit der persönlichen Geringschätzung der zeitweiligen Herrscher vollkommen vertrug. Rom war immer noch das Höchste, Glänzendste, was man auf Erden kannte: jeder Barbarenfürst, auf welchen ein auserwählter Strahl dieser Herrlichkeit unmittelbar herabfiel, fühlte sich dadurch geschmeichelt. Ein Konsular daher, d. i. ein Mann, der einem Jahre für die ganze zivilisierte Welt seinen Namen gegeben hatte, schien mit einer Hoheit bekleidet, der man immer noch willig auszeichnende Verehrung zollte.

Schlimmer die zweite Schwäche –: Attila läßt sich von Gaiserich durch Geld zu Kriegen bestechen (? D.), nimmt von Theodosius, den er in stolzer Anmaßung seinen Knecht (δου̃λος) nennt, Titel und Gehalt an, läßt sich sogar von seinem eignen Diener, dem er durch seinen gebieterischen Einfluß eine reiche Frau verschafft, einen Teil der Aussteuer versprechen. Ist das nicht schmutzig, schimpflich? Prüfen wir genauer.

Ammian schließt seine oben mitgeteilte treffliche Schilderung der Hunnen mit den Worten: »Ihre vorherrschende Leidenschaft ist das Gold.«

Neben dieser Gier nach Gold waltete hier ein von Grund aus verschiedener Begriff von dem, was wir in germanischem Geist Ehrgefühl nennen. Da schien jedes zu Befriedigung eines an sich naturgemäßen Wunsches dienende Mittel naturgemäß, also unschuldig und erlaubt.(Gold bot dem König Macht und dem Volke – Genuß, nach welchem die wilden Mongolen maßlos lechzten. Gold war für den Herrscher wichtigstes Bestechungsmittel nach außen, Belohnungsmittel im innern, Soldmittel für den Krieg. D.)

Wir haben daher in jener unserm modernen Sinn so widerlichen Goldsucht Attilas nur den Durst nach Macht und den in ihm gipfelnden Nationalinstinkt seines Volkes zu erkennen.

Der Beiname Gottesgeißel (flagellum Dei), welchen eine spätere Zeit unserm Helden gegeben hat, gehört der Geschichte der seinigen nicht an, findet sich vielmehr zuerst in der Legende des heiligen Lupus, welche im achten oder neunten Jahrhundert verfaßt ward.S. Thierry, Anhang S. 200 der deutschen Übersetzung von Burkhardt. Leipzig 1859.

Die weltgeschichtliche Persönlichkeit Attilas bekundet sich vor allem durch dessen Fortleben in der Sage, die stets das Größte ergreift und es, phantastisch umkleidet, der Nachwelt überliefert. So lebt er fort bei den Galliern (in den Legenden), Germanen und Magyaren, welche letztere freilich in ihm zugleich den Nationalneiden feierten. Wir beschränken uns darauf, Attilas Erwähnung in den germanisch-skandinavischen Dichtungen, der Edda und den Nibelungen, kurz zu gedenken.

In ersterer sind es besonders das GudhrunarhvötDen aeldre Edda ed. Munch, Christiania 1847, S. 143–162., Atlakvidha und Atlamál, so wie in den Nibelungen beinah der ganze zweite Teil (von dem zwanzigsten bis zum neununddreißigsten Abenteuer), welche davon handeln. Da begegnen sich Geschichte und Dichtung zuvörderst in den Namen nicht nur Attilas selbst, als Atli der Edda und Etzel der Nibelungen, sondern auch dessen erster Gemahlin Cerca (Herkia der E., Helke der N), vor allem aber dessen Bruders Bleda (Blödel der N, 22. Abenteuer).

Völlig verschieden dagegen sind in beiden Dichtungen die Katastrophen: nach der Edda nimmt Gudrun (die Chrimhild der Nibelungen) für den Mord ihrer Brüder Blutrache an Atli, ihrem Gemahl, den sie tötet: – offenbar eine spätere Version über dessen plötzliches Ende, die schon zu Marcellins Zeit Verbreitung gefunden haben muß, während nach den Nibelungen umgekehrt Chrimhild die Ermordung ihres ersten Gemahls Sigfrid an ihren Brüdern und Hagen rächt, was denn die grause Burgunderschlacht ist, in der wir schon oben einen Kern historischer Wahrheit annahmen.

