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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 48
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Nur eine Stelle ist es daher, worauf sich die Gegner beziehen könnten.

In dem, von den Siegen der Amazonen handelnden Buch I, Kap. 16 sagt er:

»Mox autem Getae illi, qui et nunc Gothi, quos Alexander evitandos pronunciavit, Pyrrhus exhorruit, Caesar declinavit, relictis vacuefactisque sedibus suis, ac totis viribus tot Romanas ingressi provincias, simulque ad terrorem diu ostentati, societatem Romani foederis precibus sperant: quam armis vindicare potuissent; exiguae habitationis sedem, non ex sua electione, sed ex nostro judicio rogant; quibus subjecta et patente universa terra, praesumere, quam esset libitum, liberum fuit: semetipsos ad tuitionem Romani regni offerunt, quos solos invicta regna timuerunt. Et tamen caeca gentilitas, cum haec Romana virtute gesta non videat, fide Romanorum impetrata non credit, nec adquiescit, cum intelligat, confiteri beneficio Christianae religionis (quae cognatam per omnes populos fidem jungit) eos viros sine proelio sibi esse subjectos, quorum feminae majorem terrarum partem immensis caedibus deleverunt.«

Der Zweck dieses Anführens ist nun lediglich der, zu erweisen, daß das blinde Heidentum der Goten, welche, obwohl ein viel streitkräftigeres Volk als die Römer, sich gleichwohl diesen unter Kaiser Valens als Föderierte freiwillig unterworfen hätten, nun dennoch nicht einsähe, wie sie es der Wohltat des Christentums zugestehen müßten: daß sie – diejenigen Männer, deren Frauen schon einst den größeren Teil der Erde mit ungeheurem Blutvergießen verheert hatten – jetzt im Frieden ihm (sibi), nämlich dem Christentume, unterworfen seien. Hier haben wir also den Ursprung der gotischen Amazonen des Jordanis, Orosius' Abschreibers, und, mit Justin verglichen, zugleich den Ursprung der ganzen Fabel, vor allem aber, wie wir sogleich sehen werden, den Ursprung der ganzen vermeinten Identität von Goten und Geten bei Jordanis. Justin führt nämlich in seiner Geschichte (II, 1, 3, 4 und 6) die Amazonen vielfach als die Frauen der Skythen auf. Weil nun der Name Skythen für Nordvölker überhaupt gebraucht wurde, so begriffen die älteren, namentlich griechische, Schriftsteller häufig auch die GetenHerodot begreift mehrfach Thrakien nördlich der Donau unter Skythien, namentlich IV, 97 bis 99. Nun erwähnt dieser zwar c. 93 das Spezialvolk der Geten südlich der Donau. Da dieses jedoch bei Eroberung Niedermösiens zum Teil jenseits dieses Stromes zurückwich, jedenfalls das Gesamtreich und Volk der Geten auch jenes skythische Thrakien mit umfaßte, so durften sie nach jener alten Anschauung allerdings unter den Skythen begriffen werden., sowie die Goten darunter, wie denn noch Zosimus (im fünften Jahrhundert n. Chr.) die Goten Skythen nannte. Orosius schließt nun also, um seinen absurden theologischen Beweissatz durchzuführen, wie folgt:

»Die Geten sind Skythen, die Goten sind auch Skythen, folglich sind die Geten Goten.«

Ist dies nicht genau ebenso, als wenn wir, um die Identität der Polen und Russen zu beweisen, sagen wollten: Die Russen sind Nordländer, die Polen sind auch Nordländer, folglich sind die Polen Russen?

Über JordanisJ. Grimm hält Jornandes für den ursprünglichen Eigennamen, der bei der Konversion zum Christentum oder seiner Ernennung zum Bischof (aber nicht von Ravenna), in Jordanis umgewandelt worden sei. In den ältesten Handschriften steht Jordanes oder Jordanis.

Seine Abkunft anlangend, lautet die Stelle Kap. 50 so: sein Vater hieß Alanowamuth sein Großvater Peria. Letzterer war Notarius des Dux der Alanen, Candax. Perias Schwester war mit Andax verheiratet, dem Sohne der Andala, die aus dem Geschlechte der Amaler stammte.

Hiernach dünkt mich wahrscheinlicher, daß Jordanis selbst Alane war, nur seine Großtante (unter hunnischer Herrschaft) den Goten Andax geheiratet hatte, was er der vornehmen Verwandtschaft halber hervorhebt. Indes bleibt die Sache zweifelhaft, ist aber für den vorliegenden Zweck jedenfalls gleichgültig.

ist ausführlicher zu handeln.

Derselbe nennt sich (c. 50) selbst agrammatus und wird von J. Grimm (S. 565, Nr. 813) ein »erbärmlicher Kompilator« genannt. Prüfen wir dies Urteil näher. Er sagt in der Zueignung seines Werks an Castalius folgendes:

»Superat nos hoc pondus quod nec facultas eorumdem librorum (der zwölf Bücher von Cassiodors Geschichtswerke) nobis datur, quatenus ejus sensui inserviamus. Sed ut non mentiar, ad triduanam lectionem dispensatoris ejus beneficio libros ipsos antehac relegi.«

Er bemerkt nicht, ob er sein Werk sogleich nach Cassiodors Lektüre begonnen, oder das antehac vielleicht eine längere Zwischenzeit umfaßte.

Nicht aus Cassiodor hat derselbe ferner seinem Anführen nach Anfang, Ende (weil jener nicht so weit schrieb) und mehreres in der Mitte entnommen. Leider wissen wir nicht genau, wie weit dieser, nur aus andern QuellenÜber dessen Quellen s. v. Sybel, de fontibus libri Jordanis de orig. actuque Oet. Berlin 1838 und Rudolph Köpke, die Anfänge des Königtums bei d. Goth. Berlin 1859. Das naivste Armutszeugnis hat sich Jord. dadurch ausgestellt, daß er sogar die Vorrede seines Werks fast wörtlich aus des Rufinus Vorrede zur Übersetzung von des Origenes Kommentar des Römerbriefes abgeschrieben hat. S. v. Sybel in A. Schmidt Zeitschr. f. Gesch. VII, 288 und Köpke im ob. Werke 65. herrührende, Anfang reicht.

