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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 41
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
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Sechzehntes Kapitel
Julianus als Cäsar und KaiserFür Julians Regierung haben wir an neuen Quellen:

a) den Kirchenvater und Bischof Gregor von Nazianz, auch Theologus genannt. Über das Jahr seiner Geburt schwanken die Meinungen. Nach einer Stelle bei Suidas in Verbindung mit dessen von Hieronymus (Chronik) bezeugtem Todesjahre 389, welcher die Bollandisten folgen, wäre diese schon 299 erfolgt, nach Tillemont erst 328 oder 329, nach der wohl begründeten Ansicht der Herausgeber von dessen gesamten Werken (Paris 1842 bei Paul Mellier) 325 oder 326, so daß er unter allen Umständen Julians Zeitgenosse, aber mehr oder minder älter war (Vorrede S. 81, 85 und 121).

Er schrieb nach Julians Tode zwei Reden gegen ihn, die erste unmittelbar nachher, die zweite etwas später (orat. 4 u. 5 d. n. Ausg.).

Der Haß der Kirchenhäupter wider den Abtrünnigen, das vor deren Seele tretende Gespenst der Wiederkehr diokletianischer Verfolgung ist so erklärlich als verzeihlich. Aus diesem bang verhaltenen Gefühle, das nach des Kaisers Hintritt plötzlich explodierte und zwar aus diesem allein, sind, von der Glut südlicher Leidenschaft angefacht, diese Schmähreden hervorgegangen.

Mit Entschiedenheit aber ist ein Schriftsteller als Geschichtsquelle zu verwerfen, der Constantius fortwährend den Großen nennt, der an Glanz und Ruhm alle seine Vorgänger überstrahle, Julian hingegen als ein Ungeheuer, schlimmer als Zerstörungsfluten, Feuersbrünste und Erdbeben, und als eine Pest bezeichnet, auch mit Schlangen und Drachen vergleicht. Hebt er es doch als eine besondere Wohltat des Constantius hervor, daß er Julian, das unschuldige Kind, im Jahre 337 nicht ebenfalls habe umbringen lassen. Macht er es nicht auch Julian zum Vorwurfe, daß er die Christen nicht durch offene Gewalt, sondern durch Überredung und andere Künste von ihrem Glauben habe abbringen wollen (or. 4, § 3, 20, 21 und 95, sowie 5, § 24)?

b) Des Mamertinus Danksagung für das ihm von Julian für das Jahr 362 übertragene Konsulat. Wäre Ammians Geschichte in so trefflichem Latein geschrieben, wie diese Lobrede, und besäße letztere nur einen kleinen Teil der Inhaltsfülle des ersteren – welch ein Gewinn für den Forscher! So aber enthält sie nichts als Phrasengeklingel, keinerlei Tatsachen, wenigstens keine irgendwie bestimmte und historisch brauchbare, steht daher an Quellenwert noch weit hinter Libanius zurück.

(Dagegen bietet für die germanischen Kriege dieser Zeit Huschbergs Geschichte der Alemannen und Franken, Würzburg 1840, ein gutes literarisches Hilfsmittel. Alle Quellen sind darin mit Sorgfalt benutzt, und treu, zum Teil wörtlich, in schöner Sprache wiedergegeben. Abgesehen von einzelnen Irrtümern fehlt es demselben jedoch an Kritik, namentlich an pragmatischer Auffassung. Über die Entstehung der Alemannen und Franken, die doch recht eigentlich hierher gehörte, findet sich darin kein Wort. Des Kaspar Zeuß klassisches Werk vom Jahre 1837 scheint der Verfasser, dessen Vorrede vom 28. April 1838 datiert ist, noch nicht gekannt zu haben. Zu rügen ist ferner, daß er die Nachrichten anderer Quellen, ohne Prüfung ihres Werts, mit denen Ammians verbindet und dadurch seiner Darstellung das Gepräge gleichartiger Glaubhaftigkeit in allem einzelnen beilegt, was sie doch, weil teilweise auf unzuverlässige Quellen gegründet, gar nicht hat.)

Julian ward in der zweiten Hälfte des Jahres 331 geboren, verlor seine Mutter bald nach seiner Geburt und muß zur Zeit der Ermordung seines Vaters und ganzen Hauses schon im siebenten Jahre gewesen sein. Die Leitung seiner Erziehung ward von Constantius zunächst dem Erzbischof Eusebius von Nikomedien, einem entfernten mütterlichen Verwandten, jenem bekannten Haupte der Arianer, übertragen, der im Jahre 342 starb. Nach dem siebenten Jahre ward das Kind dem Mardonius, einem in seines mütterlichen Großvaters Haus erzogenen Eunuchen und Instruktor seiner Mutter übergeben, der nach Julians Schilderung desselben im Misopogon ein weiser und trefflicher Mann gewesen sein muß. Dieser scheint ihn in die öffentlichen Schulen Nikomediens geführt zu haben. Im Jahre 345, als sich der Knabe dem Jünglingsalter näherte, ward er nebst seinem Bruder Gallus unstreitig aus politischer Rücksicht nach Macellum in Kappadokien, einem Lustschloß der alten Könige dieses Landes, unweit der Hauptstadt Cäsarea, gebracht, woselbst er unter strengster Absperrung von der Außenwelt beinah als Gefangener bis zum Jahre 351 blieb. Seines Bruders Erhebung zum Cäsar brachte ihm Erlösung.

Er durfte unter Mardonius Führung die Universität zu Konstantinopel besuchen. Strenge Instruktionen, namentlich gegen das Hören heidnischer Lehrer, regelten jedoch Studien und Leben. Seine Persönlichkeit imponierte und fesselte, der Ruf seltener Begabung lenkte die allgemeine Merksamkeit auf den jungen Mann und die daran sich knüpfende Hoffnung verbreitete sich immer weiter. Das bestimmte Constantius, ihn von der Hauptstadt weg nach Nikomedien zu senden.

Hier genoß er indes mehrerer Freiheit, die er besonders zum Aufsuchen der gefeiertesten Philosophen benutzte: zuerst des alten Aedesius in Pergamus, dann, auf dessen Rat, des Maximus in Ephesus. Mit diesem trat er in innigen Verkehr, soll auch damals die Einweihung in die eleusinischen Mysterien erlangt haben. (Eunapius, Vita Sophist, c. 4, 5 u. 6.)

In Nikomedien oder Konstantinopel sah er im Jahre 354 seinen Bruder Gallus auf dessen Reise zum Tode. Dies zog ihm Haft, Abführung an das Hoflager und Untersuchung zu, die, gegen sieben Monate dauernd, seiner vollkommen erwiesenen Schuldlosigkeit unerachtet, unheilvoll geendet haben würde, wenn nicht die Kaiserin Eusebia sein Schutzengel geworden wäre. Er ward (wahrscheinlich im Mai 365) nach Athen entlassen, von dort aber schon im Oktober wieder nach Mailand berufen und am 6. November 355 zum Cäsar ernannt. (S. Julian ad Athen, p. 497–504; Misopogon S. 80 u. folg.; Ammian Marc. XV, 2; XXII, 9; Sokrates III, 1 und Tillemont p. 914–934.)

