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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 42
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Wir erklären uns obigen Widerspruch zwischen Zosimus und den übrigen Quellen auf folgende Weise.

Neben den Franken werden während Constantins des Großen Anwesenheit in Gallien in den Jahren 307–310 ausdrücklich noch die Nachbarvölker der Chamaven, Tubanten und Brukterer als Sonderstaaten aufgeführt, was selbstredend nicht ausschließt, daß ein großer Teil ihrer Angehörigen, namentlich der erstern, unter die Franken gegangen war. Auch kann (muß D.) die kurze, daher unklare Angabe der Peutingerschen Tafel: Chamavi qui et Franci füglich den Sinn haben, daß erstere, ohne als Völkerschaft zu bestehen aufgehört zu haben, zugleich einen wesentlichen Bestandteil der Franken bildeten. Waren aber die Chauken schon nach letzterer Quelle bis an die Chamaven vorgerückt, welche ja selbst Julian, Ammian und Eunapius noch als Sondervolk kennen, so waren es wohl Chauken und Chamaven, welche in das römische Gebiet eindrangen.

Jener Friede aber mag, da sich die Chauken bei der ungünstigern Wendung in ihre Sitze zurückzogen, allerdings zwischen Julian und den Chamaven allein geschlossen worden sein.

Erwägen wir nun, daß Ammian an der betreffenden Stelle sichtbar (? D.) verstümmelt, Eunapius nur in wenigen Fragmenten erhalten ist, Julian aber der Chamaven (p. 514) nur mit zwei Worten gedenkt, so ist es vollkommen erklärlich, daß von diesen Schriftstellern die Mitwirkung der Chauken in diesem Kriege nicht erwähnt wird und daraus die gänzliche Unwahrheit von des Zosimus so ausführlichem Berichte auf keine Weise zu folgern.

Wie kann man aber dem positiven Zeugnisse eines Schriftstellers, der gute Quellen hatte und im Allgemeinen Geist bekundet, das Nichtwissen anderer – offenbar unvollständiger – Quellen entgegenstellen?

Dagegen ist Zosimus, wie überhauptSo kommt er in Kap. 8 auf die neun Jahre frühere Belagerung von Nisibis, während er von Amida und dessen Einnahme hätte reden sollen, und in Kap. 9 wiederum auf Julians Erhebung zum Cäsar. Die Griechen scheinen sich überhaupt mit der offiziellen Chronologie nach den Konsulaten nicht recht befreundet zu haben., so namentlich in der S. 475 wiedergegebenen Stelle von chronologischer, auch von einiger geographischer Verwirrung nicht freizusprechen.

Das erste Vordringen der Sachsen gegen die Franken ist sicherlich Julians Ankunft in Gallien lange vorausgegangen und steht wahrscheinlich mit der Niederlassung letzterer in Toxandrien, die nach Ammian (XVII, 8) in früherer Zeit (olim), spätestens gewiß unter Magnentius, erfolgte, in Verbindung. Zu derselben Zeit, wo nicht noch früher, mag Charietto in Gallien aufgetreten sein, dem Cäsar aber sicherlich schon im Jahre 356, äußerstens 357, seine Dienste angeboten haben. Auch ist, wo Zosimus von Julian und dessen Anordnungen spricht, keinesweges überall die Anwesenheit desselben in Person vorauszusetzen.

Zu unserm Ammian zurückkehrend, erfahren wir aus Kap. 9, daß der Cäsar nach gedachtem Frieden zunächst drei zerstörte Festungen an der Maas wiederherstellte und sie mit einem Teile der Lebensmittel, welche für den täglichen Bedarf des Heeres bestimmt waren, verproviantierte.

Dieser sollte durch die Ernte der Chamaven (auf dem linksrheinischen Gebiet derselben(Also auch die Franken schon wie am Oberrhein die Alemannen als Bauerschaften seßhaft auf dem linken Ufer! D.)) ersetzt werden: da letztere aber noch nicht reif war, rief die Besorgnis eignen Mangels eine scharfe Meuterei der Truppen hervor, die ohnehin schwierig waren, weil sie, des begründetsten Anspruchs unerachtet, noch kein Geschenk erhalten hatten, was Constantius verweigerte.

Nicht ohne Mühe ward das Heer durch freundlichen Zuspruch wieder beruhigt: der Cäsar führte es jetzt über den Rhein gegen seine Hauptfeinde, die Alemannen. Dies mag etwa Anfang August und oberhalb der vorjährigen Stelle, jenseits Darmstadt nach Heidelberg zu, erfolgt sein. Zum ersten Male bewies sich hier der sonst so tüchtige Severus, der getrennt vom Cäsar operieren sollte, schwach. Statt des befohlenen entschlossenen Vorgehens blieb er, die wegkundigen Führer selbst zurückhaltend, mutlos stehen.

Nichtsdestoweniger erschien Suomar (der bei Straßburg mitgefochten), gegen den der Angriff gerichtet war, freiwillig und erhielt den demütig erbetenen Frieden gegen das Versprechen der Rückgabe der Gefangenen und regelmäßiger Getreidelieferung für den Militärbedarf, worüber er sich bei Vermeidung nachträglicher Einziehung jedesmal durch Quittungen zu legitimieren habe. Dies ward auch erfüllt.

Hierauf wandte sich der Angriff gegen den Gau des Königs Hortar, der ebenfalls bei Straßburg mit gekämpft hatte. Nestiko, ein Stabsoffizier der Scularier, und Charietto, ein Mann von wunderbarer Tüchtigkeit (mirae fortitudinis), unstreitig der von Zosimus erwähnte, beordert, einen Gefangenen zu schaffen, bemächtigten sich eines alemannischen Jünglings, der nun, um sein Leben zu retten, als Führer dienen mußte.

Der Wald war durch ungeheuere Verhaue gesperrt: doch gelang es, diese auf großen Umwegen zu umgehen und wieder Kulturland zu erreichen, wo nun die gewohnte Verwüstung mit Plündern, Sengen und Brennen, auch der noch stehenden Früchte(Also auch hier seßhafte alemannische Bauern, dicht am rechten Rheinufer. D.), Morden aller sich Widersetzenden und Abführung der Wehrlosen begann. Das brach Hortars Widerstand: er versprach eidlich, alles Verlangte zu leisten, gab aber doch statt sämtlicher Gefangenen nur wenige zurück. Dies erbitterte den Cäsar, der deshalb vier der vornehmsten Gefährten des Königs, als derselbe das gewohnte Geschenk abzuholen kam, so lange zurückbehielt, bis die Gefangenen sämtlich ausgeliefert waren.Der stets anekdotenreiche Zosimus führt an, Julian habe auf Grund einer mit vieler Mühe angefertigten Liste sämtlicher in germanische Gefangenschaft geratener römischer Untertanen die Vollständigkeit der in den Friedensschlüssen bedungenen Rückgabe aller Gefangenen kontrolliert und hiernach die Fehlenden, ihren Namen und frühern Wohnorten nach, angegeben. Dies sei den Barbaren als Wunder erschienen und habe, zumal er schwere Drohung hinzugefügt, die vollständige Herausgabe aller zur Folge gehabt. Bei dem endlichen Friedensschluß mußte nun Hortar auch noch die Anfuhr von Bauholz zur Wiederherstellung der von den Alemannen verwüsteten Städte versprechen, wogegen er, wegen Verwüstung seines Gebietes, mit Getreidelieferung verschont ward.

