Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Felix Dahn >

Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 54
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Viertes Kapitel
Die Westgoten im römischen Reiche bis zu des Kaisers Valens Tod

Schon hatte der Ruf die unerhörten Ereignisse jenseits der Donau zu den Römern hinübergetragen. Ein aus tiefem Dunkel der Verborgenheit aufgetauchter Barbarenschwarm; aufgescheucht oder vertrieben aus ihren Sitzen alle Völker vom Pontus bis zu den Quaden und Markomannen; zahlreiche Haufen mit Weib und Kind und Habe, mit Knechten, Mägden und Herden verzweifelnd an den Ufern der Donau umherirrend (Amm. c. 4). So lautete die Nachricht, als Sendboten der Westgoten, um Aufnahme der unglücklichen Vertriebenen flehend, vor dem Kaiser Valens zu Antiochien erschienen.Es ist unstreitig irrig, wenn Tillemont (V, 1, Art. 17, S. 194) auf Grund von Sozomenos (VI, 37) Wulfila zum Haupt dieser Botschaft macht, und diesen Bischof nur gegen die Bedingung des Übertritts zum Arianismus die Aufnahme seiner Landeleute erlangen läßt.

Sozomenos macht sich hier selbst eines großen Irrtums schuldig, indem er den oben berichteten Kampf zwischen Athanarich und dem damals von Valens unterstützten Fritigern, der dem Hunneneinbruche einige Zeit vorausging, erst nach diesem eintreten läßt, was nicht nur durch Sokrates (IV, 33–34), sondern weit entscheidender noch durch Ammians umständlichen Bericht der Ereignisse nach dem Einfalle der Hunnen schlagend widerlegt wird. (S. Dahn, Könige V, S. 5, Urgeschichte I, S. 428.)

Was soll man auch zu einem Schriftsteller sagen, der solchen Mangel an historischem Urteil, ja man möchte sagen an gesundem Menschenverstande bewährt, daß er jenen Kampf zwischen Athanarich und Fritigern, die beide von den Hunnen vertrieben und in deren Furcht gebannt waren, erst nach deren gemeinsamem Übertritt auf römischen Grund und Boden, wo sie Rettung suchten, vor sich gehen läßt?

Ferner war ja Wulfila schon im Jahre 355 als Untertan im römischen Reiche aufgenommen worden und hatte am Hämus Wohnsitz erhalten, kann daher doch wohl nicht von den jenseits der Donau verweilenden Westgoten als Hauptbevollmächtigter nach Antiochien entsandt worden sein, obgleich es an sich wohl denkbar wäre, daß Fritigern den vormaligen Landsmann um Begleitung und Unterstützung seines Abgeordneten ersucht habe, aus welcher Möglichkeit jedoch, bei der sonstigen Wertlosigkeit obiger Quelle, nicht auf die Wirklichkeit zu schließen ist.

Unsere Ansicht wird übrigens durch Waitz a. a. O., S. 42 vollständig geteilt, während die zu Anfang des 6. Kapitels zitierten (Kraft und Rücken) Sozomenos Glauben beizumessen scheinen.

Schwierig schien die Frage über den Bescheid. Durch germanische Kolonisten dem Reiche Zuwachs an Volks- und Streitkraft zu verschaffen, war seit M. Aurelius schon die Politik der größten und weisestenDieses System, weise und ersprießlich, so lange Rom noch mit überwältigender Macht den Germanen gegenüber stand, wurde höchst verderblich, seit sich dies Verhältnis geändert hatte: es hat die Barbarisierung und damit den Untergang des Reiches von innen heraus gefördert: freilich war es je später, je weniger mehr zu ändern: es blieb fast einziges Mittel, den kriegerischen Andrang zu schwächen und zu hemmen. D.) Kaiser gewesen. Nicht in der Sache an sich, nur in der großen Zahl der Flüchtlinge konnte daher ein Bedenken liegen.

Die Schmeichler priesen das Glück eines solchen Machtzuwachses; der Gedanke, das von den Untertanen zu zahlende Stellvertretungsgeld für Rekruten, welche nun die Goten liefern sollten, dem Fiskus zuwenden zu können (Sokrates IV, 34) lockte auch; den Ausschlag bei Valens aber soll, nach Eunapius (p. 49), Eifersucht auf seine Neffen, die Kaiser des Abendlandes, über die er sich dadurch zu erheben trachtete, um so mehr gegeben haben, als er gegen dieselben, wegen der ohne seine Zustimmung erfolgten Reichsteilung, ohnehin verstimmt war.

Der Gefahr glaubte die schlaue byzantinische Politik durch Klugheit leicht vorbeugen zu können.

Zuerst sollte nur alles kriegsuntüchtige Volk, vor allem Weiber und Kinder, übergesetzt und, weit abgeführt, als Geisel bewahrt werden, hierauf, aber nur nach Ablegung der Waffen, die streitbare Mannschaft.

Gegen Herbstes Anfang des Jahres 376 erschien die unabsehbare Menge an der Donau, die Eunapius zu 200 000 kriegstüchtiger Männer schätzt, im Allgemeinen also sicherlich an 7 bis 900 000 (? D.) Menschen.

Die Würgengel im Rücken fühlend streckten sie die erhobenen Hände nach dem Römerufer aus.

Ungeduldig wagten einige der Kühnsten eigenmächtigen Übergang, wurden aber von den Grenzbefehlshabern zurückgeschlagen und vernichtet, wofür letztere indes mit Kassation, beinah mit dem Tode, bestraft wurden.

Endlich langte die Erlaubnis an: da brachte das Grundübel der Römerwelt, die Verderbnis der hohen Beamten, unerhörtes Unheil über Kaiser und Reich. Hätte die schwierige Aufgabe an sich die tüchtigsten und redlichsten Männer erfordert, so blieben der Dux Thrakiens, Lupicinus und der zweite Befehlshaber, Maximus, schmutzige und raubgierige Menschen, mit der Ausführung betraut.

