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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 57
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Siebentes Kapitel
Theodosius mit Gratian und Valentinian II.Die Quellen für des Theodosius Regierung sind folgende:

1. Zosimus. Für diese Zeit ist nach des Photius ausdrücklicher Versicherung vor allem Eunapius sein Gewährsmann, dessen Haß und Schmähung des großen, aber dem Heidentume so feindlichen Kaisers er getreu wiedergibt. Immer aber bleibt Zosimus, mit historischem Takte benutzt, eine äußerst wichtige, für manches die einzige Quelle.

2. Eunapius: einzelne Fragmente (in der Bonner Ausgabe, Fr. 7, p. 48, 42–44, p. 78 u. 79, 46–51, p. 82–86, ferner die aus Suidas entlehnten nach Boissonades Vermutung, Fr. 15–21, p. 112–113). Letztere sind von sehr geringem Werte, weil größtenteils mehr Urteile, als Tatsachen enthaltend. Die wichtigsten derselben eind. die Nrn. 7 und 46, sowie Nr. 17 aus Suidas.

3. Symmachus, zehn Bücher Briefe, wozu noch die von Angelo Mai aufgefundenen und im Jahre 1815 herausgegebenen kommen: wichtiger für die Rechts- und Kirchengeschichte, als für die politische. Der Eitelkeit auf seinen Brief- und Geschäftsstil verdanken wir deren Erhaltung. Symmachus war ein vornehmer und geistreicher Mann, eifriger Heide, gleichwohl im Jahre 384 Stadtpräfekt zu Rom und 391 Konsul, übrigens ein echter Römer seiner Zeit. Der Brief X, 54, wegen Wiederherstellung des Altars der Siegesgöttin zu Rom und der alten Privilegien des heidnischen Kultus, ist einer der merkwürdigsten Belege geschickter Verteidigung einer mißliebigen Sache (des Wühlens im Schmutze mit goldenem Grabscheite, wie Prudentius sagt).

Aber auch des Ambrosius Erwiderungen darauf verdienen die höchste Anerkennung. Wer Symmachus studieren will, dem empfehlen wir zunächst Tillemonts Note 21 zu Theodosius, der überzeugend nachweist, daß die in den Ausgaben an Theodosius adressierten Briefe großenteils an Valentinian II. gerichtet sind.

4. Die Chronisten, von denen, nach dem Ende von Hieronymus mit dem Jahre 378, von des Theodosius Regierung im Jahre 379 an eine neue Reihe eintritt, und zwar

a) Prosper Aquitanus vom Jahre 379 bis 455, oder mindestens 433,

b) Prosper Tiro auf dieselbe Zeit,

c) Idatius, Bischof zu Aquae Flaviae (Chiaves) in Galläcien in Spanien, von dem wir zwei Werke haben:

aa) Fastos consulares vom Anfange der Republik bis zum Jahre 465 n. Chr., das nur von 304 n. Chr. auch historische Notizen enthält, und

bb) Chronicon imperiale vom Jahre 379–469 n. Chr.

d) Marcellinus Comes, der unter Justinian lebte, von 379–534, durch einen andern bis 566 fortgesetzt.

e) Die Chronik eines Unbekannten, die nach deren Herausgeber Cuspinianus mit diesem Namen bezeichnet wird, beginnt zwar von Erbauung Roms, wird aber erst vom Jahre 379 an beachtungswert, und gewährt namentlich für die Zeitrechnung wichtige Notizen.

Da die Zusammensteller dieser summarischen Nachrichten, von denen die drei ersten des Theodosius Zeit sehr nahe standen, mit Leichtigkeit die zuverlässigsten Quellen haben konnten, so verdienen sie in der Regel vollen Glauben.

Wenn sich dieselben gleichwohl bisweilen widersprechen, ja hier und da sogar eine offenbar unrichtige Zeitangabe enthalten, so dürfte dies wohl mehr den spätern Abschreibern dieser ihrer praktischen Brauchbarkeit halber gewiß sehr häufig vervielfältigten historischen Übersichten zur Last zu legen sein.

5. Die Lobredner in Prosa und Versen, über deren Manier und Quellenwert wir uns auf Bd. I beziehen.

a) Themistius, von dem wir sechs, für die erste Zeit von Theodosius nicht unwichtige Reden haben.

aa) Orat. 14 vom Jahre 379 gegen Mitte des Sommers; Glückwunsch zu des Theodosius Thronbesteigung.

bb) 15. Vom Anfang des Jahres 381.

cc) 16. Bei Beginn des Jahres 383; Glückwunsch für den Frieden mit den Goten und dem neuen Konsul Saturnin.

dd) 17. Vom 12. September 384 nach des Themistius Ernennung zum Stadtpräfekt in Konstantinopel.

ee) 18. Von demselben Jahre und fast derselben Zeit.

ff) 19. Vom Jahre 385.

Wir zitieren deren Zahl und Seiten nach der Ausgabe von Harduin.

Themistius, dessen wir Bd. I mehrfach gedachten, scheint jeder Religion gehuldigt zu haben, die gerade in der Mode war. Man hält ihn indes, weil er sich nirgends mit Entschiedenheit zum Christentum bekannt hat, mit Recht wohl für einen Heiden, während

b) Ausonius, Gratians Erzieher, von den kritischen Schriftstellern offenbar mit Unrecht für einen solchen erklärt wird, wie dessen Herausgeber Souchai, Mitglied der Akademie, Paris 1730. Vorr. S. XXIV überzeugend dartut. Letzterm folgt auch Bahr, Geschichte der römischen Literatur I, S. 474.

Wir haben von ihm (in Prosa) nur die gratiarum actio pro consulatu, zu dem er für das Jahr 379 von Gratian berufen ward, die aber erst gegen Ende des Jahres zu Trier vor dem Kaiser gehalten ward.

Die Lobredner sind wichtiger durch das, was sie nicht sagen, als durch das, was sie anführen, weil man von deren Handwerk voraussetzen muß, daß sie nichts irgendwie zum Ruhm ihres Kaisers Gereichendes verschwiegen.

c) Pacatus, Lobrede auf Theodosius vom Jahre 389, die für dessen Krieg gegen Maximus von großem Interesse ist.

Tiefer fast als die Prosaiker steht in bezug auf die Wahrheitstreue

d) der Dichter Claudian. Jene waren durch die Gegenwart des Kaisers oder einer hohen Versammlung doch noch zu Beobachtung eines gewissen Anstands verpflichtet. Diesem ist die Form, worin er allerdings vorzügliches leistet(Er ist – was die Form betrifft – einer der allervorzüglichst begabten römischen Dichter. D.), ausschließlich Zweck und Grenze.

Gleichwohl ist derselbe, wo Tendenz nicht direkt vorliegt, sondern nur Historisches erwähnt wird, von hoher Wichtigkeit, wie in den Gedichten de III. und de IV. consulatu Honorii über Theodosius.

Von unersetzlichem Wert aber ist derselbe, unter obiger Beschränkung, für die Regierung des Arcadius und Honorius.

