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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 63
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Der Entscheidungsschlag rückte heran. Gaina besetzte mit seinen Truppen Konstantinopel, woraus er die kaiserlichen Garden möglichst zu entfernen gesucht hatte. Für seine Person zu dem Heere vor der Stadt sich begebend, verabredete er nun gleichzeitigen Angriff von innen und von außen, sich der Stadt ganz zu bemächtigen. Der Anschlag aber mißlingt: er rückt zu früh heran, die erschreckten Verteidiger wehren dessen Volk von Toren und Mauern ab, indes die unermeßliche Bevölkerung, angesichts ihrer drohenden Vernichtung, zu jeglichen Waffen gegen die gotische Besatzung greift. Ein furchtbarer Straßenkampf beginnt, in welchem die Bürger und die zurückgebliebenen kaiserlichen Haustruppen Sieger bleiben.

Mehr als 7000 Goten retten sich in eine christliche Kirche, wo sie, nach Abdeckung des Daches von oben her mit brennendem Holze beworfen, durch das sich im Innern weiter verbreitende Feuer vernichtet werden.

Gaina geht nun, sich zurückziehend, zu offenem Krieg über, vermag aber, den Angriff fester Plätze scheuend, nur das platte Land schonungslos zu verheeren.

Da er sich in dieser Wüste nicht mehr halten kann, versucht er nach Asien überzugehen. Hier aber findet er den in der höchsten Not mit dem Befehle betrauten treuen Fravitta auf der andern Seite des Hellespont sich gegenüber.

In dem Glauben, diesem überlegen zu sein, beschließt er den Übergang und wirft dazu an der schmalsten Stelle der Meerenge bei Abydus seine Truppen auf rasch erbaute Flöße. Fravitta, dem eine in den großen Küstenstädten gesammelte Flotte zu Gebote steht, segelt oder rudert aber mit dem Admiralschiffe sogleich das nächste Floß in Grund und Boden, und so werden, von dessen Beispiele angefeuert, fast alle feindlichen Fahrzeuge vernichtet. Gaina entflieht mit geringem Volke nach Thrakien, Fravitta, der Heide, aber wird von dem geretteten und dankbaren Kaiser für das nächste Jahr 401 zum Consul designiert.

Gaina, als Flüchtling sich umhertreibend und an fernerem Widerstande verzweifelnd, rettet sich, nachdem er vorher noch alle Römer umgebracht, über die Donau.

Hier aber versagt ihm der Hunnenfürst, Uldes (Zosim. 22), wohl nur Stammhäuptling, dem zugleich an Roms Gunst liegt, die Aufnahme: Gaina kämpft um seine Erhaltung, wird aber, nachdem er in mehreren scharfen Treffen viel Volkes verloren, endlich besiegt, getötet und sein Haupt dem Kaiser übersandt.An allerlei Zweifeln, auch chronologischen fehlt es nicht: doch beweist Fravittas Designation zum Konsulat welches er im Jahre 401 antrat, das Ende des Kampfes im Jahre 400.

Bemerkenswert ist dies Stück Geschichte für unsern Zweck vor allem dadurch, daß es uns die Stellung und Rolle der Goten im Ostreiche klar macht: wie daselbst unter einer freilich elenden Regierung nicht nur alle Gefahr, sondern auch die Rettung allein von diesem Volk und dessen Führern ausging, jene von einem christlichen, diese von einem heidnischen.

Rom stand an der Wende zweier Jahrhunderte.

Mit Schmerzenslauten begrüßt das kommende der heilige Hieronymus (in T. I. epist. 3, p. 15), indem er schreibt:

»Zwanzig und mehr Jahre sind vergangen, seit die Länder zwischen Byzanz und den julischen Alpen in Blut schwimmen. Skythenland, Thrakien, Makedonien, Dardanien, Dakien, Griechenland, Dalmatien und die beiden Pannonien werden verwüstet, geplündert und ausgeraubt von Goten, Sarmaten, Quaden, Alanen, Hunnen, Vandalen und Markomannen. Wie viele Matronen, wie viele der Kirche geweihte Jungfrauen und wie viele freigeborene und edle Menschen wurden nicht das Opfer des Hohns dieser den Raubtieren gleichenden Barbaren!

Bischöfe wurden als Gefangene fortgeschleppt, Priester und andere Geistliche gemordet, Kirchen wurden umgestürzt, Rosse an den Altären angebunden und sogar die Gebeine der Märtyrer werden aus dem Boden herausgewühlt. Wohin das Auge blickt, herrscht Trauer, Schmerz und das Bild des Todes. Das römische Reich stürzt in Trümmer, aber unser (d. h. der Kirche) starker Nacken bleibt dennoch ungebeugt.«

Selbst in den Provinzen, wohin Krieg und Raubfahrt nicht gedrungen waren, herrschten Verödung und Verarmung.

In dem sonst so reichen und volkreichen Campanien wurden durch ein Gesetz vom Jahre 401 (Cod. Th. XI, 28, 3) 528 042 Jucharte, gegen vierundzwanzig Quadratmeilen, wüsten Landes den benachbarten Grundbesitzern steuerfrei zugeteilt. In Gallien, das seit mehr als vierzig Jahren von feindlichen Einbrüchen verschont war, verfielen selbst die Städte, weil die gewerbetreibenden Bewohner in abgelegene Wildnis flüchteten, weshalb deren zwangsweise Zurückführung durch ein anderes Gesetz vom Jahre 400 (Cod. Th. XII, 19, 3) verordnet ward.

Das war die Folge zunächst von Steuerdruck und Beamtenwillkür: (nach tieferer Ergründung: das Ergebnis der Sklavenwirtschaft, des Verfalls der Gesellschaft, des Verschwindens eines freien wohlhabenden Mittelstandes von Bauern und Bürgern, der verderblichen volkswirtschaftlichen Zustände, die schon vor Julius Cäsar begonnen hatten. D.). Immer mehr wuchs auch damals die Zahl der Hörigen, da sich viele, um Nahrung und Schutz zu erlangen, freiwillig reichern und angesehenern Herren unterwarfen. Aber auch die der Laeten mehrte sich bedeutend, da mit der Bevölkerung der Germanen überhaupt auch die Neigung der Besitzlosen, in römischem Dienst auf römischem Boden ihr Glück zu versuchen, zunahm. (S. Cod. Th. VIII, 11, 9 und Huschberg, S. 408 und 409.)

