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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 71
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
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Fünfzehntes Kapitel
Attila und die Hunnen

Mit Freuden begrüßen wir in diesem Kapitel ein neues treffliches, leider unvollständiges Quellenwerk in den Fragmenten aus des Priscus acht Büchern der Geschichte von Byzanz und Attila.

Unzweifelhaft einer der besten spätern griechischen Historiker, dem wir nur noch Dexippus nahe stellen möchten, würde er uns das treueste, fleißigst ausgeführte und lebendigste Gemälde einer Zeit von mindestens zehn Jahren aufrollen, wenn er uns ganz erhalten wäre. Auch so aber sind die hundertunddrei Seiten (nach der Bonner Ausgabe), welche wir noch von ihm besitzen, unschätzbar, wiewohl nur als isolierte, des Zusammenhangs mit dem historischen Gerüst entbehrende Miniaturen, deren chronologische Stelle wir erst aufzusuchen haben.

In der Zeit bis 381 beteiligten sich wohl hunnische, alanische und andere Freischaren oder Abenteurer am Kriege der Westgoten in Thrakien und dessen Umgegend, von einem Volkskriege der Hunnen wider Rom aber findet sich für diese Zeit in den Quellen keine Spur. Indem jedoch Theodosius zu Anfang seiner Regierung die Goten durch Vertrag sich zu unterwerfen trachtete, lag es in seiner Politik, das Reich gegen räuberische Einbrüche auch der Hunnen zu sichern.

Unter dem Skythen »Balamer« (des Priscus) bestand nun bereits ein Friede mit Rom, welchen derselbe durch eine Raubfahrt in römisches Gebiet und Zerstörung mehrerer Städte brach. Darauf erging eine römische Gesandtschaft an Balamer, durch welche, weil er den Raub mit der äußersten Not entschuldigte, unter Bewilligung eines jährlichen Tributs von dreihundert Pfund Goldes der alte Vertrag erneuert wurde. Da wir nun gewiß wissen, daß dieser Tribut bis zu Ruas Tode im Jahre 433 dreihundertundfünfzig Pfund betrug, so muß (?) dessen Festsetzung auf dreihundert eine frühere gewesen sein, welche wir mit Wahrscheinlichkeit schon Theodosius zuschreiben dürfen (? D.). Wenigstens werden uns aus dessen Zeit nach der oben erwähnten Raubfahrt vom Jahre 382, welche möglicherweise sogar die von Priscus angeführte sein könnte, keine Feindseligkeiten der Hunnen gegen Rom berichtet, während unter des Theodosius Nachfolgern sogar ein entschieden freundliches Verhältnis derselben zum Reiche hervortritt.

Dies Fragment wird nun zwar gewöhnlich auf den nach Attilas Tod zur Selbständigkeit gelangten Ostgotenkönig Walamer bezogen (s. Köpke, S. 145): dem steht aber die ausdrückliche Bezeichnung des Balamer als Skythe, d. i. Hunne, entgegen (Βαλαμέρος του̃ Σκύθου) (aber Skythe heißt auch Gote. D.).

Im ganzen Priscus findet sich nämlich in Attilas Geschichte nicht eine einzige Stelle, wo Skythe etwas anderes als Hunne, oder mindestens Untertan (das genügt, auch Goten zu umfassen D.) und Diener des Hunnenkönigs, bezeichneteNur der Ausdruck: Skythien und skythische Völker wird bisweilen in dem alten geo- und ethno-graphischen Sinne für Nordlande und Nordvölker überhaupt gebraucht. (Siehe aber Dahn, Könige II, S. 57–64, gegen obige Ausführungen.), während an zwei Stellen (p. 190 und 207), wo von der Sprache die Rede ist, Hunnen und Goten ausdrücklich unterschieden werden. Besonders aber werden nach Attilas Fall, in welche Zeit eben jenes Fragment 217 gehören wurde, wenn es sich auf Walamer bezöge, die Goten stets als solche aufgeführt p. 160 und 162–164. In diesem letztern Bruchstück zu Anfang und am Schlusse sowie in Fragment 21, p. 162 umfaßt nun zwar der Ausdruck Skythe allerdings einigemal auch die Goten, aber nur insoweit, als sie mit den Hunnen vereinigt waren, also eine Gesamtbezeichnung für beide nötig oder mindestens zulässig war.

Auch ergibt sich aus des Priscus erwähntem Fragment, p. 217, daß damals Balamer zuerst einen Tribut empfing, was sich auf den Ostgoten Walamer nicht beziehen kann, da dieser ja nach Jordanis (Kap. 52) schon von seiner Niederlassung in Pannonien an eine regelmäßige Zahlung (consueta dona) vom Kaiser Marcian erhielt, wie er sich denn auch mit dem geringen Betrage von nur dreihundert Pfund Goldes kaum begnügt haben dürfte. (? All das ist unbeweisend. D.)

Während der Regierung der Söhne des Theodosius bis zu des Honorius Tode, d. i. 395–423 tritt (manchmal) ein freundliches Verhältnis der Hunnen zu Rom hervor. Der hunnische Häuptling Uldes bekämpft und tötet im Jahre 400 den Rebellen Gaina und schickt dessen Haupt nach Konstantinopel. Acht Jahre später fällt derselbe zwar, man weiß nicht, aus welchem Anlaß, in römisches Gebiet ein, muß aber schimpflich wieder abziehen und scheint sich von da an nicht wieder geregt zu haben.

Westrom bezieht fortwährend einen großen Teil seiner Streitkräfte von den Hunnen und den diesen unterworfenen oder verbündeten Alanen. In dem ersten Kriege gegen Alarich in Italien 401 bis 403 werden zwar nur letztere ausdrücklich genannt: doch schließt dies die gleichmäßige Teilnahme hunnischer Söldner nicht aus (aber auch nicht ein! D.), deren zahlreiche Reiterei es vor allen war, welcher Stilicho im Jahre 405 die größten Dienste wider Radagais verdankte. Ebenso nimmt Honorius, nach Zosimus (V, 50), 10 000 Hunnen wider Alarich in Sold, wogegen freilich auch einzelne Haufen derselben den Westgoten und andern Germanen zugezogen sein mögen. (S. Zosimus V, 37.)

Das Wichtigste und Verhängnisvollste für das weströmische Reich aber war, abgesehen von dem Vordringen einzelner Scharen nach Pannonien, der mittelbare Einfluß der Hunnenmacht, d. i. der Druck, den diese in den ersten Jahren des fünften Jahrhunderts auf die Germanen an der Mittel-Donau ausübte und der sie zur Auswanderung aus den alten Sitzen und Eroberung neuer in Gallien und Spanien antrieb.

Unzweifelhaft hatten die Hunnen jedoch damals, wie sich dies weiter unten ergeben wird, den an fünfzig Meilen langen Südlauf der Donau von Waitzen bis Belgrad noch nicht bleibend überschritten, so daß dieser Strom auch im Westen deren Grenze gegen Rom bildete.

Von dem innern Volks- und Staatsleben der Hunnen erhalten wir erst durch Priscus Kunde, können daher nur durch Rückschluß aus der spätern Zeit zu einer ungefähren Anschauung über die voraus gegangenen fünfzig Jahre gelangen und lassen deshalb unsere Ansicht darüber erst auf die Mitteilung des merkwürdigen Berichts dieses Schriftstellers selbst folgen.

Auch über die Regentenreihe bei den Hunnen sind wir ohne ausreichende Nachricht, wissen daher auch nicht, wer nach Balamer oder Balamber regierte, unter dem sie Jordanis zufolge, in Europa einbrachen.

Jedenfalls kann Uldes oder Uldin – an deren Identität doch kaum zu zweifeln ist –, da derselbe in römischem Sold stand, kaum ein Gesamtherrscher der Hunnen gewesen sein.

Olympiodor dagegen erwähnt in einem übrigens ziemlich dunkeln Fragmente (p. 455 d. B. A.) eines Charaton, als des vornehmsten unter den Königen (d. i. Häuptlingen) der Hunnen, den wir in die Regierung des Arcadius setzen müssen, zu welchem Olympiodor selbst nebst dem Rhetor Donatus als Gesandter abgeordnet worden war.