6. Von den kirchlichen Quellen sind für des Theodosius Zeit Sokrates und Sozomenos fortwährend wichtig, keineswegs aber, besonders letzterer, durchaus zuverlässig. Unter den rein theologischen Schriftstellern ist der Zeitgenosse Ambrosius, besonders über Valentinian II., von großem Interesse. Da diese insgesamt aber nie für einen historischen, sondern stets nur für einen kirchlichen Zweck schreiben, sind sie doch nur mit Vorsicht zu benutzen.

Wir teilen dieses Kapitel in drei Abschnitte.

I. Theodosius bis zu Gratians Tode im Jahre 383.

Kaiser Valens schlug, ohne seinen Neffen Gratian abzuwarten. Er fiel und mit ihm sanken, nach römischem Berichte, mindestens zwei Dritteile seines Heeres.

Groß der materielle Machtverlust, ungleich größer der moralische.

Nach Abzug der Goten von Adrianopel gen Perinth und Konstantinopel rettete sich ein Teil der Trümmer des Heeres unter Victors Führung (Zosimus IV, 24) zu Gratian, der damals wahrscheinlich schon bis Sardica, dreiundvierzig deutsche Meilen von Adrianopel, vorgerückt war. (Amm. XXXI, 16, S. 290.)

Erneuerung des Krieges, Sühnung der unerhörten Niederlage durch Sieg mochte ihm, und zwar mit Recht, untunlich erscheinen.

Dazu war das aus dem fernen Westen mitgeführte Hilfskorps wohl zu schwach, der Zuwachs durch jene Flüchtlinge aber, weil von panischer Gotenfurcht ergriffen, eher gefährlich als förderlich.

Auch war der Feind nicht gesammelt und im Anzuge, sondern auf Raubfahrt zerstreut, der Operationsplan daher äußerst schwierig, der Krieg jedenfalls weit aussehend.

Darum zog sich Gratian zu Deckung des Westens zurück, wahrscheinlich bis Sirmium, wo wir ihn zu Anfang des Jahres 379 finden.

Vor allem erfüllte ihn nun die Sorge um die Zukunft. Legitimer Erbe des Ostreichs hatte der noch nicht zwanzigjährigeGratian war nach Idatius den 18. April, nach dem Chronicon Paschale den 23. Mai 359 geboren. Jüngling zu wenig Herrschsucht und zu richtiges Selbstgefühl, sich der Verteidigung einer Welt gegen zahllose furchtbare Feinde für gewachsen zu halten. Was der Vater schon in der Zeit der Ruhe getan, mußte ihm bei solcher Not unvermeidlich erscheinen: – neue Teilung des Reiches: zugleich und vor allem aber die Aufsuchung des besten Herrschers für das so schwer bedrängte östliche Gebiet.

Diesen suchte, diesen fand er in dem verbannten gleichnamigen Sohn eines großen Vaters, des edlen Theodosius, der, ein Opfer der Kabale, durch ihn selbst – gewiß schuldlos – getötet worden war.

Kurz war Gratians Regierung, sein frühes Ende nicht unverschuldet, des Theodosius Berufung aber eine rettende Tat für das sinkende Rom, von um so höherem Verdienste, je mehr es ihn Überwindung gekostet haben muß, den durch ihn selbst so tief gekränkten so hoch zu erheben.

Am 19. Januar 379 ward Theodosius zu Sirmium in seinem dreiunddreißigsten Lebensjahre mit dem Purpur bekleidet und nicht allein der Orient mit Thrakien, sondern auch die ganze Präfektur Illyricum mit den Diözesen Dakien und Makedonien ihm abgetreten.

Theodosius war wahrscheinlich im Jahre 346Sokrates (V, 26) und Sozomenos (VIII, 1) machen ihn zehn Jahre älter. Obige Angabe fußt auf der Epitome Aur. Victors c. 48, 19, die durch Ammian (XXIX, 6) wesentlich unterstützt wird. Das Zeugnis des einzigen Marcellinus, daß er aus Italien gebürtig gewesen, wird durch alle übrigen Quellen widerlegt. in Cauca, einer Stadt Galläciens in Spanien, geboren. Des Vaters Begleiter in dessen Kriegen und Siegen hatte er in Britannien gegen Picten und Scoten wie in Afrika gegen die Mauren sich ausgezeichnet, muß aber mindestens schon mit Anfang des Jahres 374 zum Befehlshaber in Obermösien ernannt worden sein, wo er während des pannonischen Krieges im diesem Jahr auf eigene Faust vom Süden her die Sarmaten angriff und durch mehrfache Siege der, für den Augenblick wenigstens, schon verlorenen Sache Roms noch Rettung brachte.

Nach des Vaters Hinrichtung verbannt oder mindestens entlassen zog er sich auf seine Güter nach Spanien zurück, wo ihn der Ruf zur Weltherrschaft fand.

Constantin der Große war der Anfänger der Erhebung des Christentums zur Weltreligion, Theodosius ward der Vollender.

Der in allem Politischen höchst unzuverlässige Theodoret läßt (in seiner eccl. historia V, 5) des Theodosius Ernennung zum Kaiser einen umständlich beschriebenen Sieg vorausgehen, den er, von Gratian mit einem Korps detachiert, über die Goten erfochten habe. Dies ist ein albernes Märchen, das (wie Gibbon Kap. XXVI, not. 110 richtig bemerkt) auf Verwechselung mit dem Sarmatensiege des Jahres 374 beruht.

Gratian brauchte einen Kaiser, aber keine Generale, deren er aus Julians und Valentinians Schule in Saturnin, Victor, Richomer, Arbogast u. a. m. bewährtere und erfahrenere, als dieser junge Mann war, hatte. Ein Kommando solcher Art ziemte auch dem künftigen Herrscher nicht, vor allem aber hätte dessen Lobredner Themistius in seiner Glückwünschungsrede von der Mitte des Jahres 379In dieser sagt er sogar S. 181: »Wenn Du nicht einmal die Schlachtreihe gegen diese Unholde aufgestellt, sondern durch bloßes Lagern in der Nähe und Blockieren deren Übermut gebrochen hast.« Kann etwas deutlicher sein? (orat. 14), so wie in der 15., wo er p. 198 (ed. Hard.) des Sarmatensieges vom Jahre 374 gedenkt, dessen Triumph nicht verschweigen können.

Lange hatte Theodosius, der Schwere der Aufgabe sich bewußt, nach des Pacatus Lobrede (c. 11) gegen deren Übernahme sich gesträubt, endlich aber doch dem höhern Rufe nachgegeben.

Das ganze weite Süddonauland mit Ausnahme der festen Plätze war in den Händen der siegtrunkenen Feinde, die mit Hohn und Verachtung auf die Römer herabsahen. (Chrysostomus ad viduam jun. I, p. 344, ed. Montfaucon.)

