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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 64
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Von den weitern Ereignissen des Jahres 402 kennen wir nur den Rückzug der Goten über den Po, der unstreitig noch im Monat April 402 erfolgte (de VI. con. Hon. v. 178/9 u. 302/3). Von da Waffenruhe bis in den Hochsommer 403V. 212:

Jamque opportunam motu strepuisse rebelli
Gaudet perfidiam, praebensque exempla labori
Sustinet accensos aestivo pulvere soles.

So auch v. 241: Annique vapore.

, da der Krieg wegen Alarichs angeblichen Vertragsbruchs, über dessen Tatbestand wir nichts erfahren, aufs Neue entbrannte. Vermutlich glaubte sich Letzterer, der seinem Wort wohl treuer war als Stilicho (? D.), durch die hinterlistige Verleitung (? D.) seiner Völker zum Abfall berechtigt, nicht nur seinen Abmarsch zu verzögern, sondern sich auch noch durch neu geworbene Hilfsscharen zu verstärken. Als es nun zum Ausbruch der Feindseligkeit kam, ließ er Angreifer vielleicht von Aquileja her gen Verona, das also noch in den Händen der Römer gewesen sein muß, anrücken, indem er diesen Platz mit seinem eignen Heer in der Fronte faßte, wobei er jedoch wohl nur an Überrumpelung, nicht an Eroberung durch förmliche Belagerung, gedacht haben kann. Hier aber muß Stilicho, der mit starker Macht beobachtend folgte, denselben erreicht und (nach v. 201) ein heftiges Treffen stattgefunden haben, von dem der Dichter v. 208/9 sagt: »die Etsch habe, der Feinde Leichen fortspülend, das ionische Meer mit deren Blute gefärbt.« Bei der weitern Verfolgung des hier geschlagenen Alarich soll nun derselbe einmal so geschickt eingeschlossen und überfallen worden sein, daß er selbst gefangen worden wäre, wenn nicht der vorzeitige Ungestüm eines alanischen Führers den Plan vereitelt und Jenem die Rettung auf schnellem Roß ermöglicht hätte. Darauf habe der König noch an einen Einfall in Rätien, wo er vielleicht Verbündete zu gewinnen hoffte, und von da in Gallien, also an Rückzug über den Brenner gedacht, auch diese Straße aber habe Stilicho vorher besetzt und denselben dadurch gezwungen, sich auf die Berge zurückzuziehen, wo er von Hunger, Seuche und wachsendem Abfalle seiner Truppen schwer bedrängt, zu keinem Kampfe mehr zu bringen gewesen und endlich vor dem nachrückenden Stilicho geflohen sei.

In dieser Dichtung kann nur so viel Wahrheit sein, daß Alarich, nachdem er sich durch Stilicho verletzt und verraten glaubte (? D.), noch einmal mutvollen Widerstand, namentlich auch einen Angriff auf Verona wagte, ja mit unglaublicher Kühnheit sogar noch nach Rätien vorzudringen beabsichtigte, schließlich aber doch durch Stilichos Umsicht, Tätigkeit und Übermacht zum Rückzug aus Italien über die julischen Alpen, von denen er herabgekommen war, gezwungen ward, womit denn sogleich dessen weitere Verfolgung aufhörte.

Aquileja und was Alarich sonst noch an festen Plätzen besaß muß derselbe freiwillig geräumt haben, wie dies auch die Kriegsraison erforderte, da er, ohne die Möglichkeit eines Entsatzes, durch deren fernere Behauptung einen großen Teil seines Heeres nutzlos aufgeopfert haben würde.

Lange zauderte Honorius, ehe er von Ravenna, wohin er sich Ende 402 wieder begeben hatte, nach Rom aufbrach, und dort seinen Triumph und Konsulatsantritt feierte. Noch verkündet die stolze Inschrift des Honorius und seinen Mitkaisern errichteten, im vierzehnten Jahrhunderte leider abgebrochenen Ehrenbogens die Bezwingung der Goten für vermeintlich »ewige Zeit« (in omne aevum).

Wenig über ein Jahr mag verflossen sein, als Radagais, ein ganz anderer Unhold denn Alarich, in Italien einbrach, dessen Zug aber eine der dunkelsten Partien der Geschichte dieser Zeit bildet. Zosimus (V, 26) sagt darüber wenig mehr als die Chronisten; Claudians Muse ist leider verstummt und die kirchlichen Schriftsteller, St. Augustin und dessen Schüler Orosius, geben statt historischer Nachrichten nur weitläufige theologische Betrachtungen. Daher bietet sich für quellenmäßige kritische Erörterung bis auf die Zeit dieses Ereignisses1. Prosper Tiro setzt des Radagais Einbruch ausdrücklich in das Jahr 404 und erwähnt dabei zugleich noch, daß die aus dem römischen Reiche vertriebenen Arianer sich zu ihm begeben hätten, um unter dessen Schutz in das Vaterland zurückzukehren, worauf unter dem Jahre 405 der im Texte mitgeteilte Bericht von dessen Untergange folgt.

Prosper Aquitanus sagt nichts vom Beginne des Krieges, stimmt aber über dessen Ende mit Prosper Tiro überein. Da nun die Germanen, wie auch Alarich, in der rauhen Jahreszeit anzugreifen pflegten, so ist höchst wahrscheinlich, daß der Krieg, bei dem doch vielfache Hindernisse zu überwinden waren, bereits gegen Ende des Jahres 404 seinen Anfang und erst im folgenden durch des Radagais Vernichtung seinen Schluß gefunden habe, wogegen Marcellinus in seiner Chronik Beides erst in das Jahr 406 setzt.

Die beiden ersten Chronisten sind Zeitgenossen und AbendländerDies ist von Prosper Tiro nach dem Inhalt seiner Chronik wenigstens zu vermuten. Ob dessen ganze Arbeit übrigens durchaus Original oder nur eine Überarbeitung der Chronik des Prosper Aquitanus ist, tut nichts zur Sache, da deren Verfasser jedenfalls auch selbständig und mit Benutzung anderer Quellen schrieb., der Comes Marcellinus lebte und diente hundert Jahre später im byzantinischen Reiche, weshalb Erstere in diesem Falle höheren Glauben verdienen.