Darauf ging Julian in die Winterquartiere.

Unterwerfung der noch nicht in ihrem Lande bezwungenen Alemannenfürsten war das Hauptziel des nun folgenden Feldzugs im Jahre 359, das jedoch der Cäsar, seine Feinde stets überraschend, klüglich verbarg.

In tiefstem Geheimnis sandte er zunächst Hariobaud, einen erprobten sprachkundigen Stabsoffizier (germanischer Abkunft), unter gesandtschaftlichem Vorwand an den befriedeten Hortar ab, nebenher alle Verhältnisse der anzugreifenden Staaten zu erkunden.

Er selbst marschierte zunächst an den Niederrhein, zerstörte Plätze wiederherzustellen und Speicher für das aus Britannien kommendeEs ist anzunehmen, daß dessen erste Sendung im Jahre 359 erfolgte. Getreide aufzuführen. Schleunig ward dies vollführt, Castra Herculis (Doorenburg, schon auf der batavischen Insel), Quadriburgium (Qualburg, unfern Cleve), Tricesimae (Xanten), Neuss, Bonn, Andernach und Bingen (s. Dederich, G. d. Röm. in Deutschl. a. Niederrhein. Emmerich 1854, S. 165) wurden wieder besetzt. Zu diesen Bauten lieferten die Alemannenfürsten vertragsmäßig das HolzDer Text sagt: aedificiis habilia multa suis misere carpentis. Dies ist aber, was die Baumstämme betrifft, bei der großen Entfernung fast undenkbar. Wahrscheinlich wurden diese (großenteils D.) auf dem Rheine herabgeflößt. Dafür spricht auch das Herbeischleppen durch die Soldaten, dessen es bei der Anfuhr nicht bedurft hätte. und die Soldaten schleppten die größten Stämme auf den Schultern heran, handlangten auch sonst tätig bei der Arbeit. Davon schlossen sich aus Liebe zu ihrem Feldherrn selbst die Auxiliarkohorten nicht aus, obwohl sie nach ihrem Dienstvertrag von derlei Arbeiten befreit waren.

In Bingen vereinigten sich Florentius, der Praefectus Praetorio, und Lupicinius, der Severus ersetzt hatte, mit dem Cäsar. Jene wollten sogleich bei Mainz über den Rhein gehen, was aber letzterer entschieden weigerte, um nicht bei dem Marsche durch befreundetes Gebiet zu Klagen über Friedensbruch Anlaß zu geben.

Daher zog das Heer den Rhein weiter hinauf. Die nicht unterworfenen Alemannenfürsten aber verlangten drohend von Suomar, dessen Gebiet an den Rhein stieß, Abwehr des Überganges, brachten auch, da dieser seine Schwäche vorschützte, eine bedeutende Streitkraft zusammen. Mit dieser folgten sie auf ihrer Seite des Stroms dem Marsche des Cäsars, überall, wo dieser Lager schlug, selbst Halt machend und den Fluß bewachend. Da ließ Julian in einer dunkeln Nacht dreihundert Soldaten auf vierzig leichten Schiffen ohne Ruderschlag den Rhein hinabschwimmen, was, indes die Germanen sorgfältig die römischen Lagerfeuer beobachteten, unbemerkt gelang. In derselben Nacht hatte Hortar, der es mit keiner Partei verderben wollte, alle Könige, Prinzen (?) und Häuptlinge (reges, regales et regulos; richtiger wohl: mächtigen und minder mächtigen Könige D.).) zu einem Gelag, in der Nähe des Rheins, bei sich versammelt. Als diese nach Mitternacht aufbrachen, fiel die inzwischen gelandete Streifschar über sie her: doch entzog sie die Dunkelheit und die Schnelligkeit ihrer Rosse den Verfolgern, so daß nur das Gefolge zu Fuß gefangen ward. Nun aber ergriff Schreck die Alemannen: ohne die Stärke der übergegangenen Macht zu rekognoszieren, flohen sie, Familie und Habe in Sicherheit zu bringen, in das Innere.

Sogleich erfolgte der Brückenschlag und Vormarsch des Heeres, welches Hortars Gebiet mit größter Schonung durchzog, jenseits dessen im feindlichen aber der bekannten Verheerung durch Plünderung und Brand freien Lauf ließ.

Bis in die Capellatium oder Palas genannte Gegend (unstreitig der alte römische Limes), wo die Grenzsteine der Alemannen und die der Burgunder von Mittelfranken her zusammenstießen, wahrscheinlich zwischen Kocher und Jaxt im heutigen Württembergischen, also gegen fünfzehn Meilen weit vom Rheine, drang der Cäsar vor und schlug daselbst Lager.

Dort empfing er die Könige und Brüder Makrian und Hariobaud (gleiches Namens wie der erwähnte Offizier), deren Gebiet sich von jenem Grenzpunkt im Osten des Odenwaldes nach Norden zu bis an den Mittelmain erstreckte, daher die niederen Teile des heutigen württembergischen Jaxt- und Neckarkreises, so wie den badischen Unter-Rheinkreis umfaßt haben muß. (S. Zeuß, S. 310 und 311.) Ihnen folgte Vadomar aus dem Südwesten des Alemannen-Landes (dem jetzigen badischen Oberrheinkreise), der als föderiert und von Constantius empfohlen freundlichst aufgenommen ward. Letzterer suchte für die Nachbarfürsten Ur, Ursicin und Vestralp um Frieden nach, die hiernach im mittlern Baden und Württemberg bis zum Linzgau und Vadomars Bezirk hinauf gesessen haben müssen. Die Vermittlung aber ward zurückgewiesen und nur jenen Fürsten unmittelbar, da sich Angriff und Verheerung nunmehr auch gegen ihr Gebiet wandte, ebenso wie dem Makrian und Hariobaud, der erbetene Friede gewährt, nach dem sie alle Gefangene herauszugeben hatten.

Die weitern Bedingungen, welche wohl für die Hinterliegenden milder waren als für die an den Rhein grenzenden, kennen wir nicht. (Ammian XVIII, 2.)

Den Winter 359/60 verbrachte Julian ruhig in Paris, als ihn ein gefährlicher Einfall der Picten und Scoten in Britannien aufschreckte. Doch fand er rätlicher, Gallien nicht selbst zu verlassen, und nur Lupicin mit einem kleinen Corps leichter Truppen, den tapferen Herulern und Batavern, sowie zwei mösischen KohortenIn der Not. dign. occ. wird nur eine legio palatina Moesiaci seniores in Italien aufgeführt, p. 23 und 33, wogegen in der des Orients p. 102 zwei Auxiliarcohorten Moesiaci primi und secundi vorkommen. Da Ammian an gedachter Stelle ausdrücklich von leichten Truppen spricht (velitali auxilio), so müssen letztere damals in Gallien gestanden haben. dahin abzuordnen.

