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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 40
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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So das Los der einen Gruppe sarmatisch-limigantischer Gaugemeinden, der Amicensen; nun ging es gegen die zweite, die Picensen, welche schon mehr in oder nahe den Bergen der Militärgrenze nach Siebenbürgen hin gesessen haben mögen. Gegen sie wurden zugleich deren nördliche Nachbarn, die freien Sarmaten, und deren östliche, die (Gotischen) Taifalen, zum Angriff gewonnen, so daß dieser von drei Seiten her erfolgte.

Schwanken der Verzweiflung, bis der Rat der Ältesten die Hochbedrängten zur Unterwerfung bestimmte. Sie kamen aus ihren Bergen in das römische Lager mit Hab und Gut, Weib und Kind und ergaben sich in ihre Versetzung in eine für Rom minder gefährliche, für sie aber gesicherte Gegend. Wo diese lag, erfahren wir nicht, vermuten aber, daß das Land zwischen Donau und Theiß gänzlich eben so ein breiter Grenzstreif nördlich der Donau geräumt werden mußte, die Hauptumsiedlung aber mehr nach Osten erfolgte, wo gewiß noch wüstes Grenzland die Sarmaten und Taifalen trennte. Das von erstern geräumte Gebiet ward den freien Sarmaten überlassen.Die Kap. 12 und 13 des XVII. Buchs von Ammian bieten beinahe unlösliche Schwierigkeiten. Er muß über die jazygische Revolution im Jahre 334 eine gute Quelle, nicht minder genaue militärische Berichte über die Feldzüge des Jahres 368 gehabt haben, keinerlei nähere Nachrichten aber über die ferneren Schicksale sowohl der im Jahre 334 vertriebenen »Herren«, als der »Knechte«, welche ihr Joch damals gebrochen, in der Zwischenzeit.

Während er jene c. 12 im Jahre 334 zu den Viktofalen entweichen läßt, ist daselbst bei den Ereignissen des Jahres 358 nur von Quaden und deren Verbindung mit, ja teilweise Herrschaft über Sarmaten die Rede.

Wir haben es hier mit zwei getrennten Völkerschaften oder Gemeinwesen der Sarmaten (d. i. Jazygen) zu tun: a) mit den nördlichen, b) mit den südlichen, welche Ammian Limigantes nennt.

Letztere bezeichnet er nun (c. 13, Z. 2) ausdrücklich als Sarmatae servi, erstere aber viermal (ebenda, sowie in des Konstantius Rede: Zizaim praefecimus liberis) als liberi.

Was ist dieses Unterschiedes Sinn? Frei waren durch jene Revolution nach Vertreibung ihrer Herren sowohl die nördlichen als die südlichen geworden. Umgekehrt sogar erscheinen bei den Ereignissen des Jahres 358 gerade letztere, die Limiganten, als völlig unabhängig, während die erstern, teilweise wenigstens, unter quadischen Führern stehen. Unzweifelhaft beziehen sich daher jene Bezeichnungen nicht auf die politischen Zustände jener Volksschaften im Jahre 358, sondern lediglich auf deren historische Verhältnisse im Jahre 334. Die Limiganten bestanden immer noch aus den ursprünglichen servis, deren Herren sich, 300 000 an der Zahl, auf römisches Gebiet geflüchtet hatten und daselbst festgehalten wurden.

Hinsichtlich der Würden haben wir anzunehmen, daß wenn Cäsar, ja selbst Tacitus den Ausdruck: princeps nicht in einem festbestimmten, technischen, sondern in allgemeinem, Verschiedenartiges umfassenden Sinne brauchten, Ammian noch viel weniger mit den Bezeichnungen regales, subreguli, optimates, judices, populi, nationes einen staatsrechtlich klaren Begriff verband. Gerade dieser Historiker setzt einen gewissen Stolz darein, über Geographisches, Ethnographisches und Althistorisches seine Gelehrsamkeit in besonderen Exkursen auszukramen, von denen sein Werk wimmelt. Wir dürfen daher mit Sicherheit annehmen, daß er auch das für Rom so wichtige germanische Volks- und Staatsleben zum Gegenstand eines solchen gemacht haben würde, wenn er davon irgendwie genauer unterrichtet gewesen wäre. Diese Unkunde legt sich auch offen zu Tage, wenn er vor Schl. d. Kap. 12: judices variis populis praesidentes anführt, während doch hier das einzige Volk der Quaden in Frage war, jene populi daher nichts als Gemeinden von Gauen gewesen sein können, denen ein Richter vorstand.

Ammian selbst wohnte jenen Feldzügen nicht bei: er benutzte nur die Militärberichte, deren Verfasser ohne alle weitere Kritik diejenigen Bezeichnungen brauchten, welche sie etwa von den Germanen vernahmen oder sonst passend erachteten.

(Regalis bezeichnet wohl in der Regel »königlichen oder auch nur fürstlichen Geschlechts«, ist jedoch gewiß nicht immer gleichmäßig angewandt, vielmehr manchmal wohl = regulus.

Unter Subreguli haben wir Gaukönige zu verstehen, welche, nur im Kriege einem »Herzog« untergeordnet, im Frieden unabhängig nebeneinander stehen. D.)

Zu letztern müssen auch jene Rumo, Zinafer und Fragiled gehört haben, weil sie selbständig Frieden erbaten und erhielten.

