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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 49
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Dritter Exkurs
Die Zeitfolge der Ereignisse unter Valerian und Gallienus

Die Hauptquellen für die Jahre 254–268 sind, nächst den, so weit sie sicher, stets vorzugsweise zu berücksichtigenden Münzen, Trebellius Pollio und Flavius Vopiscus, Zosimus, des Syncellus Chronographie, des Zonaras Annalen, Beh. XII und die Epitomatoren.

Im Westen befehligte am Rhein in den Jahren 264 bis 257 Gallienus persönlich, unter ihm Postumus gegen die Alemannen am Oberrhein, Aurelian am Niederrhein gegen die Franken.

Mit Sicherheit ist aus dieser Zeit nur bekannt, daß sich Gallienus, von guten Feldherren unterstützt, durchaus tüchtig bewies (s. Aur. Vict. 33, Eutrop IX, 8 und Zosimus I, 30) und mehrfache Siege erfocht, wie dies dessen zahlreiche, auch noch über spätere Jahre sich erstreckenden Siegesmünzen beweisenDer von Aurelian nach Fl. Vopiscus Aur. c. 7 bei Mainz über die Franken erfochtene Sieg muß der Zeit vor Gallienus angehören, da er damals nur Tribun der sechsten Legion war, bei jenes Erhebung aber schon viel höher in Dienst gestanden haben muß, weil es in Frage kam, Gallien seiner besonderen Leitung anzuvertrauen (Vopiscus a. a. O. c. 8). Daß er aber auch unter Valerian und Gallienus sich gegen die Germanen auszeichnete, beweisen Valerians Worte (ebenda c. 9), der ihn Galliarum restitutor nennt. (s. Eckhel, p. 385, 390, 391 und 401), auf denen zum Teil Rhein und Main dargestellt sind. Schon vom Jahre 256 erscheint auch auf diesen der Beiname Germ. Max., der mit angehängter Zahl (anstatt des frühern Imp. mit der Zahl) die Wiederholung der Siege angibt und sich bis zu V. steigert, was, wenn auch deren Bedeutung wahrscheinlich übertrieben ward, doch erlangte Vorteile außer Zweifel setzt.

Unter den Quellen gewährt für diese Zeit nur Zosimus einige Auskunft. Nachdem derselbe bereits (I, 29) der Markomannen, die durch Einfälle das benachbarte römische Gebiet verheerten, gedacht hat, berichtet er (c. 30) Folgendes:

Gallienus, den gefährlichsten Feind in denjenigen Germanen erkennend, welche die keltischen Völker des rechten Rheinufers so heftig bedrängten, übernahm den Krieg wider sie in Person, während er die Italien, Illyricum und Griechenland durch Raubfahrten heimsuchenden Feinde durch seine Generale bekämpfen ließ. Er selbst die Rheingrenze verteidigend wehrte teils den Übergang ab, teils stellte er sich den Übergesetzten in geordneter Schlacht entgegen. Da er aber mit geringeren Streitkräften gegen eine sehr große Übermacht kriegte, geriet er doch in Verlegenheit, in welcher es ihm mindere Gefahr erschien, mit einem der germanischen Volksführer Frieden zu schließen, worauf es ihm gelang, die übrigen Barbaren abzuwehren oder die dennoch Übergesetzten zu bekämpfen.

Alle übrigen auf den Westen des Reichs bezüglichen Nachrichten sind der Zeit nach völlig unsicher. So sagt Eutrop:

a) IX, 7 (anscheinend von dieser Zeit): Germani Ravennam usque venerunt.

b) c. 8. Alemanni vastatis Galliis in Italiam penetraverant. Germani usque ad Hispanias penetraverunt, et civitatem nobilem Tarraconem expugnaverunt.

c) Aur. Vict. 33. Alemannorum vis tunc aeque Italiam; Francorum gentes, direpta Gallia, Hispaniam possiderent, vastato ac paene direpto Tarraconensium oppido, nactisque in tempore navigiis, pars in usque Africam permearet.

d) Orosius VII, 22. Germani Alpibus, totaque Italia penetrata, Ravennam usque perveniunt. Alamanni Gallias pervagantes etiam in Italiam transeunt. Germani ulteriores potiuntur Hispania.

e) Zonaras XII, 24, p. 696 in d. Übersetzung: Gallienus cum non amplius decem millia haberet, trecenta millia Alemannorum apud Mediolanum vicit.

f) Greg. Turon. (Hist. Franc. I, 30) und die Acta SS. Boll. Aug. T. IV, S. 439 berichten von einem furchtbaren Einfalle der Alemannen unter ihrem Könige Chrocus zu Valerians und des Gallienus Zeit, welche ganz Gallien durchraubt und große Städte zerstört hätten.

