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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 6
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
sendergerd.bouillon
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III. Wirkungen der Völkerwanderung

Hierbei sind vorerst einige irrige Vorstellungen abzuweisen: man hat nämlich gewisse geschichtliche und juristische Erscheinungen als Folgen der Völkerwanderung angesehen, welche dies keineswegs sind.

So das germanische Königtum: Namentlich französische Gelehrte haben erst nach der Eroberung römischer Provinzen aus den »chefs«, Häuptlingen und Gefolgeherren der »bandes allemandes« die Könige der Franken, Burgunder, Goten, Langobarden, Vandalen hervorgehen lassen, während vor der Wanderung die Germanen nur die republikanische Staatsform gekannt hätten.

Wir wissen aber, daß das Königtum ein Urbesitz der germanischen Stämme, ein uraltes nationales Rechtsgebilde war, wenn auch noch zur Zeit des Tacitus die republikanische Verfassung viel häufiger begegnet: nur modifiziert wurde das Königtum durch die Einwanderung in römische Provinzen, indem der König neue Gewalten, z. B. die Polizei- und Finanz-Gewalt, erwarb und überhaupt die Rechte, welche er als Nachfolger der Kaiser über die Provinzialen auszuüben hatte, auf seine germanischen Staatsangehörigen auszudehnen trachtete.

Ebensowenig ist der Adel erst aus den Abenteurern, Gefolgsherren und Gefolgsleuten, der Völkerwanderung hervorgegangen: der alte germanische Volksadel ist älter, der neue Dienstadel, der sich auf Königsamt und Landleihe und Königshofdienst erhob, ist jünger als die Wanderung. Damit hängt innig der dritte Irrtum zusammen, welcher aus den Landvergaben der Könige an ihre Gefolgen das Lehnwesen erwachsen ließ: wir verdanken den ausgezeichneten Untersuchungen von Georg Waitz und Paul von Roth die genaue Kenntnis dieser Vorgänge: nur bei den Franken ursprünglich, bei allen anderen Stämmen bloß von den Franken herübergenommen, treffen wir überhaupt das echte Benefizialwesen an und dieses ist erst um die Mitte des achten Jahrhunderts unter den Söhnen Karl Martells charakteristisch ausgebildet worden, durch die große Säkularisation von Kirchengut, welche das Bedürfnis nach einer starken Reiterei in den Kämpfen wider die spanischen Araber erzwang.

Ja, auch zwei andere große weltgeschichtliche Erscheinungen werden nur zum Teil und nur mittelbar mit Recht als notwendige Wirkungen der germanischen Wanderung erkannt: der Untergang des weströmischen Reiches und die Christianisierung der Germanen.

Nach dem oben über die sich steigernden Forderungen der Söldner im Reich Erörterten leuchtet ein, daß keineswegs notwendig Germanen es sein mußten, welche in der Rebellion von 476 den Minister Orestes und den Kaiser Romulus Augustulus beseitigten: maurische, isaurische, illyrische Söldner hätten ganz ebensowohl jene Forderungen erheben können, welche mit germanischen Wanderungen nicht in Zusammenhang stehen: denn der Irrtum, Odovakar als einen König der Rugen oder Kliren, der wandernd in Italien eingerückt wäre, zu fassen, ist doch endlich aufgegeben: nur sofern die germanischen Völkerbewegungen jene Söldnerscharen im Reiche vermehrten und andrerseits die Übervölkerung und Wanderung der Germanen unter anderen Erscheinungen auch den massenhaften Eintritt ihrer Scharen in römischen Solddienst zur Folge hatten, läßt sich ein Zusammenhang zwischen der Völkerwanderung und der Entthronung des Romulus Augustulus behaupten: übrigens dachte Odovakar ursprünglich nur daran, als Statthalter des oströmischen Kaisers mit dem Titel »patricius« Italien zu verwalten: erst als Byzanz sich weigerte, ihn als Statthalter anzuerkennen, nahm er den Königstitel an. –

Auch die Christianisierung der Germanen kann man nicht in dem Sinne als Folge der Wanderung darstellen, daß sie ohne die Wanderung nicht, daß sie allein durch die Wanderung erfolgt wäre.

Schon zwei Jahrhunderte vor der Wanderung, in der Tat, seitdem die christlichen Vorstellungen über Judäa hinaus durch Kleinasien und Griechenland weiter westlich gewandert waren und unter den römischen Soldaten, Kolonisten, Sklaven, Arbeitern Anhänger gefunden hatten, war es ganz unvermeidlich, daß auch die Germanen von Gefangenen, Kaufleuten, oder andrerseits selbst als Gefangene oder im römischen Kriegsdienst diese Lehren kennenlernten.

Zu Alemannen, Markomannen, Rhein-Germanen gelangte die Kenntnis des Christentums lange vor dem Anfang der großen Wanderungen: auch bei den Goten hatte die katholische wie die arianische Lehre Eingang gefunden und große Verbreitung, so bedeutende, daß Bischöfe bestellt und das gotische Bibelwerk Wufilas unternommen werden konnte, vor der Überwanderung auf römischen Boden. Burgunder, Langobarden, Vandalen, Alanen, Sueben, ein starker Zweig der Heruler, dann Rugen, Skiren, Turkilingen hatten das Christentum vor dem Übertritt in römische Provinzen in großen Scharen angenommen.

