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Geschichte der Völkerwanderung

Felix Dahn: Geschichte der Völkerwanderung - Kapitel 36
Quellenangabe
typetractate
booktitleGeschichte der Völkerwanderung
authorFelix Dahn
firstpub1880
year1997
publisherPhaidon Verlag
addressEssen
isbn3-88851-198-4
titleGeschichte der Völkerwanderung
created20051128
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Vierzehntes Kapitel
Constantin und das Christentum als Staatsreligion

Der Glaube ist ein Bedürfnis, aber auch ein Erzeugnis der Seele. Verschieden daher, gleich dieser selbst, in den Einzelmenschen wie in den Völkern, muß er notwendig auch auf jeder besonderen Entwickelungsstufe derselben eine mehr oder minder veränderte Form und Richtung annehmen.

Davon hat sich selbst die »Weltreligion«, das Christentum, nicht frei zu halten vermocht; wie viel mehr mußten die nationalen Kulte der Heiden dem unterworfen sein.

Der naive Kinderglaube an die Götter Roms, der dessen Anfänge und Blüte kennzeichnete, lebte zwar noch im Volke, ging aber bei den Gebildeten immer mehr in systematischen Unglauben über, wobei die Denkenderen jedoch die trostlose Leere durch Philosophie auszufüllen strebten, welche stets mehr oder minder monotheistisch war: (oft war es eine trübe Mischung von Mystizismus und Philosophie – wie übrigens auch in der christlichen Theologie so oft – was den alten Volksglauben und die Wissenschaft »vermitteln« sollte: wie man sich in solchen Fällen der Unklarheit ausdrückt. D.).

Nur der Staat hielt unverrückt an dem alten, mit seinem Gesamtleben tief verwachsenen Götterdienste fest: und das sicherte diesem noch einen gewissen Respekt bei jedermann: ja der müßige Pöbel war ihm, als einer Hauptquelle der Feste und Schauspiele, dankbar.

Indes genügte dies den Gebildeten natürlich nicht – das abgestumpfte blasierte Gefühl dürstete auch im Gebiet des Übersinnlichen nach neueren schärferen Reizmitteln.

Diese gewährten zuerst die Fremdkulte, welche aus dem Orient herübergebracht wurden.

Zu den bedeutendsten darunter gehörten der des syrischen Baal, und seiner, als große Göttin Syriens, als Mutter des Lebens zu Pesinunt und als phönikische Astarte noch allgemeiner verehrten Genossin. Sinnentaumel und Unzucht umgaben deren Kultus, Jubelgeschrei und Klagegeheul, rasender Tanz und trauernder Flötenklang, Prostitution der Weiber und freiwillige Selbstentmannung der Männer. Das Ganze dieser Greuel ging indes aus Asien, wo Fürstentümer dessen Unterhaltung gewidmet waren, freilich nicht auf Rom über: aber genug davon, die Stadt mit einem Schwarme von Bettlern und Spitzbuben im Geleite der »Mutter des Lebens« zu erfüllen.

Reiner war der Dienst der ägyptischen Isis, der besonders durch Commodus bei den höhern Ständen Mode wurde. Hohe Wichtigkeit gewann ferner in späterer Zeit der Kultus des Mithras, der dem griechischen und römischen Sonnengott, wohl auch dem Baal verwandt, besonders durch seine Mysterien einflußreich wurde.

Bei diesem allgemeinen Haschen nach Neuem und Pikantem, wovon hier nur das hauptsächlichste erwähnt ward, kann es nicht Wunder nehmen, wenn das Heidentum immer mehr in Sekten zersplitterte, deren es, wie der Philosoph Themistius in der letzten Hälfte des vierten Jahrhunderts sagt, über dreihundert gegeben haben soll, »weil die Gottheit auf verschiedene Weise verehrt sein wolle und um so größeren Respekt genieße, je weniger ihre Erkenntnis gleichmäßig jedermanns Sache sei«. (Sokrates, Hist. eccl. IV, 32.) Diese standen sich aber freilich nicht, wie die christlichen, ausschließend, ja feindlich gegenüber: vielmehr konnte man füglich mehreren derselben gleichzeitig angehören.

Wie mannigfaltig aber auch hiernach Gegenstände und Formen des heidnischen Kultus waren, so heischte doch einerseits das Gefühl menschlicher Hilfsbedürftigkeit für dieses wie für jenes Leben, andererseits die allgemeine Wundergier jener Zeit noch unmittelbarere Befriedigung.

Diese suchte man in ersterer Beziehung in den Mysterien, welche, mit den meisten Götzendiensten verbunden, dem Eingeweihten gewissermaßen die persönliche Gunst der Götter, zum Teil aber auch Reinigung und Entmündigung vermitteln sollten. Die des Mithras beruhten sogar auf der Idee der Selbsterlösung durch Übernahme freiwilliger Leiden, zahlloser und furchtbarer Kasteiungen, bei denen das Leben auf dem Spiele stand.

Der Wunderglaube dagegen heftete sich an Astrologie und Magie; wie oft auch die Chaldäer durch kaiserliche Weisheit oder Laune aus Rom vertrieben wurden, so kehrten doch die Unentbehrlichen immer wieder dahin zurück. Durch optische und mechanische Künste wurden da Geister beschworen, Seelen gebannt und Leichname auf Augenblicke wieder erweckt. Daneben dauerte aber der alte klassische Aberglaube mit seinen Orakeln, Augurien und Haruspicien immer noch fort: nur wurden letztere jetzt auch auf die Schau menschlicher Eingeweide ausgedehnt.