Ein Heer, es diesen entgegenzustellen, war nicht vorhanden. Ein Söldnerhaufe, der seine Soldatenehre und mit ihr das einzige höhere Gefühl verloren hat, ist kein irgendwie brauchbares Kriegswerkzeug mehr.

Da muß der beste Feldherr jene, bevor er schlagen kann, erst wieder wecken und erziehen, was Tiberius nach der Varusschlacht so trefflich verstanden hatte.

So handelte mit hoher Umsicht Theodosius, der das feste Thessalonich zum Hauptquartier und zur Operationsbasis nahm (Zosim. IV, 25 u. 27, auch Themistius or. 14) und sich dadurch die Verbindung mit Konstantinopel und dem Orient zur See sicherte.

Dies erleichterte ihm der Feind, bei dem nach dem verfehlten Versuche gegen Konstantinopel jeder höhere Kriegsplan, jede einheitliche Leitung zu vermissen ist. Willig hatten sich die Goten Fritigerns Herzogsgewalt im Krieg untergeordnet. Mit dem Sieg aber hatte diese ein Ende. Nicht nur die Ostgoten, sondern gewiß auch ein großer Teil der Westgoten, der ihm nicht als seinem nächsten Gaufürsten huldigte, folgten nunmehr eigner Laune und eignen Führern. Zu Fortsetzung des großen, bleibende Eroberung bezweckenden Krieges hätte es vor allem der Bildung eines Belagerungsparks bedurft, wozu es an gefangenen oder erkauften römischen Kriegskundigen und Ingenieuren nicht gefehlt haben würde, um sich eines oder mehrerer der Hauptplätze zu bemächtigen.

Zu dem allen gebrach es Fritigern wohl nicht an Einsicht und Geschick, aber seinen Völkern an Disziplin und Gehorsam.

Das Gesamtheer löste sich nach Ammian in einzelne Raubscharen auf, die nach allen Richtungen hin ihrem Lieblingsgewerbe nachgingen. Drangen sie hierbei, wie Ammian (XXXI, 16) ausdrücklich hinzufügt, bis zum Fuße der julischen Alpen vor, so geschah dies doch sicherlich nur von einzelnen kleinern Haufen, auch nicht auf der großen, mit Festungen versehenen Militärstraße, auf der zunächst noch Gratian operierte, sondern südlich derselben durch Serbien, Bosnien, auch wohl Dalmatien.

Des Theodosius System war tunlichste Verstärkung des Heeres, wozu er namentlich auch Bergleute und flüchtiges Landvolk, so wie das Wenige, was der entblößte Orient an Truppen noch abgeben konnte, verwendete: dann Wiederbelebung des Mutes seiner Soldaten durch den mit der größten Vorsicht von den Festungen und sonstigen gesicherten Stellungen aus geführten kleinen Krieg, den die Sorg- und Zuchtlosigkeit der schweifenden Feinde sehr erleichtert haben mag. (Themistius orat. 14, p. 181, ed. Harduin.)

Von einem einzigen Vorfalle dieser Art, wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des Jahres 379, wissen wir aus Zosimus (IV, 25) Näheres.

Die Goten, nach germanischer Weise die Mauern scheuend, hatten ihre, durch Wagenburgen einigermaßen befestigten Lager-, Wohn- und Zufluchtsstätten im Freien. Eine solche befand sich in dem fruchtbaren Gefilde am Fuß eines im Rücken mit höherem Gebirge verbundenen, weit ausgedehnten, auf der Höhe ebenen Vorberges, dessen Hang wohl bewachsen war.

Letztern besetzt unbemerkt der römische Heerführer Modares, ein »Skythe« (Gote) königlichen Geschlechts, der, nicht lange vorher zu den Römern übergegangen, wegen bewiesener Treue dies Kommando erlangt hatte, und überfiel von hier aus die nach durchschwelgter Nacht in Trunkenheit und Schlaf versunkenen Goten so plötzlich und geräuschlos, daß, nach des Zosimus sicherlich übertriebenem Berichte, die Männer alle niedergehauen, die Weiber und Kinder aber mit zahllosen Knechten zu Gefangenen gemacht und 4000 Wagen erbeutet wurden.Es ist anzunehmen, daß Modares nur dux, nicht aber magister militum gewesen sei, obwohl die lateinische Übersetzung des griechischen Ausdrucks Zosimus (IV, 25): στρατιωτικη̃ς προβεβλημένος αρχη̃ς ihn als solchen zu bezeichnen scheint. Indes braucht derselbe Schriftsteller (c. 27), wo er ausdrücklich vom Amte der mag. mil. spricht, dafür die Worte: ύπαρχος und στρατηγός.

Nicht wahrscheinlich ist ferner, des Ausdruckes: ου πρὸ πολλου̃ αυτομολήσας ungeachtet, daß derselbe erst kurz zuvor, etwa im Jahre 379, zu den Römern übergegangen sei, da ein Kommando von solcher Wichtigkeit wohl längere Bewährung voraussetzte.

Im Laufe des ganzen Feldzuges 379 wurden nun, wie alle Chronisten versichern, die skythischen Völker: Alanen, Hunnen und Goten in vielen und großen Schlachten durch Theodosius besiegt und die Goten aus Thrakien vertrieben, diese Siege aber am 17. November feierlich verkündet. Das ist nur das Echo des römischen Bulletinstils; in der Tat aber gab es nur vielfache, mehr oder minder bedeutende Vorteile im kleinen Kriege, doch keinerlei Entscheidung im Großen, wie die Geschichte der Folgezeit dies außer Zweifel setzt.

Dabei wird in den Quellen, wie gewöhnlich, dem Kaiser zugeschrieben, was seine Feldherren getan, indem ein unter dessen persönlicher Führung erfochtener Sieg in den bald darauf gehaltenen Lobreden gewiß nicht verschwiegen worden wäre.

Die Vertreibung der Goten aus ThrakienTheodosius maximus gentes Scythicas, Alanos, Hunnos, Gothos, multis atque ingentibus proeliis vincit, Gothos e Thracia pellit. Hae Victoriae nunciatae sunt 15. Cal. Dec. Prosper Aq. et Tiro., Idatius Chr. et Fst., Marcell. insbesondere kann sich nur auf die Provinz dieses Namens bis zum Hämus, nicht aber auf Mösien und die südwestlicheren Landstriche beziehen, da es, nach der ganzen Sachlage und den Ereignissen der nächsten Jahre, geradezu sinnlos sein würde, eine Zurücktreibung der Goten über die Donau anzunehmen.

Auf eine solche, weil unausführbar, war überhaupt nicht, sondern nur auf friedliches Verträgnis und Gewinnung der Goten für das Reich des Theodosius scharfblickende Politik gerichtet: und schon die Vorteile dieses Jahres mögen ihm Söldner aus diesem Volke selbst zugeführt haben.

Die Kriegsereignisse des nächsten sind zumal ihrer Zeitfolge nach dunkel.

Im Beginn des Jahres 380 wird Theodosius von einer gefährlichen und langwierigen Krankheit zu Thessalonich befallen (in welcher er durch den dortigen Bischof Ascholius getauft wird).

