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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 50
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Die Einfälle der Goten und anderer Nordvölker in das römische Gebiet in den Jahren 261 bis 288 betreffend

Treb. Pollio (Duo Gall. c. 4) anscheinend im Jahre 261, in Wirklichkeit aber, wie am Schluß nachgewiesen werden wird, auf die früheren Einfälle von 256–258 bezüglich:

»Zu diesen Unfällen (nach Valerians Tode) kam, daß die Skythen in Bithynien eingefallen waren und die Städte zerstört hatten. Darauf verwüsteten sie das in Brand gesteckte Astacum, welches später Nikomedien genannt ward.«

(c. 5, 6 u. 7.) In den Jahren 261–263:

»Nach Einnahme Thrakiens (occupatis Thraciis) verwüsteten die Goten Makedonien und belagerten Thessalonich (c. 5).Die Lesart der Stelle Gothi et Clodius de quo dictum est superius, occupatis Thraciis Macedoniam vastabant in den gewöhnlichen Ausgaben ist sinnlos, Im Cod. pal. finden sich aber mit Lücken die Worte: »Gothori a quo dictum est superius Gothis inditum est.« H. v. Gutschmid stellte mündlich die ansprechende Konjektur auf, daß der letzte Teil derselben gelautet haben werde: a quo, ut dictum est superius, nomen Gothis inditum est, in der vorhergehenden aber ein Name, etwa duce filio Ostrogothae a quo etc. enthalten gewesen sei. Ostrogotha selbst nämlich kann nach Jordanis c. 18 damals nicht mehr gelebt haben. Der Irrtum, daß der Name Goten von einem Könige herrühre, kann bei diesem Schriftsteller wenigstens nicht auffallen. In Achaja wird unter Marians (nach dem Cod. palat., wahrscheinlich aber ist Marcian gemeint) Anführung gegen dieselben Goten gekämpft. Von da zogen sich diese, durch die Achaier besiegt, zurück. Die Skythen aber, d. i. ein Teil der Goten, verwüsteten Asien. Damals ward auch der berühmte Tempel der Diana zu Ephesus geplündert und in Brand gesteckt (c. 6). Um dieselbe Zeit (im Jahre 263) zogen sich auch die Skythen in Asien, durch die Tapferkeit und Führung der römischen Feldherren besiegt, in ihre Heimat zurück.« (c. 7.)

(c. 11.) Anscheinend im Jahre 264 oder 265:

»Während dies gegen die Perser geschah, drangen die Skythen in Kappadokien ein und begaben sich, nachdem sie dort Städte erobert und mit wechselndem Glücke Krieg geführt, nach Bithynien« (d. i. sie zogen sich durch Bithynien in ihre Heimat zurück).

(c. 12.) Anscheinend 265 oder Anfang 266:

»Die Skythen kamen zu Schiff nach Heraklea und kehrten von da mit Beute in ihre Heimat zurück, obwohl sie, zur See geschlagen, viel Volk durch Schiffbruch verloren.«

(c. 13.) Im Jahre 266 oder 267, jedenfalls bis in das Jahr 267:

»Währenddessen drangen die Skythen, durch den Pontus schiffend, in den Ister ein und fügten dem römischen Gebiete vielen schweren Schaden zu.

Nachdem Gallienus dies vernommen, beauftragt er die Byzantiner Kleodamus und Athenäus mit Instandsetzung und Befestigung der Städte. Am Pontus ward gekämpft und die Barbaren wurden von den byzantinischen Heerführern geschlagen. Zugleich besiegte Venerianus die Goten in einer Seeschlacht, worin er selbst fiel. Von da verwüsteten sie Kyzikus und Asien und darauf (deinceps) ganz Achaja, wurden aber von Dexippus, dem Geschichtsschreiber dieser Zeiten, besiegt. Von da vertrieben, schweiften sie durch Epirus, Akarnanien und Böotien. Gallienus, kaum durch das öffentliche Unglück aufgeregt, tritt indes den schweifenden Goten in Illyricum entgegen und haut, bei zufälligem Zusammentreffen, sehr viele (plurimos) nieder. Nachdem die Skythen dies erfahren, verschanzen sie sich hinter eine Wagenburg und sind über den Berg Gessax (per montem Gessacem) zu fliehen genötigt.«

Wenn Treb. Pollio am Schluß seines Berichts Goten und Skythen unterscheidet, erstere geschlagen werden, letztere entfliehen läßt, so ist dies bei diesem Schriftsteller, der ja (c. 6) die Skythen ausdrücklich einen Teil der Goten nennt, nur als ein völlig bedeutungsloser Wechsel des Namens aufzufassen. Die von Gallienus Geschlagenen müssen ein Seitenkorps gewesen sein, nach dessen Niederlage sich das Hauptkorps zuerst durch Verschanzung gegen die leichten Truppen der Sieger sicherte, bald aber über den Berg zurückging.

