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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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II. Das Wesen der Völkerwanderung

Aus dem über die Ursachen der Völkerwanderung Gesagten ergibt sich von selbst Aufhellung über das Wesen und einen großen Teil der Erscheinungen dieser Bewegung. Viel richtiger eine »Ausbreitung« denn eine Wanderung wird sie genannt.

Denn nicht daran ist zu denken, daß die germanischen Stämme, welche überhaupt in Europa »wanderten« – manche von ihnen haben seit der ursprünglichen Einwanderung ihre Sitze gar nicht oder fast gar nicht verändert –, nach einem vorgesteckten weit entlegenen bestimmten Ziel, von den bisherigen Wohnsitzen plötzlich aufbrechend, gezogen seien: nur ganz ausnahmsweise schwebte überhaupt ein solches bestimmtes Ziel vor, wenn z. B. die römische Staatsregierung oder aufständische Feldherren germanische Stämme in bestimmte Provinzen einladen oder rufen, wie etwa die Vandalen aus Spanien von Bonifacius nach Afrika berufen werden.

Vielmehr ist in den allermeisten Fällen die sogenannte Wanderung nichts anderes als eine Wiederaufnahme der uralten Sitzveränderungen, sonder Ziel und Plan, wie sie die Germanen in jahrtausendjährigem Umherziehen allmählich aus Mittelasien nach Mitteleuropa geführt hatten.

Die uralten, niemals ganz in der kurzen Zwischenzeit verhältnismäßiger Seßhaftigkeit (vom Jahre 100 bis 200 [schon 150: die Gotenwanderung] nach Christus) aus dem Gedächtnis entschwundenen, halb nomadenhaften Gepflogenheiten lebten nunmehr erneut wieder auf, da im Allgemeinen ähnliche Ursachen, welche die große Einwanderung bewirkt hatten, nun neuerdings schiebend, drängend und stoßend auf diese Völkermassen wirkten.

Freilich sind es andere Voraussetzungen und Verhältnisse, unter welchen jetzt in dem von Rom beherrschten oder doch berührten europäischen Mittelgebiet gewandert werden muß, als damals in Asien: immer und überall haben die Wandervölker zu rechnen mit der im Süden und Westen weit überlegen drohenden römischen Kultur- und Militär-Macht

Auch die Wanderer selbst sind verändert: von Kelten und Römern haben sie manchen Zug höherer Kultur angenommen: dann auch von innen heraus, von sich aus haben sie sich weiter entwickelt; der seßhafte Ackerbau, nicht mehr schweifende Jagd und Viehzucht, ist nun überwiegend Grundlage des wirtschaftlichen Lebens, ja unentbehrliche Voraussetzung der Gemeindeverfassung, der Rechtszustände überhaupt geworden. Daher immer und überall das Verlangen dieser Wandervölker, in den neugewonnenen Sitzen abermals diese Grundlage des wirtschaftlichen und Rechtslebens zu erreichen: Land, Ackerboden; »Quietam patriam« fordern oder erbitten diese germanischen Scharen als Sieger oder Besiegte immer wieder von den Römern. Damit ist die früher, namentlich bei französischen Schriftstellern, lang herrschend gewesene Anschauung widerlegt, welche in diesen wandernden Eroberern nur das kriegerische Gefolge von Häuptlingen und Fürsten erblickte. Nicht kleine Häuflein, die lediglich aus Kriegern bestanden, sondern wirklich ganze Völker, mit Weibern und Kindern, Greisen und Kranken, Freigelassenen, Knechten und Mägden, mit Rossen und Rindern, mit Schaf- und Schweineherden, mit zahllosen Wagen sind es, welche wir fechtend und ruhend, umherziehend und dann wieder jahrlang seßhaft, in jenen Wanderzügen vor uns haben.

Die Veranlassungen zu dem Aufbruch für eine solche Völkerschaft waren nun selbstverständlich mannigfaltig: doch lassen sie sich in der Regel auf einen der folgenden Gründe zurückführen: namentlich Übervölkerung und durch dieselbe herbeigeführte Hungersnot, dann das Andrängen übermächtiger Nachbarn, gewaltsame Verfassungs-Änderungen, innere Kriege, Eingriffe der römischen Politik: dagegen bildet, was man als Regel angenommen, die bloße Eroberungslust die seltene Ausnahme.

