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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 72
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
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Unmittelbar nachher (wenn Fr. 6 des Priscus, p. 215 nicht einer viel frühern Zeit angehört und nur aus Versehen hierher gesetzt worden ist) forderte Attila unter Kriegsdrohung die in Rückstand gebliebene Tributzahlung, worauf Apollonius zu ihm gesandt wurde. Da dieser aber das Geld nicht mitbrachte, nahm ihn der König nicht an, befahl ihm jedoch bei Todesstrafe, die kaiserlichen Geschenke abzuliefern, worauf der Gesandte würdig erwiderte: »Du kannst sie entweder durch meinen Empfang erhalten oder mit Gewalt nehmen; freiwillig aber gebe ich sie auf dein Verlangen nicht.« Darauf ließ ihn Attila unverrichteter Sache, aber unangefochten zurückkehren.

Wir unterbrechen hier den Geschichtslauf durch einen Rückblick auf das innere Volks- und Staatsleben der Hunnen.

Da finden wir denn: Festhalten an dem alten Nomadentum in vielen Beziehungen, überwiegendes Reiterleben, Haß gegen Städte, die Steppe ihr Element: anderseits aber auch schon Fortschritt zur Seßhaftigkeit, Empfänglichkeit für Zivilisation, Geschick und Sinn für völkerrechtliche Verbindungen.

Zu Roß wird diplomatisch verhandelt, zu Roß genießt der König von einem Ehrenmale; nicht in einer der zahlreichen Städte des alten Dakiens oder in anmutigen Vorbergen Ungarns, in der Steppe schlägt Attila seine Residenz auf, die zwar nicht mehr ein Zeltlager, aber doch nur aus Holz erbaut ist: nicht ohne Zier, aber ohne Befestigung.

Auf den ersten Blick scheint Priscus sogar die angebliche Verwandlung ganz Dakiens in eine Wüste (der wir widersprachen) dadurch zu unterstützen, daß er dies von dem Landstriche südlich der Donau ausdrücklich anführt und nördlich derselben mindestens keiner Stadt außer der Festung Constantia an jenem Flusse (p. 223) gedenkt.

Aber in Wirklichkeit war nur der Grenzstreif zwischen Hunnenland und dem römischen Gebiet mit seinen festen Plätzen aus Militärraison wüste gelegt und von den Hunnen gar nicht in Besitz genommen worden, wovon sich keine Spur findet; höchstens ward er vorübergehend als Hutweide benutzt: Priscus hat auf seiner Reise nicht das alte Dakien, nur das Jazygenland betreten, das sicherlich immer ohne Städte war.

Übergang zur Seßhaftigkeit finden wir nicht nur in Attilas Residenz selbst, sondern auch in der mehrfach erwähnten Grundherrlichkeit über unterworfene Orte, deren Insassen gewiß weder Hunnen noch Germanen, sondern die alten jazygischen oder römischen Bewohner waren.

Luxus, wenn auch nicht um Attilas Person, und Hofetikette beweisen den Fortschritt zur Kultur. Die höhere Bildung der Römer wird anerkannt und geschätzt; aus ihnen wählt der König nicht nur seine Arbeitsgehilfen, auch seinen ersten Minister; die Sprache derselben ist in das Volk eingedrungen. Auch die Germanen hat der König offenbar für gebildeter und brauchbarer als seine Hunnen angesehen. Daß der innige Verkehr mit jenen überhaupt einen mildernden Einfluß auf das Steppenvolk ausgeübt habe, ist nicht zu bezweifeln.Köpke, S. 137, nimmt (mit Recht D.) an, bereits vor dem Einbrüche der Hunnen sei an den Grenzen vielleicht eine Mischung der Goten mit denselben eingetreten. Schon in der Zeit vor Attila haben deren Fürsten gotisierende Namen gehabt, wie Balember, Walamir, Mundioch (nach andern aber Mundzuck) und Mundevech; Attila und Bleda selbst aber sind ganz gotisch.

Der damalige Umfang des Hunnenreichs ist unbekannt, daran aber, daß alle »skythischen«, d. h. finnischen und slavischen und auch manche germanische Völker zwischen dem Pontus und der Ostsee ihm unterworfen waren, nach der zuverlässigen Angabe des Romulus (S. 234) ebensowenig zu zweifeln, als daß die Slaven damals mindestens schon bis zur Weichsel nach Westen vorgerückt waren. Aber eine merklich weitere Ausdehnung der Herrschaft Attilas, namentlich über Germanen westlich des gedachten Stromes, können wir nicht annehmen, müssen daher des Jordanis Angabe (Kap. 49Fortissimarum gentium dominus, qui inaudita ante se potentia solus Scythica et Germanica regna possedit.), »daß er die skythischen und germanischen Reiche besessen«, den vielen gedankenlosen Äußerungen dieses Schriftstellers beizählen, der in den auf den Bericht von Attilas Tod folgenden Worten wahrscheinlich die spätere, nur ganz vorübergehende Unterordnung germanischer Völkerschaften bei dessen Zuge nach Gallien vor Augen gehabt hat.

Vom innern Staatsleben können wir (nach Priscus, p. 167, 168 und 214) nur annehmen, daß allein die Horde oder der Stamm der »königlichen Hunnen« (βασιλείοι ΣκύθαιPriscus nennt dieselben bald Skythen, bald Hunnen, was ihm gleichbedeutend ist.) das herrschende Volk bildete, alle übrigen Einwohner aber nur Untertanen waren, wobei jedoch die übrigen Hunnen noch mancher Vorrechte vor den lediglich unterjochten Völkern genossen. Auch die dazu gehörigen Germanen, namentlich die Ostgoten und Gepiden, erfreuten sich, wie wir bald sehen werden, schonender, ja oft ehrender Behandlung. Die obersten Beamten und angesehensten Männer am Hofe wurden anscheinend ohne Unterschied der Geburt Logaden (Große) genannt. (Priscus, p. 173, 174 und 210.)

Der römische Tribut ward nach Priscus, p. 168, nicht dem König allein, sondern den königlichen Hunnen gezahlt, die sich überdem durch besondere Tracht auszeichneten.

Das Regiment war ein durchaus patriarchalisches. Der König selbst sprach, auf die einfachste Weise, unentgeltlich, das Recht; furchtbar die Strafen, deren eine andre als Kreuzigung gar nicht erwähnt wird; unbelästigt aber, größter Freiheit genießend jedweder, der von Verletzung der einfachen Gebote des Herrn und von Frevel sich fern hielt, so daß selbst geborne Römer das Leben unter den Hunnen dem im römischen Staate vorzogen. Auch in den Lasten ein großer Unterschied: dort der Untertan beinah erdrückt, hier der herrschende Stamm sicherlich völlig abgabenfrei, während den übrigen, außer den Kriegs- und sonstigen Diensten, gewiß nur mäßige Entrichtungen, großenteils wohl in Naturalien oblagen, da die beschränkten Bedürfnisse der Geldwirtschaft unstreitig hauptsächlich aus dem römischen Tribute bestritten wurden, der von Konstantinopel allein zuletzt 2100 Pfund Goldes (zwischen 1 800 000 und 2 100 000 Mark) jährlich betrug. Wahrscheinlich war auch Westrom, dem der Hunnenkönig ein starkes Hilfsheer zuführte, davon nicht frei. (Haage nimmt zwar (S. 19) aus guten Gründen an, daß dies Reich keinen eigentlichen Tribut, sondern nur einen persönlichen Gehalt an Attila zu zahlen hatte. Dies schließt aber eine Entrichtung für das Hilfsheer, das vom Jahre 433 bis mindestens 439 den Römern diente, nicht aus.) Rechnet man hier zu die auf einmal gezahlte nachträgliche Kriegssteuer, die im Jahre 466/7 allein nahe sechs Millionen betrug, die Spendungen des reichen Gaiserich und vor allem den Erlös aus der namenlosen Plünderung und Beute, wovon dem Könige gewiß ein großer Teil zufiel, so kann es Attila wahrlich an Geld nicht gefehlt haben.