Constantius gab ihm dreihundertundsechzig Reiter, vermutlich Kataphrakten, mit und geleitete ihn persönlich bis über Pavia hinaus. Daß er dessen Präfekt und Heermeister bindende Instruktionen gab, ja den neuen Cäsar sorgfältig beobachten ließ, dürfte die Unerfahrenheit desselben an sich entschuldigen.

Die Camarilla aber, scharfsichtig genug, in dem Aufgang eines solchen Mannes die Gefahr eignen Unterganges zu erkennen, mag alles aufgeboten haben, demselben offene und geheime Fesseln jeder Art anzulegen und die Schwierigkeiten seiner ohnehin fast verzweifelten Lage noch zu erhöhen, ja sie mag der stillen Hoffnung gelebt haben, ihn darin bald seinem Verderben zugeführt zu sehen. Wenigstens erwartete der Cäsar nichts anderes.

Was muß, als sich Julian am 2. Dezember in Turin allein sah, durch die junge Brust gegangen sein! Er schreibt darüber dem Philosophen Themistius (p. 484 s. Werke) folgendes:

»Wenn du einen kränklichen jungen Mann, der in beschränkter Zurückgezogenheit sein Haus bisher nicht verlassen, plötzlich auf den Schauplatz der olympischen Spiele stelltest, ihm zurufend: Nun zeige dich im Kampfe den versammelten Griechen, vor allen deinen Landesgenossen, für welche du wettstreiten sollst, zugleich aber auch den Barbaren, die du, damit sie dein Vaterland fürchten, in Schreck zu setzen hast – würdest du dessen Seele nicht sofort ganz niederschlagen und vor dem Kampfe mit erschütternder Furcht erfüllen?«

So aber in der Tat war Julians Lage.Über das Folgende bis nach dem Sieg bei Straßburg vergl. Dahn, die Alemannenschlacht bei Straßburg. Braunschweig 1880.

Vierundzwanzig Jahre alt, der politischen und militärischen Bildung, die sonst jeder junge Römer höhern Standes empfing, durch des Kaisers Argwohn völlig entbehrend, aller seiner Freunde, selbst DienerNur vier seiner Sklaven und zwar seinen Arzt Oribasius, seinen Bibliothekar und zwei kleine Knaben durfte er behalten (ad Athen, p. 509). beraubt, dafür aber von Spähern und unwilligen Unterbefehlshabern sich umgeben wissend – sollte er ein schon zur Hälfte verlorenes Land mit denselben geringen Mitteln wiedergewinnen, deren Unzulänglichkeit sich bisher so schlagend bewährt hatte!

In Turin schon traf ihn die von Constantius ihm arglistig verheimlichte Hiobspost, daß nun auch das große und feste Köln von den Barbaren (Franken) erobert und zerstört worden sei.

Da ergriff ihn der Gedanke, nicht zur Erhebung, sondern zum Untergange sei er nach Gallien gesandt worden.

Aber eine große Seele beugt sich nicht. (Amm. XV, 8.)

In Vienne in der alten Provinz, wo es allein noch sicher sein mochte, nahm der Cäsar sein Hauptquartier, trat auch daselbst sein erstes Konsulat an.

Das Volk begrüßte ihn wie einen Schutzengel.(Eine alte blinde Frau rief, als ihr auf ihre Frage nach der Ursache der festlichen Freude Julians Name des Cäsars genannt wurde; prophetisch aus: »Dieser wird die Altäre der Götter wiederherstellen.« D.) Der tat Not: wie nach außen so im Innern, wo nach Mamertin c. 4 Willkür und Druck empörend hausten.

Geschäftsvoll verging der Winter, gegen dessen Ausgang Autun im Herzen Galliens von den Germanen belagert, seiner halbverfallenen Mauern und der entmutigten Besatzung unerachtet jedoch durch das eilige Zuströmen tapferer Veteranen erfolgreich verteidigt ward.

Im Juni 356 rückte Julian in das Feld und kam am 23. in Autun an. Von hier marschierte er nach langer Beratung über den sichersten Weg, nur von den Kataphrakten und Ballistariern, dem Namen einer Truppe, anscheinend einer pseudocomitatensischen Legion (s. Not. dign. Occ. p. 36) Fußvolks begleitet, über Auxerre (Autosidurum) nach Troyes (Tricassi) an der Seine in der heutigen Champagne. Fortwährend von feindlichen Haufen umschwärmt hielt er die der Zahl nach Überlegenen durch den Marsch in tiefer, dicht geschlossener, wohl gedeckter Kolonne ab, gegen welche Formierung die Germanen nicht leicht anzugreifen wagten, während er andere an geeigneten Orten leicht in die Flucht schlug, auch einige Gefangene machte, von weiterer Verfolgung aber absehen mußte. In Troyes war die Barbarenfurcht so groß, daß er selbst nur mit Mühe Eingang erlangte.

Hier fand er die Hauptarmee unter dem Magister militum Marcellus, dem nach Ursicinus noch beigegeben war. Mit dieser wandte er sich, obwohl die Richtung nach dem Niederrhein angezeigt war, plötzlich über Metz, Dieuze (decem pagos) und Sarburg nach dem obern Lauf des Stromes.

Auf diesem Marsch überfielen die Germanen an einem Regentage die aus zwei Legionen bestehende Nachhut auf Seitenpfaden so überraschend, daß letztere der Vernichtung kaum entgangen wäre, wenn nicht das Hilfsgeschrei Verstärkung herbeigerufen hätte.

Da waren Brumat, Elsasszabern, Straßburg, Selz, Speier, Worms und Mainz in den Händen der Alemannen: obwohl sie nicht die verwüsteten Städte selbst, »worin sie wie in Gräbern eingesperrt zu werden fürchteten«, sondern nur das Landgebiet besetzt hielten.