Mit Sicherheit wissen wir nun für die Folgezeit, daß vor und bis zum Jahre 433 ein oberster Herrscher den Hunnen vorstand, den Priscus (p. 166/7) Rua, Jordanis (c. 35) Roas, Prosper Tiro zum Jahre 433 aber Rugila nennt, alle wohl dieselbe Person bezeichnend.

Er war der Bruder von Attilas unstreitig früh verstorbenem Vater Mundzuc (nach Jordanis) oder Mundiuch (nach Priscus p. 150) und hatte zwei damals noch lebende Brüder, Octar und Oebarsius, ersterer (nach Jordanis a. a. O.) Mitregent über einen Teil des Volkes, letzterer (nach Priscus p. 208) noch im Jahre 448 als geehrter Verwandter bei Attila lebend.

Daß jener Octar mit dem von Sokrates (VII, 30) erwähnten und während des Krieges verstorbenen Uptar, König oder Führer des hunnischen Hilfsheers gegen die Burgunder identisch war, ist zu vermuten, mit ziemlicher Sicherheit aber solchesfalls auch anzunehmen, daß dessen Stellung eine seinem Bruder Rua untergeordnete gewesen sein müsse, da er außerdem wohl nicht in römischen Sold getreten wäre.

Dagegen beruht der von demselben Schriftsteller (VII, 43) als Befehlshaber des von Attila im Jahre 424 dem Usurpator Johannes zugeführten Hilfsheers genannte Rohas wahrscheinlich auf Verwechselung mit dem Namen des damaligen Königs Rua oder Roas (nach Jordanis) als Absenders dieses Heers, wie dies jenem von Unrichtigkeiten wimmelnden Kirchenhistoriker füglich zuzutrauen ist. Sollte aber auch in diesem Falle eine bloße Namensähnlichkeit stattgefunden haben, so dürfen wir doch annehmen, daß Rua mindestens schon im Jahre 424 Beherrscher der Hunnen war.

Mit dem Augenblicke nun, da einiges Licht auf die große Geschichte jener Zeit zu fallen beginnt, wird dieselbe fast ausschließlich durch zwei Namen – weltgeschichtlichen Klanges – Aëtius und Attila ausgefüllt

Von ersterem, dessen wir bereits gedachten, entwirft Renatus Frigeridus in Gregor von Tours (II, 8) das glänzendste Bild. Er nennt ihn: gleich ausgezeichnet an Körper und Geist, Meister aller kriegerischen Fertigkeiten und Künste, aber auch in denen des Friedens groß, zu jeder Anstrengung und körperlichen Entsagung gern bereit, sowie unerschrocken in Gefahren. Wenn er aber zugleich dessen gutes Gemüt, dessen Freiheit von Hab- und Ehrsucht, wie er bösen Ratgebern widerstanden, Beleidigungen aber geduldig ertragen habe, hervorhebt, so muß er ihn nach dem Maßstabe der verderbtesten Zeit gemessen haben: (da die Geschichte seinen Ehrgeiz mancher Arglist und Bluttat zeihen muß. D.).

Von dem mächtigsten Einfluß auf die Folgezeit war sein mehrjähriges Leben bei den Hunnen als deren Geisel, das von Frigeridus bezeugt ist: dadurch wird zugleich das schon seit langer Zeit bestandene Vertragsverhältnis auch zwischen Westrom und diesem Volke bestätigt.

Des Aëtius Stellung bei den Hunnen war, wie bei Geiseln vornehmen Landes überhaupt, unzweifelhaft eine geehrte.

Wenn Charaktere wie Aëtius und Attila sich irgendwo begegnen, so müssen sie sich finden und anziehen. Von der Freundschaft, welche beide verband, gibt Priscus mehrfache Nachricht. Bedurfte Attila eines geschickten Kabinettsrats oder Geheimsekretärs (ab epistolis), so schickte ihm Aëtius einen dazu geeigneten Römer (Priscus p. 276 und 286), wie ersterer letzterem wiederum den Zwerg und Possenreißer Zercon zum Geschenk machte (Priscus 206 und 226). Das außer diesen gelegentlich erwähnten Fällen noch häufigere und innigere Beziehungen zwischen beiden stattfanden, ist nicht zu bezweifeln.

Diese Verbindung mit den Hunnen war es nun, welche die oben berichtete Absendung des Aëtius zu denselben durch den Usurpator Johannes veranlaßte, von welcher er auch mit einem Heere, für jenen aber zu spät, zurückkehrte.

Zu eben diesen Freunden floh nun Aëtius acht Jahre später, als er, von Bonifacius besiegt, im Jahre 432 das Reich verlassen mußte. Rua, dem nichts erwünschter sein konnte, als den Freund an der Spitze der Regierung zu sehen, vermittelte aber dessen Wiederaufnahme bei der Kaiserin und schloß zugleich mit Aëtius Frieden und Foedus ab, in welchem Westrom einen Teil Pannoniens an die Hunnen abtrat, wie dies aus Priscus (an zwei Stellen p. 147Er erwähnt als Herkunft des Orestes denjenigen Teil Pannoniens, »welcher an dem Save-Fluß gelegen, gemäß dem mit Aëtius, dem Feldherrn der Weströmer, geschlossenen Bündnis den Barbaren gehörte«. und 198) zweifellos hervorgeht. Das Opfer mag kein großes gewesen sein, da die Römer die festen Hauptplätze sich vorbehielten, wie wir dies von Sirmium (aus Priscus p. 186) mit Sicherheit erfahren, das platte Land aber gegen hunnische Raubfahrten ohnehin wohl kaum zu schützen war.

Wie das starke Hunnenheer, das Aëtius auf Grund jenes Bündnisses mitbrachte, in den Kriegen der Römer in Gallien wider Burgunder und Goten, wenigstens bis zum Jahre 439, wo dessen in den Quellen zuletzt gedacht wird, teilnahm, wird im vorigen Kapitel erwähnt.

Ob Aëtius dasselbe in letzterem Jahre, nachdem der Friede in Gallien vollständig gesichert war, nach Italien mit zurückführte und von dort vielleicht, großenteils wenigstens, entließ, wissen wir nicht, können aber nicht zweifeln, daß unter den im römischen Reiche dienenden Barbaren fortwährend auch viele Hunnen sich befanden, wie denn dergleichen auch früher Stilichos Leibwache bildeten.

Unter diesen müssen sich auch mehrere zum Christentum bekehrt haben, da Hieronymus (epist. 107 ad Laetam)p. 673 d. Ausg. v. Ballarsius. Verona 1734. Die vorhergehende Ep. 106 an die unzweifelhaft gotischen Theologen Sunnila und Fretila, welche dieselbe über exegetische Anfragen, namentlich die Psalmen betreffend, belehrt, beweist die gründliche Bildung und Forschung dieser Germanen, die doch wohl, da sie sich an Hieronymus wenden, Katholiken waren. Vergl. Dahn, Könige VI, S. 42. Urgeschichte I, S. 423. und Orosius (VIII, 41) auch die Hunnen unter den Christen aufführen, was zwar übertrieben, aber sicherlich nicht ganz unwahr sein kann. Diese waren dann freilich wohl ihr Vaterland aufzugeben und ganz Römer zu werden genötigt. (? D.)

Noch vor jenem Frieden wohl hatte Rua die aufständischen Völkerschaften der Amilzuren, Itimaren, Tonosuren, Boisker und andre an der niedern Donau, weil sie mit Rom in Verbindung getreten waren, mit Krieg zu überziehen beschlossen.

Die römische Politik gegen die Hunnen war eine doppelte: die offene – : Frieden und Freundschaft mit Tributzahlung, die geheime – : Förderung aller Auflehnung der ihnen unterworfenen Völker.

Die gedachten Namen nun sind genau oder beziehentlich beinahe dieselben, welche Jordanis, Kap. 24, als Alipzuren, Alzidzuren, Itimaren, Tunkasser und Boisker, die von den Hunnen bei ihrem Übergang nach Europa zuerst unterjocht worden waren, aufführt. Es müssen altskythische Volksschaften gewesen sein, die sich vor den mächtigen Alanen in die nördlichen Steppen der Krim zurückgezogen hatten, wo dieselben wohl in einer gewissen Abhängigkeit von erstern lebten. Von diesem Ursitze müssen die Hunnen sie an die niedere Donau verpflanzt haben. (? D.)