Von diesen Nachrichten verdienen aber gerade die wichtigsten, die beiden letzten, keinen Glauben. Zonaras hat hier offenbar dem Gallienus, und zwar mit größter Übertreibung, einen der spätern Siege des Claudius, Aurelianus oder Probus zugeschrieben, von denen sich bei ihm nichts findet, wie es denn auch fast undenkbar ist, daß sich bei den Epitomatoren und Zosimus über einen so glänzenden Sieg nichts erhalten haben sollte.

Jener Alemannenkönig Chrocus aber wird von Fredigar als ein König der Vandalen, der zu Anfang des fünften Jahrhunderts in Gallien einfiel, dargestellt, was ungleich wahrscheinlicher ist und auch mit andern Nachrichten übereinstimmt. (S. Patrolog. Curs. Comp. T. LXXI. Paris 1849, p. 704 und 705 oder 711 und 712 d. alt. Seitenzahlen. Vergl. auch darüber Stälin, G. v. W., 3. Abschn., S. 118.)

Die unter a) bis d) aufgeführten Stellen dürften sich ebenfalls nicht auf die Jahre 254–257, sondern auf die spätere Zeit tiefsten Verfalls der äußern und inneren Zustände Roms nach dem Jahre 260 beziehen.

Die wichtigste Frage dieser Zeit ist daher unstreitig, ob die von Treb. Pollio Salon. Gall. c. 3, Aur. Vict. 33, 6 und der Epitom. Aur. Vict. einstimmig bezeugte Verbindung des Gallienus mit der Pipa oder PiparaEs wird gestritten, ob diese dessen Gemahlin neben der Kaiserin Salonina oder nur Konkubine gewesen. Da er sie nach dem Cod. pal. perdite diligit (s. Treb. Poll. Salon. Gall. c. 3. Leid. Ausg. II, S. 260), so mag er sie ganz als Gemahlin behandelt haben. Daß er sie aber nicht förmlich zu seiner kaiserlichen Gemahlin erhoben habe, ergibt sich, abgesehen davon, daß Bigamie gegen das Gesetz gewesen wäre, schon daher, daß sich keine Münze derselben findet, wie sonst bei allen Kaiserinnen der Fall ist., Tochter eines Königs (nach Trebellius Pollio der Barbaren, nach Aurelius Victor der Germanen, nach der Epitome der Markomannen), bei Gelegenheit jenes von Zosimus berichteten Friedensvertrags erfolgt ist. Da die Epitome, welche wenig, aber oft recht gute Nachrichten enthält, ausdrücklich hinzufügt, daß jenem Könige (nach Aurelius Victor de Caes. »Namens Attalus«) dafür ein Teil des obern Pannoniens (welches an das Markomannenland grenzte) abgetreten worden sei, so dürfte die Identität beider Verträge wohl anzunehmen sein. Wahrscheinlich waren es nun die Markomannen, welche vielleicht in Verbindung mit Alemannenführern, Scharen bis Italien aussandten, zu deren Abwehr es dem, fortwährend durch die westlichen Alemannen beschäftigten Gallienus an Truppen gefehlt haben mag, wogegen er sich durch jenen Friedensschluß sicherte.

Daß auch, vielleicht infolge dieses Friedens, das mittlere Rätien wenigstens zeitweilig wieder in römischem Besitz war, ergibt eine im Donautale etwas östlich Ulms gefundene Inschrift: Imp. Gallienus Germ, invict. Aug. S. Stälin, S. 49.

Wenn Postumus ferner nach Treb. Pollio 30 Tyr. c. V. nonnulla etiam castra in barbarico solo aedificavit, so dürfte er dies vielleicht mehr in der günstigen Zeit bis mit 257, denn in der späteren als Tyrann ausgeführt haben, wo er meist mit dem Kaiser zu streiten gehabt haben wird.

Wahrscheinlich waren es einige der für die Rheinwehr so wichtigen Neckar-Türme, die er wieder herstellte.