Bei dem etwas über zwei Meilen von Straßburg entfernten Brumat, das er wieder besetzte, stieß er auf einen germanischen Schlachthaufen und griff diesen in zangenförmiger Ordnung so geschickt an, daß derselbe nach Verlust von Gefangenen und Toten sein Heil in der Flucht suchen mußte. Wie vorhin die Alemannen, so überraschte er nun die Franken, indem er sich plötzlich gen Köln wandte, auf welchem Wege, außer Rigomagum (Remagen) bei Coblenz und einem Turme bei Köln, nicht ein einziger Platz mehr in römischem Besitz war. Köln besetzte und befestigte er wieder: die Könige der Franken hielten Frieden.(Ein förmlicher Friedensschluß erhellt nicht zweifellos. D.) Hierauf zog er, unstreitig erst im Herbst, über Trier in das Innere ab, um in Sens (apud Senonas) an der Yonne südöstlich von Paris Winterquartier zu nehmen.Tillemont (S. 804) nimmt an, Julian sei von Köln aus über Trier wieder an den Oberrhein bis gegen Basel marschiert, um die Alemannen, welche der Kaiser sowohl von Rätien aus als durch Rheinübergang angegriffen, in deren Rücken zu bedrohen. Dies gründet sich auf eine der Geschichte des Jahres 367 vor der Straßburger Schlacht angehörende Stelle Ammians XVI, 12. Auf den ersten Anblick scheint sich eine Erklärung derselben in der Annahme darzubieten, daß im Jahre 366 wirklich eine solche dreifache Operation gegen die Alemannen stattgefunden habe (quod tunc tripertito exitio premebantur), nur der Bericht in Kap. XVI, 2 oder einem besonderen Kapitel verlorengegangen sei, indem es undenkbar ist, daß der so genaue Ammian Kriegsereignisse, von denen er an einer spätern Stelle sogar Details wieder anführt, an dem betreffenden Orte übergangen habe. Dem steht aber entgegen, daß Ammian jenen Feldzug und Rheinübergang ganz ausdrücklich durch den Frieden mit Gundomad und Vadomar endigen läßt, der doch nach obigem und zwar ganz unzweifelhaft bereits im Jahre 364 geschlossen ward. Daher nimmt auch Valesius (s. die Gronovsche Ausg. S. 193 unter b) wirklich an, daß jenes spätere Anführen (XVI, 12) sich auf den Feldzug des Jahres 364 beziehe.

Dünkt auch uns dies wahrscheinlich, so ist es doch andrerseits wieder mit dem Wortlaute sowohl XVI, 2, als Kapitel 12 an mehreren Stellen unvereinbar, unter welchen die: Caesare proximo nusquam elabi permittente die entscheidendste ist, weil es im Jahre 364 noch gar keinen Cäsar in Gallien gab.

Nur so viel läßt sich mit voller Sicherheit behaupten, daß, wenn jene kombinierte Operation im Jahre 366 wirklich stattgefunden haben sollte, dies nicht erst nach Jubans Wiederabzug von Köln, sondern nur früher und zwar zu der Zeit, da er in der Nähe Straßburgs stand, geschehen sein könne. Kann derselbe nämlich vor der ersten Hälfte Juli gar nicht an den Rhein gelangt sein, so müssen die folgenden Ereignisse, die Kämpfe mit den Alemannen, die Wiederbesetzung, daher auch notdürftige Befestigung von Brumt, vor allem aber die von Köln, denselben notwendig bis in den Herbst hinein beschäftigt haben, in welcher Jahreszeit Constantius gewiß keinen Feldzug gegen die Germanen mehr unternommen haben würde.

Wenn Tillemont zum Beweise des schlechten Erfolges des Feldzugs von 356 sich auf Julians eignes Zeugnis (ad Ath, p. 510) beruft, so möchte man fast glauben, er habe dabei eine falsche lateinische Übersetzung und nicht den griechischen Text vor Augen gehabt. In ersterer sind nämlich die auf Julian bezüglichen Worte: καὶ πραχθέντος σπουδαίου offenbar irrig durch: nec ullum factum esset operae pretium wiedergegeben.

Derselbe sagt an dieser Stelle weiter nichts als: er habe in diesem Jahre unglücklich (κακω̃ς) gekriegt, weil er, der bewiesenen Tätigkeit unerachtet, während des Winterquartiers in die äußerste Gefahr geraten sei.

So Julians erster Feldzug. Kein entscheidender Sieg: aber Beweise von Tätigkeit und Geschick genug, den Mut der Seinen wieder zu beleben.

Der der Germanen jedoch war nicht gebrochen. Von der Schwäche der Besatzung durch Überläufer unterrichtet (zumal die Elitetruppen der Scutaner und Gentilen waren der Verpflegung halber in andere Orte verlegt worden), erschienen sie plötzlich vor dem gegen vierzig Meilen vom Rheine entfernten Sens.

Da bewährte sich Julian als Held: Tag und Nacht auf den Türmen und Zinnen der rasch verstärkten Mauern, knirschte er vor Zorn, mit so wenigem Volke nicht ausfallen zu dürfen.

Nach dreißig Tagen zogen die Barbaren beschämt wieder ab.

Schmählich hatte der ganz in der Nähe stehende Marcellus dem Cäsar zu Hilfe zu eilen unterlassen. (Amm. XVI, 4.) Das war doch auch Constantius zu stark: er entließ ihn des Dienstes und ernannte Severus, einen tüchtigen, in den Waffen ergrauten General zu dessen Nachfolger. (Amm. XVI, 8 u. 10.) Marcellus hoffte durch Verleumdung Julians am Hoflager Gehör zu finden, stieß aber hier auf des letzteren eilends dahin abgesandten Oberkammerherrn Euthenus, der den Verräter durch die Macht der Wahrheit entlarvte. Dieser Eutherius war Eunuch, aber ein solches Wunder von Geist und Herz, daß Ammian versichert, die ganze Geschichte kenne keinen ihm vergleichbaren »seiner Art« (d. h. Verschnittenen).

Er hatte dasselbe Amt schon unter Constans bekleidet, der zu seinem Unheile dessen Leitung nicht gefolgt war. Julian aber ließ sich von ihm zurechtweisen, so oft er, »von griechischem Leichtsinne fortgerissen« (Amm. XVI, 7), dem verständigen Manne dazu Anlaß bot.

Für das Jahr 357 ward ein gemeinschaftlicher Operationsplan mit Constantius verabredet. Barbatio, dessen Magister militum, sollte von Süden, Julian von Westen her gegen die Alemannen vorrücken.Es ist kaum denkbar, daß Barbetio in das befriedete Gebiet von Gundomad und Vadomar einzufallen befehligt war. Entweder muß daher der Durchzug, vielleicht unter zugesicherter Schonung und Entschädigung, im Wege der Verhandlung mit diesen Fürsten oder der (in keinem Falle jedoch ausgeführte) Stromübergang im Gebiete der Linzgauer in der Gegend von Schaffhausen beabsichtigt worden sein.

Während die Heere schon im Anzuge waren, drang ein verwegener BarbarenschwarmEs ist ein grober Irrtum des Valesius und Tillemonts (S. 816), daß sie das Wort Laeti für den Namen eines germanischen Volks erklären, entschuldbar für die Zeit, in der sie schrieben, worauf sich aber Huschberg, der ihnen ebenfalls folgt, nicht berufen kann, obwohl er Böckings Not. dign. allerdings noch nicht benutzen konnte., zwischen ihnen durchbrechend, bis zu dem fast dreißig Meilen vom Rheine entfernten Lyon vor, wo derselbe zwar noch zurückgewiesen wurde, jedoch reiche Beute aus der Umgegend mit fortschleppte.

