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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 37
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Die erste öffentliche Kundgebung desselben für das Christentum war das in Gemeinschaft mit Licinius im Juni 313 zu Mailand erlassene Edikt, das sowohl in Lactantius (c. 48), als bei Eusebius (K.-G. X, 5) im Wesentlichen gleichlautend mitgeteilt ist.

Wie das frühere des Galerius vom Jahre 311 ein Gesetz heidnischer Herrscher war, das nur aus Billigkeit und Politik Duldung des Christentums aussprach, so stellt sich dies als ein Akt neutraler, d. i. für keinen der beiden Kulte persönlich Partei nehmender Monarchen dar, wodurch so Christen als Heiden volle Religions- und Gewissensfreiheit gewährt wurde. Indem jedoch darin der neue Glaube der alten Staatsreligion gleichgestellt, ja sogar zuerst genannt wurde, ferner den Christen die Rückgabe der ihnen durch Diokletians Edikt vom Jahre 303 genommenen Versammlungsorte (Kirchen) und Gemeindegrundstücke zugesichert wurde, wofür den berechtigten Inhabern derselben übrigens Entschädigung aus Gnaden verheißen ward, kann man in diesem Edikte allerdings etwas mehr als bloße Duldung, ja gewissermaßen schon eine gesetzliche Anerkennung des Christentums erblicken.

Hieran schließen sich nun als dritter Akt der Gesetzgebung die im Jahre 324 nach des Licinius Sturz ergangenen Erlasse Constantins, von denen der erste (Eusebius V. C. II, 24–42) als ein Rundschreiben an die Heiden, der zweite (II, 48–60) als ein in Gesetzesform abgefaßtes Manifest an die Völker des Orients bezeichnet wird.

Hier ist das Verhältnis gerade das Umgekehrte des Edikts von 311: das Christentum wird darin als die allein wahre Religion, das Heidentum für Irrwahn erklärt, letzterem jedoch (c. 56) volle Duldung zugesichert. »Um den Frieden im Volke vollkommen zu erhalten, gestatte ich, daß diejenigen, welche noch in den Irrtümern des Heidentums befangen sind, derselben Ruhe sich erfreuen wie die Gläubigen. Mögen diejenigen, welche sich dem Gehorsam gegen Gott entziehen, ihre der Lüge geweihten Tempel behalten, weil sie es so wollen« usw.

Von diesem Jahre an kann man das Christentum als die Staatsreligion des Reiches bezeichnen.

Die Begünstigungen, welche die Kirche im Abendlande bereits wirklich genoß, wurden nun auch auf den Orient ausgedehnt, in welchem das Edikt vom Jahre 313 unter Licinius teils nicht vollständig ausgeführt, teils wieder rückgängig gemacht worden war.

Eine lange Reihe von Eusebius und sonst berichteten Regierungsakten Constantins vom Jahre 312 ab kennzeichnet unzweifelhaft dessen Politik in kirchlichen Dingen.

Den Frieden in der durch heftige, oft blutige Spaltungen zerrissenen Kirche wieder herzustellen und zu erhalten, war sein erstes Bestreben, wozu das in Afrika, als es nach des Maxentius Sturz ihm zufiel, ausgebrochene Schisma den ersten Anlaß bot. Dazu dienten sorgfältige Erörterung, versöhnlicher weiser Zuspruch, Berufung von Konzilien zur Vermittlung und Entscheidung; wo dieses alles aber nicht ausreichte, Einschreiten des Staatsgewalt durch Verbannung der Widerspenstigen. Ungleich wichtiger ward die durch den Presbyter Arius zu Alexandrien um 318 oder 319 in die christliche Kirche geschleuderte Brandfackel, deren wir, der weltgeschichtlichen Wichtigkeit dieser Glaubensspaltung halber, im Anhange zu diesem Kapitel besonders zu gedenken haben.

Die christliche Kirche, durch etwa 1800 Bischöfe vertreten, ward als Korporation anerkannt, indem man ihr die Fähigkeit, Erbschaften zu erwerben (C. Theod. XVI, 2, 4), ja sogar ein beschränktes Erbrecht am Nachlaß von Märtyrern (Euseb. V. C. II, 21 u. 37), die Vollstreckung bischöflicher Erkenntnisse in Kompromißfällen der Parteien durch den weltlichen Richter (Sozomenos I, 9), sowie die Befreiung der Geistlichen von den so lästigen Munizipalämtern, ja in beschränktem Maße selbst von der Gewerbesteuer (Cod. Theod. XVI, 2, 2 u. 7) bewilligte.

Auch reiche Geldspenden gewährte die kaiserliche Freigebigkeit, namentlich für Kirchenbau: ja in Jerusalem, Nikomedien, Antiochien, Konstantinopel und sonst wurden die prachtvollsten durch den Kaiser selbst erbaut (Euseb. K.-G. X, 6 u. V. C. II, 45; III, 30 u. 50.)

Die Heiligung des Sabbats ward geboten und in den Heeren ein gemeinsames Gebet eingeführt, welches freilich seinem rein deistischen Inhalte nach zugleich auf die Heiden berechnet war. (Euseb. V. C. IV, 19 u. 20.) Die Gladiatorenspiele wurden wenigstens im Orient, wiewohl nur aus allgemeinen polizeilichen Gründen, als blutig und grausam verboten. (Cod. Theod. XV, 12, 1 vom Jahre 325.)

Mit besonderer Huld und gleicher politischer Klugheit suchte Constantin die Bischöfe zu gewinnen, gewiß, mit den Hirten zugleich die Herden sich treuergeben zu machen. Darum wählte er erstere vorzugsweise zu Gesellschaftern, Tischgenossen und Reisebegleitern. Daß er sich auch in der christlichen Religion unterrichten ließ, unterliegt keinem Zweifel, wenngleich des Eusebius Angabe (V. C. I, 32), daß er sofort nach jener Vision Katechumene geworden sei, wie dies mindestens die Überschrift: όπως κατηχηθεὶς Κωνσταντι̃νος anzudeuten scheint, nur mit Vorsicht aufzunehmen ist.Es ist wichtig, daß jenes angebliche Verbot (II, 45) vor letzterem Edikt erwähnt wird, daher mit diesem späteren unmöglich in Widerspruch stehen kann. Es ist aber auch Eusebius wohl zuzutrauen, daß er den in ersterem gebrauchten zweideutigen Ausdruck είργων, der gewöhnlich zwar verbieten bezeichnet, sich aber auch auf ein bloßes Abhalten durch Abmahnung beziehen läßt, mit Absicht gewählt habe.