Sein Daniederliegen weckt die Unternehmungslust der Goten; die Westgoten sammeln sich wieder unter Fritigern, die Ostgoten unter Alatheus und Saphrax; jene dringen nach Thessalien, Epirus und Achaia, diese nach Pannonien vor.

Da bat der Kaiser seinen Kollegen Gratian, dessen eigner Reichsteil zugleich gefährdet war, um Hilfe. Vor deren Eintreffen sollen jedoch die Barbaren, wie Zosimus (IV, 31) berichtet, Theodosius selbst, dessen Anwesenheit in einem Lager verraten worden war, mit solcher Entschlossenheit überfallen haben, daß er nur durch die hingebende Tapferkeit seiner Truppe, wohl seiner Garde, die bis auf den letzten Mann fechtend fiel, zu entrinnen Zeit gewann; die Goten aber bemächtigten sich Thessaloniens und Makedoniens.

Indes wurde diese Provinz bald wieder gesäubert, da die Germanen auf die Kunde des Anrückens von Gratians Feldherren Baudo und Arbogast, beide Franken, sich nach Thrakien zurückzogen.

Dunkler sind die Vorgänge in der Nähe der Donau. Athanarich, dem sein Versteck in den Karpaten nicht mehr sicher oder erträglich erschienen sein mag, dürfte durch Siebenbürgen in die westliche Wallachei gezogen sein und ist jedenfalls über die Donau gegangen.

Zwischen ihm und Fritigern, den er wohl als Urheber des Abfalls zahlreicher Westgoten betrachtete, mag der alte Haß immer höher gestiegen sein, so daß Letzterer vor Beginn seiner Operation gegen die Römer den gefährlichen Nebenbuhler im Rücken unschädlich zu machenAnders Dahn, Könige V, S. 16. für nötig hielt. Wirklich ward Athanarich auch durch Fritigern in Verbindung mit Alatheus und Saphrax aus seiner Stellung dergestalt verdrängt, daß er sich östlich nach Thrakien hinziehen mußte.

Gleichzeitig muß aber auch Gratian oder ein General desselben in der Nähe des Kampfplatzes erschienen sein und einige Führer der durch den Bürgerkrieg geschwächten Goten zu Friedensschlüssen bewogen haben.

Auch die aus Makedonien nach Thrakien vertriebenen Goten ergaben sich nun Theodosius, was dieser durch Gewährung von Land und Aufnahme der Streitbaren in römischen Sold auf das Entgegenkommendste erleichtert haben mag.

So mindestens erklären wir uns die übereinstimmende Nachricht des Jordanis (c. 28) und des Prosper Aq.Procurante Gratiano, eo quod Theodosius aegrotaret, pax firmata cum Gothis., daß Gratian während des Theodosius Krankheit Frieden geschlossen und ersterer diesen bestätigt habe, auch gegen Ende des Jahres 380, in welchem letzterer am 14. November in Konstantinopel einzog (Idat. Chr. u. Fst.), Siege beider Kaiser daselbst verkündet worden seien.

Um dieselbe Zeit ungefähr mag Fritigern gestorben sein, wenn wir des Jordanis Worten (c. 28), daß Athanarich ihm damals gefolgt sei (qui tunc Fritigerno successerat), Glauben schenken dürfen, was durch Fritigerns Verschwinden in der Geschichte unterstützt wird.

Zu Anfang des Jahres 381 erntete Theodosius die Frucht seiner weisen Politik.

Er empfing diesen geschworenen Römerfeind (Amm. XXVII, 5) in Frieden und Freundschaft, eilte ihm sogar ein weites Stück vor Konstantinopel in Person entgegen. Da soll der Gotenfürst, von der Lage und Pracht dieser Wunderstadt mit ihrem Völkergewimmel und Mastenwalde ergriffen (nach Jordanis c. 28) ausgerufen haben: »ein Gott auf Erden wahrlich ist der Kaiser und mit Blutschuld beladet sich, wer die Hand wider ihn erhebt.«

Jedenfalls überlebte Athanarich den unerwarteten Triumph nur wenig Wochen oder Monate.Nach Idatius Chr. u. Fast. u. Marcell. fünfzehn Tage, nach Jord. o. 28 paucis mensibus interjectis. (Die Art seiner Aufnahme und Ehrung vor und nach dem Tod, die darauf folgende Unterwerfung des Volkes erklärt sich nur aus der Annahme, daß er an Fritigerns Stelle Haupt der Goten im Reiche geworden war. D.) Da bereitete ihm der kluge Theodosius die glänzendste Bestattung, in Person dem Leichenwagen vorausgehend. Mächtig ergriff diese ihrem Fürsten bewiesene Ehre das gesamte ihm angehörige Gotenvolk: willig unterwarf es sich dem ihm so wohlwollenden Kaiser, gewissermaßen das alte unter Constantin dem Großen geschlossene Födus erneuernd.

Noch in demselben JahreZosimus schreibt stets ohne Zeitangabe, im Allgemeinen aber unzweifelhaft in chronologischer Ordnung, kann sich dabei aber, indem er unverkennbar aus mehreren Quellen zusammentrug, bisweilen geirrt haben.

Das nächste sichere Anhalten für die Zeitrechnung in seiner Geschichte der ersten Jahre von des Theodosius Regierung bietet der von ihm Kap. 34 a. Schl. berichtete Einzug Athanarichs in Konstantinopel, der nach Idatius (Chron. und Fasten), sowie nach Marcellin am 11. Januar 381 erfolgte. Eben diesen setzt zwar Prosper Aquitanus in das Jahr 382, ja Sokrates (§ 10) sogar erst 383, Tillemont hat aber (in Note IX, § 2, S. 944), mit Beziehung auf Zosimus, Ambrosius und Themistius, die Richtigkeit des Jahres 381 nachgewiesen.

Daher fallen von des Zosimus viertem Buche die vorher in Kapitel 25 bis 34 erwähnten Ereignisse in die Jahre 379–380. Für diese gewährt nun Jordanis, der ausnahmsweise bisweilen recht gut extrahiert hat, in Kap. 27 und 28 zu Anf. im Allgemeinen den richtigsten Überblick, der auch durch die Chronisten bestätigt wird.

Nach diesem zog Fritigern in Folge von des Theodosius Krankheit, also im Jahre 380, mit seinem Heere nach Thessalien, wo letzterer zu Thessalonich sein Hauptquartier hatte.

Zosimus berichtet nun Kap. 31 unter allerlei nebensächlichen und unklaren Zusätzen – wobei man namentlich nicht weiß, was er unter dem dazu nötig gewesenen Übersetzen eines Flusses meint, was sich unmöglich auf die Donau beziehen kannSiehe aber Dahn, Könige V, S. 16 – den Einfall der Goten in Makedonien, wo sie Theodosius durch Überfall beinahe gefangen hätten. Dies würde Jordanis zu entsprechen scheinen, wenn nicht die folgende Erzählung alles wieder verwirrte.