Freilich soll nicht geleugnet werden, daß das Leben in dem römischen Reich, dessen herrschende und unduldsame Staatskirche das Christentum seit Konstantin geworden, die Verbreitung dieser Lehre unter den Germanen mächtig gefördert hat: aber seitdem das Christentum diese Stellung im Kaiserreich gewonnen, war eine solche Wirkung überhaupt unvermeidlich geworden: auch ohne die Wanderung und ohne den Zerfall des Westreiches wäre sie eingetreten; setzen wir den umgekehrten Fall: die Germanen wären nicht gewandert, hätten nicht gesiegt, sondern wären in ihren in der Mitte des vierten Jahrhunderts besetzten Gebieten seßhaft geblieben und hier von den Römern unterworfen worden – ganz gewiß wäre das gleiche eingetreten: der allein herrschenden Staatsreligion des großen Kulturreichs hätten sich die Germanen auch in diesem Fall nicht entziehen können; denn nur so wird die Aufnahme des Christentums durch die Germanen quellenmäßig, freilich nicht mirakel- und legendengemäß, aufgefaßt: nicht plötzlich, nicht aus innerer Überzeugung, nicht das Christliche um seiner selbst willen haben die Germanen – ich rede von den Völkermassen, nicht von einzelnen Individuen – aufgenommen, sondern sehr allmählich, aus äußerer Nötigung und als ein Stück der gesamten übermächtigen römischen Staatskultur überhaupt.

Oder welcher Historiker wird sagen, die Germanen hätten das Christentum auch angenommen, falls sie dasselbe als das verachtete Bekenntnis jüdischer Schwärmer kennengelernt, falls sie das römische Abendland schon im Jahre 100 oder 200 nach Christus erobert hätten? Die römische Staatsreligion, die herrschende Staatskirche als ein Stück römischer Kultur – wie die römische Sprache – haben sie angenommen, vielfach unverstanden, mit ihrem germanischen Götterglauben gemischt – ganz wie sie, wäre die Katastrophe Roms noch unter der Herrschaft der Olympier eingetreten, den allerdings viel toleranteren römischen Polytheismus, vielfach unverstanden und mit ihrem germanischen Polytheismus gemischt, würden angenommen haben.

Endlich muß man erwägen, daß nach Zertrümmerung des alten römischen Staates und vor Aufbau des neuen germanischen die katholische Kirche die einzige – und zwar meisterhaft – organisierte äußere Macht war, welche die Germanen vorfanden: nicht weniger wahrlich als die innere Kraft des Glaubens hat das äußere Gewicht der einheitlich, fest, genial organisierten Kirche gewirkt.

Dagegen erweisen sich als die großartigen Wirkungen der Völkerwanderung:

  1. die Entstehung der romanischen Nationen und Sprachen;
  2. die Aufnahme antiker Kulturelemente auch bei den rechtsrheinischen Germanen;
  3. die Gliederung des europäischen Festlandes in Staatengebiete, wie sie im Wesentlichen noch bestehen und damit insbesondere
  4. die Grundlegung für die Geschichte des deutschen Volkes.

1) Die beiden gesegnetsten und reichsten Provinzen des römischen Westreiches, Gallien und Spanien, waren von dem lateinischen Hauptlande Italien aus frühe und vollständig romanisiert worden; die ältere keltische und baskisch-iberische Bevölkerung war zwar nicht vernichtet – bis heute wird ja noch keltisch und baskisch gesprochen –, aber wie zur politischen Ohnmacht, so auch zur ethnologischen Bedeutungslosigkeit herabgedrückt worden.

In diese drei lateinischen Hauptländer drangen nun während der Auflösung des Westreiches germanische Wandervölker mit Weib und Kind: Ostgoten und Langobarden in Italien, Franken, Burgunder, Westgoten in Gallien, Westgoten und Sueben in Spanien (ich erwähne nicht Eindringlinge von geringerer Zahl oder kürzerem Aufenthalt): ihre geringe Zahl – ein Hauptirrtum der Geschichtsschreiber der Völkerwanderung besteht in der kritiklosen Annahme der übertreibenden Berichte der römischen Schriftsteller bezüglich der Massen der Barbaren – und ihr geringer Kulturgrad, sowie die meistenteils friedliche, vertragsmäßige Aufnahme machten Ausrottung oder Austreibung der Provinzialen unmöglich: andererseits konnten auch die Germanen nicht für sich abgeschlossen ihre Eigenart bewahren: schon die oben erörterte Art der Ansiedelung und Landteilung, welche die Gäste weit über alles Land zerstreute und jedem mehr römische als germanische Nachbarn gab, die geringe Kopfzahl, namentlich die kleinere Zahl von Frauen, die nach der Annahme des Christentums und zwar des katholischen Bekenntnisses (nach der Abschwörung des Arianismus) überall früher oder später eintretende Ehegenossenschaft mit den Römern, endlich die Einwirkungen eines südlichen Klimas mit allen ihren Folgen für Nahrung, Kleidung, Lebensweise, die Nötigung, alle Produkte der Gewerke, alle Einfuhr des Handels von Römern zu beziehen, der überwältigende Einfluß römischer Kultur überhaupt, einer Sprache z. B., welche zugleich die Sprache der Kirche war – Alles dies mußte die Einwanderer von Geschlecht zu Geschlecht immer eindringlicher in die Farbe des römischen Wesens tauchen: wie jede Vermischung mit dem Blute der Südländer die helle Farbe von Haut, Haar und Auge dunkler, südlicher färbte. So wurden denn die Langobarden, Westgoten, Sueben (in Portugal), Burgunder, Franken romanisiert – es entstanden die romanischen Nationen der Italiener, Spanier (und Portugiesen) und Franzosen.Die Entstehung der romanischen Nation der Rumänen im alten Dakien (in den Donaulanden) ist auf ältere Vorgänge zurückzuführen.

