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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 43
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Von dem großen Feldherrn Abschied nehmend heben wir hier noch dessen eigentümliche Vorzüge heraus. Strengste Geheimhaltung seiner Pläne, selbst gegen seine Unterfeldherren, bis zum Augenblicke der Ausführung: soweit irgend möglich Überraschung der Feinde: größte Schnelligkeit in Märschen und sonstigen strategischen Operationen: Allgegenwart auf dem Marsche wie im Kampfe: vor allem aber wunderbare persönliche Einwirkung auf die Soldaten, durch Wort und Beispiel zu dem ausharrendsten Erdulden wie zur hingebendsten Tapferkeit spornend.

Kurz und tapfer war sein Lauf. Bei längerer Dauer und Sühnung des letzten Unglücks würde ihn die Geschichte den größten Feldherren aller Zeiten beigezählt haben. Schon jetzt ist er unter denen des spätem Roms nur Cäsar und Trajan nachzusetzen. (Er zählt zu jenen ewigen Jünglingen wie Achilleus und Alexander, welche die Götter – im Sieg – abrufen, bevor sie der Prosa verfallen: er ist eine Gestalt, die noch ihres Shakespeare harrt. D.)(Julians »Bild schwankt, von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, in der Geschichte.« D.) Schon die gleichzeitigen Quellen widersprechen sich lebhaft. Der bedeutendste unter den hier maßgebenden christlichen Schriftstellern würde, als Zeitgenosse, Gregor von Nazianz sein, über dessen fanatischen Parteihaß wir uns bereits in der Anm. 322 ausgesprochen haben. Strauß in der weiter unten anzuführenden Schrift hat (S. 3 zu Anf.) einen nicht einmal vollständigen Katalog seiner Schmähworte gegen Julian zusammengestellt, der ein merkwürdiges Gegenstück zu der Bewunderung bildet, welche derselbe Schriftsteller dem angeblich großen Constantius zollt.

Gregor lebte überdies in einer kleinern Stadt Kappadokiens, wo er sicherlich nur mit seinen Glaubens- und Parteigenossen verkehrte.

Die übrigen kirchlichen Schriftsteller, wie Sokrates, Sozomenos, Theodoret, Rufinus und andere gehören insgesamt einer mehr oder minder spätern Zeit an und haben sicherlich nur aus christlichen Quellen geschöpft, wie denn Ammian von deren keinem angeführt wird (s. Chiffletius, de vita Amm. a. Schl, in der Gron. Ausgabe).

Doch halten wir die beiden ersten, die nicht Geistliche, sondern byzantinische Rechtsgelehrte waren, noch für die verhältnismäßig unbefangensten. Gewiß ist es hiernach gerechtfertigt, wenn wir lediglich Julians eigene Schriften, namentlich dessen amtliche Reskripte, Ammian und Eutrop, die beide am persischen Kriege selbst teilnahmen, ersterer als protector unstreitig auch zu Antiochien in des Kaisers Nähe war, als unverdächtige Quellen anerkennen. Eutrops (über dessen Glauben man zweifelhaft ist) Charakteristik Julians, mit der Ammians völlig übereinstimmend, ist kurz, aber so trefflich, daß wir sie nachstehend beifügen:

Vir egregius et rem publicam insigniter moderaturus, si per fata licuisset: liberalibus disciplinis apprime eruditus: Graecis doctior, atque adeo, ut Latina eruditio nequaquam cum Graeca scientia conveniret: facundia ingenti et prompta, memoriae tenacissimae: in quibusdam philosopho propior: in amicos liberalis, sed minus diligensMinus diligens bezieht sich auf den Fehler, den Ammian als griechische levitas bezeichnet., quam tantum principem decuit; fuerunt enim nonnulli, qui vulnera gloriae ejus inferrent. In provinciales iustissimus, et tributorum, quatenus fieri posset, repressor: civilis in cunctos: mediocrem habens aerarii curam: gloriae avidus ac per eam animi plerumque immodici: religionis Christianae insectator, perinde tamen ut cruore abstineret. Marco Antonio non absimilis, quem etiam aemulari studebat.

Des Apostaten Haß und Verdammnis ist dreizehn jahrhundertelang beinah ein Glaubensartikel der Christenheit gewesen. Billiger und gerechter über ihn hat zuerst ein protestantischer Pietist, Gottfried Arnold, in seiner Kirchen- und Ketzerhistorie 1699, dann ein halbes Jahrhundert später Mr. de Bletrie in der gründlichen Lebensbeschreibung Julians sich ausgesprochen. Ihnen folgt der Marquis d'Argens, ein Günstling Friedrichs des Großen, in seiner Herausgabe der Défense du paganisme par l'empereur Julien, Berlin 1764, worin er doch noch kirchlicher erscheint, als man von einem Freunde Voltaires erwarten sollte.

Merkwürdig, daß später gläubige Theologen, wie A. Neander und Ullmann, billiger und wohlwollender über ihn geurteilt haben, als Historiker, wie Gibbon (Kap. XXIII) und Schlosser. Die Schrift Neanders (Leipzig 1812) ist vortrefflich, verrät aber doch hie und da, auch in der Form, die Jugendarbeit.

Später hat David Strauss, der Verfasser des Lebens Jesu, in seiner Schrift: der Romantiker auf dem Throne der Cäsaren diesen Gegenstand aufgegriffen, indem er ihn an eine damals schwebende Zeitfrage knüpfte. Wir anerkennen, abgesehen von der religiösen Richtung, dessen Geist und Gelehrsamkeit, finden aber den Gedanken, Julian vorzugsweise zum Romantiker(Das war ein schiefer auf Friedrich Wilhelm IV. zielender Ausdruck: im übrigen war Gutzkow nicht in der Lage, David Strauß zu kritisieren. D.) zu stempeln, viel zu wenig erschöpfend, um nicht Gutzkow, der in einem Aufsatze: Julian der Abtrünnige (Jahrbücher der Schillerstiftung, Dresden, R. Kunze, 1857, I, S. 74–76), jene Auffassung bekämpft, im Wesentlichen Recht zu geben, wenngleich derselbe im übrigen historische Tiefe für diese Gelegenheitsschrift gar nicht beansprucht.

Ein neueres Werk über Julian ist der vierte Teil der Histoire de l'église et de l'empire romain au IVème siècle par Mr. Albert prince de Broglie. Paris 1859.

Es ist streng katholisch-kirchlich, aber doch mit dem Vorsatze der Unparteilichkeit geschrieben.

Indes sagt Ampère, dessen trefflicher Rezensent in der Revue des deux mondes T. XXII, S. 647 ff., S. 673, daß seine Sympathien und Antipathien den Verfasser bisweilen zu Abweichungen hiervon fortgerissen haben.