Indem die unbewehrte Menge übergesetzt ward, verlockte böse Lust Generale und Offiziere, deren Beispiel aber auch die Soldaten, sich nicht nur schöner Frauen und Knaben, sondern auch anderer, als Arbeitskräfte für ihre Güter, gewaltsam zu bemächtigen.

Als nun die Männer folgten, mag schon das Bewußtsein schwerer Schuld den Mut und die Festigkeit der Oberbefehlshaber gelähmt haben, welche die wenn auch nur allmählich zu bewirkende Entwaffnung von 200 000 Kriegern an sich erfordert hätte. Letztere aber, welche lieber das Leben als die Waffen missen wollten, wandten zunächst Bestechungen durch wertvolle Geschenke an, wozu es dem durch Raubfahrten und Soldverdienst bereicherten Volke, das mit aller Habe davon gezogen war, anfangs an Mitteln nicht fehlen mochte.

So geschah es, daß mindestens ein großer Teil der Westgoten bewaffnet auf Römer-Boden gelangte. Auch die vorgeschriebene Zählung blieb unerfüllt; denn wie hätte man, sagt Ammian, den Sand am Meere zählen können.

Mit Alaviv ward zunächst Fritigern aufgenommen, denen der Kaiser Proviant für den Augenblick und Land zu gewähren befohlen hatte.

Auch die Sorge für des Volkes notdürftige Verpflegung war unzweifelhaft vorgeschrieben: aber Nachlässigkeit, Veruntreuung und Diebstahl vereitelten sie. Furchtbare Hungersnot entstand: die Römer sammelten alle Hunde der Umgegend und drangen für jeden solchen, wie für ein Brot oder zehn Pfund Fleisch, den Verhungernden einen Sklaven, selbst Söhne Vornehmer, ab.

Während dieser Zeit kamen auch die Ostgoten Alatheus und Saphrax mit ihrem königlichen Pfleglinge Viterich an der Donau an, wurden aber mit ihrem Aufnahmegesuche zurückgewiesen. Athanarich, angedenk seines hochfahrenden Verhaltens gegen Valens bei dem Friedensschlusse im Jahre 369, wagte solche Bitte gar nicht, zog sich vielmehr mit den Seinen nach einer, Kaucaland (Hauhaland, Hochland D.) genannten, Gegend des karpathischen Hochgebirges zurück, aus welcher er die Bewohner, die Ammian Sarmaten nennt, vertrieb. (Ammian XXI, c. 4.)

Noch hielt Lupicinus die auf dem linken Donauufer versammelten Goten, in der Absicht unstreitig, sie noch mehr auszuplündern, zurück, als das Murren der Verzweiflung ihn bewog, deren Abmarsch unter militärischer Begleitung zu beschleunigen. Dazu ward ein Teil der Grenzwehr am Flusse verwendet, auch der Wachdienst der Flottille vernachlässigt, was die Ostgoten, wohl Alatheus, Saphrax und Farnob, obzwar Ammian sie nicht nennt, zu eigenmächtigem Übergang auf Flössen bewog. Sie lagerten sich darauf in Entfernung von Fritigern.

Dieser aber, scharfen Vorausblicks, ebenso die mögliche Verbindung mit den Stammgenossen im Auge behaltend als offenen Ungehorsam vermeidend, zog möglichst langsam nach Marcianopel ab, das in der Breite des heutigen Schumla etwa sechs Meilen östlicher lag.Die Lage Marcianopels, der Hauptstadt Niedermösiens, beweist, daß der Übergang an der untern Donau erfolgte.

Da warfen plötzlich Zufall und römische Treulosigkeit die Brandfackel in den schon glimmenden Zündstoff.

Lupicinus lud die Fürsten Alaviv und Fritigern zum Mahle, ließ aber deren Volk durch aufgestellte Wachen vom Eintritt in die Stadt abhalten.

Das hungernde Volk wollte sich Lebensmittel kaufen und bat deshalb, auf die nunmehrige Unterwerfung und Eintracht sich berufend, dringend, aber vergebens, um Einlaß. Das führte zum Wortgefecht und bald zum Kampfe. Die römische Wache ward niedergehauen und der Waffen beraubt. Als dies gegen Ende des Mahls Lupicin heimlich gemeldet wird, läßt er die vor seiner Wohnung zurückgebliebenen Gefolgen der Fürsten niederstoßen. Der Lärm mag nach außen und zugleich nach innen gedrungen sein. Das Gotenvolk vor der Stadtmauer, welche vielleicht an das Prätorium stieß, um seine Fürsten besorgt, bricht in drohende Wut aus. Der rasch entschlossene Fritigern aber, seine und der Gefährten Festnehmung als Geiseln, ja, Ermordung fürchtend, springt mit den Worten von der Tafel auf, nur seine beruhigende Gegenwart könne größeres Unheil verhüten und stürzt mit den übrigen hinaus, was der überraschte Lupicin geschehen läßt.

Mit Jubel von den Seinen empfangen wirft er sich auf das Roß, die entferntem Gotenscharen zu sammeln.

Der Würfel war gefallen: der Krieg entbrannte. In Raub und Verheerung ergoß sich sogleich weit umher der Gotenschwarm. Lupicin sammelt hastig Truppen und zieht, mehr verwegen als bedacht, den Feinden entgegen, die er am neunten Meilensteine (11/5 deutsche Meilen entfernt) trifft. In hellausbrechender Wut des lang verhaltnen Rachezorns greifen die Barbaren an, sprengen die Glieder, erobern alle Feldzeichen und strecken alle Offiziere mit dem größten Teile der Truppen nieder, während Lupicin in die Stadt zurück entflieht.

Nirgends mehr nun Widerstand: weit umher schweifen, mit den Waffen der Erschlagenen bewehrt, unbehindert die Sieger.