2. Die Richtigkeit ihrer Angabe wird aber auch noch durch einen andern Grund unterstützt.

Prosper Aquitanus setzt den Einfall der Vandalen und Alanen in Gallien in das Jahr 406 und den der Vandalen in Spanien in das Jahr 409.

Letzteres Datum wird aber nicht nur durch Cassiodor, sondern vor allem durch Idatius, sowohl in seiner Chronik als in den Fasten bestätigt, der als Zeitgenosse (388 geboren) und spanischer Bischof gerade für dieses – für sein Vaterland so wichtige – Epochenjahr unzweifelhaft unbedingten Glauben verdient.

Ist aber hiernach des Prosper Aquitanus Zeitangabe des Auszugs der Vandalen aus Gallien nach Spanien richtig, so begründet dies eine dringende Vermutung für die gleiche Richtigkeit seiner Zeitbestimmung des Einzugs derselben in ersteres Land.

Steht nun für denselben das Jahr 406 fest, so wird dadurch obige Angabe Marcellins wesentlich entkräftet, da es kaum denkbar ist, daß des Radagais Einfall in Italien, den er erst nach der Feier von des Theodosius Quinquennalien, die in den Monat April fielen, erwähnt, der ganze mit dessen Vernichtung endende Krieg und der Rheinübergang der von ihm abgefallenen Scharen in ein und dasselbe Jahr 406 fallen konnte, zumal wir es hier nicht mit mobilen Armeen, sondern mit ganzen samt Familien ausgewanderten Völkern, die eine neue Heimat suchten, zu tun haben.Vergl. aber Dahn, Könige V, S. 37.

Eine ganz neue Ansicht über Radagais entwickelt Pallmann in dem Abschnitte: Losbruch der pannonischen Ostgoten unter Ratiger 400 (S. 230–234 u. w. u. S. 248–251), indem er, statt des von allen gleichzeitigen Quellen bezeugten Namens Radagais, diesen Mann, nach dem hundertunddreißig bis hundertundfünfzig Jahre spätern und für alle nicht selbst erlebten Ereignisse unzuverlässigen Prokop, Ratiger nennt.

Pallmann nimmt nämlich an: auf Verabredung oder mindestens gleichzeitig mit Alarich im Jahre 400 (richtiger 401) sei »Ratiger« mit den in Pannonien sitzenden Ostgoten in Rätien eingefallen, um von Norden her nach Italien zu dringen, wohin Alarich von Osten her marschierte. Jenen ersteren sei nun Stilicho entgegengezogen und habe sie ein Jahr hindurch und länger bis 402 bekämpft.

Daß auch dieses Heer aus Goten bestanden, erhelle aus Prosper Aquitanus: Gothi Italiam Alarico et Rhadagaiso ducibus ingressi.

Da aber Pallmanns vermeinte Ostgoten unter »Ratiger« gar nicht nach Italien gekommen, sondern schon aus Rätien wieder zurückgetrieben worden sein sollen, so hat derselbe diese Hauptquelle nicht für, sondern gerade gegen sich, indem dieselbe vielmehr offenbar lediglich vom ersten Feldzuge des Westgotenkönigs Alarich nach Italien handelt, dem sich Radagais angeschlossen hatte. (Hiergegen aber Dahn, Könige V, S. 37.)

Ferner sollen (wie Pallmann S. 233 am Schluß anführt) jene Eindringlinge in Rätien nach Claudian Föderatvölker gewesen sein, die ihr Bündnis mit Rom gebrochen hätten. Allerdings spricht nun auch Claudian (v. 366–410) von aufständischen Föderaten in Rätien.

Daß aber die Ostgoten, deren Hauptmasse doch den Hunnen seit 376 unterworfen war, damals in einem Foedus mit Rom gestanden hätten, ist nicht allein nirgends bezeugt, sondern auch geradezu undenkbar.

Ferner sollen (wie Pallmann S. 231, Z. 4 von unten sagt) indirekt mehrere Stellen in Claudian bezeugen, daß jene Völker, welche die Bündnisse gebrochen hätten, Goten waren. Dafür zitiert er nun besonders v. 220 d. VI. Cons. Hon., wo der Dichter (der daselbst aber vom Feldzuge 403 nach der Schlacht von Verona handelt) sage: »Stilicho besiegt den durch verwandte Streitkräfte wild aufgeregten Ister«, während die Worte: »astu debilitat saevum cognatis viribus Istrum« vielmehr den klaren Sinn haben: Stilicho schwächt durch List das wilde Heer der Westgoten (das Claudian poetisch, wiewohl ganz unrichtig, durch Ister bezeichnet) dadurch, daß er stammverwandte Scharen Alarichs zum Abfalle verlockt.

Wie daraus folgen soll, daß die angeblich zwei Jahre vorher in Rätien eingefallenen Völker Ostgoten gewesen seien, haben wir dem Leser anheimzustellen und nur als einen noch stärkeren Irrtum hervorzuhebenGanz einverstanden Dahn, Könige V, S. 37., daß Pallmann in den Versen 284 und 286 d. b. get., wo Stilicho in seiner Rede vor Beginn des Krieges 402 von den vorher unbekannten, nun aber durch die Niederlage zweier Tyrannen kundgewordenen Wegen über die Alpen redet, diese Tyrannen, womit handgreiflich die in eben diesen Alpen in den Jahren 388 und 394 geschlagenen Maximus und Eugenius gemeint sind, auf Alarich und Radagais bezieht (– eine kaum begreifliche Verirrung! D. –), welche damals aber noch gar nicht einmal angegriffen waren, da Claudian Stilicho ja erst später nach v. 320 über den larischen See zur Herbeiholung von Hilfstruppen nach Germanien ziehen läßt.

Aus welchen Völkern das Heer des Radagais bestand, werden wir bei dem Einbruch der Hauptmasse desselben in Gallien sogleich kennen lernen; welchem derselbe für seine Person angehörte, ist unerforschlich.

