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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 62
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Zehntes Kapitel
Honorius und Alarich bis zum Abzuge der Westgoten aus Italien

Die nach des Theodosius' Tode eingetretene an sich normale Teilung der Reichsverwaltung unter dessen Söhne wird um deswillen gewöhnlich, wiewohl eigentlich irrig, als ein Weltereignis höchster Wichtigkeit angesehen, weil die von dieser Zeit an überhaupt nur noch in der Idee fortbestandene Reichseinheit nie wieder vollständig in lebendige Wirksamkeit trat, dies Ereignis also als eine wirkliche und bleibende Teilung des Gesamtreichs betrachtet wird. Wir haben bisher schon dem östlichen Reichsteile weniger Aufmerksamkeit gewidmet, als dem westlichen, dessen Zertrümmerung der Völkerwanderung Folge war. Von des Theodosius' Tode ab werden wir nun die Geschichte Ostroms im Wesentlichen nur noch insoweit berühren, als dieselbe die Bewegungen und Unternehmungen der Barbaren, namentlich der Goten und Hunnen, betrifft.

Der große Mann war nicht mehr: ein unreifer Jüngling und ein Knabe seine Nachfolger: Arcadius, der Kaiser des Orients, hatte noch nicht das achtzehnte, Honorius, der Beherrscher Westroms, noch nicht das elfte Jahr erfüllt.

Die Teilung der Reichs verwaltung, das Werk von Diokletians Weisheit, bestand seit hundertundzehn Jahren, nicht nur im Grundsatze, sondern auch praktisch. Nur Julian und Jovian herrschten zwei Jahre und drei Monate hindurch (vom 3. November 361 bis 17. Februar 364) allein über das Gesamtreich.

Constantin der Große hatte jedoch in den dreizehn Jahren seiner Alleinherrschaft allerdings nur seine Söhne als Cäsaren in den einzelnen Reichsteilen unter sich, wie dessen Sohn Constantius in den letzten elf Jahren seine Neffen Gallus und Julian.

Daß auch nach des Theodosius Tode nicht das Reich selbst, sondern nur die Regierung unter dessen Söhnen geteilt ward, bestätigen Marcellin in seiner ChronikTheodosii filii, Arcadius et Honorius, utrumque imperium, divisis tantum sedibus, tenere coeperunt., sowie Orosius (VII, Kap. 36) ausdrücklich.

Die Ereignisse des ersten Jahres der neuen Regierung sind, wegen Unvollständigkeit und Dunkelheit der Quellen, äußerst verworren.Wenn die Quellen ungenügend und widersprechend sind, haben wir sie vor allem ihrem Werte nach zu ordnen.

Für die betreffende Zeit ist den kurzen Notizen der Chronisten, selbst der des Comes Marcellinus, wenn derselbe auch in späterer Zeit gelebt hat, in allen Fällen, wo nicht ausnahmsweise ein ersichtlicher Irrtum vorliegt, die meiste Glaubwürdigkeit einzuräumen, weil dieselben mit Absicht der Treue aus den sichersten, unstreitig amtlichen Quellen schöpften.

Die zweite Stelle gaben wir in formaler Beziehung Claudian als Zeitgenossen, in materieller aber nur in soweit, als er bestimmte Tatsachen anführt, auf welche weder dessen Tendenz, noch die poetische Form Einfluß gehabt haben können. Ganz unzulässig aber ist jede aus dessen Schweigen abzuleitende Folgerung, weil historische Vollständigkeit und Zusammenhang gar nicht in seinem Plane lagen.

Da des Zosimus Geschichte dieser Zeit ganz aus Eunapius geschöpft ist, der mit dem Jahre 404 schließt, so muß auch Ersterer als Zeitgenosse gelten. Weil derselbe aber, wie wir bereits wissen, seinen Gewährsmann weder vollständig wiedergibt noch mit kritischem Takt verwertet, so wagen wir nicht, ihn Claudian, soweit dieser nach Obigem an sich glaubhaft ist, vorzuziehen.

Die Hauptabweichung unserer Darstellung im Texte von der der älteren Historiker besteht darin, daß diese zwei Feldzüge Stilichos von Italien nach Griechenland annehmen und den letzten, zu Befreiung des Peloponnes, erst in das Jahr 396 setzen, wir aber nur einen.Vergl. aber Dahn, Könige V, S. 33, 34. Tillemont, dem Gibbon und Luden offenbar gefolgt sind, hat seine Ansicht (in Not. 6 zu Arcadius, S. 1034) begründet, unseres Erachtens aber äußerst ungenügend. Prüfen wir selbst.

1. Marcellin sagt in der oben abgedruckten Notiz, Rufin habe Alarich, dem er heimlich Geld gegeben, nach Griechenland geschickt.

2. Von Claudian haben wir mehrere Stellen:

a) de Cons. Hon., v. 458, 465, 475.

b) In Rufinum II schildert derselbe die Verheerung der europäischen und asiatischen Provinzen durch Goten und Hunnen, und sagt dann v. 94:

tandem succurrere ruenti
Heu patriae Stilicho!

besonders aber

c) v. 101.

Hierauf Schilderung des unermeßlichen Heeres, das er dem des Xerxes vergleicht, dann:

d) v. 124:

Vix Alpes transgressus erat, nec jam amplius errat
Barbarus, adventumque tremens, se cogit in unam
Planitiem tutoque includit pascua gyro.

Worauf Alarichs Verschanzung in Thessalien und Stilichos Disposition zum Angriff näher beschrieben, sodann das Eintreffen von des Arcadius Befehl zum Rückzug aus seinem Gebiet und Rücksendung des Ostheeres sowie Stilichos Marsch längs der Grenze Makedoniens an Thessalonich vorbei nach Heraklea berichtet werden. (S. v. 127–129, sowie 160–163, 169–190, 278–292.) Zugleich erhellt (aus v. 186 bis 191, sowie aus v. 215), daß der unterbrochene Feldzug in Thessalien der Verheerung Griechenlands vorausging.

e) In dem Gedicht de Nuptiis Honorii et Mariae im Jahre 398 bringen die Nereiden Maria (Stilichos Tochter) ihre Huldigungen dar und singen dabei: s. hier besonders v. 176.

f) De laudibus Stilichonis. v. 170.