Die Quellen gewähren uns Belege von jeder Art dieser Ursachen: wenigstens in der Sage, seltener in der Geschichte, hat sich die Erinnerung an die treibenden Gründe erhalten. Bei Jordanis, dem Geschichtsschreiber der Goten, schon finden wir eine Andeutung, daß die gewaltige Zunahme der Bevölkerung die germanischen Stämme auf der von ihm sogenannten Insel Scanzia (Scandinavien) drängte, sich erobernd gegen das Römerreich in Bewegung zu setzen.

Bei Paulus Diaconus, dem Geschichtsschreiber der Langobarden, ist die Wandersage dieses Volkes in seltener Vollständigkeit überliefert: später hat dann Saxo Grammaticus diese Überlieferungen mit mancherlei gelehrter Zutat erweitert: Paulus führt in einer, nebenbei gesagt noch nicht bemerkten, etymologischen ernsthaft gemeinten Spielerei den Namen Germania auf Germinare, sprossen, treiben, keimen, zurück: als sei das Land, gleichsam Germinania, von seiner üppig sprießenden Bevölkerung benannt.

Er erzählt dann, wie die kleine Insel oder Halbinsel Scandia der raschsteigenden Volksmenge der Winiler, der später von Wodan Langobarden genannten, nicht mehr genügt habe: um der das ganze Volk bedrohenden Hungersnot zu begegnen, beschließt die Volksversammlung, daß ein Drittel auswandernd neue Sitze suchen soll.

Wir dürfen annehmen, daß häufig in solchen Fällen das Gleiche geschah: wir dürfen auf Paulus' Bericht hin den sagenhaften Zug glauben, daß durch Loswerfen das zur Auswanderung genötigte Volksdrittel bestimmt wurde: beachtenswert ist dabei die Variante des Berichts, wonach vorzugsweise die streitbare, noch nicht auf Grundbesitz selbständig ansässige Jugend als ein heiliger Frühling des Volks, ver sacrum, auszog: wobei jedoch auch Weiber und Kinder unter den Wandernden gedacht werden müssen.

Die Führer der aufbrechenden sind zwei mythische Helden und deren Mutter, eine weise Wala: Götterzeichen, wegweisende Vögel oder Raubtiere fehlten dabei wohl nicht.

Es ist sehr lehrreich, die wandernden Langobarden auf ihrem Zuge zu begleiten, das Wesen dieser Bewegungen wird dabei einleuchtend klar. Da sehen wir denn, daß keineswegs Übermut, Kriegslust, Beutesucht, sondern die bittere Not, wie sie den Aufbruch veranlaßt hatte, so die Beschlüsse und Schritte der Wanderer lenkt.

Den wertvollsten Teil ihrer beweglichen Habe, die Knechte, haben sie mitgenommen: denn als das schwache Häuflein vor überlegenen Feinden zu erliegen bangt, werden die Knechte bewaffnet und für tapferes Verhalten in der Schlacht vom König mit der Freilassung belohnt.

Ohne Ziel, ohne Plan ziehen sie unstet umher oder verweilen bald ein Menschenalter, bald nur wenige Jahre in sicheren und fruchtbaren Sitzen, bis die Sicherheit durch neu anziehende Nachbarn gefährdet oder der Boden erschöpft ist.

So ganz fehlt es an einer bestimmten Marschrichtung, daß, obwohl wir den Ort des Aufbruchs – die Ufer der Unter-Elbe – und den Ort der endgültigen Niederlassung (bis zur neuen Wanderung nach Italien), nämlich Pannonien, und eine große Zahl von Namen der Landschaften kennen, welche das Volk während seiner über zwei Jahrhunderte sich erstreckenden Wanderschaft durchmaß, doch durchaus keine Sicherheit über die von ihnen eingeschlagenen Wege zu erzielen ist. Weit gehen die Ansichten auseinander. Nach einer Meinung, die sich auf ganz späte und daher wertlose Angaben stützt, soll der Zug von der Elbe nach Westen an die Weser und nach Paderborn gegangen sein, was mit der im Ganzen süd-südöstlichen Richtung der Bewegung wohl unvereinbar.

