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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 53
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Drittes Kapitel
Der Einbruch der Hunnen

Aus nordöstlichen Steppen, unzweifelhaft der heutigen kirgisischen, war das Nomadenvolk, das nach Valentinians I. Tod unter dem Namen Hunnen in der Geschichte erscheint, in der Zeit zwischen dem dritten und vierten Jahrhundert gen Europa herangezogen. Weder der Jaik (Ural), vor dessen Mündung die große Weltpforte von Asien nach Europa zwischen dem Ural und kaspischen Meere sich auftut, noch die gewaltigere Wolga, bei den Griechen Rha, bei den Einheimischen Atel genannt, haben deren Vordringen aufgehalten. Jenseits dieses letzern Stroms bis zum DonAmm XXXI, 2 sagt: Hoc transito (d. i. östlich des Don) in immensam extentas Scythiae solitudines (d. i. Steppen) Alani inhabitant. lag nun das weite Gebiet der asiatischen Alanen, das südlich vom Kaukasus, in Ost und West vom kaspischen und schwarzen Meer und den in diese sich ergießenden erwähnten Flüssen und im Norden von eben denselben, die sich bei Sarepta bis auf sieben Meilen einander nähern, begrenzt, einen Flächenraum von etwa 4000 Quadratmeilen einnimmt und heute noch von Ganz- oder Halbnomaden türkisch-tatarischen Ursprungs, den tschernomorischen Kosaken und Kalmucken bewohnt wird. Doch waren die zunächst des Kaukasus sitzenden Alanen nicht die alleinigen Bewohner, sondern nur das herrschende Volk in diesem Gebiete, in dem noch viele andere skythische Stämme umherzogen. Hier müssen nun die Hunnen, nach Agathias, einige Menschenalter hindurch gesessen, also die Alanen sich unterworfen oder mindestens in ein Klientelverhältnis gebracht haben, worüber Ammian, der die asiatischen und europäischen Alanen nicht genau unterscheidet, unklar istNachdem Ammian (XXXI, p. 248) die Alanen ausdrücklich: partiti per utramque mundi plagam genannt hat, beginnt er Kap. 3 mit den Worten: Igitur Hunni, pervasis Alanorum regionibus, quos Greuthungis confines Tanaitos consuetudo nominavit etc. Ob nun diese tanaitischen Alanen europäische oder asiatische gewesen seien, bleibt unklar. Nimmt man an, das Gebiet der Goten habe sich bis zum Don erstreckt, was nach Bd. I, S. 144 f. und sonst nicht zu bezweifeln ist, so müßte man Jene für asiatische halten, weil erst nach deren Besiegung der Einbruch in Ermanarichs Gaue berichtet wird. Ammian kann aber auch bei letzterer Angabe das Immediatgebiet dieses Königs, das Land der Ostgoten selbst, vor Augen gehabt, und zwischen diesen und den, nur der gotischen Oberherrlichkeit unterworfenen, europäischen Alanen unterschieden haben. Mindestens wird diese Meinung durch Jordanis, Kap. 23, S. 96 unterstützt, der die Alanen erst nach dem Übergang über die Mäotis unterjochen läßt.. Raum mögen die neuen und alten Gebieter dadurch gefunden haben, daß die den Alanen unterworfenen Skythenvölker nach Norden hinauf gedrängt wurden, die Hunnen wohl auch teilweise östlich der Wolga sitzen blieben.

Der Übergang der Hunnen von Asien nach Europa erfolgte nach des Agathias (p. 300) bestimmter Angabe am Ausfluß der Mäotis in den Pontus, d. i. über die in den schmälsten Stellen nur ⅝ deutsche Meilen oder 1¼ Stunde breite Meerenge von Kertsch nach der Krim. Dies scheint auch in Jord. (c. 24) Bestätigung zu finden, nach welchem dieselben zuvörderst die Alipzuren, Alidzuren, Itimaren, Tunkasser und Brisker, kleinere skythische Stämme, niederwarfen und dann erst auf die im Kampf ihnen ebenbürtigen, aber in Zivilisation und Körperbildung verschiedenen europäischen Alanen stießen, welche sie durch viele Kämpfe ermüdeten und sich unterwarfen.Alanos quoque pugna sibi pares, sed humanitate, victu formaque dissimiles, frequenti certamine fatigantes subjugavere.

