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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 47
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
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Zweiter Exkurs
Über die angebliche Identität der Geten und Goten

Diese schon in alter Zeit aufgetauchte Streitfrage ist wieder angeregt worden durch J. Grimm in einer am 5. März 1846 in der k. Akademie der Wissenschaften zu Berlin gehaltenen Vorlesung. Ihm trat jedoch sofort v. Sybel (die Geten und Goten, in Schmidts allgemeiner Zeitschrift für Geschichte, Bd. VI, Berlin 1846) entgegen, während J. Grimm in seiner Geschichte der deutschen Sprache, Berlin 1848 (s. zweite Ausgabe, Leipzig), S. 123–151, 305–320 und 555–573 seine Meinung aufrecht erhielt und dazu in einer im April 1849 in der Akademie der Wissenschaften gehaltenen Vorlesung noch einen Nachtrag lieferte. Unterstützung hat derselbe gefunden in W. Kraft, »Die Anfänge der christlichen Kirche«, 1. Band, Berlin 1854, S. 77–127.

Die Geten sind dasjenige Volk, welches von vielen Geschichtsschreibern und Geographen zuerst als ein Teil des thrakischen von Herodot (um die Mitte des fünften Jahrhunderts vor Christus: IV, 93–96 und V, 3–8), dann von Thukydides (etwa zwanzig Jahre später, II, 96), von Strabo (VII, 3), von Arrian (unter Hadrian de exped. Alex. I, 3) und zuletzt vielfach von Cassius Dio erwähnt und beziehentlich umständlich beschrieben wird, das innerhalb dieser sechshundert Jahre unter Boirebistes zur Zeit Augusts so wie unter Dekebalus zur Zeit Domitians zu hoher politischer Macht gelangte, schon nach des ersteren Tode aber das zwischen Hämus und Donau gelegene Land (Nieder-Mösien, das heutige Bulgarien) verlor und unter Dekebalus endlich durch Trajan politisch ganz vernichtet wurde, indem dieser dessen Gesamtgebiet zur Provinz Dakien (jetzt Banat, Donaufürstentümer, Siebenbürgen und Bessarabien) machte.

Herodot bezeichnet die Geten, welche Darius auf seinem Zuge nach Norden zunächst zwischen Hämus und Donau traf, als einen Zweig des großen thrakischen Volkes, das viele kleinere in sich begreife (ονόματα δὲ πολλὰ έχουσι κατὰ χώρας έκαστοι V, 3), nennt aber von solchen, außer den Geten, ihrer Besonderheiten halber nur noch die Trausen, Krestoner und die über letzteren Wohnenden.

Da die Namen dieser Nebenvölker insgesamt in der Geschichte verschwunden sind, so müssen sie im Getenreiche, welches deren Sitze unzweifelhaft umfaßte, aufgegangen sein.Herodots nordöstliche Grenze zwischen Thrakien und Skythien ist nicht ganz deutlich, doch scheint der Tyras, Dnjestr, dafür angenommen werden zu müssen. Die von Strabo VII, S. 306, von Plinius IV, 12 vor Untergang des dakischen Reichs erwähnten Tyrigeten sind offenbar am Tyras wohnende Geten. Ptolemäus, der nach des dakischen Reiches Sturz schrieb, führt sie aber nach III, 5, § 25 im europäischen Sarmatien (dem südlichen Rußland) in Verbindung mit III, 10, § 13 als Bewohner des linken Tyrasufers auf.

Noch Pomponius Mela aber, um die Mitte des ersten Jahrhunderts nach Christus, kennt die Geten als eines der Spezialvölker des thrakischen Stammes, die verschiedene Namen und Sitten hätten. (II, 2, 3.)

Der westliche Teil der Geten bis zur Theiß erscheint unter dem Namen der Daken, Daci, während der östliche den der Geten behalten hat. Ursprünglich unstreitig als Nebenzweige eines Hauptastes verschieden, hatten sie doch im Wesentlichen dieselbe Sprache, und zwar die thrakische (Strabo VII, S. 303 und 305) und gehörten insgesamt zu des Boirebistes und des Dekebalus Reiche. Da die Daken von Dalmatien und Makedonien aus den Römern zuerst bekannt wurden, legten diese dem ganzen Volke deren Namen bei, während die Griechen es Geten nannten, weil sie umgekehrt von Ost und Süd her nur mit dessen östlichem Zweig in Berührung traten. (Cass. Dio LXVII, c. 6.)

Unter den Goten verstehe ich hier dasjenige Volk, welches sich in seiner eigenen Sprache Gutthiuda nannte, wie sich dies aus dem von Ang. Mai herausgegebenen Kalender-Fragmente aus dem Kloster Bobbio an der Trebbia ergibt.S. Ulfilas von Gabelenz und Löbe II, S. 17; Zeuß, S. 134 und J. Grimm S. 308 und 440. Nach Kraft a. a. O. S. 387 noch aus dem vierten Jahrhundert, notwendig aber spätestens aus der Zeit der Gotenherrschaft in Italien, die in der zweiten Hälfte des sechsten endigte. Dasselbe ward in der Geschichte zuerst durch Pytheas 330–320 v. Chr. bekannt, der es auf seiner Seereise unter dem Namen Guttones an der Ostsee zwischen Weichsel und Pregel fand, woselbst es, wahrscheinlich jedoch nicht von Pytheas selbst, sondern nur von Plinius, der ihn zitiert, als ein germanisches bezeichnet wird.Plinius XXXVI, 2. »Pytheas Guttonibus Germaniae genti accoli aestuarium oceani, Mentonomon nomine.« Von Plinius nochmals (IV, c. 14, Sekt. 28), weitläufiger von Tacitus als Gothones (Germ. 43 und Ann. II, 62) erwähnt, war dasselbe Marobods großem Suebenreiche mit unterworfen, weshalb unter den von Strabo VII als letzterem angehörig genannten Βούτονες wahrscheinlich auch Goutones zu verstehen sind. Zuletzt führt es Ptolemäus in der Mitte des zweiten Jahrhunderts (III, 5, § 20) unter dem Namen Γύθωνες. Es ist dasselbe, welches zuerst unter Caracalla zu Anfang des dritten Jahrhunderts nach Chr. am schwarzen Meer auftritt und von dem an beinahe die ganze römische Geschichte bis in die Hälfte des sechsten Jahrhunderts beschäftigt, Ostrom bald als Bundesgenosse rettet, bald als Feind demütigt und erschüttert, zur Vernichtung Westroms beiträgt und heute noch in Spanien fortlebt.