Daß Ostgoten außer der ruhig unter hunnischem Zepter sitzenden Hauptmasse sich noch in den Donauländern umhertrieben, ersehen wir aus der oben berichteten Unternehmung des Oedoteus. Diese abgelösten Scharen können sich während der Zeit der noch ungeordneten Hunnenherrschaft durch Flüchtlinge und andere Abenteurer vermehrt haben und im Interesse ihrer eigenen Sicherheit mehr westwärts, möglicherweise bis Pannonien hinein, gezogen sein. Diesen kann auch Radagais angehört haben; daß derselbe aber kein Volkskönig der Ostgoten warGanz einverstanden Dahn, Könige V, S. 37 f., ergibt sich zweifellos aus des Jordanis wichtiger Stelle (c. 31), die, nach ihrer hohen Wichtigkeit für Cassiodor und dessen Zweck, aus diesem entnommen sein mag.

fast keinerleiDaher das Folgende nur Hypothesen. Viel geringer schlägt die Bedeutung des Zuges von Radagais an, abweichend auch in der Zeitfolge, Dahn, Könige V, S. 37. Anhalt.

Wir glaubten schon im Jahre 400 bis 401 Anzeichen eines bevorstehenden Sturms zu entdecken, der im Jahre 404 gewaltsam losbrach.

Wir fanden (I, S. 254 f.) gegen Ende des dritten Jahrhunderts im Herzen Germaniens zwischen dem als Fortsetzung der Karpaten durch Schlesien und Sachsen zur Weser sich hinziehenden Gebirg und der Donau und Rhein andererseits mehrere seit kürzerer oder längerer Zeit neu von Nordost her zugewanderte Volksstämme: Burgunder, Vandalen und Lygier.

Gewissermaßen den zweiten Akt der »Völkerwanderung« bildend, als deren ersten man etwa den Anzug der Goten von der Ostsee zu Pontus und Donau betrachten kann, waren sie in die neuen Sitze vorgedrungen, nicht als in ihr Ziel, sondern nur in die ersten Stufen ihrer Wanderung.

Zwischen ihnen und Rom saßen die Jutungen, Alemannen und Franken, insgesamt selbst eroberungssüchtig, daher scheinbar zu deren Vorhut im Kampfe gegen Rom bestimmt.

Da plötzlich erhob sich dieses letztere (scheinbar D.) wieder aus seinem Verfall und brachte dadurch die »Völkerwanderung« zu kurzem Stillstand.

Auf einmal veränderte das Weltereignis des Hunneneinbruchs die Szene.

Blieb dieser zunächst ohne uns bekannten Einfluß auf die westlich der Goten wohnenden Völker (von denen, außer den Sarmaten, die Quaden und hinter diesen die Markomannen der hunnischen Herrschaft zunächst saßen), muß sich doch, nachdem die Ordnung und Befestigung der Hunnenherrschaft zunahm, die Gefahr dieser Nachbarschaft mächtig gesteigert haben.

Schon bald nach ihrem Eindringen in Europa zwar hatten die Hunnen, wenn wir Jordanis trauen dürfen, ein suebisches Volk, und sodann, was nicht zu bezweifeln ist, die Gepiden durch die ihnen dienstbaren Ostgoten bekriegen und letztere mindestens sich unterwerfen lassen. Dieselben müssen aber nach dieser Zeit zunächst ihre Aufmerksamkeit wahrscheinlich mehr auf ihre nächsten Nachbargebiete gerichtet haben. Von deren Wirksamkeit vernehmen wir zunächst nichts weiter, als daß sie eine Rom nicht feindliche, ja teilweise sogar freundliche war, namentlich viele dieses Volks in römischen Solddienst traten. Unzweifelhaft aber mußten die benachbarten Germanen die ihnen von diesen furchtbaren Barbaren drohende Gefahr immer mehr erkennen und fühlen lernen. Wenn nun Jordanis Kap. 31 sagt, die Vandalen und Alanen hätten sich aus Furcht vor den Goten in Pannonien nicht mehr sicher geglaubt»Nec ibi sibi metu Gothorum arbitrantur tutum fore.« und seien deshalb nach Gallien gezogen, so legen wir auf dessen Autorität an sich zwar wenig Wert, finden aber in dieser Stelle doch eine merkwürdige Bestätigung dessen, was das eigne Urteil uns an die Hand gibt. Selbstredend sind nämlich unter jenen Goten des Jordanis keine andern als die den Hunnen unterworfenen Ostgoten (Gepiden und andern gotischen Nachbarn D.) zu verstehen, welche die Herrscher, was wir ja schon aus den eben angeführten Beispielen wissen, zunächst zur Bekriegung der benachbarten germanischen Völker verwandten.

Wir vermuten nun, daß es damals nicht allein die Besorgnis vor der Zukunft, sondern auch schon ein wirkliches Vordringen der Hunnen, und zwar zunächst deren gotischer Vorhut war, was jenen Auszug der Germanen veranlaßte, indem erstere nunmehr das alte Jazygenland zwischen Theiß und Donau besetzten, und daraus die Vandalen, nordwärts vielleicht auch Quaden, wirklich vertrieben. Nun mußten die Entweichenden auf die westlich angrenzenden Völker drücken, die sich, im Gefühl ihrer Ohnmacht gegen die Hunnen, der Auswanderung jener, großenteils wenigstens, anschlossen.

Daher betrachten wir das Vordringen der Hunnen und die weitere Furcht vor ihnen als die Grundursache des damaligen neuen Auf- und Losbruchs der obgedachten Völker wider Rom.(Unwahrscheinliche und unnötige Hypotese. D.)

Für dessen ersten Akt (? D.) halten wir des Radagais Einfall in Italien, dessen Beginn wir in das Ende des Jahres 404 setzen, da die Germanen, Kälte besser als Hitze ertragend, wie wir schon wissen, gern den Winter zum Angriffe wählten.

Radagais war ein Fürst, dem die Römer manchmal den Königstitel beilegen, und ein Heide. So viel wissen wir aus den Quellen mit Sicherheit, weiter aber über dessen spezielle Nationalität gar nichts.