Unter optimates können nur diejenigen gemeint sein, welche ihrem auf Geburt beruhenden Ansehen nach den Königen zunächst standen: alter Volksadel.

Arahar wird von Ammian dux Transjugitanorum Quadorumque genannt, welches erstere wir durch Überkarpatische übersetzt haben. Da das alte freie Volk der Quaden auch jenseits der Karpaten saß, sich vielleicht auch von Oberschlesien (Teschen) aus nach Krakau zu ausgedehnt hatte, so können jene Übergebirgischen eben sowohl diesem als einem andern Volke, etwa dem der Buren, angehört haben.

Nach Gronov (Anm. 6, p. 193 von dessen Ausg.) findet sich in einer Handschrift statt Transjugitanorum: Transfugitanorum. Sowohl der eine, wie der andere dieser Ausdrücke findet sich übrigens bei keinem sonstigen lateinischen Schriftsteller (s. Forcellinis Wörterbuch): sie müßten daher, wie so manche andere, von Ammian selbst gebildet oder vielmehr aus der Vulgär-Sprache entlehnt worden sein.

Die Ausdrücke: aliena potestate eripi Sarmatae jussi, ut semper Romanorum clientes, sowie: nulli nisi sibi ducibusque Romanis parere praecepit, können sich nur auf die Befreiung von derjenigen Obergewalt beziehen, welche der unmittelbar vorhererwähnte Arahar über einen Teil dieses Volkes, der unter Usafer stand, beanspruchte.

Den neuen König Zizais bezeichnet wohl sein Name als Jazygen.

Die auch von Tillemont (S. 831) und Gibbon (c. 19 vor Note 48) anerkannte Tatsache, daß das von den Limiganten abgetretene Gebiet den freien Sarmaten angewiesen ward, ist zweifellos, wenngleich der Wortlaut der betreffenden Stelle Ammians XVII, 13 nicht ohne Dunkelheit ist. Namentlich können unter den: exules populos et tandem reductos in avitis sedibus collocavit, schlechterdings nur die im Jahre 334 zu den Viktofalen entflohenen domini gemeint sein.

So ward alles wohl geordnet und der Kaiser vom Heere zum zweiten Male (vom ersten Male wissen wir nichts) zum »Sarmatischen« ausgerufen (secundo Sarmaticus appellatus), was er bei glänzender Parade durch eine Lob- und Dankrede erwiderte; darauf trat er der Rückmarsch nach Sirmium an. (Ammian XVII, 13.)

Geendet aber war das Kriegsdrama damit noch nicht, vielmehr fiel dessen letzter Akt erst in das Jahr 359. (Amm. XIX, 11.)

Übertriebene Strenge beugt, aber bindet nicht. Schon im folgenden Winter begannen die Limiganten der Grenze sich wieder zu nähern, ja darüber hinauszuschweifen. Constantius rückte zuerst nordwärts an der Donau herauf, wo einzelne ihrer Scharen über das Eis gegangen sein mögen, stellte sich aber schließlich diesseits der Donau bei Aciminicum (Neusatz) auf und beschied die Sarmaten zu sich. Sie kamen auch willig, nur von Frieden und Unterwerfung redend, ja selbst zur Übersiedlung in fernes römisches Gebiet sich geneigt erklärend: doch ließ der Kaiser vorsorglich durch einen Teil der eingeschifften Truppen den Strom besetzen. Hier erneuert sich nun die vorjährige Szene nur mit dem Unterschiede, daß sofort, als der Kaiser von hohem Throne herab seine Friedensworte beginnen will, einer der Tollsten unter dem Kriegsrufe »Marrha, Marrha!« seinen Schuh nach ihm schleudert und die ganze Masse darauf mit Geheul blitzschnell auf ihn eindringt. Schon ist die Garde durchbrochen, das Waffengedränge um des Kaisers Person furchtbar, so daß er kaum noch, sich auf ein Roß werfend, mit verhängtem Zügel entfliehen kann, während die Barbaren den leeren Thron erbeuten. Wie aber das römische Heer seines Kriegsherrn Gefahr wahrnimmt, stürzt es sich auf die verräterischen Feinde und haut sie, wie Ammian wohl übertrieben sagt, alle nieder.

Damit schließt dieser Feldzug und Constantius kehrt, nachdem er den nach solchem Schlage wohl erleichterten Grenzschutz geordnet, nach Sirmium zurück. (Amm. XIX, 11.)

Wir haben aus des Constantius Leben, das sich nun seinem Ziele nähert, nur noch zwei Ereignisse ohne strenge chronologische Sonderung kurz zu berichten: den persischen Krieg und Julians Erhebung zum Kaiser.

Gegenüber Persien bestand seit 350 nur Waffenstillstand, weil Sapor anderweit beschäftigt war, nicht Friede, den Rom dringend wünschte.

Auf eine schon im Jahre 357 (Amm. XVI, 9) durch den Praefectus Praetorio des Orients angeknüpfte Unterhandlung erwiderte im Jahre 358 Sapor, der Großkönig, der Sonne und des Mondes Bruder, hochfahrend: statt des ganzen Orients bis Makedonien, seiner Ahnen Erbe, wolle er sich mit Mesopotamien und Armenien begnügen, was mit Würde zurückgewiesen ward (XVII, 5).

Sofort, noch in demselben Jahre, rüstete Sapor und eroberte Amida am Tigris.