Wir erkennen mit diesem den Wert der Arbeit in Geist, Darstellung, Talent und auch fast durchaus in historischer Treue an, jedoch ist jene Rüge als eine viel zu milde zu bezeichnen. So tadelt, um nur einige Beispiele anzuführen, der Pr. de Broglie (S. 231, 2) nach Ammian (XXII, 10) Julians Neugier, daß er die vor Gericht streitenden Parteien nach ihrem Glauben gefragt habe, verschweigt aber dabei den entscheidenden Nachsatz, daß die Antwort ohne allen Einfluß auf die Gerechtigkeit des Urteils geblieben sei.

S. 287 führt er an, daß nach dem Tempelbrand in Daphne, dessen Anstiftung man den Christen zuschrieb, auf Julians Befehl die Hauptkirche zu Antiochien geschlossen und demoliert worden sei, während Ammian, der unstreitig dabei gegenwärtig war (XXII, 13), nur ersteres, nicht aber auch letzteres berichtet, der Verfasser aber weder irgend welche Quelle für seinen Zusatz angibt, noch, wenn dies eine christliche war, deren Widerspruch mit Ammian hervorhebt.

»Ein größeres Werk beginne ich, eine höhere Ordnung der Dinge tritt mir entgegen,« sagt Ammian, indem er (XV, 9) auf Julians Geschichte kommt. Bald darauf (XVI, 1):

»Der Geist einer bessern Natur hat diesen Jüngling von seiner edlen Wiege bis zum letzten Lebenshauche geleitet. In Frieden und Krieg ward so plötzlich alles durch ihn gebessert, daß er, neben Vespasians Klugheit, wie ein zweiter Titus geschätzt wurde: in glorreicher Kriegstat Trajan, in Milde Antonin, in klarer tiefer geistiger Forschung Marc Aurel vergleichbar, welchem letztern er in Sitte und Handlungen nachzueifern strebte.«

So Ammian, dessen Zeugnis Julians Gegner schlechthin verwerfen, weil der Historiker ein Heide gewesen, ohne die Vorfrage über dessen wahre Weltanschauung auch nur zu berühren, geschweige denn zur Entscheidung zu bringen.

In der Tat war dieser Enkel des edlen und weisen Constantius Chlorus von wunderbarer geistiger Begabung. Mit einem wahrhaft fabelhaften Gedächtnisse (Amm. XVI, 5; Eutrop X, 16), von welchem er in seinen Reden und Briefen fast mißbräuchliche Anwendung macht, vereinte sich in ihm eine Schnelligkeit, Schärfe und Tiefe der Auffassungskraft, wie sie nur wenigen Sterblichen zuteil geworden ist.

Indes war der seltene Mann, dem Lande seiner Geburt und Erziehung nach, mehr ein Grieche, als ein Römer(Römisch aber war sein Heldentum und seine Erfassung der »Roma aeterna« gegenüber dem Christentum: in diesem Sinne darf man ihn den »letzten Römer« nennen. D.): er zeichnete sich mehr durch den Schwung seiner Genialität, als durch die Solidität einer ruhigen und nüchternen Vernunft aus.

Sein Gemüt war durchaus rein, edel und wohlwollend. Die höchsten Herrschertugenden: strenge Gerechtigkeit (daher Erleichterung des Abgabendrucks, Schutz der Untertanen gegen Willkür, Haß der damals herrschenden Angeberei, seinen Feinden großherzig Vergeben) – übte er nicht nur im Großen, sondern auch im Kleinen mit Eifer und Treue, überall Milde für die Person mit grundsätzlicher Strenge verbindend.

Wie er seinen Körper durch Keuschheit, Verzicht auf Schlaf, Ertragung von Hunger, KälteEr brachte den Pariser Winter selbst bei seinen Nachtwachen ohne alle Heizung zu. und Hitze wunderbar beherrschte, so hielt er auch den Geist in Zucht, indem er seine einzige Seligkeit, in Gedanken zu leben, die er in philosophischen Studien und Schriftstellerei fand, durch gemessene Zeiteinteilung weise beschränkte.

War nun dieser große Charakter ohne Fehler und Schwächen? Gewiß nicht.

Ammian rügt mehrfach (XVI, 7; XXII, 10 u. 11, XXV, 4) dessen griechische »levitas« – ein Mittelding zwischen Leichtsinn und Leichtfertigkeit («Leichterregbarkeit« D.) –, indem der bewegliche Geist wie das Gemüt sich den Eindrücken des Augenblicks zu schnell hingab. Temperamentsfehler sind zu beklagen: tadelnswert aber doch nur an dem, welchem es an deren Erkenntnis und tätigem Besserungsvorsatze gebricht.

Nicht so Julian, der seinen Präfekten und Freunden willig die Überwachung dieses Fehlers einräumte und deren Zurechtweisung beachtend dadurch bewies, daß ihm diese erfreulich, seine Übereilungen aber schmerzlich seien (se dolere delictis et gaudere correctione, Amm. XXII, 10). Wohl mag er jedoch in dieser Richtung, wo teils der Warner ihm nicht zur Seite stand, teils der Anreiz vielleicht zu mächtig war, immer noch bisweilen gefehlt haben, was mit dem reifern Alter unstreitig von selbst abgenommen haben würde.

Schlimmer, in der Tat aber auch der einzige wahrhafte Fleck in diesem glänzenden Lichtbilde war Julians ungemessene Eitelkeit. Bei allem, was er für edle, große Zwecke tat und duldete, bei allem, was er sprach und schrieb, dachte er zugleich an sich und – an den Effekt auf andere. Julian schrieb häufig fast nur, um durch seltene Gelehrsamkeit, wozu er den Anlaß oft bei den Haaren herbeizog, wie durch Geist zu glänzen (epist. 19 u. 24, aber auch fast die meisten andern), wie er denn z. B. in Brief 24, der lediglich die Übersendung von hundert Feigen an einen Bekannten, wahrscheinlich Philosophen, zum Zwecke hat, Aristophanes, Aristoteles, Herodot, Hippokrates, Homer, Pindar, Simonides und Theophrast anführt, und mit den Worten schließt: »Hat dieser Brief, nach deinem Urteile, die Mittelmäßigkeit erreicht, so kann er, auf dieses gestützt, andern mitgeteilt werden. Bedarf er aber noch einer fremden Hand, um zu erreichen, was er will, wer ist geschickter als du, ihn so auszuschmücken, daß man sich dessen erfreut?«

Vermag aber diese Schwäche des Menschen, die man gerade bei den kenntnis- und geistreichsten Männern so oft findet, auch wirklich einen ernsten Vorwurf gegen den Kaiser zu begründen?