Die Philosophie dagegen verfiel und ging immer mehr in Mystik oder in ödem Skeptizismus unter; die mächtigste Schule derselben, die Stoa, scheint nach M. Aurelius kaum wieder einen bedeutenden Vertreter gefunden zu haben. Da ward durch Plotinus (205–270), den Schöpfer des Neuplatonismus, auch diese Richtung der Geister wieder in das Leben gerufen: aber nicht in jener reinen, nüchternen Spekulation der alten Weisen Griechenlands, sondern mit dem mystischen Schwunge, den die Zeitströmung erforderte. Die Lehrsätze dieser Schule waren im Wesentlichen folgende: Ein Gott als Ausfluß aller Dinge und Wesen, in bestimmten absteigenden Graden des Daseins, indem man über dem Menschen noch zahlreiche Dämonen (Untergötter) in förmlicher Rangordnung annahm.

Die Menschenseele eine unmittelbare Emanation des göttlichen Wesens, mit dem sie sich zeitweise ganz wieder vereinigen könne.

Die Idee der ewigen Seligkeit aber fehlte noch: nur Wanderung der Seelen, gewißermaßen ein Avancement derselben nach Verdienst zu höhern Klassen, bei den Besten Versetzung in gewisse Gestirne, ward gelehrt.

Bald aber nach dem Tode des Stifters verfiel auch diese Schule wieder in dumpfen Aberglauben, indem man vorgab, in jener großen Stufenreihe aus Gott emanierter Wesen wirke Geist auf Geist, Geist auf Natur in magischer Weise: und den Schlüssel zu dieser Magie besitze der Eingeweihte, wodurch nun zu Beschwörung von Göttern, Dämonen und Seelen, zu Wunderkuren und geheimnisvollem Spuk aller Art – einer sehr ergiebigen Erwerbsquelle – der Weg gebahnt war.

In all diesem wirren und wüsten Treiben treten jedoch folgende Richtungen entschieden hervor.

Auch die höheren Klassen im Volke, die sonst meist nur von Skeptizismus oder unklarem Monotheismus erfüllt waren, werden jetzt, neben und unbeschadet dieses letztern, nicht ohne Einwirkung der großen Unglücksfälle des Reichs im dritten Jahrhundert, immer mehr von der Wundersucht und dem Aberglauben des gemeinen Volkes ergriffen: ja selbst die neuerwachte Philosophie muß diesem Hange fröhnen.

Neben solchem verworrenen und kindischen Irrwahne, ja zum Teil als Grund desselben, macht sich nun aber doch auch etwas in seiner Wurzel Reineres und Edleres geltend: die Sorge für das trübe Jenseits und das Gefühl der Erlösungsbedürftigkeit des Menschen.

Die Idee der Unsterblichkeit war den Alten natürlich nicht fremd; (aber, von wenigen Philosophen abgesehen, betrachteten sie die Existenz der »Schatten« als eine traurige, durchaus nicht wünschenswerte.

Der gesunde, natürliche Sinn der Antike war völlig auf die Erde, auf das Diesseits, gerichtet, konnte sich ein glückliches Dasein des Menschen nur unter der goldenen Sonne und der Himmelsbläue denken: bezeichnend ist jenes Wort des Schattens des Achilleus zu Odysseus im Hades, lieber wolle er als der ärmste Taglöhner auf der Erde leben, denn als König über alle Schatten herrschen. In Heldentum und Bürgerpflicht und schönem Lebensgenuß ist dem Heiden das Menschendasein beschlossen: hinter dem Grabe gibt es kein Glück. Da nun mit Ausnahme der wenigen unter die Götter oder auf die seligen Inseln Versetzten alle das Grab erwartet, forderte die heidnische Anschauung ein Heldentum der Resignation, d. h. eine Pflichterfüllung ohne Lohn-Hoffnung, die nicht vieler Leute Sache ist.

Da mußte das Christentum sich empfehlen, welches dem stärksten menschlichen Triebe, dem Heißhunger der Selbsterhaltung, der durch Nichts zu übertreffenden Freude an der ewigen Erhaltung des Ich nicht nur entsprach, sondern obenein für alle Ewigkeit den Genuß einer ganz unaussprechlichen Glückseligkeit garantierte unter der einen, in jenen mystisch gestimmten Zeiten nicht schwierigen Bedingung, statt an viele heidnische Mythen an nicht eben sehr zahlreiche Mirakel zu glauben. Die »ewige Seligkeit« als Belohnung nicht etwa der (heidnischen) Tugend, sondern des Glaubens – mit dieser Waffe hat das Christentum die Seelen erobert. Aber – um gerecht zu sein – nicht nur diese Erlösung von der Todesangst vor der Vernichtung oder einem freudlosen Schattenzustand hat gewirkt: der Ausgleich zwischen Lohn und Verdienst, Strafe und Schuld, welchen das Walten der »Götter« auf Erden oft so grausam und unvernünftig vermissen ließ, ward zwar leider durch die christliche Vorsehung auf Erden auch nicht gebessert – aber dieser Ausgleich ward nun in das Jenseits verlegt: man brauchte nur daran zu glauben.

Dazu kam, daß die moralischen Ansprüche, welche der Religionstrieb an seine Gottheit erhebt, durch die Vermenschlichung der Olympier nicht mehr befriedigt, sondern verletzt wurden, daß das philosophische Bedürfnis, das auch in dem Religionstrieb waltet, durch den Polytheismus nicht mehr befriedigt, sondern verletzt ward: da schien das Christentum Abhilfe zu gewähren, dessen unvergleichlich feineren Anthropomorphismus man nicht erkannte, dessen Monotheismus damals noch nicht durch gewisse Auffassungen von der Dreieinigkeit, der Madonna, den Heiligen so gröblich getrübt ward wie später.