Sofort eilte der Cäsar, ihnen auf ihren drei voraussichtlichen Wegen den Rückzug abzuschneiden, was auch auf zweien derselben, wo seine Truppen dazu verwendet waren, vollkommen gelang, indem die Eingedrungenen, unter Wiederabnahme ihrer Beute, insgesamt niedergehauen wurden. Nur auf Barbatios Seite entwich eine Schar, weil die wider sie aufgestellten beiden Tribunen, von denen der spätere Kaiser Valentinian einer war, auf jenes Verräters Befehl abberufen und noch dazu durch Dienstentlassung bestraft wurden, was er durch eine Lüge (die späterhin erwiesen wurde) bei Constantius rechtfertigte.

Die von Julian am Rhein angegriffenen Germanen bargen sich hinter gewaltigen Verhauen im Gebirg oder flohen auf Rheininseln, von wo sie Julian mit höhnendem Geschrei herausforderten. Dieser verlangte Schiffe von Barbatio, welcher einen Brückentrain bei sich führte: derselbe aber verbrannte lieber die Fahrzeuge! – Darauf ließ der Cäsar eine starke Abteilung, teils watend, teils schwimmend, wobei sie auch die Schilde mit zu Hilfe nahmen, über den Strom zur nächsten Insel setzen, woselbst sie alles Volk ohne Unterschied des Geschlechts niederstießen, zugleich auch einige Kähne fanden, mit deren Hilfe sie nun das Mordwerk auf den übrigen Inseln vollführten, um endlich mit reicher Beute, welche der Strom jedoch zum Teil fortriß, zurückzukehren. Darauf zog sich der Rest der Germanen, wahrscheinlich auch die noch auf dem linken Rheinufer weilenden (letztere wohl zur Nachtzeit), auf das rechte in das Innere zurück.

Fester Plätze zur Grenzhut bedürftig ließ Julian hierauf die Werke von Rheinzabern (Tres Tabernae) im heutigen Rheinbayern, einem gewöhnlichen Übergangspunkte der Alemannen, wieder herstellen, was schneller als erwartet gelangDie Befestigung der Alten war ungleich einfacher, als die moderne, die Demolition gewiß aber auch nicht vollständig erfolgt. und darin für ein Jahr Besatzungsproviant aufspeichern. Dieser sowie der Bedarf für das Heer auf zwanzig Tage ward durch Furagierung auf dem linksrheinischen Gebiete der Feinde (also bereits über Jahr und Tag bewirtschaftetes Alemannengebiet auf dem linken Ufer! D.) zusammengebracht, wessen es um deswillen bedurfte, weil Barbatio die für Julians Heer bestimmten Provianttransporte unterwegs angehalten und, soweit er sie nicht selbst benutzt, verbrannt hatte!

Ob dies auf geheimen Befehl, oder aus »Geistesabwesenheit« geschehen, sagt Ammian, wisse man nicht.

Wir meinen indes, daß, wenn nicht wirkliche Gründe (mindestens scheinbare, z. B. daß der Vorrat nicht in des Feindes Hände falle) dafür vorhanden gewesen, doch nicht der Kaiser selbst, sondern nur die Camarilla, welche Julian so bitter haßte und den Magister militum, wenn er in ihrem Sinne handelte, bei ersterem zu vertreten wußte, solchen Frevel angestiftet haben dürfte.

Während der Cäsar nun bei Rheinzabern lagerte, gelang den Alemannen ein mit so viel Geschick und Schnelligkeit ausgeführter Überfall des Barbatio, daß dieser bis Augst (zwischen Basel und Rheinfelden) fliehen und den größten Teil seines Gepäcks und Trains mit Pferden und Leuten den Verfolgern überlassen mußte, worauf er das Heer schon jetzt in die Winterquartiere abführte und sich für seine Person, Julian zu verleumden, an das Hoflager begab.

Mächtig steigerte dieser Sieg den Übermut der Germanen, die an den Schilden der Fliehenden dieselben Truppen wiedererkannt hatten, welchen sie kurz vorher erlegen waren.

Unter den Alemannenkönigen ragte vor allen König Chnodomar durch Macht, Heldengeist und Körperkraft hervor. Besieger des Decentius, wie jetzt des Barbatio, auch die Seele des ganzen Krieges, vereinte er nun bei Straßburg außer seinem Neffen Serapio noch die Fürsten Suomar, Hortari, Ur, Ursicin und Vestralp, sowie die Männer aller Gaue des Gesamtvolkes (? D.) von der Gegend des heutigen Frankfurt an bis zum Bodensee. Nur Gundomad und Vadomar hielten anfangs an dem im Jahre 354 geschlossenen Frieden fest; als aber ersterer hinterlistig ermordet ward, strömte dessen von Kriegslust und Bundesgefühl ergriffenes Volk den Volksgenossen ebenfalls zu und auch das Vadomars folgte.

Nun hatte ein Überläufer von des Barbatio Truppen ausgesagt, Julians Heer sei nur 13 000 Mann stark, was den Angriff vollends entschied. Vorher aber ließen die Könige ihn durch Gesandte auffordern, das durch ihre Tapferkeit gewonnene Gebiet auf dem linken Rheinufer sofort wieder zu räumen. Diese Sprache keiner Erwiderung würdigend behielt Julian (– ziemlich treulos wie einst Julius Cäsar – D.) die Sendboten zurück und machte sich zum Entscheidungskampfe fertig.

Die nun folgende Hauptschlacht bei Straßburg ist dadurch so denkwürdig, daß es in der langen Zeit von Tacitus bis Prokopius an mehr als vierhundert Jahren die einzige ist, über welche uns ein militärisch genauer Bericht vorliegt.

Das Lager des Cäsars, der sich nach erlangter Kunde des Rheinübergangs der Germanen Straßburg schon genähert haben muß, soll am Vorabende der Schlacht noch 41/5 Meilen von dem der Alemannen entfernt gewesen sein. Mit Sonnenaufgang aufbrechend wollte er zu Schonung der Truppen(Vielmehr: zum Teil um deren Stimmung zu erproben, zum Teil um im Fall der Niederlage und des Rückzugs das befestigte Lager bald erreichen zu können. D.) gegen elf Uhr Mittags Lager schlagen und erst am Morgen darauf angreifen: stürmisch aber verlangten diese, sogleich zu kämpfen, und auch die Unterbefehlshaber rieten dazu.

Die Alemannen sollen 35 000Libanius Or. 10, p. 274 spricht in seinem freilich sehr unklaren Berichte nur von 30 000. Mann stark gewesen sein, die Römer deren nur 13 000 gezählt haben. Letztere Angabe beruht aber lediglich auf der frühern Schätzung des Überläufers (Amm. XVI, 12), der ohnehin den Alemannen vielleicht nach Wunsch zu reden suchte. Gewiß aber hat Julian im Winter und selbst noch vor der Schlacht sein Heer möglichst zu verstärken gesucht. Wenn nun die Berichterstatter aller Zeiten die Stärke der Feinde zu erhöhen, die eigne zu vermindern pflegen, so erscheint ein so großes Mißverhältnis der gegenseitigen Streitkräfte kaum denkbar, obwohl die Alemannen sicherlich nahe doppelt so stark als die Römer gewesen sein dürften.