Viermal hatte die Republik den Feind in Italien gesehen: Brennus, Pyrrhus, Hannibal und die Kimbrer: aber die Gefahr war vorübergehend, des Sieges Folge dauernd gewesen.

Die Kaiserzeit war glücklicher: von der raudischen Schlacht 101 v. Chr. bis zu Gallienus, an dreihundertundsechzig Jahre lang, betrat kein Barbar den ausonischen Boden.Das kurze Vordringen der Markomannen und Genossen bis Aquileja unter M. Aurelius bildet keine wesentliche Ausnahme.

Darauf eine kurze Zeit isolierter Einbrüche ohne systematischen Plan von zehn bis elf Jahren, denen der gewaltige Aurelian für hundertunddreißig Jahre ein Ziel setzte.

Mit West-Roms letztem Jahrhundert erst wandelt sich die Szene. Zuerst zwar, so lange dessen Schutzgeist Stilicho lebt, scheitert jeglicher Angriff, nach dessen Sturz aber tränkt der Germane seine Rosse in dem Tiber.

Wir verließen Alarich gegen Ende des Jahres 395 als oströmischen Befehlshaber in Epirus und Umgegend, wozu er spätestens gleich nach des Rufinus Tode durch Eutropius berufen worden sein muß. (Claudian in Eutr. II, 214–219.) In diesem Manne lebte das Bewußtsein von seinem und seines Volkes Berufe. (Claud. d. b. g. v. 538.)

Als römischer Militärbefehlshaber, dux, zugleich aber unstreitig auch Zivilgouverneur seiner Provinz, deren Umfang wir nicht genau kennenNach Claud. d. b. g. v. 499: Servator ut icti foederis Emathia (Thessalia) tutus tellore maneres hätte auch Thessalien dazu gehört. Doch sind die geographischen Bezeichnungen des Dichters, wobei auch Klang- und Versmaß ihn leiteten, oft unzuverlässig., beutete er deren Hilfsquellen, namentlich deren Waffenfabriken, planvoll für Verstärkung, Ausbildung und Rüstung eines römisch geschulten Heeres und gewiß auch zu Ansammlung eines Schatzes aus. Auch die Politik hatte er, an der Grenze beider Reichsteile gelagert, den Römern abgelernt, da Stilicho (d. b. get. v. 567–569) von ihm sagt: »Nicht seine Macht, sondern der in Bürgerhaß gespaltene Erdkreis hat ihn so lange geschützt, da er mit den Verträgen spielt und seinen Eidbruch bald diesem, bald jenem Hofe verkauft.«

Unzweifelhaft hemmte Ostrom, das sich Alarichs um jeden Preis zu entledigen suchte, durchaus nicht(Die erste Ausgabe nahm sogar Förderung Alarichs durch Byzanz an. D.) dessen (selbständig beschlossene D.) Unternehmung gegen Italien, zu welcher er um so geneigter sein mußte, als das gesamte Süddonauland bereits ausgeraubt, jenes mit seinen Schätzen allein noch unberührt war. Im Winter 4011. Über den Zeitpunkt von Alarichs Einfall in Italien schwanken die Quellen. Prosper Aquitanus, dem Cassiodor in seiner Chronik folgt, setzt denselben in das Consulat von Stilicho und Aurelian, d. i. 400, die von Cuspinian herausgegebene Chronik, und der von Mommsen als eine der besten und zuverlässigsten Quellen des fünften Jahrhunderts edierte ravennatische Annalist (Abhandl. d. philol.-histor. Classe d. K. S. Gesellsch. d. Wissensch. Leipzig 1850. II, S. 665)Allerdings sind dessen Worte mit denen Cuspinians sowohl an dieser Stelle, als sonst beinahe durchgehend gleichlautend, so daß man auch an Identität beider Quellen denken könnte. in das von Vincentius und Fravitta 401. Dieser Widerspruch wäre leicht zu lösen, wenn man den Winter 400/1 annähme, und die Verschiedenheit nur in dem als entscheidend betrachteten faktischen Momente suchte, z. B. etwa Aufbruch aus Epirus, Ankunft vor den julischen Alpen, oder vor Aquileja. Dem steht aber das von den beiden zuletzt genannten Chronisten beigefügte Datum vom 18. November 401 entgegen.

Pallmann (Gesch. d. Völkerw. bis zum Tode Alarichs, Gotha 1863, S. 235), nimmt zwar letzteres Jahr ebenfalls an, will dies aber mit der Angabe der meisten Chronisten dadurch vereinigen, daß jene das Jahr 400 als das von Alarichs Aufbruch angäben, während die zweite Version sich auf das seiner Ankunft in Italien beziehe.

Dies ist aber irrig, da Prosper Aquitanus vom Jahre 400 ausdrücklich sagt: Gothi in Italiam ingressi, keiner der übrigen aber, außer Cassiodor, der ihn wohl nur kopiert, jenes Ereignisses überhaupt gedenkt.

Ganz unzweifelhaft ist hiernach das Jahr 401 für das richtigste zu halten(Für das Jahr 400 entscheidet aber, daß am 14. Januar 401, dem Geburtsfest des heiligen Felix, Paulinus zu Nola tief in Campanien bereits von Treffen und anderen Schrecken dieses Krieges schreibt; s. Dahn, Könige V, S. 36. D.), indem sich der ganze Hergang, namentlich Stilichos Winterreise, dadurch auf das Einfachste und Natürlichste erklären würde. Gleichwohl haben wir Bedenken getragen, dies im Text ohne Weiteres für richtig anzunehmen, vielmehr den Beginn des Jahres 401 festgehalten, dadurch aber mindestens nachgewiesen, daß sich auch mit diesem Datum die Kontinuität des Feldzuges bis zur Schlacht von Pollentia wohl vereinigen lasse, da wir jedenfalls Gibbons (c. 30 nach Note 27) und Aschbachs (S. 72) Vermutung einer langen Unterbrechung des ganzen Krieges durch Alarichs Rückzug an die Donau für so handgreiflich irrig halten, daß deren nähere Widerlegung überflüssig erscheint.