Leider beherrschte sie ihn zu sehr, um auf sein öffentliches Wirken ohne Einfluß zu bleiben. Großartig auch hier hatte er vor allem, obwohl auch um den Beifall der Gegenwart buhlend, den Nachruhm vor Augen. Er wollte als zweiter Alexander in der Geschichte glänzen: und dem hat man, wie oben bemerkt ward, ob er auch von der Verantwortlichkeit für Jovians schmachvollen Frieden freizusprechen ist, im Wesentlichen doch das unheilvolle Ende des persischen Krieges beizumessen.

Höchst ungerecht aber würde es sein, in dieser Eitelkeit etwa die Hauptquelle seiner hohen Taten finden zu wollen.

Sein Verdienst wurzelte in der großen Seele: und in deren Ausbildung durch die Philosophie. Diese war bei den Alten nicht bloß spekulativ, sondern stets zugleich auf das Praktische gerichtet, wessen sich die Namens- und Scheinphilosophen freilich häufig entbanden. »Gibt es doch, sagte der von Julian (in epist. 54) angeführte Phädo aus Elis, kaum so schlechte Anlage, welche nicht durch die Philosophie gebessert werden könnte. Denn sollte sie bloß bei einer guten Anlage nützen, hätte sie wohl nicht großen Wert.«

Daß nun Julian gerade als Zögling der Philosophie glänzen, die Erhebung des Geistes wie die Abtötung des Körpers, wozu sie führe, durch sein Beispiel verherrlichen wollte, würde, vom Motiv abgesehen, an sich nur verehrungswürdig sein, wenn er dies nicht mit offenbarer Übertreibung getan hätte.

Der Herrscher soll auch seine äußere Würde nicht vernachlässigen: er aber affektierte den Kyniker. Wenn er von sich erzählt(Freilich mit zweifelloser Übertreibung. D.), daß in seinem langen Barte Insekten (pediculi), wie die wilden Tiere im Walde, umherliefen, überdies sein Haupthaar verwildert, seine Nägel selten abgeschnitten, seine Finger voll Tintenflecke seien (Misopogon p. 57 u. 69), so hat dies etwas geradezu Widriges. Selbst in seinem Hasse des Hofgesindes und Hofgepränges und der öffentlichen Schauspiele überschritt er die verständige Grenze, während er umgekehrt in ehrendem Kultus der Philosophen, darunter es auch manche unwürdige gegeben haben mag, wohl ebenfalls zu weit ging. Aus derselben Quelle ist seine an Geschwätzigkeit grenzende Lust zu sprechen abzuleiten. Er redete geistreich und schön und liebte deshalb, auf Beifall rechnend, sich sprechen zu hören.

Über Julians Verdienst als Schriftsteller sagt Niebuhr in seinen Vorträgen über römische Geschichte (III, S. 309): »Er ist ein wahrhafter Attiker: seit Dio Chrysostomus hat Griechenland nicht einen so eleganten attischen Schriftsteller gehabt.« Wir bergen nicht, daß uns in den Reden und Briefen die schlechte Manier der Zeit etwas abstößt, setzen daher das ebenso einfache als politisch geschickte Manifest an die Athener und den Misopogon über alles andre, während wir in den »Cäsaren«, bei vielem Geiste, doch zum Teil die historische Unparteilichkeit, namentlich in dem Urteil über Constantin den Großen, vermissen.

Wir kommen nun auf Julians Apostasie.

Fassen wir den oben geschilderten Zustand des Heidentums lebendig wieder in das Auge, zerrüttet, gespalten, fast vermodert, wie er damals war. – Wie konnte, fragt man, ein scharfer Denker an die Möglichkeit der Erhaltung und Wiederbelebung desselben glauben?

Wir erwidern vorläufig: ein einfach verständiger Mann gewiß nicht: ein höchst genialer aber konnte dieser Verirrung allerdings fähig sein: (zumal bei einem mystischen Zuge und bei einem Haß und einer Verachtung gegen das Christentum, welche in Julians persönlicher Geschichte und in der Unvereinbarkeit dieser Lehre mit dem altrömischen Staat und seinen besten Tugenden voll begründet war: Philosophie und Patriotismus – Cäsarengefühl – waren die edelsten Gründe seiner Apostasie, der es – echt menschlich – an bloßen Gründen der Leidenschaft allerdings auch nicht fehlte. D.).

Wir fassen hierbei Julians doppeltes Verhältnis zum Christentume und zum Heidentume in das Auge.

»Zeige mir deinen Glauben mit deinen Werken« sagt der Apostel. Nun wohl: Constantius hatte seine Werke gezeigt: Verwerfung des Willens seines großen Vaters, Erwürgung von Julians Vater, Bruder und Geschlecht aus Herrschsucht. Mußte schon das durch solchen Mord verwaiste Kind dies fühlen, – wie viel heißer mußte es, genährt durch die engste Umgebung und den älteren Bruder, dem Knaben und Jüngling in der Seele brennen?

Aber Constantius war ja nicht das Christentum? Allerdings nicht: aber doch dessen Träger in der römischen Welt, von dessen subjektiven Untaten der Rückschluß auf den objektiven Wert seines Glaubens bei einer mit Recht empörten Leidenschaft so erklärlich als verzeihlich war.

Selbst abgesehen von dem gekrönten Christen aber, der nur ein Laie war, – durfte die jugendliche Seele nicht mindestens nach den Geistlichen, nach den Fürsten und Dienern der Kirche den Wert ihres Glaubens abmessen?

Glaubt man aber, daß ein so begabtes Kind in seinem obersten Erzieher bis zum elften Jahre, dem arianischen Haupte, Eusebius von Nikomedien, nicht den herrsch- und ehrsüchtigen Sünder erkannt, daß der blutdürstige, der bösesten Mittel sich bedienende Verfolgungsgeist der Arianer – die man doch damals für die besten Christen erklärte! – wider die Orthodoxen ihn nicht mit Abscheu, das ganze Sektenwesen jener Zeit nicht mit Widerwillen und Ekel erfüllt habe? (Und wenn die Orthodoxen die Macht hatten – brauchten sie selbe besser? D.)

Wohl hätte der fromme Sinn eines treuen wahrhaft christlichen Glaubenslehrers auch den Geist des Knaben erleuchten, dessen Herz für das Christentum erwärmen können. Ist es aber denkbar, daß Eusebius, der Metropolit, einen Mann, der solchesfalls notwendig wider ihn selbst hätte zeugen müssen, dafür ausgewählt habe? Ferner ging Julians Religionsunterricht lange mit dem in der öffentlichen Schule Hand in Hand, der, selbst von Christen (wenigstens dem Namen nach) erteilt, doch immer auf das Altertum, dessen große Dichter, Weise und Geschichte gegründet war, wofür besondere Empfänglichkeit und Vorliebe in dem Knaben und Jüngling lebte.