Daß der Seesieg des Venerianus in das Jahr 267 fällt, wird durch die (von Eckhel, p. 394 beschriebene) Münze des Gallienus, mit der Bezeichnung trib. pot. XV, welche Verluste der Feinde zur See andeutet, außer Zweifel gesetzt. Wenn Eckhel sich in der Anm. auf Treb. Pollio (c. 12) beruft, so scheint dies Druckfehler oder Irrtum zu sein. Offenbar nämlich handelt c. 13 von einer späteren Zeit als c. 12 (vergl. jedoch hierüber die Bemerkung am Schluß) und es ist kaum denkbar, daß auch jener frühere Seesieg schon in das Jahr 267 gefallen sei, zumal der des Venerianus notwendig in den ersten Monaten dieses Jahres erfochten worden sein muß, da sonst für die lange Reihe späterer Ereignisse kaum Zeit bliebe, indem Gallienus gewiß noch vor Eintritt des Winters 267 aus dem skythischen Kriege ab- und wider den aufständischen Aureolus in die Gegend von Mailand marschierte.

Aus Zosimus gehören hierher die schon oben erörterten Nachrichten in I, c. 26, 27 u. 28, die jedoch noch der Zeit des Kaisers Gallus angehören und in chronologischer Hinsicht durchaus verworren sind. Das wichtigste darin ist die Verwüstung Kleinasiens bis Kappadokien, Pessinus und Ephesus (c. 29).

(c. 29.) Im ersten Jahre von Valerians Regierung, also 254:

»Die Skythen erheben sich aus ihren Sitzen. Auch die Markomannen brechen verheerend in die römischen Grenzprovinzen ein. Thessalonich wird in die äußerste Gefahr gebracht, und nachdem dessen Belagerer, in Folge des tapfern Widerstandes der Bewohner, mit großer Anstrengung zum Abzuge gebracht worden, wird ganz Griechenland durch Schreck und Zerrüttung heimgesucht.

Die Athener sorgen für Herstellung ihrer Mauern, für die seit deren Zerstörung durch Sulla nichts geschehen war. Die Bewohner des Peloponnes sperren den Isthmus durch eine Mauer ab und in ganz Griechenland werden zum Landesschutz öffentliche Wachen aufgestellt.«

c. 31:

Die Boranen, Goten, Carpen und Urugunden (deren Einfall in die europäischen Provinzen schon oben berichtet wurde) fallen nun in Asien ein, wobei die Art und Weise ihres Übergangs dahin vom Bosporus (der Krim) aus umständlich berichtet, von deren Taten in Asien aber nichts erwähnt wird.

Es ist nicht zu ermitteln, ob dies nur die nähere Beschreibung des frühern, schon zu des Gallus Zeit erfolgten, c. 28 erwähnten Einbruchs sei, oder den spätern, in c. 32 bis mit 35 erzählten in den Jahren 256 bis 258 nur zur Einleitung dienen soll.

c. 32, 33, 34 und 35 in den Jahren 256 bis 258:

Zosimus muß für diesen klaren, zusammenhängenden und anziehenden Bericht über die skythischen Fahrten nach Kleinasien in den gedachten Jahren eine sehr gute Spezialquelle, eine einheimische, gehabt haben. Er beweist hierin, was er mit gutem Material zu leisten vermochte.

(c. 37.) Im Winter 260 bis 261:

Valerians Gefangennehmung bewog auch die Nordvölker, mit gesamter Kraft über das gedemütigte Rom herzufallen. Sie vereinigten sich mit den westlichen Germanen zu gemeinsamen Einbrüchen, wie dies bereits oben ebenso näher angegeben ward als der c. 38 zu Ende des Jahres 261 berichtete Zug des Gallienus wider die in Italien eingefallenen Markomannen.