Der Cäsar stellte seine gesamte Reiterei auf den rechten Flügel, das Fussvolk ins Mitteltreffen und auf den linken. Letzterer scheint durch das Terrain gedeckt gewesen zu sein, da von einem für ein so viel stärkeres Heer leicht ausführbaren Angriffe gegen denselben in Flanke und Rücken nicht die Rede ist.

Die alemannische Reiterei bildete, der römischen gegenüber, den linken Flügel ihres Heeres: ihr war, nach altgermanischer Weise, leichtes Fussvolk untermischt, vor allem den unverwundbaren, aber auch fast unbeweglichen Panzerreitern furchtbar, welche es durch Verwundung der Pferde zum Sturze brachte.

Langsam rückte das römische Fussvolk an: da gewahrte der Heerfahrer Severus vor dem linken Flügel, den er führte, tiefe, mit Bewaffneten erfüllte Gräben (nach Libanius ein Bachgrund), welche die Truppe ohne Auflösung der geschlossenen Ordnung, durch deren Erhaltung die Römer allein zu siegen vermochten, nicht zu passieren im Stande gewesen wäre. Sogleich ließ er Halt machen. Der Cäsar, die Gefahr dieser Stockung erkennend, sprengte sofort im Bereiche der feindlichen Geschosse die Fronte entlang, die einzelnen Truppenkörper mit wenigen, aber kräftigen Worten anfeuernd. Schon schmettern die Drommeten und wildes Kriegsgeheul ertönt: da muß der Germanen unbändige Kampfbegier, jene Vertiefung selbst verlassend und überschreitendSiehe dagegen Dahn, die Alemannenschlacht bei Straßburg (und die Pläne der wechselnden Aufstellungen daselbst). Braunschweig 1880. (Bausteine III. Berlin 1881.), die Schlacht begonnen haben.

Allmählich gewann der linke Flügel der Römer Boden, während die Reiterei des rechten plötzlich geworfen ward, woran die Panzerreiter Schuld waren, die durch Verwundung und Fall ihres Führers Mut und Haltung verloren hatten. Blitzschnell fliegt Julian herbei, dem es auch gelingt, die Flucht zu hemmen und die wieder Formierten in die Schlacht zurückzuführen.Huschberg (S. 263) zeiht Ammian hier der Verhüllung der Wahrheit, weil er verschweige, daß, nach Zosimus (III, 3), ein Reiterregiment von sechshundert Mann, Julians Befehl unerachtet, nicht wieder an der Schlacht Teil nehmen wollte und deshalb zur Strafe in Weiberkleidern durch das Lager geführt worden sei, welchen Schimpf es im Feldzuge des Jahres 358 durch glänzende Bravour wieder gesühnt habe. Dies würde aber kein bloßes Verschweigen, sondern direkte Unwahrheit gewesen sein, weil Ammian S. 158 ausdrücklich sagt: reduxit omnes. Es ist jedoch höchst gewagt, Ammian durch Zosimus widerlegen zu wollen und möchten wir auch des Letztern Nachricht nicht allen Glauben absprechen, so kann doch jene Strafe durch die Flucht allein verwirkt worden und die fernere Verwendung dieser Truppe nur eine passive gewesen sein, wobei sich ihr keine Gelegenheit bot, die Schmach wiedergutzumachen. (Vgl. Dahn, die Alemannenschlacht von 357. Braunschweig 1880.) Indes ist von weiterer aktiver Verwendung derselben nicht die Rede: sie mag nur noch zur Deckung des rechten Flügels des Fußvolkes gedient haben.

Nach diesem Reitersiege warf sich der Feind mit Ungestüm auf die erste Schlachtreihe der römischen Infanterie. Lange schwankte hier der Kampf, indem besonders die Auxiliarkohorten der Braccaten und Cornuten mit größter Tapferkeit widerstanden. Schon aber begannen die Germanen mit riesiger Wut die Schildränder zu durchhauen und dadurch die feste Deckung der Römer zu durchbrechen, als die Kernscharen der Bataver in römischem Sold (geführt von ihren Königen D.) zur Verstärkung herbeieilten und die Schlacht auf diesem Punkte hielten. So war im zweiten Abschnitte derselben noch nichts entschieden, als der dritte anhub. Mit Begeisterung stürzte sich die Schar der unstreitig besser bewaffneten Volksedlen, unter der die Könige alle zu Fuß mit fochten (an der Spitze ihrer Gefolgschaften D.), auf die vorderste Schlachtreihe der Römer und durchbrach sie im ersten Anlaufe. Hinter dieser aber stellte sich ihr nun die Reserve der in tiefer und dichter Ordnung formierten Legion der Primaner entgegen, die geschicktesten Fechter des Heeres, die, sich nach Fechterart deckend, in sicherer Ruhe jede Blöße des in seiner Wut unvorsichtigen Feindes mit dem Todesstoß trafen. Daran brach sich der Angriff: neue Scharen der Germanen stiegen über die Reihen der Gefallenen: aber endlich hatten Entmutigung und Schreck sie ergriffen. Da trat plötzlich jener bei den Germanenschlachten so gewöhnliche, entscheidende Umschlag von Trotz in Verzagtheit ein (pavidi in adversis): (da der ungefüge reservelose Keil, war sein Stoß gescheitert, nicht mehr angriffsweise operieren und auch nicht einen geordneten Rückzug antreten konnte. D.).

Die Flucht begann: nur ein wildes Entrinnen, das der morddurstigen Verfolgung den leichtesten Spielraum bot: (offenbar von der jetzt auseinandergezogenen Legion im Rücken verfolgt, von den früher durchbrochenen, aber wieder gesammelten römischen Vordertreffen aufgefangen, hatten die Flüchtigen nur mehr den Sprung in den Rhein frei. D.). Die Alemannen suchten sich, ihn überschwimmend, zu retten: sehr viele derselben wurden aber teils von den nachgeschleuderten Geschossen erreicht, teils von den Fluten verschlungen.

Chnodomar eilte zu Roß einem fernen Lager am StromeBei Tribunci und Concordia: letzteres Rochersberg oder Drusenheim? zu, wo er Kähne hatte, stieß aber auf Altwasser, von wo er sich, da sein Pferd darin versank, zu Fuß auf eine nahe bewaldete Höhe zu retten suchte. Diese ward von dem im Fluge nachsetzenden Tribunen umzingelt und jener dadurch sich zu ergeben genötigt. Seinem Beispiele folgten zweihundert seiner Gefährten (comites) und drei seiner vertrautesten Freunde, für Schmach erachtend, sich ohne ihren Führer zu retten.

