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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 52
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Zweites Kapitel
Über den Ursprung der HunnenEine Zusammenstellung der Quellen des Abendlandes über den Ursprung der Hunnen findet sich in der unter dem Titel: Aborigines etc. incunabula Magyarorum von dem k. Bibliotekar F. Fejér zu Ofen. Budae 1840, herausgegebenen Schrift, den die früher allgemein angenommene Herkunft der Ungarn von den Hunnen auf den Ursprung letzterer einzugehen nötigte – ein Werk von seltenem Fleiß, aber nicht gleichem Urteil. Im IV. Abschnitte, S. 31, wird darin auf Grund verschiedener Zeugnisse Kleinasien als Ursitz der Hunnen angegeben.

Schon in einer Inschrift zu Ehren des großen Sesostris (Seti Miemptah, Bd. II, S. 140) im Palaste zu Karnak in den Ruinen von Diospolis aus dem Ende des vierzehnten Jahrhunderts vor Chr., heißt es, komme ein Volk Unna vor. (S. Rosellinis Kupferwerk III, Taf. 46–61.)

In der von Lassen entzifferten Keilschrift von Persepolis (die altpers. Keilschrift v. Persepolis, Bonn 1856, S. 89 u. f.) würden ferner unter den dem Darius Histaspis tributpflichtigen Völkern die Hunae aufgeführt. Nach Ritter, welcher VIII, S. 84–105 diese Inschrift weitläufig behandelt, muß deren Sitz – der Reihenfolge nach – um die Quellen des Araxes und Euphrat, also im Hochgebirge Armeniens angenommen werden.

Diese Gegend gehörte zur 19. Satrapie Herodots III, 94, in der nebst drei andern Völkern auch die Tibarener und Moscher saßen, welche die TalmudistenDie Zeit der Abfassung des Talmud ist nicht genau bekannt, jedenfalls erfolgte deren Abschluß erst um 500 n. Chr., fällt also in eine Zeit, da die Hunnen bereits auch in Europa bekannt waren. Das Anführen dieses Namens ist übrigens ein sehr vages. für Hunnen erklären (Ritter a. a. O. und Fejér, S. 83). Die Kritik findet hierbei manches zu erinnern. Die Inschrift enthält zuvörderst kein Verzeichnis von Völkern, sondern ein rein administratives der Steuerbezirke, von denen zwei nach Städten, Babylon und Arbela, fünfzehn nach Provinzen, z. B. Media, Bactria, und nur neun nach bekannten oder unbekannten Völkern bezeichnet sind.

Der so gründliche Herodot dagegen führt in seiner Beschreibung der zwanzig Satrapien Persiens III, 90–94 gegen siebzig Volksnamen auf, worunter sich die Hunae nicht finden.

Ob man hiernach aus der Pluralendung Hunae allein mit Sicherheit auf einen Volksnamen schließen könne, wofür irgend ein andrer Grund wenigstens nicht vorliegt, lassen wir dahin gestellt sein, erachten jedoch den Beweis für ein Volk dieses Namens unter den Persern, ganz abgesehen noch von der Möglichkeit eines Irrtums der Entzifferung, jedenfalls für einen höchst unsichern.

Endlich, fährt Fejér S. 33 fort, erwähne auch Herodot in dortiger Gegend zweimal, III, 93 als tributpflichtige, und VII, 68 im Heere des Xerxes die Utier (Ούτιοι). Dies Zitat ist geradezu unrichtig. Nicht in der 13. (F. sagt sogar die 12.), die Armenien umfaßt, erwähnt Herodot die Utier, sondern in der 14. südlichern, zu welcher auch die Inseln im roten Meere gerechnet werden. Damit scheint auch übereinzustimmen, daß VII, 68 dieselben Utier nach den nördlichem Völkern unmittelbar vor den Arabern aufgeführt werden.

Unter diesen ältesten Zeugnissen könnte hiernach selbstredend nur das der Inschrift zu Persepolis an sich einige Beachtung verdienen.