Merkwürdig aber, daß in beiden Dichtungen keine Spur von Attilas persönlichem Heldenmute sich findet, derselbe vielmehr nur den passiven Hintergrund des tragischen Epos bildet, in dessen Vordergrunde bei den weit ausführlicheren Nibelungen allein die furchtbare Chrimhild waltet.

Als Ausfluß des Nationalgefühles aber muß es in letztern betrachtet werden, daß, außer den Burgunderkönigen und deren Recken, nur noch der ebenfalls germanische Dietrich von Bern und dieser zwar als größter Held und endlicher Sieger in Attilas Dienst gefeiert wird.

Obwohl diese Nationalpoesien selbstredend kein historisches Material bieten, so haben doch die beiden Schlußstrophen des einundzwanzigsten Abenteuers der Nibelungen unsre Aufmerksamkeit gefesselt:

König Etzels Herrschaft war so weit erkannt,
Daß man zu allen Zeiten an seinem Hofe fand
Die allerkühnsten Recken, davon man je vernommen
Bei Christen oder Heiden; die waren all mit ihm gekommen.
Bei ihm war allerwegen, so sieht mans nimmermehr,
So christlicher Glauben als heidnischer Verkehr.
Wozu nach seiner Sitte sich auch ein Jeder schlug,
Das schuf des Königs Milde: man gab doch Allen genug.

Die hier wie in andern Stellen bezeugte Mischung von Heiden und Christen an Attilas Hofe und in dessen Heere beruht auf Wahrheit. Die meisten Germanen, mindestens die Ostgoten und Gepiden, unter ihm waren schon Christen.

Attilas Todesstunde ward die Geburtsstunde der Befreiung der Germanen aus fünfundsiebzigjähriger Knechtschaft, dieses wichtigsten Begebnisses des fünften Jahrhunderts.

Von den beiden Prosper und Victor Tununensis wird dies im Allgemeinen bestätigt: Näheres ergibt sich doch darüber allein aus des Jordanis 50. Kapitel, das offenbar wieder aus einer guten Quelle geflossen ist.

Attila mag die Absicht gehabt haben, seinen ältesten Sohn als den dafür Geeignetsten zum Nachfolger in seinem Gesamtreiche zu bestimmen. Dies kann aber auf eine nach der Volkssitte legale Weise noch nicht geschehen sein, weshalb die zahlreichen Söhne auf Teilung drangen. Unter diesen warenNach Thierry, dessen zweiter Teil hiervon handelt, S. 236. sechs: nämlich Ellak, Denghizish, Emnedzar, Uzindur, Gheism und Ernak, bereits erwachsen. Ellak muß sich dem unterworfen haben. Als dies Ardarich, der Gepide, Attilas weiser und treuer Ratgeber erfuhr, loderte das germanische Freiheitsgefühl in ihm auf. Empört durch den Gedanken, ganze Völker wie unfreie Knechte verteilt zu sehen, erhob er sich zuerst wider Attilas Söhne; mit ihm bald auch die meisten seiner unter gleichem Drucke schmachtenden Stammgenossen.

Nachdem man beiderseits gewaffnet, kam es in Pannonien bei dem Flusse Netad (auch Nedad, Nedao oder Neoda) zur Schlacht. Ist diese geographische Bezeichnung genau, so wäre, da die Provinz Pannonien vor bis zur Donau reichte, der Krieg auf deren rechtem Ufer verlaufen.

Uns dünkt jedoch das linke zwischen Gran und Preßburg wahrscheinlicher, weil eines Stromübergangs nicht gedacht wird, und weil die Germanen, welche wohl von den Hunnen angegriffen wurden, auch wohl ein mehr gebirgiges Terrain zu ihrer Aufstellung gewählt haben dürften. Sollte diese Vermutung Anklang finden, so würde vielleicht der Name obigen Flusses in dem der Neitra wieder zu erkennen und an deren oberem Laufe das Schlachtfeld zu suchen sein.