Da letztere sicherlich bis an den Pontus saßen, weil ein mächtiges Volk sich die Seeküste nicht entreißen läßt, so müssen die vorbenannten kleinern Völker oder Gaugemeinden in der Krim gesucht werden, welche die Hunnen, ohne sich gegen die befestigten griechischen Städte an der Küste zu wenden, in nordwestlicher Richtung durchzogen, über die Landenge von Perekop in das Gebiet der europäischen Alanen eindringend.

Die von Priscus nach Jordanis (c. 24) berichtete SageDie betreffende Stelle findet sich in den uns aus Priscus erhaltenen Fragmenten nicht. Die p. 199 der Bonn. Ausg. ersichtliche, welche einer frühern Raubfahrt der Hunnen nach Medien gedenkt, gehört erst der Zeit nach dem Einbrüche derselben in Europa an.In Attilas Lager, wo die Gesandten des römischen Ost- und Westreichs zusammentreffen, erzählt einer der letzteren, Romulus, um zu beweisen, daß Attilas Gebiet von Persien nicht allzuweit entfernt sei, von einer frühern (πάλαι) Raubfahrt der Hunnen nach Medien. Da er aber ausdrücklich hinzufügt, sie sei um deswillen möglich gewesen, weil sich Rom damals, wegen eines andern Kriegs, nicht in Krieg mit den Hunnen befunden habe, so muß dieselbe unzweifelhaft der Zeit nach dem Einfall in Europa angehören.« (daß eine vor den Jägern flüchtige Hirschkuh eine zu Fuß passierbare Furt gezeigt habe), welche dieser siebzig Jahre später bei den Hunnen, unter denen er lange verkehrte, vernommen haben wird, dürfte hiernach freilich unwahr sein, da jetzt mindestens Kauffahrteischiffe jene Meerenge passieren und die Untiefe seit 1500 Jahren eher zu- als abgenommen haben wird.

Auffällig freilich, daß die Hunnen, welche bereits über die viel mächtigere Wolga gesetzt hatten, nicht den Don oberhalb seiner Mündung zum Übergangspunkte wählten. Da das asowsche Meer jedoch gegen vierzig Meilen lang ist und gewiß kein durchdachter Kriegsplan, sondern nur ein Einfall des Augenblickes das Unternehmen veranlaßte, so mögen die an dessen Südende sitzenden Hunnen die Gelegenheit in der Nähe der ihnen noch wenig bekannten günstigern in der Ferne vorgezogen haben.

Die Alanen, d. i. hier die europäischen, wurden nun, wie Ammian (zu Anfang des 3. Kap.) berichtet, nach schweren Verlusten zu einem Bündnisse mit den Hunnen gebracht. Dies blieb auch die spätere Politik letzterer mit bezwungenen streitbaren Völkern, denen sie, gegen Anerkennung der Oberherrlichkeit und gegen Leistung von Kriegshilfe, eine gewisse nationale Freiheit gönnten.

Ähnlich war gewesen das alte Verhältnis der römischen Republik zu ihren italienischen Bundesgenossen, welche sich dabei ebenfalls, oft wenigstens, zu Anerkennung der Majestät des römischen Volkes verpflichten mußten (Majestatem populi Romani colunto).

Die Zeit des Einbruchs der Hunnen in Europa ist mit Sicherheit nicht zu bestimmen.

Nachdem Ammian, der im Allgemeinen in der Chronologie sehr zuverlässig ist (am Ende des 30. Buchs), Valentinians I. Tod am 17. September 375 und die Erhebung von dessen vierjährigem zweiten Sohne Valentinian II. zum Mitkaiser berichtet hat, kommt er (zu Anfang des 31.) auf den Hunneneinbruch in das Gotenland und Ermanarichs Ende.