3. Ganz abweichend von Claudian erzählt Zosimus. Nachdem er Kap. 6 die Verheerung des Peloponnes berichtet, fährt er in Kap. 7, wobei es nur auf den Sinn, nicht auf die Worte ankommt, also fort:

Nachdem die Leiden Griechenlands Rufin aufgezeigt worden waren, wuchs dessen Hoffnung, sich des Thrones bemächtigen zu können, indem er die Zerrüttung des Staats für seinen Zweck ausbeuten zu können glaubte.Auf des Zosimus Urteile ist wenig Wert zu legen. So gewiß Rufin nach dem Throne strebte, so ist doch kaum anzunehmen, wie ein einsichtiger Staatsmann, dem Stilicho als Feind und Wächter gegenüberstand, aus der Verwüstung Griechenlands Anlaß zu einer Usurpation entnehmen und, fast ohne Heer, diese dem mächtigen Widersacher gegenüber erfolgreich durchzuführen hoffen konnte.

Stilicho aber schiffte sich sofort mit dem Heer ein, Achaia Hilfe zu leisten.

Er landete im Peloponnes, schloß Alarich auf dem Gebirg Pholoë ein, ließ ihn aber aus Nachlässigkeit nach Epirus entweichen und schiffte darauf unverrichteter Sache nach Italien zurück.

Daselbst angelangt beschloß er nun, Rufinus aus dem Wege zu räumen, und zwar auf folgende Weise. Er erlangte von Honorius den Befehl, einige Truppen an Kaiser Arcadius abzusenden, diesem in Beschützung seiner bedrängten Völker beizustehen. Die hierzu Ausersehenen stellte er unter Gainas Befehl, welchem er seine Absichten wider Rufinus mitteilte.

Hierauf folgt die Erzählung des Anmarsches und der Ermordung Rufins.

Was nun zuvörderst den faktischen Widerspruch zwischen Claudian und Zosimus betrifft, so verdient ersterer aus den oben angeführten Gründen unstreitig höhern Glauben.

Es ist undenkbar, daß Arcadius nicht sofort nach Ausbruch der Gotenempörung das ihm von Rechtswegen gebührende Ostheer zurückgefordert habe.

Es ist ferner undenkbar, daß die zahlreichen Details, welche über das erste nahe Zusammentreffen Stilichos und Alarichs in Thessalien und dessen Folgen in mehr als dreihundert Versen des sicherlich unmittelbar nach des Rufinus Sturz geschriebenen Gedichts in Ruf. II enthalten sind, erdichtet oder vielmehr erlogen sein können. Schlagend ist dabei die (v. 278–292) genau angegebene Marschroute des entlassenen Ostheeres aus Thessalien nach Konstantinopel, die bei Absendung desselben aus Italien dahin unmöglich gewesen wäre. Selbst wenn Claudius dies alles aus Tendenz geschrieben hätte, konnte er sich so grober und handgreiflicher Lügen nicht schuldig machen; es ist aber auch gar nicht abzusehen, daß aus seiner Erzählung des Hergangs mehr Stoff für Stilichos Lob und Rufins Schmähung zu gewinnen war, als aus der des Zosimus.

Wir müssen daher annehmen, daß letzterer aus Mißverständnis oder Unvollständigkeit seiner Quelle in einen der Irrtümer verfallen sei, von denen sich mehrfache Beispiele bei ihm finden.

Wir kommen zunächst auf die Fragen:

1. Wann brach Stilicho aus Italien nach Griechenland auf, und

2. auf welchem Wege geschah dies?

Zu 1. Alle betreffenden Stellen Claudians (a. b. c.) stimmen darin überein, daß dies unmittelbar nach Stilichos Rückkehr von der Bereisung der Rheingrenze, auf die erhaltene Kunde von der Gefahr und im Frühjahr, wenn auch erst gegen Ende desselben erfolgte, da die an sich unbestimmten Ausdrücke (unter c. v. 101 und 102) wohl mehr poetisch als genau chronologisch aufzufassen sind.

Da auch die Hilfeleistung Stilichos, der fast das ganze Ostheer damals noch unter sich hatte, eben sowohl in dessen dringender Pflicht als in dessen ehrgeizigem Privatinteresse begründet war, so ist gar nicht daran zu zweifeln, daß jene auf die erhaltene Nachricht von Alarichs Marsch gegen das südliche Illyricum und nördliche Griechenland so geschwind erfolgte, als dies die notwendige Zurüstung irgend gestattete.

Zu 2. Die Stellen a. e. und f. beweisen, daß Stilicho zur See über das ionische Heer nach Thessalien ging. In der Tat war dies auch die natürliche und gewöhnliche, wie unter Pompejus und Cäsar, ja fast die unabweisliche Militärstraße dahin, da ein Heer zu Lande nur längs der Donau bis Viminacium (unterhalb Belgrad), dann den Margus hinauf über Naissus und von da mit dem größten und schwierigsten Umwege entweder östlich über Thessalonich oder südwestlich durch Epirus über den Pindus durch Thessalien hätte marschieren können. Dieser unwiderleglichen Behauptung steht nur die Stelle d) scheinbar entgegen: Vix Alpes transgressus erat, als sich der barbarus, d. i. Alarich, Stilichos Ankunft fürchtend, in eine feste Verschanzung zurückzieht. Will man aber hier das »Alpes« auf die italischen, also in diesem Falle auf die julischen im Friaul, beziehen, so wäre das ganze Anführen unglaublich, da ein Alpenübergang in hundertundsechzig Meilen Entfernung Alarich nicht zu sofortiger Verschanzung gegen das anrückende Heer veranlassen konnte, das übrigens wiederholt (v. 171 und 219) als dem Feinde nahe bezeichnet wird.