Wir können nicht zweifeln, daß die ursprüngliche Staats- und Volksverfassung der Hunnen, Avaren, Magyaren und anderer asiatischer Einwanderer im Wesentlichen dieselbe war, nur mit dem Unterschiede, daß sie bei den Tataren, die fortwährend in der Steppe sich tummelten, stationär blieb, bei den Hunnen und übrigen aber durch die Übersiedlung in Länder anderer Beschaffenheit und Kultur wie durch die Nachbarschaft Roms und sonstiger christlicher Staaten sehr bald wesentlich modifiziert ward.

Auch jene nur beschränkte Gewalt des Oberhauptes mag bis zu Attila fortbestanden haben und erst durch dessen gewaltige Persönlichkeit, wiewohl unter kluger Schonung der Nationalansichten und Vorurteile, in eine fast ungebundene Despotie umgewandelt worden sein.

Auch Attilas Politik erklären wir aus weiser Auffassung und richtiger Würdigung des Nationalinstinkts. Das weite nordische Flachland seiner dünnen und rohen Bevölkerung fand er zur Unterwerfung trefflich geeignet, das römische Gebiet mit seinen reichen Städten und Kulturschätzen keineswegs. Dahin übersiedeln konnte er sein Volk nicht, ohne dies, wie mit den Vandalen in Afrika geschah, zu entnationalisieren und zu verderben. Eroberung und Verwüstung des europäischen Ostroms bis zur Seeküste, welche ihm bei der Überlegenheit der römischen Marine wohl Schranken gesetzt haben würde, wäre ihm zwar leicht gewesen, dadurch aber hätte er die Kuh, die ihn nähren sollte, mutwillig selbst getötet.

Deshalb sind wir überzeugt, daß Attila die Donau als Grenze zwischen seinem Reich und Rom festhalten wollte, was denn auch durch den letzten Friedensschluß mit Anatolius und Nomus merkwürdig bestätigt wird, durch den er sogar den früher weggenommenen und gewiß nur aus den vorstehend erwähnten militärischen und ökonomischen Rücksichten wüste gelegten Landstrich südlich der Donau wieder herausgab.

Am 20. Juni oder 28. JuliS. Tillemont VI, 2, S. 188, der jedoch nur spätere Quellen anführt, da die Chronisten den Tag nicht angeben. verschied der fromme und gelehrte, aber sehr schwache Theodosius II., welchem sein unwürdiger Günstling Chrysaphius, auf Pulcherias Befehl hingerichtet (Prosper Aquitanus und Marcellin), bald im Tode folgte. Letztere, des Kaisers mehrerwähnte Schwester, die bereits Augusta war, wählte den tapfern und verdienten Krieger Marcian, neunundfünfzig Jahre alt, zum Thronfolger und Gemahl, wobei sie sich jedoch die Bewahrung ihrer bereits einundfünfzigjährigen, daher anscheinend kaum noch gefährdeten Jungfräulichkeit zur Bedingung gemacht haben soll.

Sogleich nach des Theodosius Tode forderte Attila von dessen Nachfolger den bedungenen Tribut. Marcian aber verweigerte diesen mit den Worten: für den friedlichen Nachbar habe er zwar Geschenke, dem Kriegdrohenden aber werde er mit nicht geringerer Streitkraft entgegentreten.

Zu gleicher Zeit auch hatte der König den Beherrscher Westroms, Valentinian III., beschickt, unstreitig auch wegen des noch nicht ausgetragenen Streits über Silvan, besonders aber weil ihm (nach Priscus, p. 51) damals erst Honorias Behandlung bekannt geworden sei, deren Hand er nun mit der Drohung verlangte, er werde ihr, wenn ihm nicht das ganze Reich sogleich abgetreten werde, zu Hilfe eilen.

Valentinian erwiderte: Honoria sei bereits vermählt, könne ihm also nicht verbunden werden; auf das Reich aber habe sie überhaupt keinen Anspruch, weil die Thronfolge in Rom nur Männern zustehe.

Auf diese beiden Gesandtschaften bezieht nun Thierry (Kap. 4 a. Schl., p. 127) eine Stelle des Malalas (Chronogr. XIV, p. 358 d. Bonn. Ausg.), nach welcher Attila beiden Kaisern durch seine Sendboten folgenden gleichen Bescheid zugehen lassen: »Mein Herr und Dein Herr, Attila, befiehlt Dir durch mich, sogleich Deinen Palast für ihn einzurichten.« Dieselbe Nachricht befindet sich auch im Chron. Paschale, aber mit völlig gleichen Worten, also unstreitig aus dem etwas ältern Malalas abgeschrieben.

Dieser letztere sagt nun, zu des Theodosius II. und Valentinians III. Zeit habe »ein gewisser Attila, aus dem Stamme der Gepiden«, ein unermeßliches Heer zugleich wider Rom und Konstantinopel geführt, und dabei den Kaisern obigen Befehl ausrichten lassen. Diese Worte charakterisieren einen Schriftsteller von arger Unwissenheit. Wie aber ein Historiker auf den alleinigen Grund solcher Autorität hin eine Tatsache, deren innere Unglaubhaftigkeit zu beleuchten überflüssig wäre, als von ihm nicht bezweifelt aufstellen kann – haben wir dem eignen Ermessen unsrer Leser anheimzustellen.

Zu jener doppelten Verwickelung Attilas mit beiden Reichen gesellte sich nun auch noch eine dritte.

Gaiserich, dessen reiche Schätze bei letztern stets willigen Eingang fanden, wiegelte ihn gegen den Westgotenkönig Theoderich auf. Schwer hatte der Vandale diesen durch Rücksendung seiner auf das Grausamste verstümmelten Tochter beleidigt, mochte daher dessen Rache im Wege eines Bündnisses mit Rom um so mehr fürchten, da letzteres längst auf Vernichtung des ihm so furchtbaren Herrschers brannte.

Was konnte ihn dagegen sicherer schützen, als wenn Attila beide oder einen dieser Feinde angriffe?

Da schwankte der Hunne zwischen dem Kriege nach Osten und dem nach Westen; den Ausschlag mag Gaiserichs Gold für letzteres Ziel gegeben haben.Haage in der angeführten Schrift, S. 17, läßt Attila schon bei dem Frieden mit Anatolius und Nomus den Krieg gegen Westrom im Auge haben. Dies ist möglich, aber die Ausbeutung des Ostreichs lag ihm an sich militärisch und politisch viel näher und da der Feldzug des Jahres 451 nicht gegen Italien, sondern offenbar gegen die Westgoten in Gallien gerichtet war, so sind wir fortwährend überzeugt, daß Gaiserichs reiche Spende ihn hauptsächlich dazu bestimmt habe. (Siehe aber dagegen Dahn, Könige V, S. 77. Urgeschichte I, S. 369.

Dabei wirkten noch zwei Nebenrücksichten auf den Zug nach Gallien mit.

Der Arzt Eudoxius, ein schlechter, aber gewandter Mann, war, wohl um einer Strafe zu entgehen, zu den Bagauden und von da bereits im Jahre 447 zu den Hunnen entwichen. (Prosper Tiro.) Dieser mag nun Attilas Waffen, unter Verweisung auf die Hilfe der Bagauden, gegen sein Vaterland zu lenken gesucht haben.