Noch bemerken wir, daß Jordanis (c. 29) zwar ebenfalls das Jahr 400 anführt, für Alarichs ersten Einfall in Italien aber gar nicht als Quelle brauchbar ist. Das von diesem allein näher handelnde Kapitel 30 kann nämlich, ohne irgend einen Auszug aus Cassiodor, aus halbvergessenen Reminiszenzen zusammengebraut sein, und ist dadurch sehr verworren geworden.

Läßt er doch Honorius, um sich Alarichs zu entledigen, Gallien und Spanien an diesen feierlich abtreten, worauf Letzterer nach seinem Abzug aus Italien, nec quicquem mali in Italia perpetrato, von Stilicho bei Pollentia (also in Italien) völkerrechtswidrig (dolose) angegriffen, wobei aber der Römer auf das Haupt geschlagen wird. Dies erregt die Wut der Goten, welche nun wieder zurückkehren, das Land verwüsten und Rom selbst einnehmen.

2. In Prosper Aquitanus heißt es unter dem Jahre 400: Gothi Italiam Alarico et Radagaiso ducibus ingressi, wobei sich aus der spätern Wiedererwähnung des Radagais unter dem Jahre 405 ergibt, daß der Chronist bei jener ersten Erwähnung nicht etwa des Letztern spätern selbständigen Einfall in Italien irrtümlich vor Augen gehabt habe.

Da wir keinen Grund haben, die Nachricht vom ersten Jahre für erdichtet zu halten, mit Sicherheit aber annehmen dürfen, daß Alarich sich damals durch germanische Hilfsscharen verstärkt habe, so halten wir Radagais für den Anführer einer oder mehrerer solcher, und glauben, daß er nur seiner spätern Berühmtheit die Aufzeichnung seines Namens bei dem ersten Einbruche verdankt, obgleich dessen damalige Stellung in Alarichs Heer gewiß nur eine höchst untergeordnete war. (Siehe aber gegen diese ganze Auffassung Dahn, Könige V, S. 37.)

3. Wir haben oben bemerkt, daß Ort und Tag der in den beiden Codices abgedruckten Gesetze kein vollkommen sicheres historisches Anhalten gewähren, zumal bei der spätern Sammlung derselben in dieser Beziehung gewiß nicht mit der größten Sorgfalt verfahren wurde.

Tillemonts seltener Fleiß benutzt diese vielfach: da aber eine so zuverlässige Zusammenstellung sämtlicher Gesetze, wie sie Hänels index legum gewährt, zu dessen Zeit noch nicht vorhanden war, so können wir nicht glauben, daß derselbe diese Daten stets vollständig vor Augen gehabt habe.

Aus jenem Hilfsmittel ersehen wir nun zuvörderst, daß Honorius seit des Theodosius Tode fortwährend in Mailand residierte und daß nur ausnahmsweise einzelne Gesetze aus Brescia, Verona, Altinum, Aquileja und Ravenna, also alle in der Richtung nach dem adriatischen Meer hin, datiert sind.

Vom Jahre 401 sind sämtliche Erlasse desselben, achtzehn bis neunzehn an der Zahl, aus Mailand, nur ein einziges vom 29. September d. J. aus Altinum (drei Stunden nordöstlich des heutigen Venedig), wo wir ein Lust- und Jagdschloß vermuten, ergangen. Unerachtet unsers vorerwähnten Zweifels nun über die Zuverlässigkeit der Daten der Gesetze im Allgemeinen, scheint doch in diesem Falle bei dem Zusammentreffen so vieler derselben ein Irrtum überhaupt kaum denkbar, gerade in den Jahreszahlen aber gewiß gar nicht: wir müssen daher auch dadurch die Unsicherheit über den Zeitpunkt von Alarichs Einbruch für gehoben, und das Zeugnis des Analisten aus Ravenna für bestätigt ansehen, da es auf der Hand liegt, daß Honorius nicht im September 401 noch in Altinum sein konnte, wenn der Gotenkönig die Gegend am adriatischen Meere schon zu Anfang desselben Jahres innegehabt hätte. Wollte man selbst einwenden, Alarich könne um die Zeit Aquileja noch belagert haben, so ist doch nicht zu zweifeln, daß dessen Heer gewiß schon weiterhin vorgedrungen war, vor allem aber der junge unkriegerische Honorius sich nicht in solche Nähe des Feindes (Altinum lag nur etwa zehn Meilen von Aquileja) gewagt haben würde.

Merkwürdig ist nun, daß jenes Gesetz aus Altinum das letzte ist, welches Honorius von Ende September 401 bis zum 6. Dezember 402 überhaupt erlassen, die Gesetzgebung also während der ganzen Kriegszeit vollständig geruht hat. Gegen Ende 402, als der erste Feldzug Alarichs durch Vertrag geschlossen war, hat nun Honorius, den die in Mailand erlittene Kriegsangst eingeschüchtert haben mochte, diese Residenz überhaupt verlassen und mit dem fast uneinnehmbaren, überdies durch die See gesicherten Ravenna vertauscht, wo er mit kurzen Unterbrechungen, namentlich wegen seiner Konsulate, während deren er meist in Rom war, bis zu seinem Tode verweilte.

Wir halten dies Ergebnis, das mit allem Übrigen, namentlich mit der Leichtigkeit der ersten Einnahme des adriatischen Küstenlandes durch Alarich so trefflich übereinstimmt, für sehr wichtig.S. aber dagegen Dahn, Könige V, S. 38.