In diesem Kampfe sah man, wie Jordanis Kap. 50 sagt, die Glieder eines Leibes, nach dessen abgeschlagenem Haupte, gegen einander wüten: Goten, Gepiden, Rugier und Sueben (Ostgoten, die Reste der Vandalen, dann Quaden und Markomannen) gegen Hunnen, AlanenJordanis gibt nicht an, auf welcher Seite die einzelnen Völker standen: weil er aber die Alanen und Heruler erst nach den Hunnen aufführt, so scheint es wahrscheinlicher, daß letztere für diese fochten. Dies taten aber unstreitig auch diejenigen Germanen, welche wie Edeco in Attilas unmittelbarem Dienste standen, oder als Abenteurer und Söldner zu dessen Hoflager und Umgebung gehörten. und Heruler. Der Sieg aber blieb nach langem schweren Streite der Sache der Freiheit. 30 000 Mann sowohl Hunnen als anderer mit ihnen vereinter Völker fielen durch Ardarichs und seiner Streitgenossen Schwert.

Ellak blieb nach den Beweisen größter Tapferkeit in der Schlacht.

Seine Brüder flohen nach den Gestaden des Pontus zu und so wichen denn endlich die Hunnen, vor denen der Erdkreis gewichen war.

Im Hochgefühle der errungenen Freiheit sandten die Völker, zu friedlicher Auseinandersetzung über die neuen Sitze unter sich und mit Rom, Gesandte an Marcian, welche dieser auf das freundlichste empfing. Die Gepiden, welche sich des ganzen alten Dakiens als Sieger bemächtigt hatten, gewiß aber nur in Siebenbürgen und der Wallachei sitzen blieben, verlangten und erhielten vom Kaiser Frieden und Foedus mit jährlicher Geldzahlung, die ihnen auch bis auf des Jordanis Tage unter dem Namen eines Geschenks fortgewährt wurde.

Den Ostgoten, welche die Gepiden am Platze der Hunnen, letztere aber in ihren alten Sitzen sahen, auch schon unter der Herrschaft der Hunnen, als deren Vorhut gegen die andern Germanen, großenteils in Pannonien gesessen haben mögen, ward auf ihr Bitten Pannonien von Sirmium bis Wien von Rom überlassen, worunter wir Westrom verstehen müssen, das doch im Jahre 433 nicht die ganze Provinz, sondern nur einen Teil derselben den Hunnen abgetreten hatte.

Die Sarmaten, d. i. Jazygen, nebst einigen Hunnen empfingen einen Landstrich im westlichen Obermösien bis zu castra Martis, etwa vier Meilen westlich des Oescos (Isker) an der Donau, die Skiren, Satagaren und die übrigen Alanen (die Satagaren waren also ein Zweig letzterer) wurden in Klein-Skythien und Niedermösien angesiedelt. Bei dem Alanenkönige Candac war des Jordanis Großvater als Notar in Dienst.

Den Rugiern und einigen andern Völkern ward auf ihren Wunsch die Gegend von Bizzis und ArcadiopolisDiese Orte finden sich weder bei Ptolemäus, der nur ein Bizüä in Thrakien nennt, noch im Itinerar. Arcadiopolis lag nach Malchus (p. 243 und 262 d. Bonn. Ausg.) in Thrakien, ist aber offenbar nur der neue Name einer ältern, vielleicht durch Arcadius restaurierten Stadt. Diese Lage von Arcadiopolis paßt aber nicht für die Niederlassung der Rugier, für welche eine andere Stadt dieses Namens in Niedermösien anzunehmen ist. angewiesen.

Von Attilas Söhnen ließen sich Ernak oder Hernak der Jüngste in Klein-Skythien (Dobrutscha), Emnadzur und Utzindur im ripensischen Dakien an den Flüssen Utus, Oescus und Almus (etwa von Nikopolis an der Donau bis Widdin) nieder. (Jordanis, Kap. 50.) Da nach obigem in derselben Gegend auch die Sarmaten mit den Hunnen saßen, so waren erstere vielleicht unter hunnischer Oberherrschaft geblieben.