So weit (im 5. Kapitel) Ammians im Wesentlichen klarer, nur in Nebendingen etwas unvollständiger Bericht, an den er, damit man nicht glaube, dergleichen sei früher nicht vorgefallen, einen Rückblick auf alle schweren Niederlagen der Vorzeit knüpft, von den Kimbrern und Teutonen an bis zur Deciusschlacht und der Verheerung Kleinasiens samt Griechenlands, wobei er jedoch mehr die weitere Folge als die unmittelbare Bedeutung jenes Treffens vor Augen gehabt haben muß, dessen Zeit wir gegen das Ende des Jahres 376 setzen.

In Adrianopel lag damals eine schon vor längerer ZeitVielleicht in Verbindung mit Vulfilas Übergang. in römischen Dienst übergetretene Gotenschar, welche der Kaiser auf die Kunde des Unfalls sogleich über den Hellespont zu gehen beorderte. Das eigene Wohl vor allem im Auge hatten sie den Ereignissen bisher völlig passiv zugeschaut. Nun verlangten sie ruhig zunächst Sold, Proviant und zwei Tage Rast vor dem Abmarsch.

Darauf bietet die (weil sie in der Vorstadt geplündert) wider sie erzürnte Stadtbehörde sofort das gemeine Volk und die am Orte zahlreichen Waffenschmiede auf und droht ihnen Gewaltangriff, wenn sie nicht sogleich, noch vor der bestimmten Zeit, abziehen. Die Goten bleiben unbeweglich: als sie aber durch Schmähungen auf das Höchste gereizt und durch einzelne Pfeilwürfe verletzt werden, brechen sie in offenen Abfall aus, schießen und stoßen nieder, was sie in der Nähe erreichen können und eilen dem unfern lagernden Fritigern zu.

Das gesamte Heer zieht nun vor die feste Stadt, erleidet aber, des Belagerungskrieges unkundig, durch das Wurfgeschütz des Platzes, zumal bei dem tollkühnen Wagemut einzelner, so schwere Verluste, daß Fritigern die Maxime: »Friede den Mauern!« empfehlend, dasselbe wahrscheinlich gegen Ende des Winters 377 zum Abzug, unter Zurücklassung eines Beobachtungskorps, bewegt.

»Besser ist es, das platte Land und die offenen Städte des reichen Thrakiens (Mösien hier inbegriffen) auszurauben!« ruft er. Das ward nun gründlich betrieben: GefangeneDedititii et Captivi nach Ammian, d. i. durch Kapitulation und im Kampfe Gefangene. verrieten willig die wohlhabendsten Orte, namentlich Vorräte und Versteck von Lebensmitteln. Von allen Seiten strömten alte und neue Sklaven gotischen Stammes, ihren Herren entlaufend, zu. Nicht minder der unzufriedenen und schwerbedrückten Landeseinwohner viele, welchen mitrauben besser dünkte als beraubt werden.

Da blieb, außer den unersteiglichsten und abgelegensten Punkten, nichts verborgen, nichts verschont.

In der schwer gereizten wilden und entzügelten Menge entbrannte nun aber auch die ganze Roheit barbarischer Rache; dem Raube gesellten sich Mord und Brand. Vor der Mutter Auge wurde das ihrer Brust entrissene Kind erwürgt, vor dem der Frau der Mann niedergestoßen, über der Eltern Leichname die erwachsenen Kinder fortgeschleppt, lebensmüde Alte, nachdem sie Habe und jugendschöne Frauen verloren, von der rauchenden Brandstätte des Geschlechtshauses mit auf den Rücken gebundenen Händen abgeführt. (Ammian c. 6.)

Bis nach Makedonien und Thessalien schweifte die unerhörte, grauenvolle Verheerung. Was die Hunnen den Goten gewesen, wurden letztere nun den Römern. (Eunapius, p. 51/2.)

Mit Schmerz und schwerer Sorge erfüllte solche Kunde Kaiser Valens, der des noch nicht ausgetragenen Haders mit Persien über Armenien halber zu Antiochien verweilte. Um letztern auf jede Weise beizulegen, entsandte er sofort seinen Feldherrn Victor, rüstete mit Heeresmacht zum eigenen Aufbruche nach Konstantinopel und schickte die von Ammian mehr aufgeblasen als kriegerisch genannten Führer Profuturus und Trajan nach Thrakien voraus.

Diese drängten ein Korps der Goten, die großenteils wohl noch auf Raubfahrten zerstreut waren, in das Hochgebirge des Hämus zurück und suchten ihnen durch Besetzung und Versperrung der Pässe den Ausgang und die Lebensmittel abzuschneiden. In dieser Stellung erwarteten sie das Hilfskorps, welches der Kaiser des Westens, Gratian, unter Frigerids Führung zu senden versprochen hatte. Auch der weströmische Gardebefehlshaber Richomer, unzweifelhaft germanischer Abkunft, zog mit einigen thrakischen Kohorten, die jedoch unterwegs großenteils desertierten, aus Gallien heran. Dieser übernahm, da Frigerid wegen wirklicher oder vorgeblicher Krankheit nicht eintraf, den Befehl über das Gesamtheer, selbst das aus dem Ostreiche. Dasselbe schlug bei der Stadt SalicesAd salices (bei den Weiden) lag nach dem Itinerar Antonins zwölfeinfünftel Meilen nördlich von Tomi (fünfzehn vom heutigen Varna) im nördlichsten Winkel der Dobrutscha am See Halmyris (jetzt Ramsin), der mit dem Pontus verbunden ist, gegen zwanzig Meilen vom östlichen Ende des Hämus entfernt. Nun sagt Ammian im 7. Kapitel von den Römern: Hic truso hoste ultra Aemi montis abscisos scopulos faucibus insodere praeruptis, uti barbaros locis inclusos nusquam reperientes exitum diuturna consumeret fames, et opperirentur ipsi Frigeridum ducem.