Wir sehen nun das Wandervolk bald von übermächtigen Feinden, z. B. den Vandalen, die den Durchzug durch ihr Gebiet weigern, aufgehalten: wir sehen, wie sich die Verzweifelnden, um Durchzug oder Aufnahme zu erkaufen, zu den schwersten Anerbietungen, z. B. der Überlassung von ¼, ⅓, ⅔, ja des ganzen Bestandes ihrer Herden und Habe entschließen: vergebens: es kommt zur Schlacht oder zum Zweikampf, der für beide Völker entscheidet.

Ein ander Mal ist es ein furt- und brückenloser Strom, der, in gefährlichen Wirbeln brausend, die Schritte der Wanderer hemmt: die Sage läßt in dem Fluß ein weibliches Wasserungetüm – wohl eben einen Stromwirbel – als amazonenhafte Kampfjungfrau hausen: der König bezwingt nach hartem Kampf mitten in ihrem Gewässer die Unholdin – offenbar die sagenhafte Darstellung des durch Mut und Klugheit des Führers dem Strome abgezwungenen Übergangs. Auf dem anderem Ufer angelangt, werden aber die unvorsichtig Lagernden in ihren Zelten und Wagen zur Nacht von den raschen Reiterhorden der Bulgaren überfallen: ein großer Teil des Volkes wird mit dem König getötet oder, zumal die Weiber, in Gefangenschaft geschleppt. Nur mit heftiger Anstrengung vermag ein jugendlicher Nationalheld sagenhaften Ursprungs den schwergetroffenen verzagenden Rest zu neuem Mut, zum Angriff auf die Bulgaren zu entflammen: schon schwankt die Schale des Siegs abermals zu den Feinden hinüber, schon flüchten die geworfenen Langobarden in ihre Wagenburg zurück: da gelingt es dem jungen Helden durch flammende, von der Heldensage aufgezeichnete Worte, durch glänzende Tapferkeit und plötzliche Freilassung aller Knechte den Sieg und den Weiterzug durch das Bulgarenland zu gewinnen. (Das tat Lamissio, der Sohn des Lehms.)

Sehr allmählich nur erstarkt durch solche Siege das Selbstvertrauen, dann auch das Selbstgefühl des kleinen, bisher stets von Hunger, von den Elementen und übermächtigen Feinden bedrohten Wandervölkleins: »sie verschmähten es nun, sagt der Geschichtsschreiber, länger unter bloßen Heerführern zu leben, und beschlossen, nach dem Beispiel anderer (starker und stolzer) Stämme, einen König zu wählen.« Übergang zum Königtum ist stets ein Zeichen zunehmenden Nationalstolzes, während geschwächte, gedemütigte Stämme, wie z. B. die Heruler, darauf verzichten müssen, das nationale Königtum fortzuführen. –

Mit wechselnden Geschicken durchziehen, nun unter Leitung eines Königs, die Langobarden die weiten Gebiete zwischen der Oder und der Donau, bald durch Kampf, bald durch Vertrag den Durchzug gewinnend: in fruchtbaren Gegenden bleiben sie so lange, bis sie verdrängt werden: endlich kommen sie nach vorübergehendem Verweilen in dem durch Odovakars Maßregeln von Römern geräumten Rugiland (unterhalb Wien) zur Ruhe in Pannonien (Ungarn): nach langen Kämpfen vernichten sie mit Hilfe der Avaren die benachbarten Gepiden. Aber Söldner ihres Volkes hatten in den Kriegen zwischen Byzantinern und Ostgoten in Italien die Herrlichkeit dieses Landes, die Fruchtbarkeit des Bodens an Wein und anderer Edelkost kennengelernt: vielleicht auch die Schwäche der oströmischen Herrschaft: diese Schilderungen und Erwägungen führten dahin, daß das Volk abermals beschloß, diesmal nicht gedrängt von Not, sondern in dem Trachten nach gepriesenen Landen, die bisherigen Sitze zu verlassen: man wartet den Eintritt der milderen Jahreszeit ab, welche die julischen Alpenpässe vom Schnee befreit, und beginnt zu Ostern (13. April) des Jahres 668 die Wanderung nach Italien.