Im Allgemeinen aber muß, nach obigem, namentlich nach Zosimus, angenommen werden, daß das Zehntland auch schon in der fraglichen Periode größtenteils im Besitze der Alemannen war.

An der Donau, in Illyricum befehligte in dieser Zeit Ulpius Crinitus, der von Trajan abzustammen versicherte. Da er wegen Krankheit eines Gehilfen und Stellvertreters bedurfte, wurde ihm durch Valerian der aus Germanien zurückberufene Aurelian beigegeben, der sich hier nun gegen die Goten auszeichnete, die Grenzwehr wieder in Stand setzte und das vielfach geplünderte Thrakien mit Rindern, Pferden, Sklaven und Gefangenen versah, deren Menge sich daher abnehmen läßt, daß er einer Privatherrschaft Valerians allein 2000 Kühe, 1000 Stuten, 10 000 Schafe und 15 000 Ziegen zuteilte, welche er doch nur den gotischen Scharen abgenommen haben kann, die er wahrscheinlich aber noch über die Donau hinaus verfolgte. (Treb. Poll. Aur. c. 10.) Nach dessen ebenda in c. 11 abgedruckter Bestallung sollte er den Krieg bei Nikopolis beginnen. Beigegeben waren ihm unter andern Harimund, Haldegast, Hildemund und Chariovis, also germanische Führer in römischem Solde. Im übrigen hat aber sein Heer hiernach nur aus der dritten Legion »felix«, 1600 asiatischen Bogenschützen und 800 Panzerreitern bestanden. Zugleich ließ Valerian ihn für den Monat Juni des nächsten Jahres in Gemeinschaft mit Ulpius Crinitus die Ernennung zum consul suffectus an seiner, Valerians und des Gallienus Stelle, und zwar auf Staatskosten hoffen. Hieraus ergibt sich, daß seine Anstellung in das Jahr 256, dessen Konsulat aber (das er nach dem von demselben Schriftsteller c. 12 mitgeteilten Reskript an den Aerarpräfekt auf Übertragung der Festspielkosten für solchen auch wirklich angetreten haben dürfte) in das Jahr 257 gefallen ist, weil dies das letzte Konsulat der beiden Kaiser war, die überhaupt nur in den Jahren 254, 255 und 257, nicht aber 256 gemeinschaftlich das Konsulat bekleideten. Bei der schon oben erwähnten Heerversammlung unfern von Byzanz im Jahre 258 brachte ihm nun Valerian den Dank der Republik dar, quod eam Gothorum potestate liberasti. Am Schluß dieser Rede heißt es nun freilich auch c. 13: Nam te consulem hodie designo, scripturus ad Senatum ut tibi deputet scipionem (Elfenbeinstab), deputet etiam fasces. Nach der Bestimmtheit der Nachrichten in c. 11 und 12 und der Gewißheit des Jahres 258 für obige Versammlung kann indes hierin nur eine neue anderweite Designation für das Jahr 259 erkannt werden, die sich jedoch, da Aurelian vor seiner Thronbesteigung nie ordentlicher Konsul war, wiederum auf bloße Suffektion beschränkt haben muß.Möglich freilich auch, daß Aurelian im Jahre 257, als alles schon vorbereitet war, doch noch durch den Krieg am wirklichen Antritte des Konsulats behindert ward.

Für die Jahre 258 bis 260 ergibt sich aus Treb. Poll. 30 Tyr. c. 9, daß im Jahre 258 (Tusco et Basso Coss.) der Legat von Pannonien, Ingenuus, von den musischen Legionen (vielleicht denen des obern, da Niedermösien unter Crinitus gestanden haben dürfte) zum Kaiser ausgerufen ward. Gallienus sofort aus Germanien in Person herbeieilend schlug ihn aber und gab sich hierauf der blutdürstigsten Rachgier hin. Ein Teil von dem Heer des Ingenuus floh zu dem in der Nähe kommandierenden Regalianus, einem Daken, der sich von Dekebalus abzustammen rühmte (Treb. Poll. 30 Tyr. c. 10), und rief diesen zum Kaiser aus, der aber aus Furcht vor des Gallienus Grausamkeit bald von den Seinigen getötet ward, und zwar, nach 30 Tyr. c. 10, autoribus Roxalanis, consentientibusque militibus. Diese Worte sind nicht ganz deutlich, doch sind unter Roxalanen hier wohl Soldaten dieses Volkes in römischem Dienste zu verstehen.