Marcellin und Orosius (VII, 27) nennen ihn Heiden und Skyten, Augustin (d. civit. Dei V, 23) und Prosper Tiro einen König der Goten: aber auch Orosius und Prosper Aquit. nennen dessen Völker gotische, während Zosimus (V, 26) sagt, er habe sein Heer aus den keltischen und germanischen Völkern jenseits der Donau und des Rheins gesammelt, welchen er also doch selbst angehört haben muß.

Die Theologen, zumal der in Afrika lebende Augustin, und die Chronisten waren keine Etnographen und lernten diese Völker gewiß nicht früher näher kennen, als nachdem sie in das römische Gebiet eingefallen waren, nannten sie daher nach dem einzigen ihnen genauer bekannten Volke, das Italien bisher bedroht hatte, um so mehr Goten, da unbezweifelt Bestandteile dieses letztern Volkes am zahlreichsten vertreten waren.

Dagegen können wir die Bezeichnung »Skythe« in obigen Quellen nicht unbedingt für identisch mit »Gote« ansehen, da die Spezialkunde des Gotenvolks um diese Zeit schon so weit vorgeschritten und verbreitet war, daß man dessen Angehörige kaum noch mit jenem alten Gattungsnamen belegt haben dürfte.

Wir sind nun, uns Zosimus anschließend, der Überzeugung, daß Radagais aus einem der gotischen Völker, möglicherweise allerdings auch ein Ostgote, und zwar vielleicht fürstlichen Geblüts war: (aber kein Amaler. D.).

Über die Stärke seines Heeres waltet gleiche Ungewißheit. Zosimus gibt es zu 400 000 Mann an, Marcellin zum Jahre 406 nur zu 200 000, Orosius (VII, 37) sagt, es seien mehr als 200 000 Goten darunter, und bei des Radagais Einschließung nach der niedrigsten Angabe noch 200 000 Mann vorhanden gewesen, während Augustin die Stärke letzterer nur zu 100 000 Mann angibt.

Wir halten des Zosimus Angabe für die Zeit des Aufbruchs um so mehr für die richtigere (? D.), da jene Völker sicherlich zugleich ihre bisherige Heimat verlassen wollten, daher Weib und Kind mit sich führten, schließen uns aber für die zur Zeit der Katastrophe noch Vorhandenen aus den sogleich zu entwickelnden Gründen mehr Augustin an.

Der erste Verlauf des Krieges ist völlig dunkel und rätselhaft: wir glauben aber den Schlüssel dazu in Prosper Tiro zu finden, der unter dem Jahre 405 sagt: »Nach Verwüstung vieler Städte unterlag Radagais, dessen in drei Teile unter verschiedenen Fürsten gesondertes Heer den Römern eine gewisse Füglichkeit der Abwehr gewährte. In glänzendem Siege ward das Heer des dritten Teils der Feinde, von den hunnischen Hilfsvölkern umschlossen, auf das Haupt geschlagen (oder aufgerieben).«Multis ante vastatis urbitus Radagaisus occubuit: cujus in tres partes per diversos principe divisus exercitus aliquam repugnandi Romanis aperuit facultatem. Insigni triumpho exercitum tertiae partis hostium, circumactis Hunnorum auxiliaribus, Stilicho usque ad internecionem delevit.

Zosimus erzählt den Hergang so: Als alles verzweifelte und Rom selbst in höchster Gefahr war, sammelte Stilicho in und bei Ticinum (Pavia) dreißig LegionenZosimus spricht a. a. O. nicht von Legionen, sondern nur von αριθμοί numeri, d. i. selbständigen Truppenkörpern, wozu auch Kohorten und Alen gehörten. Da jedoch Westrom achtundsechzig (damals noch? D.) Legionen hatte, so glauben wir hier, der Größe der Gefahr entsprechend, jene Zahl auf die der Legionen (gewiß nicht: nur »Scharen« D.) beziehen zu müssen. Vergl. Bd. I, S. 311., außer den von den Alanen und Hunnen erlangten Hilfsvölkern, ging über den ArnusZosimus sagt über den Ister, Donau: dies ist aber so sinnlos, daß wir nicht Irrtum des Verfassers, so groß auch dessen geographische Unwissenheit war, sondern den eines spätern Abschreibers annehmen können, der das vielleicht undeutliche Wort auf diese Weise ergänzte. (? D.), griff die Barbaren unerwartet an und vernichtete deren ganzes Heer dergestalt, daß beinah niemand entrann, sehr wenige ausgenommen, welche er in römischen Sold nahm.

Dies geschah, wie wir aus Orosius ersehen, bei Florenz auf den Bergen von Fiesole.

Hiernach erklären wir uns die Sache also. Stilicho, ebenso geschickter Diplomat als Feldherr, wußte die Gefahr zu teilen, indem es ihm gelang, die Führer zweier von den drei Sonderheeren von Radageis abzuziehen und auf unabhängige Gewinnung einer eignen Heimat in dem reichen Gallien hinzulenken.(Völlig unerwiesene und unwahrscheinliche Vermutungen. D.) Das war kein Verrat, sondern eine Nothilfe, in deren Hintergrund gewiß die Absicht oder doch die Hoffnung lag, nach Abwendung der dringendsten Gefahr des Augenblicks, auch jener Reichsfeinde wieder Meister werden zu können.

Dieser Abfall muß in des Radagais Rücken, dessen Heer das vorderste war, erfolgt sein. Derselbe beharrte indes bei seinem Kriegsplan, sei es, weil es zur Abänderung zu spät oder sein Mut ungebrochen war, und marschierte über den Apennin nach Florenz, was nur auf der Straße geschehen sein kann, die von der via Aemilia ab über Faventia (Faenza) dahin führte und ihm das reiche Etrurien sowie weiterhin einen sichern Weg nach Rom eröffnete. Radagais belagerte nun das vom Arno durchschnittene Florenz, wozu ein Teil seines Heeres, dessen Hauptmasse auf dem rechten Ufer lagerte, übergesetzt worden sein muß.