Späterhin sollen nun nach Fejérs Ansicht, S. 33, diese kleinasiatischen oder armenischen Gebirgshunnen schon vor Christi Geburt in das asiatische Skythien ausgewandert sein, weil Dionysius Periegetes in seinem Gedichte Περιήγησις οικουμένης von 730 der Ούννοι am Ausflusse (ad ostium) des kaspischen Meeres erwähne. Diese Lesart ist aber unsicher, die Handschriften haben teils Ώννοι, teils Θου̃σοι; daß aber der Anfangsbuchstabe θ der richtige ist, ergibt sich aus Priscians lateinischer Übersetzung dieses Gedichtes vom Ende des fünften Jahrhunderts, worin der Name, je nach den Handschriften, Thymus, Thynus, Thinus geschrieben ist. (Vergl. Zeuß, S. 327.) Dieser wichtige Zweifel findet freilich in der Ausgabe des Dionysius Periegetes und Priscian durch Bernhardi keine Bestätigung, da derselbe in beiden Unnae liest, ohne sich jedoch über die Gründe für diese Lesart zu verbreiten. Die Zeit jenes Schriftstellers ist aber völlig ungewiß; die alte Meinung, er sei ein Zeitgenosse Augusts gewesen, längst verworfen: Bernhardi hält ihn für dreihundert Jahre später; Müller, Geograph. Graeciae minor., setzt ihn unter Domitian.

Auf den in dieser Quelle ganz abgerissen vorkommenden Namen dürfte daher, abgesehen von der Unzuverlässigkeit eines Dichters an sich, kein entscheidender Wert zu legen sein. Um den Katalog unfruchtbarer Zitate noch zu vermehren, führen wir übrigens noch an: Plinius H. N. VI, 20, 55: Ab Attacoris gentes Chuni et Thocari et jam Indorum Casiri introrsus ad Scythas. In Silligs Ausgabe steht zwar statt Chuni oder auch Thini: Phruri, dies ist aber eine rein willkürliche, nicht gerechtfertigte Lesart. Die Thocari sind die von Ritter im VII. Bande weitläufig besprochenen Tocharen am Fuße des Belurtagh. Die Attacoren unstreitig die Uttarakâra, ein nordindisches Volk, die Casiri, nach Benfeys Vermutung verschrieben für Caspiri, d. i. Bewohner von Katzjapapura (Kaschmir).

Auch erwähnt Lassen (indische Alterth. II, Anh. S. 15) Hûna im Matsja-Purna als in Indien herrschend, welche er für die tübetanischen weissen Hunnen erklärt.

Für die Erklärung der lebendigen Macht eines Weltereignisses wie der Hunnensturm ist aus solchen toten, übrigens ganz unsichern und vagen Notizen wenig zu gewinnen.

Noch schwächer sind endlich die ’Ου̃τιοι des Strabo VII, § 7, p. 614 in Hyrcanien am Südende des kaspischen Meeres, (wiederum im Gebirge) und vollends die Χου̃νοι des Ptolemäus III, 5, § 25 in Bessarabien, Podolien oder der Ukraine.Daß sie ungefähr dort, jedenfalls westlich des Dnjepr saßen, ergibt sich unzweifelhaft aus diesem Kapitel.

Von den vorerwähnten Quellen geht nun Fejér auf die der historischen Hunnenzeit über.

Sonderbar, derselbe Schriftsteller, der an mehreren Stellen, z. B. S. 11, 12 und 30, jede historische Schlußfolge auf bloße Namensähnlichkeit hin verwirft, verfällt doch selbst auf das Stärkste in denselben Fehler.

Wie kann man aus der Ähnlichkeit nur auf die Identität eines Namens, geschweige denn auf die des Volkes selbst schließen?

Hätte nun auch wirklich unter Darius im Jahre 520 v. Chr. ein Völkchen oder richtiger wohl nur eine besonders benannte Volksabteilung im kappodokisch-armenischen Hochlande unter dem Namen »Hunae« gesessen, – wer wird daraus folgern wollen, daß das 8–900 Jahre spätere gewaltige Nomaden- und Reitervolk der Hunnen, das seinen Ursprung aus der Steppe so deutlich bekundet, aus jenem hervorgegangen sei?