Um nun den römischen Umtrieben ein Ende zu machen, sandte Rua den Esla mit der Drohung nach Konstantinopel, das bestehende Foedus aufzuheben, wenn man nicht sogleich alle zu den Römern übergegangenen hunnischen Untertanen ausliefere, worauf Theodosius II. die Abordnung einer Gegengesandtschaft in der Person der Konsularen Plinthas und Dionysius beschloß. Vor deren Abgang aber verschied im Jahre 433 Rua, dem seine beiden Bruderssöhne Bleda und Attila folgten (Prosper Tiro zum Jahre 433 und Priscus p. 167 und 169), worüber, obwohl ersterer nur Bleda, letzterer, zunächst wenigstens, nur Attila nennt, kein Zweifel möglich ist. In Margus (Semendria) an der Donau langte nun die für die neuen Herrscher bestimmte Gesandtschaft an, welcher Stadt gegenüber auf hunnischer Seite das Kastell Constantia (contra Margus auf den alten Karten) lag, in dessen Nähe auch die »königlichen Skythen« sich eingefunden hatten. Vor letzterm Orte kamen beide Teile zu Roß zusammen, da die Römer, weil die Hunnen nicht anders verhandelten, ebenfalls zu Pferd zu steigen genötigt waren.

Man vereinigte sich dahin, daß alle hunnischen Überläufer und entwichenen römischen Gefangenen ausgeliefert oder für letztere acht Goldstücke pro Kopf gezahlt werden sollten. Der Marktverkehr zwischen beiden Völkern ward geregelt: im übrigen solle der bestehende Vertrag so lange fortdauern, als die Römer jährlich 700 Pfund Goldes, etwa 630 000 Mark, statt des vorigen Betrages von nur 350 Pfund, zahlen würden.

Die ausgelieferten Überläufer, worunter zwei Sprossen königlichen Geschlechts, wurden sofort ans Kreuz geschlagen.

Nach diesem Frieden zogen Attila und Bleda zu Unterwerfung skythischer Völker aus und zwar zunächst wider die Sorosger, nach Zeuß (S. 695 u. 708) verschrieben für Oroger, ein sarmatisches Volk. (Priscus, zweite Sammlung, Fragment 1 a. Schl., p. 169.)

Dies war der Beginn der Ausdehnung des Hunnenreichs nach Norden und Nordosten, bei der man aber nicht an große und blutige Eroberungskriege zu denken hat. Die zwischen dem Pontus und der Ostsee sitzenden skythischen, slavischen und finnischen Völker waren eines erfolgreichen Widerstands gegen die Hunnen nicht fähig, mögen sich daher denselben, wenn auch vielleicht nicht ohne Kampf, doch im Ganzen leicht unterworfen haben. In dies Unabwendbare dürften sie sich auch um so williger geschickt haben, da die Hunnen den Unterworfenen gegen Anerkennung ihrer Oberherrlichkeit, Leistung von Kriegshilfe, vielleicht auch eines mäßigen Tributs, die Beibehaltung einer gewissen Selbständigkeit, oft unter eignen Fürsten, gern gönnten.

Von dem an sind wir sieben Jahre lang ohne Nachricht.

Im Jahre 440 war Gaiserich in Kalabrien und Sizilien eingefallen, fand aber so tapfern Widerstand, daß er wenig ausrichtete. Nicht sowohl zu Verteidigung dieser weströmischen Provinzen nun, als um mit dem auch ihm gefährlichen Manne und Erzpiraten überhaupt ein Ende zu machen, sandte Theodosius im Jahre 441 eine gewaltige Flotte nach Sizilien, von wo der Übergang nach Afrika so leicht war (Prosper Aquitanus). In dieser Besorgnis wandte sich Gaiserich an Attila und mag denselben durch eine große Geldsumme, wofür letzterer stets empfänglich war, zum Einfall in römisches Gebiet bewogen haben. Dies erhellt zwar nicht unmittelbar aus den Quellen, wird aber dadurch, daß jener Angriff gerade im Augenblick der dringendsten Gefahr für den Vandalen erfolgte, auch wirklich die Rückberufung der kaiserlichen Flotte aus Sizilien zur Folge hatte, wahrscheinlich. Auch wird der diplomatische Verkehr beider Herrscher und Gaiserichs Bestreben, Attila durch Geschenke zu gewinnen, neun bis zehn Jahre später durch Jordanis (Kap. 35) ausdrücklich bezeugt.

Jener Hunnenkrieg ist nun unzweifelhaft derselbe, dessen Priscus in der ersten Sammlung der Fragmente p. 140–141 in folgender Weise gedenkt.

Attila hatte dem Bischof von Margus vorgeworfen, daß er sich verborgener Schätze in seinem Gebiete bemächtigt habe, und ließ deshalb die bei einem Markte oder Feste zahlreich versammelten Römer überfallen und niederhauen. Auf Beschwerde darüber verlangte derselbe die Auslieferung des Bischofs nebst der eines Überläufers: da dies von Theodosius verweigert ward, ging er verheerend über die Donau und nahm Viminatium, sowie (nach Marcellin) Singidunum und Naissus nebst mehreren anderen festen Plätzen ein. Da begannen die Römer von der Notwendigkeit, den Bischof auszuliefern, zu reden, worauf dieser aus Furcht hiervor freiwillig zu den Hunnen floh und sich erbot, ihnen gegen völlige Straflosigkeit die Festung Margus in die Hände zu spielen, was er auch wirklich durch List ausführte. Hierauf neue Verhandlung zwischen Attila und Theodosius: und weil letzterer fortwährend die Auslieferung der Überläufer verweigerte, abermaliger Einfall des erstern in römisches Gebiet, wobei unter mehreren anderen auch die volkreiche Stadt Ratiaria genommen und zerstört wurde. Dieser Kriege Zweck war nicht Eroberung, auch nicht Behauptung der genommenen Plätze, da diese vielmehr alle in Schutt und Asche gelegt, auch die zwischenliegenden Landstriche (großenteils wenigstens) in Wüste verwandelt wurden. Wann der Krieg aufhörte, wissen wir nicht, müssen aber vermuten, daß dies durch einen noch im Jahre 442 oder Anfang 443 geschlossenen, in der Tat aber von Attila diktierten Frieden geschah.

Die staatsrechtliche Stellung der beiden Herrscher Bleda und Attila zueinander ist uns nicht genau bekannt, doch ist nach des Prosper Aquitanus WortenZum Jahre 445: Attila rex Hunnorum Bledam fratrem et consortem in regno suum peremit ejusque populos sibi parere coëgit, wobei die Worte ejusque populos eine Sonderherrschaft Bledas andeuten. geteilte Herrschaft anzunehmen, neben welcher übrigens unstreitig auch Gesamtregierung in den wichtigsten Angelegenheiten, namentlich für auswärtige Kriege, bestand. Man vermutet mit Grund, daß Bleda der ältere der Brüder gewesen sei, welcher Vorzug das erste Aufkommen desselben neben dem so viel gewaltigern Attila erleichtert haben, der Willkürgewalt dieses letztern aber eine um so drückendere Fessel gewesen sein mag, so daß derselbe, nach dem einstimmigen Zeugnisse von Prosper Aquitanus, Tiro, Marcellin und Jordanis (Kap. 35) im Jahre 445Prosper Aquitanus setzt die Tötung allerdings in das Jahr 444. Da jedoch die Notizen dieses Jahres mit ihr schließen und das folgende 445 gar keine dergleichen enthält, so scheint gerade an dieser Stelle ein Irrtum des Abschreibers leicht möglich gewesen zu sein. den Bruder durch Tötung aus dem Wege räumte.