Darauf trifft statt Frigerid nur Richomer ein und ohne daß des Abmarsches aus dieser den Römern so günstigen Stellung gedacht wird, erwähnt Ammian des (Marsches auf Salices D.): tendentibus prope oppidum Salices. Hiernach ist es weder mit den Worten seines Berichts noch mit der einfachsten Kriegsraison vereinbar, an eine plötzliche Verlegung des Kriegsschauplatzes in das den Römern allerungünstigste Terrain, an die weitentlegene Seeküste, zu denken. Daß die Goten namentlich sich dahin nicht zurückgezogen, erhellt zweifellos aus dem Folgenden, wo ausdrücklich gesagt wird, daß sie, die Absicht der Römer, sie auf dem Rückzug anzugreifen, wahrnehmend, unbeweglich an demselben Orte stehen blieben.

(Aus diesen Gründen wollte v. Wietersheim statt Salices: Radices lesen; aber er übersetzte tendentibus prope oppidum Salices unrichtig mit: Lagerschlagen bei Salices; auf der Sprunerschen Karte finden sich gerade mitten im Hämus zwei Orte: ad Radices und sub Radice angegeben.)

Lager, unfern des unzählbaren Volkes, wie Ammian sagt, der Goten, die sich in einer kreisförmigen Wagenburg verschanzt hatten, wo sie in Muße von der zusammengeraubten Beute schwelgten.

Die Römer harrten des stets ungeordneten Aufbruchs der Feinde, um gegen ihre Nachhut ein günstiges Gefecht zu liefern. Diese aber blieben unbeweglich und warteten auf Verstärkung. Als diese genügsam eingetroffen war, bereiteten sie sich zum Angriff, der auch, nach einer in beiden Heeren durchwachten Nacht, am andern Morgen erfolgte.

Die Goten wollten sich zunächst der beherrschenden Höhen bemächtigen, welche die Römer in wohlgeschlossener Ordnung zu halten suchten.

Im Laufe der Schlacht, deren Beschreibung bei Ammian mehr dramatisch als militärisch ist, ward der linke römische Flügel gesprengt, durch eine schnell herbeigeführte Reserve aber die Ordnung wieder hergestellt. So wütete der Blutkampf unentschieden, bis der sinkende Tag ihm ein Ende brachte, indem beide Heere sich in ihre Lager zurückzogen.

Der Verlust der ungleich schwächern Römer mag ein sehr großer gewesen sein.

Unmittelbar darauf (Ammian c. 7) zogen die Römer in ihre befestigten Stellungen bei Marcianopel ab, während die doch wohl eingeschüchterten Barbaren sieben Tage lang ihre Verschanzungen nicht verließen. Dies gewährte erstern die Füglichkeit, andern feindlichen Scharen im Gebirge durch Versperrung der Pässe den Ausgang mindestens zu erschweren: zugleich hofften sie, nach Abführung aller in der Umgegend noch aufzutreibenden Lebensmittel dieselben durch Hunger zu bewältigen.

Richomer selbst ging, frische Hilfstruppen zu holen, nach Gallien zurück.

Diese Ereignisse zogen sich bis Anfang des Herbstes 377 hin. (Ammian XXXI, c. 8.)

Valens übertrug nun den Oberbefehl dem Saturninus, interimistischem Feldherrn der Reiterei, der, den vorigen Kriegsplan verfolgend, die Goten in den Bergen zurückhielt und mehrere Versuche des Ausbrechens zurückschlug. Als diese sich aber durch HunnenChuni bei Ammian, doch sind offenbar Huni gemeint. Auch bei andern Schriftstellern kommt diese Schreibart bisweilen vor. und Alanen, welche sie durch Aussicht auf ungeheure Beute gewonnen, verstärkt hatten, sah sich Saturnin zum Rückzug, unstreitig in eine der Festungen, genötigt.

Da ergoß sich nun ein zweiter Akt jener bereits oben geschilderten namenlosen Verheerung über das unglückliche Thrakien, bis an die Seeküste und in das Gebirge Rhodope hinein. Widerstand fand sie nur bei der Stadt Dibaltus, südlich des heutigen Varna, am Meere, wo der tapfere Barkimer (ohne Zweifel ein Germane D.) mit mehreren Bataillonen die Goten heldenmütig angriff, zuletzt aber von Reiterei im Rücken gefaßt, unterlag und blieb. (Ammian c. 8.)

Das östliche Illyrien war vollständig ausgeraubt: gegen den inzwischen angelangten Frigerid, der das westliche decken sollte, wandte sich nun der Angriff.

Dieser lagerte bei Beröa in Thrakien im südlichsten Teile des Hämus unfern der Militärstraße von Philippopel nach Adrianopel, zog sich aber, als er von dem Vordringen der Goten Kunde erhielt, um nicht von seiner Operationsbasis und der Verbindung mit dem Westreich abgeschnitten zu werden, vorsichtig zurück. Da traf ihn und zwar, wie wir vermuten, jenseits der Pässe von Succi, die er gewiß befestigt und besetzt hatte, ein unerwarteter Glücksfall.

Eine aus Goten, unzweifelhaft Greuthungen und Taifalen, die sich erstern angeschlossen, gebildete Raubschar unter des Farnob Befehl, vor der alles schreckerfüllt zurückwich, war, jedenfalls von Norden her kommend, über einen Fluß gegangen, unstreitig den Margus, welchen die Militärstraße bei Naissus erreichte.

An die Donau nämlich ist hier um desswillen nicht zu denken, weil die im Jahre 376 vor den Hunnen über die Donau entwichenen West- und Ostgoten damals gewiß nicht über dieselbe wieder zurückgegangen waren. Frigerid, hiervon unterrichtet, rückt in Eilmärschen heran, schneidet ihnen den Rückzug über den Strom abDies sagt Ammian nicht ausdrücklich, es ergibt sich aber aus dem Hergange, namentlich aus der Gefangennehmung der ganzen Schar der Feinde. Der Fluß mag Ende des Herbstes stark angeschwollen gewesen sein., greift entschlossen an und bringt ihnen eine furchtbare Niederlage bei.