Auf der Walstatt sollen, die vom Fluß verschlungenen ungerechnet, 6000Des Zosimus Angabe von 60 000 beruht auf einem leicht möglichen Irrtum der Abschreiber, die ς' mit ξ' verwechselten. Alemannen gefunden worden, von den Römern nur zweihundertdreiundvierzig Mann und vier Stabsoffiziere geblieben sein, worin wir, wenn gleich letzterer Angabe die der Verwundeten fehlt, wieder den Bulletinstil erkennen. Indes ist der ungeheure Verlust der erstern nicht zu bezweifeln, da kein erheblich Verwundeter derselben sich zu retten vermochte, jeder derselben vielmehr von den Römern niedergestoßen oder von den Nachsetzenden zertreten ward.

Überblicken wir diese Schlacht im Ganzen, so war sie eine rein taktische, von strategischen Dispositionen vor und in dem Gefecht keine Spur. Der Krieg der Alten löste sich, wie Mommsen sagt, in eine Reihe von Duellen auf, worin der bessere Fechter notwendig siegen mußte. Dies und die weit bessere Schutz- und Trutzbewaffnung der Römer entschied, obgleich auch die der Germanen seit dem ersten Jahrhundert eine merklich bessere geworden sein mag. Bei den Römern hing alles davon ab, daß sie den festen sichern Schluß bewahrten. Vereinzelt waren sie verloren.

Julian scheint vor allem durch belebenden Heldengeist, aber auch durch Scharfblick und Allgegenwart in den gefährlichsten Momenten Kampfbegeisterung und Ordnung erhalten zu haben. (Daß er sich persönlich sehr stark ausgesetzt, erhellt aus Ammians wiederholten Angaben. D.) Allerdings war das römische Fussvolk, wohl geleitet und richtig verwendet, an sich unüberwindlich, wie viel aber dabei auf den Führer ankam, beweisen die Niederlagen und Verluste des Decentius, Arbetio und Barbatio gegen dieselben Feinde.

Das Heer rief Julian auf dem Schlachtfelde zum AugustusSollte hier nicht die bloße Ausrufung zum Imperator gemeint sein, eine Ehrenauszeichnung, die nach damaligem Grundsatze freilich auch wohl nur dem Kaiser gewährt werden konnte? Das Heer machte sich hier also nur einer Anmaßung schuldig, während Julians Erklärung zum Augustus Hochverrat gewesen wäre. aus, was er jedoch mit scharfem Tadel zurückwies.

Den gefangenen Chnodomar übersandte er dem Kaiser, der ihn in dem »Lager der Ausländer« bei Rom unterbrachte, wo er bald darauf starb.

Diesen glänzenden Sieg schrieb Constantius, von den niedrigen Schmeichlern verblendet, seinen Anordnungen zu: ja die Berichte darüber trugen, ohne auch nur Julians Namen zu erwähnen, die kaiserlichen Siege in alle, auch die fernsten Gegenden des Reichs. (Amm. Marc. XVI, 12; Zosimus III, 3 und Libanius Or. 10, p. 274–276.)

Die Bestattung der Toten, die Entlassung der vor der Schlacht zurückbehaltenen Gesandten sowie die sichere Bergung der Gefangenen und Beute in Metz war des Cäsars nächstes Geschäft.

Ruhig blieb er hierauf längere Zeit bei Rheinzabern stehen, anscheinend um dessen Werke noch zu verstärken, hauptsächlich gewiß aber, um die Germanen sicher zu machen.

Plötzlich marschierte er gen Mainz ab und ging sofort auf einer Schiffbrücke über den Rhein, wozu er das murrende Heer nur durch die Macht und den Zauber seiner Rede zu bewegen vermochte.

Die aufgeschreckten Alemannen baten in gewohnter Weise sogleich um Frieden, drohten aber auch bald darauf mit Vertilgungskrieg, wenn er ihr Land nicht unverzüglich wieder räume.

Darauf sandte der Cäsar bei Anbruch der Nacht achthundert Mann in leichten Schiffen stromabwärtsDas Gebiet der drei Fürsten, die Ammian reges immanissimi nennt, umfaßte hiernach mindestens den Kreis Starkenburg von Hessen-Darmstadt mit dem Odenwalde, erstreckte sich aber jedenfalls auch auf das rechte Mainufer, wohin Frauen und Kinder geflüchtet waren, wenn auch mutmaßlich nicht allzuweit. In ihm lag auch das munimentum Trajani, was schon alte Geographen in dem Schloß von Kronberg zwei Meilen oberhalb Frankfurt am Main auf dessen rechtem Ufer zu erkennen geglaubt haben (Baudran, Geogr. Lexicon, Paris 1670, von Tillemont zitiert. Allgem. Hist. Lexicon, Leipzig bei Fritsch 1790 s. h. v.) und auch von Huschberg angenommen wird., um am Morgen landend das feindliche Gebiet durch Feuer und Schwert zu verheeren.

Bei Sonnenaufgang sah man die Alemannen auf den gegenüberliegenden Bergen; sogleich angegriffen zogen sie sich eilig zurück.

Um dieselbe Zeit nun verkündeten hochaufwirbelnde Rauchsäulen in der Ferne, daß die gelandete Truppe ihren Verheerungszug begonnen habe. Dieses unerwartete Vordringen in ihrer Flanke schreckte die Germanen: sie gaben die festen Stellungen und Hinterhalte, die sie in den Wäldern bereitet hatten, auf und gingen eilig über den Main, ihre unstreitig sofort dahin geborgenen Familien zu schützen.

Unbehindert setzten nun die Römer ihr Vertilgungswerk fort. Reiche, nach römischer Art wohlgebaute DörferAber von Alemannen erbaut: solche Stellen zeigen, daß die Germanen jetzt nicht nur als »Raubfahrer«, sondern als seßhafte Bauern dem Rheine nahe gedrungen waren und hier, dauernd römischen Vorbildern nacheifernd in Dörfern siedelnd Ackerbau trieben. D.) wurden erst geplündert, namentlich Vieh und Ernten tunlichst fortgeschafft, dann in Brand gesteckt und die hier vorgefundenen Gefangenen befreit. So rückten sie dritthalb Meilen vor, als sie an dichten Wald kamen, der nach eines Überläufers Aussage voll von Verstecken, Hinterhalten und Gefahren sein sollte. Gleichwohl furchtlos eindringend stießen sie jedoch bald auf so gewaltige Verhaue, daß sie nur mit großer Schwierigkeit und Zeitversäumnis zu umgehen gewesen wären.

Da nun nach verlaufener Herbstnachtgleiche die rauhe Jahreszeit eingetreten, und auf den Höhen schon Schnee zu sehen war, änderte der Cäsar seinen Kriegsplan und ging über den Main, eine rechts desselben von Trajan erbaute Festung wieder herzustellen, was, so wie deren Verproviantierung und Besetzung, ohne Widerstand erfolgte.