Ganz zuverlässig dagegen wird die Versicherung von Prosper Aquitanus, daß die Schlacht bei Pollentia im Jahre 402Ganz einverstanden Dahn, Könige V, S. 39. geschlagen ward, dadurch bestätigt, daß gerade während dieses Jahres bis zu dessen Ende hin Gesetze überhaupt nicht erlassen wurden, was eine ganz natürliche Folge des Krieges war. Wenn daher Gibbon (c. 30 vor Note 43) und Aschbach (S. 73) diese Schlacht erst m das Jahr 403 setzen, so hängt dies mit deren bereits unter 1. erwähnten Ansicht einer mehr als einjährigen Waffenruhe zusammen, die für einen mit dem glänzendsten Erfolge siegreich vordringenden Eroberer wahrhaft sinnlos gewesen sein würde, indem dessen Aufgabe damals vielmehr gerade darin bestand, Stilicho, der erst ein Heer jenseits der Alpen sammeln mußte, durch Eile zuvorzukommen. Bedurfte Ersterer noch der Verstärkung, so konnte er diese, durch den Ruf seiner Siege unterstützt, gewiß auch ohne Einstellung seiner Operationen im Laufe des Winters 401/2, und zwar unstreitig schneller als Stilicho die seinigen, erlangen. Jene, unsrer Quelle widerstreitende Meinung scheint überhaupt zuerst durch Baronius aufgestellt worden zu sein, dessen Gründe Tillemont (in Note 16 zu Arcadius, S. 1420) ausführlich, jedoch in solcher Weise beleuchtet, daß man ungewiß bleiben könnte, ob er sie mehr teile oder verwerfe, wenn er sie nicht im Texte (Art. 19) ausdrücklich annähme. Dieselben sind in der Tat von kaum glaublicher Schwäche. Seit dreißig Jahren dauern die Verheerungen römischen Landes, sagen zur Zeit der Schlacht bei Pollentia Claudian (de b. g. v. 168) und Prudentius (in Symm. II, v. 115): weil nun die Goten im Jahre 373 die Donau überschritten hätten, müsse die Schlacht bei Pollentia in das Jahr 403 fallen, wobei jedoch Tillemont den hinsichtlich des ersten Jahres begangenen groben Schnitzer selbst rügt, solches richtig auf 376 feststellt, auch darauf merksam macht, daß Dichter überhaupt keine Mathematiker seien.

Wir halten es ungeeignet, über eine Meinung mehr Worte zu verlieren, welcher nur der berühmte Name eines Kardinals Annahme bei Tillemont verschafft haben kann, welchem Letztern wiederum die Neueren ohne eigene Kritik gefolgt sind (vergl. aber auch Dahn, Könige V, S. 39).

4. Stilichos Sieg bei Pollentia ist völlig zweifellos.Ganz einverstanden Dahn, Könige V, S. 39–40.

Der schamloseste Lobhudler kann doch, wenn er sich (und seinen Helden! D.) nicht geradezu lächerlich machen will, nimmermehr spezielle Tatsachen, wie z. B. Alarichs Rückzug über den Po, wovon (d. h. von dem Nichtgeschehensein eines solchen D.) ganz Italien Kunde haben mußte, erdichten. Auch wird derselbe durch den christlichen Dichter Aurelius Prudentius Clemens, der sonst nur frommen Glaubenseifer, aber keine gewerbsmäßige Lobrednerei kundgibt (in Symmachum II, v. 696 bis 707 und 715 bis mit 720) bestätigt. Die wichtigsten Stellen daraus hat Aschbach (S. 74) angeführt. Wir fügen aber noch v. 743 und 744 hinzu, wo er, den Gegensatz zwischen Alarichs und Hannibals Besiegung, welchen letztern mehr der Luxus Campaniens geschwächt habe, hervorhebend, sagt:

At noster Stilicho congressu cominus ipsa
Ex acie ferrata virum dare terga coegit.

Prudentius aber gab, wie aus dessen Vorrede hervorgeht, seine Gedichte im Jahre 405, also kurz nach dem Kriege heraus.

Endlich hat sich ja die Inschrift des damals den Kaisern errichteten Triumphbogens mit den Worten: ad perenne indicium triumpho, quo Getarum nationem in omne aevum domitam etc. erhalten. (Mabillon, Analecta IV, S. 359, Gruter und Muratori.) Diese bezieht zwar Tillemont (V, art. XXIII, S. 1173) auf den Triumph über Radagais; das ist aber (wie auch Gibbon und Aschbach anerkennen) offenbar unrichtig, da an dessen Einfall in Italien die eigentliche natio GothorumVergl. über diese Inschrift oben. mit ihrem König Alarich gar nicht Teil genommen hatte.

Gehen wir nun zu den Zweifelsgründen über, so könnten zuvörderst die Worte des Prosper Aquitanus: Pollentiae adversum Gothos vehementer utriusque partis clade pugnatum est, allerdings eine unentschiedene Schlacht andeuten. Die Notiz ist auch gewiß richtig, aber unvollständig und dadurch ungeschickt, weil sie die Hauptsache, die Folge der Schlacht, unerwähnt läßt.

Cassiodor in seiner Chronik, welche den Goten den Sieg zuschreibt, verdient keinen Glauben, weil sein Geschichtswerk, dem er auch in seiner Chronik folgen mußte, politische Tendenz- und Parteischrift war. Daher aber auch Jordanis in seinem 30. Kapitel nicht, der jenen Gotensieg nur von Ersterem entlehnt haben kann.

So bleibt denn nur eine einzige an sich beachtungswerte Quelle, der Zeitgenosse Orosius (VII, 37), übrig. Derselbe sagt: Taceo de infelicibus bellis apud Pollentiam gestis, quum barbaro et pagano duci, hoc est: Sauli belli summa commissa est: cujus improbitate irreverendissime dies et sanctum Pascha violatum est: cum quidem, ostendente in brevi judicio Dei, et quid favor ejus posset et quid ultio exigeret, pugantes virimus, victores victi semus.