Nach einer im Wesentlichen aus Orosius entlehnten, aber auch abgeschmackte ZusatzeZ. B. c. 3: die Inseln in der Ostsee seien so unbewohnbar, daß sogar die Wölfe dort blind würden. enthaltenen geographischen Einleitung fährt er im 4. Kapitel fort: Aus diesem, c. 3 beschriebenen Skanzia, der vagina gentium oder officina nationum, nun seien die Goten einst unter ihrem König Berich ausgezogen, und hätten an der Ostseeküste, nach Besiegung der Ulmeruger und Vandalen, in Gothiskanzien ein Reich gegründet. Da sich jedoch die Volksmenge sehr vermehrt, habe FilimerNach der durch Zeuß S. 402 verbesserten und durch Kap. 24 bestätigten richtigen Leseart: post Berich. Filimer, filio Godarici., beinahe der fünfte König nach Berich (etiam pene quinto rege regnante) mit dem Heere auszuziehen beschlossen, um bessere Wohnsitze zu suchen. Zuerst langten sie in Skythien an, wo sie sich des großen Reichtums des Landes erfreuten: dann aber sei, nachdem die Hälfte des Heeres bereits einen Fluß passiert habe, die Brücke gebrochen und der Rest in den dortigen Sümpfen elendiglich umgekommen. Denn es sei, nach den Versicherungen der Hinkommenden, die es, wenn auch aus weiter Ferne, gehört, zu glauben (ex commeantium adtestatione quamvis a longe audientium credere licet), daß jetzt noch daselbst Geblök von Herden gehört und Spuren von Menschen wahrgenommen würden. Der übergesetzte Teil der Goten aber habe, nachdem sie die Spalen (Slaven) geschlagen, das äußerste Skythien am Pontus glücklich erreicht.

Dieses alles werde durch deren alte Lieder beinahe mit (in) historischer Weihe (Weise) (pene historico ritu) der Erinnerung bewahrt, wie dies denn auch Ablavius, der ausgezeichnete Geschichtsschreiber des Volks der Goten, in der wahrhaftigsten Geschichte bestätige (verissima adtestatur historia). Warum aber, fügt er in großer Naivität hinzu, Josephus, der so gründliche Annalist, der doch in gedachtem Lande deren Stamm erwähne, und daß sie Skythen hießen versichere, diesen Ursprung der Goten nicht anführe, wisse er nicht.

Im 5. Kap., in welchem er Skythien, das sich von den Germanen bis zu den Serern erstrecke, weitläufig beschreibtHier bekundet Jord. seine geographische Unwissenheit durch die Worte: Scythia Germaniae terra confinis eotenus ubi Hister oritur amnis, vel stagnum dilatatur Mysianum. Hätte er bei dem Anfange nicht den Fluß, sondern den Namen Ister gemeint, so wäre mindestens der Ausdruck ganz falsch. Für Mysianum ist nach Handschriften Mursianum, mutmaßlich der Plattensee, zu lesen. Bald darauf nennt er Tisianus und Tausis als zwei verschiedene Flüsse, während nach der Beschreibung ersterer offenbar die niedere, letzterer die obere Theiß sein muß., läßt er im westlichsten Teile desselben zwischen Donau und Theiß die Gepiden sitzen, in der Mitte, d. i. in Dakien, Thrakien und Mösien, sei Zamolxis, der große Philosoph, König gewesen. Denn zuerst hätten sie den Zeuta, dann auch den Dikeneus und als dritten Zamolxis gehabt, darum seien die Goten auch, wie der griechische Geschichtsschreiber Dio (Chrysostomus) anführe, fast weiser als alle Barbaren, ja den Griechen beinahe gleich gewesen. Die erste (d. i. östlichste) Stelle an der Mäotis aber habe Filimer eingenommen. – Von weiterer Kritik dieser Stelle absehend, sei nur bemerkt, daß jener angebliche Zeuta unstreitig nichts anderes ist als der mißverstandene Amtsname des getischen Oberpriesters – etwa Theuta, dem griechischen θεὸς verwandt. (S. Strabo VII, 298 u. 304.) Fand aber Jordanis Zamolxis in seiner Quelle erwähnt, vielleicht in Strabo, den er in einem früherem Kapitel zitiert, so fand er dabei gewiß auch den davon unzertrennlichen Pythagoras, muß also diesen berühmten Philosophen mindestens in Augusts Zeitalter versetzt haben, da er des Zamolxis Vorgänger, Dikeneus, nach Kap. 11 für einen Zeitgenossen Sullas hält.

Im 6. Kap. läßt er nun die Goten, ohne Andeutung der Zwischenzeit, von Tanausis (wofür Jandusis zu lesen ist [s. Arrian Parth. fragm.]) regieren, welcher den ägyptischen König Vesosis (der nichts anderes als der große Eroberer Sesostris sein kann, daher entweder gegen siebenundzwanzig oder mindestens vierzehn Jahrhunderte v. Chr. gelebt hatBunsen hält ihn, nach Manetho, für Setrutesen, der nach ersterem von 2732 bis 2684, nach Lepsius von 2287 bis 2259 v. Chr. regierte. Indessen scheint jetzt ziemlich allgemein angenommen zu werden, daß Herodots Sesostris, nach den von ihm berichteten Taten und dessen Zeit, vielmehr eine Verschmelzung zweier späterer Könige ist, nämlich des Königs, der auf den Inschriften Seti Miemptah, bei Manetho Σέθως heißt, und der erste der neunzehnten Dynastie war, und seines Sohnes Ramessu II. Miamum. Ersterer hat nach Bunsen 1404–1392, nach Manetho 1392–1341, nach Lepsius von 1393–1388 regiert.) am Phasis schlägt, bis nach Ägypten verfolgt und nur durch den Nil und durch die – gegen die ÄthiopierDie handgreifliche Absurdität dieses Zwischensatzes bedarf nicht erst des Nachweises. Es ist aber möglich, daß Trojus Pompejus (unter August) aus Mißverständnis eines dunkeln Ausdrucks seiner griechischen Quelle, welche vielleicht Araber meinte, hier selbst Äthiopier gesetzt hat, also Jord. unschuldig fehlte. Wie aber Justin, der hier fast wörtlich mit Jordanis übereinstimmt, jenen Zusatz weggelassen hat, so konnte auch kein denkender und unterrichteter Schriftsteller zu einer Zeit, wo geographische Bildung schon allgemeiner war, denselben wiederholen. errichteten – Festungen verhindert wird, solchen in seinem Vaterlande zu vertilgen (extinxisset). Auf dem Rückmarsch unterjocht Jandusis beinahe ganz Asien, macht dieses aber (nach der von der gewöhnlichen abweichenden richtigen Lesart) seinem teuern Freunde, dem Mederkönige Sornus, tributpflichtig.