Unter »Alpes« kann daher der Dichter hier nur die Fortsetzung der Alpenkette vom Friaul bis zum Hämus und namentlich die südliche Abzweigung derselben verstanden haben, die sich von Makedonien bis an den korinthischen Meerbusen herunterzieht und zwischen Epirus und Thessalien den Namen Pindus führt.

Wenn nun nach Claudian a. e. und f. und Zosimus feststeht, daß Stilicho über See zur Rettung des Peloponneses heran zog, so bleibt nur noch

3. die Frage übrig: ob derselbe nach dem auf des Arcadius Befehl aufgegebenen ersten Feldzuge gegen Alarich in Thessalien wiederum nach Italien zurückschiffte und von da erst später wieder seinen zweiten Feldzug zur See nach dem Peloponnes unternahm oder ob sich dieser zweite dergestalt an den ersten anschloß, wie dies oben im Texte ausgeführt ward. Es ist kaum möglich, Letzteres zu bezweifeln.

Das zu des Honorius Reichsteil gehörige Illyricum war in dem heutigen Albanien, kaum fünfzehn Meilen von Thessalien entfernt. Wollte Stilicho des Arcadius Gebiet nicht weiter schützen, so konnte er doch das Seinige nicht unverteidigt lassen. Er mußte daher zunächst abwarten, wohin sich Alarich wenden würde. Dieser stand in seinem Lager im Tale des Peneus den Thermopylen weit näher als Stilicho der Seeküste und seiner Flotte, derselbe ist also sicherlich sogleich dahin marschiert.

Alarichs ganzer Kriegsplan, in ein durch zwei Pässe leicht zu sperrendes Gebirgsland vorzudringen, war übrigens ein so abenteuerlicher und tollkühner, daß mindestens eine rasche und energische Ausführung desselben vorauszusetzen ist. Deshalb hielt er sich auch durch eine Belagerung Thebens und Athens, welcher letzteren Stadt er günstige Kapitulation bewilligte, nicht auf, sondern eilte dem Peloponnes zu.

Daher mußte Stilicho noch ehe er sich einschiffte dessen Absicht kennen oder wenigstens durchschauen, ist daher sicherlich nicht hundert bis hundertundzwanzig Meilen weit nach Asien zurückgeschifft, um von da bald darauf wieder nach Griechenland zurückzukehren, da ein Feldherr mit Armeen kein »Kämmerchenvermieten« zu spielen pflegt.

Dürfte durch dies Alles unsere Ansicht genügend gerechtfertigt sein, so können wir doch selbst einen Zweifel nicht unerwähnt lassen. Dieser liegt im Zeitpunkte von Rufins Tötung am 27. November, der ausreichend beglaubigt erscheint. Nimmt man auch an, daß das Ostheer unter Gaina erst gegen Ende Juli aus Thessalien aufgebrochen sei, so konnte es doch zu einem Marsche von etwa hundert Meilen nicht gleich vier Monate Zeit brauchen. Dies scheint daher des Zosimus Angabe, daß es erst aus Italien zurückgesandt worden sei, einigermaßen zu unterstützen. Gleichwohl sind die vorstehend für Claudians abweichende Darstellung angeführten Gründe so überwiegend und schlagend, daß wir auf die des Erstern nicht wieder zurückkommen können, vielmehr entweder einen Irrtum in obiger mutmaßlicher Zeitberechnung oder einen Verzug von Gainas Anmarsch aus uns unbekannten Gründen, vielleicht in die Vereinigung mit einem in Pannonien noch zurückgebliebenen Teile des Ostheers zu erwarten, annehmen müssen. Sei dem aber, wie ihm wolle, so würde doch, selbst wenn man Zosimus Glauben schenken wollte, dadurch die Tillemontsche Ansicht, daß Stilicho erst im Jahre 396 zur Rettung des Peloponnes nach Griechenland geschifft sei, auf keine Weise unterstützt werden.

Diese gründet sich aber überhaupt auf nichts anderes, als auf die Unwahrscheinlichkeit, Stilicho werde in einem Jahre zweimal von Italien nach Griechenland geschifft sein – eine Unwahrscheinlichkeit, die wir vollkommen zugeben, durch unsere Darstellung des Sachverlaufs aber vollständig beseitigt zu haben glauben.Vergl. aber auch Dahn, Könige V, S. 33.

Den Kaisertitel führten Arcadius und Honorius, das Regiment unter deren Namen Rufinus im Osten, StilichoRichter de Stilichone et Rufino, Halle 1860. im Westen.

Ersterer, ein Gallier aus Elusa (Claudian. Ruf. I, v. 137) (jetzt Eause in Gascogne), war von 390 bis 392 Magister officiorum, in welchem Jahr er zum Consul und zugleich zum Präfekt des Orients ernannt wurde. (S. Hänels index legum.) Hatte er hiernach vorher schon Einfluß gehabt, so hat er sicherlich von der Mitte des Jahres 394 an, als Theodosius wider Eugenius zog, vor allem aber als Präfectus Prätorio das Ostreich unter des Arcadius Namen, der schon im Jahre 383 zum Augustus erhoben worden war, vollständig regiert.

Stilicho war vandalischen Stammes, wohl ein Nachkomme der unter Constantin dem Großen in das Reich aufgenommenen (s. Bd. I; Dahn, Könige I, S. 142), aber geborener RömerH. Richter in d. o. g. Schrift, S. 11, setzt auf Grund einer unsichern, aber nicht unwahrscheinlichen Berechnung dessen Geburt auf das Jahr 359. und nicht Barbar, weil ja dessen Vater schon, nach Claudian (de laudib. Stilic. I, v. 338) unter Kaiser Valens in römischem Dienst germanische Reiterei befehligt hatte.