Von mehr, unsers Erachtens sogar großer, Bedeutung ist das Vorkommen der Hiong-nu bei Ammian unter dem Namen Chioniten, Chionitae, was von keinem der bisherigen Forscher (und auch von uns erst in Folge der Aufschlüsse Prof. Schotts) wahrgenommen worden ist. Da der Name dieses Volkes nämlich nach der chinesischen Aussprache eigentlich Chiong-nu zu schreiben gewesen wäre, so hat ihn Ammian bis auf die latinisierte Endung, welche die Römer allen Fremdnamen gaben, vollständig und getreuDas von den Franzosen, welche den Namen zuerst in Buchstaben schrieben, angehängte g Chiong soll nur den Nasenlaut bei Aussprache des on angeben. wiedergegeben.

Hier ist also nicht bloße Ähnlichkeit, sondern wirkliche Identität des Namens vorhanden.

Fünfmal nun erwähnt dieser Schriftsteller die Chioniten in der Geschichte der Verhandlungen und Kriege mit Persien von 357 bis mit 359 namentlich, und zwar XVI, 9 a Schl., XVII, 5, XVIII, 6, XIX, 1 u. XIX, 2, zweimal aber ohne deren Nennung, jedoch unter zweifelloser, aus dem Folgenden und beziehentlich Vorhergehenden sich ergebender Bezeichnung XVI, 9 z. Anf.; XVIII, 4.

Sapor ließ nach der fruchtlosen Belagerung von Nisibis im Jahre 349, »da wilde Völker von Nordosten her sein Reich bedrängten,« Rom neun Jahre lang in Ruhe.

Zu Anfang des Jahres 357, wo nicht bereits Ende 356, erfahren nun die römischen Befehlshaber in Mesopotamien, daß Sapor »mit Mühe und nach vielem Blutvergießen die feindlichen Völker an den äußersten Grenzen seines Reiches zurücktreibe« (Ammian XVI, 1) und nach demselben Kapitel (zu Ende) wird die römische Friedensbotschaft an Sapor »zu den Chioniten und Eusenern gesandt, an deren Grenze er sich damals aufhalte«.

Noch im Jahre 358 verweilt derselbe da, ist aber, »nachdem er mit den Chioniten und Gelanen, den tapfersten Kriegern unter allen, ein Bündnis geschlossen, im Begriff in seine Heimat (ad sua) zurückzukehren.« (XVII, 5.)

Gegen Ende desselben Jahres »rüstet Sapor, nachdem er sich durch Hilfstruppen der wilden Völker, die er versöhnt, verstärkt habe, zum Angriff im Frühjahre 359.« (XVIII, 4.)

Bei dem Anrücken des Heeres in diesem Jahre beobachtet der auf Rekognoszierung ausgesandte Ammian »zur linken Seite Sapors Grumbates, den König der Chioniten, in kräftigem Mannesalter mit zerfurchtem Gesicht, aber großartigem Geist und durch viele Siegestrophäen ausgezeichnet« (aetate quidem media rugosisque membris, sed mente quadam grandifica etc.). (XVIII, 6 a. Schl., S. 175.)

Es liegt auf der Hand, daß dies Anführen nicht bloß auf Autopsie jenes Augenblickes, sondern auch auf späterer, da derselbe ihm vor Amida in Wurfnähe kam, und auf sonstiger Wissenschaft beruhen muß.

Bei dem Angriff auf Amida wird »der Sohn des Chionitenkönigs im ersten Jugendalter an des Vaters Seite erschossen.« (XIX, 5.)

Bei dem spätern Sturm auf den Platz »wird den Chioniten die östliche Seite des Platzes, wo der Jüngling gefallen war, zugeteilt.«

Wir bemerken hierzu, daß jene äußerste Grenze, an welcher Sapor so lange und schwer mit den Chioniten kriegte, eben nur östlich und nördlich des Aralsees, also nach der Kirgisensteppe zu, gedacht werden kann, weil südlicher die Geten saßen, nach Süd und West aber das Meer und Rom Persien begrenzten.