Die weit überwiegende Mehrzahl der griechischen und römischen Schriftsteller, vor allem die glaubhaftesten derselben, nennen es stets Göthen: aber auch der Name Geten wird von einigen derselben dafür gebraucht.

Beide, Geten und Goten, und noch viele andere umschloß und verhüllte der Name Skythen: dieser war bei den Alten kein ethnographisch bestimmter und fest begrenzter.

Er umfaßte ursprünglich alle Bewohner des mittelasiatischen und osteuropäischen (fast durchaus flachen) Landes, östlich und nördlich des Pontus von China bis zur Donau, wobei jedoch die europäischen Skythen von Herodot mit dem Spezialnamen Skoloten belegt werden. (Herod. IV, 6. Vergl. Zeuß, S. 376 u. folg.)

Erst später lösten sich allmählich den Griechen und Römern Kelten, Germanen und Sarmaten aus dem Gesamtbegriff ab. Auch der Name Sarmaten aber war noch ein ähnlich unbestimmter. Möglich ist, daß man zunächst, wie J. Grimm behauptet, Schaffarik aber entschieden leugnet, auch Slaven darunter begriffen, kaum zu bezweifeln aber, daß man von des Tacitus Zeit an folgendes charakteristisch ethnographische Kennmal damit verband:

Fortwährende Nomadenweise, Mangel an festen Wohnsitzen, Haupternährung durch Viehzucht (daher »Galaktophagen und Hippomolgen«: Milchesser und Pferdemelker), Reiterei ihre Stärke, Bogen und Pfeil ihre Hauptwaffe, gleichwie die Hunnen bei ihrem Eintritt in Europa von Jordanis c. 23 geschildert werden; im Allgemeinen zäheres Festhalten an asiatischer Sitte, der Europäisierung widerstrebend, mit mehr oder minder mongolisch tartarischer Gesichtsbildung.

So sagt Tacitus in der bekannten Stelle (Germ. 46Peucinorum Venedorumque et Fennorum nationes Germanis an Sarmatis ascribam dubito: quamquam Peucini, quos quidam Bastarnos vocant, sermone, cultu, sede, ac domiciliis, ut Germani agunt. Sordes omnium ac torpor. Procerum connubiis mixtis, nonnihil in Sarmatarum habitum foedantur. Venedi multum ex moribus traxerunt. Nam quicquid inter Peucinos Fennosque silvarum ac montium erigitur, latrociniis pererrant. Hi tamen inter Germanos potius referuntur, quia domos figunt, et scuta gestant, et pedum usu ac pernicitate gaudent, quae omnia diversa Sarmatis sunt, in plaustro equoque viventibus. und Florus (des Tacitus Zeitgenosse), Bellum Thracicum III, 4 zum Jahre 74 v. Chr. (vergl. Livius epit. LXI) unter anderm: »Curio Dacia tenus venit, sed tenebras saltuum expavit. Appius in Sarmatas usque pervenit«, wobei er durch Sarmaten offenbar die Jazygen bezeichnet hat, welche Tacitus (XII, 29 und Hist. III, 5) stets Sarmatas Jazyges nennt und deren Reiterei (vim equitum, qua sola valent) er ausdrücklich hervorhebt. Das Steppen- und Sumpfland zwischen Donau und Theiß aber war ein solches, das zwar dem Nomadenvolke, nicht aber den schon mehr europäisierten Kelten und Germanen zusagte.

Östlich dieser in Thrakien, dem Lande zwischen Theiß und Dnjestr, Hämus und KarpathenMan hüte sich mit der alten geographischen Bezeichnung Thrakien, wie solche Strabo und Pomp. Mela noch kennen, den Namen der römischen Provinz Thrakien, ein Teil des heutigen Rumelien südlich des Hämus mit Byzanz, zu verwechseln., saßen nun als ein Teil des thrakischen Volkes die Geten, und zwar der diesen Spezialnamen führende Zweig des Hauptvolkes, nach Herodot (a. a. Stelle) zwischen Hämus und Donau. Eingekeilt zwischen hellenischer Kultur im Süden und dem Wogen und Drängen sarmatischer Horden und Nachzügler, auf der großen Wanderstraße europäischer und asiatischer Menschheit im Norden und OstenAußer der oben bemerkten Einwanderung der Jazygen führt zwar die Geschichte in den nächsten Jahrhunderten vor und nach Christus kein Eindringen asiatischer Völker in Thrakien mit Sicherheit an: wie dies aber das Nachdrängen kleinerer Abteilungen nicht ausschließt, so gibt auch Strabo VII, 306 ausdrücklich sarmatische Stämme zwischen dem Borysthenes und der Donau, also innerhalb Thrakiens, und jenseits des ersteren die Roxalanen als deren Nachbarn an.

Könnte man Ovids Klagen aus Tomi südlich der Donau in Niedermösien über die Roheit und Wildheit der Geten trauen, so müßte man sogar diese mehr für Sarmaten halten, die Übertreibung leuchtet aber so durch, daß darauf wenig zu geben ist. Übrigens kann aber gerade die Umgegend von Tomi, die heutige Dobrutscha – unstreitig die von Strabo angegebene Γετω̃ν ερημία – ihrer flachen und sumpfigen Beschaffenheit halber auch von eingedrungenen Sarmaten besetzt gewesen sein.

, kann solche Umgebung auf des Volkes Entwickelung nicht ohne Einfluß geblieben sein.

Seit Anfang der Kaiserzeit kannten nun die Römer Geten und Goten hinreichend, um sie richtig zu unterscheiden.

Römische Untertanen, Soldaten und Sklaven waren sowohl Germanen als Geten (letztere in Niedermösien seit 29 v. Chr. unterworfen): von erstern insbesondere dienten mehrere Tausende in Rom: edle Germanen, z. B. Marobod, wurden dort ausgebildet; derselbe, sowie Catualda, des erstern Nachfolger, lebten nach ihrer Vertreibung zu Ravenna und Forum Julium (Frejus) in Gallien viele Jahre lang im Exil.