Endlich aber: die heidnische Welt war erschöpft und krank durch das Extrem des Sinnengenusses, der Weltlichkeit: sie warf sich mit Instinkt und mit einer ganz neuen Lustempfindung in das andere Extrem: in die christliche, weltflüchtige, ja weltverachtende und welthaßende Askese.

Aber trotz all dieser Leistungen hätte das Christentum nicht gesiegt, wenn die Römer des »heiligen« Constantin noch gewesen wären – Römer: ich will nicht sagen Römer des Cäsar, nur des Tacitus. Denn die römische Religion, wie jede naturwüchsige, war eine Nationalreligion – an die christlichen Ideen hat sich in frühester Zeit bereits Reflexion, mythische Spekulation, angesetzt. Eine Nationalreligion aber wird nur überwunden, wenn die Nation äußerlich überwunden und ihr eine fremde aufgezwungen wird – wie das Christentum so häufig durch die Waffen eingeführt ward – oder, wenn die Nation jenen Charakter verloren hat, aus welchem die Religion geboren war. Der Erfolg hat das gelehrt. Länger als drei Jahrhunderte fand das Christentum bei den Römern nur Verachtung, später Haß: als es Eingang fand, fand es keine Römer mehr: sondern einen entnationalisierten, entrömerten, kosmopolitischen Brei, verdorben durch einen tief und lang entarteten Hellenismus, entnervt durch die Kulte und Lüste Asiens, gestützt, aber barbarisiert zugleich durch Barbaren aller Grenzvölker. Diese Römer, nicht die starken, sondern die tödlich erkrankten hat das Christentum überwunden. Die Germanen aber haben angenommen – die herrschende Staatsreligion des Reichs als solche: wäre im vierten Jahrhundert der Buddhismus oder der Islam römische Staatsreligion gewesen – die Germanen hätten diese Religion angenommen. Daher nahmen ja z. B. die Goten das Christentum in der unrichtigen arianischen Färbung an – weil der Arianismus die Konfession des Kaisers Valens war; zwischen die Hunnen und die vom Kaiser als Preis der Rettung geforderte Taufe gestellt »glaubten sie den Priestern, welche Valens Imperator schickte«. Den Unterschied von ομοιούσιος und ομούσιος verstanden wohl nicht viele von ihnen. D.)

Jene Auflösung und Zersetzung des Heidentums – wer ist so blöden Auges, hierin nicht eine Vorstufe zu dem allgemeinen Siege des Christentums zu erblicken?

Hatte doch schon die Entnationalisierung des alten griechischen und römischen Staatskultus durch Hereinziehung fremder Götter den Boden für die neue Lehre gewißermaßen geebnet, welcher das Vorurteil für alles Orientalische sogar zu direkter Empfehlung diente.

Und doch hätte der Kampf (auch der entarteten Römer gegen die durch und durch anti-römische wie anti-hellenische Lehre D.) gewiß noch lange gedauert, wenn nicht das Schwert der weltlichen Macht den Knoten dieser Wirren durchgehauen hätte.

Dies führt uns auf Constantin und dessen unmittelbaren Anteil an dem größten Ereignis der Geschichte der neuen Welt.

Constantius, dessen Vater, gehörte unstreitig zu den wenigen edlern Gemütern und denkenden Geistern, die in einem, wenn auch unklaren, Monotheismus notdürftige Befriedigung fanden, duldsam gegen Christen aus Grundsatz, ja christliche Tugend hochachtend und auszeichnend. Die Erkenntnis der Alleinwahrheit des Christentums aber war ihm unbezweifelt nicht aufgegangen, was man selbst aus Eusebius (V. C. I, 17) zwischen den Zeilen lesen kann.

Was dieser Schriftsteller (ebenda c. 16) von ihm berichtet, daß er nach Diokletians Edikt seinen christlichen Offizieren und Richtern die Wahl gelassen, ob sie opfern oder ihre Stellen verlieren wollten, nachher aber gerade umgekehrt diejenigen, welche ihren Glauben verleugnet, abgesetzt, die treu gebliebenen aber behalten und geehrt habe, hat zwar unmittelbar darauf in so direkter und schlagender Auflehnung gegen das Gesetz gewiß nicht stattgefunden, mag aber dessen späteres Verhalten gegen seine Diener geleitet haben und kennzeichnet jedenfalls dessen Gesinnung.

Des Vaters Vorbild kann auf den Sohn, wenngleich dieser vom achtzehnten bis zum einunddreißigsten Jahre von ihm getrennt war, ebenso wenig ganz ohne Einfluß geblieben sein, als der Gegensatz der Christenverfolgung zu Nikomedien, deren Augenzeuge er gewesen war, und das blinde Wüten des Urhebers derselben, Galerius, den er überdies aus persönlichen Gründen hassen mußte.

Diesem gemäß kann Constantin von Beginn seiner Herrschaft an nur duldsam, ja freundlich gegen die Christen gesinnt gewesen sein. Andre Interessen, andre Leidenschaften aber erfüllten seine Seele, in der für Glaubensfragen um so weniger Raum blieb, als seine Teilnahme daran wohl kaum eine lebendige gewesen sein mag.

Im Jahre 308 nach Maximians Verrat sehen wir Constantin im Apollotempel zu Autun opfern und diesen reich beschenken (Eumenes Pan. IV, c. 21), ja der Anfang des c. 22 beweist, daß der gewiß scharfblickende Staatsmann Eumenes keine Ahnung davon hatte, er könne dies in Zukunft je unterlassen.

Erst im Jahre 311, nachdem auch Constantin das erwähnte Widerrufsedikt des Galerius mit erlassen hatte, und später, gegen Maxentius rüstend, den ersten Schritt zur Alleinherrschaft tat, drängte sich die Glaubensfrage in den Vordergrund seiner Erwägungen und Entschlüsse. Wie mußte nun ein so genialer Kopf, selbst bei völliger Neutralität des religiösen Gefühls, diese damals politisch auffassen?