Besonders gefiel er sich im Anhören und Halten theologischer Reden. Die seinigen bezweckten vor allem die Bekehrung seiner noch heidnischen Umgebungen und sicherlich fand seine große Eitelkeit in dieser vermeintlich apostolischen Wirksamkeit besondere Befriedigung. (Euseb. V. C. IV, 29.) Ob die von Eusebius uns erhaltene an die Versammlung der Heiligen (ad sanctum coetum IV, 32) in ihrer jetzigen Fassung echt sei, was stark bezweifelt wird, wagen wir nicht zu entscheiden, halten sie jedoch jedenfalls bei deren Übersetzung aus dem Lateinischen für mehr oder minder überarbeitet.

Wer möchte nach dem zuletzt Angeführten noch zweifeln, daß Constantin ein wahrer, treuer, glaubenseifriger Christ gewesen sei? Und doch ist dies – im Wesentlichen seines christlichen Lobredners Schilderung – nur eine Seite des Bildes.

Betrachten wir nun die andere.

Dabei ist vor allem dessen Verhalten gegen das Heidentum ganz außer acht zu lassen: einmal, weil dabei Herrscherpflicht und Politik einschlugen: zweitens aber auch, weil die christlichen und heidnischen Quellen hier wieder ganz auseinander gehen. Nach zwei Stellen des Eusebius (V. C. II, 45 u. IV, 23) könnte man ein allgemeines Verbot des Götterdienstes durch Constantin annehmen.

Wir vermeiden eine erschöpfende Widerlegung und bemerken, abgesehen von der oben schon erwähnten Beraubung heidnischer Tempel zur Ausschmückung von Konstantinopel, wodurch der Kultus nicht behindert ward, nur kurz, daß diesem Anführen nur zweierlei zu Grunde liegen kann: 1) allgemeine Abmahnung vom Heidentume, wie sich solche ja schon in dem 2. Buch, 14. Kap. angezogenen Edikte an die Orientalen (Euseb. V. C. II, 56) ausspricht, und 2) die Unterdrückung von einzelnen unzüchtigen Kulten, wie des zu Aphaca und Heliopolis (Euseb. III, 55, 56 u. 58), der Privatopfer und Haruspicien, auch wohl sonstiger Mißbräuche.

Entscheidend ist für diese Frage nämlich der Gegenbeweis der unzweifelhaften Fortdauer des heidnischen Kultus unter Constantin. Dieser ergibt sich a) vor allem aus folgenden im Cod. Theodos. enthaltenen Verordnungen:

1) und 2) IX, 16 de maleficis I. 1 u. 2, beide vom Jahre 319.

3) Ebendaselbst I. 3 vom Jahre 321.

Nach diesen werden nur die Privatharuspicien, nicht aber die öffentlichen und die incantationes, d. i. die Zaubereien, nur für unerlaubte Zwecke, nicht aber für erlaubte, z. B. Abwendung von Unwettern verboten.

4) XVI, 16 de paganis, sacrificiis et templis I. 1 vom Jahre 321, welche nur Opfer und Eingeweideschau in den Häusern (sacrificia privata), nicht aber in den Tempeln untersagt.

5) und 6) XII, 1 de Decurionibus I. 21 vom Jahre 335 und ebenda J. S. quemadmodum munera civilia. I. 2, P. P. XII. Kal. Jun. Karthag.P. P. d. i. proposita bezeichnet die zu Karthago am 18. Mai erfolgte Publikation. Die Erlassung durch den Kaiser dürfte daher schon im April erfolgt sein. 337.

Durch letztere wird denjenigen, welche ein heidnisches Priesteramt bekleidet hatten oder als lebenslängliche (perpetui) Flamines noch angestellt waren, das Vorrecht der Befreiung von gewissen lästigen Kommunalämtern ausdrücklich aufrecht erhalten.

Letztere Verordnungen sind besonders wichtig durch die späte Zeit der Erlassung und dadurch entscheidend, daß, nach gesetzlicher Unterdrückung alles Götzendienstes, Flamines perpetui nicht mehr denkbar gewesen wären.

b) Die Nachricht des Zosimus, daß Constantin in der neuen Hauptstadt drei heidnische Tempel erbaut habe, wird zwar durch dessen Gehässigkeit verdächtigt, er muß aber dieselbe doch aus einer gleichzeitigen Quelle entnommen haben, von der es beinahe undenkbar ist, daß sie eine Tatsache, welche Millionen Menschen bekannt gewesen sein muß, willkürlich habe erdichten können.

Auch bestätigt Malalas – ein freilich wenig zuverlässiger Schriftsteller des sechsten oder siebenten Jahrhunderts – die Existenz dreier heidnischer Tempel in Konstantinopel, welche schon früher vorhanden, von Constantin ihrer Einkünfte beraubt, aber beibehalten worden seien, daher nicht die von Zosimus erwähnten gewesen sein können.

c) Der christliche Firmicus fordert in seiner Schrift: de errore profanar. religionum, die (nach der Ausg. von Munter, Kopenh. 1816, Vorr., S. IX) zwischen 343 und 350, wahrscheinlich 348, verfaßt ist Kap. 17, S. 65 u. 30, S. 119), Constantins Söhne in den heftigsten Ausdrücken zu gewaltsamer Zerstörung des Götzendienstes auf, was also durch den Vater noch nicht geschehen sein kann.