In die nächste Zeit möchten wir die von Jordanis (Kap. 35) nach Priscus berichtete Entdeckung eines alten im Boden vergrabenen Schwertes setzen(Sage, welcher Tatsächliches gar nicht unterliegen muß. D.), welches ein Hirt, unstreitig in der Steppe zwischen Don und Dnjestr, dadurch auffand, daß sich eine seiner Kühe daran verletzt hatte. Dasselbe ward Attila überliefert und von ihm – als Pfand des Sieges und der Eroberung – für das Schwert des Mars ausgegeben, der schon den alten Skythen heilig gewesen sei.

Erst im Jahre 447 wieder gedenkt nun Marcellin eines neuen, viel größern Krieges, in welchem der Magister militum Arnegisl (ein Germane, nach seinem Namen) in einer Schlacht an dem in die Donau mündenden Flusse Utus getötet ward, Attila bis zu den Thermopylen vordrang, endlich aber nach einer anderweiten Hauptschlacht auf dem Chersones (Halbinsel Gallipoli), die jedenfalls eine entscheidende Niederlege der Römer war, Friede geschlossen ward. Wir haben nach letzerer Lokalität anzunehmen, daß ein von Asien herbeigezogenes kaiserliches Heer auf der Halbinsel gelandet war und an deren Ausgange mit den Hunnen zusammentraf. Der Friede war über alle Massen schimpflich: außer der Rückgabe sämtlicher Überläufer und entwichener Gefangenen, wenn letztere nicht mit zwölf Goldstücken pro Kopf eingelöst würden, Zahlung von 6000 Pfund Goldes oder 5 400 000 Mark – für die frühern, während des Krieges natürlich nicht gezahlten TributeDa dieser Tribut früher 700 Pfund betrug, berechnet Haage S. 16 etwa achtjährige Rückstände, was wir wegen des dazwischenliegenden Friedens bezweifeln, vielmehr, da Attila mit dem Schwerte rechnete, die Annahme des neuen Betrages von 2100 Pfund auch für die Vergangenheit wahrscheinlicher finden. Auch setzt Haage den Silberwert eines Pfundes Goldes etwas zu hoch an (s. oben). und 2100 Pfund jährlich für die Zukunft. Der zitternde Kaiser hatte nicht die Mittel, das Geld aufzubringen, so daß es zum Teil auf die härteste, ungerechteste Weise den Reichen abgepreßt wurde. Da sollen, wie Priscus hinzufügt, viele derselben freiwillig ihrem Leben ein Ende gemacht haben. Merkwürdig ist, daß eine einzige, wahrscheinlich nur kleinere Stadt, Asimunt in Thrakien, nicht nur allen Eroberungsversuchen der Hunnen widerstanden, sondern auch bei späteren Ausfällen viele Feinde getötet und denselben ihre Beute nebst Gefangenen abgenommen hatte, welche freilich bei dem Frieden wieder herausgegeben werden mußten.

Nach Prosper Tiro, der dieses Kriegs nur kurz gedenkt, würde derselbe schon in das Jahr 446 fallen, in welchem er möglicher Weise begonnen haben könnte, während Priscus (Fragment 3, zweite Sammlung) nur den nach der Schlacht auf dem Chersones durch Anatolius geschlossenen Frieden erwähnt, den wir, nach der Reihe der auf denselben folgenden, im Zusammenhange von ihm berichteten Ereignisse nicht vor Ende 447 oder Anfang 448 setzen können.

In stolzem Machtgefühle beutete nun Attila zunächst des Theodosius Schwäche dadurch aus, daß er unter unerheblichen, zum Teil leeren Vorwänden vier Gesandtschaften nach einander an denselben absandte, deren eigentlicher Zweck nur die Bereicherung seiner damit beauftragten Günstlinge war, denen der Kaiser in seiner Furcht die größten Geschenke zu geben sich genötigt glaubte. In der Tat war auch der Ärmste damals zugleich von den Persern, von vandalischen Piraten, von aufständischen Isauriern, von Sarazenen und Äthiopiern mehr oder minder bedrängt. (Priscus, Fragment 4, S. 146.)

Folgenschwerer ward die fünfte Gesandtschaft, zu welcher Attila den Edeco nebst Orestes abgeordnet hatte. Jenen nennt Priscus einen Skythen, der sich durch Großtaten im Kriege hervorgetan habe. Nach dem Anonymus Valesii in dessen Exzerpten über Odovakar und Theoderich und dem Johannes von Antiochien (in Müllers Fragm. Histor. Graec. IV, p. 609) war aber ein EdecoDer Name ist bei ersterm Aedeco, bei Johannes Ant. aber Idico geschrieben, darauf jedoch kein Wert zu legen, da die Schreibart fremder Namen in den Quellen bei unzweifelhafter Identität, fast niemals völlig gleichlautend zu sein pflegt. Die meisten Historiker nehmen übrigens die fragliche Identität an., Germane, der Vater des berühmten Odovakar, auf den wir bald kommen werden. Attilas höchste Würdenträger überhaupt, so weit uns deren Nationalität bekannt wird, waren nicht Hunnen, sondern Fremde: seine germanischen Untertanen erschienen ihrer höhern Kultur nach überhaupt auch für die diplomatische Verhandlung weit geeigneter als seine asiatischen Nomaden.

Orestes war Römer, als Insasse des von Aëtius im Jahre 433 an Rua abgetretenen Teils von Pannonien aber hunnischer Untertan geworden.

Edeco überreichte dem Kaiser Attilas Schreiben, worin die Auslieferung sämtlicher Überläufer, zugleich aber auch das Verbot jeglicher römischen Ansiedlung in dem von ihm eingenommenen Landstriche südlich der Donau, an sechzig Meilen in der Länge (von Belgrad bis Sistowa) und fünf Tagereisen in der Breite, mindestens also tausend Quadratmeilen, begehrt ward. Wolle man ihm übrigens zu weiterer Verhandlung eine Gegengesandtschaft schicken, so müsse diese aus den ausgezeichnetsten Konsularen bestehen, welchesfalls er derselben bis Sardica entgegenkommen werde. Das Schreiben scheint lateinisch gewesen zu sein: bei der weitern mündlichen Mitteilung aber fungierte der in römischem Dienste stehende Bigila, vielleicht ein geborner hunnischer Untertan, als Dolmetsch: (sein Name ist wohl gotisch. D.).

Nach der Audienz begab sich Edeco durch die Reihe der Paläste zu des Kaisers Theodosius damaligem allmächtigen Günstlinge, dem Oberkammerherrn Chrysaphius, einem Eunuchen. Er drückt diesem seine Bewunderung, vielleicht auch seinen Neid über solche Pracht und Schätze aus: derselbe läßt ihm erwidern, wie er des allen in reichstem Maße teilhaftig werden könne, wenn er von den Hunnen zu den Römern überginge. Dies lehnt jener mit seiner Diensttreue ab: nun führt das weitere Gespräch auf Edecos Stellung zu Attila, bei dem er von Zeit zu Zeit den persönlichen Wachdienst habe, worauf ihn Chrysaphius zu einer geheimen Zusammenkunft einladet, was ersterer annimmt. Bei dieser schwören sich beide zuvörderst unverbrüchliches Schweigen über die Verhandlung, in welcher der Eunuch dem Edeco für Attilas Tötung die reichste Belohnung verspricht, worauf dieser eingeht, für jetzt nur fünfzig Pfund Goldes zu Dingung der Mörder verlangend. Doch könne er auch diese Summe nicht sogleich mitnehmen, weil dies vor dem übrigen Gesandtschaftspersonal, daher auch vor Attila, der den eigenen Geschenken stets sorgfältig nachforsche, nicht verborgen bleiben dürfte; er werde ihn aber durch den mitanwesenden Bigila, wenn dieser mit der Gegengesandtschaft bei ihnen anlange, über die Bezugsweise des Goldes in Kenntnis setzen.

Nachdem der Kaiser selbst nun mit Zuziehung des Reichskanzlers (magister officiorum) Martial diese Verabredung genehmigt hatte, wurde beschlossen, Maximin, welcher edelsten Geschlechts und Theodosius II. nahe befreundet war, auch schon hohe Ämter, wenngleich noch nicht das Konsulat, bekleidet hatte, mit Bigila an Attila abzusenden, ohne ihn jedoch, weil sie dessen anerkannte Rechtlichkeit scheuen mochten, von der Verschwörung in Kenntnis zu setzen. (Prise, a. a. O., p. 146–150.)