In der ersten Zeile nennt nun der theologische Apologet, der im Jahre 417 seine Werke vollendete, die Schlacht bei Pollentia offenbar nur um deswillen eine unglückliche, weil sie mit einer Schändung des heiligsten Festes der Christenheit begann. In der siebenten bis zehnten aber, nach welcher das Gericht Gottes bald (in brevi) erwiesen habe, was dessen Gnade, wie dessen Züchtigung vermöge, bezieht sich offenbar nur das: pugnantes virimus auf die Schlacht bei Pollentia, das victores victi sumus aber auf Roms spätere Eroberung durch Alarich. Nicht in den Wechselfällen einer Schlacht, während deren Verlauf, sondern nur am Ausgang und Erfolge derselben kann sich doch Gottes Gericht offenbaren, wozu noch kommt, daß bei Pollentia die Römer gerade zuerst im Nachteil waren und später erst siegten, da man doch wahrlich Claudian nicht mißtrauen wird, wenn er deren Reiterei durch die Goten gefahrdrohend geschlagen zeigt.

Schon Arevalus hat in seiner Ausgabe des Prudentius zu der betreffenden Stelle (in Sym. II bei Vers 696) Orosius richtig verstanden (s. die neueste Ausgabe des Prudentius durch Albert Dressel, Leipzig 1860, zu der betreffenden Stelle): es ist daher auffallend, daß dies weder von Tillemont noch von Aschbach geschehen ist, während Gibbon sich auf nähere Kritik der Zweifel überhaupt nicht einläßt, sondern einfach nach Claudian Stilichos Sieg annimmt.

Eine grobe Ungenauigkeit des Orosius in obiger Stelle ist es ferner, wenn er den Saulus, der nur die Reiterei befehligt haben kann, gewissermaßen als Oberbefehlshaber des römischen Heeres darstellt.

5. Aschbach, obschon über die Schlacht im Wesentlichen Claudian folgend, sagt (S. 75): »Alarich, sich nicht für besiegt haltend, bestimmte sich, schnell auf Rom loszugehen. Durch Einverständnis mit einigen gotischen Führern entdeckte aber Stilicho dessen Absicht, und traf seine Anstalten so gut, daß jener nicht wagen durfte, seinen verwegenen Plan auszuführen.«

Merkwürdiger Beweis, wie einem verdienten Gelehrten jedes militärische Urteil, ja selbst die Orientierung auf der Landkarte abgehn kann. Ein geschlagenes, wenn auch noch starkes und unternehmungskräftiges Heer soll, das siegreiche feindliche im Rücken lassend, über den noch heute nur auf wenig Punkten passierbaren Apennin gehen, um das über sechzig Meilen vom Schlachtfelde entfernte stark befestigte RomDaß die Wiederherstellung der Mauern Roms gleich nach Alarichs Einfall in Italien und nicht erst nach dem Siege bei Pollentia mit größtem Eifer betrieben wurde, versteht sich von selbst und auch die hierauf bezügliche Phrase Aschbachs kann heute kaum einen anderen Sinn haben. anzugreifen, dessen spätere wirkliche Einnahme Alarich, als er keinen Stilicho mehr hinter sich hatte, noch so schwer wurde.

Es ist nicht nötig, darüber mehr Worte zu verlieren und nur noch zu bemerken, daß die nächste Militärstraße über den Apennin, die von Faventia (Faenza) nach Florenz führende, noch über vierzig Meilen vom Schlachtfelde entfernt war.Die heutige Straße von Bologna nach Florenz bestand in römischer Zeit noch nicht.

Zu dieser wunderlichen Ansicht kann der sonst so achtbare Forscher offenbar nur durch einige Verse Claudians verleitet worden sein, der Alarich in dem Monologe, den er ihm bei dem endlichen Abzug in den Mund legt (v. 291–297 d. VI. C. H.), ungefähr folgendes sagen läßt: »Wenn ich nun (d. i. nachdem ich noch stark an Kräften nach der Schlacht bei Pollentia am Fuße des Apennin anlangte, v. 84–86) noch über diese Bergkette gezogen wäre, wie dies früher (d. i. im Beginne des Feldzuges) mein Plan war, was hätte ich da in verzweifelter Lage noch vermocht? Ruhmvoller wäre ich alles verbrennend vorgedrungen und gewiß hätte ich Dich, Rom, in Deiner Nähe sterbend gesehen und dem durch die Fruchtgefilde uns folgenden Sieger wäre unser Untergang selbst noch Schaden bringend geworden.«

Poetische Phantasien, in denen niemand einen wirklichen Kriegsplan nach der verlornen Schlacht suchen und noch weniger finden wird. (Vergl. jedoch Dahn, Könige V, S. 40: Alarich konnte später wieder vordringen.)

begann er seinen denkwürdigen Feldzug.

Wie dem Ausbruch des Gewitters einzelne dunkle Wolken vorausziehen, die der Sturm nachher zu schwarzem, vernichtungsschwangerem Unwetter zusammenballt, so mögen auch damals schon in den germanischen Völkern, die zwischen den Hunnen und Alemannen jenseits der Donau saßen, Bewegungen eingetreten sein, die wir als Vorzeichen des wenige Jahre später ausgebrochenen Völkersturms zu betrachten haben.

Dies mag Alarich in doppelter Hinsicht benutzt haben, einmal, weil Stilicho dadurch in Rätien beschäftigt ward, wohin Barbaren, wenn auch gewiß nicht in gefahrdrohender Menge, eingebrochen warenClaudian de b. g. v. 280:

Non si perfidia nacti penetrabile tempus
Irrupere Getse, nostras dum Raetia vires
Occupat atque alio desudant Marte cohortes.
, zweitens aber auch um sein eignes Heer, das er doch kaum, einem Feldherrn wie Stilicho gegenüber, Italiens Eroberung gewachsen halten mochte, durch umhertreibende Scharen zu verstärken.