Nicht also der Name allein, auch die Lage ihres Sitzes stimmt zu den Hiong-nu. Eines Einfalls der Hunnen in das persische Gebiet gedenkt übrigens auch Priscus (p. 199 d. Bonn. A.) und wenn auch dieser Vorgang einer spätern Zeit angehört, so ist es doch unstreitig nicht der erste seiner Art gewesen.

Bei den Namen der Eusener (Euseni) liegt es nahe an die Usun zu denken, während die Gelanen (Gelani), wohl nur der Name einer einzelnen Horde, sonst völlig unbekannt sind, da der skythischen Getanen mindestens, als eines damals lebenden Volkes, in keiner Quelle gedacht wird, wie man dies aus des gründlichen Zeuß Stillschweigen darüber S. 275–302 abnehmen kann, der nur an einer andern Stelle S. 198 gelegentlich deren Namen erwähnt.

Vergebens übrigens sucht man in Ammians geographischem Exkurs über Persien XXIII, 6 – eine überhaupt, wie alle dessen derartige Abhandlungen, sehr wertlose Arbeit – Auskunft hierüber, indem er daselbst nur bemerkt, daß am Abfall und in den Schluchten der Gebirge, die man imavische und tapurische (Imavos und Tapurios) nenne, innerhalb Persiens Grenze Skythen seien, welche, den asiatischen Sarmaten benachbart, bis an die äußerste Grenze der Alanen reichten.

Mit dem Vorbehalt, auf diese Chiong-niten nochmals zurückzukommen, gehen wir nun auf die spätern Schriftsteller, welche erst nach Einbruch der Hunnen schrieben, über.

Unter diesen fesselt vor allem der zu Anfang des sechsten Jahrhunderts schreibende Eunapius (Fragm. 34 ex histor., p. 77 d. B. Ausg.) unsre Aufmerksamkeit. Er versichert über den Ursprung der Hunnen zuvörderst die alten Nachrichten gesammelt und aus diesen sich den wahrscheinlichen Hergang vorgestellt zu haben. Späterhin habe er Richtigeres in Erfahrung gebracht, das Frühere aber als historische Meinung stehen lassen, und dieses (ταυ̃τα, soll heißen: das Nachstehende) zu Ehren der Wahrheit nur hinzugefügt. Leider aber ist uns jenes: »dieses« nicht erhalten worden. Indes ist es doch nicht wahrscheinlich, daß dessen Zeugnis, wenn es wirklich ein vollkommen sicheres und klares gewesen wäre, in den spätern Schriftstellern, wie Zosimus, Prokop, Agathias, den spätern Byzantinern u. a. m., gänzlich wieder verloren gegangen sein sollte.

Die andern Zeitgenossen berichten Folgendes:

Ammian XXXI, 2 zu Anfang:

»Das in den alten Quellen kaum bekannte Volk der Hunnen, jenseits des mäotischen Sees am Eismeere sitzend, geht über den äußersten Grad der Roheit hinaus.« (Hunnorum gens, monumentis veteribus leviter nota, ultra paludes Maeoticas glacialem oceanum accolens, omnem modum feritatis excedit.)

Weiterhin in demselben Kapitel bemerkt er:

»Diese leicht bewegliche unbezwingliche Menschenart (hominum genus), von ungeheurer Gier nach Raub in der Fremde entzündet, drang unter Plünderung der Grenzvölker und Mord bis zu den Alanen, den alten Massageten, vor.«

Hiermit kommt er auf die Alanen, welche vom Don ab die unendlichen Einöden Skythiens (d. i. den westlichen Teil des großen Steppengürtels diesseit des Belurtagh, s. oben) bewohnten, gleichwohl aber auch über jenen Strom bereits nach Europa gedrungen seien (partiti per utramque mundi plagam Alani). Diese Alanen, die er als absolute Nomaden schildert, seien raubend und jagend bis an die Mäotis und den kimmerischen Bosporus (die Meerenge von Kertsch) gezogen, und hätten sogar Armenien und Persien heimgesucht.