Gleich nach dem erwähnten zweiten Feldzuge gegen die Limiganten im Jahre 359 war Constantius nach Konstantinopel gegangen, das er jedoch, teils mit Julians Erhebung, teils mit Verstärkung des Heeres beschäftigt, erst spät im Jahre 360 verlassen haben kann.

Ebenso groß als grundlos war die Furcht vor dem nächsten Feldzuge 361, weil Sapor, durch hindernde Anzeichen geschreckt, das schon am Tigris aufgestellte Heer wieder in die Heimat zurückführte, so daß er schließlich von ganz Mesopotamien nichts als Bezabda behielt.

Wir kommen nun auf Julian.

Von Konstantinopel aus sandte Constantius gegen Ende des Jahres 359 den tribunus et notarius Decentius nach Paris, Julians Winterquartier, mit dem Befehl, ihm eine Verstärkung und zwar von Elitetruppen zuzuführen. Ammian (XX, 4) schreibt dies (mit Recht D.) der Eifersucht des Kaisers gegen den jugendlichen Helden zu, dessen Ruf nur Begeisterung durch die Völker aller Zungen erscholl, so wie der geheimen Einflüsterung von des Cäsars eignem Praefectus Praetorio, Florentius, was auch Julian (ad Athen, p. 518) bestätigt.

Allerdings: Constantius bedurfte der Verstärkung gegen Sapor und Gallien war durch herrliche Siege geschützter als je zuvor seit Constantin. Daher hätte der Geschichtsschreiber den guten und lautern Grund, mag auch der unlautere vorgeherrscht haben, nicht verschweigen sollen. (Übrigens zeigte sich sehr bald, daß man den Rhein, auch nach allen Siegen Julians, nicht entblößen konnte, ohne Alemannen und Franken wieder eindringen zu sehen. D.)

Die Befehle waren direkt an Florentius und den Magister Equitum LupicinusAmmian nennt ihn XX, 1 Magister armorum, ebenda aber. c. 4, Z. 6 v. u. magister equitum. gerichtet, Julian nur nachrichtlich mitgeteilt. Der Kaiser verlangte vier Kohorten Auxilien: die Heruler, Bataver, Petulanten und Kelten und 300 Mann auserlesene Krieger aus allen Scharen. Überdies sollte Julians Stallmeister Sintula die tüchtigsten Freiwilligen aus den Scutariern und Gentilen der dortigen Garde ausheben und sofort herbeiführen. Der Cäsar fügte sich zwar, hob aber dringend hervor, daß der Marschbefehl ein schweres Unrecht gegen diejenigen Überrheinischen enthalte, welche nur unter der Bedingung, nicht jenseits der Alpen zu dienen, eingetreten seien: solcher Wortbruch werde fernerer freiwilliger Werbung hinderlich sein.

Decentius aber beharrte: und die Elitetruppen unter Sintula marschierten ab, während Julian den Aufbruch der verlangten vier Kohorten noch verzögerte, indem er die Abwesenheit des damals in Vienne beschäftigten, reglementsmäßig aber dazu notwendigen Präfekten und die des Lupicinus, der vorher mit den Herulern und Batavern nach England gesandt worden, (wohl mit Recht D.) als Hindernis anführte.

Laut murrten die abberufenen Truppen, wie das Volk: (beide mit bestem Recht D.). Jene (aus Zorn über den Vertragsbruch und D.) aus Furcht vor dem fernen ihnen unheimlichen Orient, diese wegen der Schwächung ihrer Schutzmacht. In dieser Stimmung wurden die Petulanten noch mehr durch ein anonymes Schreiben aufgewiegelt, das namentlich das Verlassen von Weib und Kind und die Gefahren dieser hervorhob, worauf sie der Cäsar durch Gestattung von deren Mitnahme und Gestellung von Wagen hiefür zu beruhigen suchte. Bei der Beratung über die Marschroute schlug Julian die Umgehung von Paris vor (unstreitig auf weiterem, beschwerlicherem Wege), während Decentius auf der über Paris bestand, was von entscheidender Wichtigkeit ward.

Bei der Ankunft der Truppen in Paris redete der Cäsar sie lobend und ermunternd an und behielt die Offiziere zu Tisch, die, mit größtem Wohlwollen aufgenommen, mit tiefem Schmerz von ihrem Helden schieden. Inzwischen schwoll die Gärung immer höher; in der Nacht (nach Julian ad Athen, p. 521 wegen des inneliegenden Rasttags erst in der zweiten) rückt die Truppe aus ihrem Lager vor den Palast und verlangt mit furchtbarem Geschrei den Cäsar. Bis gegen Morgen läßt er sie warten und redet sie dann mit herbem Tadel, aber auch wieder besänftigend an. »Das Vaterland zu verlassen, die weite Fremde fürchtet ihr. Nun wohl: so bleibt denn: ich will es bei dem so besonnenen und weisen Kaiser verantworten.«

Vergebens, der Sturm wird immer wilder; sie heben ihn auf einen Schild, rufen ihn – keine Kehle schweigt – zum »Augustus« aus, und setzen ihm, weil er nichts diademähnliches im Hause zu haben versichert, die mit Edelsteinen besetzte Kette eines Offiziers auf das Haupt.

Julian versprach ihnen ein Geschenk, zog sich aber unmittelbar darauf, tief erschüttert, in das innerste Gemach zurück, wo er sich, selbst das Dringendste nicht besorgend, den ganzen Tag über verbarg.