Auch war, anscheinend nicht lange zuvor, bei den Franken und zwar wohl bei den ripuarischen, nach dem Tod ihres KönigsS. Priscus 1. Sammlung 8, p. 152. An die salischen Franken ist schon ihrem Sitze im äußersten Nordwesten Galliens nach weniger zu denken: auch ersehen wir, daß im Jahre 451 Childerich über sie herrschte und auf römischer Seite mitfocht, also kaum jener blondgelockte Jüngling gewesen sein kann, den Priscus im Rom sah., ein Erbfolgestreit zwischen dessen Söhnen entstanden, in welchem der ältere Attilas, der jüngere des Aëtius Hilfe anrief, der ihn sogar adoptierte. Diesen letztern sah Priscus selbst als Jüngling im Schmucke seiner lang über die Schultern herabfallenden goldnen Locken zu Rom.

Die zweite Hälfte des Jahres 450 mag die militärische und diplomatische Vorbereitung erfüllt haben.

Dahin gehörte vor allem die Unterwerfung oder richtiger die Erzwingung der Bundeshilfe aller zwischen dem obern Pannonien (beziehentlich auf beiden Ufern der Donau) und dem Rheine sitzenden germanischen Völker. Daß er mit diesen vorher schon Beziehungen angeknüpft hatte, ist sehr wahrscheinlich, ein Zwangsgebot aber erging wohl erst jetzt. Die Welt war vom Schrecken Attilas erfüllt: wie hätten diese verhältnismäßig schwachen Völker bei der Wahl, ob sie ihn als Freund oder Feind aufnehmen wollten, auch nur einen Augenblick schwanken können?

Hauptsächlich aber aus des eignen Reiches weiten Gauen vom Pontus bis zur Ostsee, vom Don bis zur Weichsel entbot der Völkerfürst seine Scharen, deren tunlichste Ordnung und verbesserte Bewaffnung nebst der Beschaffung des unentbehrlichsten Kriegsbedarfs ihn zunächst beschäftigt haben mag. Der Dichter Sidonius Apollinaris führt in seinem Panegyricus auf AvitusCarm. VII, v. 321–327:

Barbaries totas in te transfuderat arctos
Gallia, pugnacem Rugum comitante Gelono,
Gepida trux sequitur. Sarum Burgundio cogit,
Chunus, bellonotus, Neurus, Bastarna, Toringus,
Bructerus, ulvosa quem vel Nicer alluit unda,
Prorumpit Francus, cedit cito secta bipenni
Hercinia in lintres, et Rhenum texuit alno.
Et jam terrificis diffuderat Attila turmis
In campos se, Belga, tuos.

Das Bellonotus halten wir für ein Beiwort: kriegsberühmt, woraus irrtümlich durch die Abschreiber ein Eigenname gemacht worden, der sonst völlig unbekannt ist. (Aber beide o sind lang. D.)

nach Dichterweise, wie wir dies schon bei Claudian bemerkten, eine Menge teils bekannter, teils unbekannter Namen der Völker in Attilas Heergefolge an.

Unter den dabei miterwähnten Burgundern haben wir zu denken an die im Fortgange des Kriegs zum Anschluß an Attilas Heer gezwungenen, unter römischer Oberhoheit in Gallien sitzenden.

Die Historia miscella, eine zwar meist wertlose spätere Compilation, großenteils aus den Chronisten, die doch zum Teil aber auch uns verlorne Quellen benutzt hat, nennt (Buch XV, p. 444 der Baseler Ausg. von 1569) richtiger nächst den Gepiden und Goten, Markomannen, Sueben, Quaden, überdies Heruler, Turkilinger und Rugen, unter ihren eignen Königen, endlich die barbarischen Völker des Nordens.

Die Thüringer werden hier zuerst mit diesem Namen erwähnt.Nördlich der Donau und östlich des Limes saßen zu Anfang des ersten Jahrhunderts n. Chr. unzweifelhaft die Hermunduren (s. Bd. I). Hier kennt sie die Geschichte bis zum markomannischen Kriege, an welchem sie sich beteiligten. (S. Bd. I)

Auf einmal verschwindet deren NameDas einzige spätere Vorkommen dieses Volkes in Jordanis, c. 22, zur Zeit Constantius des Großen bezieht sich aber – auf einen ganz anderen Sitz derselben in den Karpaten., während in deren Sitzen, besonders aber südlich von denselben, im Jahre 270 plötzlich ein neues Volk, die Juthungen, aber als ein schon seit langer Zeit bestandenes genannt wird. Dies war ein zu den Alemannen gehöriges Volk. Die Juthungen bleiben uns dort bis zum Jahr 429 ungefähr bekannt, wann Aëtius dieselben aus Noricum, in das sie eingefallen waren, wieder herausschlägt und demütigt.

Hierauf wiederum neuer Namenswechsel der Bewohner desselben Landes. Die Juthungen verschwinden (sie waren nach »Schwaben« abgezogen): die Thüringer treten an deren Stelle.

Daß auch diese, weil zuerstVegetius Renatus Artis veterinanae libri IV, der IV, 6 die thüringischen Pferde, nach den hunnischen, denen er den ersten Rang zum Kriegsgebrauch einräumt, für die tüchtigsten erklärt, ist ungewissen Alters. Doch möchte man glauben, daß er, jener Äußerung nach, erst nach den großen Hunnenkriegen mit Rom 451 und 452 schrieb. von Sidonius Apollinaris unter Attilas Hilfsscharen erwähnt, nördlich der Donau saßen, durch welche Gegend ein Teil des Heeres ziehen mußte, ist mindestens höchst wahrscheinlich, wird aber in wenig späterer Zeit durch Eugippius (Leben St. Severins c. 27 und 31) zu zweifelloser Gewißheit erhoben.

So haben wir denn in den Thüringern nur den neuen Namen derjenigen Germanen zu erkennen, die das Land nördlich der Donau inne hatten.

So weit Sicherheit; über die Verbreitung dieses Volkes nach Norden zu aber großes Dunkel.

Da jedoch schon zu des Frankenkönigs Childerich Zeit, der nach obigem am Attilakriege Teil nahm, Basinus als König der Thüringer genannt wird, der unzweifelhaft bereits in dem heutigen Thüringen, wo dessen Nachfahren residierten, seinen Sitz hatte, so kann an dem Mittelpunkt der Macht der Thüringer nicht gezweifelt werden. Dies wird auch dadurch bestätigt, daß der Frankenkönig Theuderich, als er im Jahre 527 den der Thüringer, Hermanfrid, angreift, dessen Reich durch eine Schlacht an der Unstrut stürzt (Gregor von Tours, III, 7).

Auf das merkwürdige Problem der Entstehung dieses neuen Namens, worüber ohnehin nur Vermutungen möglich sind, können wir hier nicht tiefer eingehen, wagen aber doch unsre Ansicht darüber kurz auszusprechen, die sich, wenn auch nicht in allem Einzelnen, doch im Wesentlichen der Leos in seinen Vorlesungen über die Geschichte des deutschen Volkes und Reiches (Halle 1854, Kap. 22, S. 239 und folgende) anschließt. (S. aber Bd. I. D.)

Es taucht in den Resten der Hermunduren der alte Stammname dieses einst so mächtigen Volkes wieder auf, und wird der Mittelpunkt einer Vereinigung der nordsuebischen vom Harze bis Donau. Im Süden durch die Hunnen bedroht, von Westen durch die ripuarischen Franken, von Norden durch die Sachsen – neue mächtige Volksgenossenschaften –, mußten sich diese hermundurischen Reste auflösen oder neu zusammenschließen.