Auf die Daken (Geten) insbesondere muß gerade nun die Zeit, als Tacitus über Germanien schrieb, die regste Aufmerksamkeit gerichtet haben, weil eine schwere Sühne der Demütigung Roms durch Dekebalus von Trajan vorauszusehen war. Im Jahre 86 n. Chr. (Dio LXXVII, c. 7) sandte Domitian die dakischen Gesandten nach Rom, d. i. an den Senat, welcher solche wiederum im Jahre 103 (Dio LXXVIII, c. 10) empfing. In beiden Fällen saß Tacitus, der im Jahre 88 Prätor, im Jahre 98 Konsul ward, bereits im Senate. In Domitians Triumph endlich müssen ebenfalls zahlreiche Daken als Gefangene, wenn auch zum Teil dazu erkaufte, figuriert haben. Wer kann zweifeln, daß Tacitus die Daken und zwar genau kannte?

In Hinsicht auf subjektive Glaubwürdigkeit sind über ethnographische Fragen Geographen und Historiker, welchen deren Erforschung Zweck und Pflicht ist, unstreitig glaubhafter als andere, namentlich Dichter und Kirchenväter, welche darauf Bezügliches – ihrer Hauptaufgabe Fremdes – nur nebensächlich berühren. Selbstredend muß aber bei erstern vor allem auch die Sachkenntnis und der Geist, welche deren Werke sonst bekunden, gewürdigt werden. In unserm Falle steht nun in dieser Beziehung sonder Zweifel Tacitus oben an, ihm folgt Plinius, der Germanien und dessen Bewohner aus Autopsie kannte und die Kriege mit ihnen beschrieb, dann Strabo, zuletzt Cassius Dio, der sich in Ethnographischem allerdings sehr schwach beweist. Tacitus nun, der große Meister, von dem Joh. Müller schön sagt: »Er war so kurz, weil er so klar war, so klar, weil er alles durchschaute«, sagt von den Peukinen, die mitten unter den Geten an den Donaumündungen saßen:

»Peucinum Venedorumque et Fennorum nationes Germanis an Sarmatis ascribam dubito: quamquam Peucini, quos quidam Bastarnos vocant, sermone, cultu, sede, ac domiciliis, ut Germani agunt. Sordes omnium ac tolpor. Procerum (nach andrer Lesart ceterum) connubiis mixtis, nonnihil in Sarmatarum habitum foedantur.«

In dieser Stelle ergibt der Zweifel die Gewissenhaftigkeit, die Ermittelung des germanischen Idioms bei einem ganz von Geten umschlossenen und schon halb sarmatisierten Volke die Genauigkeit der Forschung.

Wir gehen nun zur Folgerung aus Vorstehendem über und heben zuerst die Verschiedenheit der Sprache der Geten und der Goten hervor, welcher letzteren rein germanisches Idiom durch Wulfilas Bibelübersetzung außer allen Zweifel gesetzt ist. J. Grimm (S. 124 und 662, 811) selbst gibt zu, daß nach Strabo die Geten und Daken dieselbe und zwar die thrakische Sprache redeten, und daß Plinius und Tacitus diese ausdrücklich von den Germanen sondern (wozu auch noch Pomp. Mela II, 4 anzuführen sein würde).

Was wird nun der schlagenden Aussage sachverständiger, glaub- und gewissenhafter Zeugen über die sprachliche und nationale Verschiedenheit der Geten (synonym mit Daken) und Germanen zu jener Zeit entgegengesetzt?

J. Grimm sagte S. 563: »Wie die Griechen noch nicht zur rechten Einsicht zwischen Galliern und Germanen gelangt waren, blieb den Römern umgekehrt die nahe Verwandtschaft der Geten und Germanen dunkel.«

Abgesehen vom ersten Satze, bezüglich dessen der geehrte Herr Verfasser selbst zugeben wird, daß die Nicht-Wissenschaft einer Kategorie von Zeugen kein logischer Grund gegen die Wissenschaft einer anderen, von einem noch dazu ganz verschiedenen Gegenstande, ist, hat derselbe in der Hauptsache unbezweifelt vollkommen Recht, da der Geist der Sprachforschung damals gewiß noch nicht bis zu Entdeckung des inneren Zusammenhanges verschieden lautender, aber dennoch nah verwandter Sprachen vorgedrungen war.

Noch unerheblicher ist der (auf derselben S. 813) aus des Tacitus Irrtum über den Ursprung der Germanen, die er für Aboriginer halte, hergeleitete Gegengrund, nicht nur, weil er an sich ebenfalls nicht logisch sein würde, sondern hauptsächlich um deswillen, weil die Quellen und Hilfsmittel des Geschichtsstudiums jener Zeit einen solchen Tiefblick in die Nacht der Vorgeschichte, wie er der unserigen möglich ward, überhaupt noch nicht gestatteten.Was Kraft S. 107 darüber sagt, der einfach, jedoch ohne Angabe eines Grundes, Strabos Wissenschaft bezweifelt, ist ebenso unhaltbar.

Dürfte also durch obiges Anführen der Gegenbeweis nicht gelungen sein, so ist dagegen der durch das einstimmige teils direkte, teils indirekte Zeugnis von Strabo, Plinius und Tacitus geführte Beweis: daß die getische und die germanische Sprache für das Ohr und Urteil kundiger römischer Schriftsteller als wesentlich verschieden angesehen worden sei, völlig erbracht.

Nicht allein in der Sprache, auch in der Sitte beider Völker hat eine merkliche Verschiedenheit bestanden: und zwar in Bezug auf Verfassung, Priestertum, Ehe, Geschlechtsverkehr und Städtegründung.

So gewiß Cäsars Urteil, das den Germanen Priester ganz abspricht, nur ein relativ, d. i. im Gegensatze zu den Galliern, keineswegs aber ein absolut richtiges ist, so widerstreitet doch ein über der Volksgewalt stehendes Priestertum dem Wesen der germanischen Verfassung auf das Tiefste. Nur eine Straf-Vollzugsgewalt stand dem Priester als Organ der Gottheit zu: gewiß mehr mit der Wirkung, Fürstenmacht zu mindern, als Priestermacht zu begründen.

Insbesondere findet sich von einem Einfluß derselben auf Gesetzgebung und Verwaltung nicht die leiseste Spur. Die Nachricht von dem Oberpriester der Burgunder, Sinistus, bei Amm. Marc. (XXVIII, 5 gehört nicht nur einer beinahe dreihundert Jahre späteren Zeit an, sondern gibt auch nur von dessen Unabsetzbarkeit, keineswegs aber von einer ausgedehnten, über dem Volke stehenden Gewalt desselben Kunde.