Abends oder Nachts berichtet ein Palastbeamter den Petulanten und Kelten, der neue Kaiser (weil er ihn wohl nicht sah) sei heimlich ermordet. Darauf stürzen sie mit gezückten Waffen in den Palast, stoßen die nächsten Wächter nieder, indes die höhern entfliehen, verlassen aber die Stelle nicht eher, bis sie den Kaiser im Amtsgewande mit seinen Räten gesehen haben.

Tags darauf beruft dieser die Heeresversammlung, der sich auch das von Sintula abgeführte, auf die Nachricht des Aufstandes aber sogleich zurückgekehrte Detachement anschließt, redet sie mit dem Preise ihrer Tapferkeit und Taten, aber auch mit der Erwartung an, daß sie ihn, wenn es dessen bedürfen sollte, auf gleiche Weise verteidigen würden und schließt mit der feierlichen Versicherung, daß er nie anders als nach Verdienst Zivil- und Militärbefehlshaber ernennen, Verwendungen aus willkürlicher Gunst aber zu ahnden wissen werde.

Letzteres zielte auf den Hauptvorwurf gegen Constantius, dessen er übrigens, während »Tyrannen« sonst immer den Gegner zu schmähen pflegten, mit keiner Silbe gedachte. (Amm. XX, 4 u. 5 und Julian ad Athen, p. 518–524.)

Also erfolgte Julians Erhebung auf den Thron.Es bedurfte der Prüfung, ob Ammians Bericht nicht vielleicht aus Julians Schreiben ad Athen., das er unzweifelhaft benutzen konnte, entnommen sei, was selbstredend dessen Glaubhaftigkeit wesentlich mindern würde. Abgesehen aber von der verschiedenartigen Darstellung, welche bei Julian nur subjektiv rechtfertigend, bei Ammian rein objektiv ist, beweisen auch die von letzterem angeführten Tatsachen, welche sich bei Julian nicht finden, wie die Bewilligung der Mitnahme der Soldatenfamilien und die Rücknahme der kaiserlichen Marschordre zur Stillung des Aufruhrs, daß derselbe eine andere und zwar spezielle Quelle benutzt haben muß.

Tillemont, der in Kenntnis der Kirchenväter unübertroffen ist, versichert (S. 863), Gregor von Nazianz und Theodoret bezeichneten Julians Erhebung geradezu als Empörung, ja Zonaras versichere, daß er die Soldaten durch die Offiziere für sich aufgewiegelt habe. Auch Theodoret und Sozomenos schienen (paroissait) Julian zu verdammen.

Was nun zuvörderst letztern, an sich nichtssagenden Anschein betrifft, so wird jeder, der die von Sozomenos angeführte Stelle (V, 1) unbefangen liest, sich sogleich überzeugen, daß hier nur eine subjektive Vermutung Tillemonts, aber keinerlei objektive Begründung derselben vorliegt.

Ein Jahrhunderte späterer Schriftsteller, wie Zonaras, dessen Unzuverlässigkeit bekannt, kann gleichzeitigen Quellen gegenüber gar nicht beachtet werden; auch Philostorgias ward, Anm. 296 als unzuverlässig anerkannt.

Dagegen erschien Gregor von Nazianz, dessen Charakteristik wir der Anm. 322 vorbehalten, als Zeitgenosse beachtungswert. In dessen vierter Rede (nach der Pariser Ausg.: Perisse frères 1842, in den ältern orat. 3) finden sich aber nur zwei hierauf bezügliche Stellen (§ 21 und 109), worin er Julians Erhebung als ανάστασις (Aufstand) bezeichnet und § 46, nach welcher er sich selbst das Diadem aufgesetzt habe. Die beiden ersten sind sonach völlig einflußlos, da die Tatsache des Aufstands zweifellos und lediglich dessen Anlaß in Frage ist, die letztere aber ist eine so allgemeine Phrase, daß sie, da Gregor keine Tatsache anführt und die Pariser Vorgänge ganz mit Stillschweigen übergeht, ebenfalls keine Rücksicht verdient.

Wollte man auf das Sprichwort: qui s'excuse s'accuse Wert legen, so würden, nächst dem Schreiben an die Athener, auch Julians Briefe (13 und 38, zum Teil auch 23) wider ihn anzuführen sein. Es liegt aber auf der Hand, daß solche Vermutungen gegen eine so spezielle, gleichzeitige und zuverlässige Quelle, wie Ammian, nicht angezogen werden können, zumal dieser auch durch die Epitom. (42, 15): hic a militibus gallicanis Augustus pronunciatur einfach bestätigt wird, während des Eutropius Worte (X, 15): Neque multo post, quum Germaniciani exercitus a Galliarum praesidio tollerentur, consensu militum Julianus Augustus factus est, zwar gewiß auch keinen andern Sinn haben, aber doch einer verschiedenen Deutung fähig sind. Hätten sich überhaupt beweisende Tatsachen für Julians Absicht und Hinterlist ergeben, die doch des Constantius Sendboten wahrnehmen mußten, so würden die ersterem so gehässigen Kirchenhistoriker sie wahrlich nicht verschwiegen haben.