Daß derselbe gleichwohl im Christentume, namentlich dessen heiligen Büchern alten und neuen Testaments, bis zu seinem zwanzigsten Jahre (epist. 61) mit einer Gründlichkeit unterrichtet worden war, die, durch seltenes Gedächtnis unterstützt, von wenigen Nichttheologen unsrer Zeit erreicht werden dürfte, ersehen wir aus seiner polemischen Schrift, deren wir weiter unten gedenken werden, können aber nicht annehmen, daß er darin über das tote Wissen hinaus jemals zum lebendigen Glauben gelangt sei.

Mag es doch an letzterem überhaupt den Christen jener Zeit, selbst den eifrigen, häufig, wo nicht größtenteils gefehlt haben, wie denn in Constantins des Großen ganzem Hause kein Beispiel eines tätigen Glaubens sich findet, ja dessen Tochter Constantia und deren Gemahl, dessen Neffe und Julians Bruder, Gallus, der gleiche Erziehung und Absperrung mit ersterem genoß, bei dem strengsten Namenschristentume, verwerflicher Gemütsart waren.

So sehr aber gewiß auch Julians berechtigte Abneigung gegen die Christen auf dessen Abtrünnigkeit von Einfluß gewesen ist, so kann diese doch nur aus einem zweiten, noch wirksameren Grunde völlig erklärt werden, auf den wir nun übergehen.

Zwei Neigungen sind es, welche Julians Seele mit der Lebendigkeit, Tiefe und Energie, welche ihr überhaupt eigentümlich war, vor allem erfüllten, dem Geiste die eine, dem Gemüt die andre angehörig.

Ein wunderbares früh entwickeltes Denkvermögen verband sich in diesem Enkel zweier Kaiser mit einem regen gewaltigen Tatendrang. Dabei war ihm zugleich jedweder Weg äußerer Wirksamkeit versperrt: nicht nach außen hin auf das Praktische, nur nach seinem Innern – auf das Spekulative konnte sich daher in dem gefangenen Prinzen die Geistesleidenschaft werfen. So ward er Philosoph: so ward es, wie wir schon sagten, seine einzige Seligkeit, in Gedanken zu leben.

Wie verhielt sich nun zu dieser Richtung das Christentum?

»Ich will zunichte machen die Weisheit der Weisen, den Verstand der Verständigen will ich verwerfen« lehrt die Schrift (1. Cor. 1, 19). Da ward, wie der Apostel hinzufügt: »der gekreuzigte Christus den Griechen eine Torheit.«

Was Wunder, daß der Schüler des weisen Sokrates, der Verehrer des göttlichen Plato sich von dem neuen Glauben abwandte.

Nationalität und Vaterlandsliebe waren die Pole, um welche sich der Seelenadel der alten Welt drehte (wie alles Heldentum der »Heiden« auch der Germanen. D.). Ihnen diente auch ihr Glaube. Roms Größe beruhte auf dem capitolinischen Jupiter: Athens Glanz und Hoheit auf der Athene: die Idee des Heldentums war in Herakles zur Gottheit geworden.

Vaterlandsbegeisterung und Heldensinn glühten in Julians Brust: das dunkle Gefühl, Alexander und Cäsar nacheifern zu können, regte sich in ihm. Demgegenüber trat nun eine Weltreligion der Demut und Selbstverleugnung, welche, wie alles Irdische, auch das Nationale völlig bei Seite setzte, Duldergröße hoch über Heldengröße erhob und nur an die Nachfolge Christi die Krone des ewigen Lebens knüpfte.

Konnte diese dem für antike Größe begeisterten Gemüte zusagen, dem jugendlichen vor allem, welches das Bewußtsein der Fähigkeit und des Berufs, seinem Vaterlande ein Retter, ja ein Mehrer von Ruhm und Macht zu werden, in sich trug?

Was Julian vom Christentume abwendete, sahen wir: seine Hinneigung zum gestorbenen Heidentum bleibt noch zu erörtern.

Wie selbst unter Christen unsrer Zeit zwischen dem Glauben des gemeinen Volkes und dem gebildeter, aber zugleich frommer Selen ein mächtiger Unterschied ist, so war dieser ungleich größer bei den Heiden jener Zeit. Wir kennen das vulgäre Heidentum meist nur aus der Mythologie und der Geschichte. Von diesem aber sagt Julian in seiner Verteidigung des Heidentums (p. 8): Man müsse gestehen, daß die Griechen unglaubliche Wundergeschichten von den Göttern erfunden haben. Diesen Fabeln müsse man aber Platos Lehre vom Weltschöpfer gegenüberstellen. Nach dieser habe der einige Schöpfer von Himmel, Erde und Meer zuerst unsichtbare unsterbliche Wesen, als Untergötter, erschaffen, und diesen alles Organische und Sterbliche auf Erden – Menschen, Tiere und Pflanzen – untergeordnet. Je einem solcher Götter sei nun eins der verschiedenen Völker, dessen Individualität gemäß, anvertraut, während sie zum Teil auch gewisse allgemeine Tätigkeiten, z. B. Krieg, Wissenschaft, Handel schützten und förderten. Man habe hiernach in den verschiedenen Göttern nur ein göttliches Wesen, das sich in ihnen offenbare, zu verehren (s. Neander S. 27 bis 31 u. w.).

Es ergibt sich hieraus, wie der Glaube damals im Dienste des Nationalgefühls stand, welches der alten Welt eben das Heiligste war.

Keineswegs aber verwarf Julian alle Mythen: er erklärte sie vielmehr, wie z. B. die der Kybele und Attys (Orat. 5), für tiefsinnige Allegorien. Das Undenkbare, meint er, hätten die Alten, nach göttlicher Anleitung, absichtlich ihren Göttergeschichten beigemischt, um durch das Widersinnige der äußern Geschichte zur Aufsuchung ihrer inneren Bedeutung zu veranlassen; während den Einfältigen das äußere Symbol genügen möge.

Für die meisten unter uns liegt Plato in der Geschichte der alten Philosophie begraben. Wie hat er aber, als er in der ersten Hälfte des fünfzehnten Jahrhunderts im Abendlande zuerst bekannt ward, auf die damalige Christenheit gewirkt?

Auf der Kirchenversammlung zu Ferrara 1438 von einem Griechen zuerst vorgetragen, machte er so tiefen Eindruck, daß der hochgebildete Cosmo dei Medici eine eigne platonische Akademie für Auslegung des großen Denkers stiftete, dessen geist- und kenntnisvoller Vorstand Ficino sich freute, dem Könige Matthias Corvinus melden zu können, daß ein neu aufgefundener christlicher Grieche auf schlagende Weise die Übereinstimmung Platons und des Christentums in betreff der Geister nachgewiesen habe. (F. Kortum, die Gesch. des Mittelalters im Übergange zur Neuzeit, II. Th., Leipzig bei T. O. Weigel 1861, S. 39 bis 42.)

Pflegte doch später noch der berühmte Erasmus zu sagen: Heiliger Sokrates, bitte für uns.