Als Gallienus den Rhein verließ, vertraute er seinen, einige Zeit vorher zum Cäsar ernannten, etwa sechzehnjährigen Sohn, Cornelius LiciniusNach der gründlichen, auf neu aufgefundene Inschriften gestützten Erörterung von Mommsen war dieser der ältere Sohn des Gallienus, dessen zweiter Saloninus hieß und an des erstern Stelle zum Cäsar ernannt ward. S. Aur. Vict. Epit. 33 und über das Ganze Polemi Sylvii laterculus ed. Mommsen und d. Abhandl. d. K. S. Gesellsch. d. Wissensch. zu Leipzig II, S. 243. 1857., nicht dem Postumus, sondern dem Silvanus, nach Zosimus c. 38 (oder ’Αλβανός nach Zonaras XII, 24, S. 597) an.

Dies und des letztern, mit Vertretung des Cäsars sich brüstende AnmaßungZonaras erzählt, Postumus habe die von ihm den Germanen abgenommene Beute unter die Truppen verteilt, Albanus aber deren Rückgabe zu des Cäsars Verfügung gefordert, was den Aufstand und des Postumus Erhebung veranlaßt habe.

Die Ausgaben des Trebellius Pollio schreiben übrigens Posthumius, was jedoch nach den Handschriften und den Münzen falsch ist, welche Postumus haben.

mag den verdienten Postumus und auch dessen Heer erbittert haben, worauf dieses ihn im Jahre 258 zum Kaiser ausrief. Dieser Zeitpunkt und die bis in das Jahr 267 hinein anerkannte Herrschaft des Postumus in Gallien und Spanien steht durch dessen zahlreiche, von Eckhel p. 437–445 umständlich beschriebene Münzen auf das zweifelloseste fest. Merkwürdig nun, daß Trebellius Pollio (2 Gall. c. 4) und Zosimus (I, 38) des Postumus Aufstand in viel spätere Zeit nach Valerians Gefangennehmung, etwa in das Jahr 261 setzen, was bei letzterm jedoch, der für genauere Chronologie weniger Mittel, aber gewiß auch weniger Sinn gehabt haben mag, nicht so auffällig ist, als bei ersterem.

Trebellius Pollio scheint indes zwar die in seinen Quellen gefundenen Zeitangaben getreu wiedergegeben, den Mangel derselben aber durch eigene Erörterung und Kritik niemals ergänzt zu haben, was gerade ihm, der nur wenig über dreißig Jahre nach Postumus lebte, so leicht gewesen sein müßte, wie er denn überhaupt als Geschichtsschreiber kaum über seinen Vorgängern steht.

So ist es z. B. absurde Affektation klassischer Gelehrsamkeit, wenn er die achtzehn bis neunzehn Provinzialstatthalter, welche zu ganz verschiedenen Zeiten unter Valerian und Gallienus vorübergehender, oft nur wenige Tage dauernder Herrschaft sich anmaßten, unter dem Namen der »dreißig Tyrannen«, nach dem Vorbilde jener von Sparta zu gleichzeitiger Regierung Athens berufenen dreißig Tyrannen, darstellt und diese Zahl – was ihm aber doch nicht gelingt – durch Einrechnung von Söhnen und Verwandten, sowie des nicht aufständischen, sondern Gallienus so treuen Odenats von Palmyra, ja durch Rebellen früherer und späterer Zeit zu erfüllen strebt.

Postumus rückte sogleich gegen Mainz, wo der Cäsar Licinius seinen Sitz hatte, und zwang es durch Belagerung zur Übergabe, worauf er diesen nebst Silvanus töten ließ. Nach Eckhel, p. 438 soll dies im Jahre 259 geschehen sein, wofür derselbe einen Beweis aber nicht beibringt. Jedenfalls muß es früher gewesen sein, als Gallienus, der sofort gegen Postumus aufbrach, seinem Sohne zu Hilfe kommen konnte.