Der Beiname »Apostata« hat das Andenken dieses großen Mannes in der Geschichte getrübt, das Urteil über ihn befangen. Gewiß hatte er, wie das folgende Kapitel ergeben wird, vollen und gerechten Grund zu bitterer Unzufriedenheit über Constantius: gewiß hielt ihm sein erlaubtes Selbstgefühl, vielleicht auch seine unleugbare Eitelkeit, vor, daß er dem Reich ein würdigeres Haupt sein werde als jener. Gleichwohl hat er ihm lange Zeit redliche Pflichttreue bewährt: aber allerdings nicht bis zur äußersten möglichen, sondern nur bis zu einer gewissen Grenze hin (pflichtgemäß hätte er den Tod der Krone vorziehen sollen. D.).

Einst hatte unter gleichen Umständen im Jahre 14 n. Chr. Germanicus, unter dringender Lebensgefahr (Tac. Ann. I, 36), mit Erfolg widerstanden. Daß diese, der Wildheit einer entzügelten Soldateska gegenüber, auch für Julian vorhanden war, läßt sich eben so wenig leugnen als deren Grad genau ermessen.

Daß er den Aufstand und den Purpur ganz gewiß nicht wollte, beweist vor allem der Rat, die Truppen nicht über Paris marschieren zu lassen, den Decentius, vielleicht eben nur, weil er von Julian kam, aus Mißtrauen verwarf: wie auch die tiefe Erschütterung eines verletzten Gewissens aus seinem Verhalten am Tage nach der Erhebung hervorgeht.

Doch zweifeln wir keinesweges, daß er sich nach diesen Skrupeln der Entscheidungsstunde nicht nur beruhigt, sondern auch im Stillen des Machtgewinnes später erfreut haben werde.

Von Rache gegen seine geheimen Feinde und Verräter keine Spur. Dem entwichenen Florentius sandte er seine zurückgelassene Familie auf Staatskosten nach. Nur den aus Britannien zurückberufenen Magister armorum Lupicinus mit drei Offizieren behielt er, ohne weitere Ahndung, zunächst in vorsorglicher Haft.

Den Inhalt des Schreibens, welches Julian hierauf und zwar, wie er selbst (a. a. O. p. 524) sagt, zugleich im Namen des Heeres an Constantius erließ, teilt uns Ammian (XX, 8) mit. Er erbietet sich darin unter anderm, dem Kaiser Reiter aus Spanien und Laeten zur Aufnahme unter die Gentilen und Scularier zu senden, auch einen Praefectus Praetorio von ihm anzunehmen, behält sich aber die Wahl aller andern Befehlshaber, so wie der Gardemannschaften vor und lehnt die weitere Lieferung gallischer Rekruten für den Orient aus ansprechenden Gründen ab. Unzweifelhaft auch ergibt sich hieraus, wenngleich dies nicht Ammian, sondern nur Julian selbst (ad Athen, p. 524) ausdrücklich sagt, daß er sich mit dem ihm als Cäsar bereits überwiesenen Reichsteile begnügen wolle. Auch unterzeichnete sich derselbe, nach seiner Versicherung an der eben angeführten Stelle, nur als »Cäsar«.

Diesem offenen Schreiben soll jedoch ein vertrauliches beigefügt gewesen sein, das noch Vorwürfe bitteren Tones enthalten habe.

Erst spät im Sommer 360 erreichten die überall aufgehaltenen Überbringer den Kaiser zu Cäsarea in Kappadokien. Im höchsten Grade gereizt ließ dieser die Gesandten gar nicht vor, schickte aber seinen Quästor Leonas mit der Erwiderung an Julian ab, daß er ihm nur unter der Bedingung, sich mit der Cäsarwürde zu begnügen, verzeihen werde, wobei er zugleich dessen eignen bisherigen Quästor Sebridius zum Praefectus Praetorio, aber auch andere hohe Würdenträger an dessen Hof ernannte.

Julian ließ die Antwort vor einer Heeres- und Volksversammlung verlesen, die bei der Stelle, welche ihm die Anerkennung als Augustus verweigerte, in ein furchtbares Geschrei für den von Volk und Heer erwählten Imperator ausbrach, worauf Leonas wieder abreiste, Nebridius aber als Präfekt angenommen ward. (Amm. XX, 9.)

So war der Würfel gefallen: nur das Schwert noch konnte entscheiden. Julian begab sich indes zunächst in das Winterquartier nach Vienne, wo er seine fünfjährige Regierungsfeier beging und aus Weissagungen und Träumen (Amm. XXI, 1 u. 2) des Constantius nahen Tod erkannt haben soll. Eifriger mögen politisch-militärische Erwägungen und die Wahrnehmung von des Constantius Plänen und Vorbereitungen gegen ihn denselben beschäftigt haben.

Ein unerwartetes Zwischenspiel beschleunigte die Tat.

Alemannen aus Vadomars Gau hatten plündernd Rätiens Grenze überschritten, was deren Fürsten etwas verdächtig machte, zumal dieser nebst seinem Bruder Gundomad nach dessen Tode er allein herrschte, seit 354 in einem Bündnis mit Constantius stand. Der gegen die Eingedrungenen ausgesandte Comes Libino griff sie unweit Sanctio zwei bis drei Meilen oberhalb Basel am Rhein unvorsichtig an und blieb im Beginn des Gefechtes, worauf dessen Truppe, wenn auch unter tapferem Widerstand und mäßigem Verluste, zum Rückzuge genötigt ward. Bald darauf ward ein Sendbote Vadomars, der im Rufe geheimen Verständnisses mit Constantius stand, gefangen, bei welchem sich ein Schreiben des ersteren an den Kaiser fand, worin die Worte vorkamen: »Dein »Cäsar« hat keine Zucht«, während er sonst Julian im direkten Verkehr nur »Augustus« und »Gott« nannte.