An Körper und Geist in seltenem Maß ausgezeichnet, gewann der jugendliche Krieger sehr bald des Theodosius Aufmerksamkeit, der ihn schon im Jahre 385 zum Dux, und 392 oder 393 zum Magister militum ernannteBei Stilichos Tode im Jahre 408 hatte er nach Zosimus (V, 34) dreiundzwanzig Jahre lang kommandiert, doch ist er erst vor dem Feldzuge wider Eugenius (Zosimus IV, 57) zum Magister militum ernannt worden., nachdem er ihm bereits im Jahre 388 seine an Kindesstatt angenommene Nichte Serena vermählt hatte.

Nach Besiegung des Tyrannen, mindestens zu Anfang des Jahres 395, war Stilicho Oberbefehlshaber beider Heere, sowohl des östlichen als des zu Theodosius übergegangenen westlichen. (Zosim. IV, 59.)

Auf dem Totenbett empfahl der sterbende Kaiser beide Söhne seinem Feldherrn.Zosimus V, 34, zahlreiche bei H. Richter S. 21 angeführte Stellen Claudians und Ambrosius de obit. Theod. 5: De filiis nil habebat novum, quod conderet, nisi ut eos praesenti commendaret parenti.

Nichts natürlicher als daß derselbe den Schutz des einen ungeteilten Reiches und seiner beiden dasselbe verwaltenden Söhne seinem Neffen, dem obersten und tüchtigsten Feldherrn, an das Herz legte; Irrtum daher, hieraus folgern zu wollen, er habe Stilicho zugleich eine Vormundschaft über Arcadius und die Oberleitung des Ostreichs übertragen, was Claudian selbst (de III. Cons. Hon. v. 142 u. 151) gar nicht einmal sagt. Selbstredend aber mochte dessen Ehrgeiz davon Anlaß oder Vorwand entnehmen, sich auch in die Angelegenheiten des Orients zu mischen (die dessen auch wiederholt höchst dringend bedurften. D.).

Schwach, ja beinah hilflos stand nun damals Rufinus, der eigentliche Beherrscher dieses Reichteils, dem als Anführer beider Heere allmächtigen Stilicho, seinem bitter gehaßten Feinde, gegenüber.

Unzweifelhaft war nach Beendigung des Bürgerkrieges das Ostheer Arcadios zurückzusenden, was bei des Theodosius Leben noch nicht geschehen, daher von Stilicho noch zu vollziehen war. Dieser ließ jedoch, nach Zosimus (V, 4), nur den erschöpftesten und schlechtesten Teil desselben dahin abmarschieren, was sicherlich schon im Januar 395 geschah. Unter diesem muß sich auch Alarich, der bald so furchtbar wurde, befunden haben, welchen Jener als Danaergeschenk seinem Feind übersandte.

Mit seltener Weisheit hatte Theodosius die Goten gewonnen und mit ängstlicher Vorsicht jeden Anlaß zu Störung des Verhältnisses friedlicher, wenn auch mehr nur nomineller Unterwerfung vermieden.

Als aber mit des Kaisers Leben der Zauber seiner Person erloschen war, brach der stumme Gehorsam sofort in laute Anmaßung, ja Empörung aus.

Zunächst verlangte Alarich, mächtigen Selbstgefühls, Beförderung von dem ihm durch Theodosius übertragenen Kommando über einen Teil seiner gotischen Landsleute zu höherem Befehl, auch über Römer.

War Rufinus, wie wir nicht zweifeln können, ein Staatsmann und zwar ein bedeutender, so mußte er zwar des Theodosius System den Goten gegenüber streng fest-, aber auch von weiterer Nachgiebigkeit aus Schwäche im Beginn seiner Herrschaft sich frei halten, weshalb er jene Forderung zurückwies. Er soll damals den Goten auch die hergebrachten Subsidien verweigert haben. Will man dem Anführen des JordanisC. 29. Postquam vero Theodosius, amator pacis generisque gothorum, rebus excessit humanis, coeperunt ejus filii utramque rempublicam luxuriose viventes annhilare, auxiliariisque suis, i. e. Gothis, consueta dona subtrahere. Glauben schenken, so ist doch die Zurückhaltung jener Gelder vielleicht nicht die einzige Ursache.Vergl. Pallmann, Geschichte der Völkerwanderung von der Gotenbekehrung bis zu Alarichs Tode, Gotha bei Perthes 1863, S. 203; anders Volz, de Vesigothorum cum Romanis conflictionibus und Dahn, Könige V.

Alarich aber fürchtete Rufinus zu wenig, um sich bei jener Zurückweisung zu beruhigen.

Er zog Freischaren vom linken Donauufer über den noch gefrorenen Strom an sichClaud. in Rufin. II, v. 26: Alii per terga ferocis Danubii solidata ruunt, expertaque remos frangunt stagna rotis. und rückte mit seinem Heere, das Land auf seinem Marsche in gewohnter Weise ausraubend, vor Konstantinopel, Rufinus zu schrecken, aber auch zu gewinnen, indem er, alles um die Stadt verheerend, dessen Güter verschonte (Claud. a. a. O., v. 70 u. 71). Dieser begibt sich hierauf wiederholt, und zwar in gotischer Tracht, in das Lager und bewegt Alarich auch glücklich zum Abzuge (Claud. in Ruf. II, v. 21–100).

Claudian und alle übrigen Quellen, denen die neuern Historiker fast ohne Ausnahme folgen, beschuldigen nun Rufinus, daß er eben so den Aufstand der Goten wie einen Einfall der Hunnen in Kappadokien und Syrien (Claud. a. a. O., v. 28–36) absichtlich angestiftet habe.H. Richter hat in der oben genannten Dissertation S. 30 f. das Irrtümliche dieser Ansicht gründlich nachgewiesen. Wohl ohne Grund: nach seiner Ermordung ward dem mit Recht bitter Gehaßten, neben zahllosen andern Missetaten, auch jener Frevel aufgebürdet und mit Freuden alles geglaubt, was ihm nur zur Schmähung gereichte.