Deshalb nimmt man für dieses ebenfalls das Jahr 375 an, was im Allgemeinen ungefähr richtig ist. Weil Ammian aber im Einzelnen nicht genau annalistisch, sondern in stofflichem Zusammenhang schreibt, so würde für jenes Ereignis auch ein etwas früheres Jahr angenommen werden können.

Da nun aus Idatius Fasten und Orosius (VII, 33)Das dreizehnte Regierungsjahr des Kaisers Valens, d. i. vom 28. März 376 bis dahin 377 das Jahr 376 die Übergangszeit der Westgoten auf römisches Gebiet feststeht, so muß nach dem Verlaufe der nachstehend zu berichtenden Zwischenereignisse (wie Köpke S. 108 mit Recht annimmt) das Jahr 373 oder spätestens Anfangs 374 als die Zeit des Einfalls bestimmt werden.

So haben wir die Hunnen bis an das Ostgotenland gebracht: hören wir nun, wie Ammian (XXXI, 2) sie schildert:

die Hunnen übertreffen alles, was man sich nur als noch so barbarisch und wild vorstellen kann. Mit eisernen Werkzeugen durchfurchen sie die Backen ihrer neugeborenen Kinder, damit die Barthaare durch die Narben unterdrückt werden, auch haben sie bis zum Greisenalter ein glattes nacktes Kinn wie Verschnittene. Ihr untersetzter Körper mit außerordentlich starken Gliedern und einem unverhältnismäßig großen Kopfe gibt ihnen ein monströses Ansehen. Man könnte sie Tiere auf zwei Beinen oder Abbilder jener schlecht zugehauenen Holzfiguren nennen, mit denen man die Brückengeländer schmückt. Überhaupt sind sie Wesen, die, obgleich mit einer menschlichen Gestalt versehen, im Zustande der Tierheit leben. Zur Zubereitung ihrer Speisen kennen sie weder Gewürz noch Feuer; Wurzeln von wilden Pflanzen und rohes Fleisch, das sie zwischen ihren Sätteln und dem Rücken ihrer Pferde mürbe machen, bilden ihre Nahrung. Auch bewohnen sie weder Häuser noch Hütten, denn jede Mauereinschließung erscheint ihnen wie ein Grab. Nicht einmal eine mit Rohr gedeckte Hütte findet sich bei ihnen. Fortwährend durch Berge und Wälder schweifend verändern sie unaufhörlich ihre Wohnsitze: oder vielmehr sie haben deren keine und sind deshalb von Jugend auf Frost, Hunger und Durst zu ertragen gewöhnt. Ein fremdes Dach betreten sie nur im äußersten Notfalle, weil sie sich darin nicht für sicher halten. Ihre Kleidung besteht in einem einzigen leinenen Unterkleid und in einem Mantel von aneinander genähten FellenEx pellibus silvestrium murium, worunter hier nicht etwa nur Mäuse oder Ratten (nach Thierry), sondern alle zur Gattung der Nager gehörigen Arten, also auch Marder, Zobel usw. zu verstehen sind. wilder Tiere. Das Unterkleid ist von dunkler Farbe und verfault auf ihrem Leibe: sie wechseln es nicht, wenn es nicht von ihnen abfällt. Ein halbkreisförmiger(Incurvus: nicht: »glatt« wie die I. Auflage. D.) Helm und Bockfelle, die ihre haarigen Beine schützen, vervollständigen ihren Anzug. Ihre Fußbekleidung, die ohne Form und Maß zugeschnitten ist, hindert sie so, daß sie nicht marschieren können: weshalb sie auch durchaus unfähig sind, als Fußgänger zu kämpfen, während man sagen könnte, daß sie auf ihren kleinen, häßlichen, aber unermüdlichen Pferden wie angenagelt sitzen. Zu Pferde bringen sie ihr Leben zu, bald rittlings, bald seitwärts sitzend wie die Frauen; zu Roß Tag und Nacht treiben sie alles, kaufen und verkaufen, essen und trinken, ja sie schlafen und träumen, auf den Hals ihrer Pferde hingebeugt. Selbst ihre Volksversammlungen halten sie zu Pferd ab. Sie stehen nicht unter strengem königlichen Befehle: zum Kampf aber stürzen sie sich unter Führung ihrer Häuptlinge ohne Ordnung und Plan und werfen sich unter Ausstoßung eines fürchterlichen Geschreies auf den Feind. Finden sie Widerstand, so zerstreuen sie sich mit Absicht, um jedoch mit dem nämlichen Ungestüm zurückzukehren, wobei sie alles, was ihnen auf ihrem Wege begegnet, über den Haufen werfen und niederreiten. Indessen wissen sie weder einen festen Platz zu erstürmen noch ein verschanztes Lager einzunehmen. Nichts gleicht der Gewandtheit, mit welcher sie in weiten Entfernungen ihre sehr künstlich und fest in spitze Knochen auslaufenden Pfeile abschießen. Im Handgemenge kämpfen sie, ohne Rücksicht auf eigene Deckung, mit einem Schwert, das sie in der einen Hand halten, und mit einem Strang, den sie in der andern führen, und womit sie ihren Feind, während er ihre Hiebe zu parieren sucht, umschlingen und unschädlich machen oder niederreißen.