Diese jenseitigen Truppen mag nun Stilicho nach dem von Zosimus berichteten, in merklicher Entfernung vor Florenz erfolgten Stromübergange durch seine schnelle, den Germanen so furchtbare hunnische Reiterei, welche der uns schon bekannte Häuptling Uldes (von Orosius Uldin genannt) befehligte, überfallen, geschlagen, über den Arno zurückgeworfen und dadurch dessen ganzes linkes Ufer in seine Gewalt bekommen haben.

So war nun durch den Strom in der Fronte und durch die Berge im Rücken die Einschließung der Feinde vollendet.

Über des Radagais Ende scheinen die Chronisten und Zosimus von den Theologen wesentlich abzuweichen, da man nach jenen Vernichtung durch Kampf, nach diesen durch Aushungerung anzunehmen hat. Es ist wahr, Letztere schreiben mit Tendenz. Der Herr, sagen sie, wollte das sündliche Rom züchtigen, aber nicht durch einen Heiden Radagais, sondern durch den Christen Alarich: darum verdarb er Erstem, wie Orosius geradezu versichert, durch ein Wunder.Conterritum divinitus Radagaisum in Faesulanos montes cogit: ejusque (secundem eos, qui parcissime referunt) ducenta millia hominum inopum consilii et cibi, in arido aspero montis jugo urgente undique timore concludit. Indes sind beide Zeitgenossen und ihre Angaben so speziell, daß wir an deren Richtigkeit im Wesentlichen, d. i. von der Übertreibung abgesehen, gar nicht zweifeln können, während die allgemeinen Ausdrücke der kurzen historischen Quellen mehr auf den endlichen Erfolg: – Vernichtung, als auf deren Art und Weise zu beziehen sein dürften, was besonders von Zosimus: πανωλεθρία διέφθειρεν gilt.

Radagais suchte sich zu retten, geriet aber in römische Gefangenschaft, ward eine Zeit lang darin gehalten und dann, nach Augustin, mit seinen Söhnen getötet.

Das verlassene, schon von Hunger entkräftete Heer mit dem Trosse seiner Angehörigen fiel ganz in römische Gewalt, wobei die Menge der als Sklaven Verkauften so groß gewesen sein soll, daß der Preis bis auf ein Goldstück, damals kaum noch zwölf Mark, herabsank. 12 000 Goten aber wurden, nach Olympiodor (Bonn. Ausg. p. 450), von Stilicho in römischen Sold genommen.

Zum zweiten Male war Stilicho Roms Retter geworden.

Bald darauf trat die Wirkung seiner Politik ein.Vergl. Gibbon c. 30, Note 86. Ebenso, im Wesentlichen wenigstens, Luden I, S. 348 und Leo, Vorlesungen u. d. G. d. D. V. I, S. 278, anders Zeuß, S. 418.

Die Quellen fast insgesamt, Orosius VII, c. 38 und 40, Prosper Tiro zum zwölften Regierungsjahre des Honorius und Marcellin zum Jahre 408, beschuldigen Stilicho, daß er die Germanen zu diesem Einfall verleitet habe, und zwar, wie wenigstens der Erste und Letzte sagen, aus ehrgeiziger Absicht, um seinen Sohn Eucherius auf den Thron zu bringen.

Es liegt auf der Hand, daß letzteres Motiv ein nach des Ersteren Ermordung von seinen Feinden verbreitetes Märchen ist, von dem genau dasselbe gilt, wie von der Rufinus zur Last gelegten Aufwiegelung der Goten und Hunnen.

Noch war Stilicho faktischer Herrscher des Westreichs, mit dessen Kaiser seine Tochter vermählt war. Wie in aller Welt konnte der absichtliche Ruin einer der reichsten, damals noch unberührten Provinzen des Reichs, das gewißermaßen sein eignes war, seinem Sohne zur Thronfolge verhelfen? Strebte er in der Tat nach der Herrschaft, so konnte er, im kräftigsten Mannesalter, diese doch nur für sich selbst, gewiß aber nicht für seinen erst siebzehn- bis achtzehnjährigen SohnEucherius war im Jahre 389 zu Rom geboren. S. Tillemont V, 3, S. 1013. wollen. Und was er für sich zu gewinnen hoffte, das hätte er vorher planmäßig selbst zerstören sollen? So nichtig aber auch jener angebliche Beweggrund Stilichos ist, so berechtigt uns dies doch nicht, die von jenen Schriftstellern übereinstimmend bezeugte Tatsache, derselbe habe die Germanen zum Einbrüche in Gallien verleitet (? ? gewiß nicht! D.), in Zweifel zu ziehen, da wir sie oben auf so einfache als natürliche Weise erklärt zu haben glauben (anders D.). Nicht allein der historische Takt, sondern auch die Quellen begründen daher die feste Überzeugung, daß jener weltgeschichtliche Rheinübergang als eine Folge(Aber eine durchaus nicht gewollte: die durch Stilicho bewirkte Entblößung des Rheins zum Schutz Italiens erleichterte nur eben den Einbruch. D.) von des Radagais Unternehmung gegen Italien zu betrachten sei.

Unter dem Konsulate von Arcadius (VI.) und Probus, also im Januar 406, ging nach Prosper Aquitanus, dem auch Cassiodor in seiner Chronik folgt, die Masse der Vandalen und Alanen über den Rhein.In der Migneschen Ausgabe der Chronik des Prosper Aquitanus in der Pariser Patrologie T. LI, Paris 1846, heißt es unter dem Jahre Arcadio VI. et Probo Coss., d. i. 406: Vandali et Alani, trajecto Rheno, primo Kal. Januarias ingressi. Dazu wird aber bemerkt, daß in einem der Colbertschen Manuskripte und in dem Augustanischen III. Kalendas stehe. In der Mansoschen Ausgabe findet sich nach Rösler pridie Kal. Jan.

So gleichgültig hierbei die Verschiedenheit um ein oder zwei Tage ist, so wichtig wird sie doch dadurch, daß sie zugleich das Jahr bedingt, da der 1. Januar 406 und der 30. oder 31. Dezember desselben fast um ein volles Jahr auseinander liegen.