Bei den Geten hingegen fand, nach dem, was schon Herodot (IV, 94–96), besonders aber Strabo (VII, S. 297 und 304) ausführlich berichten, nicht bloß ein einflußreiches Priestertum, sondern wirklich eine Art von Theokratie statt, da letzterer die Macht des bis in die Zeit Cäsars regierenden Boirebistes, dessen Zeitgenosse er selbst noch in seiner Jugend war, ausdrücklich auf den Einfluß des Priesters Dikeneus zurückführt, der sogar die Ausrottung des Anbaues und Genusses von Wein im Volke durchgesetzt habe.Es ist höchst interessant, welche scharfe Kritik der vortreffliche Herodot c. 96 in seinen Äußerungen über Zalmoxis – den angeblichen Gründer jener Theokratie, der aber offenbar nur eine mythische Person war – beweist, und wie sehr er dadurch spätere Schriftsteller einer schlechteren Zeit beschämt, die, wie Porphylius und Jamblichius, jenen, ohne selbst die Chronologie zu berücksichtigen, in allem Ernste zu des Pythagoras Schüler machen. (Vergl. Barth, Teutschl. Urgesch. I, S. 165.) Auch Strabo aber bekundet seine Vorsicht, da er über Zalmoxis nur als Sage, über Dikeneus hingegen aus eigener Wissenschaft berichtet.

Bemerkenswert ist ferner, daß Tacitus von den Goten ausdrücklich sagt: »Gothones regnantur, paulo jam adductius, quam ceterae Germanorum gentes, nondum tarnen supra libertatem

Dagegen finden wir nun in der Geschichte der Geten nach Herodots Zeiten nur Könige, und zwar unter ihnen den Eroberer Boirebistes und den mächtigen Dekebalus ohne Andeutung einer andern Beschränkung ihrer Gewalt, als durch jenen theokratischen Einfluß.

Reinheit und Adel der Familien- und Geschlechtsverhältnisse muß dem ganzen thrakischen Volksstamme fremd gewesen sein. Herodot sagt (V, 3), daß alle Zweige des thrakischen Gesamtvolkes ähnliche Gebräuche und Sitten (νόμοι παραπλησίοι) haben, außer den Geten, Trausen und den über den Krestonäern Wohnenden. Hierauf führt er als Spezialsitte an von den Geten den Unsterblichkeitsglauben, von den Trausen die Wehklage bei Geburten und Freude bei Todesfällen, sowie von den über den Krestonäern die Polygamie und die Tötung der geliebtesten Frau bei Ableben des Mannes. Was er uns (c. 6) von den allgemeinen Gebräuchen der Thraker anführt, ist zwar dem strengen Wortlaute nach, weil er also beginnt: Θρηΐκων εστιν όδε ο νόμος vielleicht nicht mit auf die Geten im engern Sinne zu beziehen, obwohl für eine entgegengesetzte Auslegung auch sehr erhebliche Gründe sprechen, namentlich weil er c. 7, ohne eine Änderung des Subjekts anzudeuten, sogleich auf den, was nie bezweifelt worden, auch bei den Geten stattgefundenen Areskult übergeht. Hierauf kommt jedoch um deswillen überhaupt nichts Entscheidendes an, weil wir es im ersten Jahrhundert nach Christus, worauf sich obiger Beweissatz beschränkt, nicht mehr mit dem Herodotischen Spezialvolke zwischen Hämus und Donau, sondern mit dem mindestens schon unter Boirebistes in eine politische Einheit zusammengeflossenen Gesamtvolke der Geten oder Daken zu tun haben, unter welchem alle Spezialnamen Herodots unzweifelhaft mit inbegriffen waren.

Jene allgemeine Volkssitte nun schildert derselbe c. 26 in folgendem:

Sie verkaufen ihre Kinder, jedoch nur zum Export über die Grenze. Die Jungfrauen hüten sie nicht, sondern gestatten ihnen, sich denjenigen Männern preiszugeben (μίσγεσθαι), welchen sie wollen. Die Frauen aber hüten sie streng und kaufen solche um vieles Geld von deren Eltern.

Menander, der Lustspieldichter im vierten Jahrhundert v. Strabo (S. 297) angeführten Versen:

»Denn alle Thrakier und vor den andern wir
Vom Getenvolk (von diesem nämlich rühmt
Sich mein Geschlecht zu stammen) sind
Der Mäßigkeit nicht sehr ergeben.

Denn unter uns heiratet keiner, der nicht zehn,
Nein eilfe, zwölfe, ja noch mehr der Weiber nimmt.
Dagegen aber, wer nur vier hat oder fünf,
Dem wird kein andrer Name dorten beigelegt,
Als Unglücksmann und ledig, arm und ehelos.«

Strabo aber fügt aus eignem Wissen hinzu:

»Und dies wird auch durch andere bestätigt

Pomponius Mela führt II, 2 von den Frauen in Thrakien jenseits der Donau an:

Super mortuorum virorum corpore interfici et sepeliri votum eximium habent, et quia plures simul singulis nuptae sunt, cujus id sit decus certamine adfectant.

Solinus endlich, wahrscheinlich aus dem dritten Jahrhundert n. Chr., bemerkt:

Uxorum numero se viri jactitant et honoris loco ducunt multiplex conjugium.

Diesen vereinten Zeugnissen über das häusliche Leben der Geten, unter denen das letzte allein als minder zuverlässig erscheinen könnte, die entsprechenden des Tacitus über die Germanen gegenüber zu stellen, ist wohl überflüssig. Besonders hervorzuheben ist aber der Erkauf der Weiber von deren Eltern um Geld, während Tacitus G. 18 sagt:

Dotem non Uxor marito, sed uxori maritus offert. Intersunt parentes et propinqui ac munera probant etc. Inter haec munera uxor accipitur, atque ipsa armorum aliquid viro affert.

Charakteristisch ist hierbei der Kauf um Geld von den Eltern bei den Geten.