Nicht auf verwerflichem, nicht auf unwürdigem Grunde also beruhte Julians Glaubenssystem.

Schade nur, daß er, ein Kind seiner Zeit, nicht dem reinen Plato, sondern dem Neuplatonismus huldigte, namentlich dem Wunderglauben, den dieser in seiner spätern Ausartung verbreitete, beinahe mit Leidenschaft sich hingab.Ammian sagt XXV, 4 von ihm: »Mehr abergläubisch, als ordnungsgemäßer Verehrer des Opferdienstes, ließ er unzähliges Vieh schlachten, so daß man sagte: wenn er von Persien zurrückehre, werde es an Stieren fehlen.«

An die Möglichkeit fortgesetzter übernatürlicher Offenbarung aber glaubte auch das Christentum jenerMan lese nur in Tillemonts Art. XXVII die Geschichte der Visionen, welche Julians Tod zu derselben Stunde zur Kunde weit entfernter gläubiger Christen brachten. wie späterer und unserer Zeiten: es darf daher nicht die Sache an sich, sondern nur Form und Gegenstand dieser Richtung sein, welche den Christen bei Julians Anschauung verletzen kann.

Wir ersehen indes hieraus, daß in seiner Seele keineswegs der Verstand einseitig vorherrschte, daß es ihm vielmehr auch an Glaubensfähigkeit und Bedürfnis nicht fehlte: (der mystische Zug in ihm war vielmehr sehr stark. D.).

Wie sich Julians Verhältnis zum Christentume und zum Heidentume gestaltet hatte, haben wir vorstehend entwickelt, nun aber auch noch in dessen Fehlern den letzten Schlüssel zu jenem Abfalle zu suchen.

War es verzeihlich, daß die bösen Werke der Christen ihn gegen deren Glauben eingenommen hatten, während der eifrige Kultus einer Philosophie, welche jener verwarf, und die Begeisterung für nationale Größe und Heldentum ihn an den antiken Geist fesselten, so war doch sein Glaube, bis er im zwanzigsten Lebensjahre zu persönlicher Freiheit gelangte, gewiß nur erst ein schwankender.

Als er aber in das Leben trat und vermöge seiner Person eben so wie nach seiner Abstammung allgemeines Aufsehen erregte, die bedeutendsten geistesverwandten Philosophen sich an ihn herandrängten oder von ihm aufgesucht wurden, da ward es diesen, deren Glanz und Ansehen ja auf dem Heidentume beruhte, leicht, durch Lob und Schmeichelrede die Fackel der Eitelkeit in die so vorbereitete Seele zu werfen und die großartige Idee dereinstiger schöpferischer Wiederbelebung des alten Glaubens und Staatslebens in ihm zu entzünden.

(Wohl scheint dies uns heute, nach dem Erfolg, eine Unmöglichkeit. Aber mußte man damals diese Unmöglichkeit erkennen? Doch offenbar nicht: sonst hätte ein Geist wie Julian, der allerdings das Kühne liebte, sonst hätten die zahlreichen Heiden seines Anhangs diesen Gedanken nicht fassen können. Erst ein Menschenalter war das Christentum Staatsreligion geworden – aus welchen Motiven, mit welchen Schwankungen, Selbstzerfleischungen, mit welcher sittlichen Wirkung! – Sollte es unmöglich sein, es per Edikte der nächsten Vorgänger aufzuheben? D.) Zwar verwarf Julian selbst das vulgäre Heidentum und sein »persönliches Hirngespinst von Poesie, Philosophie und Aberglauben« (wie sich Strauß S. 12 ausdrückt) konnte nie zur allgemeinen Volksreligion werden. Indes faßte er seine Aufgabe doch auch noch von einer andern und zwar höchst edlen und wohlwollenden Seite auf. Er wollte das praktische Christentum kopieren: nicht nur dessen hierarchische Kirchenverfassung: sondern auch die vorgeschriebene sittliche Reinheit und Würde des geistlichen Standes, vor allem die christlichen Liebeswerke, Armen-, Kranken-, Witwen- und Waisenpflege, wie dies aus seinen eignen Briefen (besonders 49, aber auch 62, 63 und sonst) klar hervorgeht. Schreibt er doch an heidnische Priester, wie Paulus an Titus und Timotheus.

Was bei den Christen Ausfluß des Glaubens, Gebot des Herrn war, meinte er bei den Heiden aus Staatsraison und Patriotismus durchführen zu können.

Es gibt Verirrungen, die nur der höchsten Geistesgröße und Kraft möglich sind. Das Gefühl höherer Begabung erzeugt den Gedanken eines höhern Berufs: Schwierigkeiten, welche den gemeinen Verstand abschrecken, verschwinden vor dem Geiste und Willen, der alles überwältigen zu können glaubt.

Da wird so leicht Selbstbewußtsein zur Selbstverblendung.

(Verblendung aber war es, daß Julian das Volk noch eines römischen Patriotismus für fähig hielt, wie er fast nur noch ihn selbst beseelte. Er stand allein: und tragisch ist sein Werk. D.)

Julian aber ward in dieser Richtung nicht nur durch die dämonische Gewalt persönlicher Leidenschaft, mehr noch durch sein römisch-griechisches Ideal fortgerissen. Reiner und edler als Welteroberung aus Herrschsucht war die Regenerationsidee des römisch-griechischen Altertums: (aber Julian war dabei ein Feldherr ohne Heer. D.).

Daher erklärt sich, daß von einem wirklichen Prinzipienkampfe zwischen Heiden- und Christentum im Volk und Heere weder bei Julians Leben noch nach dessen Tod auch nur die geringste Spur in den Quellen sich findet.

Reaktion der erstern gegen letztere zeigte sich allerdings mehrfach: aber aus persönlichen oder lokalenWie z. B. die blutige Rache, welche die Stadt Gaza in Palästina gegen den Nachbarort Majuma ausübte. (Soz. III, 9; Gregor v. Naz. IV, 86.) Gründen, aus Eigennutz oder Rache: von einem Enthusiasmus für das Heidentum keine Spur. Selbst die höchstgestellten Heiden, der Praefectus Praetorio des Orients Sallustius Secundus (Prinz von Broglie, S. 286), ja der Oberpriester! Chrysanthius verwarfen mild und besonnen jeden Zelotismus: (sie überließen ihn den Christen. D.).