Bald darauf trat der oben geschilderte plötzliche Glückswechsel: Julians Erhebung zum Augustus, ein. Lange harrte er vergebens in Paris auf des Constantius Erwiderung, die erst im Spätsommer 360 angelangt sein kann. Die Entscheidung war hiernach dem Schwert anheim gestellt. Sei es nun, daß der Plan des jungen Kaisers damals überhaupt noch nicht feststand oder die Jahreszeit für dessen Ausführung bereits zu vorgerückt war –: es war nicht das neue Recht, sondern die alte Pflicht, welcher er zunächst sich zuwandte. Diejenigen Franken, welche man Attuarier nannte (Francorum, quos Attuarios vocant), hatten im Grenzgebiete geplündert. Darum fiel er, bei Xanten (Tricesimae, sonst castra vetera) über den Rhein gehend, in deren noch von keinem römischen Fürsten, wie Ammian sagt, betretenes LandDie damaligen Sitze sind mit Sicherheit nicht zu ermitteln. Nach Ammians Worten: quod strupuosa viarum difficultate arcente haben wir den der Attuarier südlich der Lippe in den Gebirgen der Ruhr, also westlich der Brukterer im vormaligen Gebiete der Usipier und Tenchterer, zu suchen. ein und brachte sie nach leichtem Siege, bei dem Viele niedergehauen oder zu Gefangenen gemacht wurden, zu einem Frieden, dessen Bedingungen er vorschrieb.

Hierauf zog er, sämtliche Grenzplätze untersuchend, wo nötig, herstellend und verstärkend, den ganzen Rhein hinauf bis Basel, von wo er über Besancon nach Vienne in sein letztes gallisches Winterquartier abging. (Ammian XX, 10.)

Vollständig war nun die Grenzwehr wiederhergestellt: alles feindliche Volk in der Nähe jenseits derselben in sechs Feldzügen mittelst vier Rheinübergängen bezwungen, befriedet und großenteils tributpflichtig gemacht.

Gallien, von dem bei Julians Antritt ein Raum von mindestens vierhundert Quadratmeilen völlig verloren, fast ein Dritteil verwüstet war, sah sich nicht allein durchaus gerettet, sondern auch für die Zukunft geschützt. (? D.) Zwanzigtausend Gefangene, wie Julian (ad Athen, p. 514) selbst angibt, wurden durch ihn befreit, ihren Familien und Gemeinden zurückgegeben. Glänzende Siege über Germanen hatten auch Probus, Julians Ahnen und sein Oheim Constantin in Gallien erfochten: so gründlich, planmäßig und vollständig aber hat des westlichen Reiches Erhaltung und der Germanen Demütigung vor und nach ihm kein Herrscher vollbracht.

Von der militärischen Wirksamkeit des Cäsars in Gallien gehen wir nun auf dessen bürgerliche über, von welcher, außer den nicht unbefangenen Lobrednern, Mamertin und Libanius, Ammian (XVI, 5, XVII, 3 und XVIII, 1) handelt.

Diese läßt sich mit den drei Worten schildern: höchste Arbeitsamkeit, Gerechtigkeit und Milde –: letztere beide aber nicht weichlichen Gemüts, sondern klar bewußten Pflichtgefühls.

Von den zwölf Stunden der Nacht (nach römischer Rechnung von sechs Uhr Abends bis sechs Uhr früh) widmete Julian vier dem Schlafe, vier den Geschäften, denen überdies fast der ganze Tag gehörte, und vier der Philosophie nebst andern Studien.

Furchtbar, wie der äußere, mag der innere Zustand Galliens im Jahre 355 gewesen sein. Wo seit dem Jahre 340 erst Constans, dann Magnentius, endlich die von des Constantius Camarilla erwählten Organe walteten, – wie arg mögen da Willkür und Druck gewesen sein. Sollen doch einzelne Städte selbst (– damals schon wie anderthalb Jahrhunderte später! – D.) die Barbarenherrschaft der römischen vorgezogen haben. Wahrlich, da tat ein reiner Wille und eine starke Hand Not: und diese wurden dem unglücklichen Lande heilbringend zu Teil.

Mit größter Sorgfalt und unbeugsamer Festigkeit überwachte und betrieb Julian die Rechtspflege, wichtigere Sachen selbst entscheidend. Als ein übereifriger Ankläger, dem es an Beweisen fehlte, ausrief: »Wann, edler Cäsar, wird es einen Schuldigen geben, wenn es genügt, zu leugnen?« erwiderte dieser: »Wann einen Unschuldigen, wenn die bloße Anklage ausreicht?« (XVIII, 5.)

Auch in Rechtssachen übte er billige Milde; den überwiesenen Entführer einer Jungfrau strafte er, statt nach Constantins Blutgesetz mit dem Tode, nur mit Landesverweisung, den sich darüber beschwerenden Eltern antwortend: »Das strenge Recht mag die Nachsicht verdammen, des Herrschers Milde aber soll über allem Gesetz stehen.«

Am segensreichsten waltete er im Steuerwesen, worüber er heftig mit Florentius, dem Praefectus Praetorio, ja selbst mit Constantius zusammenstieß. Ersterer wollte im Winter 358/9 den unstreitig wegen häufiger Uneintreibbarkeit entstandenen Fehlbetrag der Grundsteuer durch eine Erhöhung des Ausschreibens aufbringen. Dem aber widersetzte sich Julian mit größter Entschiedenheit: er wolle lieber das Leben verlieren als dies zugeben. Nicht aber durch weitern gereizten Widerspruch, sondern durch freundliches Zureden und sachkundigen Nachweis brachte er Florentius dahin, daß er endlich nicht allein nachgab, sondern Julian selbst die Steuereinziehung im zweiten Belgien ganz überließ (XVII, 3).

Allgemeine Steuernachlässe hingegen, die gewöhnlich nur den begünstigten Reichen zugute kamen, verwarf der Cäsar gänzlich. (XVI, 6, S. 89.)

So brachte der wohlwollende Mann es dahin, daß, nach Ammian a. a. O., die Abgabe für das Simplum, die bei seinem Antritte fünfundzwanzig Goldstücke (gegen dreihundert Mark) betrug, bei seinem Abgange auf sieben (kaum neunzig Mark) vermindert war, welches Zahlenverhältnis uns aber doch etwas unwahrscheinlich dünkt, so daß hier Irrtum oder Verfälschung des Textes zu vermuten sein dürfte.

Segen, Liebe und Dank war seine Ernte; die Abgaben wurden nun vor der Verfallzeit bezahlt (XVII, 3 a. Schl.), ja die Gallier brachten ihm freiwillige Geldspenden, zu deren Annahme sie ihn fast zwangen (Misopogon, p. 94).