Hätten aber die Germanen wirklich auch schon am letzten oder vorletzten Tage des alten Jahres den Fuß auf gallische Erde gesetzt, so würde doch der wirkliche Einmarsch (ingressi), unter dem man doch nur ein weiteres Vordringen verstehen kann, erst im neuen Jahre erfolgt sein. Jedenfalls erscheint es natürlicher, ein solches nur durch seine Folgen wichtiges Ereignis in dem Jahre zu berichten, welchem es seiner Entwicklung und vollen Bedeutung nach angehörte.

Aus diesen Gründen halten wir es selbst für den Fall, daß III. Kalendas oder prid. Kal. Jan. die richtige Lesart sein sollte, dennoch für wahrscheinlicher, daß damit die Kalenden des Januars 406, als die des Jahres 407 gemeint seien, also der fragliche Einfall zur Zeit des Überganges vom Jahre 405 zu 406 erfolgt sei. Dies wird nun vor allem auch durch Zosimus (VI, 3) bestätigt, welcher ausdrücklich sagt, daß unter dem Konsulate von Honorius (VI) und Probus, d. i. im Jahre 406, die Vandalen, Sueben und Alanen die transalpinischen Länder verheerend durchzogen und nach großem Blutvergießen selbst dem britannischen Heere furchtbar geworden seien, welches alles selbstredend nicht in den zwei letzten Tagen des Jahres 406 geschehen sein kann. Ganz unzweifelhaft auch kann das von Honorius am 17. April 406 erlassene Gesetz de tironibus (C. Theod. VII, 13, L. 16 u. 17), nach welchem nicht nur alle Freigebornen, für großen Sold, sondern auch Sklaven gegen Zusage der Freiheit zu den Waffen gerufen wurden, nur durch den Schreck jenes Einfalls veranlaßt worden sein, weil Radagais damals bereits besiegt war, Alarich aber sich noch nicht wieder erhoben hatte.Vergl. Dahn, Könige I, S. 142.

Doch haben wir hier nur die Tatsache zu erwähnen; die sich ihr anschließende Erörterung und die weitern Ereignisse in Gallien, das Hausen der Fremden und den Bürgerkrieg im Innern behalten wir dem nächsten Kapitel vor, um in diesem die Geschicke Italiens und dessen Eroberung durch die Westgoten bis zu Alarichs Tod und deren Abzug aus diesem Lande vollständig zu berichten.

Radagais war tot, aber Alarich lebte noch. Hatte Stilicho diesen, wie er zweimal gekonnt, als Feind nicht vernichten wollen, so kann dies nur in der Absicht geschehen sein, ihn sich und dem Reich als Freund zu gewinnen. Mag es auch eine Tat der SelbstsuchtS. aber jetzt Dahn, Urgeschichte I, Berlin 1880, S. 342. gewesen sein, daß er, um selbst unentbehrlich zu bleiben, diesen gewaltigen Gegner entweichen ließ, so stimmte doch, nachdem dies einmal geschehen war, dessen Privatinteresse mit dem öffentlichen darin vollkommen überein, daß aus dem gefürchteten Widersacher, auf dessen bleibende Neutralität nie zu rechnen gewesen wäre, ein Bundesgenosse werde.

Dazu empfahl sich nichts besser als ein gemeinsamer Angriff gegen das Ostreich.Ganz anders Dahn, Könige V, S. 42.

Bittrer Haß und Hader trennte sofort nach des Theodosius Tode die Machthaber und faktischen Herrscher beider Reiche. Gern hätte Rufinus schon im Jahre 395 Alarich zum Einfall in das Westreich bewogen (? D.); mit diesem Hintergedanken ward derselbe an dessen Grenze in Epirus aufgestellt und zu dem Kriege des Jahres 402 wahrscheinlich heimlich aufgewiegelt. Zu offenem Ausbruche wider Stilicho, wenn auch noch nicht zu wirklichem Kampfe, war der alte Haß übrigens schon bei Gildos Aufstand gelangt. (S. Eunapius, Bonner Ausgabe Fr. 52, p. 86.)

Innerer Grund genug für Stilicho, um sich an den Feinden seiner Person, aber auch des Reiches selbst zu rächen, wozu nach Olympiodor (p. 448 der Bonn. Ausgabe) ein angeblicher Erbanspruch des Honorius auf Illyricum (d. i. die Diözesen Dakien und Makedonien) äußern Vorwand bot. Trefflich aber das AuskunftsmittelAnders Dahn, Könige V, S. 42., Alarich unschädlich zu machen, dem man das eroberte Gebiet unter dem Titel eines Beamten des Honorius überlassen, zugleich aber ihn dem Westreiche dadurch dauernd verpflichtet hätte, daß er zu seiner künftigen Verteidigung gegen das beraubte Ostrom dessen Hilfe nicht entbehren konnte.

Wann die Verabredung erfolgte, wissen wir nicht; vermutlich war bei dem vertrauten Verkehr zwischen dem römischen und gotischen Feldherrn schon während Alarichs Rückzug aus Italien eine Hindeutung darauf erfolgt.Nach des Zosimus c. 26 bestimmter Versicherung ist der Vertrag schon einige Zeit vor des Radagais Einbruch zu Ende des Jahres 404 geschlossen worden: da aber der Beginn dieses Kapitels, das Alarichs italienischen Feldzug völlig ignoriert, durchaus verworren ist, und die Verhandlung schon an den Zusammenstoß in Griechenland im Jahre 395 knüpft, glauben wir dies Zeugnis verwerfen zu müssen.

Da jedoch der Gote damals zu irgend welcher Offensivunternehmung viel zu geschwächt war und erst längerer Zeit zur Erholung und Verstärkung seiner Streitkräfte bedurfte, dünkt es uns wahrscheinlicher, daß der wirkliche, selbstredend geheime VertragAll das ist unerwiesen, unerweislich und sehr unwahrscheinlich; s. Urgeschichte I, S. 342. erst im Jahre 406, nach des Radagais Vernichtung zum Abschluß gelangte. (39, 1.)