Nach Kap. 32 läßt Zosimus nämlich Theodosius unmittelbar nach jenem Überfalle schon nach Konstantinopel abgehen, wo er doch nach Idatius (Chron. und Fasten) erst am 14. November 380 anlangte, und von dort erst Gratian um Hilfe bitten.

In Kap. 33 erwähnt er ferner den triumphierenden Einzug des Kaisers in Konstantinopel, und die Ankunft von Gratians Generalen Baudo und Arbogast in Makedonien und Thessalien, vor denen die Goten nach Thrakien entweichen, wo sie sich dem Kaiser ergeben.

In Kap. 34 fährt er also fort: Zur Zeit, als Vitalianus die illyrischen Legionen unter Gratian befehligte, hätten zwei Scharen der Germanen jenseits des Rheins, von denen Fritigern die eine, Alatheus und Saphrax die andere geführt habe, die keltischen Völker bedrängt. (Τοι̃ς Κελτικοι̃ς έθνεσιν επικείμεναι). Um sich von diesen Feinden zu befreien, habe Gratian ihnen die Füglichkeit gewährt, über die Donau zu gehen und in Pannonien und Obermösien einzufallen.

Hierauf die Donau hinabschiffend, hätten sie beabsichtigt, durch Pannonien in Epirus einzufallen und von da die griechischen Städte anzugreifen.

Hierzu hätten sie aber vorher Proviant anschaffen und Athanarich aus dem über alle Skythen herrschenden königlichen Geschlechte entfernen müssen, um niemand, der ihr Unternehmen behindern könne, im Rücken zu lassen. Athanarich sei auch ohne Mühe aus seiner Stellung vertrieben worden und habe sich zu dem eben erst (αρτέως) von einer lebensgefährlichen Krankheit genesenen Theodosius begeben, der ihn freundlich aufgenommen habe.

Die geographischen und ethnographischen Irrtümer in dieser Erzählung näher zu erörtern ist überflüssig. Gleichwohl ist der Vorgang gewiß nicht ganz erfunden, sondern nur aus Mißverständnis einer selbst vielleicht unklaren Quelle verunstaltet. In der Tat gereichen ihm zwei Stellen Ammians zur Unterstützung: das Vordringen der in einzelnen Scharen sich auflösenden Goten in westlicher Richtung nach dem Rückzuge von Konstantinopel (XXXI, 16) und die Stelle (XXVII, 5 a. Schl.): Valens Constantinopolim rediit: ubi postea Athanaricus proximorum factione genitalibus terris expulsus, fatali Sorte decessit.

Letztere Angabe würde freilich nur in dem Falle genaue Wahrheit enthalten, wenn Athanarich damals noch im alten Gotenlande (genitali terra), d. i. auf dem linken Donauufer etwa in der westlichen Walachei, im Gebiet der Taifalen, oder mindestens in dem der Jazygen gestanden hätte, wohin die Hunnen (welche damals vielleicht noch gegen Vithimer kriegten) möglicher Weise noch nicht gedrungen waren.

Da jedoch bei einer solchen gelegentlichen, der Zeit, die er beschrieb, nicht angehörigen Bemerkung mehr der Hauptgedanke als der Wortlaut zu fassen ist, so kann man das vertrieben (expulsus) in jener Stelle wohl auch so verstehen, daß Athanarich durch des Fritigern Abfall und Feindschaft, weil sich die Mehrzahl der Westgoten letzterem angeschlossen, mittelbarSiehe aber Dahn, Könige V, S. 16. zur Flucht aus seinem Vaterlande genötigt worden sei. In keinem Fall nämlich scheint es denkbar, daß Fritigern über die Donau zurückgegangen, Athanarich jenseits derselben angegriffen und so unmittelbar aus dem Vaterlande verdrängt habe.

Im Allgemeinen dünkt uns der Sachverlauf am wahrscheinlichsten folgender gewesen zu sein.

Nach dem Rückzuge von Konstantinopel löste sich das vereinte Gotenheer in seine einzelnen, (nur D.) durch das Band der Geschlechtsverfassung zusammengehaltenen Bestandteile auf.

Mehrere derselben blieben in Mösien und Thrakien zurück, wo sie durch Theodosius im kleinen Kriege verfolgt wurden; der größte Teil aber mag unter den Hauptführern dem Westen zugezogen sein, dort eine neue noch unberührte Raubstätte zu finden. Da können einzelne durch die Gebirge streifende Banden bis in die Nähe der julischen Alpen vorgedrungen sein, während Fritigern und die ostgotischen Führer, welche zunächst gewiß wieder ein größeres Heer zu bilden trachteten, kaum weit über die Gegend von Sirmium, dies selbstredend bei Seite lassend, im heutigen Slavonien und Croatien vorgedrungen sein mögen. Diese Richtung bedrohte Noricum, was man uneigentlich ein keltisches Land nennen konnte (damals noch? D.). Nicht undenkbar daher, daß Gratian die Goten lieber von letzterem abgelenkt und wieder nach dem Osten gewendet sehen mochte.

Des Theodosius Krankheit nun änderte den Operationsplan; Fritigern, dessen Volk wieder botmäßiger geworden sein mag, dachte nach dem Südosten vorzudringen, während Alatheus und Saphrax ihr Augenmerk auf Pannonien richteten.

Nicht ersterer selbst aber, sondern nur andere, eine Vorhut bildende, wo nicht gar von ihm unabhängige Banden mögen nun jenen Überfall des Theodosius nach Zosimus c. 31 ausgeführt haben, gegen welche hierauf Gratians Feldherren dem Kaiser zu Hilfe zogen. Diese landeten wahrscheinlich von Italien aus über See in Epirus, schnitten nun die im südlichen Makedonien hausenden Goten bald darauf vom Rückzuge zu Fritigern ab, und vertrieben sie dadurch nach Thrakien.

Letztern konnte aber Fritigern um deswillen nicht zu Hilfe kommen, weil zu derselben Zeit die Annäherung des Athanarich eine für Rom sehr günstige Division bewirkte. Indem nun beide gotischen Heerführer gegen diesen ihren alten Stammfeind operierten und ihn schlugen oder mindestens zum Abzuge zwangen, mag Gratian mit starker Streitkraft in deren Nähe, vielleicht in deren Rücken erschienen sein und sie in ihrer durch den doppelten Feind gefährdeten Lage, da auch Athanarich wohl noch unfern war, mit Leichtigkeit zum Frieden bewogen haben, den Theodosius gern genehmigte.

Daß Athanarich damals über die Donau ging, geht aus des Eunapius in dem Werke de sententiis erhaltenen Fragmente (46, p. 82 ed. Bonn.) zweifellos hervor.

Dieser Schriftsteller handelt nämlich in den Bruchstücken aus der Schrift de legat. gent. apud Romanos (unter 6, p. 48) zuerst von dem Übergange zur Zeit von Valens und dann (unter 7, p. 52) von dem in der ersten Zeit von Theodosius erfolgten. Letzterer muß nun derselbe sein, auf welchen sich das oben erwähnte Fragment 46 bezieht, weil dasselbe der Reihenfolge nach in die Regierung des Theodosius fällt, während dieser aber ein anderer Übergang von Goten auf römisches Gebiet als der unter Athanarich unzweifelhaft nicht stattgefunden hat.