Alarichs erste Erfolge waren, wie wir aus fünf Stellen Claudians (d. b. g. v. 207–217, 280–290, 472–473, 534 und 563 und 564) ersehen, glänzend. Er überschritt die ihm von dem Feldzuge des Jahres 394 her wohlbekannten Alpenpässe, nahm feste Städte ein, ganz gewiß wenigstens AquilejaDaß dies so leicht geschehen sei, wie der Dichter v. 270 d. VI. C. Hon. sagt: Protento leviter frangebat moenia conto ist poetische Übertreibung, indem er hier nur den Gegensatz zwischen dem glänzenden Beginn und dem schmachvollen Ende des Feldzugs hervorheben will. Die Belagerung Aquilejas durch die Barbaren wird übrigens nach Tillemont (V. 3, Not. 14) auch durch eine Stelle des Hieronymus (contra Rufinum I, 3, c. 6, p. 239) erwiesen. und gewann eine Schlacht an dem hier strömenden TimavusV. 563, wo Stilicho sagt:

                          deploratumque Timavo
vulnus et Alpinum gladiis abolete pudorem.
, ohne jedoch Stilicho selbst noch gegen sich zu haben, worüber mindestens die ersten vier bis fünf Monate des Jahres 401 vergangen sein dürften.

Ungeheure Furcht in Rom, durch üble Vorzeichen mächtig gesteigert: der Gedanke an Flucht nach Sardinien und Korsika ergreift die Gemüter. Durch Gallien, Spanien und Britannien fliegt das Gerücht Rom sei schon gefallen, (v. 201–269.)

Da war es, fährt Claud. (v. 280) fort, Stilicho allein, der, schmachvoller Flucht wehrend, Rettung verhieß.

Er eilte, um ein Heer jenseits der Berge zu sammeln, in Person den Comer-See hinauf, was frühestens im Spätherbst geschehen sein muß, da Claudian von dessen Winterreise spricht, brachte daselbst aus dem ganzen Reiche, selbst aus Britannien, und gewiß auch aus Söldnern der Nachbarvölker, eine ansehnliche Streitmacht zusammen und beschwichtigte die Germanen, auf die er einen wunderbaren Einfluß ausgeübt haben muß, dergestalt, daß er die Rheingrenze unbedenklich entblößen konnte.

Wie kam es nun, daß Alarich, Stilichos Abwesenheit benutzend, nicht sogleich weiter vorrückte? Dies ist eins von den mehrern, wegen Unvollständigkeit der Quellen, unlöslichen RätselnVergl. über die Chronologie und die Wechselfälle dieses Feldzugs auch Dahn, Könige V, S. 36 und die dort erörterte Literatur. in diesem Kriege.

Hatte sich dessen Festsetzung im heutigen Istrien und Venetien durch den Widerstand der Festungen bis gegen Ende des Sommers 401 ausgedehnt, so daß er, der Erholung und Verstärkung seines Heeres bedürftig, den weitern Feldzug, bei dem doch der Apennin zu überschreiten war, bis zum Jahr 402 auszusetzen nötig fand, oder unterhandelte er, was gar nicht unwahrscheinlich ist, zuvörderst mit Stilicho, in welchem er sicherlich einen gefährlichen Gegner erkannte, hoffend, auf diesem Weg eine befriedigende Stellung im Westreich zu erlangen? Wir wissen es nicht.

Zu Abwehr des Feindes ward folgendes vorgekehrt. Aurelians größtenteils bereits verfallene Umwallung Roms wurde sorgfältig wieder hergestellt und verstärkt, wie sie in diesem Zustande zum Teil heute noch erhalten ist.Nach Niebuhr, Vortr. ü. a. G., S. 329 sieht man in der auf jene Herstellung bezüglichen Inschrift an der porta St. Lorenzo noch Spuren von Stilichos Namen. (Claud. d. IV. Cons. Hon., v. 528–536.) Das italische Heer ward, unstreitig auf den Straßen von Verona und Mantua nach Mailand, wo Honorius residierte (34, 3), aufgestellt. Dahin mußte Alarich seinen Angriff richten, weil ein Marsch über den Po und Apennin auf das neubefestigte Rom dann der Gefahr ausgesetzt hätte, durch das auf der Via Aemilia vorrückende römische Heer vom Rückzuge abgeschnitten und zwischen dem Gebirge und Meere eingeschlossen zu werden.

Am Vordringen nach Mailand konnte derselbe durch die zurückgelassene Streitkraft nicht gehindert werden: wohl aber durfte Stilicho erwarten, daß die Überschreitung der im Winter und Frühjahr so reißenden Flüsse, welche sich von den Alpen ergießen (darunter Etsch, Mincio, Oglio und Adda die bedeutendsten sind), dessen Marsch aufhalten würde, bis der Retter mit seinem Hilfsheere rechtzeitig vor Mailand würde anlangen können. Die Natur aber begünstigte durch ungewöhnlichen Wassermangel den Goten (d. b. g. v. 527–530), der noch vor Ablauf des vollen Winters aufbrach.De IV. Cons. Hon. v. 443:

Jam Ligurum trepidis admoverat agmina muris
Tutior auxilio brumae.

Bereits hatte er die Adda erreicht und sich der Brücke, unstreitig pons Aureoli zwischen Bergamo und Mailand, bemächtigt, schon erfüllte ihn die Hoffnung, die Residenz umlagern und den hilflosen Kaiser in seinen Ängsten zu einem schimpflichen Frieden zwingen zu können (v. 545–549), schon erblickte letzterer die nächtlichen Wachtfeuer des Feindes, als Stilicho, wiewohl zunächst nur mit einer schwachen Vorhut von Reitern, über Lecco oder Bergamo auf dem linken Ufer der bereits von den Goten besetzten Adda anlangte. Raschen, kühnen Entschlusses dringt er durch die Vorpostenkette, schwimmt über den Fluß und kommt glücklich in Mailand an, eine Heldentat, welche der Dichter den Honorius in fingierter Rede als selbst mit angesehen der Göttin Roma schildern läßt (de VI. Cons. Hon., v. 436–493).