Von den siegenden Goten nun finden einige das Land so einladend, daß sie vom Heere desertieren und in Asien bleiben. Von diesen stammen, wie Trojus Pompejus sage, die Parther ab, weil parthi im Skythischen Flüchtlinge bedeute.

Im 7. Kap. handelt er von den Amazonen. Während nämlich die Männer auf obige Weise abwesend sind, greift ein Nachbarvolk die gotischen Frauen an, wird aber von diesen geschlagen. Hierdurch ermutigt wählen sich solche zwei Fürstinnen: Lampeto und Marpesia.

Erstere hütet das Land, Marpesia aber zieht mit einem Frauenheere nach Asien, überwältigt viele Völker, schließt mit andern Frieden und gründet eine Niederlassung an den kaspischen Pforten, wo Virgil noch das Saxum Marpesiae kenne. Nach einiger Zeit ziehen sie aus, bezwingen Armenien, Syrien, Kilikien, Galatien, Pisidien und alle Städte Asiens und machen Jonien und Aeolien zur Provinz, wo sie viele Städte gründen und unter anderem auch zu Ephesus der Diana einen wunderschönen Tempel bauen. Nachdem sie fast hundert Jahre dort regiert, ziehen sie sich zu den marpesischen Felsen im Kaukasus zurück.

Wie diese gotischen Amazonen ihr Geschlecht zu erhalten wußten, und von den sich verschafften Kindern nur die weiblichen behielten, erfahren wir in Kap. 8, das mit der Erzählung schließt, gegen diese solle Herkules gefochten, von ihnen Theseus Hippolyta erbeutet, deren Reich aber bis zu Alexander dem Großen bestanden haben.

Darauf im 9. Kap. zu den Männern der Goten zurückkehrend, bemerkt er, Dio, der fleißigste ForscherDerselbe, nämlich Dio Chrysostomus, lebte unter Domitian, von dem er nach Thrakien ins Exil geschickt wurde, und unter Trajan, also lange vor dem Erscheinen der Goten an Roms Grenzen. Reimarus hält ihn mit gutem Grunde für Cassius Dios mütterlichen Großvater. Cass. Dio edit. Sturz VII, S. 514., habe seinem Werke den Titel Getica gegeben, und fügt hinzu: quos Getas jam supriori loco Gothos esse probavimus Orosio Paulo dicente. Jener Dio erwähne nun einen viel späteren König derselben, Telephus, der, Mösien (dessen Grenzen er hierbei genau nach denen der römischen Provinz beschreibt) beherrschend, ein Schwestersohn des Priamus gewesen, und im Kriege gegen die Danaer, bei Verfolgung des Ajax und Ulisses stürzend, von Achilles in der Hüfte verwundet worden sei, aber dennoch die Griechen von seinen Grenzen abgetrieben habe.

Diesem sei sein Sohn Eurypylus, dessen Mutter ebenfalls eine Schwester des Priamus gewesen (letzterer hatte also seine Tante geheiratet), gefolgt, welcher, aus Liebe zu Kassandra seinen Verwandten im trojanischen Kriege Hilfe leistend, alsbald dort geblieben sei.

Beinahe sechshundertunddreißig Jahre später, heißt es nun im 10. Kap., habe Cyrus, der Perserkönig, die Königin der Geten, Tamyris, bekriegt, welche, den Übergang über den Araxes (den heutigen Sirdaja) ihm absichtlich gestattend, zwar zuerst geschlagen worden sei, nachher aber einen entscheidenden Sieg erfochten habe.

Sed iterato Marte Getae cum sua regina Parthos devictos superant atque prosternunt, opimamque praedam (Cyrus Haupt) de eis auferunt: ibique primum Gothorum gens selica vident tentoria.

Darauf sei Tamyris nach Mösien hinübergegangen und habe dort die Stadt Tamyris gegründet.

Hiernächst der gänzlich mißlungenen Züge des Darius Hysdaspis und Xerxes gegen die Goten gedenkend, erwähnt er noch, daß Philipp von Makedonien mit einer gotischen Königstochter sich vermählt, nachher aber doch, wiewohl ohne Erfolg, die Goten mit Krieg überzogen habe; was durch deren König Sitalcus später gerächt worden, indem dieser die Athener mit 150 000 Mann bekriegt und in einer großen Schlacht wider Perdiccas geschlagen habe, welchen Alexander der Große zum Erben des Prinzipats über Athen eingesetzt habe.Diese Stelle hat A. v. Gutschmid über die Fragmente des Pompejus Trojus (Separatabdruck S. 200–201, Leipzig 1851 bei Teubner) ausführlich behandelt. Er nennt sie einen Rattenkönig von Mißverständnissen. Jord. verwechselt darin Perdiccas II. von Maked. zur Zeit des peloponn. Kriegs mit dem hundert Jahre späteren Reichsverweser gleichen Namens, und läßt des Sitalcus Zug zugunsten der Athener wider solche gerichtet sein.

Im 11. Kap. wird die Ankunft des großen Philosophen Dikeneus, unter Boroista, der ihm beinahe königliche Gewalt verliehen, berichtet.Nach der unzweifelhaft richtigen, unter anderen auch durch Barth, Teutschl. Urgesch. II, S. 171, wieder hergestellten Lesart. Nach dessen Rat habe Boroista die germanischen Lande (quem nunc, d. i. zu Jord. Zeit, Franci obtinent) verwüstet und selbst Cäsar (und zwar, wie deutlich erhellt, nicht Octavianus, sondern Julius) habe die Goten, obwohl dies oft versuchendBekanntlich eine grobe Unwahrheit. In den so vollständigen Quellen über Cäsar, von dem fast jeder Schritt bekannt ist, findet sich nur bei Sueton Octavian 6 die Worte: Caesare post receptas Hispanias, expeditionem in Dacos et deinde in Parthos destinante, woran er bekanntlich durch seine Ermordung verhindert wurde. (crebro tentans) nicht zu unterwerfen vermocht. Darauf habe Dikeneus das Volk in der Ethik, Physik, Logik und Astronomie unterrichtet, auch, bis jetzt schriftlich vorhandene, Gesetze, Bellagines, gegeben. Ihm sei nach dem Tode mit gleicher Macht Comosicus, der zugleich als König und Oberpriester gegolten, gefolgt.