(Daß aber der neue Name der Thüringer, althochdeutsch Duringa, in dem alten der Irmin-Duren, Irmun-Duren, d. i. die Hauptduren, großen, allgemeinen Duren, seine Wurzel findet, s. Bd. I)

Über Sidonius bemerken wir noch, daß dessen Gelonen und Neuren nichts als poetische Lizenz sind, wohin wir fast auch die Bastarnen rechnen möchten, deren geringe Reste in dem alten Dakien, nach Übersiedlung des Hauptvolkes auf römisches Gebiet unter Diokletian (s. Bd. I), kaum noch fortgelebt haben können.

Nicht minder dürfte die Erwähnung der Brukterer neben den Franken, welchen sie damals unstreitig angehörten, mehr dichterisch, als historisch sein (anderer Meinung D.). Dagegen könnte der auf die Franken bezügliche Beisatz: ulvosa quem vel Nicer alluit unda, wohl Wahrheit und dies Volk nach dem Rückzuge der Alemannen und dem Rheinübergange der Burgunder füglich bis an den Neckar vorgedrungen sein.

Die Hist. misc. in der angeführten Stelle kann unter Sueben nur die Thüringer, Quaden und andere verstehen. Die Alemannen, so weit sie auf dem rechten Rheinufer saßen, können sich damals durch Zurückweichen in den südlichen Schwarzwald und in die Schweiz, wohin sie ja bereits im dritten und vierten Jahrhundert vorgedrungen waren, vor Attilas durchziehendem Heere geborgen haben, was um so wahrscheinlicher ist, da dies sonst so bekannte Volk unter seinem Sonder-Namen wenigstens in keiner Quelle über den Attilakrieg erwähnt wird.

Den Kern und die Kraft dieses unermeßlichen Heeres, das Jordanis Kap. 35 zu 500 000, die Hist. misc, p. 443, aber sogar zu 700 000 Mann angibt, bildeten nächst den Hunnen unzweifelhaft vor allem die Gepiden und Ostgoten, deren Könige Ardarich und Valamer Attila vor allen andern wert hielt, ja liebte, was zugleich auf die bevorzugte Stellung ihrer Völker schließen läßt (Jord. c. 38.)

List und Schwert war des Hunnenkönigs Wahlspruch. Darum schrieb er zunächst, Wohlwollen und Freundschaft heuchelnd, an Valentinian: nicht gegen Rom, sondern lediglich gegen dessen eigne Feinde, die Rom so gefährlichen Westgoten, sei sein Angriff gerichtet. Theoderich dagegen stellte er die Befreiung Galliens vom Joche der Römer als Zweck dar, indem er ihn dabei an die durch sie erlittenen Niederlagen erinnerte. (Jordanis, Kap. 36.)

Aëtius aber ließ sich nicht täuschen, bot vielmehr alle Kräfte gegen das heranziehende Ungewitter auf. Dem Westgotenkönig schrieb der Kaiser: »Vereint euch, ihr Tapfern, mit uns gegen den Feind des Weltalls, der seine Herrschsucht nach dem Umkreise seines Armes mißt, seinen Stolz durch Frechheit sättigt. Gedenkt, wie euch die Hunnen einst verfolgten, unterwerft euch nicht ohne Gegenwehr der drohenden Schmach und Vernichtung.«

Theoderich soll (nach Jord. a. a. O.) erwidert haben: »So habt ihr denn, Römer, euren Wunsch erreicht, uns mit Attila zu zerwerfen. Wir werden sehen, wozu er uns ruft, und wie aufgeblasen auch sein Stolz durch viele Siege sein möge, so wissen doch die Goten auch mit Stolzen zu kämpfen.«

Da soll, nach Jordanis, das Bündnis sogleich geschlossen worden sein, was jedoch, wie wir später sehen werden, Irrtum ist, indem vielmehr Theoderichs erste Absicht offenbar auf eine zuwartende NeutralitätVielmehr auf eine Defensive hinter der Loire. D. (Könige V, S. 78.) gerichtet war.

Leichter mag es Aëtius geworden sein, andere Kräfte Galliens, auch die der mehr unabhängigen Völker, wie der Burgunder und der Bewohner von Aremorica, gegen den Gefürchteten aufzubieten, ja alle salischen und einen Teil der ripuarischen Franken, sogar sächsische Hilfsscharen, Letztere gewiß nur als Söldner, für sich zu gewinnen, wie dies das von Jordanis (Kap. 36 a. Schl.Franci, Sarmatae, Aremoriciani, Liticiani, Burgundiones, Saxones, Riparioli, Briones, quondam milites Romani, tunc vero jam in numero auxiliorum exquisiti, aliique nonnulli Celticae vel Germanicae nationes.

Unter den Sarmaten und dem verderbten Namen Liticiani können hier nur die einundzwanzig sarmatischen und die zwölf lätischen Kohorten verstanden werden, welche nach der Not. dign. Occid., Kap. 40, unter dem Magister militum standen und damals teilweise vielleicht schon etwas unabhängige Kolonnen geworden waren. Die Briones müssen die am Brenner sitzenden Breonen sein.

) mitgeteilte, wiewohl höchst verworrene Verzeichnis seiner angeblichen Hilfsvölker ergibt.

Es war zu Anfang des Jahres 451, wohl im Januar, als der Osten und Nordosten unsres Weltteils unter Attila in Waffen gegen dessen Südwesten heranzog.

Vermutlich in zwei Hauptkolonnen rückte Attilas Heer vor, die eine auf dem rechten Ufer der Donau auf der alten römischen Militärstraße über Augst nach dem Oberrhein, die andre, von der nördlichen Donaustraße aus, den Odenwald umgehend, am Niedermain hinauf in die Gegend von Mainz. Letztere zog nun auf dem Marsche die bis nach Regensburg hinauf nördlich der Donau sitzenden, des Königs Machtgebot sich unterwerfenden Thüringer, sowie am Rhein diejenigen ripuarischen Franken an sich, welche sich demselben anschlossen.

Die festen Plätze mögen genommen (wofür Attila viel Geschick gehabt haben muß,), oder, wenn sie zu stark waren, umgangen worden sein.

Zu Überschreitung des Rheins lieferten die nahen Wälder das Material: (die hunnischen Gäule durchschwammen wohl den Strom. D.).