(c. 38.) Wahrscheinlich im Jahre 267:

»Da die Skythen auf das schlimmste in Griechenland hausten und sogar Athen erobert hatten, eilte Gallienus selbst zur Schlacht wider sie herbei, nachdem er Thrakien vorher besetzt hatte.«

Man würde nicht zweifeln, daß hier die nach Vorstehendem von Treb. Pollio berichteten Ereignisse des Jahres 267 gemeint seien, wenn nicht Zosimus durch die unmittelbar darauf folgenden Worte: »Er befahl dem Odenat, den verzweifelten Angelegenheiten des Orients Hilfe zu bringen«, alles wieder verwirrte.

Da derselbe indes in dem folgenden die ganze Geschichte des Orients von Odenats Erhebung wider Sapor bis zu Zenobias Herrschaft, die gegen acht Jahre umfaßt, berichtet und unmittelbar hernach in (c. 40) auf des Gallienus Ende übergeht, so ist hier offenbar nur eine ungeschickte Zusammenstellung oder ein Mangel an chronologischer Sonderung, an der es ihm überhaupt fehlt, nicht aber die Meinung vorauszusetzen, daß er des Gallienus Kampf gegen die rückweichenden Goten für gleichzeitig mit dem Beginn von Odenats Krieg wider Sapor gehalten habe.

Syncellus

P. 715 der Bonn. Ausg. Z. 8–15:

»Unter Valerian und Gallienus belagerten die Skythen, nachdem sie über den Ister gesetzt und Thrakien wieder ausgeraubt hatten, Thessalonich, eine Stadt der Illyrer (τὴν ’Ιλλυρίδα πόλιν, ein Zusatz von Syncellus' Unwissenheit). Sie verrichteten aber bei der Tapferkeit der Verteidiger nichts Vorzügliches. Die dadurch in Schrecken gesetzten Hellenen sperrten die Thermopylen durch Festungswerke. Damals stellten auch die Athener ihre, seit Sullas Zeit zerstörten Mauern wieder her. Die Peloponnesier zogen von Meer zu Meer eine Mauer über den Isthmus. Die Skythen aber kehrten mit vieler Beute in die Heimat zurück.«

Dies ist offenbar mit wenig Abänderungen aus Zosimus I, 28 entnommen. So sagt dieser z. B.: Πελοποννησίου δὲ τὸν ’Ίσθμον διετείκισαν. Syncellus aber: Πέλοπον δὲ απὸ θαλάσσης εις θάλασσαν τὸν ’Ίσθμ. διετείχ., so daß bei letzterem nur die ganz überflüssigen Worte: »von Meer zu Meer« zugesetzt sind.

p. 716, Z. 16–22; p. 717, Z. 5 vom Jahre 261, nachdem er unmittelbar vorher von Odenats Erhebung gehandelt und daß dieser in Phönikien einige wider ihn aufgestandene Römer (Ballista und Quintus) vernichtet habe, bemerkt hat. Er fährt hierauf so fort:

»Damals (τότε), also im Jahre 261, fielen die, in ihrer Heimatsprache auch Goten genannten Skythenοι Σκύθαι καὶ Γότθοι λεγόμενοι επιχωρίως durch das pontische Heer in Bithynien ein, und ganz Asien und Lydien einnehmend, bemächtigten sie sich auch der großen bithynischen Stadt Nikomedia und zerstörten die jonischen Städte, die teils gar nicht, teils nur zum Teil befestigten einnehmend. Nichtsdestoweniger berührten sie auch Phrygien, Troja zerstörend, sowie Kappadokien und Galatien.«

Unstreitig sind hier die von Zosimus (c. 32 bis 36) berichteten, oben ausführlich wiedergegebenen Raubfahrten der Goten in den Jahren 256 bis 258 gemeint, nur aber unrichtig chronologisch eingereiht, wie dessen Unkunde der Zeitrechnung sich aus dem folgenden ergibt:

Derselbe fährt nämlich a. a. O. also fort:

»Aber Odenat, durch seine Siege gegen die Perser nach Ktesiphons Eroberung berühmt, nachdem er das Unglück Asiens vernommen, marschiert in Eile durch Kappadokien nach dem pontischen Heraklea, wird aber, als er schon einen Teil der skythischen Streitkräfte erreicht hat, durch die Hinterlist jemandes, der auch Odenat heißt, ermordet. Die Skythen aber ziehen sich vor dessen Ankunft über den Pontus in ihre Heimat zurück.«

Die chronologische Verwirrung dieses Berichts ergibt sich am sichersten daher, daß er diese Ereignisse, die doch unmöglich über sechs Jahre sich erstreckt haben können, nach obigem τότε mit Odenats Anfang im Jahre 261 beginnen und mit dessen unbezweifelt in das Jahr 266 fallendem Tode schließen läßt.