Es unterliegt keinem Zweifel, daß der Rechtstitel dieses neuen Landbesitzes der Barbaren, der sonach auf einen langen Streifen südlich der Donau sich erstreckte, dessen Überlassung durch Rom war, mit dem deshalb gewiß von allen Völkern Verträge geschlossen wurden.

Nur die Nachricht von den Rugiern und Skiren kann nicht (? D.) von den Gesamtvölkern derselben verstanden werden, die späterhin unzweifelhaft im Norden der Mitteldonau im heutigen Österreich und beziehentlich Oberungarn saßen, ist daher nur auf eine Abteilung derselben, vielleicht derjenigen, welche auf hunnischer Seite gekämpft hatten, zu beziehen. (S. Zeuß, S. 484/5.)

Wir wenden uns zu Rom zurück.

Wer Valentinian und den Hof zu Ravenna kannte, mußte vorhersehen, daß Aëtius des Reiches Erlösung von Attila nicht lange überleben würde.

Ein schwacher Herr und ein von Neid und Haß erfülltes Hofgesinde können einen übermächtigen Diener um so weniger ertragen, je größer dessen Verdienst ist. Es war die Wiederholung von Stilichos Sturz unter Honorius: nur mit dem Unterschiede, daß letzterer zwar von gleicher Schwäche, aber doch verständiger, vor allem ängstlicher, daher vorsichtiger war, als der leidenschaftliche und zügellose Valentinian III. Daher handelte auch Honorius nicht früher, als nachdem es durch eine schurkische Intrige, die er gewiß nicht vollständig durchschaute, gelungen war, den größten Teil des Heers zum Aufstand wider Stilicho zu bringen, was ihm eine Art von Vorwand bot.

Nur entbehrlicher mochte im Jahre 454 der große Feldherr erscheinen, weil der Reichsfeind bereits tot war, während im Jahre 408 Alarich noch, und zwar in drohender Nähe, lebte.

Prosper Aquitanus, den Tiro kopiert, berichtet Folgendes vom Jahre 454, in welchem Aëtius selbst Konsul warDies setzt des Aëtius Todesjahr außer Zweifel. Tillemont VI, 2, Art. 27 hält zwar für wahrscheinlicher, daß dies ein dem Ostreich angehöriger Aëtius gewesen sei, was wir jedoch, da auch der zweite Konsul, Studius, daher war, nicht glauben.: nach gegenseitigen Treue-Schwüren, nach verabredeter Vermählung ihrer Kinder (des Aëtius Sohn Gaudentius mit Valentinians Tochter Eudocia) sei die bitterste Feindschaft entstanden, welche der Eunuch Heraclius (Oberkammerherr) im Kaiser geweckt und geschürt habe.Tillemont VI, 2, S. 452 zitiert bei dem Berichte von des Aëtius Fall unter andern auch Sidonius Apoll. Carm. V, worin sich v. 127–310 eine weitschweifige poetische Verhandlung zwischen des Aëtius Gemahlin und ihrem Manne über die durch Majorians Zukunft ihrem Sohne drohende Gefahr findet.

Nach Prokop (d. b. Vand. I, 24, p. 329) und Johannes von Antiochien (dessen Fragmente Carl Müller in seinen Fragm. Historic. Graec, Paris 1851, T. IV, herausgegeben hat, Fragment 201, p. 614) soll aber auch der sogleich zu erwähnende Maximus mitverschworen gewesen sein.

Die Katastrophe selbst wird von letzterm Schriftsteller aus der ersten Hälfte des siebenten Jahrhunderts, der nach dem Herausgeber (p. 538) für die betreffende Zeit hauptsächlich Priscus benutzt hat und für diese, wie uns dünkt, mit Recht empfohlen wird, sehr umständlich, kürzlich aber in Folgendem erzählt.

Als Aëtius, um Rechnung abzulegen und Geld abzuliefern, zum Kaiser gekommen, sei dieser heftig schreiend aufgesprungen und habe ihn mit den grundleersten Vorwürfen überhäuft.

Indem sich der Patricius hierauf verantworten wollen, hätten sich Valentinian und Heraclius, der einen Dolch unter dem Mantel verborgen, auf ihn gestürzt und ihn mit wiederholten Stößen getötet.