Das brach den Mut der Alemannen: sie baten demütig um Frieden, den Julian um so williger auf zehn Monate gewährte, weil er noch der Zeit bedurfte, jenen Platz mit dem nötigen Verteidigungsgerät zu versehen. Da erschienen drei Könige wildesten Aussehens, welche Hilfstruppen zur Straßburger Schlacht gesandt hatten, und beschworen »nach vaterländischem Brauche«(Wäre doch diese alemannische Eidform und Eidformel erhalten! D.) nicht nur den Frieden, sondern auch das Versprechen, die Besatzung auf Verlangen mit fernerem Proviant zu versorgen.

So endete der ruhmreiche Feldzug gegen die Alemannen, noch nicht aber das Kriegswerk.

Auf dem Heimmarsche nach Rheims mit einem Umwege über Köln und Jülich traf der Magister militum Severus zwei fränkische Scharen von je sechshundert Mann.Ammiam sagt: Francorum cuneos in sexcentis velitibus, wonach, da deren zwei waren, auch jeder derselben sechshundert Mann stark gewesen sein kann, was dem Libanius p. 278, der eine Gesamtzahl von tausend angibt, näherkommt, als eine einzige zu sechshundert Mann, auch, da zwei Schanzen so lange von ihnen verteidigt wurden, wahrscheinlicher ist. Durch das rückkehrende Heer erschreckt und mutmaßlich von dem Heimweg abgeschnitten, warfen sie sich in zwei verlassene Schanzen an der Maas (von denen eine vielleicht an der Stelle des heutigen Maastricht war) und suchten sich darin möglichst zu schützen. Der Cäsar, der dies nicht dulden konnte, schritt sogleich zu deren Belagerung. Diese verzog sich aber durch die Tapferkeit der Verteidiger vierundfünfzig Tage lang bis in den Januar: ja es ward, um deren Entweichung auf dem Eise des Flusses zu verhüten, notwendig, dies alle Nächte durch den Ruderschlag auf- und abfahrender Schiffe zu brechen. Endlich mußten sich die Franken aus Hunger ergeben, worauf sie als Gefangene an den Kaiser gesandt wurden.

Nun erst nahte das zu deren Entsatz zusammengebrachte Heer ihrer Volksgenossen, das sich jedoch auf jene Nachricht eilig wieder zurückzog, worauf sich der Cäsar in das Winterquartier nach ParisParis, Parisii oder Lutetia Parisiorum, war damals eine kleine befestigte Stadt auf der Seine-Insel, die spätere cité, zu der jedoch auch Vorstädte gehörten. Sie hatte einen Palast, Amphitheater und Thermen, von welchen letztern heute noch Reste: (près des Maturins rue de la Harpe und bei dem Musée de Cluny) zu sehen sind. begab. (Amm. XVII, 1 und 2.)

Im Jahre 358 rückte der unermüdliche Julian schon im Mai in das Feld. Dies hätte nach dem gewöhnlichen System erst im Juli geschehen können, weil um diese Zeit erst die Lieferungen aus Aquitanien, der hauptsächlichsten Proviantquelle, eingingen. (Vermutlich erst nach der dortigen frühen Ernte.) Er ließ aber von dem noch vorrätigen Getreide den Bedarf für zwanzig Tage zu Zwieback verbacken, welchen die Truppen selbst tragen mußten.

Wir kommen nun bei Ammian auf das 8. Kapitel des XVII. Buches, das nicht allein durch auffällige Kürze, zwei Feldzüge in nur sechzehn Zeilen abhandelnd, von dessen sonstiger Darstellung abweicht, sondern auch wichtige, von Julian selbst und Zosimus berichtete Ereignisse ganz unberührt läßt. Vielleicht liegt daher auch hier wieder eine wesentliche, höchst bedauerliche Verstümmelung des Textes vor.

Ammian erzählt folgendes:

Der Cäsar zog zuerst gegen die Franken, die sich, gewöhnlich Salier genannt, vor längerer Zeit (olim) in Toxandrien (das Land südlich der Waal und östlich der Schelde nach der Maas zu [im Mittelalter der Gau Tessandria D.], das heutige Nordbrabant, Antwerpen auch wohl ein Teil von belgisch Limburg) niedergelassen hatten.

In Tongern (unfern der Grenze) empfing er durch eine Gesandtschaft deren Bitte, sie in ihren Sitzen unbelästigt zu lassen. Verschiedenartige Bedingungen entgegenstellend entließ er die beschenkten Sendboten, die, bestärkt in der Meinung, er werde ihre Rückkehr am gleichen Ort erwarten(Die Fassung läßt unklar, wie weit hier die Arglist Julians ging: treulos, völkerrechtswidrig hatte er auch schon vor der Schlacht bei Straßburg gehandelt: Julius Cäsar hatte hierin das Muster aufgestellt. D.), wieder abreisten. Allein Julian ließ die Salier durch Severus, den er am Rhein hinabsandte, von dem Rückzug über den Strom abschneiden, indes er selbst sie plötzlich in der Fronte angriff. Da blieb kein Widerstand, nur noch Bitte übrig. Sie unterwarfen sich mit all den Ihrigen und wurden, unzweifelhaft nunmehr als römische Untertanen, in ihren Sitzen belassen.Daß die Salier nicht aus ihren Sitzen vertrieben, sondern nach ihrer Ergebung in denselben belassen wurden, setzen die von Julian (ad Athen, p. 614) und von Zosimus (III, 6) gebrauchten Ausdrücke außer Zweifel, wie dies auch von Tillemont (S. 833) und von Huschberg (S. 280) angenommen wird. Dies ist als deren erste bleibende und anerkannte Niederlassung in Toxandrien für die Geschichte der Folgezeit wichtig.

Darauf wandte er sich gegen die Chamaven, die weiter aufwärts am linken Rheinufer hausten: sie wurden teils niedergehauen, teils gefangen, teils in ihre Heimat zurückgetrieben und empfingen darauf, da es den Cäsar drängte, gegen die Alemannen zu ziehen, den erbetenen Frieden.

So Ammian. Aus Julian (ad Ath. p. 513) und Zosimus (III, 5) ersehen wir aber, daß ersterer damals zugleich die Schiffverbindung mit Britannien wiederherstellte. Auf dieser mochte die Getreideversorgung der Plätze des niederen Germaniens am Rheine vorher hauptsächlich beruht haben: (da der Boden hier von den Franken für ihren Bedarf bebaut und behauptet war. D.).

So lange jedoch auch das linke Ufer des Niederrheins im Besitze der Germanen war, konnte der Strom selbstredend nur mit deren Erlaubnis beschifft werden. Diese wollte Florentius um 2000 Pfund Silber erkaufen, was auch Constantius, wenn es Julian nicht für zu schimpflich halte, gestattet hatte. Darauf unternahm dieser, den Feinden nur mit Blut zu zahlen gewohnt, die vorbemerkten Feldzüge, und die Rheinschiffahrt war wieder frei. SechshundertDiese eigene Angabe Julians ist der von Zosimus, der von 800 spricht, unbedingt vorzuziehen. Schiffe, von denen er vierhundert in zehn Monaten selbst erbauen lassen, langten glücklich im Rheine an.