Noch mehr bestätigt dies dessen Beschreibung, nach welcher derselbe nicht, wie der des Jahres 376, mit ausdrücklicher Erlaubnis der Römer, sondern, wenn auch ohne Behinderung durch letztere, doch mit Hinterlist erfolgte, indem die heidnischen Goten zu Erleichterung ihrer Aufnahme sich für Christen ausgaben und zu diesem Zwecke einzelne als Bischöfe und Mönche verkleidet hatten.

Endlich waren aber auch des Fritigern Goten Christen, folglich können jene Heiden nur die bei Athanarich Zurückgebliebenen gewesen sein. (Vergl. aber über und gegen all dies Dahn, Könige V, S. 14–25.)

fiel nach Zosimus (IV, 34 a. Schl.) eine aus hunnischen Untertanen, Skiren (die hier zuerst erwähnt werden)Die Sciri, Scirri, Scyri, über die Zeuß S. 186 und 486–488 handelt, gehören, wie die Heruler, zu den ethnographischen Problemen. Da Plinius (IV, 13) dieselben an der Ostseite der Weichsel erwähnt, so liegt nichts näher, als deren Wanderung von der Ostsee zum Pontus im Anschlusse an die Goten anzunehmen.

Derselbe Name findet sich aber schon in der von Zeuß S. 61 aus Böckh, corp. inscript. II, 1, p. 122, Nr. 2058 zitierten Inschrift aus vorchristlicher Zeit, worin Sciri in Verbindung mit skythischen Völkern als Bedränger der griechischen Stadt Olbia am Ausflusse des Borysthenes genannt werden.

Es ist aber nicht unmöglich, daß ein skythisches Völkchen denselben Namen wie jene Ostgermanen geführt haben könne, obwohl es andrerseits auch (? D.) denkbar erscheint, daß ein Teil der germanischen Skiren von der Zeit der Ureinwanderung her unter den Skythen am Pontus sitzen geblieben und in deren Volkstum aufgegangen sei.

Unter allen Umständen aber müssen wir die an gedachtem Orte S. 67 von Zosimus erwähnten Skiren, die von dem an weiterhin in der Geschichte vorkommen, für Wander- (und Stamm- D.) genossen der Goten ansehen.

, Carpen (Carpodaken bei Zosimus) und Hunnen bestehende Raubschar in Mösien ein, ward aber geschlagen und über die Donau zurückgetrieben, was, wenn auch nur von diesem Schriftsteller erwähnt, bei dessen sonstiger Mißgunst gegen Theodosius nicht zu bezweifeln ist. Daß der Kaiser hierbei in Person befehligt habe, geht weder aus des Zosimus Worten (wie Tillemont V, 2, S. 484 annimmt), noch aus dem in Marcellins Chronik, aber auch nur in dieser allein, am Schlusse des Jahres 381 angeführten, Triumphe desselben über skythische Völker mit Sicherheit hervor, während wir aus des Themistius Stillschweigen darüber in der zu Beginn des Jahres 383 gehaltenen Lobrede einen überwiegenden Zweifelsgrund herleiten.

Viel war in diesen drei Jahren geschehen, wie Zosimus (c. 34 a. Schl.) selbst zugibt: der Mut der Truppen wieder belebt, der Landmann und der Hirt konnten nun fröhlich an ihr Geschäft gehen.

Vollendet ward das Werk aber erst im folgenden Jahre, da es dem gegen die letzten noch feindlich im Lande hausenden Raubscharen ausgesandten Saturnin gelang, auch diese insgesamt durch Friedensschluß vom 3. Oktober 382 zur Unterwerfung zu bringen, wofür er im Jahre 383 zum Konsul ernannt wurde, wozu Themistius (in der 16. Rede) ihm und dem Kaiser Glück wünscht.

Diesmal in der Tat war das Lob ein verdientes. Ausgetilgt in ihren furchtbaren Folgen war nun jene unerhörte Niederlage: das Heer hatte wieder Selbstvertrauen, das Volk wieder Frieden und Ruhe, der Kaiser wieder die Herrschaft in seinem Reiche gewonnen.

Wenig dafür hatte das Schwert, fast alles die seltene Klugheit und Konsequenz des Herrschers getan, der für den großen Zweck kein Opfer scheute.

Zurücktreibung der Goten zu den Hunnen war unmöglich: darum blieb nur zwischen deren gänzlicher Vertilgung oder Gewinnung die Wahl frei.

Ob ersteres, zumal mit einem mutlosen und geschwächten Heere selbst dem größten Kriegshelden gelungen wäre, lassen wir dahingestellt sein. Im günstigsten Falle aber wäre der Gewinn Verlust gewesen, weil er Roms beste Streitkräfte verschlungen, Verödung und Entvölkerung noch grausiger gesteigert hätte, als dies ohnehin bereits der Fall war. Was hätte der entkräftete Sieger dann noch gegen Empörer vermocht, mit denen er, wie wir sehen werden, bald zu kämpfen hatte, gegen welche ihm nun gerade umgekehrt die neuen Gotenkrieger von der unersetzlichsten Wichtigkeit waren.

Groß aber waren, wie gedacht, die Opfer. Land, Abgabenfreiheit und (relative D.) Selbständigkeit teils im Süddonaulande, teils im Orient, gewiß zum Teil auch Vieh und Getreide mußte den Goten bewilligt werden. (Themistius or. 16, p. 210 und Claudian in Eutropium II, v. 153 u. 194.) Dies konnte nicht allenthalben ohne Kränkung wirklicher Rechte der alten Besitzer geschehen; nicht ohne Grund klagten die Römer daher über Zurücksetzung, zu der sich Anmaßung und Übermut der neuen Landesgenossen drückend gesellten, wovon Zosimus (c. 30) ein Beispiel berichtet, während römische Gewalttaten, in die sich der Volkshaß gegen die Goten bisweilen entlud, von Theodosius, der letztere mit der Nachsicht eines Vaters gegen ungezogene Kinder behandelte, auf das Strengste geahndet wurden. In einem von Libanius (orat. 12, p. 394 d. Ausg v. 1647 und Zosimus c. 40)Die das ganze Kapitel füllende Geschichte des Gerontius, der mit beispielloser Tapferkeit eine übermütige Gotenschar angegriffen und beinahe vernichtet habe, dafür aber kaum der Todesstrafe entgangen sei, ist sicherlich verunstaltet und übertrieben. berichteten Falle der von Römern gegen einen Goten geübten Lynchjustiz wandte sich jedoch des Kaisers Zorn, der den Ort durch gotische Truppen einschließen ließ (vermutlich weil die Schuldigen nicht zu ermitteln waren) bald wieder zur Milde.