Nach der Historia miscellaHist. misc: Attila itaque primo impetu, mox ut Gallias ingressus est, Gundicarium regem Burgundiorum sibi occurrentem protrivit, pacemque ei supplicanti dedit. Gesta episc. Mettens.: Attila rex Hunnorum omnibus belluis crudelior, habens multas barbaras nationes suo subjectas dominio, postquam Gundigarium Burgundionum regem sibi occurrentem protriverat, ad universas deprimendas Gallias suae sevitiae relaxavit habenas. und der (von Paulus Diaconus verfaßten) kurzen Schrift Gesta episcoparum Mettensium (ed. Perz im II. Bande der Monum. Hist. Germ., p. 246) ward nun zunächst Gundikar, König der Burgunder, geschlagen und hierauf erst der Verwüstungszug durch Gallien angetreten. Dies würde zu weiterer Betrachtung Anlaß geben, wenn nicht Waitz (in einem, im I. Bande, erstes Heft, der von der Münchener Akademie herausgegebenen Forschungen für Deutsche Geschichte, Göttingen 1861, erschienenen Aufsatze: »Der Kampf der Burgunder und Hunnen«) überzeugend nachgewiesen hätte, daß Paulus Diaconus für seine Nachricht keine besondere Quelle gehabt, sondern dieselbe vielmehr nur aus einer Notiz des Prosper Aquitanus entnommen oder vielmehr gemacht hat. Letztere enthält zwei Sätze, deren ersten bis zu dem Worte: »dedit« Paulus Diaconus da, wo er vom Jahre 435 handelt (XIV, p. 94 d. Ausg. v. Muratori) wörtlich nachschreibt, den zweiten dagegen, der die Vernichtung der Burgunder durch die Hunnen berichtet, hier wegläßt, und erst später (XV, p. 97) bei dem gallischen Kriege anführt, also dieselbe Attila zuschreibt. Offenbar hat daher hier nur die Sage, welche zur Zeit dieses Schriftstellers im achten Jahrhundert bereits lebendig sein mußte, denselben zu jener Versetzung eines Ereignisses des Jahres 436 oder 437 in das Jahr 451 verleitet, wozu ihm sein Gewährsmann Prosper Aquitanus insofern einigen Anlaß bot, als auch er die BurgunderschlachtDaß der grausen Burgunderschlacht der Nibelungen jene gewaltige Niederlage derselben durch die Hunnen zum Grunde liege, welche nur die Sage Attila selbst zugeschrieben hat, beruht außer Zweifel. (Doch sind neben den historischen Wurzeln der Sage deren mythische nicht zu übersehen. D.) nicht bei dem Kriege mit Aëtius, sondern erst als ein späteres Ereignis berichtet, wenngleich dessen Worte: »welches Friedens sich Gundikar nicht lange erfreute« (qua non diu potitus est) auf keine Weise (? D.) gestatten, dasselbe noch vierzehn bis fünfzehn Jahre weiter hinauszuschieben.

Gegen diese Ansicht läßt sich auch die zweite Erwähnung desselben Vorgangs in der Geschichte der Bischöfe von Metz nicht einwenden, weil sie nicht die geringste neue Tatsache, welche auf eine besondere Quelle dafür schließen ließe, sondern nur andre Worte als die Hist. misc. enthält.

Attilas Südheer muß über Straßburg auf Metz gezogen sein, indes die Nordkolonne wohl über Trier durch Belgien marschierte.

Letztere muß den ausziehenden salischen Franken nahe gekommen sein, da die Gregor von Tours Historia Francorum angehängte Epitome, die dem angeblichen Fredigar zugeschrieben wird (unter 11, p. 579 der Migneschen Ausg. d. Gr. v. T.), deren König Childerich, den Sohn des MeroveusAuf diesen Namen wird später, wenn wir zur Geschichte der Franken gelangen, zurückzukommen sein. Ein Überfall der fränkischen Nachhut, bei der sich Childerich wohl befand, durch die blitzschnelle hunnische Reiterei hat übrigens etwas sehr Glaubliches. (Aber das Ganze ist Sage. D.) von den Hunnen gefangen nehmen, durch seinen Getreuen Viomad aber wieder befreit werden läßt.

Beide Kolonnen dürften übrigens, sowohl ihrer Verpflegung als der Plünderung halber, in breiter, viele Meilen weit sich ausdehnender Fronte, einem alles verwüstenden Heuschreckenschwarme gleich, vorgerückt sein.

Das feste Metz hielt die Südkolonne, bei der sich Attila damals selbst befand, auf.

Schon war er, da die Festigkeit der Mauer den gewaltigen Stößen des Widders nicht wich, zur Belagerung des nahen Scarpona abgegangen, als er auf die Nachricht einer bewirkten Bresche im Fluge zurückkehrte, den Platz in der Nacht vor Ostern (8. April) erstürmte, die Einwohner teils niederhieb, teils samt ihrem Bischof gefangen abführte, die Stadt aber den Flammen Preis gab.

Gleiches Schicksal erlitt alsbald Rheims, wobei, nach dem Leben des S. Nicosius, das bereits vom Rumpf gehauene Haupt des frommen Bischofs noch im Niederfallen rief: »Mache mich nach deinem Worte wieder lebendig« (was wir, zur Charakterisierung von Thierrys Quellen, nicht unerwähnt lassen. S. Thierry, p. 148). Von Rheims marschierte das Heer über Châlons, Troyes und Sens nach dem sechzig Meilen von Metz entfernten Orleans, wo dasselbe im Mai angelangt sein dürfte – eine Richtung, welche das Westgotenreich unzweifelhaft als Attilas Operationsziel herausstellt. Ob sich die Nordkolonne bereits in der Champagne mit der südlichen vereinigt hatte, ersehen wir nicht, möchten dies aber daraus abnehmen, daß auch sie Paris nicht berührte, wohin, nach dem Leben der heiligen Genoveva (der Thierry hier p. 151 bis 160 neun Seiten widmet), kein Hunne gelangte.

In der Umgegend von Orleans saßen die Alanen, mit deren König Sangiban Attila Unterhandlungen, worauf derselbe willig eingegangen war, angeknüpft hatte. Mutmaßlich war die Übergabe von Orleans deren Zweck (? wohl nur Anschluß des Königs an Attila D.) und da sich der Alane dieses immer römisch gebliebenen Platzes wegen sorgfältiger Hut der Verteidiger nicht zu bemächtigen, die verlangte Bedingung also nicht zu erfüllen vermochte, wie er dies wohl gehofft hatte, mag er späterhin dem Freundschaftserbieten des Hunnen nicht getraut und sich vor ihm auf das linke Ufer der Loire zurückgezogen haben, wo er sich nachher vielmehr den Römern anschloß.

Wir wenden uns nun zu Aëtius. Mit geringen Streitkräften zog er über die Alpen (Sid. Apoll, carm. VII, v. 329 und 330), jenseits deren aber wohl schon ein starkes Heer versammelt war. Groß ward seine Verlegenheit, da Theoderich immer noch zwischen Neutralität und Bündnis(Richtiger: Verteidigung hinter der Loire und Vormarsch gegen die Marne. D.) schwankte. Da wandte sich der Feldherr an den allverehrten Avitus, der bereits im Jahre 439 als Präfect Galliens den zuerst verweigerten Frieden mit den Westgoten abgeschlossen hatte, des höchsten Ansehens bei diesen genoß und vom König, auch als dessen früherer Lehrer im Lateinischen (a. a. O., v. 496), besonders geehrt war, nun aber in wissenschaftlicher Muße auf seinem fürstlichen Landsitz Avitacum lebte.

Dessen Person und Beredsamkeit war es nun, welche Theoderich zu folgsamerem Anschluß an Rom (und Annahme des offensiven Kriegsplans des Aëtius D.) bestimmte (a. a. O., v. 353). Die Goten in ihren Tierfellen (pellitae turmae, v. 349), Theoderich mit seinen beiden ältern Söhnen, Thorismund und Theoderich, an deren Spitze, folgten nun den (nach Nordosten vormarschierenden D.) römischen Legionen. Die Verhandlung und Rüstung aber mag wohl viel Zeit gekostet haben.

Schon vor Attilas naher Ankunft vor Orleans war dessen frommer Bischof Anianus nach Arles zu Aëtius geeilt, um sich dessen rechtzeitiger Hilfe zu versichern (Gregor von Tours II, 7, p. 199 d. Mign. Ausg.). Das von Thierry benutzte Leben des heiligen AnianusPlenus prophetiae Spiritu VIII. Kal. Julii diem esse praedixit, woraus Thierry unbegreiflicher Weise den 14. Juni statt des 24. macht, wenn sich dies nicht etwa durch einen Druckfehler erklärt. läßt ihn den Johannistag als das Endziel der möglichen Haltung der Festung bestimmen.