Am Schluß einer langen und weisen Regierung hatte der milde Diokletian das der Staatsgewalt über den Kopf wachsende Christentum aus dringenden politischen Gründen zu unterdrücken, ja auszurotten versucht.

Mit Hasseseifer handhabten seine Nachfolger im Orient dies Gesetz. Vergebens – nicht nur die Standhaftigkeit der Christen, auch die Macht der Meinung in allen bessern Heiden widerstrebte. Schon schwebte der Sieg des Christentums in der Luft. Das hatte, wenn auch erst auf dem Totenbette, Galerius, der ärgste Christenhasser, selbst anerkennen müssen.

Da war in der Tat für jeden denkenden Herrscher, ganz abgesehen von persönlicher Vorliebe oder Abneigung, die Frage nicht mehr: Duldung oder Unterdrückung, sondern nur noch: Duldung oder Anerkennung? Jenes aber offenbar eine halbe, dieses eine ganze Maßregel und zwar, besonnen, d. i. billig, gerecht, vor allem ohne Haß gegen das Heidentum, ausgeführt, von sehr hohem politischen Vorteile.

Die Zahl der Christen jener Zeit im Reiche ist ein unlösliches Problem; die Annahmen schwanken (s. Burkhardt S. 157) von ½ bis zu 1/20 der Gesamtbevölkerung, unter denen Burkhardt sich für 1/12 entscheidet.

Wir möchten, wenn man die Köpfe eben nur zählt, der zahlreichen Landbewohner halber, sogar Gibbons Angabe von 1/20 immer noch für sehr hoch halten, müssen aber, wenn man solche wägt, der christlichen Bevölkerung, namentlich in den großen Städten wie Alexandrien, Antiochien u. a. m. eine sehr hohe Bedeutung zugestehen.

Die Christen aber hatten sich unter dem Drucke zu einer festgegliederten Gesellschaft unter dem hierarchischen Regiment der BischöfeDie Verfassung der ersten Christengemeinde entwickelte sich keinesweges demokratisch, sondern, wiewohl unter Beteiligung der Gemeinden, sofort hierarchisch, was in der Autorität des göttlichen Stifters, die man auf die Apostel und deren Nachfolger für vererbt ansah, seinen Grund haben dürfte. ausgebildet und derjenige Regent, welcher letztere, die damals so leicht zu gewinnen waren, für sich hatte, konnte über eine treue Klientenschar von Millionen verfügen, deren unberechenbare Vermehrung sogleich mit der Anerkennung eintreten mußte. Gewiß war dies in einer Zeit, wo jede Spur eines Bandes von Liebe und Treue zwischen Fürst und Volk fehlte (denn die Römer, auch nur Trajans, waren nicht mehr D.), von doppelter Wichtigkeit. Aber auch der Vergleich zwischen dem Gehorsam christlicher und heidnischer Untertanen mußte, wenn einmal das blinde Vorurteil gegen erstere geschwunden war, von schlagender Wirkung sein. Bei den Heiden war jener Gehorsam jetzt oft nur noch das Erzeugnis von Zwang und Furcht, daher sofort gebrochen, wo diese selbst wegfielen, was sich vor allem in dem Zulaufe kund gab, den jeder Empörer sogleich fand: bei den Christen hingegen war er heilige Glaubenspflicht. Hatten doch die großen Apostel, selbst unter Nero und aus dem Kerker den Gläubigen geschrieben: »Jedermann sei untertan menschlicher Ordnung und der von Gott verordneten Obrigkeit um des Herrn willen«, und: »wer sich wider die Obrigkeit setzet, der widerstrebet Gottes Ordnung«. Wahrlich, selbst ein stumpferer Blick als der des großen Constantin konnte da nicht zweifelhaft sein. Aber auch von hoher unmittelbarer Wichtigkeit für die Entwürfe seines persönlichen Ehrgeizes mußte entschiedene Parteinahme für die Christen sein, wenn auch nicht für den nächsten derselben, des Maxentius Sturz, da dieser weder Feind der Christen noch diese in Rom bedeutend waren; desto mehr aber für die ferneren in Beziehung auf den Orient, wo der Einfluß des neuen Glaubens im ganzen Reiche am größten war.

Um dieselbe Zeit nun läßt Eusebius in dem merkwürdigen 27. Kapitel des ersten Buches von Constantins Leben denselben eine Selbstberatung über die Frage anstellen: ob Gott oder Götzen?

Dabei ist aber nicht von irgendwelchem Glauben oder auch nur religiösem Gefühl, sondern allein von Nützlichkeit die Rede. Schwach, nichtig und trügerisch hätten sich die Götter seinen Vorgängern, Galerius und Severus, erwiesen, die ihnen so eifrig gehuldigt, sein Vater allein, der einen einzigen Gott verehrt, sei glücklich geblieben. Darum habe er sich für letztern entschieden. (Ähnlich wog der blutige Chlodovech hundertundsiebzig Jahre später die durch den Erfolg bewährte Vorzüglichkeit von Wotan, Arius oder Athanasius ab, bevor er der erste katholische Germanenkönig ward: in der Tat: in jedem Sinne: »alter Constantinus«! – Beide Männer wählten ihren neuen Glauben nicht ohne religiöse oder doch mystische Motive – aber beide würden diese unterdrückt haben, wenn nicht politische Motive die Wahl empfohlen hätten. D.)