Der folgende Verlauf ist wiederum dunkel. Wir ersehen aber aus einer Stelle Claudians (d. VI. C. H., v. 203), wo er, Alarichs Unglücksstätten anführend, auch der »Mauern der rächenden Asta« (Asti) gedenkt, daß sich der Kaiser mit dem Heere von Mailand über Pavia, auf der Römerstraße nach Turin dahin zurückgezogen haben muß. Unstreitig wollte Stilicho den Krieg in ein der gotischen Reiterei ungünstigeres, mehr gebirgiges Terrain versetzen und sich den Verstärkungen, die er über den Montcenis und Turin aus Gallien erwartete, nähern, zugleich aber, was vielleicht die Hauptrücksicht war, dem Kaiser im schlimmsten Falle die Rettung eben dahin sichern.

Vor Astis Mauern muß nun entweder ein Sturm abgeschlagen oder Alarich durch fruchtlose Belagerung so lange aufgehalten worden sein, bis Stilichos Verstärkungen von allen Seiten heran waren.

Jedenfalls treffen wir den Gotenkönig zuerst wieder in merklicher Entfernung von Asti nach Osten zu, wohin er also, vielleicht um noch eine nachgesandte Verstärkung an sich zu ziehen, zurückgegangen sein muß.

Die Stunde der Entscheidung hatte geschlagen: nur zwischen Schlacht oder Rückzug aus Italien war noch die Wahl. Da beruft Alarich den Kriegsrat, in welchem ein hochbejahrter edler Gote, der dessen Kindheit an Vaters Statt gepflegt hatte, mit gewichtvoller Rede das ganze Unternehmen scheltend, von weiterm Angriff abrät. Mit flammenden Blicken und Worten entgegnet Alarich: »Diesen Boden werde ich als Sieger oder Toter behaupten. Hat mir doch eine Stimme verkündet: Brich, Alarich, jeglichen Verzug: in diesem Jahre noch wirst Du zur Stadt gelangen« (penetrabis ad urbem i. e. Romam, d. b. g. v. 481–551.)

Das ist freilich alles poetische Fiktion, das Orakel sogar gewiß unwahr, die Reden aber, namentlich die Alarichs, sind wunderschön. (Claudian war ein reich begabter Poet und der Stoff großartig genug. D.).

Darauf rückt derselbe vor und kommt sogleich an den Fluß Urbs (Orba, der bei Alexandria in den Po fällt, etwa fünf Meilen von Asti), in dessen Namen sich nun jener trügerische Wahrspruch erfüllt haben soll, muß aber von hier, da der Dichter sogleich den Schlachtbericht folgen läßt, noch bis in die Nähe des neun bis zehn Meilen entfernten Tanaro bei Pollentia, fünf Meilen oberhalb AstiDie Lage Pollentias auf der Sprunerschen Karte stimmt mit Gibbons und Tillemonts Annahme im Wesentlichen überein, auch findet sich auf einer alten Spezialkarte Oberitaliens daselbst ein Dorf: Pollenza. vormarschiert sein, wo Stilicho gelagert war.

Es war Ostern des Jahres 402 (Orosius, Kap. 37), zu dessen christlicher Feier die Goten sich anschickten, als Stilicho, den religiösen Skrupel beiseite setzend, das Heer begeisternd anredete (d. b. g. v. 562–580) und seiner hauptsächlich aus Barbaren bestehenden Reiterei unter des uns schon bekannten Saulus Führung den Angriff befahl. Dem gewaltigen Ansprengen wichen die Goten, ermannten sich aber, von Alarich gesammelt und geführt, sogleich wieder. Schon schwankt die Reiterschlacht, als der mit der hingebendsten Tapferkeit für Stilicho fechtende Anführer der Alanen an der Spitze der Seinigen fällt. Erschreckt weichen diese zurück: die Goten dringen nach, und die ganze, wahrscheinlich den rechten Flügel der Römer bildende Reiterei wird so entschieden geworfen, daß das Mitteltreffen in höchster Gefahr schwebt.

In diesem verhängnisvollen Augenblick aber führt Stilicho die Wucht der Legionen dem Feinde entgegen: ein mörderischer Kampf beginnt, in dem nach Claudian (v. 598 bis zum Schluß) die Goten auf das Haupt geschlagen, deren Lager mit unendlicher Beute aus frühern Raubfahrten genommen und Tausende vormals Gefangener, welche dieselben als Sklaven mit sich führten, befreit werden.

Der Dichter übertreibt stark: gleichwohl ist in diesem Fall an dem Siege der Römer nicht im Entferntesten zu zweifeln. Doch hat Tillemont (V, 3, Art. 19), dem auch Neuere folgen, auch diesen noch übertrieben, indem er selbst Alarichs Gemahlin im Lager durch die Römer gefangen nehmen läßt. Dies beruht aber offenbar auf Mißverständnis der Verse (627–629 d. bello get.), nach welchen die Wehklagen seiner Gemahlin Alarichs Ohr getroffen haben sollen. Diese beziehen sich aber nur auf deren Schmerz über den Verlust von Schmuck und Kostbarkeiten. Wie kann man glauben, daß eine so wichtige Tatsache nicht deutlichere Erwähnung, und zwar auch in den andern Quellen noch gefunden haben sollte? Wäre aber selbst die Schlacht eine taktisch unentschiedene geblieben, so war sie doch für Alarich eine strategisch verlorne, weil er mitten im Feindesland in solcher Entfernung von seiner Operationsbasis an Fortsetzung des Krieges und Vordringen nach Rom gar nicht denken konnte, wenn nicht das römische Heer durch eine entscheidende, namentlich auch moralische Niederlage vorher ganz aus dem Felde geschlagen gewesen wäre.Claudian, den wir freilich nur mit Mißtrauen anführen können, sagt darüber de VI. Cons. Hon. v. 127–32 folgendes:

Jam Pollentini tenuatus funere campi,
Concessaque sibi (rerum sie admonet usus)
Luce, tot amissis sociis, atque omnibus una
Direptis opibus, Latio discedere jussus
Hostis, et immensi revolutus culmine fati,
Turpe retexit iter.