Kap. 3 (S. 249) beginnt er die Erzählung des Einbruchs der Hunnen in Europa mit den Worten: »Nachdem diese die Länder der Alanen durchzogen, welche man, an die Greuthungen grenzend, gemeinhin tanaitische (Tanaitas) nennt.«

Der treffliche Ammian war, nach modernem Begriffe, von großer geographischer UnwissenheitWie konnte dies bei den Alten, bei dem fast gänzlichen Mangel an brauchbaren Landkarten, anders sein. Jedenfalls erscheint dieser Militär noch besser hierin unterrichtet als der obzwar wissenschaftlich gebildete Zosimus., wie er denn selbst a. a. O. von der geographischen Verworrenheit (perplexitas) spricht.

Auf die Sitze der Hunnen am Eismeere mag wahrscheinlich die so lange Zeit noch vorherrschende Idee der Verbindung des kaspischen mit dem nördlichen Ozean, z. B. bei Strabo, Pomponius Mela, Plinius und Dionysius Periegetes, eingewirkt haben.

Ptolemäus bezeichnet dasselbe zwar (VII, 4) richtig als Binnensee, ist aber für die Gegenden östlich und nördlich desselben äußerst dunkel. Skythien diesseit des Imaus läßt er (VI, c. 14) von der Mündung der Wolga (‘Ρα̃) bis zu letzterem (dem Belurtagh) reichen und dabei (c. 13) das ganze Land der Saken nördlich des Jaxartes, das nach ihm, wie es scheint, vom Osten des heutigen Aralsee bis an dieselbe Grenzscheide sich erstreckte, westlich und nördlich von Skythien umschließen.

Interessant ist, daß derselbe anscheinend als dessen nordöstliche Grenze das Gebirge Askatanka (offenbar der Aktascha-tau der Ritterschen Karte) aufführt. Von Völkern, welche dem zweiten Sitze der Hiong-nu angehören könnten, erwähnt er fünfmal die Skythen unter verschiedenen Beinamen, einmal auch Alano-Skythen.

Den Aral kennt er nicht, sondern läßt Jaxartes und Oxus bis zum kaspischen Meere reichen, was übrigens möglicher, wenn auch nicht ganz wahrscheinlicher Weise im Altertum der Fall gewesen sein könnte. Ritters leider unvollendetem Werke entnehmen wir (aus einer ältern Quelle darüber) nur, daß damals große Seen und Sümpfe ohne bestimmte Grenze daselbst vorhanden waren (VII, S. 560 u. 624).

Wir ersehen hiernach aus Ammian nichts weiter, als daß die Hunnen aus merklicher Entfernung von Nordosten her, die zwischenliegenden Völker besiegend, an den Don vorgerückt seien, was mit den chinesischen Quellen, nach welchen der neue Sitz der Hiong-nu etwa 5–10° nördlicher und 20–25° östlicher als die Mündung dieses Stromes lag, ungefähr übereinstimmt.

Priscus, den Jordanis (c. 24) ausdrücklich als Quelle anführt, sagt, die Hunnen, von Jagd und Raub lebend, hätten östlich der Mäotis gesessen.

Wichtig ist ferner das Anführen des freilich erst dem sechsten Jahrhundert angehörigen, aber zuverlässigen Agathias (V, 11, p. 299 der Bonn. Ausgabe).

»Das Volk der Hunnen wohnte einst (παλαιόν) an der Mäotis nach Osten zu, und war dem Tanaisstrom nördlicher, wie auch die andern Völker, welche diesseit des Imaus in Asien sitzen.Οι Ούνοι τὸ γένος τὸ μὲν παλαιὸν κατώκουν τη̃ς Μαιώτιδος λίμνης τὰ πρὸς απηλιώτην άνεμον, καὶ η̃σαν του̃ Τανάϊδος ποταμου̃ αρκτικώτεροι, καθάπερ καὶ τὰ άλλα βάρβαρα έθνη, οπόσα εντὸς ’Ιμαίου όρους ανὰ τὴν ’Ασίαν ετύχανον ιδούμενα. Diese werden insgesamt Skythen und Hunnen genannt, führen aber auch Eigennamen nach den Stämmen, wie Kotriguren, Utiguren, Ultizuren und Burugunden, und wie es sonst altväterlich oder hergebracht ist. Nach vielen Generationen (γενεαι̃ς δὲ πολλαι̃ς) gingen sie nach Europa über, entweder wirklich, wie die Sage geht (Agathias hat hier offenbar Priscus vor sich gehabt), durch eine Hirschkuh geführt oder in Folge eines andern Anlasses.«

An dem bisher für unpassierbar gehaltenen Ausflusse der Mäotis in den PontusDie Meerenge von Kertsch, durch welche eine Furt allerdings nicht denkbar ist. übersetzend, fielen sie unerwartet verheerend und raubend über die Einwohner her und bemächtigten sich, sie vertreibend, deren Landes.