Merkwürdiges Bekenntnis eines Bischofs, den Burkhardt den widerlichsten aller Lobredner und den ersten durch und durch unredlichen Geschichtsschreiber des Altertums nennt (S. 346 u. 375). Eusebius war eben doch durch die Macht der Meinung seiner Zeit gehindert, dem Glaubensdrange eines frommen Herzens zuzuschreiben, was, wie jedermann wußte, nur dem politischen Interesse des Herrschers angehörte.

Darauf habe nun, fährt Eusebius (im 28. Kap.) fort, Constantin zu Gott gebetet, sich ihm kenntlich zu machen und ihm in seinem Vorhaben beizustehen: und in diesem Gebet sei ihm am hellen Mittag ein leuchtendes Kreuz mit der Inschrift: »darin siege (τούτω νίκα)«, am Himmel erschienen, welches Er sowohl als das ganze, auf dem Marsche ihm folgende Heer gesehen habe. Dies klinge unglaublich, sei aber doch wahr: weil der Kaiser es ihm lange Zeit nachher, als er zu dessen Vertrauen gelangt sei, unter eidlicher Beteuerung (όρκοις τε πιστωσαμένον τὸν λόγον) selbst erzählt habe. Schon in der nächsten Nacht nun (Kap. 29) sei jenem der Erlöser im Traum erschienen und habe ihm befohlen, eine Fahne mit diesem Zeichen anfertigen zu lassen und zu seinem Schutz im Kriege zu führen. Diese sei nun folgendergestalt ausgeführt worden: zu oberst der goldplattierten Fahnenstange eine goldene Krone mit Edelsteinen, auf letztererDies kann sonach der Natur der Sache gemäß nur klein, von unten kaum sichtbar gewesen, daher lediglich als eine Verzierung erschienen sein. das Monogramm ΧΡ (die griechischen Anfangsbuchstaben von ΧΡιστής der Form oder , unter diesem das an einer quer durchgehenden, die Form eines Kreuzes bildenden Stange befestigteMan hat sich das Labarum nicht in Form einer modernen Militärfahne, sondern in der einer katholischen Kirchenfahne zu denken, bei welcher das Fahnentuch in der Mitte der Querstange befestigt ist. purpurne Fahnentuch, unter diesem endlich das Bild des Kaisers und (später) seiner Söhne.

Dies Feldzeichen war es, das man nachher mit dem Namen Labarum belegte, ein Wort, dessen Ableitung unbekannt ist, das aber auch in allgemeinem Sinne für Fahne gebraucht worden sein soll.

Diese Vision hat in der alten christlichen und in der spätern katholischen Kirche so hohe Wichtigkeit erlangt, daß ihr eingehendere Betrachtung nicht versagt werden darf.

Die Tatsache, daß unter Constantin dem Großen das Labarum aufgekommen ist und auf diesem so wie sonst, namentlich auf Münzen, das beschriebene Monogramm angebracht war, steht zuvörderst unbestritten fest.Das Gründlichste über das Labarum findet sich in J. Gothofredus' Kommentar zu dem Theod. Codex VI, 25 de praepositis laborum (kontrahiert aus laborarum), da, wie er nachweist, für labarum auch laborum vorkommt. (Vergl. auch Tom. II, S. 142/43.) Daß sich das fragliche Gesetz auf die Befehlshaber der für die Heerfahne bestellten Wache bezieht, ist unbezweifelt. Der Ausdruck labarum dürfte sich zuerst in des etwa siebzig Jahre spätem Sozomenos Kirchengeschichte (I, 4) finden, wo er anführt, daß die Römer die gedachte neue Heerfahne labarum nannten.

Wenn Ducange in seinem Glossarium medii aevi, dem auch Pauli (Realencycl. IV, S. 698) folgt, sagt, daß das Labarum schon unter früheren Kaisern auf Münzen vorkomme, so ist damit wohl nur das angeblich christliche Monogramm gemeint.

Die Frage kann sich daher nur noch um folgende Punkte bewegen:

1) Ist es historisch erwiesen, daß ein »Wunder« zu obiger Wahl einer neuen Heerfahne Anlaß gegeben habe?

2) Ergibt sich eine wunderbare Wirkung desselben?

3) Ist eine Beziehung desselben auf das Christentum von Constantin jemals öffentlich ausgesprochen worden?

Zu 1) Es ist zuvörderst sehr bezeichnend, daß zwei christliche Schriftsteller, Eusebius und Lactantius, über ein bei des Maxentius Besiegung vorgekommenes Wunder reden, dies aber in völlig verschiedener Weise berichten. Beide waren Zeitgenossen: beide mit Constantin in naher persönlicher Berührung: Lactantius aber als Erzieher von dessen Sohn Crispus (Hieronym. Chron. v. 10. Regier.-Jahre Constantins) schon um jene Zeit oder doch bald nachher, Eusebius erst mindestens fünfzehn Jahre später.

Lactantius nun sagt (im 44. Kap. d. mort. persec), nachdem er Constantins Ankunft vor Rom und des Maxentius Aufstellung vor der milvischen Brücke erwähnt hat, folgendes:

»Der Tag stand bevor (Imminebat dies), an welchem Maxentius die Regierung angetreten hatte, das ist der 27. Oktober, an welchem die fünf JahreDiese fünf Jahre sind ein offenbarer Irrtum des Lactantius, da es deren zweifellos sechs waren. Vergl. darüber Manso, Beil. S. 292. derselben abliefen. Da ward Constantin im Schlaf aufgefordert (commonitus est), daß er das himmlische Zeichen Gottes auf den Schildern anbringe und so die Schlacht liefere. Er tat wie befohlen, und indem er den querliegenden Buchstaben X (also ) oben mit einem Haupte (oder mit dem höchsten Haupte) umgab (summo capite circumflexo), bezeichnete er Christus auf den Schilden. Mit diesem Zeichen bewehrt zieht die Armee das Schwert.«

Offenbar ist hier ebenfalls das von Eusebius beschriebene, uns in Münzen noch erhaltene Monogramm gemeint: nur das P, was letzterer für den zweiten Anfangsbuchstaben von Christus erklärt, wird als ein Bild dessen Hauptes ausgelegt.