Des Cäsars Verhältnis zu Constantius und dessen Organen ward bereits erwähnt: doch mag am Hofe der Einfluß der Kaiserin zu Julians Gunsten dem der Camarilla einigermaßen die Waage gehalten haben; im Winter 356/7 ward ihm (nach dem Schreiben ad Athen, p. 511) eine höhere Gewalt über die Heere eingeräumt, was Ammian unerwähnt läßt. Auch Marcells Abberufung und des Kaisers Schreiben wegen der Transporte aus Britannien sprechen dafür.

Fortwährend aber mußte Julian selbst über das Kleinste an den Hof berichten: fortwährend sah er sich von verleumderischen Spähern, wohin namentlich der verruchte Gaudentius gehörte (Ammian XV, 3 und XVIII, 9), umgeben.

Doch ward ihm, anscheinend wider Absicht und Willen des Kaisers (ad Athen, p. 517), in Sallust ein edler und trefflicher Mann als Ratgeber beigeordnet, mit dem er, nach der an letztern gerichteten Rede (IV, p. 243), das innigste Freundschaftsbündnis schloß, weshalb derselbe aber von Constantius wieder abberufen wurde. Dies kann jedoch nur zeitweilig geschehen sein, weil er bei Julians Abzug aus Gallien von diesem als Praefectus Praetorio dieses Reichsteils zurückgelassen wurde.

Üppig blühte die Schmähsucht am Hofe: die erklärliche Eifersucht des schwachen Kaisers auf den Ruhmesglanz des Cäsars schürend und nährend mag sie es dahin gebracht haben, daß des letztern Verspottung zum guten Tone gehörte: Bocksbart, geschwätziger Maulwurf, bepurpurter Affe, griechisches Litterätchen nannte man den Helden. (Amm. XVII, 11.)

Auch wurden in den amtlichen Rundschreiben an die Provinzen Julians Siege, ohne dessen mit einem Worte zu gedenken, dem Constantius allein zugeschrieben, was indes, bis zu gewissem Grade wenigstens, wohl dem Kanzleistile der Imperatoren, unter deren Auspicien ja alle Heerführer befehligten, zuzuschreiben sein dürfte. (Amm. XVI, 12 a. Schl.)

Im Winter 360/1 verschied zu Vienne, wahrscheinlich im Wochenbett, Helena, Julians Gemahlin. Sie hatte ihm zu Beginn der Ehe ein Kind männlichen Geschlechts geboren, das durch böswillige Verschuldung der bestochenen Hebamme umgekommen sein soll, späterhin nur Fehlgeburten gehabt.

Die römische Verleumdungssucht schrieb dies der Kaiserin Eusebia zu, welche, selbst unfruchtbar, ihr aus Neid solche Mittel habe beibringen lassen.Quaesitumque venenum per fraudem bibere illexit, ut quotiescunque concepisset, immaturum abjiceret partum. Dies wird von Ammian (XVI, 10) gegen Ende ohne kritische Bemerkung erzählt. Wenn nun Julian noch in dem nach Eusebias Tod erlassenen Schreiben an die Athener derselben mehrfach mit Liebe und Dankbarkeit gedenkt, so hat er obiges Gerücht nicht gekannt oder nicht geglaubt.

Das eheliche Verhältnis des Cäsars muß, wenn auch vielleicht, dessen Charakter nach, kein vorwiegend zärtliches, doch gewiß ein vollkommen treues und normales gewesen sein (s. ad Athen, p. 521).

Julians Erhebung zum Augustus, sein wunderbarer, mit einem Schlage das ganze europäische Reich bis zu Thrakiens Grenze gewinnender Feldzug des Jahres 361, des Constantius Tod und die legitime Thronfolge des nunmehrigen Alleinherrschers wurden bereits berichtet. Wir wenden uns nunmehr zu Julianus, dem Kaiser, über den wir in diesem Kapitel kürzer sein können, weil germanische Verhältnisse in dieser Zeit nicht weiter vorkommen.Ammian, der für den Cäsar fast nur Lob und Bewunderung hat, spricht häufig tadelnd über den Kaiser. Wir begrüßen darin freudig dessen Unbefangenheit, können demselben aber, soweit ein Urteil darüber statthaft ist, nicht allenthalben Recht geben.

Im Gefühle allgemeiner freudiger Anerkennung durch Heer und Volk eilte derselbe sofort von Naissus nach Konstantinopel; seine Reise war ein Triumphzug: vor allem das Eintreffen in der Hauptstadt (am 11. Dezember 361), deren Bevölkerung ihm großenteils schon bis zu dem dreizehn Meilen entfernter Perinth entgegengeströmt war. Banale Ehrenbezeugung huldigte jedem Gewalthaber: diesem aber waren Ruhm und Liebe vorausgezogen.

Die erste Pflicht zollte er der feierlichen Bestattung seines Vetters und Vorgängers, dessen entseelte Hülle Jovianus, der spätere Kaiser, nach Konstantinopel geleitete; zu Fuß, im Privatkleide und weinend soll Julian dem Zuge zur Gruft gefolgt sein.Ammian XXI, 16 a. Schl, und Mamertin 427: über die Details hauptsächlich Greg. v. Nazianz und Litanius. Gibbon Kap. XXII, Not. 44 und Tillemont, S. 385.

Sein nächstes Geschäft war Bestrafung der zahllosen Untaten der Camarilla und ihrer Werkzeuge. In dem Brief an Hermogenes (epist. 23) nennt er diese eine vielköpfige Hydra, welche ihren an sich nicht milden Herrn zum allerschlimmsten gemacht habe. »Doch will ich auch diese, fährt er fort, nichts Ungerechtes erdulden lassen: weil aber viele Ankläger gegen sie aufgetreten sind, habe ich einen Gerichtshof für sie bestellt.«

Dieser ward zu Chalkedon unter dem Vorsitze des neuernannten Präfekten des Orient, Secundus Sallustius (mit dem erwähnten Präfekten Galliens nicht zu verwechseln), aus den Konsuln für das Jahr 362, Mamertin und Nevitta, sowie aus den drei anwesenden Magistri militum Arbetio, Agilo und Jovinus zusammengesetzt, neben welchen die Befehlshaber der Jovianer und Herculianer als Beisitzer (praesentitus) fungieren sollten.

Wider Eusebius den Oberkammerherrn ward einfache Lebensstrafe, wider Apodemius und Paulus, die Verruchten, der Flammentod erkannt. Dies billigt Ammian, während er die übrigen Strafurteile, namentlich das wider den Finanzminister Ursulus, der Julian als Cäsar persönliches Wohlwollen bewiesen, vor allem aber die Zuordnung Arbetios, Julians erklärten Feindes, zu jenem Gerichte (die man gerade umgekehrt als Beweis von Unparteilichkeit betrachten könnte) mehr oder minder hart tadelt. Was aber hat, fragen wir, das subjektive Verhältnis eines der fünf Richter und eines der Angeklagten zum Kaiser mit der objektiven Gerechtigkeit des Spruches zu schaffen? Scheint nicht Ammian vorauszusetzen, daß das Urteil unter der Hand doch nur vom letzteren diktiert worden sei? (Ammian XXII, 3.)