Das 13. Kap. führt uns auf die von dem Gotenkönige Dorpaneus (Dekebalus des Cassius Dio) über Domitian erfochtenen Siege, in deren Folge aber die Eroberung des ganzen Landes durch Trajan und des Dorpaneus Tod auch nicht mit einer Silbe erwähnt, vielmehr sogleich auf den Kaiser Maximin, gotischer Abkunft, übergegangen wird. Vorstehender, im Wesentlichen wortgetreuer Auszug aus den ersten dreizehn Kapiteln des Jordanis enthält zugleich die Kritik dieses merkwürdigen Machwerks.Dasselbe nennt übrigens in der Regel nur Goten. Der Name Geten kommt, wenn wir nicht irren, darin überhaupt nur an drei Orten vor: in c. 5, so wie in den o. a. c. 9 und 10, wo Jord. die Skythen der Tamytis am Araras erst dreimal Geten, zuletzt aber doch wieder Goten nennt.

Die Frage, in wie weit dessen Inhalt von Cassiodor selbst oder nur von Jordanis herrühre, hat die Forscher schon mehrfach beschäftigt.Vergl. v. Sybel: De fontitus libri Jordanis de orig. actuque Getarum. Berlin 1838. Kassel tritt J. Grimms Ansicht, gegen welche diese Abhandlung gerichtet ist, S. 304–308 ebenfalls bestimmt entgegen, während Schirren sich darüber zwar nicht so bestimmt ausspricht, doch aber mehr zu meinen Gegnern sich zu neigen scheint. Beide irren übrigens offenbar darin, wenn sie annehmen, Cassiodors Werk habe den Titel de Getarum etc. geführt. (Selig-Kassel, magyarische Altertümer. Berlin 1858. S. 293–308, und Schirren, De ratione quae inter Jordanem et Cassiodorum intercedat Commentatio Dorpat 1858.)

Da eine monographische Erschöpfung des Gegenstandes zu weit abführen würde, soll nur einiges hervorgehoben werden. Vor allem das Schreiben Athalanchs an den römischen Senat (Valiar. IX, 25), worin er diesem Cassiodors Ernennung zum Praefectus Praetorio unter rhetorisch-schwülstiger Empfehlung desselben bekannt macht.

Nicht bloß die lebenden Herrscher, heißt es dann, die ihm nützen konnten, lobte derselbe, sondern tetendit se etiam in antiquam prosapiem nostram, lectione discens, quod vix maiorum notitia cana retinebat. Iste Reges Gothorum longa oblivione caelatos, latibulo vetustatis eduxit. Iste Amalos cum gentis sui claritate restituit, evidenter ostendens, in decimam septimam progeniem stirpem nos habere regalem. Originem Gothicam historiam fecit esse Romanam, colligens quasi in unam coronam germen floridum, quod per librorum campos passim fuerat ante dispersum. Perpendite quantum vos in nostra laude dilexerit, qui vestri principis nationem docuit ab antiquitate mirabilem. Ut sicut fuistis a majoribus vestris semper nobiles aestimati, ita vobis rerum antiqua progenies imperaret.

Mit schwerer Sorge blickte der große Theodorich gegen Ende seines ruhmvollen Laufs auf die Gefahr seiner Dynastie, in welcher nur ein Weib, seine Tochter Amalaswintha, und ein Kind, deren zehnjähriger Sohn Athalarich, ihm zurückblieb.

Mochte, wie der Erfolg bewährte, der Zauber seines Namens und Willens die erste Nachfolge sichern, wer schützte fortwirkend das Kind gegen Neid und Ehrgeiz edler Goten, gegen das Aufstandsgelüst der Römer?

Zweierlei war dafür zu beweisen wichtig: erstens, für den germanischen Volksglauben, daß Athalarich auch väterlicherseits ein echter Amaler sei, und zweitens, für den römischen Nationalstolz, daß das Volk der Goten ein noch älteres und durch Tatenglanz noch ruhmvolleres als selbst das römische sei.

Zu diesem doppelten Zwecke verfaßte als politische Tendenzschrift Cassiodor seine Geschichte der Goten.Auftrag und Ausführung ist vielleicht erst unter Amalaswintha, als die Verhältnisse schwieriger wurden, erfolgt, die Idee aber wohl von dem dem Königshause treu ergebenen Cassiodor selbst ausgegangen.

Beide obige Sätze nun werden in Athalarichs Schreiben als erwiesen angesehen, der erste bestimmt (evidenter ostendens in decimam septimam progeniem nos stirpem habere regalem), der zweite mittelbarer in den Schlußworten. Jener erste aber, unstreitig um so entschiedener der wichtigste, je zweifelhafter das echte Amalerblut von Athalarichs Vater, Eutharich (s. Schirren S. 78–80, der solches für erdichtet hält), sein mochte, konnte wirkungsvoller durch gelegentlichen Nachweis in einem durch Gelehrsamkeit imponierenden Werke ausgeführt werden, als in einer besonderen Abhandlung ad hoc, welcher man die Absicht sogleich angemerkt haben würde.

Für den zweiten Zweck kam es darauf an, die mythischen Großtaten, welche Geschichte und Sage den Skythen und Amazonen beigelegt hatten, den Goten zuzuschreiben. Dies war in einer Zeit des Verfalls der Wissenschaft nicht gar schwierig. Waren doch die Goten Nordländer, daher auch Skythen, worunter der Sprachgebrauch, selbst der literarische, noch immer alle nordischen Völker zwischen Tanais und Donau begriff, woselbst ja auch die Goten ihre ersten Sitze hatten. Der Schwerpunkt der Aufgabe und der Kern der Täuschung lag also hier nur im Zeitpunkte der Wanderung der Goten von der Ostsee nach dem Pontus, welche nicht übergangen werden konnte, weil die Erinnerung daran im Volke, jedenfalls in dessen Liedern und des Ablavius Geschichte noch fortlebte. (S. Jord. 4 u. 5, sowie obige Stelle der Variar.: quod vix majorum cana memoria retinebat.)