Aber vorsichtig sichert man sich durch Vertrag mit den Avaren, welchen man die bisherigen Siedlungen überläßt, für den Fall des Mißlingens der Unternehmung das Recht der Rückkehr und bedingt sich die Wiederabtretung aus.

Auch die Zusammensetzung des Wanderzuges ist lehrreich: keineswegs ist das zusammenhaltende Band nur die Stammgenossenschaft: die Langobarden werden, außer von den Resten der Gepiden, z. B. von 30,000 Sachsen begleitet, welche der Ruhm des Königs Alboin und der Reiz der Unternehmung herangezogen hatte: dabei muß man erwägen, daß sich Langobarden und Sachsen nicht leicht verstehen konnten, da jene dem oberdeutschen, diese dem niederdeutschen Sprachstamm angehörten. Wie wenig endgültig solche Unternehmungen von den Beteiligten angefaßt wurden, zeigt, wie jener Vorbehalt der Rückwanderung, so die wirklich ausgeführte Rückwanderung der Sachsen von Italien bis Ostthüringen, zu welcher diese nach wenigen Jahrzehnten schreiten, weil ihnen die Langobarden nicht die gewünschte Sonderstellung und Selbständigkeit einräumen wollen. (Auch die Vandalen hatten bei ihrer Wanderung aus Pannonien nicht endgültig auf diese Sitze verzichtet.)

Diese Rückwanderung ist lehrreich: sie erfordert die Zustimmung des Frankenkönigs: sie vollzieht sich unter Bezahlung für die Verpflegung durch die Bewohner Galliens, freilich auch unter Gewalttätigkeiten: und als endlich die verlassenen Sitze erreicht sind, kommt es zu Kämpfen mit den von einem Frankenkönig hier einstweilen angesiedelten Thüringern und Schwaben. –

Die Ausbreitung der Langobarden über Italien erfolgte außerordentlich langsam: lange Zeit ohne systematische Landteilung und Ansiedlung: die reicheren Römer flüchteten bei der Annäherung der gefürchteten halb heidnischen, halb ketzerischen Barbaren: so konnte König Alboin einfach seine Scharen in den entvölkerten Landschaften im Norden und Osten der Halbinsel ansiedeln: die Zahl der Einwanderer war gering im Verhältnis zu der Ausdehnung des Landes: dies allein erklärt die sonst ganz unverständliche Erscheinung, daß mitten in den von den Langobarden besetzten Gebieten noch Menschenalter hindurch kleine Städte und Kastelle, z. B. die Insel des Comersees, sich unbezwungen erhalten.

Viel langsamer gelang die Ausbreitung der Eroberer über Mittel- und Unteritalien: hier kam es dann auch zu methodischer Landteilung.

Wir haben so ausführlich die Geschichte der langobardischen Wanderungen erörtert, weil gerade dieses Beispiel wegen der bunt wechselnden Geschicke besonders lehrreich und weil es uns detaillierter überliefert ist, als die Geschichte der Wanderzüge der meisten Völker.

Ähnliche Vorgänge schildern uns bei den Ostgoten Jordanis und Prokop: auch bei diesen Wanderern sehen wir immer das Verlangen nach Land zum Ackerbau: auch bei ihnen finden wir das Wandervolk vom Hunger weitergetrieben und oft trotz aller Tapferkeit und häufiger Siege an den Rand des Verderbens gedrängt: – lehrreich ist zumal die Geschichte der Wanderungen der Ostgoten im Hämusgebirge, wo die verworrene Wagenburg, die hungernden und darbenden Weiber und Kinder deutlich uns vor Augen geführt werden.

Wir haben oben neben Übervölkerung und Hungersnot noch andere Gründe der Wanderungen angenommen und wollen nun von denselben einzelne Beispiele anführen.