Hierauf folgt nun an einer andern Stelle der ungeschickt zusammengestellten Fragmente des Priscus (in der zweiten Sammlung unter 3, p. 169–212) der merkwürdige, ausführliche Bericht über Maximins Gesandtschaft, bei welcher er von diesem ihm befreundeten Gönner als Begleiter mitgenommen ward.

Der Gesandte sollte siebzehn Überläufer ausliefern, weil deren mehr nicht vorhanden seien, mündlich aber das dem Herkommen widerstreitende Verlangen, nur Abgeordnete konsularischen Ranges zu schicken, ablehnen. Es ist erklärlich, daß der alte Stolz des wenn auch noch so sehr herabgekommenen Kaiserhofes an solcher Kleinigkeit hing, desto merkwürdiger aber der Wert, den Attilas Eitelkeit darauf legte – : Beweis in der Tat, wie sehr die Idee römischer Größe und Würde der Barbarenwelt damals immer noch imponierte.

Nach dreizehn Tagen kam die römische Gesandtschaft in Begleitung der zurückkehrenden hunnischen in dem zerstörten Sardica an, wo Maximin letztere zum Male einlud. Bei diesem erhitzten sich die Gemüter durch einen Streit über ihre beiderseitigen Herrscher, in welchem Bigila ausrief: »man könne doch Attila, den Menschen, nicht mit dem Gotte Theodosius vergleichen.« Das erbitterte die Hunnen, die man nur mit Mühe wieder zu besänftigen vermochte. Nach der Tafel beschenkte Maximin den Edeco und Orestes mit seidenen Gewändern und Edelsteinen, worüber letzterer nach des erstern Entfernung große Freude, zugleich aber auch herben Tadel früherer Vorgänge aussprach, bei denen Edeco allein in solchem Maße geehrt worden sei. Als dies Bigila erfuhr, tadelte er Orestes, der sich Edeco auf keine Weise gleichstellen dürfe, und bemerkte später, daß letzterer über die ihm mitgeteilte Anmaßung seines Kollegen höchst erzürnt und nur schwer wieder zu beruhigen gewesen sei.

Unfern des ebenfalls in Trümmern liegenden Naissus stieß man auf ein Schlachtfeld am Margus, dessen Ufer auf beiden Seiten mit Knochen bedeckt waren, eine Tagereise hinter dieser Stätte aber auf den römischen Grenzbefehlshaber Agintheus, von dem man zu Erfüllung der siebzehn noch fünf Überläufer empfing. Die römische Linie scheint hiernach etwa zwanzig Meilen von der Donau entfernt gewesen zu sein.

An diesem Strom, über den die Gesandtschaft in ausgehöhlten Baumstämmen gesetzt ward, fand dieselbe die Vorrichtung des Stromübergangs für ein ganzes Heer, dem sie auch jenseits begegnete, welches Attila vorgeblich zu einer großen Jagd, in Wahrheit aber wohl zum Kriege gegen die Römer daselbst zusammengezogen hatte.

Etwa zwei Meilen jenseits der Donau stand Attilas Lager, vor welchem Maximin Halt zu machen genötigt war. Hier trafen bald, vom Könige gesandt, Edeco und Orestes nebst Scotta und anderen Großen mit dem Verlangen ein, ihnen die Zwecke der Mission vollständig mitzuteilen, was jedoch, da sie an den Souverän selbst gerichtet sei, nach völkerrechtlichem Brauche verweigert ward. Bald aber kehrten dieselben, wiewohl ohne Edeco, zurück, gaben dem Römer den ihnen auf andre Weise bekannt gewordenen Inhalt seiner Botschaft genau an, und überbrachten ihm den Befehl, sofort wieder abzureisen, falls er nicht anderes noch auszurichten habe.

Der als Mitverschworener vollständig unterrichtete Edeco hatte nämlich Attila alles verraten, sei es nun, daß sein Eingehen auf den Mordplan gleich anfangs ein erheucheltes gewesen oder daß der bei jenem Vorfalle in Sardica ihm offenbar gewordene Neid des Orestes den Verdacht in ihm hervorgerufen, dieser werde dem Herrn jene ihm nicht unbekannt gebliebene geheime Zusammenkunft mit Chrysaphius anzeigen.

Bigila, der auf Attilas ihm früher bewiesenes Wohlwollen eitel war, riet zu lügenhaftem Vorgeben weiterer Aufträge, was aber Maximin verwarf, der abzureisen beschloß.

Am andern Morgen gelang es jedoch Priscus mit Zuziehung eines andern Dolmetschers, den Scotta, Bruder des damals abwesenden Onegesius, Attilas ersten Ministers, zu sprechen und ihn durch den Vorteil, den der Empfang der Gesandtschaft auch für dessen Bruder haben werde, für Verwendung bei dem Könige zu gewinnen, welcher nun wirklich auch die gewünschte Audienz gewährte.

Der Gesandte richtete dem Herrscher, der auf einem höheren Stuhle saß, bei Überreichung des kaiserlichen Schreibens die gewohnten Grüße und Glückwünsche aus; dieser erwiderte: »Auch den Römern geschehe, wie sie mir es wünschen« und wandte sich sogleich mit den Worten zu Bigila: »Wie er, unverschämte Bestie, der doch aller frühern Verhandlungen kundig sei, es wagen könne, ohne Mitführung aller Überläufer zu ihm zurückzukehren?«

Auf die Erwiderung, daß deren mehr nicht vorhanden wären, ward der König immer zorniger und rief unter den heftigsten Schmähungen aus: er würde ihn sofort als Rabenspeise an das Kreuz schlagen lassen, wenn nicht das Völkerrecht ihn zurückhielte. Darauf ließ er die Liste der noch bei den Römern befindlichen Überläufer vorlesen, dem Maximin aber befahl er, so lange zu verziehen, bis die Antwort auf das kaiserliche Schreiben fertig sei.

Man ersieht hieraus, wie Attila gegen den Unschuldigen mild, gegen den Teilhaber am Verrat aber erbittert war.

Bigila ahnte Edecos Geständnis nicht, hielt dies sogar für undenkbar, mochte aber auch des Königs unerklärlichen Zorn der Mitteilung jenes Streits über die beiden Herrscher in Sardica nicht beimessen, weil keiner von den Teilnehmern daran, außer Edeco, aus Ehrfurcht oder Scheu Attila anzureden wage. In jener Meinung ward er noch mehr dadurch bestärkt, daß Edeco bald darauf über die Herbeischaffung der fünfzig Pfund Goldes sich mit ihm benahm.

Mit obiger Entdeckung aber hing es, wie wir bald sehen werden, zusammen, daß der König der Gesandtschaft auf das Strengste verbot, irgend etwas, außer den unentbehrlichsten Lebensmitteln, namentlich römische Gefangene, von seinen Untertanen zu erkaufen.

Um diese Zeit kehrte auch Onegesius zurück, der mit Attilas ältestem Sohne Ellak zu den Akatziren gesandt worden war. Ob diese die schon von Herodot genannten sarmatischen Agathyrsen oder ein erst nach den Hunnen zugewandertes Volk der Altai-Race waren, ist nicht zu ermitteln (s. Zeuß, S. 713 und 714); gewiß nur, daß sie den Hunnen nicht unterworfen waren, ihre Freundschaft daher von Theodosius eifrigst gesucht wurde. Die Gesandten desselben hatten jedoch das Ungeschick gehabt, den Kuridachus, einen der Häuptlinge der Akatziren, bei Verteilung der Geschenke zurückzusetzen, worauf der Beleidigte Attilas Hilfe gegen die Bevorzugten anrief. Sogleich entsandte dieser ein Heer, welches sämtliche Fürsten teils tötete, teils deren Gesamtgebiet unterjochte. Kuridachus ward geschont, jedoch zur Siegesfeier berufen, lehnte dies aber mit der klugen Erwiderung ab: ein Sterblicher könne so wenig in die Sonne blicken, als vor dem höchsten der Götter erscheinen. In das eroberte Land war nun jetzt Onegesius mit Ellak gesandt worden, um letztern als Herrscher einzusetzen, wobei jedoch der Prinz das Unglück gehabt hatte, durch einen Sturz die rechte Hand zu brechen.