Kein Wunder daher, daß Synesius (de regno) in seiner Rede an Arcadius (ed. Petav., p. 23) mit Bitterkeit der Begünstigung der Goten gedenkt, während der unbefangene Geschichtsschreiber die Notwendigkeit, daher die Weisheit dieser kaiserlichen Politik anzuerkennen hat.

Wie unter den Goten fortwährend nationaler Hochmut und Herrschaftsgelüst gärten, belegt der (von Eunapius p. 53 der Bonn. Ausg. und Zosimus IV, 56, der hierbei aber offenbar aus ersterem schöpfte, berichtete) VorgangWeil in dem betreffenden Fragmente des Eunapius von dem Übergange der Goten in der ersten Zeit des Theodosius die Rede ist, setzt Tillemont auch diesen Vorgang (V, 2, art. 7) in das Jahr 380, was höchst unwahrscheinlich ist, während Zosimus denselben (c. 56) unter den Ereignissen des Jahres 392 aufführt. Wir haben nicht des Eunapius ursprüngliches Werk, sondern nur Exzerpte, bei denen füglich auch der Zeit nach getrennte Ereignisse, ihres sachlichen Zusammenhanges halber, mit einander verbunden worden sein können. Wir sind daher geneigter, jenes Zerwürfnis der Goten in eine spätere Zeit zu setzen. Unstreitig (? D.) gehörten übrigens sowohl Eriulf als Fravitta den mit Athanarich übergegangenen Goten an. zwischen den Fürsten und Parteiführern Eriulf und Fravitta, von denen ersterer die nationale, letzterer, ein Heide, die römische Politik vertrat, die auf Treue gegen den Kaiser bei gewissenhafter Erfüllung der Verträge von Seiten desselben beruhte. Selbst an der kaiserlichen Tafel entbrannte der sicherlich auch durch volkstümliche Stammeseifersucht genährte Haß zwischen beiden zu so wilder Leidenschaft, daß Fravitta fast unter des Theodosius Augen den Gegner niederstieß, was dessen Begleiter sofort gerächt haben würden, wenn nicht die kaiserliche Garde den Mörder geschützt hätte, während der solches innern Haders sich heimlich erfreuende Herrscher gewiß nur scheinbar die Untat ahndete. (Zosim. IX, 57 z. Anf.)

Der Bestrebung von Eriulfs Partei lag sicherlich mehr Gefühl als bewußter Plan zu Grunde. Nur durch eine Thronumwälzung, welche einen den Goten dienstbaren Römer zur Herrschaft gebracht hätte, wie dies später durch Alarich mit Attalus geschah, wäre ein Sieg der Nationalpartei möglich gewesen, die (wie Köpke S. 119 mit Recht annimmt) arianisch war, daher in ihrer durch Theodosius unterdrückten Kirchenpartei auf Anhang rechnen durfte, während Fravitta, den Eunapius als Heiden bezeichnet, nur im treuem Anschluß an den Kaiser eine Stütze finden konnte.

Gegen große Männer, wie Theodosius, war aber Empörung nicht zu fürchten. So blieb er, wenn gleich nicht ohne Fahr und Sorge, auch der Goten Meister. Am 16. Januar 383 erhob er seinen ungefähr sechsjährigen Sohn Arcadius zum Augustus, was freilich nur leere Form war.

Von Gratians politischer und kriegerischer Tätigkeit seit dem Jahre 378 wissen wir beinahe nichts. Tillemonts hauptsächlich auf ein aus Konstantinopel datiertes Gesetz vom 17. Oktober 378 begründete Vermutung (V, 1, S. 360), daß derselbe nach des Valens Tode sich dahin begeben habe, halten wir, bei der Unsicherheit dieses Fundaments, unter der damaligen Sachlage für entschieden irrig. Gewiß ist, daß er im Sommer 379 über Aquileja nach Gallien zurückkehrte. (Tillemont V, 1, art. 11.) Sokrates (V, 6) läßt dies um deswillen geschehen, weil die Alemannen in diese Provinz eingefallen seien. Eben so Sozomenos (VII, 4), der dabei noch des erwünschten Erfolges gedenkt. Dies von keiner andern Quelle erwähnte Ereignis muß jedoch höchst unerheblich gewesen sein, da Ausonius in seiner zu Ende des Jahres 379 zu Trier gehaltenen Danksagungsrede (grat. actio, pro. cons.) dessen nicht gedenkt, die Annahme einer spätern Zeit aber jenen Quellen selbst nicht entsprechen würde.

Gratians Unterstützung des Theodosius im Jahre 380 bei Bekämpfung und Befriedung der Goten, über die jedoch Näheres ebenfalls nicht bekannt ist, ward bereits (S. 66) erwähnt.

Wichtiger war dessen außer unserm Zwecke liegende Wirksamkeit für das Christentum und die rechtgläubige Kirche und um so ehrenwerter, da nicht dogmatischer Eifer, sondern wahre Frömmigkeit ihre Quelle gewesen sein dürfte. Er war der erste römische Kaiser, der Titel und Tracht des Pontifex Maximus ablegte, obgleich die Heiden ihn fortwährend noch so bezeichnet haben mögen, wie er denn auch den AltarDasselbe hatte schon Constantius im Jahre 357 getan, Julian aber ihn wieder herstellen lassen und Valentinian I. ihn geduldet. der Siegesgöttin aus dem Senatssaale zu Rom entfernen ließ, auf welchem in jeder Sitzung, wenn gleich eine große Zahl, wo nicht die Mehrheit, der Senatoren Christen waren, geopfert wurde.

Ebenso hob er die Staatszuschüsse und Privilegien für den heidnischen Kult sowie für die Vestalinnen insbesondere auf.

In seinen Maßregeln wider die Arianer (wofür er erst nach des Valens Tode völlig freie Hand gewann) und andere Sekten scheint er doch das Maß der Besonnenheit nicht überschritten zu haben.

Gratians Taten in großen Momenten erregen unsere Bewunderung. Für das alltägliche Regierungswerk dagegen wie in seinem Privatleben fehlte es ihm an der nötigen Sorgfalt, Klugheit und Vorsicht. Er verscherzte, wie wir weiter unten anführen werden, die Liebe der Soldaten: – das ward sein Unglück.

Murren und Mißstimmung drangen, durch das Gerücht gesteigert, zu den fernen Legionen in Britannien, die in ihrer isolierten Stellung, wie Zosimus (IV, 35) bemerkt, zu Anmaßung und Meuterei stets vorzugsweise geneigt waren. Diese riefen Maximus zum Kaiser aus, wobei die sich widersprechenden Quellen unentschieden lassen, ob derselbe der Anstifter oder nur das passive Werkzeug der Empörung war, da Zosimus (a. a. O.) ersteres, Orosius (c. 34) und der kirchliche Schriftsteller Sulpicius Severus (in der vita S. Martini c. 23) Letzteres behaupten; doch dürfte eine geschickt verdeckte Intrige, für deren gezwungenes Opfer er sich ausgab, das Wahrscheinlichste sein.