Farnob und eine große Menge bleiben, ja es würde kein Bote zur Meldung in der Heimat entronnen sein, wenn der Feldherr nicht auf flehendes Bitten die Ergebung des ganzen Restes angenommen hätte. Derselbe ward nach Modena, Reggio und Parma gesandt, um Kolonien daselbst zu gründen.

Dabei gedenkt Ammian eines bei den Taifalen eingerissenen Brauchs scheußlicher Unzucht, nach welchem die Jünglinge, so lange sie nicht durch Erlegung eines hauenden Schweins oder eines Bären von der Schmach sich befreit hatten, den Männern sich preiszugeben genötigt waren: – ein germanischer Sittenreinheit (s. Bd. I, S. 32, 33) so haarsträubend widerstreitender Zug, daß wir schmerzlich eine Erklärung dieser unbegreiflichen Anomalie vermissen. (Ammian c. 9.)

Mit diesem Kapitel verläßt Ammian den Kriegsschauplatz, um (im zehnten) Gratians großen Alemannensieg vom Jahre 378 zu berichten, den wir dem 5. Kapitel vorbehalten.

Das unheilvolle Jahr 378 war angebrochen, als Valens von Antiochien heranzog, sein den Barbaren völlig preisgegebenes europäisches Reich zu befreien. Schon schweiften diese bis Konstantinopel heran, dessen offene Vorstädte ausraubend. Da traf die aus dem Orient vorausgesandte leichte sarazenische Reiterei ein, welche, von unerreichbarer Gewandtheit auf ihren arabischen Rossen, den zerstreut umhertreibenden Goten schwere Nachteile zufügte und sie zum Rückzug auf die Hauptarmee jenseits Adrianopels zwang, was von Zosimus (IV, 22) mit arger Übertreibung als eine Hauptniederlage dargestellt wird.Des Zosimus Wert als Geschichtsschreiber läßt sich erst aus der Vergleichung mit Ammian richtig beurteilen.

Er benutzte unstreitig die besten Quellen seiner Zeit, wie den Fortsetzer des Cassius Dio, Dexippus, Eunapius, aus dem sogar dessen Werk, nach des Photius Versicherung, fast nur ein Auszug sein soll, Ammian selbst (Bd. I, S. 558 f., 572), Priscus, Olympiodor, und überdies viele spezielle, versäumt aber oft über kleinliche, namentlich anekdotenhafte Details die pragmatische Darstellung der Hauptereignisse.

So ist das ganze Kapitel IV, 21 einer Wundergeschichte gewidmet, die wir der Erwähnung wert finden. Auf dem Marsche von Antiochien nach Konstantinopel wird ein fürchterlich durch Schläge zerfetzter Mensch gefunden, der mit offenen Augen die Vorübergehenden anblickt, sonst aber keinerlei Lebenszeichen gibt. Die auf des Kaisers Befehl darüber befragten Zeichendeuter erklären nun: Dies bedeute den Zustand des Reiches, das so lange jämmerlich hinsterbe, bis es durch die Schlechtigkeit der Beamten völlig zu Grunde gegangen sein werde, was sich freilich zu der Zeit, als Zosimus schrieb, mit einiger Sicherheit sagen ließ. Kap. 22 und 23 werden durch die lächerlich übertriebenen Großtaten der Sarazenen und Sebastians im kleinen Krieg ausgefüllt, während die Hauptschlacht bei Adrianopel, Kap. 24, in nur drei bis vier Zeilen abgefertigt wird.

Selbstredend haben wir daher, wenn Ammian und Zosimus von einander abweichen, so z. B. über das Gutachten Sebastians im Kriegsrate vor der Schlacht (A. Kap. 12 und Zos. Kap. 23), nur ersterem folgen können.

Am 30. Mai (Idat. fasti) traf Valens in Konstantinopel ein, wo ihn lautes Murren empfing, so daß er, den Drang der Rache gegen die ihm noch von Prokops Aufstande her verhaßte Stadt für den Augenblick unterdrückend, schon am 5. Juni sein Hauptquartier in dem einige Meilen davon entfernten kaiserlichen Lustschlosse Melanthias nahm und das Heer daselbst durch Geschenke und Ansprache sich zu verbinden suchte.

Gratian hatte ihm auf Verlangen in Sebastianus einen tüchtigen Feldherrn gesandt, welchen er an Trajans Stelle zum Führer des Fußvolkes ernannte. Sebastianus verlangte, um sich zu zeigen, aus der ganzen Armee nur ein von ihm auserlesenes Korps von 2000 Mann, um dem Feinde im kleinen Kriege, den er vielleicht in Chariettos Schule (s. Bd. I, S. 476) erlernt hatte, zu schaden. (Eunapius, p. 78 und Zosimus IV, 23.)

Die Armee rückte zunächst bis Nike, vier deutsche Meilen diesseit Adrianopels vor, wo man vernahm, daß ein gotisches Heer soeben mit reicher Beute aus dem südlich gelegenen Rhodope zurückgekehrt sei und sich nun, auf die Kunde des Anzugs der Römer, mit den übrigen zwischen Beröa (fünfzehn Meilen nördlich von Adrianopel) und Nikopolis in festen LagernDie Goten bedurften, in Ermangelung fester Plätze, gesicherter Zufluchts- und Bewahrungsorte für Beute, Gefangene, Depots usw., wenn sie im Gebirge befestigte Lager aufschlugen. stehenden Barbaren zu vereinigen suchte.