Auf dessen Grund ward, nach Sozomenos (IX, 4), Alarich von Honorius zum Magister militum ernannt, ein bereits für das zu erobernde Illyricum bestellter Präfectus Prätorio in der Person des Jovius vorausgeschickt und Stilichos baldige Ankunft mit dem Heere zu Beginn des Angriffs angekündigt.

Schon war dieser im Jahre 407 zum Abmarsch bereit, als das bald jedoch als falsch erwiesene Gerücht von Alarichs Tode, vor allem aber eine Verfügung des Kaisers ihn zurückhielt, der ihm die Usurpation des Constantinus und dessen Ankunft in Gallien anzeigte. (Zosim. c. 27.) So ward Alarich, der nach vollendeter Kriegsrüstung zum Losschlagen fertig war, plötzlich zurückgehalten. Das aber sich gefallen zu lassen war der Held nicht gemeint. Entschädigung für die aufgewendeten Kosten zu fordern jedenfalls berechtigt, führte er gerechte Beschwerde über den Bruch des Versprechens, ihm das östliche Illyricum erobern zu helfen, auf dessen Grund allein er sich mit Rom verbündet hatte. Diplomatische Verhandlung, die Künste Roms hierin scheuend, verschmähte er, beschloß vielmehr seine Ansprüche mit dem Schwert in der Faust geltend zu machen, und zog dazu sofort samt seinem Heere von Epirus bis Aemona (Laibach) an Italiens Grenze, von wo er seine Gesandten an Stilicho abschickte.

Inmittelst war das für Rom verhängnisvolle Jahr 408 angebrochen. In dessen Anfang, wo nicht bereits gegen Ende 407Zosimus reiht diese Nachricht unmittelbar an die Designation der neuen Konsuln für 408 zu Anfang des Winters 407 (του̃ χειμω̃νος επιλαβόντος)., war es der klugen Serena gelungen, auch ihre zweite Tochter Thermantia mit Honorius zu vermählen, nachdem ihre erste, die Kaiserin Maria, verstorben war, und zwar, wie man sagte, noch als Jungfrau.

Am ersten Mai desselben Jahres verschied der Kaiser Arcadius und hinterließ seinen achtjährigen Sohn Theodosius II. als Nachfolger.

Noch vorher war nun Alarichs drohende Botschaft angelangt, der nach Zosimus (c. 29) zunächst für seine zwecklose Festhaltung in Illyricum wie für die Kosten des Marsches an Italiens Grenze Geldentschädigung forderte. Stilicho eilte sofort mit der Gesandtschaft nach Rom, damit von Kaiser und Senat Beschluß gefaßt werde: letzterer tritt in beiden Reichen seit des Theodosius Tode wieder hervor, weil die faktischen Herrscher es klug finden, sich in wichtigen Fällen durch dessen Namen zu decken.

Als der Senat aber in den Palast berufen ward, fand Stilicho unerwartet lebhafte Opposition. Es war, als ob ein Schatten altrömischen Geistes(Vielmehr ein Gespenst: ein Anachronismus. D.) aus dem Grabe heraufsteige. »Warum solle die freche Forderung des Barbaren nicht mit dem Schwerte zurückgewiesen werden?« Weil sie gerecht sei, antwortete Stilicho: denn in des Kaisers Interesse habe Alarich gewaffnet, auf dessen Geheiß habe er vom Krieg abstehen müssen.

Dies bewies er durch Vorlesen des kaiserlichen Schreibens, welches ihn selbst vom Aufbruch gen Illyrien zurückgehalten, indem er seine eigne Gemahlin Serena, die einem Bruche zwischen beiden Brüdern entschieden entgegen gewesen, den Widerruf veranlaßt zu haben beschuldigte.

Das schien begründet: und der Senat bewilligte Alarich als Pfand des Friedens 4000 Pfund Goldes (gegen 3 600 000 Mark unsres Geldes). Dazu stimmten viele jedoch nicht aus Überzeugung, sondern nur aus Furcht vor Stilicho, und Lampadius, durch Geburt und Würde hervorragend, rief entrüstet aus: »Das ist kein Frieden, sondern ein Pakt der Knechtschaft«, floh aber nach aufgehobener Sitzung aus Furcht vor den Folgen seines Freimuts sogleich in die nächste Kirche. (Zosimus V, c. 27–29. Olympiodor B. A., p. 448 und 449. Sozomenos IX., 4.)Olympiodor sagt p. 449: Alarich habe, während Stilicho noch gelebt, einen Kriegslohn oder Sold von vierzig Hunderten τεσσαράκοντα κεντηνάρια (ein latinisierter Ausdruck) empfangen.

Dies betrachtet Tillemont (Art. 28, S. 1189) irrig als eine neue Vertragsbedingung und Vorauszahlung, während wir darunter nur die 4000 (40 mal 100) Pfund Gold erblicken, welche Alarich im Jahre 408 als Entschädigung bewilligt wurden.Diese Angabe bestätigt übrigens, daß unter dem Ausdrucke: Centenarium 100 Pfund Goldes – ungefähr 90 000 Mark unseres Geldes – verstanden wurden, wie dies auch Ducange in seinem Glossarium medii aevi unter Cent, anführt.

Abgesehen davon, daß dieser für einen in seinem eignen Interesse beschlossenen Krieg keinen Anspruch auf Lohn hatte, so spricht schon die Identität der Summe dafür, da sich die Hunderte nur auf Pfunde Goldes, nicht auf aurei oder Goldstücke beziehen, was nur 36 bis 45 000 Mark gewesen wären. Auch ist das Empfangen (έλαβε) füglich nur von der Bewilligung und ersten Anzahlung zu verstehen, an welcher letztern es Stilicho gewiß nicht fehlen ließ, so daß die vorhergehende Stelle p. 449, Z. 2, nach welcher Alarich bei Stilichos Tode das Versprochene noch nicht, d. i. nicht vollständig erhalten hatte, sich damit wohl vereinigen läßt.