Den Ackerbau kennen sie gar nicht, ziehen vielmehr, ohne irgend einen festen Wohnsitz, fortwährend mit den Karren umher, in welchen sie wohnen. In diesen fertigen die Frauen die Kleider; hier empfangen sie die Umarmungen ihrer Gatten; hier bringen sie ihre Kinder zur Welt und erziehen sie bis zur Mannbarkeit. Fragt diese Leute, woher sie kommen, wo sie empfangen oder geboren sind – sie werden es euch nicht sagen können: sie wissens nicht. Die Hunnen sind unbeständig, treulos im Waffenstillstand, unstet wie der Wind, ganz von der Wut des Augenblickes fortgerissen. Ebensowenig wie die Tiere wissen sie, was ehrbar oder unanständig ist. Ihre Sprache ist undeutlich und verworren. Was ihre Religion anlangt, so haben sie keine oder üben wenigstens keinen Kultus aus: ihre vorherrschende Leidenschaft ist Gold.«

Vergleichen wir diese Schilderung mit der chinesischen der Hiong-nu – welche merkwürdige Übereinstimmung! Vor allem in dem ein uraltes Reitervolk kennzeichnenden ausschließlichen Leben zu Roß und der dem entsprechenden Kriegstaktik tritt uns diese lebendig entgegen.

Nur die körperliche Mißgestalt, der anscheinende Mangel an Königtum und die äußerste Roheit deuten auf scheinbare Verschiedenheit.

Vergessen wir dabei aber Zweierlei nicht. Nationalabscheu vor den höllischen Unholden hat das Bild gemalt, welches Ammian uns mitteilt. Dieser, der unter Valens noch im Orient diente, hat mit dessen Tod im Jahre 378, nach mindestens dreißigjährigemWeil er im Jahre 355 nach Amm. XV, 5 bereits einen Vertrauensposten bekleidete. Kriegsdienste, wahrscheinlich seine militärische Laufbahn beschlossen und darauf in Rom sein ebenfalls mit dem Jahre 378 abschließendes umfängliches Werk geschriebenDaß Ammian in Rom schrieb, wird durch des Libanius Schreiben an ihn (abgedruckt auf der zweiten Seite von Heinrich Valesius Vorrede in der Gronovschen Ausg.) erwiesen. Daß er das XXVI. Buch in oder nach dem Jahre 390 geschrieben, ergibt sich daher, daß er c. 5 den Neotherius postea consul nennt, was dieser erst in gedachtem Jahre geworden ist., für dessen erstere, uns verlorene Hälfte mindestens derselbe umfassender Studien bedurfte. Allerdings kommen im Theodos. Codex (c. 41 de appellat.) und im Justinianischen (XI, 27) Rescripte vom Jahre 383 vor, die an einen A. Marcellinus comes rerum privatarum, d. i. Domänenminister, gerichtet sind, woraus jedoch bei der häufigen Gleichheit der Namen im römischen Reiche auf die Identität der Person mit Sicherheit nicht zu schließen ist, wie denn auch Tillemont (V, 1, S. 224), unter Beziehung auf J. Gothofredus, sie mit Recht bezweifelt.