Maximus war nach Zosimus ein Spanier, was auch durch Pacatus (c. 31) bestätigt zu werden scheint, seine weitere jedenfalls unberühmte Herkunft aber eben so unbekannt als dessen amtliche Stellung in Britannien.

Nach Prosper Tiros Chronik schlug er jedoch im Jahre 382 die eindringenden Picten und Scoten tapfer zurück, was zu bezweifeln kein Grund vorliegt.

Maximus, den man nicht nach des Pacatus maßlosen Schmähungen in seiner Lobrede auf Theodosius beurteilen darf, war nach OrosiusProsper Tiros Worte: Vir strenuus et probus atque Augusto dignus nisi contra sacramenta fidem per tyrannidem emersisset stimmen buchstäblich mit Orosius überein, sind daher diesem wohl entlehnt. und Sulpicius Severus tapfer und tüchtig, daher des Thrones würdig, wenn er ihn nicht, verwegenen Ehrgeizes, durch Eidbruch errungen hätte.

Mit allen Truppen und, wie der englische Chronist Gildo bemerkt, mit zahlreichen Freiwilligen schiffte Maximus im Jahre 383 nach Gallien über, wo sich sogleich ein großer Teil des Heeres für ihn erklärte. Mit dem Reste desselben versuchte Gratian Widerstand, ward aber nach fünftägigen Scharmützeln in der Nähe von Paris auch von diesem verlassen und zur Flucht gezwungen, von des Maximus Befehlshaber der Reiterei Andragathes, der von der Küste des Pontus herstammte, eingeholt, bei Lyon durch Verrat aufgehalten und am 25. August (Marcell. u. Cusp.) getötet (Prosper Aq. u. Tiro).Sokrates (V, 11) und Sozomenos (VII, 13), der jedoch ersterm wohl nur nachschreibt, erzählen: Andragathes habe sich in einer Frauensänfte zu Gratian tragen lassen und diesen durch die falsche Meinung, seine Gemahlin sei darin, zur Rückkehr über den Fluß und zum Entgegenkommen bewogen, sei aber bei dessen Eintreffen herausgesprungen und habe ihn niedergestoßen. Zosimus (V, 36) läßt ihn einfach, Orosius (c. 36) und die Chronisten lassen ihn mit Hinterlist töten, was aber der weit glaubwürdigere Ambrosius (ad psalmum 36) auf ganz andere Weise erzählt als Sokrates, da es nach ihm bei einem von dessen eigenem Feldherrn gegebenen Festmale geschehen sei.

Zosimus muß für seinen Bericht eine Quelle benutzt haben, worin der Name der Stadt Lugdumum verschrieben, oder undeutlich geschrieben war, so daß er dafür Singidunum las. Daß dies in Obermösien (am Einfluß der Save in die Donau, das heutige Semlin oder Belgrad) lag, muß er doch gewußt haben: und um es nun zu erklären, wie der in Gallien angegriffene Gratian an letzterm Orte getötet werden konnte, fügt er (c. 35) Folgendes hinzu: »Als Gratian nebst dreihundert Reitern mit verhängten Zügeln nach den Alpen zu entflohen sei, habe er diese unverteidigt (αφυλάκτους, sie lagen ja in seinem eigenen Reiche) getroffen und sei daher nach Rätien, Noricum, Pannonien und Obermösien geeilt. Dort habe ihn der mit den dauerhaftesten Pferden zur Verfolgung nachgeschickte Andragathes, als er über die Brücke von Singidunum setzen wollen, eingeholt und getötet.«

Die naive Erfindung einer solchen Hetzjagd von mehr als zweihundert Meilen von Paris bis Belgrad charakterisiert unsern Zosimus.

Merobaud, der Konsul des Jahres, und Valio, einer von Gratians Feldherren, wurden bald nach ihrem Herrn ebenfalls umgebracht. (Pacatus c. 28.)

Des Einflusses, den des Maximus Entfernung aus Britannien auf das Schicksal dieser Provinz und auf die britische Bevölkerung von Aremorica (der heutigen Bretagne) hatte, wird seiner Zeit gedacht werden.

Kurz war die Laufbahn des jugendlichen Kaisers, der nach noch nicht achtjähriger Selbstregierung vierundzwanzig Jahre alt dem Verrate zum Opfer fiel.

Ammian, indem er die Kraft und Entschlossenheit rühmt, mit welcher derselbe die Alemannen besiegte, sagt (XXXI, 10) von ihm: »Ein Jüngling von herrlicher Anlage, beredt, gemäßigt, kriegerisch und gütig; auf dem Wege, während kaum der Bartwuchs sein Kinn beschattete, den ausgezeichnetsten Kaisern nachzueifern, hätte nicht sein zu Spielereien geneigtes Naturell, das von der Umgebung nicht gezügelt ward, ihn den eitlen Passionen des Cäsars Commodus, obwohl ohne Blutvergießen, zugeführt. Wie dieser über alles Maß entzückt war, wenn er im Amphitheater hundert Löwen mit je einem Wurf oder Schuß getötet hatte, so vergnügte sich Gratian, die in Wildparke eingepferchten reissenden Tiere zu erlegen, indem er darüber vieles und ernstes Geschäftliche außer Acht ließ und dies zu einer Zeit, da selbst ein M. Aurelius kaum mit ihm gleichen Kollegen und nüchternster Umsicht das über dem Staate schwebende Unheil zu lindern vermocht hätte.«

Schädlicher als jene Jagdpassion ward dem Kaiser seine eigentümliche Soldatenspielerei. Von besonderer Vorliebe für die Alanen, vermutlich, weil sie Bogenschützen waren, ergriffen, hielt er sich eine teuer bezahlte Garde aus Überläufern dieses Stammes, die er mit Zurücksetzung der altrömischen Truppen so bevorzugte, daß er auf Märschen bisweilen sogar deren barbarische Rüstung trug.

Das reizte und beleidigte, ward daher, nach dem Verfasser der Epitome, einem Zeitgenossen (c. 47) und Zosimus (35) der Grund seines Sturzes.

Sein Unglück war, daß er unreif, im siebzehnten Jahre, den Thron bestieg.

Dies hinderte nicht, daß er im neunzehnten Jahre einen glänzenden Sieg erfocht, im zwanzigsten durch des Theodosius Berufung des Reiches Retter wurde: wohl aber beraubte es ihn der Gewöhnung an und der Ausbildung für die täglichen Pflichten seines Berufs, ja es verlockte ihn, sich Lieblingsneigungen und Tändeleien hinzugeben und darüber jene sogar zu versäumen. Dadurch fielen diese den Ministern und Präfekten zu, die bei der allgemeinen Verderbtheit der römischen Beamtenwelt und der noch mangelhaften Menschenkenntnis des jungen Herrschers ihre Macht gewiß eigennützig gemißbraucht haben.

Die tiefe Selbsterkenntnis des freilich schon reifern Julian, der seine Fehler fühlte und Zurechtweisung gern annahm, hat Gratian nicht besessen.

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