Wie aber, wird man einwenden, konnte denn Cassiodor jene, vor noch nicht vier Jahrhunderten erfolgte Tatsache willkürlich um Jahrtausende weiter zurückschieben? In einem Volk ohne Schrift, Literatur und feste Zeitrechnung kann wohl die Erinnerung an ein großes Ereignis lange mythisch fortleben, nimmermehr aber dessen sichere Zeitbestimmung, für welche bei solchem überhaupt die Königsnamen, die ja auch hier, wenn auch nur teilweise und unvollständig, bewahrt wurden, unstreitig das einzige Anhalten bildeten.

Kennen denn die Edda und das Nibelungenlied eine Chronologie? Würde es möglich sein, aus Homers Ilias allein die Zeit der Zerstörung Trojas abzunehmen, wenn wir nicht daneben noch eine griechische Geschichte hätten? Ist aber einmal ein Zeitpunkt gänzlich verschoben, so ist es für das Bewußtsein des Volkes gleichgültig, ob dieser von einem Historiker um hundert oder zweitausend Jahre weiter hinaufgerückt wird, zumal wenn die Täuschung dem Stolze durch Zuteilung gewaltiger Ahnen schmeichelt.

Bedenklicher mochte der Glaube auf römischer Seite sein. Nicht das Volk im Allgemeinen aber konnte den Trug durchschauen. Merkwürdigerweise findet sich jedoch auch weder bei Dio noch bei Herodian (der sich überhaupt um fremde Völker sonst nicht kümmert), noch bei dem späteren Ammian irgend eine Nachricht über An- und Abkunft der wirklichen Goten. Auch bei andern, wie unstreitig bei Dexippus, kann dies nur isoliert und nebenher der Fall gewesen sein, da sich eine Spur davon sonst gewiß erhalten haben würde. Dennoch mögen einzelne Römer von besserer historischer Bildung Absicht und Kunst wohl erkannt haben. Erwägt man aber, daß die Schriften jener Zeit nicht, wie in der unsrigen, ein Gemeingut aller Gebildeten und dadurch Gegenstand öffentlicher Kritik wurden, gerade bei der Mitteilung dieser gewiß auch mit besonderer Vorsicht verfahren wurde, vor allem aber Parteischriften für den Herrscher durch eben diese ihre Bestimmung schon gegen unberufene Angriffe gesichert waren, so konnte in solcher Besorgnis gewiß kein Behinderungsgrund der Abfassung derselben gefunden werden, wenn diese an sich nur eine geschickte war, was sie unzweifelhaft gewesen sein muß.

Namentlich ließ hierbei derjenige Punkt, worin die Absicht am kennbarsten war, die Übergehung notorischer Tatsachen, wie Trajans Eroberung von Dakien – in Folge des jedem Urteilsfähigen sofort einleuchtenden politischen Zweckes – eine mißliebige Kritik am wenigsten befürchten.

Hält man nun obige Ansicht fest, so muß notwendig auch die Ableitung der Goten in uralter Zeit zuerst aus Skanzia und dann von der Ostseeküste von Cassiodor selbst herrühren, was Schirren S. 51–54 meines Erachtens mit ebenso viel Gründlichkeit als Scharfsinn nachgewiesen hat.

Nur kann man nicht II, S. 9 ff. und III, S. 20 f., Selig-Kassel a. a. O. besonders S. 297 beipflichten, wenn beinahe der ganze Jordanis auf Cassiodor zurückführt, daher auch die zahlreichen Zitate desselben aus andern Schriftstellern nicht für eigne desselben, sondern insgesamt nur für abgeschriebene aus Cassiodor erklärt werden. Dies widerspricht nicht nur des Jordanis ausdrücklichen Worten der Vorrede: ad quos nonnulla ex historiis graecis atque latinis addidi convenientia, sondern vor allem dem Urteile und Takte Cassiodors, des Gelehrten und Staatsmannes, der dem politischen Zwecke seiner Arbeit durch Beweise grober Unwissenheit und Beimischung einleuchtend absurder Fabeln, wie deren oben mehrere hervorgehoben sind, nur schaden konnte, weil Ignoranz und Lüge im einzelnen die Glaubhaftigkeit des Ganzen verhindert, wo nicht aufgehoben hätte. Die genaue Bestimmung darüber aber, was aus des Jordanis Buche ihm selbst, was Cassiodor angehöre, wird nie mit voller Sicherheit möglich sein, obwohl durch Obiges Cassiodor keineswegs von all' den zahllosen Irrtümern in jenem Werke freigesprochen sein soll, das teilweise wenigstens, unter dem Drange von Staatsgeschäften, ziemlich flüchtig verfaßt worden sein mag.Köpke, die Anfänge d. Königt. b. d. Goten, Berlin 1869, bestätigt S. 89–93 obige Ansicht vollkommen, nur darin abweichend, daß K. nur für Irrtum Cassiodors hält, worin wohl auch Diplomatie lag. Wie konnte der Gelehrte die Vernichtung des Getenreichs durch Trajan ignorieren, dessen Triumph über Daken und Skythen er in seinem Chroniken selbst anführt? Diese aber mußte natürlich verschwiegen werden, wenn man dem römischen Volke durch den alten Nationalruhm der Goten imponieren wollte.

Indes muß ihm letzterer überhaupt Nebensache gewesen sein, die Verherrlichung der Goten durch die Skythen- und Amazonenfabel, die Besiegung des Sesostris, des Cyrus, der Griechen, vor allem die Unterstützung der Trojaner – der Ahnherren der Römer – das war die Hauptsache.

Ist die entwickelte Ansicht richtig, so wird dadurch im Wesentlichen zugleich die Beweiskraft von des Jordanis Buch für die Gegner vollständig aufgehoben.

Nachdem Cassiodor den Goten in ihrer Eigenschaft als Skythen den mehr mythischen Ruhm dieses Volkes nebst dem der Amazonen beigelegt hatte, war von den Perserkriegen bis zu Ende des zweiten Jahrhunderts n. Chr. immer noch eine lange Lücke auszufüllen, für welche die nun eingetretene historische Zeit keinerlei Anhalten mehr darbot. Dafür gab es kein bequemeres Mittel, als die Goten zugleich an die Stelle der Geten zu setzen. Altera ejusdem rei medela, sagt Schirren S. 54, in addendis Gothorum historiae Getarum fatis posita erat. Nennt doch Herodot I, c. 206 und sonst Tomyris Königin der Massa geten, diese aber (c. 201) ein skythisches Volk. Mit mehr historischem Anschein noch als die Goten waren daher unstreitig die Geten für Skythen, neben welchen sie saßen, zu erklären, wodurch sie denn, weil auch die Goten Skythen waren, zugleich zu Goten wurden, was überdies die Namensähnlichkeit unterstützte.