Es ist müßig, über Unerforschliches mehr zu sagen; gewiß nur, daß Julian seine Freiheit von persönlichem Verfolgungsgeiste dadurch bewährte, daß er bald darauf das spätere Anerbieten einiger, ihm das Versteck des zum Tode verurteilten Florentius, jenes frühern ihm so feindseligen Präfekten Galliens, zu verraten, mit Unwillen zurückwies. (Amm. XXII, 7, S. 294.)

Darauf wandte er sich gegen das gesamte Hofgesinde, das sein Biograph der großen Mehrzahl nach eine Lasterbande nennt, die fast mehr noch durch ihr sittenverderbendes Beispiel, als durch unmittelbaren Raub und andere Frevel geschadet habe.

Indem Julian dies Alles aber auf einmal fortgeschickt, habe er nicht, wie derselbe hinzufügt, als ein nach Wahrheit forschender Philosoph gehandelt, da er sonst die wenigen Rechtlichen darunter verschont haben würde.

Gewiß hat auch bei so übertriebener Strenge, neben Rechtsgefühl und weiser Sparsamkeit, die Eitelkeit des Philosophen mitgewirkt, der seine Verachtung alles dessen bekunden wollte, was man zum Glanze eines Hofes rechnet (Amm. XXII, 4).Als Julian zum Haarabschneiden einen Barbier fordert, erscheint ein vornehm gekleideter Herr. »Nicht einen Finanzdirektor, sondern einen Barbier habe ich bestellt«, sagt der Kaiser, fragt aber doch nach dessen Dienstgehalt und erfährt, daß er, neben einer hohen Besoldung und andern Emolumenten, täglich überdies zwanzig Portionen und ebenso viel Rationen beziehe. Indes mag die Einziehung eines so verschwenderischen Hofhalts die von Julian (nach Misopogon, p. 102) bewilligte Steuerverminderung um 1/5 wesentlich erleichtert haben.

In Konstantinopel zuerst sprach Julian sein bisher verheimlichtes persönliches Bekenntnis des Heidentums offen aus, scheint aber zugleich mit der förmlichen Wiederherstellung des alten Kultus allgemeine Religionsfreiheit, namentlich auch für sämtliche unter Constantius zum Teil verpönte und verfolgte christliche Glaubensparteien, verkündet zu haben. Er habe die Spaltungen befördert, meint Ammian XXII, 5 »weil er die Eintracht der Christen gefürchtet habe« (was sehr rhetorisch klingt D.).

Zugleich rief er sämtliche von Constantius verbannte Bischöfe, sowohl die rechtgläubigen als die ketzerischen, zurück und ließ ihnen sogar ihre konfiszierten Güter wieder geben. Dies dürfte, wie Sokrates (II, 1, p. 168) sagt, gewiß in der Absicht geschehen sein, durch diesen Beweis der Milde, des Constantius Härte gegenüber, Gunst und Dankbarkeit der zahlreichen Glaubensgenossen der Exilierten sich zu erwerben. Will daher der Glaubenshaß alter und neuer Zeit auch hierin nur einen planvollen Ausfluß von Julians Christenfeindschaft erblicken, so ist dem zu entgegnen, daß das religiöse Zerwürfnis der Christen unter sich, dessen Förderung er dabei im Auge gehabt haben soll, wohl mehr durch des Constantius Gewaltstreich als durch diese versöhnende Maßregel genährt worden sein dürfte.

Auch berief der Kaiser dissentierende Bischöfe mit ihren Anhängern zu sich in den Palast, um sie mit eindringlichen Worten, z. B.: »hört mich, den sogar Alemannen und Franken angehört haben«, zu unbehinderter Religionsübung in gegenseitigem Friedenhalten zu ermahnen.In der angeführten Stelle ist die von Gronov (p. 327) empfohlene Lesart: »ut civilius discordiis consepitis quisque nullo vetante religioni suae serviret intrepidus« offenbar richtiger, als die vulgäre: civilibus discordiis. (Amm. XXII, 6.)

Die Konsuln des Jahres 362, Mamertin, der bei seinem Antritte jene Lobrede hielt, und Nevitta, ein durch Verdienst bis zum Heermeister aufgestiegener Barbar (Amm. XXI, 10 a. Schl.), unstreitig Germane, ehrte der Kaiser dadurch, daß er deren Wagen bei der feierlichen Auffahrt in den Senat zu Fuß folgte, was (wie Amm XXII, 6 zu Anfang sagt) einige lobten, andre als affektiert und unwürdig tadelten. Ja, als er die an diesem Tage gewöhnliche Freilassung einiger Sklaven selbst aussprach, dadurch aber in die Rechte der Konsuln eingriff, bestrafte er, hierauf merksam gemacht, sich sofort selbst um zehn Pfund Goldes.

Sogleich begann nun auch das Zuströmen der Philosophen, für welche Julian, wie zu erwarten war, eine an Schwachheit grenzende Vorliebe bewies. Als ihm während einer Ratssitzung des Maximus Ankunft aus Asien gemeldet ward, eilte er ihm bis weit über das Vorzimmer entgegen und führte ihn nach ehrender Umarmung herein. Dieser und Crispus wurden nebst Eitanius seine vertrautesten Genossen, ein Verhältnis, was dieselben freilich höchst unphilosophisch für Eitelkeit, Wohlleben und andre profane Zwecke ausgebeutet haben mögen. Waren diese indes unstreitig mindestens geistig hochbegabte Männer, so mag der weitere Schwarm von Philosophen, Zeichendeutern, Magiern und andern dieses Schlages, die sich selbstverständlich an den Kaiser herandrängten (Eunapius in Maxim., p. 81 der auch von Tillemont zitierten Ausgabe von 1616 und Julian or. VII, p. 417 u. 418), ihm nicht selten lästig, jedenfalls dessen würdigen Ratgebern und Freunden wie dem Volke überhaupt unheimlich erschienen sein.

Ehrenwert jedoch, daß auch unter dieser Klasse mindestens ein wahrhaft weiser sich fand, nämlich Chrysanthius, der die wiederholte dringendste Einladung an den Hof ablehnte und, zum Oberpontifex für Lydien ernannt, dies Amt mit größter Milde verwaltete, im heidnischen Kultus fast keine Neuerung eintreten ließ und die Christen mit Schonung behandelte. (Eunapius in Chrys., S. 148 u. 149.)