Gewiß hatten Verteidiger und Bewohner, für die es sich um Gut und Blut handelte, alles, was Menschenkräfte vermögen, für Verstärkung und Verproviantierung des Platzes getan.

Da richtete denn auch Attila, obgleich es ihm unzweifelhaft nicht an Belagerungswerkzeugen fehlte, wozu ihm ja so viele römische Kräfte zu Gebot standen, anfangs wenig aus. Als aber Widder und Maschinen immer nachhaltiger wüteten (Gregor von Tours II, 7 zu Anfang), unablässiger hunnischer Pfeilregen die Verteidiger von den Zinnen vertrieb, Woche um Woche ohne Entsatz verging, da wuchs außen die Hoffnung, innen die Verzweiflung.

Verschieden wird nun die Katastrophe in den Profanquellen berichtet.

Nach Gregor von Tours (a. a. O.) befahl der Bischof am letzten Tag allgemeines brünstiges Gebet und ließ vom Turme nach Aëtius spähen. Nichts zu sehen, die Antwort; weiteres Gebet, und abermaliges Spähen, mit eben so wenig Erfolg; zum dritten Male sinkt alles auf die Knie, da ruft endlich der Turmwart, er bemerke eine Staubsäule in der Ferne. »Wohlauf, spricht der fromme Mann: das ist die Hilfe des Herrn.« Schon beginnen die gewaltig erschütterten Mauern einzustürzen, als Aëtius und Thorismund mit dem Heer erscheinen. Sogleich greifen diese an, werfen den Feind heraus (ejiciunt p. 199, Z. 24) und schlagen ihn weit ab von der Stadt in die Flucht.

Neben dieser unverkennbaren Legende stehen zwei Zeilen der unbedingtesten Glaubhaftigkeit des Zeitgenossen Sidonius Apollinaris, dessen Geburt man in das Jahr 431 setzt. Derselbe schreibt (VIII, 15) dem Bischof Prosper, des heiligen Anian Nachfolger in Orleans: dieser habe ihn die Geschichte Attilas zu schreiben aufgefordert, »worin der Stadt Belagerung, Sturm, das Eindringen in diese, aber ohne deren Plünderung, sowie jene bekannte, vom Himmel erhörte Weissagung des Bischofs enthalten sei«: er habe das Werk auch begonnen, jedoch wieder aufgegeben – ein für uns unersetzlicher Verlust.

Ganz anders berichtet Thierry p. 176 und 177 nach dem Leben des heiligen Anian in Du Chesne, Script Fr. I, p. 646, den Hergang.

Wir können den Sinn seiner verworrenen und unklaren Erzählung nur in Folgendem finden.

Anian, zu Attila abgeordnet, bot Kapitulation unter Bedingungen an, welche dieser zwar verwarf, wobei er jedoch erklärte, daß die Bewohner, wenn sie sich der Herausgabe ihrer Habe und Abführung in Knechtschaft ruhig unterwürfen, durch geordnete Vollziehung gegen Blutvergießen und Plünderungsgreuel gesichert sein sollten.

An dem folgenden Tage seien nun, nach Öffnung der Tore, Attilas Offiziere in die Stadt gezogen. Hier seien die Gefangenen schon gruppenweise verlost und die Wagen mit der Beute beladen worden, als plötzlich der Ruf von des Aëtius Ankunft (dessen wunderbare Herbeirufung wir hier übergehen) alles, teils mit Hoffnung, teils mit Bestürzung erfüllt habe. Sogleich hätte derselbe von dem linken Ufer her angegriffen, indes die Bewohner sich von innen auf den Feind geworfen; da sei ein furchtbarer Straßenkampf entstanden, bis Attila den Rückzug seiner zugleich in der Front und im Rücken bedrängten Krieger angeordnet habe.

Diese Erzählung läßt sich aber weder mit Sidonius Apollinaris noch mit Gregor von Tours vereinigen. Nennt letzterer nun auch seinen Gewährsmann nicht, so ist doch nicht zu zweifeln, daß die merkwürdige Geschichte der Befreiung von Orleans noch über ein Jahrhundert lang im Volke, besonders in der Geistlichkeit, fortlebte, dem (nach Loebell Gregor von Tours, S. 10) zwischen 539 und 544 gebornen Bischofe des benachbarten Tours also in ihren Hauptzügen gewiß bekannt war. Dies schließt die Ausschmückung seines Berichts in geistlichem Sinne nicht aus, wohl aber die Tatsache, daß die Rettung erst am Tage nach der bereits bedungenen Übergabe erfolgt sei. Das Entscheidendste aber ist, daß der (hier D.) unbedingt zuverlässige Sidonius von dem ruhigen Einrücken der Hunnen in eine ihnen freiwillig übergebene Festung nicht den Ausdruck: irruptio brauchen konnte.

Die heiligen Legenden dagegen waren reine Tendenzschriften, bei denen Kritik und historische Treue durchaus nicht für nötig angesehen wurden. Nach unserer Ansicht ist Folgendes zu vermuten:

Orleans, das alte Genabum Julius Cäsars (VII, 11), unter Kaiser Aurelian restauriert und nach ihm benannt, welches in der Geschichte Frankreichs wiederholt eine so wichtige Rolle gespielt hat(Geschrieben 1864! D.), lag damals fast ganz auf dem rechten Ufer der Loire, hatte aber auf dem linken einen durch eine Brücke verbundenen Brückenkopf und gewiß auch einen kleinern Stadtteil.

Wahrscheinlich auf dieser Seite müssen nun die Hunnen am Morgen von des Aëtius Ankunft bereits in die Stadt gedrungen sein, die auf Entsatz hoffenden Verteidiger aber, den schwachen Punkt kennend, durch Innenwerke, Besetzung und Verrammelung der Häuser, von denen Steine herabgeschleudert wurden, die Gegenwehr noch fortgesetzt haben, bis endlich die Erlösungsstunde schlug. Das von Sidonius ausdrücklich bemerkte gewaltsame Hereindringen (irruptio) wird so durch den Ausdruck Gregors von Tours: gewaltsames Herauswerfen (ejiciunt) ergänzt.

Attila, dessen bisher unerhörtes Glück vor Orleans seinen Wendepunkt erreichte, war zum Rückzuge genötigt. So viel Mittel ihm auch für Rekognoszierung zu Gebot standen, so muß er doch durch Aëtius, der wohl mit der äußersten Anstrengung in später Stunde noch herbeieilte, überrascht worden sein. Da war für den Hunnen in der Nacht kaum noch eine geordnete Formierung möglich, vor allem gewiß aber auch das in der Nähe der Stadt zwar ebene, aber durch Mauern, Gräben, Weinberge und andere Kulturhindernisse kupierte Terrain für dessen Hauptwaffe, die Reiterei, zu schlagen nicht geeignet. Überdem hatte der Rückzug aus Militärraison, für die Hunnen wenigstens, nichts Schimpfliches, daher auch an sich nichts Demoralisierendes.

Noch in der Nacht muß Attila aufgebrochen sein und sein Lager großenteils mindestens zurückgelassen haben.

Sehr geschwächt und zerrüttet aber war unstreitig damals schon der Zustand seines Gesamtheeres. Der Raubkrieg in so weiter Ausdehnung löst an sich alle Ordnung auf, setzt die sich zerstreuenden und isolierenden Nachzügler der Ermordung durch die Beraubten aus und erzeugt durch den Wechsel von schwelgerischem Genuß und Entbehrung Krankheiten.