Unmittelbar darauf ward Bigila mit Essla, dem hunnischen Gesandten, nach Konstantinopel zurückgeschickt, angeblich wegen der Überläufer, in der Tat aber um den bedungenen Mordlohn zu holen.

Am folgenden Tage brach Attila nach dem Norden auf, indem er sich unterwegs zu seinen vielen Gemahlinnen noch eine neue, namens Esca, beilegte.

Die Gesandtschaft folgte auf anderm Wege, wobei sie mehrere schiffbare FlüsseNach Priscus, S. 183, Dreco, Tigas und Tiphesis, nach Jordanis, c. 34, der freilich aus diesem schöpfte, Dricca, Tisia und Tibisia. Die beiden letzten können verschiedene Arme der Theiß gewesen sein, ersterer wahrscheinlich die Temes. zu passieren hatte.

Zur Nahrung ward derselben Hirse und als Getränk Met oder ein aus Gerste bereitetes, Camus (der Kumis der Tataren), geliefert, überall aber gastliche Aufnahme freundlichst gewährt. In einem Dorfe, dessen Herrin eine von Bledas Witwen war, übersandte diese nicht nur Speisen, sondern auch – ein eigentümlicher Brauch hunnischer Hospitalität – schöne Frauen, welche man jedoch unberührt ließ.

Nach sieben Tagen mußte Maximin bei einem Orte Halt machen, weil Attila diesen vorher zu passieren hatte.

Hier traf er eine weströmische Gesandtschaft, den Comes Romulus, den Präfect NoricumsBeweis, daß Noricum damals weströmisch war. Primutus und den General Romanus, bei denen sich hunnischer Seite Attilas (ihm früher durch Aëtius empfohlener) Geheimschreiber Constantius und Orests Vater Tatullus befanden, welcher letztere dem Romulus als seines Sohnes Schwiegervater nahe befreundet war.

Jene führte ein eigentümlicher Handel herbei. Bei Sirmiums Belagerung durch die Hunnen im Jahre 441/2 (was also denselben im Jahre 433 nicht abgetreten worden sein kann) hatte der Bischof dem Constantius, einem frühern, ebenfalls durch Aëtius empfohlenen, Geheimschreiber gleichen Namens goldne Kirchengefäße mit dem Auftrag übergeben, ihn oder nach seinem Tod andere Gefangene durch deren Erlös loszukaufen. Nach Sirmiums Einnahme aber, bei der der Bischof umgekommen sein mag, achtete Constantius dies nicht, verpfändete vielmehr in eignem Interesse jene Gefäße an einen Silvanus in Rom, ward aber bald darauf von Attila und Bleda, also spätestens im Jahre 445, wegen Verdachts gekreuzigt. Später nun verlangte Attila, der von obigem Vorfall Kunde erhalten haben mochte, die Auslieferung Silvans, der sich seines Eigentums bemächtigt habe. Diese sollte nun Romulus, weil jener in gutem Glauben gehandelt, ablehnen und, weil die heiligen Gefäße selbst zum Profangebrauche nicht ausgeliefert werden dürften, nur die Zahlung des Goldwerts dafür anbieten. (Priscus bis p. 187.)

Bald darauf folgte die Gesandtschaft dem Attila nach einem großen Dorfe (κώμη), welches dessen Residenz bildete und sich nur durch den Mangel an Mauern von einer Stadt (πόλις) unterschied. Die Entfernung vom letzten Ruhepunkt ist nicht angegeben: wir erfahren aber, daß die Residenz in einer stein- und baumlosen Steppe lag (p. 188, Z. 2) und zwar, wie der Reisebericht ergibt, zwischen Donau und Theiss, wahrscheinlich also in dem Jazygenbezirk in der Richtung von Pest nach Debreczin.

Der »Palast« des Königs, auf einer Erhebung gelegen, überragte den ganzen Ort und zog schon von weitem durch seine Türme die Blicke auf sich.

Mit jenem Namen bezeichnete man einen weiten, umfriedigten Raum, der mehrere Häuser, wie die des Königs, so seiner Lieblingsgemahlin Cerca (die Helke der Sage D.), einiger seiner Söhne und wahrscheinlich auch die Wohnungen seiner Leibwachen in sich faßte; die Umfriedigung war, ebenso wie die innern Gebäude, von Holz. Das allem Anschein nach im Mittelpunkt gelegene und von Türmen flankierte Haus Attilas war mit großen Planken bekleidet, die bewundernswürdig schön poliert und so genau an einander gefügt waren, daß sie nur ein einziges Stück zu bilden schienen.Die Wand bestand unstreitig nach Art des jetzt noch üblichen Holzbaues aus zusammengefügten Stämmen, die nur von außen und innen mit Bohlen belegt waren. Das der Königin war von leichterer, aber mehr verzierter Bauart, hatte erhabene Muster und Bildnerarbeiten, die nicht ohne Anmut waren. Dessen Dach ruhte auf viereckigen, sorgsam behauenen Pfeilern, die durch eine Reihe zierlicher Kreisbögen von Holz verbunden waren.

Das Haus des Onegesius stand in einiger Entfernung vom Palast, ebenfalls mit einer Umfriedigung eingeschlossen und dem des Königs ähnlich, nur viel einfacher.

Neben diesem hatte der Minister mit großen Kosten ein römisches Badehaus aus Stein durch einen gefangenen römischen Baumeister aufführen lassen, wozu das Material weit hergeschafft worden war.

Onegesius war sonder Zweifel Römer oder Grieche, bei den Hunnen jedoch erzogen und eingebürgert, auch mit einer Barbarin verheiratet (p. 196, Z. 3 von unten).

Attilas Einzug war höchst feierlich. Die Frauen des Orts bildeten durch weit und hoch (unstreitig an Stangen) aufgespannte weiße, feine Linnentücher einen Bogengang, in welchem Mädchen, je sieben und mehr im Gliede, unter vaterländischen Gesängen dem Könige vorauszogen.

Er hielt sein Roß vor des Onegesius Hause an: des Ministers Gemahlin trat mit zahlreicher Dienerschaft hervor und bot ihm mit ehrfurchtvollster Begrüßung Speisen und Wein auf einer silbernen Tafel an. Letztere wurde von den Begleitern zu ihm erhoben: er nahm davon mit ehrender Auszeichnung: darauf begab er sich in den Palast.

Die Gesandtschaft speiste bei derselben Vornehmen als Wirtin, während der eben mit Ellak zurückgekehrte Onegesius für seine Person zur Berichtserstattung bei Attila verweilte.

Am Abend schlug sie ihr Zelt an dem in der Nähe des Palasts ihr angewiesenen Orte auf.

Tags darauf sollte Priscus dem Minister die ihm bestimmten Geschenke überreichen, mußte aber vor dem verschlossenen Hause lange warten, wo ihn ein wohlgekleideter Mann, scheinbar Hunne, mit dem griechischen: »χαι̃ρε!« begrüßte, was ihm um so mehr auffiel, da im Lande sonst nur hunnisch oder gotisch, von nicht wenigen aber auch lateinisch gesprochen wurde. Der Mann war, wie sich ergab, ein reicher Kaufmann aus Viminatium, der des Onegesius Sklave geworden, durch tapfere Kriegstaten aber die Freiheit erworben und eine Barbarin geheiratet hatte, mit der er nun, als des Onegesius Klient, ein zufriedeneres Leben als früher führte.

Dabei ergoß er sich in das Lob des patriarchalischen hunnischen Regiments unter dem man völlig unbelästigt der größten Ruhe genieße, während man im römischen Reiche, fortwährenden Bedrückungen ausgesetzt, das Recht erkaufen müsse. Priscus stritt tapfer für sein Vaterland und der Gegner mußte endlich zugestehen, daß die römische Staatsverfassung, an sich weit vollkommener, nur durch die Verderbnis der Beamten (worin er freilich Recht hatte) schlecht geworden sei.