Glücklich verliefen die ersten sechs Monate von Julians Regierung zu Konstantinopel unter treuer, tätiger Sorge für Bürgerliches und Militärisches, namentlich für die festen Plätze Thrakiens und die Grenzwehr längs der Donau. Bei voller Ruhe im Innern wie nach Außen erfreute ihn freiwillige Huldigung fremder Völker, zu denen der Ruf seiner Herrscher- und Heldentugend gedrungen war, durch ehrende Gesandtschaften. Dem Rate, die stets unzuverlässigen Goten anzugreifen, erwiderte der Kaiser: »er suche bessere Feinde; für jene genügten die galatischen Händler, die deren überall ohne Unterschied des Standes feilböten,« was auf innere Zwistigkeiten und Kriege der Goten(Auch auf die (von Jordanis freilich meist mit glücklichem Ausgang gekrönten) Kriege mit ihren Nachbarn. D.), in deren Folge die Überwundenen verkauft wurden, schließen läßt. (Amm. XXII, 7.)

In der zweiten Hälfte des Monats Mai verließ Julian seine Haupt- und Geburtsstadt, nachdem er viel für sie getan, um sich nach Antiochien zu begeben, wobei er mit tiefem Kummer das im Jahre 358 durch ein Erdbeben zerstörte Nikomedien berührte, wo er so viele Jahre seiner Jugend verbracht hatte.

Unendliche Streitigkeiten und Beschwerden mit Gerechtigkeit zu schlichten war sein Geschäft auf dieser Reise. Als ein zudringlicher Ankläger seinen Feind, einen reichen Mitbürger, des Hochverrats beschuldigte, wollte der Kaiser dies zunächst gar nicht hören, fragte aber doch endlich nach den Beweisen und als jener anführte: der Beklagte habe sich einen Purpurmantel angeschafft (was unter Constantius allerdings todeswürdig gewesen wäre), ließ er dem Kläger ein Paar Purpurschuhe geben, um sie seinem Feinde zu Vervollständigung von dessen Garderobe zu überreichen.

Als in Antiochien später die Gegner des Thalassius, den Julian als hinterlistigen Verfolger seines Bruders Gallus haßte, dies Verhältnis in ihren Streithändeln wider diesen ausbeuten wollten, erwiderte er denselben: »Allerdings hat der Genannte sich schwer gegen mich vergangen: gerade deshalb aber ziemt es euch, so lange zu schweigen, bis er mir, seinem Hauptfeinde, Genüge getan.«

Bald nachher begnadigte er denselben, worauf erst die Prozesse der andern wider ihn fortgingen.

Dem Gouvernementsrate (praesidialis) Theodot aus Hierapolis, der Constantius gebeten hatte, seiner Stadt das Haupt des Rebellen Julian zu überschicken, erklärte er: »Wohl habe ich von vielen deine Rede wider mich vernommen: du hast aber die Milde eines Herrschers nicht zu fürchten, der die Zahl seiner Feinde zu vermindern, die seiner Freunde zu vermehren strebt.« (Amm. XXII, 9 u. Kap. 14.)

Den Advokaten, die ihn unmäßig lobten, sagte er: »Ich freue mich des Lobes nur von denen, die mich auch tadeln dürfen, wenn ich fehle«, was er seinen Freunden und Ratgebern gern gestattete. Bei Verhandlung von Streitsachen pflegte er, was Ammian ungeeignet nennt, wohl nach der Religion der Parteien zu fragen: doch sei, wie derselbe Schriftsteller hinzufügt, kein Beispiel bekannt, daß er aus diesem oder irgendwelchem Grunde je vom Wege des Rechts abgewichen sei. (Amm. I. c. 10.)

In Antiochien scheint Julian Ende Juli 362 angekommen zu sein, da sich im C. J. (III, 3, 5) ein bereits am 27. Juli d. J. von da erlassenes Reskript findet.

Diese Stadt war das antike Paris des Orients: fast durchaus von Christen bewohnt: aber von solchen, »die da, wie die Schrift sagt, haben den Schein des gottseligen Wesens, aber seine Kraft verleugnen sie«, und »sich weder der ungeistlichen, altvettelischen Fabeln und des losen Geschwätzes entschlagen«, noch »die vergänglichen Lüste der Welt fliehen«.

Trüber Vorbedeutung war seine Ankunft am Tage des Todesfestes des Adonis, jenes Geliebten der Venus, das, wiewohl nun zugleich als Erntefest geltend, immer noch nach altem Brauche mit Klagetönen und Schmerzrufen begangen wurde.

In Antiochien setzte der Kaiser sein der Verwaltung und Rechtspflege gewidmetes Leben fort. Mit Todesstrafe wurden belegt der schon oben erwähnte Gaudentius und der Exvicar Julianus, der in Afrika für Constantius mit übertriebenem Eifer (nimius fautor) gewirkt hatte, Artemius, der mit Verbrechen beladene Militärbefehlshaber in Ägypten, und Marcellus, der Sohn des frühern Magister militum, weil er Empörung versucht hatte (ut injectans imperio manus), nachdem sie alle vorher gefesselt an das Hoflager gebracht worden waren.

Mit der Nachricht von des Artemius Tode brach sogleich die Volkswut der Alexandriner wider den nunmehr seiner Stütze beraubten arianischen Bischof Georgius aus, der, wie Ammian (XXII, 11) sagt, »uneingedenk seines Gerechtigkeit und Milde heischenden Berufs« durch Angeberei und Gewalttat (nach den orthodoxen Kirchenvätern auch durch Eigennutz und Wucher) glühenden Haß sich zugezogen hatte. Er ward nebst zwei Genossen auf die furchtbarste Weise zerfleischt, zuletzt seine Asche in das Meer geworfen. Wohl hätten ihn die Christen schützen können, wenn nicht alle von gleicher Gesinnung gegen ihn entbrannt gewesen wären.Gewiß waren es nicht allein beiden, sondern auch orthodoxe Christen, welche derselbe so grausam bedrückt und verfolgt hatte, die sich an jener Gewalttat beteiligten. Julian soll über diese Gewalttat erst sehr erzürnt gewesen sein, hat sich aber doch schließlich, nach dem noch vorhandenen Erlaß (ep. 10), auf nachdrückliche Rüge so eigenmächtiger Selbsthilfe beschränkt. (Amm. XXII, 11.)

Im Triumphe des Jubelrausches ward nun Athanasius in Alexandrien aufgenommen, wohin er, mit gewohntem Eifer waltend, bald eine Kirchenversammlung berief. Solchen Mann aber aufkommen zu lassen, war der Kaiser doch nicht gemeint, befahl ihm daher (ep. 26) die Stadt sogleich wieder zu verlassen, wies die dringende Verwendung der Alexandriner zurück (ep. 51) und bedrohte zuletzt (ep. 6) den Präfekten Ägyptens mit harter Strafe, wenn dieser Götterfeind nicht vor dem 1. Dezember 362 aus dem Lande entfernt sei, was er aber, da derselbe sich wieder in sein gewohntes Versteck zurückzog, doch nicht durchsetzen konnte.

Am 21. November dieses Jahres ging der berühmte, von Julian prächtig restaurierte Apollotempel in Daphne bei Antiochien in Flammen auf, was den Verdacht böslicher Brandstiftung wider die Christen erregte, in dessen Folge der Kaiser strenger als gewöhnlich mit peinlicher Untersuchung verfahren ließ, die christliche Hauptkirche in Antiochien schließend. (Amm. XXII, 13.)