Wie sehr sich dies alles auf dem eiligen, an dreißig Meilen langen Rückmarsche durch ein völlig ausgeraubtes Land gesteigert haben mag, liegt auf der Hand; insbesondere dürfte ein großer Teil der nordischen, des Klimas ungewohnten Barbaren dadurch aufgerieben worden sein.

Erst in der weiten Ebene der Champagne (Campania), die Jordanis (Kap. 36) zu dreißig Meilen Länge und einundzwanzig Breite angibt, einem für Reiterei trefflich geeigneten Terrain, machte Attila Halt, um zu schlagen.

Auf der Straße von Châlons nach Verdun zehn bis zwölf Kilometer, etwas über anderthalb Meilen, von ersterer Stadt findet sich nun bei dem Dorfe la Cheppe ein altes römisches Lager, welches im Volksmunde das Lager von Attila heißt. Dahin versetzt man, wie das auch Thierry tut, von der Sage geleitet, das Schlachtfeld, während eine neuere Schrift von Peigné-Delacourt (Recherches sur le lieu du champ de la bataille d'Attila en 451: Paris, Jules Claye 1860) dasselbe auf Grund des im Jahre 1842 vermeintlich daselbst aufgefundenen Grabes des Westgoten-Königs Theoderich, etwa drei Meilen nördlich von Troyes bei Arcis-sur-Aube annimmt – ein anderer aber, H. d'Arbois de Jubainville, der diese Ansicht bereits gekannt hat (in einem in der Bibliothèque de l'école des chartes 21me année Iere Série vom Jahre 1860 Paris bei Dumoulin erschienenen Aufsatze), dasselbe vielmehr bei dem vormaligen, jetzt verschwundenen Dorfe Moirey, sechzehn Kilometer, zweizweisiebentel Meilen, westlich von Troyes, an der Straße von Sens dahin sucht.

Wir haben der interessanten Frage über die Stätte der bis zur Neuzeit größten und merkwürdigsten Völkerschlacht der Weltgeschichte eine besondere Abhandlung in der Beilage zu diesem Kapitel gewidmet. Vermag diese auch das Problem nicht mit Sicherheit zu lösen, so dürfte sie doch andern Forschern den Weg dazu anbahnen.Vergl. aber die zusammengestellte neuere Literatur und deren Ergebnisse bei Dahn, Könige V, S. 79.

Vor der Hauptschlacht fand in der Nacht ein äußerst heftiges Treffen zwischen den Franken auf römischer und den Gepiden auf hunnischer Seite statt, in welchem von beiden 15 000 MannDie frühere Lesart 90 000 XC statt XV ist offenbar falsch, was auch durch die Hist. miscella außer Zweifel gesetzt wird.

Daß dies Treffen in der Nacht unmittelbar vor der Hauptschlacht geliefert ward, sagt Jordanis nicht ausdrücklich, obwohl dies zu vermuten ist.

blieben. Dies war unstreitig ein Gefecht mit der hunnischen Nachhut, die wahrscheinlich einen Flußübergang decken sollte, wobei die Größe des Verlusts ergibt, daß Attila den betreffenden Punkt mit äußerster Anstrengung zu behaupten befohlen hatte.

Jordanis erzählt:

C. 36 a. Schl. »In der catalaunischen, auch mauriacenischen genannten Ebene, die dreißig Meilen lang und einundzwanzig breit ist, stoßen die Heere aufeinander. Da wird nicht durch Kriegslist, nur mit offnem Ansturm (aperto Marte) gefochten.

C. 37. Attila, durch den frühern Unfall (bei Orleans) erschüttert und seinem Heere nicht mehr vertrauend, denkt bei sich an Flucht, beschließt aber vorher die Wahrsager zu befragen. Diese verkünden aus den Fibern, Adern und Knochen der Opfertiere den Verlust der Schlacht, zugleich aber den Tod des feindlichen Führers. Dies bezieht der König auf Aëtius und hält die Wegräumung dieses ihm überall entgegentretenden Mannes selbst durch eine Niederlage nicht für zu teuer erkauft.

Besorgt über den Ausfall, beschließt er jedoch, erst Mittags drei Uhr zu schlagen, um im ungünstigsten Fall in der einbrechenden Nacht Hilfe zu finden.«

Diese Mitteilung der geheimen Gedanken Attilas scheint mehr gemacht als überliefert zu sein, obwohl es nicht undenkbar ist, daß vertraute Römer aus dessen Gefolge, sei es als Gefangene oder als später Übergegangene, Ähnliches berichtet haben. Die Schlacht konnte natürlich erst beginnen, nachdem Attila aus der Wagenburg, mit welcher er nach C. 40 sein Lager umwallt hatte (septa castrorum, quae plaustris vallata habebat) heraus und vorgerückt war.

C. 38. »Auf dem Schlachtfelde befand sich ein Abhang, auf dessen Scheitel sich ein Hügel erhob. Bei der einleuchtenden Wichtigkeit dieses Punktes suchten beide Teile sich dessen zu bemächtigen, so daß die Höhe rechts von den Hunnen, links aber von den Römern, Westgoten und Hilfsvölkern besetzt, über den Gipfel in der Mitte jedoch von beiden gekämpft ward.

Den rechten Flügel des römischen Heeres nahm Theoderich mit den Westgoten ein, den linken Aëtius mit den Römern, das Mitteltreffen bildete Sangiban mit den Alanen, dessen verdächtiger Treue man sich durch diese Umschließung mehr zu versichern glaubte.

In der feindlichen Schlachtordnung stand Attila mit dem Kerne seines Volkes im Zentrum, sich durch dessen Tapferkeit und Treue gegen persönliche Gefahr zu schützen. Die Flügel nahmen die zahlreichen, ihm untertänigen Völker ein.

Unter diesen ragte besonders das Heer der Ostgoten unter dem Befehle der edlen Amaler und Brüder Valamer, Theodemer und Vidimer hervor, daneben aber auch an der Spitze der unzählbaren Gepiden der so tapfere und kriegsberühmte Ardarich. Diesem und Valamer vertraute Attila so ganz, daß er kein Bedenken trug, die Ostgoten des letztern den stammverwandten Westgoten entgegenzustellen. Die Schar der übrigen Könige und Führer lauschte den Winken des gefürchteten Oberherrn, der die Seele des Ganzen war und führte in blindem Gehorsam jeden seiner Befehle aus.

Zuerst stritt man noch über die erwähnte Höhe; Attila trieb die Seinen auf den Gipfel hinan, Thorismund und Aëtius aber waren zuerst hinaufgelangt und warfen nun von oben herab die aus der tiefern Stellung andringenden Hunnen leicht hinunter.«

Im 39. Kap. läßt Cassiodor-Jordanis Attila, der sein Heer durch den Ausgang dieses Vorkampfes etwas betroffen sah, eine begeisternde Schlachtrede halten, die, kräftigen und gedrungenen Schwunges, selbstverständlich von Cassiodor komponiert ist. Thema sind der Glanz und Ruhm der zahllosen Siege der Hunnen und des Feindes Schwäche durch seine ungefüge Zusammensetzung aus so verschiedenen Völkern.War dies nicht im hunnischen Heere in noch höherem Grade der Fall?

Er schließt mit den Worten: »Zuerst werde ich meine Geschosse auf den Feind schleudern. Wer müßig bleiben kann, wenn Attila kämpft, ist begraben.«

Hierdurch angefeuert, stürzen sich alle in die Schlacht.

Kap. 40. Obwohl in der Sachlage Grund zur Besorgnis war, so hob doch des Königs Gegenwart jedes Zaudern.