Die Geschichte dieses Krieges, der sich weit in die nächste Periode hineinzog, wird von Treb. Pollio (2 Gall. c. 4 u. 7), so wie von Zonaras (24) nur kurz, unvollständig und ohne alle Zeitangabe erwähnt. Derselbe zerfällt in zwei Abschnitte. Im ersten ward (nach Kap. 4) Postumus, der hiernach im freien Felde sich gegen den Kaiser nicht halten konnte, belagert (vermutlich in Mainz), dabei aber Gallienus durch einen Pfeilschuß von der Mauer herab, wie es scheint, gefährlich verwundet, worauf derselbe die Belagerung aufhob, was, da wahrscheinlich noch längere Kämpfe vorausgegangen sind, etwa im Jahre 260, geschehen zu sein scheint. Postumus mag sich durch geworbene HilfstruppenDie Worte Treb. Poll. (c. 7): cum multis auxiliis Post, juvaretur celticis ac francicis beweisen dessen ganz unkritische Schreibart. Die keltischen, d. i. gallischen Auxilien waren solche im engern Sinne, die Postumus als dem von ganz Gallien anerkannten Kaiser folgen mußten, die Franken aber können wohl nur freie Söldner gewesen sein., namentlich Franken, wesentlich verstärkt haben.

Zum zweiten Male kann nun Gallienus, weil er dabei von Aureolus unterstützt ward, erst nach Makrians Besiegung, daher kaum vor Ende 261 oder Anfang 262, wiederum gegen Postumus gezogen sein, wovon Trebellius Pollio (in demselben c. 4) sagt:

»Dieser Krieg ward, durch verschiedene Belagerungen und Schlachten sich lange hinziehend, bald glücklich bald unglücklich geführt«, während er c. 7, wiewohl offenbar von denselben Ereignissen redend, bemerkt: victrix pars Gallieni fuit, pluribus praeliis eventuum ratione decursis.

So unklar diese Darstellung daher ist, so berichtet doch Zonaras noch viel verworrener, indem er, beide Kriegsabschnitte vermischend, zuerst den Postumus siegen, dann geschlagen und von Aureolus verfolgt werden, dabei aber denselben in jene Festung fliehen und nun erst die Belagerung eintreten läßt, bei welcher Gallienus verwundet wurde.

Die Hauptsache war wohl, daß die große Bedrängnis des Reichs in andern Gegenden Gallienus hinderte, diesen Krieg teils in eigener Person, teils mit ausreichender Streitkraft fortzuführen, weshalb Postumus sich bis zu seinem Ende im Jahre 267 behaupten konnte.

Die Zeit der Alleinherrschaft des Gallienus von 261 bis 268 sah viele Empörungen.

1. Jahr 261. Gall. Aug. IV. et L. Petr. Tauro Volusiano Coss.

Valerian hatte allgemeine hohe Achtung genossen, Gallienus aber fast nur allgemeine Verachtung.

Unzweifelhaft in das Jahr 261 sind die in Kapitel 6 bereits erwähnten gemeinsamen Einbrüche germanischer, auch wohl anderer Scharen in das römische Gebiet zu setzen, da sie von Zosimus (I, 37) als unmittelbare Folge von Valerians Gefangennehmung berichtet werden.

Der Hauptangriff erfolgte in Italien und war gegen Rom selbst gerichtet, obwohl die Germanen, da der durch die Gefahr aufgeschreckte Senat ein stärkeres Heer gegen sie gesammelt hatte (Zosimus c. 37), diesen Plan wieder aufgaben und sich auf Ausraubung von beinahe ganz Italien – unstreitig nur Ober- und einem Teil von Mittelitalien – beschränkten. Hierauf scheint sich nun die Stelle in Orosius (VII, 22): »Germani Alpibus, Retia totaque Italia penetrata, Ravennam usque perveniunt« zu beziehen, da Ravenna auf der flaminischen Straße lag, die von Padua, der ersten großen Stadt von den carnisch-julischen Alpenpässen und Aquileja her, nach Rom führte. Der Zwischensatz: Retia bis penetrata ist freilich ein Einschiebsel geographischer Unwissenheit, da diese Germanen kaum aus Rätien, sondern wohl nur aus Noricum gekommen sein können und bis Ravenna nur einen Teil Italiens berührten, so daß die Worte: totaque Italia penetrata durch spätere Züge erklärt werden müssen.

Gallienus war damals (nach Zosimus a. a. O.) jenseits der Alpen mit dem germanischen Kriege – hauptsächlich gegen Postumus – beschäftigt, muß aber bald darauf, wahrscheinlich gegen Ende 261Diese Zeitangabe scheint mit demjenigen, was oben über des Gallienus persönliche Teilnahme am zweiten Feldzuge gegen Postumus gesagt ward, nicht ganz übereinzustimmen. Bei der geringen Entfernung zwischen Gallien und Oberitalien könnte jedoch der Kaiser bald bei diesem, bald bei jenem Heere gewesen sein., von Gallien oder Germanien nach Italien aufgebrochen sein (Zosimus c. 38).