Was Wunder, daß Claudians poetische Phantasie, der denselben angesichts seines unfehlbaren Sturzes durch Stilicho den einzigen Trost darin erblicken läßt, daß der ganze Erdkreis zugleich mit ihm zu Grunde geheClaud. Rufin. II, v. 19: Everso juvat orbe mori. Solatio leto exitium commune dabit., auch die unkritischen Kirchenhistoriker zur Nachbetung solcher Beschuldigung veranlaßt hat, von der sich bei Zosimus nichts findet

Wohin hat nun Rufinus den von Konstantinopel abziehenden Alarich gelenkt?

Der Chronist Marcellinus sagt zum Jahre 395: Rufinus, insgeheim wider den Kaiser Arcadius machinierend, wiegelt den Gotenkönig Alarich, ihm heimlich Geld gebend, gegen den Staat auf und schickt ihn nach Griechenland.Rufinus, clam Arcadio principi insidias tendens, Alaricum, Gothorum regem, missis ei clam pecuniis, infestum reipublicae fecit et in Graeciam misit.

Liegt nun darin nicht eine ausdrückliche Bestätigung von der Schuld des Rufinus? Mitnichten. Marcellin spricht hier nicht vom ersten Akt des Gotenaufstandes, der sich durch den Marsch nach Konstantinopel bekundete, sondern nur von dem zweiten, der mit Alarichs Abzug von da beginnt, in welchem der Präfectus Prätorio allerdings als Anstifter auftritt.

Was konnte aber dabei dessen nächster Zweck sein? Handgreiflich kein anderer, als Rettung aus der Gefahr des Augenblicks.

Es fehlten ihm Truppen, Alarich zu vertreiben: so bot Stilichos Hilfe das einzige Mittel zur Befreiung der Hauptstadt dar, wozu dieser unzweifelhaft aus eigenem Antriebe herbeigeeilt sein würde.

Stilicho vor den Toren wäre aber für Rufinus ungleich gefährlicher gewesen, als Alarich.

Weitläufig sucht nun H. Richter S. 50 u. f. zu begründen, daß Rufinus den Gotenfürsten damals zum Angriff auf das unter Stilicho stehende westliche Illyrien, jenseits der Drina, bewogen und erkauft habe, was in der Tat das Vorteilhafteste für Ersteren gewesen wäre. Alarich aber, der seinen frühern Feldherrn Stilicho und dessen dermalige gewaltige Streitmacht genau kannte, war nicht Tor genug, einen so tollen Angriff zu wagen.

Welchen Wunsch daher Rufinus auch gehabt habe, auf Erfüllung konnte er nur insoweit rechnen, als sein Plan auch Alarich genehm war. Dazu empfahl sich nun trefflich die Ausraubung Griechenlands, das seit mehr als hundert Jahren nicht geplündert worden war. Brachte er Alarich dahin und eröffnete er ihm den Weg durch die Thermopylen bis in den Peloponnes hinein, so hatte er ihn nicht nur weit über hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt, sondern auch in eine Mausefalle gelockt, in welcher er, wenn es Rufinus irgend gelang, durch Rückforderung des Ostheers eine tüchtige Streitkraft sich zu verschaffen, eingeschlossen, ja vernichtet werden konnte.

Allerdings mußte er, wie auch wirklich geschah, dadurch ebenfalls Stilicho herbeiziehen: dies war aber, nachdem die Goten einmal wider Arcadius im Feld erschienen waren, wenn jener um Hilfe zu leisten in das Ostreich kommen wollte, zu verhüten überhaupt unmöglich. Besser aber sicherlich, daß er diesen nach Griechenland als nach Konstantinopel lenkte.

So hat denn nun des Zosimus ausdrückliche Versicherung (V, 5), daß Rufinus, um Alarich den Einfall in Griechenland zu erleichtern, insgeheim instruierte Werkzeuge in der Person des Antiochus und Gerontius dahin abgesandt habe, die größte Wahrscheinlichkeit für sich, so daß, zumal in Verbindung mit obiger dasselbe bestätigender Stelle Marcellins, irgendwelcher Zweifel daran uns nicht statthaft erscheint.

Kommen wir nun auf Stilicho und sein Verhalten.

Daß derselbe, von Ehrgeiz gestachelt, seinen Einfluß auch auf das Ostreich auszudehnen wünschte, ist nicht zu bezweifeln, während die ganze Geschichte der Folgezeit beweist, daß er dafür höchstens den Weg der Intrige, niemals aber den offener Rebellion und Gewalttat einschlug, wozu es ihm doch an der Macht nicht fehlte.

Im Frühjahre 395 bereiste derselbe (wie im 9. Kapitel angegeben ward) die Rheingrenze, um sich durch Erneuerung der alten Bündnisse die Fortdauer des Friedens mit den Germanen zu sichern, was ihm auch vollständig gelang. Ebenso mag er gegen die Jutungen und andere Anwohner der obern Donau verfahren haben, wofür sich freilich nur ein etwas unsicheres Zeugnis in Claudian (de laud. Stilicho oder d. Cons. Stil. III. v. 13: Rheni pacator et Istri) findet.

Inzwischen muß das durch die Gotengefahr motivierte dringende Verlangen des Kaisers Arcadius der Rücksendung seines Heeres bei dem Hofe zu Mailand eingegangen sein. Da sich aber Stilicho selbst zu dessen Schutz berufen und verpflichtet erklärte, brach er in Person an der Spitze beider Armeen, der östlichen und westlichen, deren gegenseitigen Haß und blutige Zerwürfnisse er vorher beizulegen gewußt hatte, nach der griechischen Halbinsel auf, wohin sich Alarich gewendet hatte. (Claud. in Ruf. II, v. 101–123.)