Mann focht gegen Mann; eine grause, vielgegliederte, ungeheure, hartnäckige Schlacht, die im ganzen Altertume nicht ihres Gleichen hatte. Dürfen wir älternSi senioribus credere fas est. Offenbar hat Cassiodor, der im Jahre 470 geboren ward, noch Augenzeugen der Schlacht selbst gesprochen. Personen glauben, so schwoll der das Schlachtfeld durchschneidende Bach beinah bis zum Strom an, so daß die ihren Durst zu löschen Begierigen zugleich Blut und Wasser tranken.

Indem Theoderich anfeuernd durch seine Schlachtreihen sprengt, wird er plötzlich vom Pferde herabgeworfen und unter den Füßen (d. i den Rosseshufen) seines Gefolges zertreten, während er nach andern durch einen Wurfpfeil des Ostgoten Andax getötet worden sein soll. Das war nun die Erfüllung jenes Wahrspruchs, den Attila irrig auf Aëtius gedeutet hatte.

Darauf trennen sich die Westgoten von den Alanen und dringen mit solcher Wut auf die Hunnen vor, daß sie fast Attila selbst niedergehauen hätten, wenn dieser sich nicht vorsorglich mit den Seinen hinter die Wagenburg zurückgezogen hätte. Hinter dieser schwachen Schutzwehr sucht nun der Mann Rettung, dem kurz zuvor noch kein Mauerwall zu widerstehen vermocht hatte.

Thorismund aber, der mit Aëtius zuvor jene Höhe besetzt und den Feind von dort gänzlich vertrieben hatte, geriet in der Nacht, indem er sein Volk aufsuchte, ohne es zu ahnen, an die hunnische Wagenburg, wo er heftig angegriffen, durch Verwundung seines Rosses herabgeworfen, von seinen Getreuen aber gerettet ward.

In gleicher Verwirrung und Finsternis irrte Aëtius mitten unter den zurückweichenden Feinden umher, gelangte aber, ängstlich forschend, ob den Westgoten nicht ein Unfall begegnet sei, endlich zu diesen, wo er die Nacht zubrachte.

Am nächsten Morgen erst erkannten die Feldherren auf römischer Seite ihren Sieg, da Attila gewiß nicht ohne große Niederlage aus der Schlacht gewichen sei, nahmen aber kein Zeichen weiterer Flucht wahr, hörten vielmehr in dessen Lager zu neuem Angriff blasen.

Wie ein von den Jägern bedrängter Löwe, wenn er seine Höhle erreicht, zwar nicht mehr auszubrechen wagt, aber im Eingange auf- und abwandelnd die Gegend noch mit seinem Gebrülle schreckt, so ängstigte der kriegerischste aller Könige selbst eingeschlossen noch die Sieger.

Der Kriegsrat der Führer beschloß, von jedem wegen des Pfeilregens der Hunnen so gefährlichen Angriff auf die Wagenburg abzusehen, Attila vielmehr auszuhungern.

Dieser soll damals, wie erzählt wird, auch im Unglück noch groß, »einen Scheiterhaufen aus Pferdesätteln errichtet haben, um bei Erstürmung des Lagers nicht in Gefangenschaft oder durch das feindliche Schwert zu fallen, sondern freiwillig in den Flammen zu enden.«

Wir unterbrechen hier den Bericht durch eine kritische Betrachtung dieser in der Weltgeschichte (bis auf die neueste Zeit) einzigen Völkerschlacht, in welcher, nach Jordanis, Kap. 41, auf beiden Seiten 165 000 Menschen, also mit Hinzurechnung der 15 000 im vorhergehenden Nachtkampfe gebliebenen Gepiden und Franken, deren überhaupt 180 000 gefallen sein sollen.

Fassen wir zuerst das moralische Element in das Auge, so finden wir unzweifelhaft bei Attila und mehr noch in dessen Heer gesunkenes, auf römischer Seite aus gleichem Grunde aber gehobenes Vertrauen. Für jenen fochten außer seinen Hunnen nur Untertanen, in Gehorsam zwar gegen dessen Machtgebot, aber doch ohne eignes Interesse, außer dem der Beute, deren größten Teil sie auf den zahlreichen Wagen mitgeführt haben müssen. Für Rom dagegen stritten nur freie Völker oder gallische Untertanen: alle aber nicht bloß für Rom, sondern, angesichts der namenlosen Greuel hunnischer Verwüstung und Mordlust, für sich selbst, für Gut und Blut, Weib und Kind. Man darf auch nicht vergessen, daß Attila zwar vielfach schon römische Heere in großen Schlachten besiegt hatte, aber immer nur die des Ostreichs, welchem die des Westens an Kriegstüchtigkeit weit überlegen waren.

In bezug auf die Führung der Schlacht ist augenscheinlich das Gewinnen der dominierenden Höhe durch die Römer für den nachfolgenden Kampf um diese Höhe entscheidend geworden. Überhaupt ist hier der Brennpunkt der Schlacht zu suchen; hatte sich doch auch Aëtius, obwohl den linken Flügel befehligend, hierher begeben. An dieser Höhe zerschellten die Angriffe der Hunnen. Der Kampf um dieselbe entsprach auch noch in der Hinsicht den Absichten der Führer, als man dadurch das Mitteltreffen, die Alanen, gewissermaßen deckte, sich wenigstens vor der Notwendigkeit bewahrte, mit diesen unzuverlässigen Truppen den Kampf unmittelbar gegen die feindlichen Heerscharen aufzunehmen.

Vor allem aber sind wir überzeugt, daß Aëtius bei seiner genauen Kenntnis der hunnischen Taktik nach der Weise tüchtiger Feldherren den einzig richtigen Weg eingeschlagen und eine derselben entgegengesetzte Taktik erdacht und ausgeführt haben werde. Jene bestand in einem furchtbaren Reiteranprall mit Pfeilregen und, wenn nicht dieser schon den Feind sprengte und warf, in blitzschneller Flucht – wobei für letztern nichts gefährlicher war, als die Verfolgung – und in der Erneuerung ähnlicher Angriffe.

Wie vor und nach Erfindung der Feuerwaffen ein Fußvolk, das mit kaltem Blut und Geistesgegenwart seine feste geschlossene Haltung bewahrt, den Reiterangriffen zu widerstehen vermag, so gewiß auch, wenn es so geschult war, das römisch-gotische den Hunnen gegenüber.

Die letzte Entscheidung mag kurz vor Einbruch der Nacht der verzweifelte Angriff der Westgoten auf die Hunnen gegeben haben, obwohl sie dabei, sich von den Alanen sondernd (se dividentes), eine an sich höchst gefährliche Lücke bildeten. Daß dieselben von der Wut des Rachedursts wegen des Falls ihres Königs dazu getrieben worden seien, wird nicht gesagt, ja nach Kap. 41 ist beinahe das Gegenteil zu vermuten. Wir sind aber doch überzeugt, daß deren Führer die wenn auch vielleicht noch zweifelhafte Kunde dieses Verlustes zu Anfeuerung ihrer Krieger benutzt haben.

Der Verlust, besonders der der Hunnen bei dem Rückzug in das Lager, mag ungeheuer gewesen sein, obgleich wir des Jordanis Ziffer bei einer wenig über sechsstündigen Schlacht doch für übertrieben halten.

Über die Stärke der Heere fehlt jede Nachricht: doch glauben wir die der wirklichen Kombattanten in beiden zusammen im allerhöchsten Falle nicht über eine halbe Million anschlagen zu dürfen, wobei wir den teils unbewehrten, teils auch bewehrten, aber für die Schlacht unbrauchbaren Troß nicht mitrechnen.

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