Die übrigen Quellen, die man bei Fejér (S. 34–41) vollständig angeführt findet, sind zu unbestimmt und allgemein, um Beachtung zu verdienen. Nur aus Prokop (de bello Pers. I, 10) ist noch zu erwähnen, wie derselbe, von der Ebene jenseits der kaspischen Pässe zwischen Don und Wolga redend, bemerkt, daß daselbst fast alle Hunnen bis zum mäotischen See wohnten, an einer andern Stelle aber (de bello vand. I, 11, p. 359, vergl. auch p. 368 d. Bonn. Ausg.) erwähnt, daß man die Massageten jetzt Hunnen nenne (vergl. Zeuß, S. 301), woraus mindestens erhellt, daß der Ursprung der Hunnen aus dem skythischen Steppenlande – der Heimat der Massageten – allgemein feststand.

Vergleicht man diese Quellenzeugnisse, so könnte vielleicht ein Widerspruch zwischen Ammian und Agathias darin gefunden werden, daß Ersterer ein unmittelbares, wenig unterbrochenes Vordringen der Hunnen aus ihrer entfernteren Heimat bis nach Europa anzunehmen scheine, während Agathias sie mehrere Menschenalter hindurch schon im Osten des Don wohnen lasse. Man möchte sogar, nach den ersten Zeilen des Griechen, voraussetzen, daß schon deren erster Wohnsitz bis an die Mäotis gereicht und von da bis nordwärts des untern Don hinauf sich erstreckt habe. Die Ausdrücke beider, besonders Ammians, sind aber viel zu unbestimmt, irgend einen sichern Schluß zu gewähren.

Wichtig ist die Übereinstimmung hinsichtlich des frühern nördlichern Wohnsitzes der Hunnen, welcher, wie schon gesagt, dem der aus Ostasien vertriebenen Hiong-nu entspricht.

Wenn Agathias und Prokop ferner den Ausdruck Hunnen als Gesamt- und Gattungsname bezeichnen, so ist dies auf folgende Weise zu erklären.

»Skythen« waren den Alten alle östlichen, ihnen wenig bekannten Nomaden.

Strabo sagt (XI, 8): »Links dieser Gebirge (die von Taurus in Kleinasien bis zum Belurtagh sich erstreckende Bergkette unter dem 35. bis 36. Grade n. Br.) liegen die skythischen und nomadischen Völker, welche die ganze nördliche Seite füllen. Die meisten Skythen nämlich, vom kaspischen Meer an, heißen Daer, die mehr östlich von diesen Massageten und Saken, die übrigen mit gemeinsamem Namen Skythen, die aber auch wiederum ihre eignen Namen haben. Alle sind meistenteils Wanderhirten.«

Man brauchte den Gesamtnamen, bis ein spezieller auftauchte, den man nun, ohne sich des Unterschiedes klar bewußt zu sein, neben, aber auch statt des erstern anwandte. Zu der Zeit, aus welcher des Priscus und Prokops Quellen herrühren, muß daher der Name der Hunnen im jetzigen kirgisischen Steppenlande schon bekannt gewesen sein. Dagegen kann er in den Quellen des Ptolemäus noch nicht vorgekommen sein: diese mögen jedoch füglich auch einer Epoche angehört haben, da die nur etwa sechzig bis achtzig Jahre vor der Zeit dieses Schriftstellers erfolgte Vertreibung der Hiong-nu aus Ostasien dem Abendlande noch unbekannt war. Dies ist um so leichter möglich, wenn dieselben den Europa nähern Sitz in der Kirgisensteppe (nach Klaproths Versicherung) erst später eingenommen haben.