Und wahrlich: erwägt man das unendliche Übergewicht der römischen Elemente nicht nur der Zahl, auch der Intensität nach, dann staunt man nicht darüber, daß die Germanen romanisiert wurden, sondern darüber, daß sie nicht spurlos, wie freilich in Afrika geschah, aufgesogen wurden: denn immerhin haben sie doch ihrerseits so starken Gegeneinfluß geübt, daß sie die in Oberitalien, Spanien, Nordgallien vorgefundenen Römer und Provinzialen durchaus modifizierten: die Lombarden, Spanier, Franzosen sind denn doch verschieden von jener Bevölkerung, welche die Einwanderer vorfanden; wurden diese romanisiert, so wurde doch auch jene vielfach germanisiert in Recht, Sprache und Sage: diese starke Gegenwirkung erklärt sich nur durch die überlegene Stellung, welche die Germanen als Eroberer einnahmen und bei Annahme einer Widerstandskraft, welche nicht zu allen Zeiten alle germanischen Stämme gegenüber fremden Nationalitäten bewährt haben.

2) Freilich konnten sich auch die rechtsrheinischen Deutschen dem Einfluß der antiken Kultur nicht entziehen – zu ihrem größten Vorteil. Wenn vorher der Verkehr des Krieges und Friedens mit den Römern, so hat später der Zusammenhang mit den Franzosen, vielmehr aber noch mit den Italienern den Reichtum südlicher Kultur wohltätig über die rauheren Fluren und Seelen des Nordens verbreitet.

3) In genauem Zusammenhang hiermit steht die Gliederung des europäischen Festlandes in einen romanischen Süd-Westen, eine deutsche Mitte und einen slavischen Nord-Osten: denn in alle jene weiten Länder vom schwarzen Meer bis an die Ostsee und an die Elbe, welche ursprünglich bei der Einwanderung aus Asien von Goten und anderen Germanen erfüllt waren, rückten, seitdem die Völkerwanderung diese Stämme nach Südwesten geführt, die slavischen Nachdränger ein: bekanntlich hat erst seit dem zehnten Jahrhundert, seit dem Erstarken des nun gesonderten deutschen Königtums eine Rückwirkung eintreten können, welche sehr langsam die slavisch gewordenen Ostmarken Deutschlands zum Teil wieder germanisierte, zum Teil wenigstens unterwarf. –

Auch für die Geschicke der britischen Inseln wurde die Völkerwanderung insofern von Einfluß, als die Not des Westreiches zur Aufgebung jener fernen Besitzungen, zum Abzug der Legionen zwang: darauf hin erstarkte das ursprüngliche keltische Element wieder so sehr, daß die romanischen Provinzialen die Hilfe germanischer Stämme an der Nordsee anriefen, welche die Inseln England und Schottland dann für sich selbst behielten und die Kelten auf die Hochlande Schottlands und die Berge von Wales beschränkten.

4) Durch die Gliederung des europäischen Festlandes in die drei großen Hauptländer der Kultur: Italien, Frankreich, Deutschland wurde dann auch der Rahmen abgesteckt, innerhalb dessen sich die Geschichte des deutschen Volkes bewegte: die Abstoßung und die Anziehung der deutschen Stämme untereinander und die bald feindlichen, bald friedlichen Beziehungen zu den lange Zeit an Kultur überlegenen romanischen Nachbarn im Süden und Westen.

Die Ablagerungen der Fluten der Völkerwanderung sind die Schichten, auf welchen die Nationen und Staaten des Mittelalters und der Gegenwart ruhen; die Romanen im Süden in Spanien, Italien, Frankreich, im Westen England, in der Mitte Deutschland und im Osten die slavischen Stämme.

Eine Verschiebung dieser Gruppierung ist nur denkbar durch ethnische Umwälzungen, von welchen wir uns keine Vorstellung machen können, da das Menschenmaterial und die übrigen Voraussetzungen zu einer zweiten Völkerwanderung im Stil der ersten fehlen. –

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