Sebastian ging mit nur dreihundert Mann (wenn hier nicht ein Irrtum in der Zahl vorliegt) über Adrianopel, wo er aus Furcht vor einer Kriegslist nur schwer Einlaß fand, gegen die Nachhut der Goten vor und beschlich diese in der Nacht mit solchem Erfolge, daß er fast alle niederhieb und eine unermeßliche Beute machte, worauf Fritigern, aus Furcht vor solchem Gegner, sein Heer in einer gesicherten Stellung bei der Stadt KabyleDie Lage derselben auf der Sprunerschen Karte acht Meilen von der Seeküste bei Anchialus ist offenbar irrig: auch bezeichnet ein Fragezeichen den Zweifel. konzentrierte.

Um diese Zeit erhielt Valens die Kunde von Gratians großem Alemannensiege, der ihn mit bitterm Neide erfüllte, wie von dessen eilendem Anzuge, da er bereits in Martis castra (am Iskar im heutigen Bulgarien) nur etwa noch fünfzig Meilen von Adrianopel angelangt sei. (Ammian c. 11.)

Darauf suchte Fritigern durch Besetzung geeigneter Punkte gegen die VerproviantierungDa Valens den Mundproviant, so weit er ihn nicht mit sich führte, gewiß auf der großen Militärstraße von Konstantinopel bezog, so kann das wohl nur von der Fourage verstanden werden. der Kaiserlichen Truppen zu operieren und näherte sich Nike mit einer Schar, die man, wohl irrig, nur zu 10 000 Mann geschätzt hatte, was den Kaiser bewog, nicht nur leichte Truppen zu Behauptung der Pässe vorauszuschicken, sondern auch selbst nach drei Tagen mit dem Heere bis Adrianopel vorzurücken und bei dessen Vorstadt Lager zu schlagen.

Hier traf ihn der schon oben genannte Richomer mit neuen Briefen Gratians, welche dem Onkel die nahe Ankunft des sieggekrönten Neffen verkündeten und ihn abzuwarten anrieten.

Darauf Kriegsrat, in welchem Sebastian sofortigen Angriff, der erfahrene und das Ostheer besser kennende Victor aber nebst vielen andern Verzug bis zu Gratians Eintreffen empfahl. Auf des Ersten Seite traten die Schmeichler, vor allem die eigne kleinliche Eifersucht des Kaisers auf den Neffen Gratian.

Da traf ein christlicher Bischof als Sendbote Fritigerns mit einem offenen Schreiben ein, das gegen Überlassung von Wohnsitzen nebst Vieh und Getreide in Thrakien immerwährenden Frieden anbot.

Zugleich aber überreichte er ein vertrauliches Privatschreiben Fritigerns des Inhalts, daß dieser die Wildheit seines Volkes nur dann zu solchem Vertrage bringen könne, wenn der Kaiser zugleich mit Heeresgewalt wider sie heranrücke.

Die zweideutige Botschaft ward zurückgewiesen. Die Sonne des 9. August 378 ging auf. Alle Schätze wurden in die feste Stadt geborgen, wohin auch der Präfekt und die obersten Zivilbeamten sich zurückzogen; Troß und Gepäck wurden mit Bedeckung in ein Lager an der Mauer in Sicherheit gebracht.

Auf unebnen Wegen zog das Heer bei drückender Hitze vorwärts, als es um Mittag am achten Meilensteine (13/5 deutsche Meilen) die kreisförmige Wagenburg der Feinde erblickte. Unter dem Kriegsgeheul der Barbaren ordnete sich die römische Schlachtreihe.

Der durch Terrain und Entfernung behinderte linke Flügel derselben langte nur mit größter Anstrengung noch rechtzeitig an.

Der schlaue Fritigern aber suchte, weil Alatheus und Saphrax, die er zu Hilfe gerufen, noch nicht heran waren, die Schlacht noch zu verschieben, sandte daher wiederum Friedensboten ab, statt deren der Kaiser, weil zu niedern Standes, Höhergestellte forderte. Dies gibt neuen Anlaß zu weiterem absichtlichen Verzuge, damit die erwartete Reiterei indes herankomme und die Römer durch Durst, Hunger und Hitze immer mehr entkräftet würden.

Zu Vermehrung letzterer (?? D.) hatte Fritigern weit umher noch Holzstöße und andere Zündstoffe aufgehäuft, die nunmehr angezündet wurden.

Da kommt noch ein Bote von demselben mit dem Verlangen an, ihm sofort einige ausgezeichnete Männer als Geiseln zu senden, um des passiven Verhaltens der Römer sicher zu sein, wenn er sein Volk, dem frühern Erbieten gemäß, vom Kampfe ab- und der Friedensverhandlung zuwende.Die Stelle lautet: Velut caduceatorem unum e plebe suo misit arbitrio, impetens nobiles quosdam et electos ad se propediem obsides mitti, impavidus ipse vim militarem laturus et necessaria. Diese hat dem Wortlaute nach keinen Sinn, und ist wahrscheinlich verstümmelt. Ist aber das obsides richtig, so kann sie nur so gedeutet werden, wie dies oben geschehen ist.

Der Vorschlag wird gebilligt und der Oberstallmeister Equitius, des Valens Verwandter, von allen zur Absendung empfohlen. Als dieser aber, weil er, bei Debeltus gefangen, sich selbst gelöst hatte, die persönliche Gefahr einwendet, erbietet sich der edle Richomer freiwillig zu Übernahme des gefährlichen Auftrags.

Schon eilt er, den Adel seiner Person und Geburt bewährend, dem feindlichen Lager zu, als ein Teil des römischen Vortrabs, Bogenschützen und Schildner unter Bacurius, eines Iberers, und Cassios Befehl voreilig angreift, bald aber feige zurückweicht. Da ward Richomer zurückbeordert, zugleich aber erschien nun auch »wie ein Blitz von der Höhe« die gotische Reiterei unter Alatheus und Saphrax, durch Alanen verstärkt, die im ersten Ansturm alles niederhieb, was sie vor der Schlachtordnung erreichen konnte. (Ammian c. 12.)

