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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 59
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
sendergerd.bouillon
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III. Theodosius als Alleinherrscher

Nach Valentinians Tode scheint Theodosius, zumal von dessen Schwester Galla, seiner Gemahlin, angetrieben, über die Pflicht rächender Sühne kaum geschwankt zu haben, als ihn des Eugenius Gesandte, die einfach Anerkennung forderten, trafen.

Die höhere Gefahr einem Gegner wie Arbogast gegenüber würdigend, war die Erwiderung höflich aber unentschieden und hinhaltend, indes er alle Tätigkeit der Rüstung wider den Empörer widmete.

Gegen sofortigen Angriff gesichert, zog Arbogast mit Eugenius im Winter 392 gegen die Franken, in der Absicht, durch Gewalt oder Verhandlung deren Mithilfe für den bevorstehenden Krieg zu erlangenDaß er, wie Sulpicius Alexander (nach Gregor v. Tours) sagt, diesen Feldzug nur aus persönlichem Haß gegen die Frankenfürsten (subregulos) Sunno und Markomer unternommen habe, ist unter den damaligen Umständen nicht glaublich., zugleich aber auch, nach Sulpicius Alexander, um seinen stammtümlichen Haß gegen Sunno und Markomer zu befriedigen (gentilibus odiis insectans).

Bei Köln mit starker Macht über den Rhein gehend drang er verwüstend in das Gebiet der Brukterer südlich der Lippe vor, wandte sich gleicher Weise gegen die Chamaven nördlich dieses Flusses und zog noch weit in das Land hinein, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen, außer daß sich zuletzt schwache Scharen von Amsivariern und Chatten unter Markomer auf den entfernteren Hügeln zeigten. Von weiteren Erfolgen wissen wir nichts: wenn indes derselbe Schriftsteller bald darauf der von Eugenius in Person (weil der gehaßte Arbogast dazu weniger geeignet erschien) mit den Häuptern der Franken und Alemannen abgeschlossenen Bündnisse gedenkt, deren Zweck stets Truppenstellung für Sold war, so müssen wir annehmen, daß darauf auch der vorhergegangene Feldzug nicht ohne Einfluß gewesen sei. (Greg. v. Tours II, 9.)

Zwei volle Jahre verwandte der bedächtige Theodosius auf die Rüstung, nach deren Vollendung er Anfang Juni 394 von Konstantinopel aufbrach und mit dem wahrscheinlich bei Sirmium schon zusammengezogenen Heere wieder wie gegen Maximus mit größter Schnelligkeit an die julischen Alpen marschierte, wo das zweite Kriegsdrama ebenfalls verlaufen sollte.

Arbogast operierte anders, geschickter als Maximus, indem er seine Truppen, die jener staffelförmig bis Siscia hatte vorrücken lassen, am innern Abhange der Alpen konzentrierte und selbst deren Pässe wohl nur zum Schein verteidigte.Claudian de IV. Cons. Hon. v. 77:

Hic fusis, collectis viribus ille.
Hic vagus excurrens: hic intra claustra reductus.

Derselbe de III Cons. Hon. v. 90:

Te propter et Alpes invadi faciles etc.
v. 93: scopulis patuerum claustra revulsis.

Als Theodosius von der Höhe herabzog, fand er das feindliche Heer am Flusse Frigidus (nach Tillemont jetzt Wipach in der Grafschaft Görz) ungefähr 7½ Meilen von Aquileja gelagert.

Sogleich ließ er dasselbe durch Goten und andere Barbaren, welche Gaina und Saulus, die wir später wieder finden werden, befehligten, angreifen, was diese mit der größten Tapferkeit ausführten: schließlich aber mußten sie, von der gewiß großen Mehrzahl überwältigt, bei Einbruch der Nacht mit ungeheuerm Verluste, auch dem ihres tapfern Führers, des Armeniers BacuriusDies kann kaum der S. 44 erwähnte voreilige Bacurius sein, wenn gleich dem nicht entgegenstehen dürfte, daß der erste ein Iberer, der zweite ein Armenier genannt wird, da beide Länder aneinander grenzten., zurückweichen.

Theodosius, dem Kampfe zuschauend, ließ sie ohne Unterstützung, sei es, daß er ihre Aufreibung gern sah oder aus uns unbekannter strategischer Rücksicht.

Über diesen Sieg triumphierend hielt sich nun Eugenius auch des endlichen schon versichert, den Arbogast trefflich vorbereitet hatte. Für den nächsten Tag aber verläßt uns merkwürdiger Weise Zosimus ganz, so daß wir nur Claudian, Orosius und die Kirchenväter haben, welche letztern die Entscheidung ganz des Kaisers Gebet und Wundergeschichten zuschreiben.