Sozomenos sagt (IX, 4) nur, daß Stilicho durch ein Schreiben von Honorius zurückgehalten worden sei.

Darunter ist jedoch, selbst abgesehen von dessen Kürze und, Zosimus gegenüber, größerer Unzuverlässigkeit, wohl nur der von Letzterem Kap. 29 erwähnte Stilicho mittelbar zurückhaltende Befehl des Honorius zu verstehen und diese wiederum dieselbe, welchen Stilicho später in der Senatssitzung vorlas und seiner eigenen Gemahlin als Urheberin zuschrieb. Dies sowie der spätere Vorgang bei der Reise nach Ravenna (s. Zosimus, Kap. 30) führt uns auf die eigentümliche Wahrnehmung einer politischen Opposition zwischen Mann und Frau. Sie ist an sich sehr unwahrscheinlich, aber wir wagen doch nicht, dieselbe für ein verabredetes Spiel oder für irrige Auffassung von Zosimus zu erklären, der gerade für die Ereignisse dieser Zeit Olympiodor – eine sehr vollständige und gute Quelle – benutzt haben muß. Beide Gatten lebten seit Ende 401 gewiß meist getrennt, sie am Hofe, er im Felde. In Serenen mag das Gefühl der hohen Geburt und der verwandtschaftlichen Anhänglichkeit an beide Kaiser, ihre Vettern, gelebt haben, daher Stilichos Anschlag wider Arcadius ihr zuwider gewesen sein.

Hätte dieselbe übrigens ganz und ausschließlich als Stilichos Werkzeug am Hofe gewirkt, so würde sie nach dessen Sturz dem Tod oder mindestens der Verbannung schwerlich entgangen sein, während sie, da Honorius seine verstoßene Gemahlin ihr wieder übergeben ließ, sicherlich einer anständigen Existenz in Rom genoß, woselbst sie später aus ganz anderm Grund ihr Ende fand.

Wir kommen nun auf Stilichos Sturz, über den weiter auszuholen ist.

Als Vormund des Knaben Honorius war dessen Stellung eine völlig gesicherte gewesen. Späterhin war es weniger das schwiegerväterliche Verhältnis als der Einfluß seiner Gemahlin Serena, die, stets am Hofe gegenwärtig, tiefen politischen Geist besessen zu haben scheint, was Stilichos Macht befestigte.

Allerdings hätten dessen hohe Verdienste um das Reich, das er zweimal vor drohendem Untergange rettete, Kaiser und Volk zu dauernder, tiefer Dankbarkeit verpflichten sollen. Diese aber ist selbst in besserer Zeit eine höchst lästige Tugend: in der römischen Verderbnis dachte niemand ihrer. Dazu kam das verdächtige Benehmen gegen Alarich nach der Schlacht von Pollentia –: Grund genug, mehr das Unterlassene zu verdammen, als das glänzend Vollbrachte zu preisen.

Unstreitig stand daher der große Feldherr – und das muß er schon nach des Theodosius Tode gefühlt haben – auf einem Vulkan.

Jeder Hochgestellte – wer aber hat in Rom je höher gestanden, als Stilicho? – erschien dem Neid und Ehrgeiz der römischen Großen als ein jagdbares Wild, von dessen Erlegung nichts als die Gefahr und Schwierigkeit abhalten könne. Wahrhaft zu fürchten aber war in dieser Beziehung nur das Hofgesinde. Dieses glaubte sich unter jedem schwachen Kaiser zu einer fast legitimen Herrschaft berufen und sah sich nun unter Stilichos eiserner Faust zu einer politischen Null herabgedrückt, mag von ihm sogar im Vollgefühl seiner Macht und Verdienste zum Teil mit Geringschätzung behandelt worden sein.

Unzweifelhaft aber fühlte sich der heranwachsende Kaiser selbst, der im Jahre 408 das vierundzwanzigste Jahr erreichte, durch den übermächtigen Diener nicht selten unangenehm berührt. Das wußte denn dessen Umgebung in ihrem Interesse auszubeuten. Mag auch Serena mit aller Kunst feindliche Elemente fern zu halten gesucht haben, so dürfte ihr dies doch um so weniger gelungen sein, da ja die in der Stellung begründete Rivalität selbst vermeinte Freunde bald in Neider und Feinde Stilichos umwandeln mußte.

An Mitteln fehlte es der römischen Verleumdungskunst niemals: in diesem Fall aber lagen sie sogar näher als in vielen andern. Stilichos Abkunft aus Barbarenblut(Die Wahrheit ist: Stilicho stützte Westrom und sich selbst auf die germanischen Elemente in Heer und Reich: er fiel durch eine Reaktion des römischen Germanenhasses; s. Urgeschichte a. a. O. D.), sein merkwürdiges, unverkennbar zweideutiges Verhältnis zu Alarich, boten, wo irgend eine kaiserliche Empfindlichkeit den günstigen Augenblick dafür gewährte, willkommenen Anlaß, den Herrn wider seinen Diener aufzureizen.

Gleichwohl scheint dies, der tiefbegründeten Macht der Gewohnheit gegenüber, lang ohne wirksamen Erfolg geblieben zu sein: ja wir müssen annehmen, daß zur Zeit von des Kaisers Vermählung mit Termantia Stilichos Einfluß, wenn auch schon erschüttert, doch noch keinesweges gebrochen war.

Da fügte sich aber zweierlei zu dessen Verderben.

Unter den Hofleuten befand sichIn glänzender Stellung am Hofe, sagt Zosimus (c. 32) im Allgemeinen. ein, nach Olympiodor (p. 448) von Stilicho selbst dem Kaiser empfohlener, verschmitzter Grieche vom Gestade des Pontus, Olympius, der unter der Maske christlicher Frömmigkeit und Demut arge Bosheit barg und die raffinierteste Intrige mit seltener Meisterschaft im tiefsten Geheimnis vorzubereiten und durchzuführen wußte.

Dazu kam aber auch noch bei Stilicho übermäßige, an Blindheit grenzende Sicherheit vor Ausbruch der Gefahr, wie Unentschlossenheit in deren Bekämpfung.

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