J. Grimm gedenkt dieser Verschiedenheit (S. 132, 133 und 571), aber mit Vorsicht, und beruft sich darauf, daß ja auch bei den Germanen mehrere Frauen eines Mannes vorkamen und Menander, wenn man den Komiker überhaupt nicht der Übertreibung zeihen wolle, von einem Brauche weit früherer Zeit rede, der im ersten Jahrhundert längst abgekommen sein möge. Wie sich letzteres aber durch Strabos eignes Zeugnis und Pomp. Mela erledigt, so ist in jenen Versen Menanders wohl Übertreibung, aber da, wo er einen Geten ausdrücklich von der Sitte seines Stammes reden läßt, bei der genauen Bekanntschaft der Athener mit diesem Volke, von dem sie so viel Sklaven besaßen, doch gewiß keine Unwahrheit anzunehmen.

Kraft, der sich weiter unten hierüber eingehender verbreitet, bezieht sich noch auf Horaz Oden III, 24 In avaros. Dieser sagt, nachdem er den Geiz der Römer erwähnt:

Campestres melius Scythae,
Quorum plaustra vagas rite trahunt domus,
Vivunt et rigidi Getae,
Immetata quibus jugera liberas,
Fruges et Cererem ferunt,
Nec cultura placet longior annua,
Defunctumque laboribus,
Aequali recreat sorte vicarius.
Illic matre carentibus
Privignis mulier temperat innocens,
Nec dotata regit virum
Conjux, nec nitido fidit adultero.
Dos est magna parentium
Virtus et metuens alterius viri
Certo foedere castitas.

Ganz abgesehen von dem Gewicht eines lyrischen Gedichtes als historischen Zeugnisses überhaupt, ganz abgesehen auch davon, daß jenes illic eben so wohl, ja mehr noch auf Scythae als Hauptsubjekt als auf Geten bezogen werden kann, hat Kraft hier die Worte: matre carentibus privignis mulier temperat innocens übersetzt: »wie die zweite Gattin für die Kinder der Verstorbenen, ihre Stiefkinder, in aller Unschuld Sorge trägt, wie für ihre eigenen.« Man könnte dagegen anführen, daß jene Äußerung mit gleichem, ja mit höherem Grunde von einer polygamen Ehe zu verstehen sei, weil es ungleich bemerkens- und lobenswerter erscheine, die Kinder einer nun verstorbenen, früher aber gleichzeitigen Frau und Nebenbuhlerin sorgsam zu erziehen, als die einer Vorgängerin, mit der die Stiefmutter nie in Kollision kam.

Will man aber auch hiervon absehen, so ist doch die ganze Stelle nichts weiter als ein bedeutungsloser Gemeinplatz: »die Stiefmutter trachtet ihren Stiefkindern nicht nach dem Leben«, was nur die patriarchalische Unschuld des Getenvolks im Gegensatze zu dem verderbten Rom bezeichnen soll.

Daß übrigens von Horaz die Zucht der Ehe gepriesen wird, namentlich die Zurückhaltung andrer Männer von fremden Ehefrauen, metuens castitas alterius viri, stimmt mit obiger Stelle Herodots, der diese ebenfalls hervorhebt, vollkommen überein, schließt aber die von ihm angeführte Unkeuschheit der Mädchen auf keine Weise aus.

Kann hiernach auf jene Ode des Lyrikers, der an einer andern Stelle IV, 15 mit poetischer Lizenz, aber plumper Unwahrheit die Unterwürfigkeit der Geten gegen Rom mit der der Chinesen (Serer) und Perser auf eine Stufe stellt, kein Wert gelegt werden, so sagt in Bezug auf die Germanen Tacitus c. 18: »nam prope soli barbarorum singulis uxoritus contenti sunt, exceptis admodum paucis, qui non libidine, sed ob nobilitatem plurimis nuptiis ambiuntur.«

Monogamie ist also hier die Regel: und die Ausnahme, um sich, wie dies Ariovists Beispiel erläutert, Zuwachs von Macht und Ansehen zu verschaffen, eine seltene, während die vorgedachten Schriftsteller bei den Geten gerade umgekehrt Polygamie als Regel, und die Ausnahme nur als Folge der Armut schildern, wie heute noch im Orient nur diejenigen mehrere Frauen haben, welche die Mittel zu deren Ernährung besitzen.

Zu den eigentümlichen Merkmalen des germanischen Stammes gehört der Mangel, ja die Verhaßtheit ummauerter Städte.

Bei den Geten dagegen finden wir, außer der schon von Herodot (IV, 99) genannten Stadt Karnis und der von Alexander d. Gr. eingenommenen (Strabo VII, 301), und zwar in deren eigentlichem Stammsitze zwischen Hämus und Donau, nach Dios Bericht über dessen Eroberung in den Jahren 29 und 30 (L, Kap. 23–27) in Kap. 23 ein τει̃χος καρτερόν, Kap. 24 zwei dergleichen, und in Kap. 26 wieder ein φρούριον erwähnt, wobei allenthalben der Belagerung vor der Einnahme gedacht wird. In Trajans Feldzügen gegen Dekobalus (Dio LXXVI) wird (c. 9) dessen Versprechen die Festungen, ερύματα, zu schleifen, (c. 10) die heimliche Wiederherstellung derselben und endlich (c. 14) die Einnahme der Hauptstadt Zarmigethusa (c. 9) berichtet.

In drei wichtigen Beziehungen ist sonach merkliche Verschiedenheit der Sitte zwischen den Germanen und Geten nachgewiesen. Dazu kommt folgendes:

Wir sprechen den Geten die Tapferkeit nördlicher Völker nicht ab, aber eine Widerstandsfähigkeit derselben gegen Rom hat sich nicht in vielen Fällen, wie bei den Germanen, sondern nur ein einzig Mal unter Domitian gezeigt. Dessen persönlicher Einfluß auf jenen Krieg ergibt sich aber aus Dio (XXVII, 6 a. Schl.) zur Genüge.

Unter August und Trajan begegnen nur Siege, nirgends Unfälle der Römer. Schon ersterer versetzte (nach Strabo VII, S. 303) 50 000 Geten vom jenseitigen Donauufer, unstreitig nur Männer, nach Mösien, so daß deren zur Zeit von Boirebistes höchster Blüte 200 000 Mann zählende Streitmacht damals schon durch Krieg und andere Zerrüttung bis auf 40 000 Mann herabgesunken war. Daß durch Trajan das ganze Volk vernichtet worden sei, würde, wie die Gegner mit Recht sagen, eine törichte Behauptung sein, daß es aber ganz ungemein geschwächt worden, wird niemand bezweifeln.