Nun begann der Kampf auf der ganzen Linie durch ungestümen Angriff der Goten, vor dem die Römer zuerst etwas zurückwichen: bald aber wurden sie durch die Führer wieder zum Stehen, selbst zum Vordringen gebracht, so daß die Schlachtreihen eine Zeit lang auf- und abwogten. Schon hatte der linke römische Flügel im Vordringen die feindliche Wagenburg erreicht und würde, in diesem entscheidenden Augenblicke tüchtig unterstützt, diese selbst vielleicht genommen haben, als dessen Reiterei, gegen welche Fritigern in solcher Gefahr die ganze Stärke der seinigen verwendet haben mag, schmählich fliehend das Fußvolk im Stiche ließ. Da war kein Julian, der dieselbe, wie jener bei Straßburg, wieder gesammelt und in die Schlacht zurückgeführt hätte.

Gedrängt, überflügelt, wahrscheinlich selbst im Rücken angegriffen, bewahrte das Fußvolk zwar den Mut und geschlossene Ordnung, ward aber so dicht zusammengeschoben, daß jede freie taktische Bewegung wegfiel, kaum noch das Schwert gezogen werden konnte. Dazu hüllte ein furchtbarer Staub alles in Dunkel: der fliegende Wurfsper der Goten konnte nicht gesehen und pariert werden.

Immer stürmischer der Anprall; immer größer Gedränge und Verwirrung; eine freiere Formierung, selbst mittelst teilweisen, geordneten Rückzugs, nicht mehr möglich. Die Lanzen, welche die hintern Glieder führten, zerbrachen; die Wurfpfeile, wenn sie nicht verbraucht waren, konnten nicht mehr geschleudert werden; nur das Schwert blieb zu Mord und Abwehr noch übrig: doch gestattete der mit Blut überströmte Boden kaum noch einen festen Tritt.

Verzweiflungsvoll drangen die von Hitze, Hunger und Durst gequälten Römer in die feindlichen Haufen ein. Für Flucht war kein Ausweg, nur das eigne Leben so teuer als möglich noch zu verkaufen galt es.

So dauerte es – keine Schlacht mehr, nur noch ein Schlachten – fort, bis das Dunkel des Abends, in Verbindung mit eigner Erschöpfung und dem Plünderungsdurste der Goten, den noch übrigen Römern regelloses Entrinnen nach allen Seiten hin ermöglicht haben mag. Indem dies schon begann, floh Valens zu den Lanceariern und Mattianern, die noch unerschüttert standen. Trajan, der ihn erblickt, ruft: Alles sei verloren, wenn nicht der Kaiser durch schleunigen Succurs herausgehauen werde. Victor, dies vernehmend, führt eilends noch eine in Reserve stehende Kohorte Bataver heran: schon aber ist der Kaiser nicht mehr zu finden, worauf der Feldherr sich zurückzieht; mit ihm oder doch eben so retteten sich Richomer und Saturnin. Valens soll, wie man glaubte, im ersten Dunkel von einem Pfeilschuß schwer verwundet gefallen und nicht wieder gesehen worden sein.

Nach andern soll er noch in ein nahes festes Bauernhaus gerettet und, als die Verfolger die verrammelte Türe, weil sie vom zweiten Stock herab beschossen wurden, nicht sogleich sprengen konnten, durch Anzündung des Gebäudes mit diesem verbrannt worden sein. Einer der »Candidati« (eine bevorzugte Soldatenklasse: namentlich wohl unter der Garde) habe sich durch einen Sprung aus dem Fenster gerettet, den schmerzerfüllten Goten die ihnen entgangene hohe Beute entdeckt und diese Nachricht, als er später wieder entwichen sei, in die Heimat mitgebracht.

Daß dieser Bericht geglaubt worden, ergibt sich aus der Epitome Aurelius Victor (c. 46), Idatius (Fasten) und Sozomenos (IV, 37), während Sokrates (IV, 37) auch die erste Version, nach welcher der Kaiser in der Schlacht geblieben, jedoch in etwas veränderter Weise, mitteilt.

Mit dem Kaiser fanden Sebastian und Trajan, der Oberstallmeister und Hausmarschall, fünfunddreißig Stabsoffiziere, unter ihnen Potentius, der Sohn des hochverdienten Ursicinus, und mindestens zwei Dritteile des Heers den Tod.

Seit dem Tage von Cannä hatte Rom eine solche Niederlage nicht erlitten. (Ammian c. 13.)

Der Bericht unsers Historikers ist keineswegs (wie Tillemont V, 1, Art. 20, p. 210 der Brüssel. Ausg. behauptet) unklar, allerdings aber, wie bei dessen Gefechtsschilderungen fast immer der Fall ist, mehr im Roman- als Militärstil geschrieben, läßt auch manches, wie namentlich die so wichtige Angabe über die Stärke beider Heere, vermissen.

Die Verblendung kleinlichen Neides gegen Gratian war ein Hauptgrund des Verderbens gewesen. Wäre das von jeher bessere, damals siegbewußte Westheer herangekommen, vielleicht wäre der Ausgang anders geworden.

Das eine Heer nicht vor dem andern schlagen zu lassen, wäre die Aufgabe gewesen, die bei so viel festen Anlehnungspunkten auf der großen Straße um so ausführbarer sein mußte, da auch Fritigern nur mit größter Vorsicht, die eine Armee im Rücken, gegen die andere zu operieren vermocht hätte.

Ein anderer Fehler war der durch Fritigerns Schlauheit bewirkte Verzug der Schlacht, die schon Tags zuvor, mindestens in den ersten Frühstunden des neunten, vor Ankunft der Ostgoten, zu liefern gewesen wäre.

Das Treffen selbst ward durch die schmähliche Flucht der Reiterei entschieden. Diese Waffe war stets die schwächste der Römer. Das OstheerDasselbe war an sich schwächer an Reiterei, als das westliche, 43 numeri gegen 48 nach Kap. 7 der not. dign. occid. insbesondere hatte zwar die trefflichste leichte, aber wenig gute schwere Kavallerie. Diese fand sich nur in den germanischen Soldtruppen, welche Gratian gewiß mit sich führte. In deren Ermangelung war, nach des Alatheus Eintreffen, das Übergewicht nicht nur der Qualität, sondern gewiß auch der Zahl auf Seite der Goten.