Als der Morgen des verhängnisvollen 6. September anbrach (Cuspin. und Sokrates V, 25), sah sich Theodosius zu seinem größten Schrecken in der Nacht in beiden Flanken auf Nebenpässen umgangen und im Rücken bedroht. Da aber äußerte sich, wie Orosius und Sozomenos sagen, die erste Gebetserhörung, indem der feindliche General Arbitno unter gewissen sogleich gewährten Bedingungen zum rechtmäßigen Herrscher überging.

Unbesorgt zog nun das Heer von der Höhe herab, fand aber in der Enge und Versperrung der Wege durch den Troß solche Schwierigkeit, daß Theodosius, in der Furcht, es ungeordnet herabkommen und in diesem Zustande angegriffen zu sehen, nach Ambrosius (de obitu Theod. conc. V, p. 117 der Ausgabe von 1647) zu Fuß an des Zuges Spitze eilte, und mit den Worten: »Wo ist der Gott des Theodosius?« die Truppe anhielt und die Ordnung wieder herstellte.

Indem aber das Heer auf den Plan des Zusammenstoßes anlangte, erhob sich in dessen Rücken ein furchtbarer Orkan – ein in den Alpen zu dieser Jahreszeit nicht ungewöhnliches Naturereignis –, der den Feinden Staub in das Gesicht trieb, deren Pfeilwurf hindernd und ablenkend schwächte, den diesseitigen Pfeilflug und den ganzen Angriff wunderbar förderte.Claudian de III. Cons. Hon. v. 94:

Te propter gelidis Aquilo de monte procellis
Obruit adversas acies, revolutaque tela
Vertit in auctores et turbine reppulit hastas.
O nimium dilecte Deo, cui fundit ab antris
Aeolus armatas hyemes; cui militat aether,
Et conjurati veniunt ad classica Venti.
Dazu kam die moralische Gewalt des schreckenden Wahrzeichens, so daß des Empörers Truppen nach kurzem Gefecht und geringem Verlust von jeglicher Gegenwehr abstanden, dieser selbst aber gefangen und, als er sich zu des Siegers Füßen warf, von den Soldaten getötet wurde, worauf dessen auf einer Lanze umhergetragenes Haupt den noch unentschlossenen Rest seiner Truppen bestimmte, sich dem Sieger ebenfalls zu unterwerfen. Arbogast entrann auf die höchsten Alpen, stürzte sich aber, verfolgt und umringt, an Rettung verzweifelnd, freiwillig in sein Schwert (Zosimus c. 58. Claudian de III. Cons. Honor. v. 63–105 u. de IV. C. Honor. v. 71–116. Orosius c. 35. Sokrates V, 25. Sozomenos VII, 24. Theodoret V, 24.)

Großartig wiederum, wie nach dem Sieg über Maximus, war die Vergebung des Kaisers, kurz aber die Zeit der Ernte seiner Taten. Übermäßige Anstrengung hatte den Keim der Krankheit geweckt: die Wassersucht brach aus. Er berief seinen zehnjährigen Sohn Honorius aus Konstantinopel und fühlte sich schon so viel besser, daß er einem Wagenrennen vormittags beiwohnte: aber er ward plötzlich viel kränker und hauchte in der Nacht vom 15. zum 16. Januar 395 seine edle Seele aus. (Sokrates V, 26, welcher nebst dem Chron. Paschale allein den Todestag angibt. Sozomenos VII, 29 und die Chronisten.) Erst fünfzig Jahre alt ward er dem trauernden Reich und seinen unreifen Nachfolgern entrissen.

Zweimal schon sahen wir Rom am Rande des Unterganges, als eine kräftige Hand es rettete und wieder erhob. Auch Theodosius, der letzte Kaiser des Gesamtreichs, der letzte große Kaiser, erhob es wieder: aber nur für die Dauer seines Lebens: je ruhmvoller und glücklicher unter ihm die Erhaltung, um so schmählicher, unheilvoller nach ihm der Fall.

Diokletians Regimentsordnung war ein weiser großer Gedanke gewesen, des Theodosius Erhebung selbst ein Nachhall derselben; an dessen Vaterherzen aber scheiterte die Wiederholung.

Von einem Kinderlosen erdacht, war die Idee, mit Zurücksetzung des eigenen Blutes stets nur den Würdigsten auf den Thron zu erheben, für menschliches Gefühl zu erhaben, um bleibende Vollziehung zu finden.

Wir widmen der Person und kirchlichen Wirksamkeit des edlen Mannes das nächste Kapitel.

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