Die Brücke für diesen kühnen Übergang baute eben jene Tomyris, welche Cassiodor, dem dies unzweifelhaft beizulegen ist, nach Jord. c. 10, »nachdem sie Cyrus besiegt«, von Asien nach Europa übersetzen und die Stadt Tomi in Mösien gründen läßt.

Nun saßen dort zwar nach Jordanis schon seit der Ureinwanderung Goten (c. 5), auch wird vorher bereits der Gotenkönig Telephus, der Zeitgenosse des trojanischen Kriegs, daselbst erwähnt (c. 9), doch ist die Tomyris-Nachricht (eine offenbar absichtliche, aber zu damaliger Zeit schwer zu kontrollierende Lüge) mit Geschick so gehalten, daß man in den folgenden Herrschern (c. 10–13) deren Nachkommen und Ruhmeserben vermuten kann.

Vor allem ferner mußte Cassiodor daran liegen, den gefeierten Namen und Kulturglanz des Zamolxis auf die Goten zurückzuführen und dadurch die Phrase (c. 5): »Unde et pene omnibus barbaris Gothi sapientiores exstiterunt, Graecisque pene consimiles« zu begründen, weshalb diese, wie auch Schirren S. 27 näher ausführt, unstreitig von Cassiodor herrührt.

Es geht aus der entscheidenden Stelle des Jordanis c. 9: quos Getas jam superiore loco Gothos esse probavimus, Orosio Paulo dicente, zweifellos hervor, daß er hier gar kein eignes Urteil aus-, sondern lediglich das des Orosius nachspricht. Jener locus superior aber findet sich (c. 5) in den Worten, wo er nach Erwähnung des Kampfes von Vesesis mit den Männern der Amazonen fortfährt:

De queis feminas bellatrices et Orosius in primo volumine professa voce testatur. Unde cum Gothis eum pugnasse evidenter probamus, quem cum Amazonum viris absolute pugnasse cognoscimus.

Die Stelle des Orosius I, 16 aber, worauf sich diese seltsame Logik bezieht, ist die oben bereits erörterte, in welcher der ganz einseitig in seinen apologetischen Standpunkt verbissene und diesem alle historische Wahrheit aufopfernde Theologe aus der Tatsache, daß die Goten, deren Frauen (die Amazonen) allein einst den größeren Teil der Erde mit ungeheurem Blutvergießen verheert, sich dem christlichen Rom friedlich unterworfen hätten (was freilich im Wesentlichen völlig unbegründet war), einen Triumph für das Christentum ableitet.

Wo also, wie hier, die Quelle einer Nachricht erwiesen auf absichtlicher Entstellung oder gröbster Unwissenheit beruht, kann auch diese selbst keinerlei Beweis für irgendeine Meinung begründen.

Es ist aber auch gar nicht wahr, daß Jordanis in seinem Werke selbst die Goten jemals als Geten bezeichne: derselbe kennt vielmehr gar nicht zwei Völker, sondern überhaupt nur ein Volk, nämlich das der Goten, welche er Jahrtausende vor Chr. an den Pontus und in Thrakien einwandern läßt, er straft daher alle griechischen und römischen Schriftsteller, selbst Zeitgenossen, Lügen, welche daselbst Geten oder Daken erwähnen und beschreiben.

Ennodius, Bischof von Ticinum, in seinem Panegyricus mit der Überschrift: dictus Ostro gothorum regi Theodelico braucht in der Regel lediglich den Namen Gothi, z. B. S. 26 u. 39, so daß nur einmal c. 19, S. 74 der Ausg. v. Meinecke, wo er von der militärischen Ausbildung der Jugend redet, der Ausdruck: getica instrumenta roboris vorkommt.

Die in dem ak. Vortrage S. 39 angeführte Stelle aus Aethicas Kosmographie: ab Oriente Alania, medio Dacia, ubi et Gothia, deinde Germania, welche für die Sache gar nichts beweist, scheint J. Grimm, weil er sie in der Gesch. d. d. Spr. nicht wieder anführt, selbst nicht weiter beachtet zu haben.

Unter den Kirchenvätern ist unstreitig der von J. Grimm (S. 128) zitierte Philostorgius, der uns nur in des Photius Auszug erhalten ist (II, 5), um den Anfang des fünften Jahrhunderts, der bedeutendste, indem er sagt:

Wulfila habe um diese Zeit von den Skythen τω̃ν πέραν ’Ίστρον, οὺς οι μὲν πάλαι Γέτας, οι δὲ νυ̃ν Γότθους καλου̃σι, vieles Volk in das römische Land übergeführt, welches der ευσέβεια (d. i. des Christentums) wegen vertrieben worden sei.«

Daß die ganze Nachricht, wie sich weiter unten ergeben, auch von Philostorgius selbst (IX, 17) anerkannt wird, in dieser Weise falsch ist, erweckt schon kein Vertrauen in die Zuverlässigkeit dieses Kirchenhistorikers.

An sich wird aber überhaupt durch das Anführen:

»die Alten nannten jene Skythen Geten, die Neuern Goten« nur die verschiedene Benennung jener Völker zu verschiedenen Zwecken, keineswegs jedoch die Identität der Träger dieser Namen erwiesen. Jedenfalls könnte letzterer Beweis nicht mittelbar aus der vagen und mehrdeutigen Ausdrucksweise eines Schriftstellers entlehnt werden, der thrakische und germanische Nationalität von skythischer überhaupt nicht zu unterscheiden wußte.

Dagegen führt der Dichter Claudian zu Anfang des fünften Jahrhunderts sowohl in der Überschrift seines Gedichtes de bello Getico als in dessen Text und sonst die Goten allerdings stets unter dem Namen Geten auf. Wirft man aber nur einen Blick auf das deklamatorische, den alten Klassikern nachgekünstelte, überall mit Belesenheit prunkende Streben dieses Poeten, so kann man einen irgendwie glaubhaften historischen Zeugen in ihm sicherlich nicht erblicken. Unstreitig hat derselbe den Namen Geten nur um deswillen vorgezogen, weil er ihm klassischer, als der wirkliche, aber moderne erschien.