Unter allen Umständen haben wir genauere auf Autopsie beruhende Kenntnis der Hunnen bei ihm nicht vorauszusetzen.

In dessen Schilderung werden die charakteristischen Züge der tungusisch-mongolischen Gesichtsbildung nicht erwähnt: die Bartlosigkeit wird mehr als absichtliche Vertilgung denn als Mangel an natürlichem Wachstum des Bartes dargestellt, dagegen der behaarten Beine gedacht. Abgesehen übrigens davon, daß die ursprüngliche physiologische Bildung der Turks von der tungusisch-mongolischen nicht wesentlich verschieden gewesen sein dürfte, kann auch der zuerst einbrechende Schwarm dieses Mischvolkes ganz tungusischen Stammes gewesen sein, wie ja auch die spätern Mongolen die Tataren stets als Avantgarde brauchten. Die ganze von Nationalhaß diktierte Beschreibung sucht überhaupt nur die höchste Roheit, äußere Entstellung und die ungeschickte Ungeschlachtheit dieses ganz zu Roß lebenden Volkes in Gang und Wesen darzustellen.

Dessen Wildheit (feritas) aber mag ebenso wie das geschwächte Königtum aus dem jahrhundertelangen Treiben in der kirgisischen Steppe hervorgegangen sein, wo sie nicht, wie die alten Hiong-nu, auch über Kulturvölker herrschten und chinesische Zivilisation zur Seite hatten. Eines obersten Herrschers entbehrten die Hunnen aber auch nicht, da Jordanis zweimal (c. 24 und 48) Balamber als deren König aufführt.

Eines Balamerus als Herrschers der Skythen, der mit Rom kriegt und später ein Bündnis gegen Tributzahlung abschließt, gedenkt auch Priscus in seiner Geschichte (p. 217 d. B. A.), doch gehört dieses Fragment (9.) einer spätem Zeit an, wenn es nicht etwa nur aus Versehen in die jetzige Reihenfolge gestellt worden sein sollte.

Bemerkenswert sind noch zwei eigentümliche Züge, welche Ammian (XXXI, 2) allerdings nur von den asiatischen Alanen hervorhebt, die Verachtung des Alters und der Stolz auf erlegte Feinde, mit deren Kopfhaut sie die Pferdedecken zierten, Züge, welche die Sinologen gerade auch von den Hiong-nu berichten. Da die Römer diese Alanen jedoch nur in Verbindung mit den Hunnen kennen lernten, ist Übertragung von einem Volke auf das andere hierbei leicht möglich.

Wir kommen zum Verlaufe der Geschichte.

Schon brauste der Hunnensturm heran, als Ermanarich auf dem Gipfel seiner Größe die Empörung eines ihm unterworfenen Volkes, das Jordanis (c. 24) Rosomonen nennt, mehrere Herausgeber aber in Roxalanen verwandelt haben (s. Kap. 1, Anm. 465, zu unterdrücken und zu bestrafen hatte. Einer der Anführer, unstreitig ein Häuptling, war entwichen: da ließ der wutentbrannte König dessen Weib Svanhild von Pferden zerreissen, worauf deren Brüder Sarus und Ammius, von Blutrache entzündet, den Grausamen durch Schwertstoß verwundeten. Dies wahrnehmend, dringt Balamber der Hunnenkönig in das Gotenland ein: und Ermanarich, wundenkrank, auch dem Angriffe nicht gewachsen (etiam incursiones Hunnorum non ferens) stirbt im hundertundzehnten Jahre. So Jordanis (c. 24) (selbstverständlich mehr Heldensage denn Geschichte. D.).

Ammian dagegen läßt ihn nur, von der Gewalt des Sturms erschüttert, nachdem er längere Zeit zu widerstehen versucht, indem das Gerücht die bevorstehende Schrecknis (wohl durch Verkündung des Anzugs neuer Horden) noch erhöht habe, seinem Leben freiwillig ein Ende machen.