Ungleich wichtiger ist eine weitere Nachricht von Zosimus, welche beinahe drei Kapitel desselben (III, 6–8) ausfüllt.

Er berichtet (III, 6): die Sachsen, die mächtigsten und tapfersten aller Germanen, hätten die zu ihnen gehörigen (μοι̃ραν σφω̃ν όντας) Chauken (wie für Quaden, was der Text sagt, zu lesen ist; s. w. u. die Rechtfertigung) gegen das römische Gebiet abgesandt. Aber die Franken, aus Furcht, den Römern gerechten Anlaß zum Kriege zu geben, hätten jene am Rheinübergange behindert. Darauf seien die Chauken den Strom hinabgefahren und hätten, an der batavischen Insel landend, die Salier, einen Teil der Franken, welche vorher von ihnen selbst erst aus ihren Sitzen dahin gedrängt worden seien, vertrieben. Diese früher ganz den Römern unterworfene Insel hätten die Salier nämlich damals innegehabt. Darauf habe der Cäsar die Chauken angegriffen, seinen Truppen aber befohlen, die Salier weder zu töten, doch am Übergang auf römisches Gebiet zu behindern, weil sie nicht als Feinde, sondern nur von den Chauken verdrängt kämen. Dies habe die auf das linke Rheinufer übergetretenen Salier bewogen, sich dem Cäsar zu unterwerfen.

Letzterer habe nun, sich gegen die Barbaren zu schützen, folgendes Mittel angewendet.

Ein durch Größe, Stärke und Mut ausgezeichneter germanischer Abenteurer, Charietto, war aus seinem Vaterland, als Mißvergnügter oder Flüchtling, nach Trier ausgewandert. Das unbehinderte Hausen seiner Landsleute dort wahrnehmend, ergriff er das Gewerbe (im Solde der Römer sie einzeln zu erlegen und D.) ihre abgeschnittnen Köpfe einzuliefern, wofür, wie wir aus anderer Quelle wissen, ein guter Lohn »Stück für Stück« gewährt wurde.

Er beschlich sie in der Nacht in den Wäldern und überfiel sie im Schlafe der Trunkenheit.

Bald fand er in Cercius (Eunapius p. 65 d. Bonn. Ausg.) einen seiner würdigen Genossen, mehrere andere schlossen sich ihm an und nun ward er als Führer von Anti-Guerrilleros seinen Volksgenossen furchtbar.

Nach Julians Ankunft stellte er sich diesem vor, ward gern angenommen, seine Schar durch Salier verstärkt und nun das Verfolgungssystem so organisiert, daß Charietto die in den Wäldern überfallenen Barbaren den vor dem Rande des Holzes aufgestellten Truppen zuzutreiben suchte, wobei denn viele Gefangene gemacht wurden.

Dadurch wurden die Quaden (d. i. Chauken), welche Zosimus, nachdem er vorher nur von Barbaren im Allgemeinen gesprochen, hier zuerst wieder nennt, auf das äußerste gebracht und zum Frieden gezwungen.

Bei dessen Abschluß verlangte Julian des Königs Sohn als Geisel, worauf ersterer mit Tränen versicherte, daß derselbe im Kriege gefallen sei. Da tritt auf des Cäsars Wink plötzlich der von Charietto gefangen genommene Beweinte in blühender Gesundheit hervor, um sich ungestört mit dem Vater zu unterhalten.

Julian, erklärend, daß er den Gefangenen behalten, etwaigen Treubruch aber niemals an diesem Schuldlosen, sondern nur an den Schuldigen strafen werde, fordert nun Nebisgasts (unstreitig dieses Jünglings) Mutter als Geisel, worauf der Friede geschlossen wird. (Zosim. III, 7 und Eunapius p. 41.)

Wir können nach den uns von Eunapius erhaltenen Fragmenten seiner Fortsetzung von des Dexippus Geschichtswerk (p. 41, 65 u. 106 d. B. A.) nicht zweifeln, daß des Zosimus 7. Kapitel aus dieser sicherlich vorzüglichen und fast gleichzeitigen Quelle entnommen ist, da Eunapius im Jahre 347 geboren ward. (S. B. Ausg. Vorr. p. XVIII.)

Erweckt dies auch für das 6. Kapitel ein gleich günstiges Vorurteil, ersehen wir ferner aus dem 3., daß zu des Zosimus Zeit noch sehr ausführliche geschichtliche und poetische Werke über Julians Leben und Taten vorhanden waren, so ist mit Sicherheit vorauszusetzen, daß derselbe allenthalben aus guten und sehr vollständigen Quellen geschöpft habe.

Was aber zuvörderst die Lesart »Chauken« für »Quaden« betrifft, welches letztere unzweifelhaft ein Fehler, sei es des Autors, dessen geographische Unkunde wir schon kennen lernten, oder des Abschreibers ist, so muß zugegeben werden, daß Zosimus zum Teil Ereignisse von dem genannten Volke berichtet, welche Ammian und Julian anscheinend, Eunapius aber mit Bestimmtheit auf die Chamaven beziehen. Deshalb halten auch andere Forscher (wie Tillemont S. 833 und Huschberg S. 276) die Lesart Chamaven statt Quaden für richtiger.

Wir aber sind (im Einverständnisse mit Zeuß, S. 382 und Ledebur, Land und Volk der Brukt. S. 67 u. 253) der Meinung, daß man hier entweder Chauken annehmen oder Zosimus ganzes 6. Kapitel für ein willkürliches Machwerk erklären müsse.

Daß die Chamaven am Niederrhein im Hamalande des Mittelalters saßen (s. d. Karte und Ledebur a. a. O. S. 63–71), daß die Franken außer den Sugambern (und Batavern D.) hauptsächlich aus Chamaven bestanden, ist nicht zu bezweifeln, ja letzteres wird durch die Peutingersche Tafel: Chamavi qui et Franci ausdrücklich bestätigt. Die »Quaden« des Zosimus aber werden von ihm ein »Teil der Sachsen« genannt, ja er läßt sie sogar vom Gesamtvolke zum Angriff auf das römische Gebiet absenden. Wenn nun die Chauken unbestritten zu den Sachsen gehörten, ja nach der Lage und Ausdehnung ihres Gebiets zwischen Elbe und Ems einen Hauptbestandteil derselben bildeten, so können es eben auch nur diese gewesen sein, welche von Zosimus irrtümlichUnstreitig war es auch leichter Κουάδοι mit Καυ̃χοι als mit Χάμαβοι zu verwechseln. als Quaden bezeichnet werden.

Die Chauken aber werden in der Peutingerschen Tafel unter dem Namen Chaci unmittelbar hinter den Chamaven aufgeführt, sie waren also bis dahin, wo sie früher nicht saßen, vorgedrungen, was wiederum mit Zosimus übereinstimmt.

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