Nachdem Onegesius hierauf seine reichen Geschenke empfangen, begab er sich zu Maximin. Dieser stellte ihm sogleich eine weit glänzendere Belohnung in Aussicht, wenn er als Gesandter seines Herrn zum Kaiser alle Irrungen zwischen beiden Reichen zum Austrag bringe. Onegesius erwiderte, daß er doch immer nur Attilas Befehle überbringen werde und fragte, ob sie ihn des Verrats seines Herrn fähig hielten und darüber zweifeln könnten, daß er den Dienst Attilas allen Schätzen Roms vorziehe? Auch werde er Rom durch versöhnende Beratung Attilas weit mehr nützen können, als durch persönliche, so leicht Mißtrauen weckende, Verhandlung mit dem Kaiser.

Am nächsten Tage fand die Audienz bei Attilas vornehmster Gemahlin, die in einem mit Teppichen belegten Saale, von Dienern auf der einen und stickenden Frauen auf der andern Seite umgeben, auf einem Ruhebette liegend die überreichten Geschenke empfing.

Nach der Entlassung sah der alles sorgfältig beobachtende Priscus, da Maximin seiner Würde halber sich stets zurückziehen mußte, noch eine Gerichtssitzung Attilas mit an. Vor dem Palaste hatte sich eine große Menge Volkes lärmend versammelt, zu der der König, von Onegesius begleitet, stolz heraustrat: er hörte die streitenden Parteien an und gab jedem seinen Spruch, hier und da wahrscheinlich kaum ohne Willkür; aber welch' ein Unterschied zwischen diesem und dem schleppenden, kostspieligen römischen Rechtsgange! Darauf zog sich der Herrscher zu einer Audienz barbarischer Gesandter in seine Gemächer zurück. (Priscus bis p. 198.)

Hier folgt nun bei unserm Berichterstatter eine Unterredung desselben mit den weströmischen Gesandten, die durch ihres Hauptes Romulus genaue Kenntnis der hunnischen Verhältnisse wichtig ist. Klagend, daß der König auf Silvans Auslieferung beharre, fügte er hinzu: Glück und Macht hätten Attila so aufgebläht, daß kein Vernunftgrund gegen seine Willkür etwas vermöge. In der Tat aber habe auch kein Herrscher Skythiens oder irgend eines andern Landes binnen so kurzer Zeit so Großes vollbracht. Ganz Skythien bis zu den Inseln der Ostsee habe er sich unterworfen und fordere nun auch von den Römern Tribut, ja denke selbst an Persiens Eroberung [wobei Romulus eines frühern Einfalls in dieses Land unter dem Befehle der königlichen Skythen Bazicus und Cursicus gedachte, welche später (vielleicht im Jahre 433 unter Aëtius) mit vielem Volk in römischen Sold getreten seien]. Da man jenes Vorhaben gegen Persien als Abzugsmittel erwünscht fand, erwiderte Constantiolus aus Pannonien, nach Besiegung der Perser werde Attila nicht mehr als Verbündeter, sondern nur noch als Gebieter zurückkehren. Jetzt nehme er noch unter dem Titel eines römischen Heerführers Gehalt vom Kaiser anDies nicht zu bezweifelnde Anführen scheint mit der oft bemerkten Tributzahlung, welche Attila sogar ausdrücklich für ein Zeichen der Dienstbarkeit erklärte (s. w. u.), nicht vereinbar zu sein. Wir können aber nicht zweifeln, daß der dem Geldgewinn unter jeder Form so eifrig nachtrachtende Attila noch neben dem Tribute, der zum Teil auch den königlichen Skythen zufloß, einen persönlichen Gehalt vom Kaiser bezog, und zwar, weil der Erzähler der Gesandte Westroms war, gewiß auch von diesem Reiche., obwohl er in Augenblicken des Unwillens die römischen Generale bereits Sklaven nenne und die Seinigen deren Herrschern gleichachte. (Priscus, p. 201.)

Nachdem Maximin noch von Onegesius erfahren, daß der König keine anderen Gesandten, als Anatolius, Nomus oder einen Senator annehmen und die Verweigerung dieses Verlangens für Kriegserklärung ansehen werde, empfing derselbe nebst Priscus eine Einladung zur königlichen Tafel um drei Uhr.

Der Saal, in welchem diese abgehalten wurde, bildete ein großes längliches Gemach, worin Sessel und kleine Tische für je vier bis fünf Personen aufgestellt waren. In der Mitte erhob sich eine Estrade, welche Attilas Tisch und Ruhesitz trug, auf dem derselbe schon Platz genommen hatte; ein wenig weiter rückwärts befand sich ein zweites Ruhebett, das, wie das erstere, mit weißen Linnen und bunten Decken geschmückt war und den in Griechenland und Rom bei Hochzeiten gebräuchlichen glich. Im Augenblick, wo die Gesandten eintraten, reichten ihnen die Mundschenken, die an der Türschwelle standen, Becher voll Wein, aus denen sie, den König begrüßend, trinken mußten. Der Ehrenplatz, der rechts von der Estrade angebracht war, wurde von Onegesius eingenommen, dem zwei von des Königs Söhnen gegenüber saßen; den Gesandten wies man die Tafel links, die zweite im Range an; hier saß ein edler »Hunne«, (?) Namens Berich (ein gotischer Name D.), obenan. Ellek, der älteste von Attilas Söhnen, nahm auf dem Lager seines Vaters, aber viel weiter unten, Platz, wo er mit niedergeschlagenen Augen in respektvoller Haltung blieb. Nachdem sich alle niedergelassen, überreichte der Mundschenk dem Attila einen Becher voll Wein, welchen dieser austrank, indem er einen Ehrengast begrüßte, der sich sofort erhob, aus den Händen des hinter ihm stehenden Schenken eine Schale empfing und mit dieser die Gesundheit des Königs erwiderte. Hierauf kam die Reihe an die Gesandten, welche in gleicher Weise, den Becher in der Hand, das Wohl des Monarchen ausbrachten. So wurden alle Gäste, hinter deren jedem ein Schenke stand, einer nach dem andern ihrem Range gemäß begrüßt und erwiderten dies in gleicher Weise. Darauf ward für Attila zuerst eine Schüssel voll Fleisch sowie Brot und Zukost aufgetragen. Dessen Schüssel und Becher waren von Holz, während man für die Gäste Brot und Speisen aller Art auf silbernen Schüsseln auftrug: auch deren Trinkschalen waren von Silber oder Gold. Die Gäste nahmen nach Belieben aus den vor ihnen stehenden Schüsseln. Nach Beendigung des ersten Ganges kamen die Schenken wieder und die Begrüßungen erneuerten sich mit derselben Etikette wie vorher. Der zweite Gang war eben so reichlich wie der erste, bestand aber aus anderen Gerichten, bei welchen die Gäste ihre Becher wiederum aufstehend auf obgedachte Weise leerten. Gegen Abend, als die Fackeln bereits angezündet waren, traten zwei Dichter ein, die in hunnischer Sprache vor Attila selbstgefertigte Verse sangen, in denen seine kriegerischen Tugenden und Siege gefeiert wurden. Ihre Gesänge riefen bei der hunnischen Zuhörerschaft einen gewaltigen Eindruck hervor; die Augen leuchteten; viele weinten – Tränen freudigen Verlangens bei den jungen Leuten, Tränen des Schmerzes bei den Greisen. Diese Tränen des Hunnenreiches wurden hierauf von einem Possenreißer abgelöst, dessen Grimassen und Albernheiten allgemeines Gelächter erregten.

Hierauf trat der Mohr Zerco ein, ein buckliger, mißgestalteter Zwerg, der seit zwanzig Jahren in der Welt herumzog. Einst Bledas Günstling war er diesem entlaufen, hatte aber, zurückgebracht, denselben durch den Entschuldigungsgrund, es sei dies nur geschehen, weil man ihm keine Frau gegeben, wieder versöhnt und eine solche in der Person einer wegen groben Vergehens in Ungnade gefallenen, edelgebornen Dienerin der Königin wirklich erhalten. (Priscus, p. 225.) Nach Bledas Tode schenkte ihn Attila dem Aëtius, der ihn seinem ersten Herrn, Aspar in Konstantinopel, zurückgab, von wo ihn Edeco jetzt wieder mitgebracht hatte.