Daß Cassiodor, der Lobredner der Goten, den Selbstmord in natürlichen Tod verwandelt hat, ist wohl zu glauben, während wir den in des Jordanis Auszug vorher erwähnten Vorfall mit Svanhild und deren Brüdern, bei den speziellem Quellen des gotischen Geschichtsschreibers, nicht für rein erdichtet (sondern für sagenhafte Ausschmückung geschichtlicher Grundlagen D.) halten. Dies findet durch die in der Edda (in Gudhrúnarhvöt und Hamdismál) uns aufbewahrte Heldensage Bestätigung, die man am vollständigsten und übersichtlichsten in der der jungem oder prosaischen Edda beigefügten Skalda (c. 39–42) zusammengestellt lesen kann. Nach dieser verbindet sich Gudrun (Chrimhild der Nibelungen), nachdem sie zuerst mit Sigurd (Sigfrid), dann mit Atli (Attila) vermählt war, in dritter Ehe mit König Jonakr, in dessen Land sie zu Wasser gelangte. Um ihre Tochter Svanhild freite König Jörmunrek (Ermanarich) der reiche, ließ sie aber, wegen Verdachtes der Untreue, von Rossen zerstampfen (nicht zerreißen), worauf Gudrun ihre Söhne Sörli und Hamdie (Sarus und Ammius) zur Blutrache durch Tötung Jörmunreks anreizt. Stimmt auch diese Sage mit des Jordanis historischem Bericht, vor allem der Zeitfolge nach nicht genau überein, so ist doch kaum zu bezweifeln, daß es dieselbe geschichtliche Tatsache ist, welche ihr zu Grunde liegt (s. den aeldre Edda ed. Munch. Christiania 1847. S. 160–166).

Wie dem auch sei, tragisch war jedenfalls das Ende des großen Herrschers nach so langem und glücklichem Siegeslaufe.

Auf Ermanarich folgte der Enkel seines Bruders Vultulf (vergl. die Stammtafel der Amaler bei Dahn II, S. 116), den Jordanis Vinitharius, Ammian aber Vithimir nennt, was offenbar dieselbe Person ist.

Dieser unterwirft sich, nach des Jordanis ausführlicherer Erzählung (c. 48), zunächst, wenigstens dem Namen nach, den Hunnen, greift aber bald darauf (vermutlich um seine Macht zu stärken) benachbarte Anten (Slaven) an, wird zuerst geschlagen, siegt aber schließlich und läßt den feindlichen König Boz mit seinen Söhnen und siebzig der Vornehmsten an das Kreuz schlagen, um die Unterworfenen durch den Anblick der hängenden Leichname zu schrecken. Als er aber kaum ein Jahr lang geherrscht, schreitet Balamber, solche Eigenmacht des Dienstmannes nicht duldend, wider ihn ein. Dem Hunnenkönig war Hunimund, Ermanarichs Sohn, mit einem großen Teile der Ostgoten, seines Eides eingedenk, treu geblieben: und durch ein Heer dieser verstärkt zieht Balamber gegen Vinithar. Dieser siegt zunächst in zwei Schlachten, in der dritten am Flusse Erac aber lockt ihn Balamber anscheinend in einen Hinterhalt (subreptionis auxilio) und tötet ihn (durch listigen Überfall D.), nachdem er schon durch einen Pfeilschuß am Kopfe verwundet worden. Darauf vermählt sich der Sieger dessen Nichte Valadamarka und herrscht von da an in Frieden über das gesamte Gotenvolk, jedoch so, daß über letzteres ein eigner Unterkönig, wenn auch unter hunnischer Oberhoheit, gebietetJam omnem in pace Gothorum populum subactum possedit, ita tamen, ut genti Gothorum semper unus proprius regulus, quamvis Hunnorum consilio, imperaret. (Jord. c. 48).

Hiervon abweichend und weit kürzer berichtet Ammian a. a. O., daß Vinithar, durch hunnische Haufen, die er in Sold genommen, verstärkt, eine Zeit lang den Alanen widerstanden habe, nach mehreren Niederlagen aber besiegt worden und in der Schlacht geblieben sei. Auch hier dürfen wir wohl der umständlicheren Erzählung des Ersteren nach Cassiodor folgen und nur Vinithars Siege für tendenziöse Übertreibung (? – Heldenlieder D.) ansehen.