Dies hatte die Absendung des gewandten Notar Philagrius an den Rhein zur Folge mit versiegelter, nur Angesichts Vadomars diesseit des Flusses zu erbrechender Instruktion. Der Alemannenfürst, von dem Verdachte nichts ahnend, kam voll Friedenvertrauens zu Philagrius, ward aber von diesem, auf Grund des nun eröffneten Befehls, sofort verhaftet und in Julians Lager geschickt, der ihn ohne weitere Belästigung, nur um den gefährlichen Mann nicht im Rücken zu lassen, nach Spanien sandte (Julian, der Heide, war nicht blutdürstig wie der »heilige« Constantin. D.). Darauf ging derselbe mit größter Beschleunigung in der Stille der Nacht über den Rhein, dem er sich schon sehr genähert haben mochte, und überfiel jene Alemannen so überraschend, daß deren mehrere niedergehauen wurden, andere sich samt ihrer Beute ergeben mußten, die übrigen auf ihr Bitten Frieden empfingen. (Anm. XXI, 14.)

Die Entscheidungsstunde schlug. Kräftigen Worts (Amm. XXI, 5) sprach der neue Kaiser zum Heere: »Sein Rat und Wille sei, in das schwachbesetzte Illyricum vorzurücken und an Dakiens Grenze über das Weitere Beschluß zu fassen. Darauf ihm den Eid treuen Gehorsams zu leisten, vor allem aber sich nie an Privateigentum zu vergreifen, bitte er sie: denn nicht der Feinde Niederlage, sondern des Landes Schonung sei des Kriegers höchster Ruhm.«

In wildem Zustimmungsjubel und Schildgetöse schworen zuerst die Soldaten, dann die Offiziere Treue. Nebridius allein, der Präfekt, weigerte, durch den alten Eid an Constantius gebunden, den neuen zu leisten – ein seltenes Beispiel würdiger Gesinnung in schlechter Zeit. Sofort wollten ihn die Nächststehenden niederstoßen: Julian aber deckte ihn selbst mit seinem Kriegsmantel und entließ ihn ungehindert in seine Heimat nach Tuscien.

Nach schleuniger Ordnung des Notwendigsten, wobei dem an des Nebridius Stelle zum Präfekten ernannten Sallust Galliens Hut übertragen ward, erfolgte der Aufbruch in drei Corps. Das erste, von Julian selbst geführt, zog gerade durch den Schwarzwald und Alemannien unstreitig auf der Straße über Rotweil nördlich der Donau, deren obere Strecke damals jedoch sicherlich nicht mehr in römischem Besitz war, an die Donau.

Das zweite unter dem neuen Magister equitum, Nevitta, schlug die Straße südlich des Bodensees über Bregenz ein, was in den Quellen nicht genau angegeben, aber unzweifelhaft ist. Das dritte unter Jovinus marschierte über den Mont Cenis nach Italien.

Über Marschzeit und Heeresstärke gibt uns nicht Ammian, sondern nur Zosimus Kunde, der jene (III, 10) erst in den Sommer versetzt, wofür wir jedoch, zumal die Angabe etwas vage ist, spätestens den Monat Mai annehmen möchten. Vor Wien unstreitig schiffte Julian sich mit 3000 Mann ein und ließ 20 000 zu Land nach Sirmium marschieren, welche jedoch nur aus dem Reste des ersten und dem ganzen zweiten Corps bestanden haben können.Es ist nicht denkbar, daß Julian vom Rhein aus nur mit 3000 Mann seinen Marsch, noch dazu quer durch alemannisches Gebiet, angetreten haben solle.

Vermutlich fand er aber an der Donau, etwa bei Lanliacum (Lorch), wo eine Donauflottille stationiert war (s. Not. dign. II, p. 251), nur für 3000 Mann Schiffe, ließ daher den Rest seiner Truppen zurück, um sie dem zweiten Corps anzuschließen, dessen Marschlinie bei Regensburg ebenfalls an die Donau führte. Jedes der drei Corps dürfte kaum unter 10 000 Mann stark gewesen sein, was den 20 000 des Zosimus entsprechen dürfte, wenn sich dessen Nachricht nur auf das zweite und dritte beziehen sollte, was nicht unwahrscheinlich ist. Jedenfalls war sein Gesamtheer, denen Illyricums und des Orients gegenüber, ein ungemein schwaches, was sich durch die Notwendigkeit der Bewachung Galliens durch angemessene Streitkräfte erklärt.

Mit Blitzesschnelle traf Julian schon am Abend des elften Tages zu Bononia etwa vier Meilen von Sirmium ein, was bei achtzig bis hundert Meilen Weges nach dem schnellen Laufe der Donau nicht unmöglich scheint, und sandte, obwohl das Landheer noch weit zurück gewesen sein muß, noch in derselben Nacht den Dagalaif, Obersten der Leibwächter, nach Sirmium ab, wo der nichtsahnende Militärbefehlshaber Lucillianus (nach der Inhaltsanzeige zu Buch XXI, Kap. 9 Befehlshaber der Reiterei) im Schlaf überfallen und gefangen zu Julian geführt wurde, der nun sogleich vor Sirmium rückte, wo ihm Volk und Truppen bekränzend und glückwünschend entgegenkamen.