Dessen Erscheinung, Possen und lateinisch-hunnisch-gotisches Kauderwelsch erregten lautes Gelächter.

Während dieser Schauspiele war Attila unausgesetzt unbeweglich und ernst geblieben, ohne daß irgend eine Gebärde, irgend ein Wort die geringste Teilnahme in ihm verraten hätte; nur als sein jüngster Sohn Ernack eintrat und sich ihm näherte, glänzte ein Blitz von Zärtlichkeit aus seinen Blicken; er zog das Kind näher an sich und streichelte ihm sanft die Wange.

Überrascht von dieser plötzlichen Veränderung in Attilas Gesichtszügen, wendete sich Priscus zu einem seiner barbarischen Nachbarn, der ein wenig Lateinisch sprach und flüsterte ihm die Frage ins Ohr, aus welchem Grunde dieser Mann, der gegen seine übrigen Kinder so kalt sei, sich gegen dieses so liebreich zeige. – »Ich will es Euch gern erklären, wenn Ihr darüber schweigen wollt«, antwortete der Barbar. »Die Wahrsager haben dem Könige prophezeit, daß sein Geschlecht in den übrigen Kindern aussterben, in Ernack aber fortleben werde; dies ist der Grund seiner Zärtlichkeit; er liebt in diesem jungen Kinde die einzige Quelle seiner Nachkommenschaft.«

Tief in der Nacht zogen sich die Römer zurück.

Am nächsten Tag erlangte Maximin noch die Freigebung einer seit sechs bis sieben Jahren gefangenen vornehmen Römerin, Sullas Gemahlin, für 500 Pfund Goldes von Attila, wobei dieser deren Söhne sogar dem Kaiser zum Geschenke machte. Hierauf speiste die Gesandtschaft bei Reka, einer andern Gemahlin des Königs, welche dessen Haushalte vorstand.

Am folgenden Tage wurden sie wieder zur königlichen Tafel geladen, bei welcher unter übrigens gleicher Etikette, statt des Sohnes, Oebarsius, der Oheim des Herrschers, den Platz neben ihm hatte. Diesmal war Attila freundlich, drang aber sehr in Maximin, den Kaiser dahin zu bringen, daß er das seinem Geheimschreiber Constantius erteilte Versprechen, diesem eine reiche Römerin zur Frau zu geben, erfülle, da es einem Souverän nicht anstehe, zum Lügner zu werden. Dies betrieb derselbe so eifrig, weil ihm Constantius eine große Summe Goldes dafür versprochen hatte.

Drei Tage darauf ward die Gesandtschaft beschenkt und entlassen. Mit ihr reiste, als Gegengesandter Attilas zu Theodosius, der vorstehend genannte Berich, der als Grundherr vieler Dörfer bezeichnet wird.

Während der Reise, auf der man die Kreuzigung eines angeblichen Spions und zweier Knechte, die ihre Herren getötet hatten, mit ansah, war Berich zuerst freundlich, ward aber wegen eines Streites zwischen dem beiderseitigen Gefolge so erbittert, daß er Maximin das ihm geschenkte Pferd wieder abnahm und erst in Adrianopel scheinbar wieder besänftigt werden konnte, noch in Konstantinopel aber den Römer verleumdete.

Inzwischen war Bigila, welchem die Gesandtschaft zwischen den letztgedachten Städten begegnete, an Attilas Hoflager zurückgekehrt, ward aber daselbst sogleich angehalten und das Gold, welches er mit sich führte, ihm abgenommen. Vor Attila geführt und befragt, wozu er eine so große Summe mitgebracht habe, suchte er sich durch Ausflüchte zu helfen, deren Nichtigkeit der König unter harter Schmähung ihm bewies, indem er namentlich hervorhob, daß er ja den Loskauf Gefangener, welchen jener als Zweck angeführt hatte, verboten habe. Nach diesen Worten befahl er, Bigilas Sohn, den dieser als Privatbegleiter mit sich hatte, auf der Stelle zu töten, wenn der Vater nicht sofort ein offenes Geständnis ablege. Das wirkte; der Unglückliche bat unter Tränen, diesen Unschuldigen zu schonen und ihm selbst den Todesstreich zu geben, indem er nun die ganze Verschwörung bekannte. Attila, durch Edeco von allem unterrichtet, erkannte die Wahrheit und erklärte, Bigila gegen Zahlung anderweiter 50 Pfund Goldes aus dem Kerker, in den er geworfen ward, entlassen zu wollen, indem er dessen Sohn, zu Beschaffung dieser Summe, zurückreisen ließ.

Seinerseits sandte nun der König Essla und Orestes nach Konstantinopel ab. (Priscus, p. 211.)

Diese hatten folgende Instruktion (Priscus, p. 150Fragment 6 der ersten Sammlung, welches Fragment 3 der zweiten sich anschließt. Die Zerreißung dieser zusammengehörigen Bruchstücke wird auch dadurch unsres Bedenkens nicht gerechtfertigt, daß ersteres der byzantinischen, letzteres der gotischen Geschichte entlehnt sein soll.); Orestes solle mit dem um den Hals gehängten Beutel, in welchem Bigila die für Edeco bestimmten 100Man sieht nicht ein, woher statt der früher erwähnten fünfzig hier auf einmal von hundert Pfund die Rede ist. Die Auszüge sind aus verschiedenen Werken, von denen das Spätere möglicherweise das Frühere berichtigt haben kann. Am wahrscheinlichsten erscheint es aber, daß Bigila statt der bedungenen fünfzig Pfund zu mehrerer Sicherheit das Doppelte mitgegeben worden war. Pfund Goldes überbracht hatte, vor den Kaiser treten und Chrysaphius fragen, ob er diese Börse anerkenne; Essla aber solle in seines Herrn Namen erklären: »Theodosius und Attila beide seien Söhne edler Väter: er aber sei des Seinigen würdig geblieben, Theodosius hingegen habe den ererbten Adel dadurch verloren, daß er durch Tributzahlung ihm dienstbar geworden sei. Nicht recht aber handle derjenige, welcher dem Bessern, den ihm das Schicksal zum Herrn gegeben, als untreuer Diener hinterlistig nachstelle. Daher werde er nicht aufhören, Theodosius des Verrats anzuklagen, wenn er ihm nicht den Eunuch zur Bestrafung ausliefere.«

Diese Sprache mußte der Kaiser anhören, doppelt geängstigt dadurch, daß zu gleicher Zeit auch der fast allmächtige Zeno an der Spitze des Speeres die Ausantwortung des Günstlings verlangte.

Der verschmitzte Eunuch aber wußte sich gegen seinen gefährlichsten Feind dadurch zu helfen, daß nun die Vornehmsten des Reichs, die Patrizier und Magistri militum, Anatolius und Nomus, mit ungeheuern Summen Goldes und dem Versprechen, auch des Constantius Verlangen zu erfüllen, zu Attilas Besänftigung abgesandt wurden.

Dieser ging ihnen mit nun befriedigter Eitelkeit achtungsvoll bis an den Drenco in der Nähe der Donau entgegen.

Zuerst hochfahrend, ward er durch das große Geldgeschenk bald umgestimmt, erklärte sich bereit, den früher bedungenen Frieden zu halten, den Anspruch auf den Landstrich südlich der Donau ganz fallen zu lassen, ja den Kaiser selbst wegen der Überläufer nicht weiter zu belästigen, wenn nur die Römer deren in Zukunft nicht mehr aufnähmen.

Bigila ward für die verlangten fünfzig Pfund Goldes, welche dessen Sohn mitbrachte, entlassen, während andrerseits nun auch Constantius die versprochene Frau in der Person einer jungen, reichen und vornehmen Witwe empfing. (Priscus bis p. 215.)

Reichlich beschenkt mit Pferden und kostbarem Pelzwerk, womit die königlichen Skythen sich zu schmücken pflegten, wurden die Gesandten entlassen.

Dies muß zu Ende des Jahres 449 oder Anfang 450 geschehen sein.

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