Dies geschah mindestens mit der Hauptmasse zu Schiff, obwohl es nicht unwahrscheinlich ist, daß ein Teil der Truppen, die gewiß auf der Militärstraße an der Donau schon vorgerückt waren, auch zu Land an den Vereinigungspunkt dirigiert worden sein könne.

Könnten wirH. Richter S. 51 und 53; vergl. aber auch Dahn, Könige V, S. 32 f. der Nachricht des Sokrates (VII, 10) Glauben schenken, so wäre Alarich von Konstantinopel aus zuerst ganz westlich durch Thrakien und Makedonien bis gegen Dalmatien gezogen, hätte sich von da südlich nach Epirus und von hier wieder auf der Militärstraße von Nikopolis über Ambrakia, die Pässe des Pindus und Gomphi nach Thessalien in das Tal des Peneus gewandt. Hier habe er in einem Kampfe gegen die Provinzialen 3000 Mann verloren, schließlich aber doch alles verheerend bewältigt. Das erwähnte Kapitel dieses Schriftstellers, welches mit der Einnahme Roms durch Alarich im Jahre 408 beginnt, wirft aber Ereignisse, die in fünfzehn Jahren verlaufen sind, in so verworrener und unkritischer Weise durcheinander, daß wir obiges Anführen nicht für beachtungswert halten können, obwohl es allerdings den Anschein gewinnt, daß der Verfasser an obenerwähnter Stelle vom Jahre 395 rede.

Alarich aufzusuchen landete Stilicho unstreitig in Nikopolis, dem Haupthafen von Epirus am ambralischen Busen (Golf von Arta), und rückte dem Feind auf der Straße über den Pindus nach, worauf sich Alarich in einer möglichst gesicherten Stellung verschanzte. (Claud. a. a. O., v. 124–129.)

Hier aber, in der Nähe, gleichwohl gewiß noch nicht angesichts der Goten, traf den Feldherrn eine so peremtorische Ordre des Kaisers Arcadius, aus dessen Reichsteil sofort wieder abzuziehen und das Ostheer nach Konstantinopel zurückzusenden, daß ihm nur zwischen Gehorsam oder offener Empörung die Wahl blieb. (Claud. a. a. O., v. 169, 170, 195–200.)

Stilicho wollte gegen den Sohn seines Wohltäters nicht Rebell werden, und gehorchte freiwillig – denn was hätte ihn dazu zwingen können? – wenn auch ungern, ließ des Arcadius Truppen abmarschieren (v. 206–209 und 247 bis 251) und zog sich mit den seinigen, aber gewiß nicht nach Italien, sondern nur bis zur Flotte bei Nikopolis, oder, was wahrscheinlicher ist, nach dem nächsten Hafen seines nahen Reichsteils, Aulon, zurück.

Alarich, des gewaltigen Gegners entledigt, zog nun durch die ihm verräterisch geöffneten Thermopylen nach Böotien und Attika, wo er bis auf Theben und Athen, welches letztere gegen günstige Bedingungen kapituliert zu haben scheint, alles ausraubte und niederbrannte, dann durch Megaris über den in Folge gleichen Verrats unverteidigten Isthmus vor Korinth, das er wie Argos und Sparta mit allen übrigen Städten verheerend einnahm. (Zosimus V, 5 u. 6.)

Da eilte, weil Rufinus nichts tun wollte oder konnte, Stilicho zur See als Retter herbeiVergl. aber Dahn, Könige V, S. 33., landete im Busen von Korinth, etwa bei Paträ, in Alarichs Rücken, trieb diesen auf das Gebirge von Pholoë an der Grenze von Arkadien und Elis hinauf und schloß ihn daselbst, unter Abschneidung aller Lebensmittel, sogar des Wassers (Claud. de IV. Cons. Honor., v. 478–483), so vollständig ein, daß er ganz verloren schien.

Hier läßt nun Zosimus Kap. 7 Stilicho für seine Person allerlei Zerstreuungen und Wollüsten, dessen Heer aber der Ausplünderung der unglücklichen Landesbewohner nachgehen und dadurch Alarich Gelegenheit zur Entweichung und zum Rückzuge mit seiner Beute nach Epirus gewähren: gewiß ganz grundlos.

Alarich war damals die einzige, aber dringende Gefahr für das Gesamtreich, Stilicho aber, der sich ihm gewachsen, ja überlegen fühlte, so lang unentbehrlich, als der Gefürchtete auf dem Plane blieb. Darum ließ er ihn vielleicht (– denn immerhin hatte sich die Lage der Eingeschlossenen gebessert, die Stilichos verschlechtert, so daß Letzterer des Erfolges – ohne Verhandlung – nicht mehr so sicher war – D.) entfliehen und zunächst Arcadius auf dem Halse, der ihn nun durch Anstellung als römischer Befehlshaber in Epirus und Umgegend möglichst unschädlich zu machen suchte (Claudian de bello Get. 518 und 519). So hatte Alarich, was er zuerst gewollt, eine hohe Stellung als römischer Beamter erlangt, die er sicherlich aber mehr als Herr denn als Diener ausgebeutet haben mag.

Doch scheint noch vor dessen Abzug aus dem Peloponnes, vermutlich von Hunger gedrängt, ein Teil seiner Scharen in römischen Sold übergegangen zu sein. (Claud. de IV. Cons. H., v. 483–485.)

Stilicho kehrte hierauf nach Italien zurück. (Zosimus c. 7.) Das schon von Thessalien aus zurückgesandte Ostheer hatte er der Führung des Goten Gaina, einem seiner vertrauten Werkzeuge, übergeben, der langsam bei Thessalonich vorbei über den Hebrus nach Heraklea oder Perinth in Thrakien zog.