Die allen sonstigen Nachrichten widersprechende Nachricht von Odenats Ermordung in dem Feldzuge gegen die Skythen bei Heraklea ist bereits oben erörtert worden.

p. 717, Z. 9–24. In den Jahren 266 bis 267:

Damals (dies schließt sich an das obige an) nahmen auch die Heruler (Αίρουλοι), auf fünfhundert Schiffen aus der Mäotis über den Pontus kommend, Byzanz und Chrysopolis (das frühere Amphipolis in Makedonien) ein.

Hier eine Schlacht liefernd zogen sie sich ein wenig nach der die heilige genannten, Mündung des Pontus Euxinus zurückGeschah dies nach der Schlacht zu Lande, so müßte hier die Ausmündung des Hellesponts in die Propontis gemeint sein, die aber von Amphipolis gegen vierzig Meilen entfernt ist, was freilich dem μικρὸν υποτρέψαντες nicht entsprechen würde.

Der kurze Rückzug kann aber auch zu Land nach der Flotte geschehen sein auf welcher sie dann zur heiligen Mündung (solchesfalls der Eingang des Hellesponts vom ägäischen Meere her) gelangten. Im Ptolemäus findet sich unter ιερὸν στόμα nur eine Donaumündung in Mösien aufgeführt. S. III, c. 10, 92.

und schifften hierauf mit günstigem Winde nach der Reede von Kyzikus herüber, wo sie bei dieser größten Stadt Bithyniens landeten und darauf die Inseln Lemnos und Skyros verwüsteten. (Sie müssen sich also wieder eingeschifft und den Hellespont aufs neue passiert haben. Der Rückzug zur See nach Kyzikus läßt beinahe vermuten, daß auch eine römische Flotte ihnen folgte, nach deren Abzug sie wieder zur See in jene Inseln und von da in Griechenland einfielen.)

Hierauf zuerst in Attika einfallend verbrannten sie Athen, Korinth und Sparta, auch Argos, und durchstreiften verheerend ganz Achaia, bis die Athener in unwegsamem Terrain ihnen auflauerten, die meisten derselben niederhieben, zugleich aber der Kaiser Gallienus herbeieilte und am Nessus (der Grenzfluß, der sich zwischen Thrakien und Makedonien in das ägäische Meer ergießt) noch 3000 derselben tötete. Damals wurde Naulobat, der Heerführer der Heruler, indem er zum Kaiser Gallienus überging, durch konsularische Ehren von ihm ausgezeichnet.«

Offenbar berichtet diese wichtige, besonders durch Erwähnung der Heruler interessante Stelle, die wahrscheinlich dem Dexippus entlehnt ist. dieselben Ereignisse, deren Treb. Pollio (c. 13) ausführlich, Zosimus (c. 38) aber nur kurz gedenkt. Beide lassen den Feldzug durch Landung in Thrakien eröffnen und dann eine Schlacht folgen, nach Treb. Pollio am Pontus, nach Syncellus aber, anscheinend wenigstens, in der Gegend von Amphipolis, das am ägäischen Meere lag. Nach ersterem werden sie hierauf auch zur See durch Venenanus geschlagen. Davon weiß Syncellus nichts, der Rückzug nach Kyzikus macht es aber wahrscheinlich, daß sie auch zur See im Nachteile waren. Dort mögen sie vorher auf der Fahrt von Byzanz bis Amphipolis vielleicht eine Schiffsreserve zurückgelassen, jedenfalls der Führer der römischen Flotte nach Venenans Tode nicht Entschlossenheit oder Kraft genug gehabt haben, sie auch dort anzugreifen.

Darin, daß dieselben von Asien nach Achaia herüber schifften, auf welchem Wege die Inseln Lemnos und Skyros lagen, stimmen beide Quellen wieder überein, ebenso im Wesentlichen bis auf einen noch zu erwähnenden Punkt über den nächsten Verlauf des Feldzuges daselbst.