Wichtiger die Zeitverschiedenheit der Vision, nach Eusebius vor dem Kriege, wie man (nach dem Schluß von I, 32) annehmen muß, nach Lactanz zu Ende desselben in der letzten oder vorletzten Nacht vor der Entscheidungsschlacht, da es nach dessen Worten nicht denkbar ist, derselbe habe einen früheren Vorgang hier nur am ungehörigen Orte mit Weglassung der Zeitangabe eingeschaltet. Wesentlich bleibt ferner die Verschiedenheit der göttlichen Offenbarung selbst, indem nach ersterem eine neue Heerfahne, nach letzterem dagegen eine neue Bezeichnung der Schilde sämtlicher Soldaten vorgeschrieben ward.

Unbefangen betrachtet, würde hier des Eusebius Erzählung die wahrscheinlichere sein, weil die einfachere, auch eine neue Bezeichnung aller Schilde auf dem Wahlplatz unmittelbar vor der Schlacht schon der Zeit nach kaum ausführbar gewesen sein dürfte.

Gleichwohl scheint die des Lactanz durch eine Stelle des Nazarius (Paneg. v. J. 22 c. 14) Bestätigung zu erhalten. Dieser sagt daselbst nämlich: Es sei im Mund aller gallischen Heere, daß von Gott gesandte Geister, die auf Augenblicke sogar sicht- und hörbar gewesen, ihnen vorausgezogen seien. Nachdem er nun die Frage, welches deren Gestalt gewesen, aufwirft, fährt er als Erwiderung darauf fort: »Sie flammten, ich weiß nicht wie, Ehrfurcht gebietend, blitzend von den Schilden (oder Schildbuckeln) und schreckend brannte das Licht himmlischer Schutzwaffen.« (Flagrabant verendum nescio quid umbone corusci, et coelestium armorum lux terribilis ardebat.)

Mag die ganze poetisch-rhetorische Stelle des Panegyrikers ohne sonderliche Bedeutung sein, so bleibt doch die Erwähnung eines von den Schilden blitzenden himmlischen Lichts (poetisch vielleicht für Zeichen) in dieser Rede gewiß etwas sehr Wesentliches.

Da nun des Lactantius Bericht von jenem Ereignis ein der Zeit desselben viel näherer ist als der des Eusebius und überdies noch durch eine andere, ebenfalls gleichzeitigere Quelle unterstützt wird, so verdient er an sich höhern Glauben.

Ist nun auch Eusebius in seiner Kirchengeschichte wohl glaubhafter als Lactantius (de mort. persec.), so ist doch des erstern Leben Constantins eine offenbare Tendenzschrift von so unredlicher Art, daß beide Quellen mindestens gleichzustellen sein dürften.

Allerdings beruft sich Eusebius auf die eidliche Versicherung des Kaisers selbst, der von jener Vision freilich allein sichere Kunde geben konnte.

Schwer denkbar erscheint es aber, daß irgend ein Monarch, namentlich Constantin, eine einem seiner Untertanen gegebene Versicherung ohne allen äußeren Anlaß durch förmliche Eidesleistung bekräftigen werde: wir haben hier daher wohl nur eine erhöhte Beteuerung im Ausdrucke vorauszusetzen, wie solche im gemeinen Leben, z. B. mit den Worten: »ich schwöre dir zu, daß es so war«, auch heute noch vorkommt.

Wer aber die Geschichte und Charaktere römischer Imperatoren und Constantins selbst studiert hat, der wird auch wissen, daß solche mit den seltensten Ausnahmen eine Pflicht der Wahrheitsliebe in Fällen, wo irgendwie die Politik einschlug, gar nicht einmal begriffen, geschweige denn übten; wie denn auch die antike Anschauung in dieser Hinsicht selbst in neuerer, ja neuester Zeit(Geschrieben 1859/60 und wohl auf Napoleon III. bezogen. D.) noch nicht untergegangen ist.

Daß aber Constantin nach dem Jahre 324 aus Politik die Bischöfe und Christen für sich gewinnen und sich als ein Werkzeug Gottes zu deren Schutz darstellen wollte, wird niemand bezweifeln. War nun auch dessen Interesse hierbei kein so dringendes als dasjenige, welches ihn zu Eidbruch und Mord wider seinen Schwager Licinius trieb, so war doch ebenfalls in diesem Fall eine Täuschung in Nebenumständen für diesen »Heiligen« etwas völlig Harmloses. Ist doch die Wahrheitsliebe des Eusebius selbst, der in gedachter Schrift die Kunst, Tatsachen aus politischer, wenn auch guter, Absicht zu verschweigen, zu entstellen und zu verwirren zu solcher Meisterschaft gebracht, wahrlich keine größere gewesen.

Die strengste Rechtgläubigkeit will zwar Eusebius und Lactantius dadurch vereinigen, daß sie, beiden folgend, zwei Wunder annimmt, erwägt aber nicht, daß darin eine unbewußte Blasphemie liegt. Müßte nämlich der Herr nicht das erste für ungenügend und ohnmächtig erkannt haben, wenn er ein zweites notwendig fand?(Dieses Argument würde zu viel beweisen, da auch in andern Fällen mehrere aufeinanderfolgende Wunder »bezeugt« sind. D.)

Zu 2) Um den Sieg eines so hervorragenden Mannes und Helden wie Constantin der Große an der Spitze des kriegsgeübtesten römischen Heeres über den Feigling und Schwelger Maxentius zu erklären, bedarf es gewiß keines Wunders, mag auch die Streitkraft des letztern eine merklich zahlreichere gewesen sein.