Auch bei andern Volksnamen scheint der Unterschied zwischen dem Gemein- und Spezialbegriffe nicht immer festgehalten worden zu sein, wie denn Ammian und Prokop auch den der Massageten unstreitig im Allgemeineren Sinne gebrauchen, so daß die Identität der Alanen und Massageten, welche Ersterer, sowie der Hunnen und Massageten, welche Letzterer versichert, nichts weiter besagt, als daß man jene vormals unter dem Gesamtnamen dieser mit einbegriffen habe, während die viel genauern chinesischen Quellen beide Völker stets sorgfältig unterscheiden.

Offenbar sind nämlich die Ta-Yueti (große Geten) nichts anderes als die Massageten der Griechen, bei denen das Μάδδα unstreitig vom Stammworte μάσις groß (wovon der Komparativ μάδδων noch erhalten ist) herkommt. (Vergl. Ritter VII, S. 627.)

Kommen wir nun wieder auf Ammians Chioniten, in denen wir die chinesischen Chiong-nu erkannten, zurück, so tritt uns der gewichtige Zweifelsgrund entgegen, daß dieser Schriftsteller, der doch die so oft erwähnten Chioniten aus Autopsie kannte, deren Identität mit oder mindestens deren Inbegriffenheit unter dem Volke der Hunnen nicht geahnt haben soll.

Unfähig, diesen vollständig zu entkräften, müssen wir doch annehmen, daß Ammian, von dessen Lebensverhältnisse noch die Rede sein wird, die Hunnen wahrscheinlich niemals gesehen hat.

Eine Erörterung der frühern Heimat und Schicksale dieses Volkes durch mündliche Erkundigung hat auch zu dessen Zeit sicherlich nicht stattgefunden. Sollte eine solche in späterer, da deren, wie wir sehen werden, so häufige Bundesgenossenschaft mit Rom und die Gesandtschaften zu Attila die beste Gelegenheit dazu geboten hätten, hie und da erfolgt sein, so sind uns deren Ergebnisse mindestens vollständig verloren gegangen.

Ammian hatte es daher nur mit dem Namen und der Schilderung dieses Volkes im Allgemeinen zu tun. Ersterer ward, wie wir vorstehend sahen, von den Schriftstellern des sechsten Jahrhunderts als Gattungsname, an Stelle der frühern Skythen und Massageten aufgefaßt. Woher er stammte, ob Hunni namentlich, wofür bei den Römern häufig auch Chuni vorkommt, von Hiong- oder Chiong-nu, wissen wir nicht, wohl aber, daß ein Namenwechsel bei allen zur Herrschaft oder Bedeutung gelangenden ostasiatischen Stämmen etwas ganz Gewöhnliches war.

Unstreitig waren aber auch die in Europa einbrechenden Hunnen Balambers nicht bloß die Chioniten des Grumbates, sondern ein umfassenderes Völkergemisch.

Leicht möglich daher, daß die Verschiedenheit des Namens Hunni, bei dem gänzlichen Mangel weiterer Kunde, von der so naheliegenden richtigen Spur ablenkte, zumal ethnographische Forschung überhaupt nicht Ammians Sache, derselbe vielmehr darin, wie in der Geographie, gleich den meisten Römern, äußerst schwach war. Noch weniger konnte ihm Sitte und Lebensart des Volkes für dessen Ursprung ein Anhalten bieten, da alle Völker, welche aus dem Skythenlande – der Steppe – hervorgingen, notwendig Nomaden sein mußten.

Auffällig scheint ferner aber auch noch die Zeit des Vorkommens der Chioniten bei Ammian im Nordosten Persiens, welche der des Einbruchs der Hunnen in Europa nur um zwölf bis dreizehn Jahre vorausliegt, während sie, nach Agathias wenigstens, schon mehrere Menschenalter zuvor ungleich westlicher, nämlich östlich und nördlich der Mäotis und des Don gesessen haben sollen. Wer aber weiß, ob nicht zur Zeit von deren Teilnahme an Sapors Kriege ein anderer Teil des Volkes bereits bis zum Don angerückt war, so daß ein entscheidender Einwand auch hieraus nicht herzuleiten sein dürfte.