Mag Claudians Schilderung des tiefen Schmerzes, mit welchem die Truppen von dem geliebten Feldherrn schieden und ihres Hasses wider Rufinus (in Ruf. II, v. 257–290) übertrieben sein, so ist doch gewiß, daß deren Stimmung Stilichos Racheplan trefflich unterstützte. Von Heraklea aus ward über den feierlichen Empfang der Truppen durch den Kaiser selbst verhandelt, der auf einer Ebene vor Konstantinopel stattfand. Mit diesem erschien nun auch der von Hoffnung und Stolz geschwellte Rufinus, fast den ersten Platz sich anmaßend, vor und auf dem Throngerüst, das in gewohnter Weise von den Truppen rings umschlossen ward. Da gibt Gaina die verabredete Parole und plötzlich dringen diese auf den Präfekten ein, hauen ihn in Stücke und tragen Haupt und Hände des allgemein Verabscheuten triumphierend in der Stadt umher.

Auch Arcadius, wie schmählich die Verletzung seiner Majestät war, mag sich, von seiner Gemahlin Eudoxia und des Rufinus gefährlichstem Rivalen, dem Verschnittenen Eutropius, wider jenen aufgereizt, der Katastrophe heimlich erfreut haben, die ihn von einer verhaßten Herrschaft zu befreien schien, in der Tat aber diese nur auf ein anderes, noch unwürdigeres Haupt übertrug.Wie Eutrop des Rufinus Plan, seine Tochter Arcadius zu vermählen, zu vereiteln und während einer Abwesenheit des Erstern, ihn mit Eudoxien zu verbinden wußte, gehört nicht hierher. Eutrop, nicht besser, aber geistig unbedeutender als Rufin, ward der Erbe der Macht und Güter dieses Letzteren. Damals nur einer der Cubicularier (Kammerherren), ward er bald zum Oberkammerherrn befördert. Die Kaiserin blieb seine Hauptstütze.

Dies geschah nach Sokrates' (VI, 1) und Tillemonts Ausführung (in Note 4 zu Arcad., S. 1032) am 27. November 395, welchesfalls aber die Aufschrift des Gesetzes vom 12. Dezember dieses Jahres im Just. Cod. (I, 37, 2), das noch an Rufinus gerichtet ist, falsch sein muß.

Näher und schlagender als in irgend einem frühern und spätern berühren sich in dem denkwürdigen Jahre 395 der Untergang der römischen, der Aufgang der germanischen Welt

Indem Theodosius abgeht, tritt Alarich auf die Weltbühne: dem letzten Wahrer des Gesamtreichs in beinah unverminderter Macht folgt der erste Eroberer der ewigen Roma.

Alarich war nach Claudian (de IV. Cons. Honorii, v. 105), den freilich bei derartigen Bezeichnungen das Versmaß oft mehr leitet als die Wahrheit, auf der Insel Peuke zwischen den Mündungen der Donau geboren und muß im zartesten Kindesalter auf römisches Gebiet mitgeführt worden sein. Jordanis sagt Kap. 29: die Goten hätten denselben, da er aus dem Geschlechte der Balten, welchem der zweite Adel nach den Amalern zukam, entsprossen sei, zu ihrem König erhoben. Die unten abgedruckte StelleOrdinant super se regem Alarigum, cui erat post Amalos secunda nobilitas, Balthorumque ex genere origo mirifica, qui (quod? D.) dudum ob audadam virtutis Balth, id est audax nomen inter suos acceperat. leidet wegen des Nachsatzes an einiger Dunkelheit, indes ist Ludens Erklärung derselben (II, Note 7, S. 569), wonach Alarich selbst erst das Geschlecht der Balten gegründet habe, obwohl auch Aschbach (S. 66) ihr beizupflichten scheint, offenbar falsch, wie dies Löbell (in: Gregor von Tours, S. 522/3, Note 2) und Köpke (S. 121 und 122) richtig ausführen. (Vergl. die Anm. zu Kap. 29 in Closs Ausg. d. Jord. Stuttgart 1859.)

Jordanis, wie unzuverlässig er sonst ist, redet hier offenbar die Wahrheit. Der Geschlechtsadel bestimmte nach der germanischen Urverfassung die Volkswahl eines Königs. Alarich war geborener Edeling (d. h. Haupt der edeln und gliederreichen, weitverzweigten Fara der Balten D.): »Phylarch« nennt ihn Olympiodor (Bonn. Ausg., p. 448), und ward von den Westgoten damals, da selbständiges Machtbewußtsein im Volke neu erwachte, zum König erhoben. Daß derselbe namentlich kein nur für einen bestimmten Feldzug erwählter Herzog war, setzt die Geschichte der Folgezeit außer Zweifel.

Unter ihm bilden sich zuerst ein germanisches Volk und ein germanischer Staat, die, von dem Boden und den urwüchsigen Formen der Heimat losgerissen, die Gründung eines neuen Reichs auf dem Gebiete des alten Roms anstrebenGewiß lag bei der ersten Erhebung im Jahre 493 noch nicht die klar bewußte Absicht, aber doch die Neigung dazu schon vor. und vollführen.

Der Zeitpunkt dieses Weltereignisses – denn ein solches war Alarich Erhebung – ist nicht genau zu bestimmen, wahrscheinlich aber, daß erst die Bewährung seiner großen Eigenschaften, vielleicht schon der Zug vor Konstantinopel, den Ausschlag gab. Gewiß ist, daß der Gedanke daran erst nach des Theodosius Tode erwachen konnte und Alarich, den nur die Zwietracht zwischen Ost- und Westrom groß gezogen, seiner hohen Begabung unerachtet, in der Wiege erdrückt worden wäre, wenn er sich gegen einen einheitlichen Herrscher von nur mäßiger Kraft zu erheben gewagt hätte.

Als römischer Soldat aufgewachsen, von der imponierenden Vollkommenheit römischer Machtorganisation durchdrungen, war er auch weit entfernt, diese brechen und das rohe germanische Volkstum an deren Stelle setzen zu wollen.