Zu 3) ist es völlig zweifellos, daß Constantin jener angeblich durch eine Vision veranlaßten Neuerung, möge diese in einer neuen Fahne oder Schildbezeichnung bestanden haben, damals und auch lange nachher noch keinerlei offizielle Beziehung auf das Christentum beigelegt hat, was natürlich nur durch einen Armeebefehl oder sonstige öffentliche Kundgebung hätte geschehen können. Darüber läßt schon das Schweigen sämtlicher Quellen kaum einen Zweifel zu. Wie hätte Zosimus insbesondere, der die Akte christlicher Gesinnung desselben mit so gehässiger Sorgfalt aufsucht und anklagt, dies übergehen und Constantins Konversion (II, 29) sogar erst in eine vierzehn Jahre spätere Zeit nach dem Hausmorde 326 setzen können? Noch undenkbarer ist es, daß Eusebius selbst in seiner erst im Jahre 326 herausgegebenen Kirchengeschichte eine derartige öffentliche Erklärung des Kaisers – das Fundament einer neuen Ära für das Christentum – hätte verschweigen können, wie er denn auch zugibt, daß er die ganze Visionsgeschichte erst viel später durch Constantin selbst in Erfahrung gebracht hat.

Am wichtigsten sind aber in dieser Beziehung die beiden hauptsächlich von dem Sieg über Maxentius handelnden Panegyriker (VIII und IX) von den Jahren 313 und 321.

Das Gewerbe der Lobredner setzte Absicht und Gefallsucht voraus; des Kaisers Ansichten, Neigungen und Wünschen zu schmeicheln war die Aufgabe.

In diesen Reden findet sich nun allerdings zwar keinerlei Beziehung auf Götzendienst, wovon Constantin, wie jedermann bekannt gewesen sein muß, damals wenigstens nichts hielt, eben so wenig aber auch nur die allerentfernteste auf spezifisches Christentum: wohl aber sind sie an sehr vielen Stellen von monotheistischer Anschauung durchwebt, welche man also notwendig für die Constantins gehalten haben muß. (S. z. B. VIII, c. 2, 5; 3, 3; 4, 1 u. 26 u. IX, c. 7, 3 u. 4; 14, 1–5; 16, 1; 19, 2 u. a. m.)

Am bezeichnendsten sind folgende Stellen (VIII, c. 2, 5): »Du hast in der Tat, Constantin, eine geheime Verbindung mit jenem göttlichen Geiste, welcher, nachdem er die Sorge für uns seinen UntergötternEine Anschauung des Neu-Platonismus, der, wie wir später finden werden, auch für Constantin großen Reiz hatte. (diis minoribus) übertragen, Dich allein seiner Offenbarung gewürdigt hat.«

Vor allem das Schlußgebet c. 26:

»Wir flehen zu Dir, höchster Urheber aller Dinge, dessen Namen so viele sind als Du den Völkern Zungen gegeben hast, es sei nun in Dir eine göttliche Kraft und Seele, durch welche Du, in die ganze Welt ergossen, Dich mit allen Elementen vermischest und ohne irgendeine Kraft von außen Dich selbst bewegest, – oder Du seiest eine Macht über allen Himmeln und schauest auf Dein Werk aus einer höhern Burg hernieder«, woran sich nun die Fürbitte für Constantin schließt.

Ferner IX, c. 7, 3 und 4, wo von dem als Richter aller Dinge aus der Höhe herabschauenden Gotte die Rede ist, der sich doch auch bisweilen offenbare, das Laster bestrafe, die Tugend aber schütze.

Es scheint uns überflüssig, über diese Frage mehr zu sagen und namentlich aus Constantins eigenen Religionsedikten Gründe für unsere zu 3) ausgesprochene Meinung herzuleiten, da wir nicht denken können, daß ein Unbefangener sie bestreiten werde. Namentlich würde in dem von Eusebius (V. C. II, c. 24–42) wörtlich mitgeteilten, erst nach des Licinius Tod im Jahre 324 erlassenen Edikte (c. 28) der Ort gewesen sein, wo eine frühere entschiedene Kundgebung Constantins für das Christentum fast unvermeidlich zu erwähnen gewesen wäre.

Ausgesprochen hat sich also der Kaiser über Bedeutung und Zweck jenes Monogramms niemals: es kann sich daher nur noch fragen: ob dies nicht auch ohne Kommentar bezeichnend genug gewesen sei?

Neu ist zuvörderst dies Zeichen nicht: denn es kommt (nach Eckhel VIII, p. 89) schon auf attischen Tetradrachmen und ptolemäischen Kupfermünzen vor: das querliegende X oder Andreaskreuz ist gar nicht das Kreuz Christi: somit bleiben nur die angebliche, aber nicht genau beschriebene Kreuzesform der ganzen Fahne, sowie die Anfangsbuchstaben ΧΡ übrig, mit denen zahlreiche griechische Worte, wie Orakel, Schicksal und andere beginnen. Darum war es kein deutlicher Ausspruch, sondern ein Rätsel, das, vielfacher Auflösung fähig, nach Belieben gedeutet werden konnte. Wahrlich, hätte Constantin damals den Erlöser erkannt und diesem die Fahne weihen wollen, so heischte die Ehrfurcht vor der Gottheit deutliche und hauptsächliche Bezeichnung dieses Zweckes, konnte und durfte sich daher nicht auf jene an der Krone, dem Sinnbilde irdischer Macht, angebrachte, noch dazu undeutliche Nebenverzierung beschränken.