Zuletzt ist unter den von den Gegnern angeführten Zeugen der spätere Kaiser Julian zu besprechen, welcher in der Lobrede auf seinen Vetter, den Kaiser Constantius, von dessen Brüdern, Constantins des Großen Söhnen, während des Vaters Lebzeit redend (S. 12 der Ausg. v. Schäfer, Leipzig bei Köhler 1802) sagt: Der eine wirkte bei Besiegung der Tyrannen mit, der andre τὴν πρὸς τοὺς Γέτας ημι̃ν ειρήνην τοι̃ς όπλοις κρατήσας παρεσκεύασεν ασφαλη̃. Daß er hier durch Geten Goten habe bezeichnen wollen, ist allerdings wahrscheinlich, aber keineswegs gewiß, weil Constantin damals auch mit Sarmaten, wie die Quellen sagen, in Berührung kam, was oben erörtert worden ist. Die ganze Arbeit ist aber keine Staatsrede, sondern nur eine Chrie. Ihr Zweck war unstreitig der, dem Kaiser gewinnende Dinge zu sagen. Überall erkennt man darin die Schule, aber auch den Geist des spätern großen Mannes. Wenn der junge Julian, dessen Ausbildung eine durchaus griechische und dem es in der ganzen Sache überhaupt nur um einen schönrednerischen Effekt zu tun war, hier einen bekannten griechischen Namen gebrauchte, so hat er dabei sicherlich nicht an strenge Unterscheidung, noch weniger an Lösung eines ethnographischen Problems gedacht.

Hierüber wird nun von Schirren a. a. O. S. 56 auch noch aus Ausonius, Sidonius Apollinaris und Prudentius Aurelius – insgesamt also Dichter der schlechtesten Zeit – der Gebrauch von Geta für Gothus zitiert, was hier nur der Erwähnung, nicht aber der Widerlegung, noch weniger spezieller Kritik der einzelnen Stellen bedarf, da von ihnen alles dasjenige gilt, was vorstehend bereits von Claudian bemerkt worden ist.

Wichtiger würden die von ihm zitierten Inschriften mit der Bezeichnung Getae sein, welche daher Erwähnung fordern.

In einer in Mabillon (Vett. Annal p. 359, 7) angeführten Inschrift von Theodosius finden allerdings die Worte: Quod Getarum nationem in omne aevum etc. Allein in Grutor (281, 1) und dem so zuverlässigen Muratori (später als Mabillon) (466, 1) heißt es in derselben Inschrift statt dessen: Gothorum nationem, weshalb ersteres entweder Druckfehler ist oder mindestens ohne genauere kritische Feststellung nichts zu beweisen vermag.

Was hingegen die aus Gruters Corp. Inscriptionum angeführten betrifft, so beruht das erste Zitat (T. I, p. 261, 2) auf Versehen, da es in dieser Gothorum mentes, wie in der vorhergehenden unter 1 post gothicam victoriam heißt. Beide sind übrigens als amtliche Inschriften auf die durch Narses bewirkte Wiederherstellung des pons Salarius über den Anio von Wichtigkeit für meine Meinung. Dagegen findet sich in den drei andern (T. III, p. 1170, 13; 1171, 4 und 1173, 4) allerdings Getes und Getae. Diese aber gehören zu derjenigen Sammlung christlicher Grab- und Inschriften, die Gruter wenige Blätter zuvor mit folgendem Titel bezeichnet: Epigrammata sequentia omnia inveni in vetero libro Bibliothecae Palatinae Friderici IV. eloctoris, videbaturque descriptus 100 aliquot annos retro e templis fere Urbis Romae. Da solche hiernach jeder Beglaubigung der Echtheit, namentlich der Zuverlässigkeit des Epigraphikers entbehren, so vermögen dieselben offenbar nichts zu beweisen.

Nach diesem allen stellt sich als Ergebnis des Gegenbeweises nur so viel heraus: daß, außer Orosius und Jordanis, die nach obigem nicht zu beachten sind, allerdings einige, aber nur sehr wenige, und insgesamt minder glaubhafte Schriftsteller die Goten auch Geten nennen.

Es fragt sich nun, worauf diese, der amtlichen Bezeichnung dieses Volks und der übereinstimmenden Autorität nicht nur der zahlreichsten, sondern auch der vollgültigsten Zeugen widersprechende Benennung beruht?

Nur entweder auf dem Grunde bewußter Überzeugung von der ursprünglichen Identität der Geten und Goten zur Zeit der Ureinwanderung: oder auf dem der Vereinigung beider Völker vom Ende des zweiten Jahrhunderts ab in den alten Wohnsitzen der Geten und vor allem auf der Ähnlichkeit beider Namen.

Diese Frage mit Sicherheit zu lösen, ist unmöglich, aber die zweite Voraussetzung für die richtigste zu halten: und zwar um deswillen, weil nach der Natur der Sache und des Tacitus Urteil zu Folge die Kunde der Ureinwanderung bei den europäischen Völkern und den Germanen insbesondere um die Zeit nach Christus bereits gänzlich erloschen war, zweitens aber weil gerade bei den römischen Historikern nicht die geringste Spur einer solchen Wissenschaft oder auch nur Vermutung sich findet. Für römischen Nationalstolz aber würde es ein hohes, wenn auch nicht praktisches Interesse gehabt haben, in den Goten nur die Stammbrüder und Nachfolger der von Trajan so arg gedemütigten Geten wieder zu finden.

Wenn J. Grimm (S. 129) Strabos Glaubwürdigkeit dadurch zu mindern sucht, daß dieser (VII, S. 312) Skythien bis zum Rhein erstrecke, demnach auch Germanien mit darunter begreife, so hat er an dieser, den Schluß des 4. Kapitels bildenden Stelle den Anfang des nächstfolgenden nicht beachtet. Aus diesem ergibt sich, daß sich in der letzten Stelle von Kap. 4: τοιαύτη μὲν η εκτὸς ’Ίστρου πα̃σα η μεταξὺ του̃ ‘Ρήνου καὶ του̃ Ταυάδος ποταμου̃, das τοιαύτη nicht bloß auf Skythien, wovon Kap. 4 handelt, sondern auch auf die drei vorhergehenden bezieht, indem Kap. 5 ausdrücklich mit den Worten beginnt: Λοιπή δ' εστι τη̃ς Ευρώπης η εντὸς του̃ ’Ίστρου nämlich Makedonien und die griechische Halbinsel, wonach in beiden Stellen das εκτὸς und εντὸς d. i. nördlich und südlich der Donau, den Gegensatz bildet.