Nur über das Ende desselben ist Treb. Pollio ausführlicher als Syncellus, bei welchem der Zuzug des Gallienus infolge ungeschickter Abkürzung offenbar mangelhaft wiedergegeben ist, da derselbe dessen Sieg unmittelbar an den sicherlich durch Raum und Zeit merklich davon getrennten der Athener anschließt. Dagegen gibt Syncellus als Ort der Schlacht gegen Gallienus ausdrücklich den Nessus an, worüber Treb. Poll. nichts sagt. Nach dessen Lage und weil Letzterer die Skythen ausdrücklich zuerst durch Epirus, dann durch Akarnanien und Böotien zurückweichen läßt, müßte man annehmen, dieselben seien beutebeladen bereits auf dem Rückzuge in ihre Heimat gewesen, als es Dexippus gelang, sich auf deren, wahrscheinlich auf das Tal des Margus (gr. Marawa) gerichteten, Rückzugslinie aufstellend, sie in günstigem Terrain zu schlagen.

Sie mußten dann, von ihrer Marschlinie abgeschnitten, südlich, d. i. rückwärts entweichenDem steht freilich entgegen, daß es eine mehr als kühne Operation gewesen wäre, diese Verwüster durch Versperrung des Rückzugs in die Heimat wiederum nach Griechenland zurückzutreiben. Die Grundlage der ganzen Vermutung – die Ordnung, in welcher Treb. Pollio obige Provinzen aufführt – ist freilich auch bei dessen sonstiger Unzuverlässigkeit keine ganz sichere. Will man aber, wozu man doch eigentlich berechtigt und verpflichtet ist, an der Quelle festhalten, so dürfte sich jene strategische Operation wohl durch die Absicht den Herulern ihre Beute wieder abzunehmen und Gefangene zu befreien, erklären lassen, die dann auch gelungen sein wird., und konnten erst von Böotien aus durch Thessalien wieder ihrer Heimat sich nähern, auf welchem Wege Gallienus einen Teil derselben am Nessus schlug.

Der Berg Gessax, über welchen deren Rest entfloh, muß dann in Rhodope, der südlichen Abzweigung des Hämus, gesucht werden.

Eine Verschiedenheit beider Berichte scheint noch darin zu liegen, daß Treb. Pollio der Zerstörung Athens und der übrigen griechischen Städte, die Syncellus anführt, nicht gedenkt.

Da jedoch ersterer sagt: Achilam omnem vastaverunt, so steht die genauere Angabe des Syncellus mit der allgemeineren des Treb. Pollio nicht in Widerspruch.

Zonaras LXII.

c. 23, p. 593 der Bonner Ausgabe, Z. 4–10. Im Jahre 254:

»Die über den Ister gegangenen Skythen verheerten das thrakische Land aufs neue und belagerten die berühmte Stadt Thessalonich, nahmen sie aber nicht ein. Sie setzten alle in solche Furcht, daß die Athener die seit Sullas Zeit zerstörte Mauer ihrer Stadt wiederherstellten, die Peloponnesier aber den Isthmus von Meer zu Meer durch eine Mauer sperrten.«

Dies stimmt wieder mit Zosimus (c. 29) sowie Syncellus (p. 716) fast wörtlich überein, so daß Zonaras und Syncellus entweder aus Zosimus oder alle drei aus einer gemeinschaftlichen Quelle, etwa dem Fortsetzer des Dio, geschöpft haben müssen. Da dieser jedoch, nach den uns davon erhaltenen Fragmenten, viel ausführlicher schreibt und ein unmittelbarer Auszug aus solchem durch drei verschiedene Schriftsteller gewiß nicht so gleichlautend ausgefallen wäre, so erscheint es ungleich wahrscheinlicher, daß Syncellus dem Zosimus und Zonaras wieder dem letztern, nur einige Zusätze weglassend, nachgeschrieben habe.

c. 24, p. 596, Z. 15–21:

»Nach Valerians Tode gelangte dessen Sohn Gallienus zur Herrschaft über die Römer. Der Vater, als er zum Kriege gegen die Perser zog, hatte diesem überlassen, im Westen diejenigen abzuwehren, welche in Italien einzufallen lauerten und Thrakien verwüsteten.