So war mit einem einzigen Marsche, der durch seine Kühnheit an den großen Cäsar erinnert, der erste wichtige Akt des Krieges glorreich und ohne Blutvergießen vollbracht. Gleicher Weise ward auch Italien gewonnen, da die Konsuln des Jahres, Taurus und FlorentiusFlorentius war der in Folge von Julians Erhebung entwichene Präfekt Galliens, der vorher nach Amm. XXI, 6 zum Praefectus Praetorio Illyricums ernannt worden war, welche Stelle während dessen Berufung zum Konsulat vielleicht durch Lucillianus als Propräfect verwaltet ward. (Amm. XXI, 9.), des Constantius treue Anhänger, auf die bloße Kunde des anziehenden Heeres aus Rom flohen, was das Aufgeben von ganz Italien außer Zweifel setzt, wie denn auch sogar Sizilien (nach Amm. XXI, 7) von Julian besetzt ward.

Ohne Schwertstreich bemächtigte er sich hierauf der wichtigen Pässe von Succi an der Grenze Niedermösiens und Thrakiens (jetzt Serbiens und Rumeliens zwischen Sofia und Philippopel) und harrte nunmehr zu Naissus der weiteren Schritte des Gegners.

Hier ernannte er unter andern den von uns vorstehend so oft angeführten Geschichtsschreiber Aurelius Victor zum Gouverneur von Nieder-Pannonien und erließ Rechtfertigungs-Manifeste und Schreiben an die Heere, Provinzen und verschiedene Städte, von denen das an Senat und Volk der Athener uns erhalten ist. Ruhig und einfach, zwar ohne Schonung, aber auch ohne Schmähung entwickelt er darin des Constantius ganzes Verhalten wider ihn, von seines Vaters und seines ganzen Hauses Ermordung im Jahre 337 an bis zu jener durchaus unfreiwilligen Erhebung zum Cäsar und der neuerlichen Verweigerung eines billigen Friedens. Mit politischem Geschick verfaßt macht dies Aktenstück im Wesentlichen den Eindruck treuer Wahrheitsliebe, was auch Julians Geist entspricht und durch Ammian bestätigt wird.

Dagegen muß der gleichmäßige Erlaß an den Senat zu Rom, der in diesem den Ausruf: »wir bitten Dich doch um Ehrfurcht gegen Deinen Wohltäter« hervorrief, gegen des Constantius Politik im Allgemeinen gerichtet und in härteren Ausdrücken abgefaßt gewesen sein, da Ammian selbst wenigstens eine Stelle desselben tadelt. (Amm. XXI, 10: aber nur den wider Constantin gerichteten Vorwurf. D.)

Bei so heiterem Himmel zog sich plötzlich ganz unerwartet ein gefahrdrohendes Ungewitter zusammen. Julian hatte zwei Legionen seines Gegners nebst einem Bataillon Bogenschützen von Sirmium nach Gallien gesandt, teils weil er ihnen nicht traute, teils um das dortige Heer zu verstärken. Darüber unzufrieden gaben sie sich der Aufwiegelung eines aus Mesopotamien gebürtigen Schwadronskommandanten Nigrinus hin, bemächtigten sich auf dem Marsch des festen Aquileja, wo das gemeine Volk für Constantius war, und suchten von da aus das italische Nachbarland ebenfalls für diesen zurückzugewinnen.

Diese Erhebung im Rücken, welche ganz Italien von Julian abschnitt, war an sich schon, weit mehr aber noch im Falle eines künftigen Angriffs durch Constantius in der Fronte höchst gefährlich, weshalb Julian das bereits in Noricum angelangte dritte Corps unter Jovinus, den er zum General der Reiterei ernannt haben muß, sogleich nach Aquileja zurücksandte. So nachdrücklich dieser aber auch Belagerung und Sturm betrieb, so hatte er doch eben so wenig Erfolg wie einst Maximin vor diesem Platze.

Die Kunde von Julians Vordringen bis Sirmium mag den über 200 Meilen davon entfernten Constantius um dieselbe Zeit erreicht haben, als er sich durch Sapors Rückzug von der Perser-Gefahr erlöst sah. Sofort von Edessa aufbrechend forderte er zu Hierapolis auf dem Wege nach Antiochien das versammelte Heer zu kräftiger Unterstützung wider den undankbaren Empörer auf, was freudige Zustimmung fand. Nachdem er sogleich leichte Truppen, zum Teil zu Wagen, vorausgeschickt, verließ er, von bösen Anzeichen und Träumen beängstigt, Ende Oktober Antiochien, erlitt schon zu Tarsus in Kilikien einen leichten Fieberanfall, erreichte zwar noch das wenige Meilen entfernte Mopsukrene am Fuß des Taurus, ward aber hier von einem so schweren hitzigen Fieber ergriffen, daß er bald darauf, am 3. November, verschied, im fünfundvierzigsten Alters- und fünfundzwanzigsten Regierungsjahre (von 337 an).