So das Andrängen übermächtiger Nachbarn: aus solchem Grunde erklären sich die frühesten dieser Bewegungen schon, welche Julius Cäsar in Gallien und bei den rechtsrheinischen Stämmen in vollem Fluß fand: vor den Sueben wichen die Ubier, Usipier und Tenchterer: später suchen sich die Markomannen durch Auswanderung nach Böhmen dem Druck und der Umklammerung des nahen Ruhmreiches zu entziehen: vor den Hunnen weichen die Westgoten immer mehr nordwestlich aus und flüchten endlich über die Donau auf römisches Gebiet: hier in den Donauländern sehen wir später wiederholt Langobarden, Gepiden, Heruler, Rugen, Skiren, Turkilingen, Markomannen, Sueben die Sitze wechseln, indem sie sich gegenseitig schieben und drängen: der Schwächere muß Raum geben: in Spanien werden ebenso die kleineren germanischen Stämme, die Silingen, Alanen, Sueben, von den mächtigeren, den Asdingen und Westgoten, teils unterworfen, teils zum Wandern genötigt.

Gewaltsame Verfassungsänderungen, namentlich die Aufrichtung des Volkskönigtums über bisher geteilte Gaue, begünstigt durch das Aneinanderrücken der Sondergüter und das Verschwinden des Grenzwaldes, führen ebenfalls häufig zur Auswanderung einzelner und ganzer Scharen: aus Marobods Reich flüchtet Katwalda zu den Goten, Segest aus dem Machtgebiet Armins zu den Römern: beide wohl nicht einzeln, sondern mit Anhang und Gefolge: das großartigste Beispiel aber gewährt die Auswanderung zu Schiff der zahlreichen freiheitstrotzigen Jarle, Häuptlinge und gemeinfreien Bauern, welche aus Norwegen mit den alten Götterbildern, mit Weib und Kind davonziehen, um die stolzen Häupter der Einherrschaft nicht beugen zu müssen, welche König Harald Harfagr gewaltig aufrichtet: diese Auswanderer bedecken alle Meere mit den Wikingerschiffen und diese Verfassungsänderung in Norwegen führt zu einer der lehrreichsten und merkwürdigsten Erscheinungen in aller germanischen Geschichte: zu der Bevölkerung und Kolonisation der Insel Island durch norwegische Männer.

Auch innere Kriege, Zwist unter den Gauen eines Stammes veranlaßten die Schwächeren oder Unzufriedenen zur Auswanderung: so war ein Teil der Chatten wegen innerer Kämpfe aus den alten Hessensitzen aufgebrochen und den Rhein hinabgezogen, wo sie der Rheininsel ihren Namen aufgeprägt: Batavia heißt von den chattischen Batavern.

Endlich haben die Eingriffe der römischen Politik zu zahlreichen Wanderungen und Wohnsitzveränderungen Anlaß gegeben. Nicht nur in oder nach dem Krieg – z. B. in den zahlreichen Fällen, in welchen die Römer viele Zehntausende eines besiegten Stammes aus dessen bisherigen Sitzen hinweg in ein fernes, ganz unter römischer Herrschaft stehendes Land wie Gallien oder Italien verpflanzten, wo ihre nationale Existenz alsbald erlosch – (Ubier, Sugambern) – auch im Frieden durch politische Maßregeln oder diplomatische Intervention: so werden die Anhänger des Katwalda und des Vannius von den Römern aus Böhmen entfernt und fern im Osten angesiedelt: so werden die Vandalen aus Spanien nach Afrika gerufen: so werden die Ostgoten aus der Nähe von Byzanz und dem oströmischen Gebiet entfernt, indem man sie veranlaßt, in das von Odovakar besetzte und beherrschte Italien überzuwandern.

Neben diesen bekanntesten Fällen stehen nun aber in großer Zahl Beispiele von geringer Bedeutung für die Universalgeschichte zwar, aber von gleicher Wichtigkeit für unsere Erörterung: Beispiele, welche als Anwendungen des allgemeinen Systems der römischen Politik in diesen Beziehungen zu den Barbaren erscheinen: es handelt sich um die richtige Auffassung der Methode der Landteilung und Ansiedelung der Germanen in den Provinzen des römischen Reiches: denn unabweisbar doch drängt sich die Frage auf, wie man in einem Kulturstaat bei der von der Regierung angeordneten Aufnahme großer Haufen hungernder Barbaren in dicht bewohnte Landschaften verfuhr, um Mangel, Ungewißheit der Pflichten und Rechte und die daraus entspringenden Gewalttätigkeiten fern zu halten.