J. Grimm hält (sowohl in seiner akad. Vorl. vom Jahre 1843, S. 60, als in d. Gesch. d. d. Spr. S. 136 und 561) Dekebalus nicht für einen Eigennamen, sondern für ein Appellativ, d. i. Amtstitel der getischen Herrscher. Schon Reimarus in seiner Ausgabe des Cassius Dio S. 1105, Anm. 35, hat vermutet, daß sich solches von Baal (Herrscher) der Dakier ableiten lasse.

Allein wenn Cassius Dio LXVII, 6 sagt, daß der Name Daken nicht allein bei den Römern üblich sei, sondern auch das Gesamtvolk selbst sich so nenne, so dürfte dies allerdings in so weit für richtig anzunehmen sein, als in den beiden Friedensschlüssen zwischen Dekebalus und Rom, welche Dio im Senatsarchiv einsehen konnte, dieser Name für das Gesamtvolk gebraucht worden sein muß.

Strabo hingegen unterscheidet in früherer Zeit ausdrücklich Daken und Geten, indem er (VII, p. 304 a. Schl.) von der Donau redend sagt:

»Der Fluß heißt in seinem oberen Laufe nach den Quellen zu bis zu den Katarakten (den Stromschnellen bei Orsova), wo hauptsächlich die Daken wohnen, Danubius, in seinem untern bis zum Pontus hin, da, wo die Geten sind, Ister.«

Hieraus ergibt sich, daß das Land der Daken nur einen kleinen Teil des Gesamtgebiets umfaßt haben kann.

Er selbst gebraucht aber, wo er von der Gesamtheit redet, nur den Namen Geten, nennt daher auch Dromichartes und Boirebistes, der selbst ein Gete war, König und Herrscher der Geten.

Daß hierauf nichts ankomme, weil Strabo als Grieche nur den bei den Griechen gewöhnlichen Namen anwende, ist irrig, da wir schon aus Herodot wissen, womit alle späteren Quellen bis auf Strabo und Pomponius Mela übereinstimmen, daß Geten der Spezialeigenname eines der thrakischen Völker und zwar des südlichsten und kultiviertesten derselben war. Möglich nun, daß Dekebalus für seine Person Dake war, der Name seines Stammes daher zu dessen Zeit für das Gesamtvolk selbst gebraucht worden sein mag, höchst unwahrscheinlich aber, daß ein von dessen persönlicher Herkunft abgeleitetes Appellativ, Baal der Dakier, der legale Amtstitel der Herrscher des alten Getenreichs geworden sei.

Unstreitig ist übrigens Dio für alles ethnographische eine höchst schwache Autorität.

Unzweifelhaften Glauben dagegen verdient derselbe, wo er als Konsular auf Grund amtlicher Kenntnis berichten konnte. Dio gebraucht aber im 67. u. 68. Buche den Ausdruck Dekebalus mindestens zwanzig Mal, und zwar meist so, daß darin mit überwiegender Wahrscheinlichkeit, ja einmal sogar mit Sicherheit ein Eigenname zu erkennen ist. Letzteres nämlich LXVII, c. 6: Δακοὺς ω̃ν τότε Δεκέβαλος εβασίλευε.

Würde dies nicht, wenn er hier nur den Amtstitel ausdrücken wollte, ebenso abgeschmackt gewesen sein, als wenn ein deutscher Historiker ein bestimmtes Oberhaupt des Kirchenstaats durch die Worte: »welchen damals der Papst regierte«, bezeichnen wollte?

Der Name wechselt, der Amtstitel bleibt. Zwei Könige der Geten nennt nach obigem Strabo. Drei der GetenAugusts erster Feldzug war allerdings nur gegen die Geten im engern Sinne zwischen Hämus und Donau gerichtet, wo nach des Boirebistes Tode mehrere Könige oder Fürsten sich in das Reich geteilt hatten., beziehentlich aber auch Daken nennt Dio, als Roles, Dapyx (LI, 24 und 26) und Duras (LXVII, 6) welcher die Regierung freiwillig an Dekebalus abtrat. Da nun Duras nach obiger Meinung ebenfalls ein Dekebalus gewesen sein müßte, so würde sich Dio hier ebenso unangemessen ausgedrückt haben, als wenn man im Deutschen sagen wollte: Karl I., König von Spanien, trat die Regierung freiwillig an den König des Landes ab.

Das Gewicht dieser Gründe kann auch durch die Vermutung, daß Orosius, welcher jenen König nicht Dekebalus, sondern Diurpaneus nenne, letztern Namen aus des Tacitus verlornen Büchern entlehnt habe, nicht entkräftet werden. Ist nämlich auch nach dem Inhalte der Kompilation desselben anzunehmen, daß er hier weder aus Dio noch Sueton geschöpft habe, so folgt doch daraus noch nicht, daß dies aus Tacitus geschehen sein müsse. Vor allem kann aber auch durch doppelten Irrtum der Abschreiber des Tacitus und des Orosius Dekebalus leicht in Diurpaneus (Jordanis schreibt Dorpaneus) verfälscht worden sein, zumal Anfang und Schlußbuchstaben, sowie das mittlere a beiden Namen gemein sind. Endlich kommen ja auch häufig Doppelnamen bei einer und derselben Person vor. Wollte man endlich für J. Grimm noch die Stelle des Treb. Poll. 30 Tyr., c. 10, nach welcher es von dem sich wider Gallien empörenden Regillianus heißt: gentis Daciae, Decebali ipsius, ut fertur affinis, anführen, so dürfte diese umgekehrt wohl mehr gegen ihn beweisen.

Da nämlich Dakien damals seit hundertundfünfzig Jahren keine Könige mehr hatte, so mußte entweder derjenige König, welchem R. verwandt gewesen, genannt oder, wenn früher alle Herrscher eines Geschlechts waren, statt des Amtstitels der Ausdruck stirpia regalis gebraucht werden: auf die bloße Möglichkeit einer falschen Ausdrucksweise kann man doch keine Konjektur gründen. So kann man der versuchten Ableitung der »Taifalen« (als der »Königlichen«, »Fürstlichen«) von Dekebalus nicht beipflichten.

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