Mit der Schlacht von Pollentia schließt Claudians Gedicht de bello getico, das während Alarichs Rückzug vom Po nach der Etsch, jedenfalls vor Eintritt des Winters 402/3, verfaßt ward.d. b. g. v. 79:

Adspice, Roma, tuum jam vertice celsior hostem
Adspice, quam rarum referens inglorius agmen
Italia detrusus eat.

v. 153:

Hic (Stil.) celer efficit bruma ne longior una
Esset hiems rerum, primis sed messibus aestas
Temperiem coelo pariter belloque referret.

Das auf die Zeit der Abfassung d. Ged. d. b. g. bezügliche nuper in v. 123 d. IV. Cons. Hon. gewährt kein sicheres Anhalten.

Die Geschichte der Fortsetzung und des Endes des Krieges im Jahre 403, die eigentlich das zweite Buch Jenes bildet, ist dem Glückwünsche zu des Honorius sechstem Konsulate, das dieser am 1. Januar 404 antrat, einverleibt, welches mit dem unstreitig noch zu Ende des Jahres 403 erfolgten Triumpheinzuge des Kaisers in Rom und den sich daran knüpfenden Spielen endigt.

Zunächst drängt sich uns nun die Frage auf: wollte oder konnte Stilicho seinen Sieg nicht besser benutzen als geschah? Gewiß war dessen Heer sehr geschwächt, gewiß aber für einen so entschlossenen und ausgezeichneten Feldherrn wie Stilicho, dem für Verstärkungen immer noch Mittel zu Gebot standen, darin kein Grund, den besiegten Feind ruhig abziehen zu lassen. Insbesondere ersehen wir (aus v. 183, de VI. C. H.), daß Alarich sich nach der Schlacht zuerst an den Fuß des Apennin zurückzog, also von der geraden Rückzugslinie nach dem Po abgedrängt gewesen sein muß (34, 5). Leicht konnte Stilicho daher, diesen früher überschreitend, dessen linkes Ufer besetzen und seinen Gegner zwischen diesem Strom und dem Apennin einschließen. Wenn daher Orosius (VII, 37) von Alarich sagt: »der oft besiegt, oft eingeschlossen, stets wieder entlassen wurde«, so kann sich diese Wiederholung, nach jenem ersten Vorgange im Peloponnes, schlechterdings nur auf des Königs Lage nach der Schlacht bei Pollentia beziehn.

Vor allem wird aber von Claudian an vier Stellenv. 204: Hic (Alarich) rursus dum pacta movet.

v. 206: Hic sibi perjurum sensit prodesse furorem.

v. 210: Oblatum Stilicho violato foedere Martem.

v. 303:

                              Pro Foedera saevo
Deteriora jugo! tunc vis extincta Getarum.
Tunc mihi, tunc letum pepigi. Violentior armis
Omnibus expugnat nostram dementia gentem,
Mals gravior sub pace latet, Capiorque vicissim.
ausdrücklich versichert, daß Alarich im Wege des Vertrags freien Abzug erlangt habe. Warum Stilicho so handelte, ist zu erörtern hier unnötig, da dies schon oben, als er den Feind aus Griechenland entweichen ließ, angegeben ward.

Doch würde die versuchte Vernichtung der Goten, einem Alarich gegenüber, immer ein gefährliches Unternehmen, der Sieg im günstigsten Falle nur durch ungeheuern Verlust auch der Römer zu erkaufen gewesen sein.

Daß aber die öffentliche Meinung, gewiß auch des Kaisers Umgebung, den Feldherrn damals laut tadelte, wo nicht anklagte, ersehen wir aus dem eifrigen Aufgebot von Kunst, durch welche dessen Lobredner und zwar gleich zu Beginn seines Gedichts über den Gotenkrieg (v. 92–146) das Verhalten seines Helden zu rechtfertigen sucht. Hierin ist übrigens die einzige Stelle von Bedeutung, wo er (v. 98–100 d. b. g.) sagt:

»Die Sorge für Dich, o Rom, bewog ihn, dem Eingeschlossenen die Flucht zu eröffnen, damit nicht der Verzweifelungsmut, angesichts des unfehlbaren Todes, schlimmer wüte.«

Diese an sich gar nicht an jenen Ort gehörige Abschweifung ist dem Dichter sichtbar durch die damalige Volksstimmung abgedrungen worden. So wenig aber auf Alarichs Vernichtung, so gewiß doch auf dessen möglichste Schwächung war Stilichos Absicht gerichtet und dazu die Verleitung der Truppen desselben zum Abfall das sicherste Mittel. Weniger zwar bei dessen treuen Stammgenossen, soweit nicht eigne innere Zwietracht dabei mitwirkte, als bei den Gefolgen und Abenteurern fremder Stämme, welche die Beutegier nach Italiens Schätzen des Königs Fahnen zugeführt hatte, mochte ihm dies gelingen. Getäuscht in ihrer Hoffnung waren diese Krieger von Handwerk, gleich den Landsknechten des fünfzehnten bis siebzehnten Jahrhunderts, stets geneigt, für bessere Bezahlung und Aussicht von Freund zu Feind überzugehen. Gleich nach der Schlacht von Pollentia muß dies teilweise geschehen sein (d. b. g. v. 90 u. 91)Desertus ab omne gente sua manibusque redit truncatus et armis.in weit größerm Umfange aber noch mit der wachsenden Not im Laufe des Jahres 403, wie wir (aus d. VI. Cons. Hon. v. 131, 250–259 und 305–315) ersehen, wonach ja ganze Schwadronen öffentlich abfielen, (v. 253.)

Nach dem zwischen Stilicho und Alarich abgeschlossenen Vertrage sollte Letzterer, unzweifelhaft binnen gewisser Frist, von den Römern unbelästigt, Italien räumen und nach Epirus zurückkehren, wobei ihm vielleicht ein vorübergehender Aufenthalt in Pannonien gestattet worden war.

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