Diesem allem steht ein einziger beachtungswerter Zweifel entgegen: das von Constans im Jahre 341 für Italien erlassene allgemeine Verbot des Götterdienstes – das erste dieser Art –, worin auf ein schon von dessen göttlichem Vater erlassenes Gesetz Bezug genommen wird. (Cod. Theod. XVI, 10, l. 2.) Wirklich hat dies auch J. Gothofredus in seinem Kommentar (Teil VI, p. 290) zu der Annahme bestimmt, daß ein ähnliches Gesetz schon von Constantin dem Großen, wiewohl nur in der allerletzten Zeit seiner Regierung, d. i. etwa von 335 ab, wirklich ergangen sei.

Wir halten jedoch diese Ansicht, so gewagt es auch scheint, einer solchen Autorität zu widersprechen, aus den in der Anm.Dies Gesetz würde mit dem im Codex Theodos. XII, 1, 1. 2 (aus dem letzten Lebensmonate Constantins) völlig unvereinbar sein. Auch ist es fast undenkbar, daß die Sammler des Theodosianischen Codex, welche so unbedeutende Spezialverordnungen aufgenommen haben, ein so wichtiges allgemeines Gesetz übergangen haben sollten. Constantin hatte aber allerdings die so gewöhnlichen Sacrifica privata überhaupt und die publica in gewissen Tempeln untersagt. Indem nun dessen Nachfolger ein allgemeines Verbot der heidnischen Opfer erließ, war das partielle seines Vorgängers darin mit inbegriffen, konnte daher auch in dessen Gesetze, so im Allgemeinen, wie dies geschieht, füglich mit erwähnt werden. entwickelten Gründen für durchaus irrig.

Wären aber auch alle diese Beweise für unsere Meinung nicht vorhanden, so würde es doch schon von Constantins hoher Regierungsklugheit, ja selbst von dessen, wo nicht seine persönliche Leidenschaft, namentlich die Herrschsucht, einschlug, nicht zu bezweifelnder Gerechtigkeitsliebe, noch mehr aber von seiner Klugheit, gar nicht zu erwarten gewesen sein, daß er, im Widerspruch mit der feierlich zugesicherten Gewissensfreiheit, die Mehrzahl seiner Untertanen durch gewaltsame Unterdrückung ihres Kultus wider sich aufgeregt haben werde.

Wir haben bisher nur vom Herrscher gehandelt: wir wenden uns nun zu der Person Constantins, und zwar, an das Vorige knüpfend, zunächst zu dessen, von seinem Lobredner so hoch gepriesenen Christentume. Dazu soll er sich nun, nach diesem, schon früh, d. i. 311 bis 313, bekehrt haben.

Was kennzeichnet nun aber eine Bekehrung zu Christo? Die Wiedergeburt, die Erneuerung von Geist und Herz. »Darum, sagt der Apostel (2. Cor. 5, 17), ist jemand in Christo, so ist er eine völlig neue Kreatur; das Alte ist vergangen, siehe: es ist alles neu geworden.«

Mag dies der Schwachheit menschlicher Natur in den meisten Fällen unerreichbar geblieben sein, so mußte doch mindestens die Erkenntnis des Bedürfnisses und ein Streben nach christlicher Erneuerung vorhanden sein, wenn man überhaupt von einer innerlichen Bekehrung sprechen wollte.

Davon aber findet sich bei Constantin keine Spur, auch nicht die leiseste, ja wir müssen Gibbon darin vollkommen beipflichten, wenn er (Kap. 20 vor Not. 69) sagt: »je mehr derselbe in der Kenntnis der Heilswahrheiten vorschritt, um so weniger übte er deren Vorschriften«, drücken dies aber schärfer so aus: je christlicher der Herrscher, um so sündhafter wurde der Mensch. Fällt doch das Konzil von Nikäa im Jahre 325, in welchem der Kaiser den Vorsitz führte, nach des Licinius Tötung und vor jenen entsetzlichen Hausmord im Jahre 326.

Auch stimmen alle unbefangenen Profanschriftsteller (Eutrop X, 7; Aur. Vict. 40, 15 u. Epitom. 41, 16) darin überein, daß Constantin im Anfange seiner Regierung, namentlich in den ersten zehn Jahren, weit besser und edler war, als in der spätern Zeit derselben.

Blieb aber auch das Herz verstockt, so fand doch dessen Geist vielleicht volle Genüge in den Heilswahrheiten des Christentums?

Leider war auch dies nicht der Fall, wie dessen merkwürdiges Verhältnis zu dem Neuplatoniker Sopater außer Zweifel setzt, das uns vor allem aus des Eunapius (gebl. 344–346) Leben der Philosophen und Sophisten (in Aedesio, Ausg. v. Boissonade, Amsterdam 1822, S. 21), ferner aus Zosimus (II, 40), Lydus (de mensitus und zwar de Jano), Suidas (s. v. Sopater), daneben aber auch aus Sozomenos (I, 5) genau bekannt wird.

Der heidnische Philosoph muß eine höchst bedeutende Persönlichkeit gewesen sein. Mag Eunapius, der ihn zu Constantin eilen läßt, um dessen tyrannische Richtung (hier ist wohl die Begünstigung des Christentums gemeint) umzuwandeln, übertrieben haben, wenn er ihn als dessen Beisitzer, und zwar zur Rechten, bei öffentlichen Gelegenheiten bezeichnet, so nennt doch auch der christliche Lydus ihn Mitarbeiter bei Konstantinopels Erbauung: jedenfalls ist an dessen großem Einfluß auf den Kaiser schon um deswillen nicht zu zweifeln, weil er schließlich durch eine Intrige der Vornehmsten in Staat und Hof, namentlich des Praefectus Praetorio Ablavius, gestürzt und auf Constantins Befehl getötet ward. (Eunapius, Zosimus und Suidas a. a. O.)

Daß Suidas letzterem hierbei das Motiv unterlegt: um zu beweisen, daß er in der Religion nicht mehr heidnisch gesinnt sei, läßt sich, ganz abgesehen davon, daß dieser Schriftsteller erst dem elften oder zwölften Jahrhundert angehört, mit obigem wohl vereinigen, da Sopaters Feinde auch das religiöse Moment gegen ihn geltend gemacht haben mögen.