Von den fernern Gotenkönigen bemerkt Jordanis a. a. O., daß auf Vinithar Ermanarichs Sohn, der tapfere Hunimund, gefolgt sei, der mit Glück gegen die SuebenBei Jordanis großer Unklarheit ist nicht zu ermitteln, welches suebische Spezialvolk hier gemeint sei. (Markomannen und Quaden?) gestritten habe: und diesem wiederum dessen Sohn Thorismund, der im zweiten Jahre seiner Regierung einen großen Sieg über die Gepiden erfochten, in der Blüte der Jugend aber durch einen Sturz mit dem Pferde umgekommen sei. Diesen hätten nun die Ostgoten so tief betrauert, daß sie vierzig Jahre lang keinen König wieder erwählt hätten.

Ammian läßt diese der Zeitgeschichte nicht angehörenden Begebnisse unerwähnt, bemerkt hierbei vielmehr (c. 3) nur, daß nach Vithimers Tode Alatheus und Saphrax, zwei bewährte Heerführer, die Sorge für dessen kleinen Sohn Viterich übernommen und mit diesem, jede Hoffnung des Widerstandes aufgebend, an den Dnjestr (d. i. unstreitig jenseits desselben) sich zurückgezogen hätten.

Letzteres Anführen wird dadurch sehr wichtig, daß sich hiernach das achtzig bis neunzig Meilen breite Land zwischen Don und Dnjepr als das erste Kriegstheater der Hunnen und Goten unter Ermanarich und Vinithar ergibt, da Alatheus und Saphrax nur in größerer Entfernung Sicherheit zu finden hoffen konnten. Dies entspricht auch der Natur der Sache, da der Zusammenstoß von der östlichen Grenze her erfolgt war. Vinithars Mediatgebiet mag nördlicher gelegen haben, von wo aus er die unzweifelhaft vorher schon von Ermanarich bezwungenen Slaven sich wieder zu unterwerfen suchte. Sollte der erste Krieg übrigens, was aber nicht zu vermuten ist, selbst bis über den Dnjepr hinaus sich erstreckt haben, so ging er doch sicherlich nicht bis über den Bug.

Noch waren die Westgoten unberührt, das schwere Gewitter aber im Anzuge.

Im Osten ihres Gebiets war, wie wir schon bei dem Feldzuge des Jahres 369 gegen Valens sahen, Athanarich der oberste Führer der Westgoten (Judex Thervingorum). Dieser rüstete zu kräftigem Widerstande, wozu er sich in einer am obernDas ergibt sich nicht nur aus dem Worte longius bei Amm. 3: Castris prope Danasti margines ac Greuthungorum vallem longius, d. i. in weiterer Entfernung opportune metatis, weil die Hunnen wahrscheinlich aus der untern Gegend zwischen Bug und Dnjestr herangezogen, sondern sicherer noch aus dem folgenden Rückzug in das Gebirge, welchem sich, einem Reitervolke gegenüber, zu nähern ohnedies Kriegsraison war. Ufer des Dnjestr (jedenfalls dem rechten) in der »Tal der Greuthungen« genannten Gegend verschanzte, woraus wir, wie schon früher sich ergab, ersehen, daß letztere teilweise auch westlich des Dnjestr saßen. Von hier entsandte er Munderich, der später als römischer General an der arabischen Grenze befehligte, mit der Vorhut, unzweifelhaft auserlesener Reiterei, zur Beobachtung der anrückenden Feinde, indes er sich zum Kampfe bereitete.

Die kriegserfahrenen Hunnen, dessen Gewalthaufen weiter entfernt vermutend, griffen diesen Vortrab aber nicht an, sondern legten sich scheinbar achtlos zur Ruhe, brachen aber in der Nacht auf, gingen bei Mondschein durch eine Furt über den Fluß und stürzten sich blitzschnell auf den jeder Kunde ihres Anzugs entbehrenden Athanarich. Überrascht und erschreckt sah sich dieser zum Rückzug in das Gebirge gezwungen.