Am schlagendsten ergibt sich obige Behauptung durch die Wahl von Julians Nachfolger. Hätte damals, durch ihn angeregt und begünstigt, eine ihres Ziels bewußte heidnische Partei wirklich bestanden, so mußte sie vor allem auf einen Kaiser ihres Glaubens dringen, was ihr um so leichter sein mußte, da doch wahrscheinlich die Mehrheit, mindestens eine sehr große Anzahl der Generaloffiziere des Heers, demselben angehörte.Die Kirchenväter behaupten sogar, freilich mit offenbarer Unwahrheit, Julian habe nur Heiden um sich angestellt. Gleichwohl wird in Jovian ein Christ und sieben Monate nachher in Valentinian ein zweiter gewählt: ja die Kirchenväter behaupten sogar, Jovian habe seiner Religion halber zuerst abgelehnt, darauf aber von seinen Umgebungen die Erwiderung empfangen, daß sie ja alle wahre Christen gewesen seien, Julian aber nicht lange genug geherrscht habe, um die Lüge in den Gemütern festzustellen (Prinz von Broglie, S. 419. Derselbe Schriftsteller, dem wir nicht allenthalben beipflichten, ohne dessen Geist zu verkennen, sucht S. 297 bis 303 auszuführen, wie sich Julian selbst seinen Zeit- und Glaubensgenossen gegenüber isoliert und enttäuscht gefühlt habe).

Wir wiederholen kurz unsere Erklärung von Julians Apostasie dahin, daß die Schlechtigkeit des weltlichen Hauptes und der geistlichen Häupter der Christenheit seiner Zeit ihn gegen deren Glauben eingenommen hatte und ein erleuchteter wie frommer Unterricht, der dem hätte entgegen wirken können, ihm nicht zu Teil geworden war; daß sein Geist von der Tiefe heidnischer Philosophie, wie sein Gemüt von der nationalen Größe und dem Heroismus des Altertums ergriffen ward; daß seine Genialität und Eitelkeit endlich der in beidem wurzelnden Vorliebe für das Heidentum sich bemächtigten und ihn zu dem Glauben, dessen Regenerator werden zu können, fortrissen.

Hieran knüpft sich nun die, von den Geschichtsschreibern aller Zeiten so verschieden beantwortete Frage:

Ist Julian, seiner geistigen Verirrung wegen, nur zu beklagen oder auch, seiner daraus hervorgegangenen Regentenhandlungen halber, zu verdammen?

Wir erwidern, das Fundament alles wahren Christentums ist der Glaube. Man kann die Reinheit und Erhabenheit der christlichen Sittenlehre, wie zum Teil auch Julian getan, anerkennen, von der Religion der gebildeten und jetzt herrschenden Welt mit Pietät sprechen, ein Christ aber im wahren Sinne des Worts ist doch, wie sonst, so auch jetzt noch nur derjenige, welcher an die Grundsymbole aller christlichen Konfessionen glaubt. Der Glaube läßt sich weder erlernen noch erzwingen, ist vielmehr eine freie Gnade Gottes am Menschenherzen. Nur zu viele, hunderttausende, vielleicht Millionen, namentlich unter den gebildeteren Klassen, entbehren desselben: ja man ist in unsern Tagen so weit gegangen, ihn mit dem Fortschritte der Wissenschaft, mit einem erleuchteten Verstande geradezu für unvereinbar zu erklären. Wir beklagen dies schmerzlich, nehmen vielmehr umgekehrt an, daß das schärfste Denken, weil es die Gebiete des Denkvermögens und Glaubens streng auseinander zu halten weiß, am sichersten zum frommen Glauben führen müsse, mißbilligen aber mit größter Entschiedenheit jedwedes menschliche Verdammungsurteil, das über anders organisierte, daher glaubensleere Seelen ausgesprochen wird.(Diese schönen Worte des verehrungswürdigen Verfassers sollen hier unangetastet stehen bleiben, obzwar der Herausgeber in der Motivierung dieses Ergebnisses abweicht. D.)

Ist dies richtig, so ist Julian, der Mensch, völlig vorwurfsfrei, wenn er, des Christenglaubens entehrend, seiner persönlichen religiösen Überzeugung folgte, ja achtbar, wenn er sich durch die politischen Bedenken eines Religionswechsels nicht abhalten ließ, der in jener Zeit übrigens, wo Altes und Neues noch im Kampfe lagen, der öffentliche Geist noch mehr oder minder heidnisch war, keinesweges von schroffer Auffälligkeit sein konnte.

Tadeln darf man ihn daher deshalb nur insoweit, als persönliche Eitelkeit dabei mitwirkte, wofür die Grenze genau festzustellen unmöglich ist.

Man hat ihm aber Verstellung und Verfolgung der Christen vorgeworfen.

Es ist wahr, daß er unter Constantius seinen Glauben verbarg, ja noch nach seiner Erhebung zum Augustus am Epiphaniasfeste 361 am christlichen Gottesdienste in der Kirche zu Vienne Teil nahm.

Wir heißen das nicht recht, können aber nicht verschweigen, daß kein politischer, ja beinahe kein denkender Mann jener Zeit die Pflicht einer Aufrichtigkeit in Fällen anerkannte, wo die einfachste Klugheit sie verbot, weil man, ohne andern zu nützen, nur sich selbst dadurch geschadet hätte.

Schwerer wiegt der zweite Vorwurf, dem der Prinz von Broglie ein eignes Kapitel (p. 223 bis 412) mit der Überschrift: »Julien persecuteur« gewidmet hat.

Wir haben deshalb auf die Würdigung der Quellen (in Anm. 334) zu verweisen und können hier nur wiederholen, daß die kirchlichen, auf welche die ganze Anschuldigung gebaut ist, teils offenbare – und zwar die gröbsten – Unwahrheiten, teils Übertreibungen enthalten, teils in gehässiger Einseitigkeit Milderndes und Entscheidendes verschweigen.

Will man den Philippiken und Anklagen der Kirchenväter wider Julian einigen Glauben beimessen, so muß man zuvörderst Ammian, den doch selbst die strengsten Katholiken, wie Graf Stolberg und der Prinz von BroglieDerselbe sagt S. 226 in der Anmerkung folgendes: »Aprés les garanties d'impartialité données par Ammien M. et la franchise, qu'il met a convenir des fautes de son héros, il est juste de ne pas prêter à Julien des actes considérables, dont cet excellent témoin ne parle pas. Ammien voyait les choses du cabinet de l'empereur; les chrétiens subissaient a distance le contrecoup de ses passions et de ses volontés. De là la différence des récits. für durchaus treu, unparteiisch und wohl unterrichtet erklären, geradezu und zwar durch und durch verwerfen. Wie ist es möglich, daß ein denkender Schriftsteller an dem Verhalten seines Helden wider die Christen eine Kleinigkeit, deren wir später gedenken werden, hätte rügen können, wenn derselbe, im Widerspruch mit der (nach XXII, 5) feierlich erklärten Gewissensfreiheit, als blutdürstiger Henker Tausende um ihres Glaubens willen hätte umbringen lassen, wie dies Gregor von Nazianz Orat. 3 und Theodoret versichern? (S. Tillemont S. 974 und 975 und Broglie S. 280.)