Ein Teil desselben mag ausgewandert seinWohl teils in die Karpaten, teils zu den Sarmaten., ein nicht geringer blieb aber im Lande zurück, wohin (nach Eutrop VIII, 6).Trajan: ex toto orbe Romano infinitas copias hominum transtulerat ad agros et urbes colendas, welcher Kolonisation Name und Nationalität der Rumänen ihren Ursprung verdankt.Zeuß entwickelt S. 263 Anm. überzeugend, wie der Sieg des römischen Sprachelements im alten Dakien eine Folge der spätern Mischung der verschiedenartigsten Völker gewesen sei. Man kann noch hinzusetzen, daß die späteren Herren von Dakien nicht bleibend, sondern stets wechselnd waren, vor allem aber auch das Übergewicht der einzigen Kultur- und Schriftsprache sich geltend gemacht haben muß.

Zuerst finden wir nun die Goten in Kleinasien oder der Provinz Thrakien diesseits des Hämus: denn nur dort kann sie Caracalla nach Spartian (Carac. 10: dum ad orientem transiit) in einzelnen Scharmützeln (tumultuariis praeliis: von einem großen Kriege ist nicht die Rede) geschlagen haben, weil der Marsch nach dem Orient (Syrien usw.) durch Thrakien über den Hellespont ging. Derartige kühne Raubzüge in das Tiefinnere des römischen Gebiets hinein haben nun die Goten, wie wir sahen, sehr viele ausgeführt, während den unterworfenen Geten, zumal so bald nach des Septimius Severus kraftvoller Regierung, ein solches Wagnis auf keine Weise zuzutrauen ist.

Noch unvereinbarer mit den Geten erscheint das große Reich des Ermanarich, das sich angeblich beinahe von der Ostsee bis zum Pontus erstreckte, während es nichts Auffälliges hat, wenn ein großer Eroberer die Landstriche, welche sein Volk vor hundert bis hundertundfünfzig Jahren bereits in Krieg und Sieg durchzogen, vielleicht teilweise sogar behauptet hatte, wiederum in seine Gewalt bringt.

Die weitere Geschichte der Goten gehört nicht hierher: der unbefangene historische Takt aber kann nicht zweifelhaft sein, daß es der im Norden gestählte, durch und durch germanische Stamm der alten Goten war, der den wankenden Koloß des römischen Staats bald stützte, bald erschütterte, Byzanz nur durch seinen Abzug befreite, Westrom aber vernichtete.

Das anscheinend wichtigste Fundament der vermeintlichen Identität der Geten und der Goten ist unstreitig die Identität des Namens, da auch das Gotenvolk den Namen Geten geführt habe.

Aber nicht allein die weit überwiegende Mehrzahl der historischen Zeugen, sondern auch diejenigen gerade, welchen die bessere Wissenschaft und meiste Glaubwürdigkeit beiwohnt, bezeichnen das Volk stets mit dem Namen Goten, während nur wenige, unglaubhafte es Geten nennen.

Die vollgültigsten Beweismittel sind öffentliche Urkunden, zu denen insbesondere auch die Münzen, jedenfalls die in der römischen Staatsanstalt geprägten, gehören. Diese bezeugen nun als Ehrennamen ausschließlich Gothicus und Gothica (victoria) für die Kaiser Claudius, Aurelianus, Probus und Constantin den Großen. (S. Eckhel VII, p. 472–475, 484, 505 und VIII, p. 83 u. 90.)

Dasselbe bestätigt die von Eckhel VII, p. 475 angeführte Inschrift auf des Claudius Triumphbogen.

Daß auch Justinian endlich den Titel Gothicus führte, geht aus mehreren Gesetzen desselben, namentlich aus der Überschrift der Institutionen, de emendando Codice, Nov. 43 und den Konstitutionen 43, 44 und 128 hervor, wie denn auch in dessen Kodex I, 5 de Haeret. et Manichaeis in dem Auszuge jener griechisch abgefaßten Konstitution die Föderaten Γότθοι genannt werden, von welchem Namen sich bei näherer Nachforschung wahrscheinlich auch noch mehr Beispiele finden dürften.

Unter den Zeugen nehmen die Historiker den ersten Rang ein, unter welchen unzweifelhaft, nach ihrer persönlichen Stellung als hohe Militär- und Zivilbeamte und ihrem Verdienste als Geschichtsschreiber, Ammianus Marcellinus, Cassiodor und Prokop obenan stehen.

Allerdings sagt Spartian (Carac. 10): Non est ab re etiam diasyrticum quiddam in eum dictum addere. Nam cum Germanici et Parthici et Arabici et Alemannici nomen adscriberet, Helvius Pertinax filius Pertinacis dicitur joco dixisse: adde si placet etiam »Goticus« Maximus, quod Getam occiderat fratrem et Gotti Getae dicerentur: quos ille, dum ad Orientem transiit, tumultuariis praeliis devicerat.

In Getas Leben (c. 6) dagegen gebraucht derselbe Verfasser ganz andere Ausdrücke: adde et Geticus Maximus, quasi Gothicus, was wesentlich zu beachten ist.

Was beweisen nun, unbefangen betrachtet, jene Worte, wobei noch vorauszuschicken ist, daß in der ganzen ferneren Hist. Aug. das Volk an unzähligen Stellen mit wenigen unerheblichen AusnahmenEine solche Stelle wird unten noch näher erläutert werden. Vorläufig nur so viel, daß unter Geticos populos a. d. O. verschiedene barbarische Völker jenseits der Donau zu verstehen sind, welche Probus im Wege der Verhandlung auf seinem Marsche nach dem Orient von Thrakien (d. i. der römischen Provinz dieses Namens) aus zur Übersiedelung auf römisches Gebiet bewog.

Darunter befanden sich unzweifelhaft auch solche, welche früher dem Getenreiche unterworfen gewesen waren, also mit Recht Getici genannt werden konnten. Waren, wie es scheint, auch Scharen gotischer Abkunft darunter, so ergibt sich der Ausdruck zwar als ungenau, beweist aber immer noch nicht, daß Fl. Vopisc. Goten und Geten für identisch gehalten habe, zumal eine solche einzige Ausnahme die durch Übereinstimmung aller andern Stellen und Beweismittel festgestellte Regel nicht entkräften könnte.

nur Goten genannt wird? Offenbar im günstigsten Sinne nicht mehr, als daß den Goten auch der Nebenname Geten beigelegt ward. Dies könnte aber, da derselbe in Staatsdokumenten und bei den glaubhaftesten Schriftstellern nicht vorkommt, immer nur ein uneigentlicher gewesen sein.