Dieser besiegte bei Mailand 30 000 Alemannen mit nur 10 000 Mann. (Dies ist, wie schon oben erwähnt ward, unrichtig.)

Darauf schlug er auch die Heruler von skythischem und gotischem Stamme (Σκυθικω̃ γένει καὶ Γοτθικω̃). Auch mit den Franken führte er Krieg.«

Offenbar ist die hier erwähnte Besiegung der Heruler dieselbe, deren Syncellus nach obigem c. 3, p. 717 ausführlich gedenkt, fällt also in das Jahr 267.

Jordanis c. 20.

Dies lediglich von den Zügen der Goten unter Gallienus handelnde Kapitel sagt nichts neues und ist übrigens so dürftig, daß es sich zur weiteren Erwähnung hier nicht eignet.

Der Schriftsteller charakterisiert sich durch seine Zusätze, indem er sagt:

»wobei sie Troja und Ilium zerstörten, welche kaum von jenem Kriege Agamemnons (vor 1400 Jahren!) sich etwas erholend, wiederum durch die feindlichen Waffen zerstört wurden.«

Ferner, wo er von Anchialus (am Pontus, zehn bis zwölf Meilen südlich von Varna) und dessen Bädern spricht, was beinahe die Hälfte des Kapitels füllt:

»die Stadt, welche früher Sardanapal, der König der Parther, zwischen der Seeküste und dem Fuß des Hämus angelegt hatte.«

Von den Epitomatoren erwähnen nur Aur. Vict. de Caes. c. 33, 3 und Eutrop IX, 8, ganz kurz: daß Thrakien, Makedonien, Griechenland und das benachbarte Asien durch die Goten verwüstet worden seien.

Vergleichen wir nun vorstehende Quellenzeugnisse genauer, so finden wir, wenn auch nicht volle, doch mehr Übereinstimmung derselben, als auf den ersten Anblick der Fall zu sein scheint.

Läßt man die noch zu erörternde Nationalitätsfrage hier beiseite, so ergeben sich im Wesentlichen folgende Haupteinbrüche der Nordvölker in das römische Gebiet:

1) Die von Zosimus c. 32 bis 35 so ausführlich berichteten und in Kap. 12 vollständig wiedergegebenen Raubzüge in den Jahren 256 bis 258, über deren Zeitbestimmung nach obigem kein Zweifel stattfindet. Auch ist es wohl nur scheinbar, daß Treb. Pollio diese in das Jahr 261 versetzt. Die entsetzliche Zerrüttung des Reichs nach Valerians Tode schildernd, sagt er nämlich nur: Accesserat praeterea his malis, quod Scythae Bithyniam inva serant, civitatesque dele verant. Da aber die Folgen jener Zerstörung sicherlich auch in den nächsten Jahren noch fühlbar waren, so folgt daraus nicht, daß er diesen Einfall in das Jahr 261 selbst gesetzt habe. Die folgenden Worte: Denique Nicomediam incensam graviter vasta verunt scheinen allerdings Gleichzeitigkeit zu beweisen, erwägt man aber, daß die Schreibart jedenfalls grammatisch unrichtig sein würde, da er, weil Nikomedia eine jener zerstörten Städte war, in beiden Sätzen entweder das Plusquamperfectum oder das Perfectum brauchen mußte, nicht aber verschiedener Zeitformen sich bedienen durfte, so erklärt sich das vastaver unt ganz einfach durch einen so leicht möglichen Fehler des Abschreibers, der das a des vastaver ant mit u verwechselte.

2) Die gemeinsamen Einfälle der Nordvölker in das römische Gebiet nach Valerians Tode in den Jahren 261 bis 263.

Daß diesen Verabredung zugrunde lag, sagt nur Zosimus c. 37: es ist aber an sich wahrscheinlich, daß der die ganze römische Welt, wie deren Feinde aufregende Schlag der Gefangennehmung Valerians einen solchen Gesamtanfall hervorgerufen habe.

Die Geschichte dieser Einbrüche im Osten des Reichs und zwar zuerst in Thrakien, dann in Makedonien, wo sie Thessalonich belagerten, endlich in Asien, woraus sie im Jahre 263 vertrieben wurden, findet sich nur in Treb. Pollio (c. 5, 6 und 7), wo sie, zwar kurz und nicht im Zusammenhange, aber doch anscheinend im Wesentlichen vollständig und folgerichtig erzählt wird.