Selbstredend aber konnte ein Herrscher, der auch nur christlich dachte, sich, und zwar gerade in der letzten Zeit seiner Regierung, einem langjährigen innigen Verkehr mit einem heidnischen Philosophen nicht hingeben. Gesteht doch auch Sozomenos (I, 18) selbst, daß Constantin zu Byzanz dergleichen Philosophen den Zutritt gestattete und deren Philippiken gegen das Christentum anhörte.

Einzuschalten ist hierbei übrigens, daß es ein abgeschmacktes, von dem Haß der Heiden erdichtetes Märchen ist, wenn sie den Beweggrund zu Constantins Konversion daraus ableiten, daß der Heide Sopater jede Absolution desselben von der Sünde des Hausmords als unmöglich dargestellt habe, diese aber von den christlichen Bischöfen willig gewährt worden sei.

Dies wird schon von Sozomenos, der ihm natürlich widerspricht (I, 5), etwa sechzig bis siebzig Jahre nachher, erwähnt und von dem spätern Zosimus (I, 40) wiederholt, bedarf aber in der Tat keiner Widerlegung.Die schlagendste Widerlegung liegt in dem zwei Jahre vorher schon erlassenen Edikte vom Jahre 324.

Endlich ist über Constantins Kundgebung seiner christlichen Gesinnung noch einer Gattung von Quellen, und zwar der zuverlässigsten aller, der Münzen, zu gedenken.

Ältere, kirchlich befangene Schriftsteller haben auch hieraus, namentlich durch falsche und unleserliche Inschriften irregeleitet, Gründe für Constantins Christentum entlehnt, wie dergleichen noch von Gibbon zitiert werden.

In der Tat ist aber die alte Münzkunde erst durch Eckhels klassisches Werk festgestellt worden, der über die angeblichen christlichen Münzen Constantins (Th. VIII, besonders p. 88 u. 89) so gründlich als überzeugend handelt.

Nicht hierauf allein aber, sondern auf die Monographie, die unter der Überschrift: Medailles de Constantin et de ses fils, portants des signes du christianisme von Fenardent in der von Mitgliedern der französischen Akademie herausgegebenen Revue numismatique, T. I, Paris 1856, p. 247 u. ff. abgedruckt ist, beziehen wir uns, weil diese nicht allein die älteren Werke, sondern auch Eckhel, dem sie im Wesentlichen beipflichtet, benutzt hat.

Nach dieser befinden sich unter den zahlreichen, von Constantin uns erhaltenen Münzen, deren erst neuerlich an einem Orte allein 5000 bis 6000 Stück gefunden worden sind (p. 247), nur sechs mit christlicher Bezeichnung, welche nebst noch einer von Constantius auf der Kupfertafel VII abgebildet sind. Von diesen sollen jedoch nur drei mit Sicherheit für echt zu erklären sein.

Diese sind nun alle in Konstantinopel, also nicht vor 330, geprägt. Der Verfasser vermutet, dies sei bei Gelegenheit der Reichsteilung im Jahre 335 mit der Absicht, diese dadurch zu heiligen, geschehen.

Die christliche Bezeichnung besteht bei allen, die verdächtigen und die des Sohnes eingeschlossen, lediglich in dem Monogramm. Dies befindet sich bei den meisten auf einem zwischen zwei Soldaten in der aus der angefügten NachbildungDiese hat die doppelte Größe des Originals. ersichtlichen Form aufgestellten Feldzeichen, bei zweien derselben aber isoliert auf dem Felde der Münze.

Wichtig ist dabei, daß sich bei diesem Feldzeichen, welches unzweifelhaft das Labarum vorstellen soll, keinerlei Spur von Kreuzesform findet. Mag auch hierbei die Kreuzung durch die Fahnenstange nur aus Raumersparnis weggelassen worden sein, so scheint sich doch daraus zu ergeben, daß eben nur jenes Monogramm, nicht aber das Kreuz als das Entscheidende betrachtet worden sei.

Neben so wenigen christlichen finden sich dagegen zahlreiche Münzen Constantins mit heidnischen Beziehungen auf Jupiter, Mars und Herkules, besonders häufig aber auf den Sonnengott mit strahlendem Haupte, soli invicto comiti, und auf den Genius populi Romani.

Die Zeit derselben läßt sich allerdings nur für diejenigen, auf welchen auch Crispus und Constantin der Jüngere als Cäsaren mit dem Sonnengotte vorkommen, auf 317 bis 326 bestimmen, und Eckhel kann vielleicht Recht haben, wenn er (p. 79) annimmt, daß dergleichen nach des Licinius Besiegung, d. i. vom Jahre 324 an, nicht weiter geprägt worden seien. Indes ist bei den Münzen aus Constantins Periode eine sichere Zeitbestimmung, weil die frühern gewöhnlichen Angaben dafür fast immer fehlen, überhaupt nicht mehr möglich und die ungemeine Menge der mit soli invicto comiti überschriebenen gestattet wohl einen Zweifel gegen Eckhels Ansicht.

Gleichwohl halten wir Burkhardts Behauptung (S. 391), daß unter fünf Münzen Constantins dergleichen wohl vier vorkämen, doch für übertrieben. Im Dresdner Münzkabinett wenigstens haben wir unter hundertundneunzig dergleichen nur fünfundzwanzig mit der Inschrift: soli invicto com., auch viele mit der andern: genio pop. Rom., gefunden.

Hiernach ergibt sich mindestens als unzweifelhaft, daß Constantins Münzen weit mehr gegen als für dessen Christentum zeugen.

Wir haben in Vorstehendem unsere Ansicht über diese Frage umständlich ausgesprochen, fassen dieselbe aber nochmals in folgendem kurz zusammen.