Mutmaßlich eilte dieser, durch die Kunde von Makrian, des Empörers, Anmarsch aufgeschreckt und über des Aureolus Gesinnung mindestens besorgt, zunächst nach Illyricum. Erst nach der inzwischen erfolgten vor seiner Ankunft daselbst vernommenen Niederlage des erstern und seiner freundlichen Verständigung mit letzterem dürfte er daher Ende 261 oder Anfang 262 nach Italien gezogen sein und die im Lande zerstreuten Germanen vernichtet oder vertrieben haben.

Daß er nach Makrians Sturz eine Zeitlang in Rom verweilte, dürfte auch aus den von Trebellius Pollio c. 3 a. Schl. erwähnten Festspielen folgen, die nur in Rom gegeben worden sein können.

Ob die von den Epitomatoren und sonst erwähnten Einbrüche der Alemannen in Italien, wohin dieselben unstreitig aus Rätien auf der Militärstraße über Chur (Curia) nach dem Comer SeeAllerdings konnten diese auch über den Brenner von Rätien in Italien einfallen (Füssen, Innsbruck, Trient, Verona), es ist jedoch wahrscheinlich, daß die Alemannen in der Regel die weit kürzere Straße über Chur wählten, welche, obgleich an sich schwieriger als erstere, von den Römern ihrer Wichtigkeit halber gewiß in passierbaren Stand gesetzt war. vordrangen, auch in das Jahr 261 fallen, wissen wir nicht, es ist dies jedoch, weil der Moment dazu höchst günstig war und Verabredung mit ihren östlichen Nachbarn, den Markomannen, welche gleichzeitig durch Noricum einfielen, nahe lag, wahrscheinlich, wie denn auch Orosius unmittelbar nach der oben angeführten Stelle hinzusetzt: Alamanni Gallias pervagantes etiam in Italiam transeunt. Soll hierbei der Zwischensatz: Gallien durchstreifend, als dem Hauptsatze verbunden betrachtet werden, so würde hier unter Gallias die maxima Sequanorum südlich des Bodensees zu verstehen sein. Dieser Schriftsteller ist indes zu unkritisch, um auf dessen Ausdruck, selbst wenn er Tatsachen aus guter Quelle wiedergibt, besondern Wert zu legen.

Der Einbruch der Nordvölker durch Illyricum (s. Zosimus I, 37 zu Anf.) nach Griechenland wird unten beschrieben werden. Der Umstand, daß Aureolus nicht in Person wider Makrian zog, sondern diesem nur seinen Unterfeldherrn Domitian entgegensandte, macht es wahrscheinlich, daß die Verfolgung ersterer oder die Abwehr von Nachzüglern ihn damals noch weiter westlich festhielt.

2. Jahr 262. Gallieno Aug. V. et Faustino Coss.

In Gallien ward, wie schon oben bemerkt ward, der Krieg gegen Postumus, teils wohl durch den Kaiser in Person, teils durch dessen Feldherren Aureolus und Claudius (den nachherigen Kaiser), fortgesetzt. (Treb. Pollio a. a. O. c. 5 und 7.) Der erstere mag, nachdem er den Winter in Rom verbracht hatte, im Frühjahr dahin zurückgekehrt sein.

3. Jahr 263. Albino II. et Max. Dextero Coss.

Die Ereignisse dieses Jahres fließen mit denen des vorhergehenden in Treb. Pollio (2 Gall. c. 6 und 7) – fast der einzigen für Chronologie brauchbaren Quelle – ungesondert zusammen, so daß nur aus der am Schluß von Kap. 7 erwähnten Feier der Decennalien zu Rom der Eintritt dieses Jahres mit Sicherheit abzunehmen ist.

In Gallien dauerte, und zwar nach Kap. 7 unter des Gallienus persönlicher Führung, der Krieg gegen Postumus fort.

Ein trauriges Ereignis dieses Jahres war die Zerstörung von Byzanz durch Gallienus selbst, das, infolge seiner einzigen Lage, bald wieder mächtig aus dem Schutte sich erhoben haben muß, in den es Septimius Severus gestürzt hatte. Wodurch die Stadt des Kaisers Ungnade verwirkt hatte, wissen wir nicht.