Von hier an wird Ammian, wohl von seiner Quelle verlassen, etwas unklar.

Er läßt nun Athanarich an den obern Cherasus, unstreitig den Sereth, Hierasus des Ptolemäus (III, 8, 4In Ptolemäus (III, 8) findet sich östlich der Aluta nur ein einziger Fluß, der ‘Ιέρασις, angegeben, während in Wirklichkeit der Sereth und Pruth vorhanden sind, welche östlich und westlich von Galacz in nur etwa drei Meilen Entfernung von einander in die Donau fließen. Da sich jedoch zwischen beiden jetzt noch ein See findet, so ist es wohl denkbar, daß sich jene früher in und durch diesen vereinigt in die Donau ergossen haben, daher von ihm irrtümlich nur als ein Fluß betrachtet worden sind. Herodot dagegen nennt daselbst (IV, 48) den Πόρας oder Πυρετός, der offenbar der Pruth ist, während wir, an der Ähnlichkeit zwischen dem alten und neuen Namen festhaltend, die sich bei der Bezeichnung der Flüsse so vielleicht bewährt, den Hierasus für den Sereth halten.

Das betreffende Kapitel des Ptolemäus ist übrigens, was die Ostgrenze Dakiens betrifft, wofür wir, v. Spruner folgend, stets den Dnjestr oder Tyras angenommen haben, äußerst dunkel. Auffällig daher, daß die Schriftsteller über alte Geographie, die freilich mehr Philologen als Geographen sind, dies weder hervorgehoben noch aufzuklären gesucht haben. Uckert sagt (III, 2. Abth., S. 603) Hierasus: Pruth oder Sereth.

Für die historisch-militärische Frage ist dies übrigens ziemlich gleichgültig, weil sich, wie die Mündungen, auch die Quellen beider Flüsse nahe berühren. (Siehe Forbiger III, S. 1103.)

), zurückweichen und an diesem bis an die Donau bei dem Lande der Taifalen in der östlichen Wallachei vorüber eine hohe Mauer aufführen. Ein solches Werk bei sechzig Meilen Entfernung mitten im Kriegsdrange auch nur unternehmen zu wollen, wäre Torheit gewesen.

Indes findet sich zwischen der Bukowina und Donau ein viel stärkeres Schutzwerk als eine solche Mauer: das Grenzgebirge zwischen Siebenbürgen und Moldau, wie ein zwanzig bis fünfundzwanzig Meilen breiter Keil in das Flachland hineingeschoben, südlich dessen wiederum die Aluta, in ihrem untern Laufe wenigstens, eine bessere Grenzwehr gewähren mußte. Vermutlich hat daher Athanarich nur die Pässe und sonst zugänglicheren Stellen im Gebirge und vielleicht auch einzelne Strecken südlich Siebenbürgens durch Mauern oder sonstige Schutzwerke zu sichern gesucht.

Während der Ausführung zogen nun auch die Hunnen, welche indes das reiche Land ausgeplündert und alles, was sie an Einwohnern erreichen konnten, mit Weib und Kind hingewürgt hatten (Eunapius, p. 48) wider Athanarich heran und würden jene Schutzmaßregeln gewiß behindert haben, wenn sie nicht, mit Beute beladen, diese in Sicherheit zu bringen vorgezogen hätten.

Wie ein Blitz aus heiterem Himmel schlug die Nachricht von dem fremden wilden Volke, das, wie ein Wirbelsturm von den Berggipfeln herab, alles niederwerfe und vernichte, in die Gemüter der übrigen Gotenvölker. Man verlangte heiß nach Rettung und da es in Athanarichs Versteck überdies an Lebensmitteln fehlte, verließ ihn, wahrscheinlich nicht ohne Einfluß des alten Zerwürfnisses mit Fritigern, der größte Teil der Westgoten und beschloß, nach längerer Beratung, in dem fruchtbaren und weidereichen Lande jenseits der Donau, also in römischem Gebiet, Zuflucht zu suchen.

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