Diese Untersuchung muß um so eingehender geführt werden, als das Wesen und die Wirkungen der Völkerwanderung in einer ganzen Reihe von Erscheinungen durch die hierbei von den Römern getroffenen Einrichtungen bestimmt werden.

Wir werden uns überzeugen, daß auch hier nichts Neues, plötzlich Geschaffenes vorliegt: sondern Fortführung alter Überlieferungen, wenig modifizierte Anwendungen längst erprobter Prinzipien auf neue Erscheinungen: denn sowenig wie die Natur, kennt die Geschichte Sprünge: sie kennt nur fortbildende Entwicklung.

Schon lange Zeit, bevor die Römer mit den Germanen in Berührung gekommen, waren im römischen Reich diejenigen Normen aufgestellt worden, welche dann vor und während der sogenannten Völkerwanderung eben auch auf die Germanen angewendet wurden.

Auszugehen ist dabei von dem Einquartierungs- und Verpflegungssystem der Römer für auf dem Marsch befindliche und für kantonirende oder vorübergehend in eine Landschaft verlegte römische Truppen.

Man verfuhr dabei in der Art, daß jedem grundsteuerpflichtigen Haus- oder Landbesitzer (possessor) nach der Größe seiner Steuerlast, d. h. also seines steuerpflichtigen Grundbesitzes, eine entsprechende Zahl von Soldaten zur Beherbergung und Ernährung zugewiesen wurde. Und zwar in der Form, daß der Soldat auf einen genau festgesetzten quoten Teil der Früchte, der Naturalerträgnisse des Jahres angewiesen wurde, z. B. auf ¼ oder ⅓: gerade diese Zahl (Tertia: scilicet pars) begegnet sehr früh und sehr häufig: das Verhältnis zwischen dem Quartierwirt und dem Quartiergast hieß hospitalitas, einer des andern hospes, der Anteil des Soldaten an den Früchten pars oder sors.

Ganz dasselbe System wandte man nun in den späteren Zeiten, d. h. in dem letzten Jahrhundert der Republik und dem ersten Jahrhundert des Kaisertums, an auf die immer zahlreicher auftretenden Fälle, in welchen fremde, barbarische Truppen, Söldner, in römischen Dienst genommen wurden.

Die Formen, in welchen dies geschah, waren sehr mannigfaltig: eine der wichtigsten und später allmählich häufigst angewendeten war dasjenige System, welches ich das Grenzersystem nennen und durch eine bekannte analoge Erscheinung erklären will: – die erst vor wenigen Jahren aufgehobene Einrichtung der sogenannten österreichischen Militärgrenze.

Ursprünglich behufs Herstellung einer vorübergehenden Grenzsperre zur Verhinderung der Einschleppung der Pest, dann behufs dauernder Abwehr der dauernden Gefahr der Türkeneinfälle überwies Österreich Land an seiner Ostgrenze Soldaten als Kolonisten, welche sich mit Weib und Kind und Herden hier niederließen und, frei von Steuern und frei von der Militärpflicht zu Kriegen außerhalb dieser Grenzgebiete, nur die Aufgabe hatten, das Grenzland gegen die Türken zu verteidigen, zugleich des Reiches Mark beschützend und den eignen Herd.

In ganz ähnlicher Weise verfuhren seit den ersten beiden Jahrhunderten der Kaiserzeit die Römer mit den Barbaren an den Grenzen des Reiches in Asien, Afrika und Europa: man nahm in sehr verschiedenen Formen barbarische Krieger in Verpflegung, Sold und Dienst: sie sollten, in des Reiches und der eigenen Ansiedlung Interesse, eben jene Grenzlandschaften fortan verteidigen, welche sie bis dahin bedroht hatten.

Dies geschah früher manchmal in der Weise, daß Krieger allein, ohne Weib und Kind, angesiedelt und auf ein Drittel der Früchte der possessores angewiesen wurden.