Eutrop, nur Kompilator, aber aus guten Quellen mit Verstand und Geist kompilierend, nennt (IX, 8, 11,13 und X, 7) nur Goten. Ebenso die beiden andern Epitomatoren Aurelius Victor de Caesar, (c. 29, 34 u. 41) und die Epitome (c. 46 u. 48).

Ammianus Marcellinus (unter Julian und dessen Nachfolgern), abgesehen von seinem Latein, der beste Historiker für mehrere Jahrhunderte, kennt ebenfalls nur Goten.

Unzweifelhaft dürfte Cassiodor, der hochgebildete Konsul und Staatssekretär Theoderichs des Großen, als Verfasser einer Geschichte der Goten den höchsten Glauben verdienen.

Auf diesen nun bezieht sich auch J. Grimm (S. 565, Nr. 815), was aber, da derselbe irgendeine Stelle dafür nicht angeführt hat, nur auf Jordanis Zueignung seines Werkes an Castalius sich beziehen kann, worin er sagt:

»Suades ut nostris verbis duodecim senatoris volumina de origine actuque Getarum ab olim usque nunc per generationes regesque descendente in unum et hoc parvo libello coartem.«

Dies soll aber nur eine Bezeichnung des Gegenstandes, worüber Senator beschrieben, kein Zitat des von Letzterem gewählten Titels sein, da Cassiodor selbst, in der Vorrede seiner variarum auch sein Geschichtswerk erwähnend, dieses Gothorum überschrieben zu haben versichert.In fünf verschiedenen deshalb verglichenen Ausgaben steht überall Gothorum. In den amtlichen Ausfertigungen, Schreiben, Rescripten und Mandaten aber, welche in den zwölf Büchern variarum gesammelt sind, wird überall nur der Name Goten gebraucht. (S. z. B. im I. Buche 4, 19, 24 universis Gothis, 28 univ. Goth. et Romanis, und 38.)

Nur var. X, 31 findet sich eine, daher nähere Erwähnung fordernde, Ausnahme. Nach Theodahads Tode ward im Kampfe gegen Byzanz Witichis von gemeinfreiem Geschlechte, seiner Tapferkeit halber, von den Goten zum König erwählt. Dieser machte seine Erhebung durch die a. a. O. abgedruckte Proklamation universis Gothis kund. In dieser sagt er, um den Grund seiner Wahl zu bezeichnen:

Nicht in Frieden »sed tubis concrepantibus sum quaesitus, ut tali fremitu concitatus, desiderio virtutis ingenitae regem siti Martium Geticus populus inveniret«. Da jedoch das ganze Manifest, außer der Überschrift, noch viermal die Goten, und zwar nur diese, erwähnt, so kann das Geticus in jener schwülstigen aus Cassiodors Feder geflossenen Phrase nur durch die Zusammenstellung mit Martium (Mars, der Hauptgott der alten Geten) Erklärung finden, weshalb hierauf dasjenige zu beziehen ist, was weiter unten bei Jordanis über Cassiodors gotische Geschichte überhaupt bemerkt werden wird.

Von großer Wichtigkeit ist ebenfalls Prokop, aus dem die Gegner wiederum zwei Stellen für sich zitieren, die deshalb spezieller Erwähnung bedürfen:

de bello Gothico I, 24. Das von Belisar eingenommene Rom wird von den Goten belagert. In höchster Gefahr ergeben sich günstige Vorzeichen: Theoderichs Mosaikbild in Neapel zerfällt, einige Patrizier in Rom bringen ein Orakel der Sibylle vor, wonach die Gefahr nur bis zum Juli dauern werde. Denn es sei beschlossen, daß alsdann ein römischer Kaiser erwählt werden würde, unter dem Rom nichts Getisches (Γετικόν) mehr zu fürchten haben werde. Hierauf folgen nun die Worte: Γετικόν γὰρ έθνος φασὶ τοὺς Γότθους ει̃ναι.

De bello vand. I, 2 sagt Prokop: Gotische Völker gab es viele und andere früher als jetzt. Die größten und mächtigsten unter allen sind die Goten, Vandalen, VisigotenZu Prokops Zeit gab es im oströmischen Reiche nur noch einen Zweig der Goten, die vormals, als deren noch zwei vorhanden waren, Ostgoten, zu seiner Zeit nur Goten genannt wurden. Die vor beinahe hundertundfünfzig Jahren ausgewanderten Westgoten, damals in Spanien, durfte er allerdings als ein verschiedenes Volk anführen. und Gepiden. Darauf folgt: εισὶ δὲ οι καὶ Γετικὰ έθνη ταυ̃τ' εκάλουν. »Es gibt einige, welche auch diese getische Völker nennen.« Hiernach redet Prokop in der ersten Stelle ausdrücklich von einer Sage (φασί), in der zweiten von einer andern, von einigen gebrauchten Benennung der Goten. Ein guter Historiker aber, der eine Bezeichnung stillschweigend verwirft, indem er in seiner ganzen Geschichte fortwährend und ausschließlich eine andere anwendet, kann erstere, obwohl solche hie und da vorkommen möge, nicht für richtig halten, würde vor allem, wenn er eine tiefere historische Begründung derselben gehabt hätte, dies hierbei mindestens anzudeuten verpflichtet gewesen sein.

Auch alle andern byzantinischen Geschichtsschreiber führen das Volk als Goten auf. Von besonderer Wichtigkeit sind diejenigen, welche als Zeitgenossen schrieben. Abgesehen von Dexippus und Eunapius sind dies in dem ersten Bande der Bonner Ausgabe des Corpus Script. Hist. Byzant. folgende: Petrus Patricius, Priscus, Malchus, Menander und Olympiodor. (I, S. 124, 152, 260, 292, 206, 235, 237, 253, 255 u. 258, 283, 480, 448–450, 458, 459, 461 u. 462, 468 u. 469.) Zosimus, ebenfalls Zeitgenosse, begreift die Goten in der Regel unter dem Namen Skythen, nennt jedoch zweimal (I, 27 u. 31) auch Γότθοι als skythische (vergl. c. 26) Völkerschaft. Syncellus aus dem achten Jahrhundert sagt in seiner Chronographie (S. 705, Z. 10 der Bonner Ausgabe): Σκύθαι οι λεγόμενοι Γότθοι, und (S. 716, Z. 12) von denselben: καὶ Γότθοι λεγόμενοι επιχωρίως, woraus sich deutlich ergibt, daß Goten deren vaterländischer Name war und nur die Griechen sie »Skythen« nannten.