Die berechnetste, von genauer Kenntnis der Geschichte und Lehren des Christentums zeugende Maßregel aber war der zu Anfang des Jahres 363 erlassene Befehl, den jüdischen Tempel zu Jerusalem wiederherzustellen. Groß war die dazu bestimmte Summe, groß nicht minder der Eifer der zu Förderung dieses Glaubenstriumphs herbeiströmenden Juden: aber Feuerflammen, die bei dem Grundgraben häufig hervorbrachenMetuendi globi flammarum prope fundamenta crebris assultibus erumpentes, fecere locum exustis aliquoties operantibus inaccessum: hocque modo elemento destinatius repellente, cessavit inceptum., hinderten die Ausführung, zumal Krieg und Tod des Kaisers fernere Fürsorge hemmten.

An dieser von den Kirchenvätern vielfach ausgeschmückt berichteten Tatsache ist nach Ammians Zeugnis XXVIII, 1 nicht zu zweifeln.

Gerade vor und nach dieser Zeit brachen an andern, wiewohl zum Teil entfernteren Orten Erdbeben aus.Zu Nikomedien, anderweit und zu Nikäa den 2. Dezember 362, zu Konstantinopel Ende Januar oder im Februar. (Amm. XXII, 13 u. XXIII, 1.) Überdies spricht Libanius or. 12, p. 314 von vielen dergleichen auch in Palästina während Julians Regierung. (Tillemont, S. 976.)

Wundersucht und Glaubenseifer jener Zeit haben obige Tatsache, welche Ammian nicht als Augen-, nur als Ohrenzeuge berichtet, unzweifelhaft in ihrem Geist aufgefaßt und dargestellt, woraus jedoch ein Zweifel an ihrer Existenz gewiß nicht abzuleiten ist.

Minder glücklich als der zu Konstantinopel war Julians Aufenthalt in Antiochien. Erderschütterungen, ungewöhnliche Dürre, daher Teuerung, Hungersnot und Krankheiten, endlich fast allgemeines Mißfallen seiner Person trübten denselben. Er widmete dem Mangel des Volkes die eifrigste Teilnahme, gleichwohl blieb diese eine verfehlte, daher um so mehr verkannte. Große aus der Fremde hinzugeführte und sogar billiger abgelassene Vorräte wurden von den Reichen aufgekauft; und als er zuletzt, in Diokletians Fehler verfallend, gegen den Rat der Stadtobrigkeit, mit der er sich deshalb überwarf, zu Maßregeln der Strenge und Taxen vorschritt, ward der Verkehr vollends gelähmt und das Übel noch größer.

Nicht dies allein aber, auch seine Christenfeindlichkeit, sein ganzes Wesen entfremdete ihm die Gemüter der Stadtbewohner. »Die Antiochener (sagt mit Beziehung auf Chrysostomus Fr. L. Graf z. Stolb. G. d. R. Jesu XI, Kap. CI, S. 397) jagten jedem Vergnügen nach, waren müßig, schaulustig, dem Wohlleben, der Pracht ergeben, leichtsinnig, geschwätzig, wollüstig und weichlich.« Unter diese trat nur ein strenger jugendlicher Philosoph, halb Stoiker, halb Kyniker, mit unschönem, auffallend(Absichtlich: aus theatralischer Eitelkeit, die den Philosophen auch in der Erscheinung darstellen wollte. D.) vernachlässigtem Äußeren, der, nur der Pflichterfüllung lebend, gerade alles das haßte und verwarf, was das Lebensinteresse jener bildete.

Ohne Sinn für dessen große Tugenden, desto mehr aber für dessen Äußerlichkeit und Schwächen, ergossen sie Spott und Satire »über den kleinen Bocksbärtigen, der mit so großen Schritten einher gehe«. Dies achtete der Kaiser nicht: der Mensch und Schriftsteller aber rächte sich durch die uns noch erhaltene Broschüre: der »Barthasser« (»Misopogon«), in welcher er mit Geist und witzvoller Ironie das unwürdige und ungerechte Benehmen der Antiochener geißelt (Amm. XXII, 14.)

Ernster und tiefer als alles Übrige aber erfüllte den Herrscher der Krieg gegen Persien.

Noch war vom römischen Gebiete, wie wir annehmen müssen, allerdings nichts als die Festung Bezabde verloren: die Waffenehre aber bedurfte der Sühnung und das unglückliche Mesopotamien des gesicherten, nachhaltigen Schutzes gegen so vernichtende Einfälle, wie es unter Constantius erlitten. Indes hätte der ruhmgekrönte Held, den Sapor von seinem Vorgänger wohl zu unterscheiden gewußt haben würde, füglich erst den Weg der Verhandlung und Drohung versuchen können. Aber er hatte den Siegesrausch einmal gekostet: die Leidenschaft war entbrannt: von Alexanders Vorbild verlockt, Schlachten und Kriegsdrommeten träumend, lüstete ihm nach dem stolzen Ehrennamen des »parthischen« –: kein Zweifel daher, daß nicht nur Abwehr, auch heißer Ruhmdurst dieses so unheilvoll endenden Krieges Grund war.

Noch schlagender würde dies erwiesen sein, wenn derselbe (wie Libanius p. 577 der nachstehend zu erwähnenden Rede, und Sozomenos III, 19 sagen) sogar ein Schreiben oder selbst eine Gesandtschaft von Sapor zurückgewiesen hatte, was jedoch (da beide Quellen nicht genau übereinstimmen, Ammian aber darüber ganz schweigt) zweifelhaft erscheint.

Großartig die Rüstung: obwohl er die von vielen Völkern angebotenen Hilfstruppen mit der Erklärung zurückwies, »daß Rom seinen Freunden und Bundesgenossen wohl Unterstützung zu gewähren, nicht aber dergleichen von ihnen anzunehmen pflege« –: (ein arger Anachronismus! D.).

Nur Arsakes, der König von Armenien, dessen Mitwirkung bei einem Perserkriege von höchster Wichtigkeit war, ward dringend aufgefordert, ein starkes Heer zu stellen und über dessen Verwendung weitere Anweisung zu erwarten. Auch gotische Auxilien d. i. Söldner waren angeworben.

Am 4. März 363 verließ der Kaiser Antiochien, nachdem vorher schon die Truppen auf verschiedenen Punkten über den Euphrat gegangen waren. (Amm. XXIII, 1, 2.)

Der nun folgende höchst denkwürdige persische Krieg zerfällt in zwei Abschnitte: der Siegesmarsch von fünfundsiebzig bis achtzig Meilen von Circesium bis unter die Mauern von Ktesiphon und der aus der weitern kühnen Offensive gegen das Innere Persiens notgedrungen hervorgegangene Rückzug.