Von Natur war Constantin mild und wohlwollend für die Christen. Während der ersten fünf Jahre seiner Regierung erfüllten die Pflichten des Herrschers und Feldherrn, die er so rastlos übte, den Vordergrund, die Entwürfe der Herrschsucht den Hintergrund seiner Seele. Da war für religiöse Betrachtungen kein Raum übrig. Plötzlich trat nach dem Edikte des Galerius 311 mit Constantins Rüstung wider Maxentius die Christenfrage als politische auf den Plan. Ein so tiefblickender Kopf konnte diese gar nicht anders lösen, als es geschah.

Diese Politik ward seine Bundesgenossin gegen Licinius, mußte daher, nach dessen Vernichtung im Jahre 324, noch entschiedener herrschend werden.

Zugleich offenbarte sich aber auch da schon jener Konflikt frühesten Ursprungs und unabsehbarer Dauer zwischen Staat und Kirche, den Constantin mit meisterhaftem Geschick dadurch umschiffte, daß er – der Ungetaufte – sich selbst an die Spitze der letzteren stellte, was ihm die Bischöfe gern gewährten.

So beutete der Kaiser das Christentum für sich aus: des Menschen gewaltig wollende Seele dagegen konnte die Religion der Geduld, der Demut, der Selbstverleugnung und Liebe seiner Feinde, sogar der politischen, unmöglich ansprechen: darum behielt er sich seine persönliche Überzeugung frei. Fühlen mochte er wohl, daß das Christentum eigentlich der Weg und die Wahrheit sei, aber zur Bekehrung des stolzen Herzens kam es nicht.

Nur das Vorgefühl seines Todes etwa vom Jahre 336 ab mag ihn der innerlichen Bekehrung näher gebracht haben, die auf dem Totenbette vielleicht eine wirkliche ward.

So wäre denn Constantins seit anderthalb Jahrtausenden so hoch gefeiertes Christentum nur Schein, ja Heuchelei gewesen? Man hüte sich, einen solchen Mann mit dem Maßstabe alltäglicher Moral zu messen.

Wie der erste Napoleon in Frankreich, ohne gläubiger Katholik zu sein, die durch die Revolution umgestürzten und besudelten Altäre seiner Kirche aus Staatsraison wieder aufrichtete, so legte aus gleichem Beweggrunde Constantin den Grundstein zur Weltherrschaft des Christentums.

Wir wenden uns nun zu dem Schlußurteile über den Kaiser und Menschen im Allgemeinen.

Rom war unter Gallienus nicht bloß am Rande des Abgrunds, nein, bereits im Versinken in diesen. Große Kriegsfürsten schafften augenblickliche Hilfe, waren aber zu dauernder Erhaltung kaum geschaffen, selbst der edelste unter ihnen, Probus, nicht.

Da kam Diokletian und nach ihm Constantin auf den Thron. Jener mußte diesem vorausgehen, »denn (sagt Burkhardt S. 365 richtig) ohne Diokletian gab es keinen Constantin, d. h. keine Gewalt, welche mächtig genug gewesen wäre, das Reich aus dem alten Zustand in einen neuen hinüberzuführen und die Schwerpunkte der Macht an andere Stellen zu rücken, gemäß der Notwendigkeit des neuen Jahrhunderts.«

Also vorbereitet fand Constantin das Reich. Reich begabt vereinte er die Politik Augusts mit dem Feldherrngeiste Trajans, denen er mindestens nahe kam; dazu trat noch persönliche Tapferkeit. (S. oben 2. Buch, 13. Kap.)

Voll Sinnes für Bildung gefiel er sich, nicht ohne Eitelkeit, im Lesen, Schreiben und in öffentlicher Rede, liebte und pflegte schöne Künste, vor allem aber die Wissenschaft.

Das Gemüt spielte, wie in römischen Imperatoren überhaupt, so in seinem Charakter insbesondere, eine sehr untergeordnete Rolle: doch war das Constantins von Natur unzweifelhaft mild, wohlwollend, besonders für Freunde, und gerecht.

Aber seine Seele war vor allem der dämonischesten aller Leidenschaften, der Herrschsucht, durch und durch verfallen. Daraus floß all sein Dichten und Trachten: und darum ward seine, ausschließlich auf dies eine gerichtete Politik zugleich – sein Gewissen, so daß nur, wo letztere völlig außer dem Spiele war, die gutartige Natur hervortreten konnte: (freilich ein übles Lob! D.).

Dazu kam eine rücksichtslose Energie des Willens, durch die er alles durchsetzte, was er wollte. Dadurch ward er groß: aber auch schrecklich, wenn irgendwo, selbst außer dem Gebiete der Politik, die gereizte Leidenschaft in ihm erwachte.

Diese Eigenschaften geben uns auch den Schlüssel zu den Untaten, welche sein Andenken beflecken.

Man hüte sich aber, diese allein aus dem modernen Gesichtspunkte zu beurteilen.

Was zuvörderst Constantins Verhalten gegen Licinius betrifft, so erschien allen römischen Machthabern gegen gefährliche politische Feinde, die selbst besiegt unzweifelhaft oft noch auf Verrat und Mord sannen, deren Tötung das naturgemäße Gebot erlaubter Selbsthilfe.

War aber auch die Tat, nach antikem Begriff, entschuldbar, so beweist freilich der damit verknüpfte Wort- und Eidbruch, daß Constantins unmittelbar zuvor so feierlich proklamiertes Christentum eine Lüge war.

Den greulichen Hausmord haben wir oben zu erklären versucht. Vergessen wir dabei aber auch nicht, daß die väterliche und eheherrliche Gewalt bei den Römern etwas ganz anderes war als in neuerer Zeit. Insbesondere würde der Gedanke, daß der Kaiser innerhalb des Bereichs seiner Hausgewalt gerichtlicher Formen bedürfe, um diejenigen, von deren Schuld er überzeugt war, zu bestrafen, der römischen Anschauung unbegreiflich erschienen sein.

Auf das Tiefste muß aber Constantin damals gereizt, empört gewesen sein, gegen Crispus unstreitig, weil er sich an der wundesten Stelle, d. i. in seiner Herrschsucht (Alleinherrschaft) bedroht glaubte, gegen Fausta und deren Genossen, weil er nach der erschütternden Erkenntnis seines Unrechts die intellektuellen Urheber jenes Mordes darin erblickte.