Von heißem Durste nach des Valens Schätzen getrieben, eilten die Goten am Morgen des 10. nach Adrianopel, wo sie früh zehn Uhr eintrafen. Vor der Mauer lagerte eine große Menge Soldaten und Troßknechte, der man, wohl aus Furcht vor Proviantmangel, den Einlaß verwehrt hatte. Gegen diese beginnt nun der Kampf, der sich, wenn auch die Goten im Vorteil sind, dennoch, weil sie zugleich den Wurfpfeilen und dem Geschütze der Festung ausgesetzt sind, bis drei Uhr Nachmittags hinzieht, als plötzlich ein Haufe von dreihundert Verrätern vom Walle herab zum Feinde übergeht, von diesem aber sofort niedergehauen wird. Endlich endigt ein Gewitter mit furchtbarem Gusse den Kampf.

Die Goten ziehen sich in ihre Wagenburg zurück und versuchen nun fruchtlos den Weg der Kapitulation gegen Zusicherung des Lebens, indes die Belagerten, welche nun auch genügenden (Tags vorher mangelnden) Wasservorrat gewonnen haben, mit äußerster Anstrengung die Verteidigungsmittel verstärken. Da findet sich bei den Goten unter den römischen Überläufern eine Anzahl »Candidati«, welche es übernimmt, unter dem Vorgeben der Flucht in die Stadt zu dringen, um daselbst Feuer anzulegen, damit während des hierdurch erzeugten Tumults die Erstürmung von außen erleichtert werde. Wirklich erlangten sie auch Einlaß, erregen aber durch das Schwanken ihrer Aussagen über die Absichten der Feinde Verdacht und gestehen, mit der schwersten Folter und Tod bedroht, endlich den Verrat.

Vor Ende der Nacht erneuert sich nun am 11. der wütendste Sturm. Weichen die furchtbar beschossenen Barbaren zurück, so führen ihre Häuptlinge sie wieder heran. Ein durch einen Skorpion (eine Art von Balliste) mitten unter sie, wiewohl unschädlich, hineingeschleuderter ungeheurer Stein setzt alles in Schreck und Flucht. Doch bringen die Führer sie zu neuem Angriffe: die Leitern werden angelegt und erstiegen, die Stürmenden aber durch Massen von Steinwerk, das auf sie herabgeschleudert wird, heruntergeworfen und vernichtet.

Das Übergewicht der Stellung und die Geschützmittel der Römer vereiteln jeglichen Versuch, bis am Abend endlich der zuletzt in planloses Wüten ausgeartete Sturm aufgegeben und das Lager wieder aufgesucht wird.

Da hatten die Goten die Richtigkeit von Fritigerns Losungswort: »Friede den Mauern!« erprobt.

Das entschied am nächsten Morgen ihren Abzug nach dem ebenfalls mit Schätzen angefüllten Perinth, was einem großen Teile der Besatzung des überfüllten Adrianopels die Füglichkeit gewährte, in der Nacht auszuziehen und sich auf Wald- und Seitenwegen, teils über Philippopel nach Sardica (jenseits der Pässe von Succi), teils nach Makedonien, wo man den Kaiser vermutete, zu retten.

Auch Perinth fand Fritigern, dessen Klugheit die Hunnen und Alanen durch große Versprechungen fortwährend an sich zu fesseln gewußt hatte, zum Angriffe zu fest: er beschränkte sich daher, unfern der Stadt Lager schlagend, auf Ausraubung der reichen Umgegend.

Darauf zog er vor Konstantinopel, staunte die Pracht und Größe der Stadt von außen an, wagte aber nicht, etwas zu unternehmen. Dazu soll nach Ammian noch ein Wunder (caeleste numen) mitgewirkt haben: eine neuangekommene Sarazenenschar schlug sich bei einem Ausfalle tapfer mit dem gotischen Vortrabe herum. Da nimmt ein bis auf eine Binde um die Hüften völlig nackter, aber auffällig stark behaarter Araber den getöteten Feind und saugt ihm angesichts seiner Landesgenossen das Blut aus, was diese mit ungeheuerm Entsetzen erfüllt habe.

Schon die militärische Klugheit aber gebot dem Gotenheere den Abzug, der denn auch, nachdem dasselbe seit der Hauptschlacht nur Verluste erlitten hatte, erfolgte. Dabei löste es sich wieder in einzelne Raubscharen auf (digressi sunt effusorie), welche nun ihrem furchtbaren Gewerbe in den nordwestlichen Provinzen unbehindert nachgingen.

Um dieselbe Zeit wandte die Entschlossenheit des jenseits des Taurus befehligenden Feldherrn Julius eine möglicher Weise große Gefahr durch eine Greueltat vom Orient ab, indem er auf die Kunde der Unfälle in Thrakien durch Geheimschreiben alle Befehlshaber anwies, die in großer Zahl seit zwei bis drei Jahren daselbst untergebrachten gotischen Jünglinge, welche inzwischen kräftig herangewachsen waren, unter dem Vorwande einer Soldzahlung an einem und demselben Tage auf offenen Plätzen zu versammeln und niederzuhauen, was denn auch überall geschickt vollzogen ward.Zosimus erzählt dies (IV, 35) viel weitläufiger, läßt eine Verschwörung der Goten, die Julius entdeckt habe und diesen darauf erst den Senat zu Konstantinopel befragen. Ersteres ist nicht unmöglich, Letzteres unwahrscheinlich. Wenn derselbe dies Ereignis aber erst in des Theodosius Zeit versetzt, so widerstreitet dies Ammian nicht unbedingt. (Ammian c. 16.)

 << Kapitel 53  Kapitel 55 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.