Daß der Kaiser dabei selbst als Mörder mitwirkte, wird auch von Prosper Aquitanus bestätigt.

Auch der Präfectus Prätorio Boethius und wohl noch andre Anhänger des Aëtius wurden nach ihm umgebracht.

So fiel in ungefähr gleichem Alter mit Attila Roms letzter großer Mann: und mit ihm das Westreich selbst, das von dem an nur noch in zweiundzwanzigjährigem Todeskampfe ruhmlos den letzten Atem verhauchte.

War er voll Ehrgeiz, scheute er zu dessen Befriedigung, namentlich zu Wegräumung von Nebenbuhlern kein Mittel, auch Mord und Lüge nicht, so fragen wir nur: welcher hochgestellte Römer seiner Zeit würde bei gleichem Ehrgefühl anders gehandelt haben? Trugen dessen Gegner nicht auch Mordgedanken im Busen? Wirklich erzählt uns Johannes Antiochenus (p. 615) hierbei, daß der Patricius Felix auf Placidiens Veranlassung Aëtius nach dem Leben getrachtet habe.

Was aber der Überwinder Attilas als Feldherr, was er als Staatsmann war, beweist die Geschichte.

Der anekdotenreiche Prokop erzählt (p. 329 a. Schl.): »ein vom Kaiser darüber befragter Römer: ob er nicht wohlgetan, Aëtius wegzuschaffen, habe diesem erwidert: darüber könne er nicht urteilen, daß er sich aber die rechte Hand mit der linken abgehauen habe, wisse er genau.«

Die rächende Nemesis zögerte diesmal nicht.

Nach Johannes Antiochenus a. a. O. suchte Maximus des Aëtius Ämter, namentlich das Konsulat, zu erlangen, ging aber, weil ihm Heraclius entgegenwirkte, leer aus, worauf er erbittert des Kaisers Sturz beschloß. Dazu gewann er zwei tapfere Goten, Optila und Traustila(Al. -äla, goth. -aila? doch wohl -ila; vergl. Optaris; vielleicht Transtila? D.), des Aëtius treue Waffengefährten, die nun unter den kaiserlichen Leibwächtern dienten.

Unbesorgt reitet Valentinian mit schwacher Begleitung, unter welcher die Verschworenen sich befinden, zum Bogenschießen auf das Marsfeld. Indem er nun daselbst absteigt, empfängt er von Optila den ersten Streich auf das Haupt und, sich nach diesem umwendend, den zweiten in das Gesicht, der ihn zu Boden wirft. Gleichzeitig tötet sein Genosse den Heraclius, worauf beide mit dem kaiserlichen Diadem und Roß, ohne daß jemand die gefürchteten Krieger aufzuhalten wagt, zu Maximus eilen.

Prokop dagegen berichtet a. a. O. p. 328: Valentinian habe aus böser Lust des Maximus schöne Frau durch List in den Palast gelockt und ihr daselbst Gewalt angetan, was deren Gemahl zu jener blutigen Rache getrieben habe. Die weitere Erzählung dieses Schriftstellers, dem auch Gibbon und andre, selbst Niebuhr, folgen, enthält aber Unrichtigkeiten, was denn auch obiges Anführen verdächtig macht, von dem der weit genauere Johannes Antiochenus nichts weiß, den jene Historiker freilich noch nicht kannten.

Valentinian III. starb am 16. MärzNach der in Roncallis Sammlung II unter VIII abgedruckten Chronik eine unbekannten Verfassers wird S. 168 der 17. März als der Erhebungstag des Maximus angegeben. 455 im fünfunddreißigsten Altersjahr; auch bei ihm ist, wie bei Honorius, seine Geschichte zugleich seine Charakteristik.

Nach des Kaisers Tode spalteten sich die Meinungen der Soldaten über den Nachfolger. Neben Maximus wollten viele einen Maximian, andre den spätern Kaiser Majorian erheben, welchen letztern Eudoxia, Valentinians Witwe, begünstigte.

Maximus aber hatte das meiste Geld: das gewann ihm, wie einst Didius Julianus, den Thron, den er auf gleiche Weise und eben so bald wie jener wieder verlor.

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