Merkwürdigerweise aber scheinen dies dieselben Ereignisse zu sein, welche Zosimus c. 29 und nach ihm Syncellus p. 715, sowie Zonaras Kap. 23, p. 593 in das Jahr 254 versetzen, wie dies namentlich aus der, auch von diesen allen angeführten Belagerung von Thessalonich hervorgeht. Nun fehlt uns zwar für diese frühere Zeit Treb. Pollio, dessen Leben Valerians fast ganz verlorengegangen ist, immer aber bleibt eine zweimalige Belagerung Thessalonichs um so unwahrscheinlicher, da keine der Quellen einer solchen Wiederholung gedenkt.

Man hat sich daher hier zwischen Treb. Pollio und Zosimus zu entscheiden, welches letztern Glaubhaftigkeit übrigens durch Syncellus und Zonaras nicht erhöht wird, weil diese offenbar ihm selbst oder dessen Quelle nur nachgeschrieben haben.

Nach demjenigen, was oben über die relative Glaubwürdigkeit des frühern römischen Schriftstellers in chronologischer Hinsicht, dem so viel späteren griechischen gegenüber, gesagt worden, wird man sich für erstern zu entscheiden haben. Dies wird aber auch noch dadurch unterstützt, daß die Goten ein so kühnes Wagstück, wie der Marsch durch Thrakien nach Makedonien und Griechenland und von da nach Asien, kaum sofort nach Valerians, des allgemein Geachteten, Thronbesteigung unternommen haben dürften, während im Jahre 263 des Reiches allgemeiner Verfall eher dazu aufforderte.

Daß auf diesem Raubzuge übrigens auch der Dianentempel zu Ephesus zerstört wurde, sagt zwar nur Treb. Pollio (c. 6), kann aber um so weniger bezweifelt werden, da gerade diese Tatsache auch von Jordanis (c. 20) hervorgehoben wird.

3) Der von Treb. Pollio (c. 13) und von Syncellus (p. 717) ausführlich, von Zosimus und Zonaras aber nur kurz erwähnte Einbruch durch Thrakien über Asien in Griechenland im Jahre 267. Hierüber findet, wie oben näher ausgeführt worden, zwischen beiden Hauptquellen im Wesentlichen Übereinstimmung statt. Daß derselbe, wie Syncellus sagt, von den Herulern ausging, während Treb. Pollio nur von Skythen und Goten spricht, wird auch durch Zonaras bestätigt, sowie die Eroberung Athens, die auch nur ersterer ausdrücklich anführt, durch Zosimus.

In vorstehender Zusammenstellung sind von sämtlichen, unzweifelhaft in Valerians und Gallienus Regierungszeit fallenden Quellenzeugnissen nur zwei derselben, die im 11. und 12. Kapitel des Treb. Pollio, unerwähnt geblieben.

Möglich, daß in Kapitel 11 einer besonderen unerheblichem und kürzeren Raubfahrt gedacht wird, wie deren gewiß noch mehrere stattgefunden, ohne in den Quellen irgendeine Erwähnung zu finden.

Vergleicht man dagegen die Stelle c. 12 mit c. 13 desselben Schriftstellers und dem Parallelberichte des Syncellus (3. c.), so ergibt sich eine auffällige Ähnlichkeit des Hergangs mit dem ersten Teile des an gedachten Orten beschriebenen Feldzuges von 267. In der Tat ist es fast nur der Name der von Treb Pollio (c. 12) erwähnten Stadt Heraklea, der sich weder bei diesem (c. 13), noch bei Syncellus wiederfindet.

Auch diese Verschiedenheit aber ist, da die Flotte der Heruler auf der Fahrt von Byzanz bis Amphipolis bei dem thrakischen Heraklea vorbeikommen mußte, dasselbe daher leicht auch geplündert haben kann, keine wesentliche.

Dies begründet die Vermutung, daß Treb. Pollio die Nachricht c. 12 vielleicht einer andern dürftigeren Quelle als die in c. 13 entlehnt haben könne, beide aber, was ihm entgangen, sich auf dasselbe Ereignis bezogen haben. Zur Gewißheit hierüber ist freilich nicht zu gelangen.

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