Entscheidender würde das Anführen des Eusebius (K.-G. IX, 9 u. V. C. I, 40) sein: der Kaiser habe in der Hand der ihm zu Rom errichteten Statue die Fahne des Kreuzes (του̃ σταυρου̃ σημει̃ον) anbringen, das Fußgestell aber mit folgender Inschrift versehen lassen: »Durch dies rettende Feldzeichen (στημείω), dem wahren Beweise der Tapferkeit (ανδρία), habe ich eure Stadt vom Joche befreit usw.«

Beide merklich unklare Stellen haben nun nach unserer Ansicht folgenden Sinn.

In Rom war, zweifellos vom Senat, nach dem Maxentiussieg außer dem Constantin gewidmeten Triumphbogen noch eine Statue desselben an einem der besuchtesten Orte aufzustellen beschlossen worden, welche nach dem Worte μέγα (V. C. I, 40, Z. 3) kolossal gewesen zu sein scheint. Nachdem diese vollendet war, befahl Constantin sogleich, der Bildsäule eine Fahne in Kreuzesform in die Hand geben und auf dem Fußgestell obige Inschrift eingraben zu lassen.

Diese Fahne kann, da sie in beiden Stellen als σημει̃ον bezeichnet wird, nichts anderes als das beschriebene Labarum gewesen sein und die Kreuzesform eben in nichts anderem als in der Kreuzung der Fahnenstange durch die Querstange, an welcher das Tuch befestigt war bestanden haben.

Es ist daher nur ein willkürlicher Zusatz, wenn Eusebius sie, seiner Tendenz gemäß, einmal geradezu als die Trophäe des erlösenden Leidens, d. i. des Leidens des Erlösers (τρόπαιον του̃ σωτηρίου πάθους), bezeichnet, wofür sie wohl ihm fünfzehn Jahre später, im Jahre 313 aber keinesweges den Römern gegolten haben kann. Wichtiges und Entscheidendes dagegen gibt er nicht an: namentlich die Inschrift nicht in der Ursprache, noch die Zeit sowohl der ersten Aufstellung der Statue als der spätern Hinzufügung jenes angeblich christlichen Emblems, welche je früher um so höhere, je später um so geringere Bedeutung gehabt hätte. Zwar scheint es nach dessen Darstellung, als sei beides unmittelbar aufeinander, ja beinahe noch während Constantins Anwesenheit in Rom erfolgt. Letzteres ist aber, da dieser Rom, um sich mit Licinius in Mailand zu vereinigen, schon im Winter 312/3 wieder verließ und im Frühjahr am Rheine kriegte, gar nicht möglich, weil es zur Herstellung einer solchen Bildsäule, nach sachverständigem Ausspruch, allermindestens eines Jahres bedarf. Ebenso gedenkt Eusebius nirgends des hauptsächlichsten: Constantin gewidmeten Ehrendenkmals, des Triumphbogens, der wahrscheinlich erst zu dessen Decennalen 316 vollendet wurde. Auf diesem ist die Inschrift noch erhalten (s. Anm. 1), welche mit den Worten: instinctu divinitatis beginnend, nur eine deistische, aber keinesweges irgendeine christliche Beziehung hat. Wie ist aber, wenn man mit Eusebius jener Statue die Kraft einer entschiedenen Kundgebung für das Kreuz Christi beilegen will, der Widerspruch beider Inschriften, von welchen doch die des Triumphbogens die spätere war, zu vereinigen?

Übrigens kann die ganze betreffende Stelle in der Kirchengeschichte nur ein späterer Zusatz sein, da jenes rettende Feldzeichen, das vorgebliche Mittel des Sieges, in diesem Werke vorher mit keinem Wort erwähnt wird, so daß der Leser hiernach keine Ahnung hat, worin dies und dessen Wirkung bestanden habe.

Unmöglich kann daher jenem Anführen des Eusebius, das er erst in Folge der ihm von Constantin viel später mitgeteilten Visionsgeschichte nachgetragen haben kann, entscheidender Wert beigelegt werden. Zugleich wird der Leser hieraus ersehen, wie derselbe durch unklare, verfängliche Ausdrücke und Verschweigung wichtiger Nebenumstände, ohne direkte Unwahrheit, deren wir ihn wenigstens nicht beschuldigen wollen, alles entstellt und verwirrt.

Mag dies die gute Absicht aus dem kirchlichen Gesichtspunkt entschuldigen, so kann doch die historische Kritik nur mit großer Vorsicht eine solche Quelle benutzen.

Ja, derselbe würde hier sogar einer groben bewußten Unredlichkeit anzuklagen sein, wenn es wahr sein sollte (was Burkhardt, S. 463 sagt), daß der Anfang der Inschrift auf Constantins Triumphbogen, statt: Instinctu divinitatis, ursprünglich Nutu J. O. M., d. i. Jovis Optimi Maximi, gelautet habe. Derselbe beruft sich dafür auf eine sehr gute Autorität, auf eine Mitteilung des Dr. Henzen zu Rom, nach welcher man die Korrektur entdeckt habe, als zur französischen Zeit der Bogen mit Gerüsten umgeben wurde, um die Bildwerke abzuformen.

Daß aber nach dieser spätern, so entscheidenden Kundgebung die früher aufgestellte Statue keine Beziehung auf das Kreuz Christi gehabt haben könne, liegt auf der Hand.

Da uns jedoch die Mitteilung des Dr. Henzen nicht selbst vorgelegen hat, tragen wir Bedenken, eine so wichtige Nachricht, bei der übrigens leicht ein Irrtum möglich ist, für vollkommen gesichert anzusehen.

Genug, vielleicht schon zu viel über die Wundergeschichten des Eusebius und Lactanz: wir kommen nun auf die urkundlich beglaubigten Regentenhandlungen Constantins.

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