Die kirchlichen Geschichtsschreiber aber widersprechen sich auch selbst, wie denn Gregor von Nazianz in seiner spätern Schmährede or. 4, p. 57 und 79 Julian gerade deswegen tadelt, weil er das Christentum nicht durch offene Gewalt, sondern durch allerlei Künste und Überredung habe unterdrücken wollen.

Auch finden sich in deren Erzählungen bisweilen Züge von Julian eingemischt, welche mit der sonstigen Schilderung dieses angeblich fanatischen und grausamen Christenhassers völlig unvereinbar sind.

So erzählt Theodoret (I, 3), um nur eines Beispiels zu gedenken, aus Julians letzter Zeit, wie er auf die Beschwerde eines jungen Mannes aus Beröa in Syrien, daß ihn sein Vater, wegen Abfalls vom Christentume, verstoßen und enterbt habe, letztern, die erste Magistratsperson der Stadt, zur Tafel geladen und mit den Worten: wie er, der Kaiser, ihn bei seinem Glauben lasse, so möge er als Vater auch seines Sohnes Gewissensfreiheit nicht beschränken, diesem wieder zu versöhnen gesucht habe. Als aber derselbe, unter den härtesten Ausdrücken über des Sohnes Apostasie, jede Verwendung abgelehnt, habe Julian schließlich zu letzterm gesagt: Wenn Dein Vater Dich verstößt, so werde ich an dessen Statt für Dich sorgen.Theodoret erzählt diese Geschichte natürlich nicht, um Julians Mäßigung, sondern nur um des Vaters Glaubenstreue hervorzuheben.

Nach unsrer entschiedenen Überzeugung kann man an Julians Verhalten gegen die Christen nur folgendes rügen:

Daß er sie als Widersacher seines Glaubens, ja seines Lieblingstraumes – des hergestellten alten Römerstaats – haßte, ist natürlich. Wo hat es je Glaubenskampf ohne Glaubenshaß gegeben? Eben so haßte und verwarf aber auch sein Geist und Gemüt gewalttätigen Gewissenszwang, was aus den unter seinen Briefen erhaltenen kaiserlichen Reskripten (namentlich ep. 7, 42, 43, 51 u. 52) zweifellos hervorgeht. Ob er diesem Grundsatze treu geblieben oder untreu geworden, dies allein ist daher die Frage.

Wir beantworten sie dahin, daß sich zwar keine zuverlässige Nachricht einer direkten amtlichen Verletzung desselben in den Quellen findet, Julians leichte Hingabe aber an augenblickliche Eindrücke, daher auch an seine gereizte Laune, wohl bisweilen Handlungen herbeigeführt haben mag, welche damit nicht völlig vereinbar waren. Unstreitig war jedoch in solchen Fällen gegenüber dem vorausgegangenen Verhalten der Christen auch noch eine andere Auffassung möglich: zu (Hochverrat und D.) Majestätsbeleidigung konnte der fanatische Eifer mancher derselben für Märtyrertum nur zu leicht führen. Dahin möchten wir namentlich die vom Prinzen von Broglie S. 232 bis 235 und S. 280 angeführten Martyrien des Basilius und der Soldaten Juvencus, Maximin, Bonosus und Maximilian rechnen, welche man, zumal ersteres, das auch von Sozomenos bezeugt wird, wenn auch für verunstaltet, doch keinesweges für gänzlich erdichtet halten darf.

Daß Julian für Gewalttaten und Frevel übereifriger Beamten oder des Volkshasses wider Christen, wie die der Arethuser gegen den Bischof Marcus, der Alexandriner, Gazaer u. a. m. (ep. 10 u. Pr. von Broglie S. 171–175 u. 269), die er erst nachträglich erfuhr, keine Verantwortlichkeit trifft, liegt auf der Hand. Indes scheinen derartige Untaten doch mehr nur durch Verweis als durch wirkliche Strafe geahndet worden zu sein, was wir der Größe der Schuld, namentlich der der Arethuser und Gazaer, nicht angemessen finden: wir können ihn daher von dem Verdacht nicht freisprechen, sich im Stillen solcher Ausbrüche heidnischer Reaktion erfreut zu haben. Ist es aber als unwürdig zu bezeichnen, wenn er in dem Schreiben an die Bostrener (ep. 62) diese gewissermaßen auffordert, den Bischof Titus, der sie hinterrücks bei ihm verklagt habe, aus der Stadt zu vertreiben?

Bei allem Tadel, den er verdient, möge man doch nie vergessen, daß ihm Unterdrückung des Christentums, so weit diese ohne Anwendung unmittelbaren Zwanges tunlich war, als Herrscherpflicht erschien, und daß er sich diesem vermeintlich so hohen Berufe mit einem Eifer hingeben zu müssen glaubte, der sich bei seiner Lebhaftigkeit bis zur Leidenschaft steigerte.

Hat es aber, fragen wir, in der Geschichte überhaupt je völlig unumschränkte Herrscher gegeben, welche ihren Eifer für eine Sache, die sie für gut und recht hielten, aus philosophischer, grundsätzlicher Mäßigung, in so gemessener Schranke zu halten wußten, als dies Julian, einzelner Ausschreitungen unerachtet, im ganzen und großen unzweifelhaft auf das Bewundernswerteste getan hat? (Wie handelten Arianer oder Orthodoxe, wenn sie aus der Unterdrückung wieder zur Herrschaft gelangten? D.)

Wir müßten nicht selbst Christen sein, um nicht durch viele seiner Äußerungen, namentlich auch durch den Namen: »Galiläer«, womit er unsre Glaubensgenossen stets bezeichnet, verletzt, ja teilweise empört zu sein, dürfen aber diesem Gefühle keinen Einfluß auf das unbefangene historische Urteil einräumen.

Ammian tadelt Julian zweimal (XXII, 10 und XXV, 5) lebhaft darüber, daß er den Christen das Lehren an öffentlichen Schulen und Universitäten verboten habe.

Ist das etwas anderes, als was katholische wie protestantische Kirchen- und Staatsregierungen fortwährend getan haben und teilweise heute noch tunObwohl im Königreich Sachsen seit 1807 konfessionelle Parität besteht, hat doch die Anstellung eines katholischen Professors, selbst der Medizin, bis zum Jahre 1848 stets Widerspruch gefunden. Zu Königsberg i. Pr. wird, den öffentlichen Blättern zufolge, über die Zulässigkeit solcher Berufung eben jetzt (1860) verhandelt. (Anmerkung der ersten Ausgabe.) – und zwar – wie wir hinzufügen, in sachgemäß beschränktem Umfange, mit Recht? (So von Wietersheim.)