Von vorzüglichem Interesse ist ferner Agathias, der die Geschichte seiner Zeit von 553 bis 559 trefflich beschrieb. Dieser beweist nämlich in seiner Vorrede (C. Ser. Hist. B. III, 5) zugleich seine Kenntnis des getischen Altertums, indem er, den Gedanken ausdrückend, daß niemand zu großen Taten angetrieben werden würde, wenn nicht die Geschichte diese verewigte, sich der Worte bedient: τη̃ς ιστορίας αυτοὺς απαθανατιζούσης· ουχ οι̃α τὰ Ζαμόλξιδος νόμμα, καὶ η Γετικὴ παραφροσύνη, wie zumal aus dem Nachsatze hervorgeht, den Sinn haben, daß er hier nicht die verkehrte delirierende, auf Zamolxis sich gründende Unsterblichkeitslehre der »Geten«, sondern die echte historische meine. Derselbe gebraucht nun in seinen beiden ersten Büchern, welche sich auf den Krieg mit den »Goten« beziehen, diese Benennung ausschließlich und an so zahlreichen Stellen, daß deren spezielle Zitate hier nicht angemessen sein würden.

Der Universalhistoriker des elften Jahrhunderts Zonaras sagt (II, 12, 24, S. 596, Z. 21 der Bonn. Ausg.) von den Herulern: Σκυθικω̃ γένει καὶ Γοτθικω̃, weit öfter aber in dem beinahe gleichzeitigen Cedrenus, z. B. Th. I, S. 515, 519, 546–549, 588, 653, 658 u. 659 und 679, während allerdings Joannes Lydus (ed. Bonn.Das Werk des Lydus de mensibus ist verloren. Der Excerptor desselben hat unter vielen an dem ohne allen Zusammenhang rhapsodisch daraus entnommenen Notizen astronomischen, religiösen, mythologischen, aber auch historischen und geographischen Inhalts unter Mon. Sept. auch folgende ganz unverbundene Sätze ausgeschrieben:

Den 18. d. Oktob. Aufgang des Arctur.

Den 12. desselben ziehen, nach Cäsar, die Schwalben fort. Zu Nicomedia die Tyrannen Bithyniens. Hierauf:

Die Goten, Geten.

Daß eine solche Notiz, deren Sinn völlig unklar ist, nichts beweisen kann, bedarf nicht der Ausführung.

S. 106) einmal οι Γότθοι Γέται sagt und Genesius (ed. Bonn. S. 33), wo er neben Hunnen und Vandalen Geten nennt, wahrscheinlich Goten darunter versteht.

Besondere Erwähnung unter den Griechen verdient aber noch Stephan von Byzanz im sechsten Jahrhundert, der ein uns nur im Auszug erhaltenes geographisches Wörterbuch schrieb, daher unzweifelhaft auch als Hauptzeuge zu betrachten ist. Derselbe sagt (S. 206 der neuen Ausgabe von Meinecke):

Γετία η χω̃ρα τω̃ν Γετω̃ν· Γετὴς γὰρ τό εθνικόν ου τὸ κύριον· έστι δὲ θρακικὸν έθνος.

S. 112 aber: Γότθοι έθνος πάλαι οίκησαν εντὸς τη̃ς Μαιώτιδος· ύστερον δὲ εις τὴν εκτὸς Θράκην μετανέστησαν.

Dieses ausdrückliche und bewußte Absondern der Geten von den Goten, ohne daß irgendwie auf deren Verwandtschaft hingewiesen wird, hält nun auch J. Grimm (S. 566) selbst seiner Meinung nicht für günstig.

Den Kirchenvätern, die nicht Geschichte oder Geographie, sondern Theologie schrieben, ist, wenn sie gelegentlich, ohne allen Zweck ethnographischer Belehrung, Volksnamen anführen, Gewicht überhaupt nicht beizulegen.

Sie sind mindestens unbedingt den Historikern und Geographen nachzusetzen. Doch nur drei derselben, Philostorgius, Hieronymus und Augustinus nennen das Volk Geten, wogegen die Mehrzahl derselben, Sokrates Schol., Sozomenos und Auxentis und andere ebenfalls den Ausdruck: Goten gebrauchen.

Hätten wirklich die Goten, neben diesem Namen, auch den gleichberechtigten der Geten geführt, so wären aus demselben Grund auch die Zweige des Hauptstammes, Ost- und Westgoten, mit solchem zu belegen gewesen. Gleichwohl kommen in den Quellen niemals Ost- und Westgeten vor.

Die Gegner haben außer den erwähnten, ihnen aber entgegenstehenden Cassiodor und Prokop für sich nur folgende Schriftsteller anzuführen vermocht: die Historiker Jordanis und Orosius, den Panegyristen Ennodius, den Dichter Claudian, die oben genannten drei Kirchenväter und ein Jugendwerk des späteren Kaisers Julian.

Paulus Orosius, wahrscheinlich Bischof von Tarragona in Spanien, Schüler des h. Augustin, schrieb sein Geschichtswerk als Theolog für einen theologisch-apologetischen Zweck. Der Vergleich Roms mit Babylon und der Zerstörung ersterer Stadt durch Alarich mit der von Sodom und Gomorra ist ihm wichtiger, als historische Kritik. Seine Geschichte ist reine Kompilation, großenteils Abschrift von Justin, aber freilich immer noch eine bessere, als die des Jordanis. Unstreitig hat er des Livius und Tacitus verlorene Bücher gehabt – welch' Unglück, daß er sie nicht besser benutzt hat! Auch dieser aber bezeichnet das Volk überall, wo von diesem die Rede ist (VII, 22, 24, 28, 33, 35 und 37), ausschließlich als Goten: den von Trajan besiegten Herrscher nennt er Dacorum rex.

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