Über erstern haben wir die trefflichste Quelle in Ammian, der dem Feldzug selbst beiwohnte.Er sagt häufig: »Wir kamen, sahen«. Z. B. XXIV, 1 u. 2. Diesen hat Zosimus, der zum Teil fast wörtlich damit übereinstimmt, benutzt, zugleich aber auch eine andre, sehr spezielle, unstreitig griechische Quelle, wie aus mannigfachen Zusätzen und der verschiedenen Orthographie der Namen hervorgeht. Wir ersehen aus letzterm, daß das neidische Geschick, welches Ammians Grundtext verstümmelt hat, auch hier nicht ohne allen Einfluß geblieben ist: nicht minder aber auch, daß Zosimus allein, namentlich wegen dessen Abneigung gegen jede Zeitangabe, Ammian auf keine Weise zu ersetzen imstande ist.

Der zweite Abschnitt dieses Krieges dagegen ist in unaufklärbares Dunkel gehüllt: in Ammian mindestens eine erweisliche, lange und ganz wesentliche Lücke: Zosimus, von dem man fast annehmen muß, er habe selbst seinen Vorgänger nicht mehr vollständig vor sich gehabt, durchaus unklar, zumal dessen zahlreiche Ortsangaben, wegen unserer Unkenntnis der alten Geographie Persiens, ohne allen Wert sind. Dieser bedauerlichen Ungewißheit würde nun Libanius (or. parentalis ’Επιτάφιος επὶ ’Ιουλιανου̃), der doch, schon durch seine Freunde Maximus und Priscus, Julians Begleiter, die besten Nachrichten haben mußte, abhelfen können, wenn nicht die völlig unhistorische Manier dieses Rhetors auch ihn, namentlich für die Kriegsoperationen, fast unbrauchbar machte.

Die Details des vordringenden Siegeszuges übergehend bemerken wir nur, daß sich Julian überall als Kaiser, Feldherr, Held und Mensch groß und bewunderungswert bewies.

(In der Schlacht vor Ktesiphon zeichneten sich besonders die gotischen Hilfstruppen aus.

Auf dem Rückzug fand Julian in siegreichem Gefecht, in ungestümer Reiterlust der Verfolgung, den Heldentod. D.)

Wut und Rachedurst ergriff sein Heer: bis in die Nacht hinein dauerte die Blutarbeit. Fünfzig persische Satrapen und Große, unter ihnen die Heerführer Merenes und Nahodares mit zahlreichem Volke, blieben auf dem Platze: aber auch die Römer hatten merklichen Verlust.

Kaum war der edle Verwundete in sein Zelt gebracht, als er in dem etwas nachlassenden Schmerze Waffen und Roß forderte, in den Kampf zurückzukehren, was jedoch Kraftlosigkeit und Blutverlust hinderten. Nach der Schlacht vereinten sich die Ersten des Heeres vor dem Sterbelager. Von ergreifender Erhabenheit sind Julians Abschiedsworte, gewiß auch, obwohl er sonst von Effektberechnung nicht frei war, in diesem Augenblicke aus lauterer Seele hervorgegangen. (Ammian XXV, 3.)

Darauf verteilte er sein Privatvermögen, beklagte eines Freundes Fall, schalt die über seinen Tod Weinenden, disputierte mit Maximus und Priscus über der Seele Bestimmung und hauchte gegen Mitternacht des 26. Juni 363 im zweiunddreißigsten Lebens- und zweiten Regierungsjahre sein edles Leben aus.

Die Charakteristik des großen Mannes, die Ammians 4. Kapitel erfüllt, weiter unten versuchend wenden wir uns hier zu einer kritischen Betrachtung seines letzten, so unglücklich beendigten Feldzuges von Ktesiphon an.

Der gegen den Rat seiner Generale in der Sommerhitze unternommene Offensivmarsch in das Innere Persiens war ein großer militärischer Fehler. In der Tat war kein römischer Feldherr, selbst TrajanNur noch südlich nach dem persischen Busen zu, wohin er die Wasserstraße hatte, drang dieser vor. Wir sind jedoch über dessen Krieg in Persien äußerst unvollständig unterrichtet. nicht, je in östlicher Richtung über Ktesiphon vorgedrungen. Nur Alexander der Große, dessen leuchtendes Vorbild eine dämonische Flamme in Julians Seele entzündete, hatte das ganze Perser-Reich durchzogen. Der Makedone aber kam vor der letzten Entscheidungsschlacht zwischen Arbela und Gaugamela von dem gebirgigen Norden her: sein Heer war, was die Verpflegung sehr erleichterte, wenig über halb so stark als das Julians, vor allem aber das Heer Sapors nicht jenes des Darius Codomanus.

Rom hatte die Perser geschult. Zahlreiche Überläufer, schon von Septimius Severus Zeit an, hatten militärische Technik unter ihnen verbreitet, Sapors fünfundzwanzigjährige Kriege und Siege gegen Constantius seine Feldherren und das Heer ausgebildet, die Römer selbst vor allen ihre Feinde das furchtbare Verteidigungsmittel der Landesverwüstung gelehrt.

Julians Unstern war das übergroße Selbstvertrauen auf seine Genialität. Dadurch hatte er bisher allerdings zahlreiche Schwierigkeiten, selbst die den mutvollsten Führern unüberwindlich scheinenden, wie einen Stromübergang vor Ktesiphon, bewältigt. Unerschöpflich an Hilfsmitteln hielt er sich jeder Fahr und Not gewachsen, gewiß, daß er siegen werde, wenn er nur schlagen könne.

Getäuscht aber hat er sich offenbar über den persischen Volksgeist. Die vollständige Verheerung ganzer Landstriche ist nicht durch bloßen Befehl, nur durch eigne selbsttätige Mitwirkung der Einwohner möglich. Freilich ward diese durch das Rache heischende römische Verwüstungssystem bis Ktesiphon, das selbst allerdings nur eine Vergeltung des persischen in Mesopotamien war, gefördert; gewiß aber hat das Volk bereitwilliger und energischer dazu getan als er voraussetzte.

Mit Unrecht dagegen tadelt Gibbon die Wahl der Jahreszeit, da die unermeßliche Vorbereitung, namentlich Bau und Ausrüstung einer so großen Flotte unmöglich drei Monate früher vollendet sein konnte, die Zeit der reifenden Saaten auch wohl der Verpflegung günstiger war, der römische Soldat endlich Sonnenglut wie Winterkälte zu tragen wußte.

Julians unbezweifelter größter Fehler war aber ein politischer, die Zurückweisung von Sapors Friedensbotschaft. In militärischer Hinsicht hat der Erfolg gegen ihn entschieden: aber doch nur halb. Den schimpflichen Frieden Jovians, auf den wir später kommen, hätte Julian nimmermehr geschlossen.

Seinem Heer erhalten würde er unstreitig, wenn auch mit schwerem Verluste, das römische Gebiet erreicht, dann noch in demselben oder spätestens im folgenden Jahre die fruchtbarsten Gegenden Mediens verwüstet, endlich, von dem Alexanderwahne geheilt, einen ehrenvollen, sühnenden Frieden geschlossen haben.

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