Verknüpfen wir nun das Gesamtergebnis dieser Erörterungen, so finden wir nirgends einen Widerspruch, vielmehr eine gewisse und zwar, je nachdem man die Chioniten für die Chiong-nu ansieht oder nicht, nähere oder mindestens entferntere Übereinstimmung in beiden.

Sowohl die Gegend nämlich, aus welcher die Hunnen gen Europa heranziehen, als die Zeit, in welcher deren Name dort zuerst bekannt wird, entsprechen den chinesischen Angaben über die Gegend, wohin und die Jahre, in welchen die Hiong-nu aus Ostasien verdrängt wurden.

Gleichwohl sind wir weit entfernt, auf diesen unsichern Grund allein unsre Meinung zu stützen.

Diese beruht vielmehr auf der Überzeugung, daß es gar nicht abzusehen ist, wo anders der furchtbare Strom wilder, aber höchst kriegerischer Nomaden, der sich von der Mitte des vierten Jahrhunderts ab länger als ein Jahrtausend hindurch über Westasien und Europa verheerend ergießt, entsprungen sein könne, als in der allgemeinen Heimat aller Nomaden: dem unermeßlichen Steppenlande des östlichen Zentralasiens. Westlich dieses saßen in Turan die sowohl den Abendländern als den Chinesen bekannten Daer, Saken und Geten. Diese können selbstredend nicht die Hunnen gewesen sein, was um so sicherer feststeht, da die Herrschenden unter diesen die Geten waren, welche später wiederum erobernd nach Ostasien zurückdrängten, ja noch im Jahre 448 n. Chr. sich Yarkands bemächtigten. (S. Ritter VII, S. 594 und 606.)

Mithin bleiben außer den Nomaden Zentralasiens nur die Bewohner der weiten, noch jetzt beinahe wüsten Flächen Nordasiens übrig, von denen wir weiter nichts wissen, als daß sie Finnen waren. Daß nun aus diesem Volke, dem einzigen durch und durch passiven der bekannten alten Welt, das dreihundert Jahre vor dem Einfalle der Hunnen, nach Tacitus, noch keine Pferde hatte, das erste gewaltigste Reitervolk der Weltgeschichte nicht hervorgegangen sein könne, welches Goten und Römer im Fluge niederwarf, und seinen Siegeslauf bis beinah an das atlantische Meer trug, glauben wir annehmen zu dürfen.

Da wir aber wissen, daß zu Ende des ersten Jahrhunderts n. Chr. die Reste eines höchst kriegerischen ostasiatischen Mischvolkes, deren Kern unstreitig in Turks bestand, unter dem sich neben tungusischen Elementen gewiß aber auch zahlreiche finnische befanden, nach Westasien verdrängt wurden, so gewinnt es die höchste Wahrscheinlichkeit, daß die hunnischen Völker diesem angehört haben.

Die Ähnlichkeit, aber auch die Spur von Verschiedenheit, welche sich in der Schilderung der Ostasiaten und der Hunnen ergibt, kann erst im nächsten Kapitel, welches uns diese selbst vorführt, in Betracht kommen.

Zeuß, auf dessen ethnographischen Scharfblick wir sonst den größten Wert legen, ist gerade über die Hunnen selbst (S. 706–710) nicht so gründlich als gewöhnlich, spricht aber doch weiterhin, namentlich S. 722 u. 724 die entschiedene Überzeugung aus, daß die Hunnen und Bulgaren, deren Identität er S. 710 nachgewiesenDer Beweis beruht darauf, daß der römische Zeitgenosse Ennodius und der König Athalarich, des Theoderich Enkel (d. h. vielmehr Cassiodor D.), so wie Prokop Hunnen und Bulgaren für dasselbe Volk hielten. Dies ist, wenn auch die späteren Bulgaren noch mit neuen Zuzüglern vermischt gewesen sein können, im Wesentlichen wenigstens gewiß richtig., zum großen Nomadengeschlechte der Turks gehört hätten. Dasselbe behauptet er von den Avaren, ist daher ganz unserer Meinung.

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