Mit deren Einnahme durch die Heruler kann dies wenigstens nicht in Beziehung gestanden haben, da diese drei bis vier Jahre später erfolgte. Treb. Pollio, dessen Darstellung der Sache an zwei Stellen (c. 6 u. 7) wiederum ein Meisterstück von Unklarheit ist, sagt nur: Gallienus sei zur Bestrafung der Stadt aus dem Kriege gegen Postumus dahin gezogen, habe zuerst geglaubt, er werde nicht in die Mauern aufgenommen werden, als dies aber doch geschehen, habe er, den geschlossenen Vertrag brechend, alle unbewehrten Soldaten durch Bewaffnete umzingeln und niederhauen lassen. Nach der vorhergehenden Stelle Kap. 6 muß aber das Blutbad noch ein viel größeres gewesen sein, da sämtliche alte Familien der Stadt dabei ausgerottet worden sein sollen. Von da eilte (cursu rapido convolavit) Gallienus zur Feier der Decennalien nach Rom, Treb. Pollio (c. 8).

4. Jahr 264. Gallieno Aug. VI. et Saturnino Coss.

Von diesem Jahre wissen wir, außer dem Fortgange des, wie es scheint, nur lässig noch betriebenen Krieges gegen Postumus nichts weiter, als daß Gallienus den fortwährend siegreichen Odenat von Palmyra nach Treb. Pollio (c. 10 und 12) zum Augustus und Mitregenten für den Orient ernannte.

5. Jahr 265. P. Licin. Valeriano II. L. Caesonio Macro etc. Coss.

Von diesem wissen wir weiter nichts, als daß Postumus im Westen, wozu außer Gallien auch Hispanien noch gehörte (s. Eckhel, p. 449), in diesem Jahre Victorinus zum Mitregenten annahm, wie mit Grund daher zu folgern scheint, daß dessen Regierung im Jahre 267 endigte, von ihm aber Münzen mit der Aufschrift Trib. pot. III. erhalten sind (s. Eckhel, p. 452). Dies ist am einfachsten dadurch zu erklären, daß Postumus Versuche, diesen seinen tüchtigen Unterfeldherrn für Gallienus zu gewinnen, entdeckte oder befürchtete, denselben daher durch Ernennung zum Mitregenten an sich zu fesseln suchte. Treb. Pollio (30 Tyr. c. 6) motiviert dies zwar durch die Kriegsbedrängnis, in der Postumus sich befunden, für deren Abwehr aber durch jene Erhebung des Victorinus, wenn er dessen Treue sonst sicher war, nichts gewonnen werden konnte.

Dafür aber, daß Victorinus vorher nicht auf des Postumus, sondern auf des Gallienus Seite gewesen sei, spricht weder die Wahrscheinlichkeit, noch irgendeine Andeutung in den Quellen.

Aur. Vict. (de Caes. 23, 12) läßt Victorinus zwar erst im Jahre 267 zum Kaiser ausrufen: dies ist aber sowohl nach Trebellius Pollio (30 Tyr. c. 6) als nach den Münzen entschieden irrig.

Als ein gedankenloser Zusatz von Treb. Poll. ist es ebenfalls wieder nur zu betrachten, wenn derselbe a. a. O. hinzufügt, daß Postumus und Victorinus, nachdem sie den Krieg wider Gallienus lange hingezogen, endlich doch besiegt worden seien. Einzelne Schlachten können sie verloren haben: daß deren Herrschaft über den Westen im Wesentlichen aber unverändert fortdauerte, ja noch auf drei andere Tyrannen überging, wird später unter den Ereignissen des Jahres 267 nachgewiesen werden. Auch der spätere Standort von Aureolus, dem Hauptfeldherrn des Gallienus gegen Postumus, bei Mailand beweist zur Genüge, daß die Unterdrückung dieser Empörer bis zum Jahre 268 niemals gelungen war. (S. weiter unten 7.)

6. Im Jahre 266 (Gallien. Aug. VII. et Sabinillo Coss.) dauerte im Westen der Krieg gegen Postumus und Victorinus fort, während im Osten Odenat sein ruhmreiches Leben durch Mörderhand verlor.

Die »Skythen« fielen in Thrakien ein und flohen in der unten beschriebenen Weise aus Makedonien nach Asien, schifften von hier später wieder nach Achaia über, verwüsteten ganz Griechenland bis in den Peloponnes hinein, wurden endlich aber zuerst daselbst und dann wieder am Rhodope von Gallienus selbst geschlagen. Jetzt brach dieser erst gegen Aureolus nach Mailand auf und fand schon im März 268 den Tod.