Auf die Würde eines Magister militum war sein höchster Ehrgeiz (– d. h. für das, was er von Rom wollte – D.) gerichtet: weiterhin wollte er zwar gewiß nicht dienen, sondern herrschen (– als nationaler König seines Volkes – D.): keineswegs aber auf den Trümmern des alten Staats einen neuen aufbauen, sondern in und mit dem römischen Staatswesen, ja scheinbar unter, jedenfalls mindestens neben römischen Machthabern regieren.

Es war derselbe Grundgedanke, den der noch größere Theoderich ein Jahrhundert später, nur gereifter und ungleich selbständiger, zur Ausführung brachte.

Wir bitten den Leser, diese erste Auffassung der Zeitaufgabe durch Alarich (– diese angestrebte römische und germanische Doppelstellung – D.) sich recht lebendig einzuprägen, weil sie, im Geiste fast jedes bedeutenden Germanenfürsten sich wiederholend, den Schlüssel zur Geschichte der Folgezeit: – des Umsturzes der alten wie des Aufbaues der neuen Welt bildet.

Die letzten Jahre des vierten Jahrhunderts, das, mit Diokletian beginnend und nahezu mit Theodosius schließend, seit Trajan das glänzendste und doch das letzte Roms war, verliefen ohne geschichtliche Bedeutung.

Im Jahre 398 vermählte Stilicho, unstreitig um zu verhüten, daß sein kaiserlicher Pflegebefohlener nicht einmal, wie Arcadius dem Rufinus, durch die Liebe und Ehe seinem Einflusse entzogen werde, den kaum vierzehnjährigen Honorius mit seiner Tochter Maria, die in noch zarterem Kindesalter stand – eine Namen-Ehe, die nie zur Vollziehung gelangt zu sein scheint.

Das darauf folgende Jahr 399 brachte für Eutropius, den faktischen Beherrscher des Orients, zugleich den Gipfel der Größe und schmachvollen Sturz.

Im Ostreich gab es damals nur noch im Heer und in Phrygien und Umgegend kolonisierte, zugleich aber wohl auch in einem Militärverbande stehende Goten, letztere nach Claudian (in Eutr. II, v. 153) Greutungen, die, wenn nicht früher schon, jedenfalls seit des Theodosius erster Zeit dort angesiedelt waren.

Mochte schon Alarichs Vorgang rebellische Gelüste in diesen geweckt haben, so mußte die Schwäche ihres eigentlichen Gebieters, Eutrops, solche um so mächtiger fördern, da dieser, nur auf Vermehrung seiner eigenen unermeßlichen Schätze bedacht, nicht einmal die Treue der Häuptlinge der Goten sich zu erkaufen wußte.

Sehr ausführlich berichtet Zosimus (V, 13–22) die nun folgenden Ereignisse, die Claudian in seinem II. Buch in einzelnem abweichend, unzusammenhängender, aber nicht bis zum Schlusse darstellt.

Nach Ersterm wäre Gaina, damals wahrscheinlich schon Magister militum (s. Tillemont, Note 27 zu Arcad., S. 1067), der geheime Anstifter des Aufstandes gewesen, an dessen Spitze sich im Beginne des Jahres 399 Tribigild, Befehlshaber eines in Phrygien stehenden ostgotischen Reiterregiments, stellte, den Eutropius durch Kargheit beleidigt hatte.

Seine Mannschaft und im Reiche zerstreute Goten, auch wohl Gesindel um sich sammelnd, zog dieser raubend, brennend und mordend im Land umher. Ihm ward Leo, ein Günstling Eutrops, entgegengesandt, Gaina zur Deckung Thrakiens an der Küste aufgestellt. Dieser soll nun Tribigild sich ihm zu nähern aufgefordert, Letzterer aber die geheime Weisung nicht empfangen oder ihr nicht getraut haben, daher weiter ab nach Pisidien vorgedrungen sein. In diesem Gebirgslande war dessen Reiterei ohnmächtig und so gelang es einem tapfern kriegskundigen Provinzialen, Valens, mit rasch gesammelter Mannschaft denselben in einer Felsenschlucht fast zu vernichten, so daß er nur mit dreihundert Mann entrann. Doch erhob er sich wieder: gotische Truppen, die Gaina wider ihn sandte, gingen zu ihm über, und der unkriegerische Leo ward von ihm überfallen und vernichtet. Da er wiederum in Phrygien einrückte, schien die Gefahr für das Reich zu wachsen, die Gaina in seinen Berichten mächtig vergrößerte: ja er erklärte geradezu, daß sie nur durch Nachgiebigkeit, d. i. durch Auslieferung Eutrops an Tribigild, worauf derselbe bestehe, abgewendet werden könne. Der Allmächtige hatte inzwischen auch die Kaiserin schwer beleidigt, so daß der von zwei Seiten bedrängte Kaiser sich endlich ermannte und Eutrops Entsetzung aussprach.

Da brach plötzlich die Hochflut des allgemeinen Abscheues so gewaltig wider diesen aus, daß er nur in einer Kirche sein Leben retten konnte. Mit hoher Unerschrockenheit verteidigte Sankt Chrysostomus zu Gunsten des Mannes, der auch sein Feind war, das heilige Asylrecht.

Nach einiger Zeit ward Letzterer indes, anscheinend im Wege der Verhandlung, aus dem Gotteshaus entfernt und nach Zypern in Verbannung geschickt, auf Gainas fortwährendes Andringen jedoch wieder zurückgeholt und endlich mit unredlicher Umgehung eidlicher Zusicherung zu Chalkedon hingerichtet.

Der Tod ihres Feindes aber entwaffnete Gaina und Tribigild nicht. Sie rückten an die Meeresscheide beider Weltteile. Noch mußte Arcadius zu Gainas Sühne ihm drei der angesehensten Männer ausliefern, den Konsul Aurelian, den Konsular Saturnin und seinen innigsten Vertrauten Johannes. Doch begnügte sich Gaina – so viel vermochte schon das Christentum – dieselben, nachdem er ihnen das bloße Schwert an den Hals gesetzt, unverletzt in Verbannung zu schicken.

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