Merkwürdig ist in Constantin der Gesinnungswandel am Wendepunkte seines politischen Lebens. So dürftig auch die unbefangenen Quellen, die einzig brauchbaren, namentlich über die letzten dreizehn Jahre sind, so stimmen sie doch in seiner Verschlimmerung alle überein. Er war weicher, milder, rücksichtsvoller in der Zeit des Ringens nach der Alleinherrschaft: mit deren Erlangung finden wir vom Jahre 324 an Härte, Willkür der Leidenschaft und Hingabe an seine Charakterfehler immer mehr hervortreten.

Indem der Stolz des natürlichen Herzens alles dem eignen Verdienste beimißt, bildet sich ein Kultus des eignen Geistes und Willens aus, der sich vom Glauben an deren Unfehlbarkeit endlich bis zur höchsten Selbstverblendung steigert.

Bei Constantin konnte sich dies nur noch im Innern, in den Kreisen seines Privat- und Staatslebens zeigen: nach außen hatte er auf der zivilisierten Erde nichts mehr zu unterwerfen.

Gerügt wird an Constantin, namentlich von dessen letzterer Zeit, durch die Epitome des Aurelius Victor (c. 41, 13 und 16) im Allgemeinen, d. i. von obigen Untaten abgesehen, eigentlich nichts anderes, als übermäßige Lust an Lob und Schmeichelei und Verschwendung aus Baulust und Freigebigkeit; durch Aurelius Victor d. Caes. (c. 41, 20) die Anstellung wenig Würdiger, mit dem Zusätze jedoch, daß dies, häufig vorgekommen, nur durch den Gegensatz zu so hohem Geist und seltenem Verdienst um den Staat schärfer hervorgetreten sei.Die wichtigsten Zeugnisse unbefangener Quellen über Constantins Persönlichkeit, deren Anführung die Ausführlichkeit unserer Charakteristik desselben entschuldigen möge, lauten wie folgt: Eutrop. X:

c. 5. Constantinus tamen, vir ingens et omnia efficere nitens, quae animo praeparasset, simul principatum totius orbis affectans, Licinio bellum intulit.

c. 7. Vir primo imperii tempore optimis principibus, ultimo mediis comparandus. Innumerae in eo animi corporisque virtutes claruerunt. Militaris gloriae appetentissimus, fortuna in bellis prospera fuit, verum ita, ut non superaret industriam.

Civilibus artibus et studiis liberalibus deditus: affectator justi amoris, quem omni sibi et liberalitate et docilitate quaesivit: sicut in nonnullos amicos dubius, ita in reliquos egregius; nihil occasionum praetermittens, quo opulentiores eos clarioresque praestaret.

Aurel. Vict. de Caes., Kap. 41:

4. Um 313: Hinc pro Conditore seu Deo habitus.

17. Nach dessen Tod: Quod sane populus Romanus aegerrime tulit; quippe cujus armis, legibus, clementi imperio, quasi novalum urbem Romanam arbitraretur.

21. Fiscales molestiae severius pressae cunctaque divino ritui palia viderentur, ni parum dignis ad publica aditum concessisset.

Epitome Aur. Vict., Kap. 41:

13. Fuit vero ultra, quam aestimare potest, laudis avidus.

14. Commodissimus tamen rebus multis fuit: calumnias sedare legibus severrimis; nutrire artes bonas, praecipue studia literarum, legere ipse, scribere, meditare, audire legationes et querimonias provinciarium.

16. Irrisor potius quam blandus. Unde proverbio vulgali Trachala, decem annis praestantissimus, duodecim sequentibus latro, decem novissimis pupillus ob profusiones immodicas nominatus.

In der Tat war der gewaltige Mann an sich eine edle Natur: das Gemeine war ihm fremd: namentlich von den bei römischen Imperatoren, zum Teil selbst den bessern und besten, so häufigen Verirrungen niederer Sinnlichkeit keine Spur. Selbst die Vergeudung, deren er beschuldigt wird, war löblichen Ursprungs, daher um so entschuldbarer, da weder irgendwo verlautet noch zu vermuten ist, daß sie zu Finanzzerrüttung geführt habe.

Wie glänzend würde daher sein Andenken in der Geschichte dastehen, wenn nicht die Frevel, wozu unbändige Leidenschaft ihn fortriß, dasselbe verdunkelten und entstellten.

Für das Reich war er, freilich nur in Verbindung mit Diokletian, ein zweiter Gründer, wie ihn die Quellen auch ausdrücklich bezeichnen. (Aur. Vict. d. C. 41, 4.) Er verließ es nach außen größer und mächtigerRoms Grenze unter Constantin im Westen kennen wir zwar nicht genau, müssen aber annehmen, daß die Schutzherrschaft über rechtsrheinische Völker: Bataver, Friesen, Mattiaken und wohl auch die über Quaden jenseits der Donau aufgehört hatte, auch das Zehntland, vielleicht mit Ausnahme einiger Plätze in Rätien, in germanischem Besitze war. Dieser geringe Machtverlust ward aber durch den viel größeren Gewinn gegen Persien durch M. Aurelius und Diokletians Eroberungen weit überwogen., wenn gleich viel bedrohter als es unter August gewesen war. Die krieg- und landdürstenden Germanen an Rhein und Donau hat kaum ein Herrscher vor und nach ihm so wirksam, besonders auch so nachhaltig, keiner aber freilich auch durch so furchtbare Mittel in Zucht und Schreck erhalten.

Im Innern überall Ordnung, Sicherheit, unbedingter Gehorsam; Auflehnung und Empörung, die schon nach ihm wieder auftauchen, vor seinem großen Geiste verschwunden.

Mächtig griff er mit eiserner Faust in die Speichen des rollenden Zeitenrades: doch hat er dessen Ablauf zum Untergange nur zu hemmen, nicht abzuwenden vermocht. Zwei seiner Werke allein reichen weit über sein Jahrhundert hinaus: die Erhebung des Christentums zur Staatsreligion und die Gründung von Konstantinopel.