Merkwürdig beweisen hierbei alle Kirchenväter, selbst Sokrates (III, 12) und Sozomenos (V, 18) ihre Unwahrhaftigkeit, indem sie behaupten, jenes Verbot habe sich zugleich auf den Besuch öffentlicher Schulen durch christliche Jünglinge erstreckt, was dem (in ep. 42) uns vollständig erhaltenen Texte geradezu widerstreitet, auch ein naives Übersehen des Vorteils ist, den ein solcher Besuch gerade umgekehrt im heidnischen Interesse haben mußte. Die Maßregel war, weshalb auch Ammian sie so eifrig rügt, höchst unpopulär, weil es damals keine andern Unterrichtsanstalten gab, die Söhne glaubenstreuer Christen also durch dieselbe mittelbar von wissenschaftlicher Ausbildung ganz abgehalten wurden, woraus jene Schriftsteller, denen der Prinz von Broglie diesmal aber S. 216 nicht beipflichtet, eine unmittelbare Behinderung gemacht haben.

Ebensowenig darf Julian die Einziehung der den christlichen Geistlichen unter den frühern Regierungen erteilten besonderen Privilegien (s. ep. 42 z. Anf.) und Staatsunterstützungen von seinem Standpunkte aus zur Last gelegt werden: noch viel weniger aber sicherlich dasjenige, was er nach siegreicher Rückkehr aus dem persischen Kriege »mutmaßlich« in Zukunft noch getan haben »würde«, wie dies die kirchlichen Schriftsteller hervorheben! – Wohl pflegt das Glück wie jegliche Charakterrichtung so auch Verblendung und Haß zu steigern: wir sind aber dennoch überzeugt, daß Julians Philosophie und Gemüt niemals zu diokletianischer (oder gar zu christlich-fanatischer D.) VerfolgungDie neueste Darstellung der Christenverfolgungen von Dr. F. Görres in Kraus, Realenzyklopädie d. christl. Altert. III. Freiburg 1880. S. 215–288 ist musterhaft gründlich und kritisch in der Forschung, musterhaft maßvoll und objektiv in der Würdigung. herabgesunken wäre.

Wir können diesen gewissermaßen polemischen Teil gegenwärtigen Kapitels nicht schließen, ohne Julians Schrift gegen das Christentum zu gedenken, an der er bis zu seinem Tode noch gearbeitet hat. Sie soll ihrem wesentlichen Inhalte nach durch Cyrillus, den Patriarchen von Alexandrien, der in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts eine Widerlegung derselben schrieb, uns erhalten sein. Dieselbe enthält genau das nämliche, was die sogenannten Philosophen, Religionsspötter und Leugner neuerer Zeiten von Voltaire ab bis heute gegen das positive Christentum vorgebracht haben, welches Julian geradezu für bewußte listige Erdichtung erklärt. Nur richtet sich sein Angriff ganz vorzugsweise gegen das alte Testament, in welchem er mit scharfer Kritik über alles Übernatürliche, Undenkbare und sich Widersprechende darin, wie die Rede der Schlange, den babylonischen Turmbau etc. herfällt, vor allem aber an der einseitigen Parteilichkeit Jehovas für sein Volk, die mit der Allgerechtigkeit und Güte des Weltschöpfers völlig unvereinbar sei, Anstoß nimmt.

Wenn man den christlichen Standpunkt ablegt, so hat man die scharfsinnige und geistvolle Dialektik des Verfassers vollkommen anzuerkennen, ebenso aber die ungeheure Schwäche, welche darin liegt, daß er einen Maßstab auf das Christentum anwendet, nach welchem das vulgäre, ja selbst sein verklärtes Heidentum mit dessen Wunderglauben noch weniger zu bestehen vermocht haben würde.

Wir wenden uns zum Schluß.

Hätte Julian, im Gegensatze zu des Constantius verwerflichem Cäsaropapismus, nur allgemeine Glaubensfreiheit verkündet, wie für alle christlichen Parteien, so auch für das Heidentum, dem unstreitig die Mehrheit seines Volkes noch angehörte, so hätte er zwar natürlich die Verdammnis der Kirche, zugleich aber die Bewunderung der unbefangenen Nachwelt erworben.

Das tat er nun auch wohl: aber nur halb, indem er durch leidenschaftliche Parteinahme für seine subjektive Religionsanschauung jenes Prinzip vielfach verletzte und, mit gänzlicher Verkennung des Geistes und der Menschen seiner Zeit, dem Wahne nachjagte, ein neues, reineres Heidentum gründen zu können, eine Idee, die vor seinem Geiste genial, in Wirklichkeit aber unmöglich war. (Es war eine Torheit, wie sie nur ein sehr großer Mann begehen kann. D.)

Lassen wir indes diese einzige Verirrung beiseite und fragen wir:

Was ist Julian für sein Reich und sein Volk gewesen? so lautet das Urteil anders. Diesen Standpunkt nehmen, mit Recht, Ammian und Eutrop ein.

Ersterer beginnt seine fünf Seiten lange treffliche Charakteristik dieses Kaisers (XXV, 4) mit den Worten: Wenn es, wie die Gelehrten sagen, vier Haupttugenden gibt, Mäßigung und Enthaltsamkeit, Klugheit, Gerechtigkeit, sowie Tapferkeit, denen sich nebensächliche anschließen, wie Kriegskunde, Autoritätstalent, Glück und Liberalität, – so hat er diese alle im Ganzen wie im Einzelnen mit angestrengtester Sorgfalt gepflegt und geübt (intento studio coluit omnes ut singulas).

Ammians Schilderung, welche zugleich keinen von Julians Fehlern verschweigt, ist, vom Ausdruck abgesehen, ein Meisterstück. Mit ihr stimmt im Wesentlichen auch Prudentius, ein christlicher, etwa hundert Jahre späterer Dichter überein: der von Julian sagt:

Ductor fortissimus armis:
Conditor et legum celeberrimus; ore manuque
Consultor patriae, sed non consultor habendae
Religionis, amans ter centum millia divum.
Perfidus ille Deo, sed non et perfidus orbi.

... Tapferster Führer der Heere;
Hoch als Gesetzbegründer berühmt; mit dem Arm und dem Rate
Treuer Wahrer des Vaterlands: nicht aber des Glaubens. –
Ungezählte verehrend vermeinter göttlicher Wesen;
Abgefallen von Gott, doch treu bis zum Tode dem Reiche.

Der unbefangene Historiker muß mit Entschiedenheit erklären: Rom hat in dreihundertundneunzig Jahren (Trajan, den wir freilich viel weniger genau kennen, etwa ausgenommen) keinen seinen Taten und Eigenschaften nach größern Kaiser gehabt als Julian.

Nur gegen Marc Aurels Gemütsreinheit steht derselbe, soweit er jenen auch in seinen Leistungen, namentlich als Feldherr, überragt, weit zurück. Marc Aurel arbeitete nur für Pflicht und Gewissen, Julian stets zugleich für das Publikum. Jener war weise, Julian nur groß und glänzend, nicht weise.

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