Seine würdige zweite Gemahlin Eusebia war ihm im Jahre 359 oder 360 vorausgegangen, die dritte, Faustina, mit der er sich Anfangs 361 vermählt hatte, genas nach seinem Tod einer Tochter, welche später als Gratians Gemahlin den Thron bestieg.

Nach den Kirchenvätern (s. die bei Tillemont p. 880/6 gesammelten Stellen) soll er vor seinem Ende durch einen arianischen Bischof die Taufe empfangen haben.

Daß er selbst Julian letztwillig zu seinem Nachfolger ernannt, erwähnt Ammian zuerst (XXI, 15) zwar nur als unverbürgtes Gerücht, später (XXII, 2) aber als amtliche Versicherung der Abgeordneten. Jedenfalls scheinen die Ersten des Hofes und Heeres, der Intrigen des Oberkammerherrn Eusebius für eine andere Wahl unerachtet, sofort entschieden gewesen zu sein und sandten deshalb die Comites Theolaif und Aligulf, Germanen, sogleich mit der Anzeige des Todesfalls und der Unterwerfungswilligkeit des Orients an Julian ab.

Des Constantius Charakteristik widmet Ammian (XXI, 16) mehrere Seiten. Er hatte gute geistige und körperliche Anlagen, die sorgfältig ausgebildet waren. Meister jeder sinnlichen Begier zeichnete er sich durch Mäßigkeit und Keuschheit aus. Die Ordnungsliebe trieb er bis zur Pedanterie, den Kultus der Majestät bis zu äußerster Steifheit. Popularität verschmähte er, duldete keinerlei Anmaßung und Überhebung, namentlich der Soldaten, wahrte auch sorgsam gute Ordnung im Staatsdienste, namentlich im Beförderungswesen. Er verstand sich auf milde und einnehmende Rede, wußte sie mit großem Geschick anzuwenden. Die Treue vieler seiner Diener bürgt für eine gewinnende Behandlung derselben. Er war kein Held, aber gewiß nicht gerade feig und auch im Kriege richtigen Blickes.

Das war des Stoffes genug, um, wo nicht einen großen, doch einen guten und tüchtigen Herrscher zu bilden.

Aber dafür ist nicht das Talent, sondern der Charakter entscheidend.

Und darin lag des Constantius Unheil. Er war schwach, kleinlich, furchtsam (maßlos eifersüchtig und argwöhnisch D.). Verdorben durch frühzeitige Schmeichelei gab er sich besonders zwei höchst verderblichen Richtungen hin. Glaubte er bei irgend jemand, sagt Ammian a. a. O., selbst auf leichten, ja falschen Verdacht hin, Herrschaftsgelüste zu wittern, so wütete er, Recht und Unrecht gleich achtend, unmenschlicher als Caligula, Domitian und Commodus –: das ist viel gesagt.

Die kindische Furcht vor Nachstellungen hatte er mit Tiberius, besonders in dessen letzter Zeit, gemein: dieser aber, dem überdies die Schwäche des Greisenalters und ein namenlos tragisches Schicksal zu einiger Entschuldigung gereichten, strafte doch nur nach Urteil und Recht, wenn er auch dies meist zu lenken wußte, während Constantius die formloseste Willkür übte.

Nachteiliger noch für das Gemeinwesen war seine Hingabe an Eusebius und dessen unwürdige Genossen. Nicht an Geisteskraft zur Selbstbestimmung jedoch, die er in großen Augenblicken bewährt hatte, sondern nur an Willen dazu gebrach es Constantius; es war ihm bequemer geführt zu werden als zu führen. Nur hätte er eine schlechtere Wahl nicht treffen können. Alleinherrschaft und Bereicherung waren die Losung der Camarilla, darum nur unterwürfige Kreaturen von ihr geduldet, Verdienst und Tüchtigkeit verhaßt und verfehmt. Aus dieser trüben Quelle entsprang die Schmach und das Unglück der Perserkriege in den Jahren 359 und 360.

Anziehend ist Ammians Urteil über des Constantius christliches Wirken, das frei übersetztDie Stelle lautet: Christianam religionem absolutam et simplicem anili superstitione confundens: in qua scrutanda perplexius, quam componenda gravius excitavit discidia plurima. etwa so lautet: »Indem er die festen und einfachen Lehren des Christentums mit dem Aberglauben eines alten Weibes durcheinander warf und mehr verwirrend darüber grübelte als mit besonnenem Ernste ordnete, rief er vielfache Streitigkeiten hervor.«

Wohl darf auch der christliche Fürst den Lauf des Rechts gegen Hochverräter nicht hemmen noch um der fünften Bitte willen das Begnadigungsrecht gegen seine Schuldiger rücksichtslos üben. Wenn es aber eben nicht die Justiz, sondern nur persönliche Willkür ist, welche ihn aus Furcht, Haß, Rachsucht zu blutdürstiger Verfolgung auf die frivolsten Verdachtsgründe hin fortreißt, so kann von irgendwelchem wahren Christentume solches Fürsten und seiner Ratgeber nicht die Rede sein. Und doch waren gewiß auch letztere, wenigstens dem Namen nach, alle dem neuen Glauben zugetan.

Das Empörendste in des Constantius Regierung ist die Freisprechung, ja Belohnung jenes Dynamius und seiner Genossen, die, nach Entdeckung der niederträchtigsten Büberei, nur um deswillen erfolgte, weil er die Schuldigen für vorzüglich geschickte und nützliche Spürhunde hielt.

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