Anhang zu Kapitel 14
Der Arianismus

Arius, ein Presbyter zu Alexandrien, über das unerforschliche Geheimnis der Dreieinigkeit grübelnd, hatte, zunächst wohl in einem Religionsgespräche mit seinem Bischöfe, den Satz aufgestellt: weil der Sohn vom Vater gezeugt sei, müsse letzterer auch vor dem Sohne vorhanden gewesen, daher als Urquell alles Daseins, selbst jenes des Sohnes, höherer Natur sein.

Alexander, sein Bischof, suchte ihn von dieser Irrlehre abzubringen: da dies aber fruchtlos blieb, schloß er ihn, nach Rat und Spruch der versammelten Geistlichkeit Alexandriens, von der Kirchengemeinschaft aus.

Arius aber fand Anhang unter den Bischöfen des Orients, unter denen vor allem der einflußreiche Eusebius von Nikomedien, aber auch unser Kirchenhistoriker Eusebius von Cäsarea, auf seine Seite taten.

Die Spaltung, die bereits das Volk in Alexandrien ergriffen hatte, verbreitete sich nun auch über den ganzen Orient und dauerte so unter Licinius etwa von 319 bis 324 fort.

Als Constantin auch in diesem Reichsteil zur Regierung gelangte, war die Herstellung des Friedens sein erstes und ernstes Bemühen. Er sandte dafür den Bischof Hosius von Cordova, den er hochgeschätzt in seinem Gefolge hatte, nach Alexandrien ab. Des Kaisers, von Eusebius (v. C. II, 74–79) und Sokrates (I, 7) uns erhaltenes Schreiben an Alexander und Arius wird vom strengtheologischen Standpunkt aus getadelt, weil er darin nicht für die richtige Meinung Partei nimmt, ist aber aus dem politischen unzweifelhaft ein Meisterstück. Er erklärt den Streit über etwas an sich Unerforschliches für müßig.

Dem Bischofe machte er zum Vorwurfe, daß er seinen Geistlichen eine solche Frage vorgelegt, dem Arius aber, daß er unbedacht herausgesagt habe, was er nicht hätte denken und, gedacht, nicht hätte aussprechen sollen.

Darauf beredte und dringende Ermahnung an beide, der Kirche den Frieden wiederzugeben und schließlich die persönliche Bitte, auch ihm die schwere Sorge wieder abzunehmen, da er den Orient nicht eher besuchen könne (was man wohl dringend wünschen mochte), als nachdem die Eintracht im Volke wieder hergestellt worden sei.

Vergebens, der Glaubenseifer blieb unbeugsam. Darauf berief Constantin, zum Austrag dieses Streites so wie des über die Zeit der Osterfeier, im Jahre 320 das erste allgemeine Konzil nach Nikäa in Bithynien, auf dem sich dreihundertundachtzehn Bischöfe (nach Eusebius nur mehr als zweihundertundfünfzig) versammelten, der Bischof von Rom jedoch nur durch Abgeordnete vertreten war. Constantin führte den Ehrenvorsitz, Hosius leitete die Verhandlung.

Der hohe geistige Einfluß, mehr aber gewiß noch die Autorität des Allgewaltigen schlichtete den Hader. Das nikäische Glaubensbekenntnis, welches jetzt noch von der gesamten Christenheit angenommen ist, ward von sämtlichen Anwesenden bis auf zwei unterschrieben. Am heftigsten war der Streit über den für den Sohn gebrauchten Ausdruck: gleichen Wesens, ομοούσιος (consubstantialis), mit dem Vater, den die Widerstrebenden gewiß mehr aus Unterwürfigkeit als aus Überzeugung annahmen.

Die Ablehnenden nebst Arius wurden ihrer Ämter entsetzt und verbannt.

So schien die Spaltung geschlossen: aber dies war nur deren erster Akt: bald brach sie aufs neue und zwar heftiger aus, um noch drei jahrhundertelang unheilvoll fortzudauern.

Schon im Jahre 329 wußten sich die Arianer, durch des Kaisers Schwester Constantia unterstützt, bei diesem wieder in Gunst zu setzen. Die Verbannten, und mit ihnen Arius selbst, wurden zurückgerufen. Letzterer legte nun ein neues, scheinbar echt katholisches Bekenntnis vor, worin nur die Wesensgleichheit fehlte. Constantin, erkennend, daß der jetzige Friede ein erzwungener, aber kein redlicher sei, mochte die so wünschenswerte volle Versöhnung der Gemüter für möglich halten, sandte daher den Arius mit warmer Empfehlung nach Alexandrien zurück. Da war inzwischen Athanasius an Alexanders Stelle getreten, einer der größten Charaktere der orthodoxen Kirche, der, mit eiserner Festigkeit an der erkannten Wahrheit haltend, ihr Gut und Blut zu opfern bereit war. Er widerstand den Bitten wie den Drohungen des Kaisers: und dieser gab nach.

Die Arianer, deren Haupt der erwähnte Eusebius von Nikomedien war, nicht wagend, den Abfall vom nikäischen Glaubensbekenntnis offen auszusprechen, ersannen hierauf das böse Mittel, die angesehensten der rechtgläubigen Bischöfe durch Anklagen von ihren Sitzen zu verdrängen, um durch deren Besetzung mit ihren Kreaturen die Mehrheit für sich zu gewinnen. Dies gelang wider mehrere: namentlich, durch die Aussage einer falschen Zeugin, welche sich auf dem Totenbette zu dieser Sünde bekannte, wider Eustathius zu Antiochien.

Nur an des Athanasius Reinheit und Ansehen scheiterten Verleumdung und Anklage, bis seine Feinde endlich den Kaiser im Jahre 334 dahin brachten, dessen Berufung vor ein Untersuchungskonzil zu gestatten. Zwar nicht vor diesem, aber vor einem neuen, auf dessen Protest nach Tyrus verlegten, mußte der Beklagte wirklich erscheinen.