Später aber wurde die Form immer häufiger, wonach man besiegte Völker oder Völkerteile mit Weib und Kind in das Reich aufnahm, und sie nur verpflichtete, die bisherigen Wohnsitze, welche man ihnen beließ oder neue, in welche man sie verpflanzte, zu verteidigen. –

Sobald nun die Ansiedlung familienweise geschah, mußte sich das Bedürfnis herausstellen, statt der bloßen Teilung der Früchte eine Teilung des Bodens selbst vorzunehmen, um dem Barbarenhaushalt neben dem des römischen hospes Raum zu schaffen: tertia pars – tertia sors bezeichnete nun den dritten Teil von Gebäuden, Äckern, Wiesen, Wald- und Weideland, dann oft auch den dritten Teil der unentbehrlichen Zubehörs damaliger Wirtschaft: Sklaven und Haustiere.

In solcher Weise wurden denn auch die Germanen angesiedelt, welche seit Ende des vierten Jahrhunderts in großen oder kleineren Gruppen, als ganze Völker oder in einzelnen Volkssplittern oder gar nur als Söldner, in die Provinzen des West- und des Ostreichs durch Vertrag Aufnahme fanden.

Auch wenn ganze Nationen, wie die Burgunder, Ost- und West-Goten unter ihren nationalen Königen in Gallien, Italien, Spanien aufgenommen wurden, legte man das geschilderte System zu Grunde, so mannigfaltig auch im Einzelnen die Verhältnisse der Ansiedlung waren, je nach der Macht, der Zahl, den Erfolgen der Barbaren und den Aufnahmebedingungen.

Nicht neue germanische, – alte römische Organisationen liegen hier vor.

Der Unterschied von früheren Anwendungen des gleichen Systems besteht nur in der größeren Unabhängigkeit dieser Germanenscharen, deren Könige oft nur formell, öfter aber gar nicht die Oberhoheit des Kaisers anerkannten.

Ferner läßt sich mit dem Sinken des Reiches und dem Überwiegen der Germanen eine Steigerung der Ansprüche der letzteren nachweisen: sehr frühe schon verlangen sie statt der Jahrgelder und Fruchtanteile Eigentum an Grund und Boden: und bald begnügen sie sich nicht mehr mit den rauheren, minder fruchtbaren und minder gesicherten Provinzen, welche man früher zu ihrer Abfindung verwendet, wie Dakien, Mösien, Pannonien: sie trachten nach den blühendsten Landschaften, Gallien, Spanien, Achaia, ja nach dem Herzen des Reichs, nach Italien und Rom selbst.

Sehr lehrreich ist es, die Beurteilung und Verurteilung dieses Systems bei dem einsichtsvollen Prokop zu lesen: die allgemeine Barbarisierung des Reichs war freilich die notwendige Folge dieser massenhaften Aufnahme von Barbaren jedes Stammes: und die Auflösung des weströmischen Reichs geschah in der Tat gelegentlich einer der oben besprochenen Steigerungen der Ansprüche der germanischen Söldner: den dritten Teil aller Grundstücke in Italien forderten sie zu Eigen – also nicht mehr bloße Fruchtteile und nicht mehr bloße fundos provinciales – und stürzten die Regierung, welche dies versagte.

Die strenge Verurteilung jenes Verfahrens verkennt nur einerseits, daß anfangs, als das Reich noch stark genug war, die aufgenommenen Barbaren in Unterordnung zu halten, die Maßregel doch wesentlich zur militärischen Kräftigung und Verteidigung des Staates beitrug: und andererseits, daß zu den Zeiten des Kaisers, den Prokop darum verklagt – Justinians –, wohl kaum ein anderes Mittel zu Gebote stand, die Waffen der Germanen von den Mauern von Byzanz fernzuhalten, als die Preisgebung anderer ferner gelegener Landschaften.

Wie großen Einfluß aber gerade diese verteilende Aufnahme der Germanen, diese Form der Ansiedlung auf die späteren Geschicke der drei Länder Frankreich, Italien, Spanien hatte, – das werden wir alsbald zu erörtern haben in der Betrachtung, zu welcher wir nun übergehen: nämlich der:

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