7. Das Jahr 267 bis zum März 268, Paterno et Arcesilao Coss.

In diesem Jahre endete Postumus seinen tatenreichen Lauf. Die Hauptquelle hierüber ist Aur. Vict. (de Caes. 33, 7 und 8), da Treb. Poll. über Postumus nur dürftig berichtet, die Griechen aber uns ganz verlassen. Wider ihn erhob sich Lollianus, nach Münzen Lälianus (s. Eckhel, p. 449). Dieser ward geschlagen, Postumus aber von seinen eigenen Truppen, weil er ihnen die Plünderung von Mainz, das sich für ersteren erklärte, versagte, in einem Auflaufe nebst seinem Sohne und Mitregenten gleichen Namens getötet, was nach den Münzen unzweifelhaft in diesem Jahre, wahrscheinlich aber in dessen frühern Monaten geschah (s. Eckhel, p. 440 u. 446). Interessant ist aus dessen Münzen die (von Eckhel, p. 443 beschriebene) mit der Inschrift Herculi Deusoniensi, welchen letztern Namen man mit Deutz am Rhein oder auch mit Duisburg (was jedoch minder wahrscheinlich ist) in Verbindung gebracht hat.

Lälianus muß mehrere Monate mindestens regiert haben, da er nach Treb. Poll. (30 Tyr. c. 5) die Germanen, welche nach des Postumus Tod sogleich in den von letzterem wieder besetzten Teil des Zehntlandes, ja selbst in Gallien eingefallen waren, nicht nur wieder herausschlug, sondern auch die zerstörten Städte in ersterem wieder herstellte. Darauf aber ward er von seinen Leuten wegen Überanstrengung derselben getötetNach Treb. Poll. (c. 5), der jedoch denselben wenige Zeilen vorher von Victorinus töten läßt, welcher daher vielleicht, wenn man hier nicht den größten Widerspruch annehmen will, als Anstifter dabei mitwirkte. und Victorinus, des Postumus früherer Mitregent, als Alleinherrscher des Westens anerkannt, auch dieser aber nicht lange nachher ermordet, was gegen Ende 267 geschehen sein muß. Ihm folgte (nach Treb. Poll. 30 Tyr. c. 5), durch den Einfluß der Victorina, Victorins Mutter, die wahrscheinlich ein gefügiges Werkzeug für sich suchte, Marius, ein Schmied seines Handwerks, der durch ungemeine Körperkraft und Bravour zu höhern Stellen avanziert war, sehr bald aber von seinem frühern Gesellen, den er höhnend behandelte, niedergestoßen ward. Daß dies aber, wie die Quellen sagen, schon nach zwei oder drei Tagen geschehen sei, läßt sich mit den zahlreichen und verschiedenartigen Münzen, die von ihm erhalten sind, nicht vereinigen. Nach ihm brachte die bei den Soldaten sehr beliebte, daher mater Castrorum genannte Victorina, gewiß eine sehr tüchtige, aber auch intrigante Frau, das Heer zu Ausrufung des Tetricus, der in Aquitanien kommandierte, zum Kaiser, dessen Herrschaft die des Gallienus und selbst die dessen Nachfolgers Claudius überlebte.

Während eines verunglückten Feldzuges des Gallienus in Kleinasien, dessen Beginn spätestens in das Frühjahr 267 zu setzen ist, brachen nun auch die Skythen oder Heruler in Thrakien, Makedonien, Asien und Griechenland ein, woraus sie jedoch schließlich mit großem Verluste wieder vertrieben wurden.

Ob vor des Gallienus Tode, welcher bei seinem Abmarsche gegen den Empörer Aureolus in Italien die Führung des Krieges wider die Goten dem erfahrenen und tüchtigen Martian übertrug, in Thrakien und Mösien noch Erhebliches vorfiel, wissen wir nicht, ersehen aber aus Treb. Pollio (Claud. c. 6), daß derselbe sie nachdrücklich verfolgte.

Nur dessen Worte: quosque (Gothos) Claudius emitti non siverat, dürften noch auf die Zeit von des Kaisers Anwesenheit zu beziehen sein, da Claudius diesem nach Italien gefolgt sein muß.

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