Auch hier schien die Intrige durch die Macht der Unschuld entwaffnet zu werden: als aber die Absendung einer durchaus parteiischen Kommission zur Lokalerörterung in Ägypten durchgegangen war, wartete Athanasius deren Rückkehr nicht ab, sondern eilte, auf den Kaiser sich berufend, zu diesem nach Konstantinopel, der nun auch die Ankläger, dessen erbittertste Feinde, dahin berief. Nicht durch die alten genügend widerlegten Beschuldigungen, sondern durch die neue, noch albernere, Athanasius habe die Getreideflotte von Konstantinopel zurückzuhalten gedroht, soll nun Constantin im Jahre 335 zu dessen Verbannung nach Trier bewogen worden sein.Die Verleumder hatten hier geschickt den wundesten Fleck getroffen, da Constantin einerseits abergläubisch, andererseits von der Sorge um die neue Hauptstadt auf das äußerste erfüllt war. Vermutlich war dem alternden Manne die Geduld ausgegangen, so daß er sich um jeden Preis Ruhe verschaffen wollte.

Im Jahre 336 starb Arius eines plötzlichen Todes zu Konstantinopel, nachdem er im Jahre zuvor von dem Konzil zu Tyrus wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen worden war.

Von den ferneren Schicksalen des Arianismus ist, um nicht später wieder darauf zurückkommen zu müssen, hier nur folgendes kürzlich zu erwähnen.

Von Constantins Söhnen waren Constantin der Jüngere und Constans für die rechtgläubige Kirche, Constantius dagegen, obwohl zunächst wenigstens unter dem Schein einer gewissen Unparteilichkeit, für die Arianer.

Im Jahre 338 erlaubte Constantius auf seines Bruder Constans Empfehlung die Rückkehr des Athanasius auf seinen Sitz, was nach einer spätern Quelle schon dessen Vater auf dem Totenbette angeordnet haben soll.

Schon im Jahre 341 ward derselbe jedoch durch ein arianisches Konzil wieder entsetzt und dessen unwürdiger Nachfolger Georgius durch Waffengewalt unter scheußlichen Mißhandlungen der Rechtgläubigen auf dessen Stuhl gesetzt und erhalten. Sein würdiger Vorgänger, zum Tode verurteilt, entfloh in die Wüste und entrann, von den frommen Einsiedlern unterstützt, glücklich seinen Verfolgern.

Die nun folgende Geschichte der kirchlichen Zerwürfnisse ist so ermüdend als empörend. Binnen zweiundzwanzig Jahren wurden neunzehn Kirchenversammlungen gehalten, auf denen meist nur eine der beiden Parteien die herrschende war, während die zu Sardica 347, zu Mailand 355 und zu Rimini 359 mehr einen gemeinsamen Charakter trugen. Das öffentliche Fuhrwesen ward (nach Amm. Marcellin XXI, 16) durch das Hin- und Herreisen der Bischöfe allein beinahe zu Grunde gerichtet! Schlimmer noch aber waren die Mittel, deren die Parteiwut sich bediente: ränkevolle Anklage der rechtgläubigen Bischöfe, durch falsches Zeugnis und Meineid unterstützt, ja wo die Schergen der öffentlichen Gewalt im Dienste der Arianer(Jedoch ist zu erinnern, daß wir hier nur katholische, nicht auch arianische Zeugen reden hören. D.) waren, Mord, Plünderung und Schändung der Rechtgläubigen; die diokletianische Verfolgung schien wiedergekehrt.

Besonders von des Constans Tode im Jahre 350 an ging auch Constantius zu offener Gewalt über: verbannte rechtgläubige Bischöfe wurden bei der Deportation umgebracht (Sokrates II, 26) und um das Verdammungsurteil wider Athanasius vom Konzil zu Mailand zu erlangen, dessen standhafteste Verteidiger in Haft und Verbannung geschickt. Auch der dabei nicht anwesende Bischof von Rom, Liberius, ward wegen seines Festhaltens an Athanasius exiliert und nach einigen Jahren erst durch Zwang und List zur Unterwerfung gebracht: ja der hundertjährige Hosius, der vertraute Freund und Ratgeber des großen Constantin, durch körperliche Mißhandlung zu gleicher Nachgiebigkeit gezwungen.

Zahlreiche neue Bekenntnisse wurden aufgestellt: doch war offener Widerruf des nikäischen von Constantius nicht zu erlangen: nur durch neuen Wortschwall und Umgehung der entscheidenden Wesensgleichheit«, weil, wie man vorgab, der Ausdruck ουσία (Wesen) in der Schrift nicht vorkomme, wußte man ihn zu gewinnen.

Aber die Gewissen der Rechtgläubigen ließen sich nicht beugen: und die Arianer selbst spalteten sich wieder in viele Sekten, Eunomianer, Heterousianer, besonders aber Halbarianer oder Homoiusianer (von ομοιούσιος, ähnlich), die sich gegenseitig verketzerten und verfolgten.

So tief war die Kirche gesunken, welcher ihr göttlicher Stifter die Liebe als höchstes Gebot vorgeschrieben hatte.

Des Constantius Nachfolger Julian rief alle durch ersteren verbannte Bischöfe wieder zurück, gestattete aber dem mit stürmischem Jubel empfangenen Athanasius doch nicht, auf seinem Sitze zu bleiben. Die Beweggründe dieses Kaisers werden wir bei dessen Geschichte erörtern.

Während der kurzen Regierung Jovians, der letzterem folgte, wurden die Orthodoxen, von Valens 365 bis 379 aber wiederum und zwar auf die entschiedenste Weise die Arianer begünstigt, bis Gratian die Verfolgten in Schutz nahm und seit 380 die Strafgesetze des Kaisers Theodosius gegen alle Ketzer den Sieg der nikäischen Formel im römischen Reiche entschieden. Nur die inzwischen zum Christentum übergetretenen Germanen, meist Goten, beharrten in der arianischen Lehre.

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